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Singzikaden, oder: Mein day of the locust

1.        Von Singzikaden. Auftakt mit Kortisonbegleitung

 

 Es war am Chemotag, und ich las am Nachmittag diesen Artikel in der NZZ. Doppelseitig war er und vom Thema her etwas abseitig (ich liebe an dieser Zeitung, neben ihren unsterblichen Helvetismen und ihrem Mut zum Unkorrekten, dass sie abseitigen Themen gern Doppelseiten widmet!): Es ging nämlich um die amerikanische Singzikade, Magicacada septemdecim, und relativ gleich zu Beginn stolperte ich über den Satz, dass diese erstaunlichen Tiere kein Hirn hätten. Nun war ich gerade im schönsten Kortison-High, und die Vorstellung, kein Hirn zu haben, schien mir etwas überproportional belustigend, auf jeden Fall jedoch attraktiv genug, den länglichen Artikel zum abseitigen Thema entschieden in Angriff zu nehmen. Und beim Weiterlesen reihte sich Perle an Perle. Dieses wunderbare Tier nämlich, das es nur in den US of A gibt (kein Hirn, soso, nur in USA, schmunzelte es in mir etwas boshaft), hat einen ziemlich einzigarten Lebenszyklus: Es vegetiert entweder 13 oder 17 Jahre tief unter der Erde dahin und ernährt sich spartanisch von Wurzelsäften, bevor es schließlich – aber nein, überstürzen wir nichts, sondern verweilen ein wenig bei den einzelnen Perlen, bevor sie wie üblich vor die ziemlich quer- und allesfressenden Säue geraten.

Denn das Erstaunliche sind natürlich, vor allem für Mathematiker, die 13 oder 17 Jahre: Primzahlen, die stärkste Symbolsprache der reinen Mathematik. Die Singzikade braucht dafür kein Hirn und auch keinen Supercomputer auf Primzahlensuche, sondern nur einen Instinkt, aber der sagt ihr: Sei bloß nicht so blöd, immer in Jahren aufzutauchen, die durch 2 teilbar sind oder durch eine der niedlichen anderen kleinen Zahlen, die die Menschen und komplexere Organismen so lieben für ihre einfachen Uhren und komplizierten Gehirne! Nein, wenn man sich den Primzahlen anvertraut, gerät man erwünschterweise ziemlich ins Abseits; Primzahlen nämlich sind, sozusagen, die Einzelgänger unter den Zahlen. Nicht teilbar, außer durch 1 und durch sich selbst (und ist das nicht ein wahrhaft schönes Identitätsideal?); teilerfremd mit dem großen Rest der Welt, der es heimlich mit den geraden Zahlen hält (immer mindestens noch durch 2 teilbar, na gut, das mag ein Beziehungsideal sein, aber Zikaden haben, wir kommen später dazu, ganz eigene Ansichten über Beziehungen). Zum Beispiel begegnet man ziemlich selten der Nachbarpopulation, die gerade ein Jahr versetzt in ihren 13er oder 17er-Rhythmus ist, und der ganze Wald gehört einem allein! Das gleiche gilt für die allermeisten Fressfeinde. Nein, 13 oder 17, niemand außer dir hat einen Rhythmus von 13 oder 17 Jahren, lieblichen Primzahlen, aber ein wenig spröde. Das sichert dein Überleben. Das willst du. Du willst nur das!

Und so schlüpfen nur alle 13 oder 17 Jahre (je nach Region) einige Millionen sehr unscheinbare Larven aus der Erde und krabbeln, so schnell sie können, den nächsten Baum empor; zur Not tut es auch ein Verkehrsschild, so betonte der Artikel, Hauptsache: vertikal! Mein kortisonumsäuseltes Gehirn sah Zikadenstraßen, Heere von rotäugig glotzenden Larven Baumstämme und Verkehrsschilder überziehen, derweil sie ihre letzte Haut abwarfen; dann fällt sie nach unten ab, was sie natürlich nicht tun würde, wenn man lieber – wie es Menschen so gern tun – die so bequeme Horizontale sucht: Horizontal werden wir im Wesentlichen geboren und horizontal sterben wir, und der aufrechte Gang dazwischen ist nur eine ziemlich kurze Phase im Angesicht des um sich selbst kreisenden Universums, und wenn wir uns verpuppen, bilden unsere abgestreiften Larven hässliche Müllberge und müssen verbrannt werden. Währenddessen sind die Zikaden in der Baumkrone angekommen; und dann beginnen sie mit ihrem Gesang. Die Männchen natürlich nur; wie immer dient der Gesang, auch wenn der Mythos anderes sagt (dazu später), nämlich ausschließlich einem einzigen Zweck, und das ist das Anlocken von Weibchen, mit dem geradlinigen Ziel, möglichst schnell und möglichst viel Sex innerhalb kurzer Zeit zu haben, und dann – nein, schön langsam! Was ist die nächste Perle?

Gesang, man ist sich ja nicht ganz sicher, ob das das richtige Wort ist. Was passiert, ist folgendes: Millionen Zikaden beginnen mittels eines Trommelorgans, einer gewölbten Schallmembran über einem Hohlkörper, der durch Muskelkontraktionen in Schwingungen versetzt wird, ihren himmlischen (für den Mythos und die Dichterfreunde), für die benachbarten Dörfer und Städten in Zikadenregionen jedoch wohl eher höllischen Chor: Nicht entfliehen kann man ihn, Tag und Nacht wird getrommelt, was das Zeug hält, und alle Fressfeinde der Welt schaffen es nicht, dagegen anzukillen. Zu ihnen zählen vor allem Vögel, Eichhörnchen und – Menschen; das Zikadenbarbecue erfreut sich einiger Beliebtheit, ist aber nichts für Zartbesaitete und empfindlich Hörende und wohl eher ein Rache- als ein Genussakt. Aber auch Menschen, die erfolgreichsten Allesfresser des Planeten und gerade in USA wohltrainiert in der sportlichen Disziplin des all you can eat, können gegen Zikaden nicht anfressen: predator satiation, das ist ihr fieser Trick; Überfluss, reine Masse, das ist ihr Erfolgsgeheimnis. Gehirn, ach was. Alles, was Gehirn habt, wird früher oder später vom Menschen ausgerottet. Nicht so Singzikaden!  

In meinem Hinterkopf spukte derweil das nächtlich-mechanische Grillenzirpen, das mir in letzter Zeit schon so manche halbschlaflose Nacht instrumentalisiert hatte; aber das ist natürlich eine völlig hirnlose Verwechslung. Zikaden sind nämlich weder Grillen noch Heuschrecken; sie fressen auch die Landstriche, die sie beschallen, auch keinesfalls ratz-fatz-leer, sondern bleiben auch nach dem Schlüpfen genügsame Veganer und sind Vollzeit mit Singen und Sex beschäftigt. Hübsch anzuschauen sind sie dabei aber nicht direkt: Insekten halt, mit großen gespenstisch roten Facettenaugen und einem seltsamen W-Muster auf den durchsichtigen Flügeln, das schon zu den lustigsten Verschwörungstheorien beflügelt hat (die Menschen, mit Gehirn, nicht die hirnlosen Zikaden), aber trotz Kortison-High verweigert mein Gehirn eine gefällige Assoziation diesmal. Außerdem riechen sie ziemlich übel, die Zikaden, vor allem wenn sie in Scharen tot von den Bäumen fallen. Das ist nämlich das Ende vom Spiel: Nachdem das Geschrei genug Weibchen angelockt und man in einer Dauerorgie so viel Nachkommen gezeugt hat wie eben möglich (es sollen um die 500 Eier pro Weibchen sein), und sobald die lieben Kleinen geschlüpft sind und schon wacker mit den Trommelorganen flattern (nein, das sind natürlich die Falken, die ich in der Falkenkamera beobachtet habe, bis das Küken starb jedenfalls) – direkt nach Erledigung des Reproduktionsgeschäftes also fallen die Eltern tot vom Baum. Lebenszweck erfüllt, und Ruhe ist (endlich, stöhnen die erschöpften Anwohner, ihnen ist noch ganz übel vom Zikaden-Barbecue letztes Wochenende)! Die Kleinen sollen gefälligst für sich selbst sorgen. Was sie auch tun, hirnlos geboren, wie sie sind: Sie gehorchen brav ihren Instinkten, vergraben sich eiligst unter die Erde und bleiben schön dort, 13 oder 17 Jahre lang, den Primzahlen getreu! Erziehung kann so einfach sein! 

Nun, das waren bisher die üblichen Bizarrerien der Evolution, wundersam geformte kleine Perlen, auch gut für den einen oder anderen metaphorischen Nebensinn. Aber es gibt noch eine Nebengeschichte und Prachtperle, die wie eine Satire der Evolution auf sich selbst klingt. Es gibt also, so lerne ich gegen Ende des Artikels, einen speziellen Parasiten, der Zikaden gern befällt, Massospora cicadia wird er passenderweise genannt; und er trifft die Zikaden zielsicher an ihrem heikelsten Punkt überhaupt, nämlich: den Genitalien der Männchen. Sie werden dadurch unfruchtbar, aber nicht etwa weniger geil, oh nein: Der Sexualtrieb wird sogar gesteigert! Geradezu hysterisch versuchen die befallenen Männchen nun sogar die Weibchen und ihr typisches Flügelschlagen zu imitieren, um damit noch mehr Männchen anzulocken, mit denen sie sich dann hurtig – pseudo-paaren und die fehlgeleiteten Sexualpartner dabei anstecken! (nein, die sich aufdrängende moralistische Deutung lassen wir aus, das ist alles Natur und sonst nichts). Die beflügelnde Wirkung wird übrigens erzeugt durch einen Stoff, der psychedelischen Pilzen ähnelt, sowie einem Amphetamin-Cocktail; das Stöfflein drosselt den sowieso schmalen Appetit und verstärkt die Konzentration auf das Einzige, was den Zikaden bleibt, nämlich: Sex und noch viel mehr Sex! Es ist Viagra on speed, sozusagen. Natürlich sind gehirnbegabte Menschen deshalb schon lange auf die Idee gekommen, die berauschten Zikaden zu verschlingen, um in einen ähnlich euphorischen Zustand zu gelangen. Klappt aber nicht, predator satiation: Man müsste mehr essen, als man kotzen kann! Ende des Artikels, das Kortison kichert noch ein wenig vor sich hin, und im Garten zirpt eine Grille, wenig melodisch und ganz allein. 

2.        Zikaden von Platon bis Bob Dylan: Durchführung in Philosophie und Literatur 

 

Ach, Zikaden, was für ein Leben! Bekifft von morgens bis abends, und pausenlosen Gruppen-Sex, bis man tot vom Baum fällt! Wozu braucht man da ein Gehirn? Aber das will natürlich überprüft werden, deshalb befrage ich eine halbe schlaflose Nacht später zum Zirpen der einsamen Grille unser aller Wikipedia, und die Antwort ist: Zikaden haben selbstverständlich ein Gehirn, wie alle Insekten; aber ein sehr kleines eben, mit nur ganz wenig Neuronen und Synapsen. Sensorische Umwelteindrücke werden deshalb nicht umständlich zu einer Verarbeitungszentrale geschickt, sondern direkt in Handlungsroutinen übersetzt; „festgeschaltete Reflexionsmuster“, sagt Wikipedia, und ein solches modulares Reaktionssystem, wie es beispielsweise auch Roboter hätten, sei nicht nur sehr viel schneller und effizienter in Gefahrensituationen, sondern offensichtlich ein evolutionäres Erfolgsmodell: Insekten stellen 60 % der Arten und 50 % der Biomasse auf dem Planeten. Das menschliche Gehirn brilliert derweil bei der Artenreduktion und dem Verbrauch der Biomasse. Aber mehr Sex wäre wohl auch keine Lösung. 

Interessanterweise haben es die Zikaden, speziell: die im Artikel behandelten Singzikaden, zu einigem mythologischem und literarischen Ruhm gebracht, und das wusste ich sogar vorher schon! Was ich aber nicht wusste, ist, dass die Geschichte mit Platon beginnt und mit Bob Dylan endet, aber ich erzähle sie sozusagen baumab, weil es lustiger ist. Also: Bob Dylan sang vom Day of the Locust, womit er aber eigentlich, da ist sich die Dylan-Forschung (ja, gibt es, ehrlich!) einig, Zikaden meinte; aber nur Heuschrecken haben dieses wunderbare biblische Image, und da stand der selbst gern ein wenig bekiffte junge Mann irgendwie drauf. Nun war er eingeladen, in Princeton, zu einer Ehrendoktorverleihung (der Nobelpreis schwebte noch in weiter Ferne und er hätte ihn wahrscheinlich für einen befremdlichen trip gehalten); und Princeton war eine Zikadenregion, und es war ein primzahliges Zikadenjahr, und der Lärm war folglich kolossal bei der Preisverleihung; die Redner konnten ihr eigenes Wort nicht verstehen. Wer solche Veranstaltungen und akademische Redebräuche kennt, weiß, dass das kein großer Verlust sein muss und man vielleicht sogar Grund hatte, dem Monsterchor aus den Bäumen dankbar zu sein. Und der junge Bob Dylan schmiss, so erzählt es der Song, den er hinterher schrieb, schnell die Robe von sich, schnappte sich sein derzeitiges girlfriend und fuhr – nun ja, vielleicht ja durchaus mit sexuellen Motiven? – schnell in die schwarzen Berge von Dakota davon, wo sie es trieben wie - genau. Und hinterher schrieb er seinen Song, The Day of the Locust, in dem es heißt: „There was little to say there was no conversation / As I stepped to the stage to pick up my degree“ (ein Gefühl, dass man als selbst zumindest nicht-ehrenhalber Promovierte durchaus nachvollziehen kann, auch ohne Zikaden) Währenddessen, so imaginiert der Song weiter, sitzen spröde Gelehrte in einer stinkenden dunklen Kammer und beraten über den Preis; die locusts jedoch singen für ihn, den Sänger, den neuen Orpheus der Pop-Kultur! Doch je länger sie singen, und je mehr betont wird, dass sie nur für ihn ganz allein sitzen – desto gespenstischer wirkt die Szenerie. Der Gesang, so melodisch er auch beschrieben wird, so verführerisch in seiner Wirkung, ganz allein für ihn bestimmt – taucht hinter ihm nicht ein Schatten auf von etwas, das nur für Einen ganz allein singt, dem man immer näher rückt, angezogen von seiner geheimen Macht, die nur für diesen Einen bestimmt ist, nur ausgerichtet auf – den endgültigen Fall vom Baum, hinab in die letzte Horizontale? Die Nacht ist mondenhell, die Grille zirpt.

 

Bei Goethe ist es eher umgekehrt wie bei Dylan, aber es wäre auch erstaunlich, wenn dem nicht so wäre. Goethes Zikade nämlich ist, und das ist für die symbolische Verklärung unersetzlich, ein Einzelwesen, keine schreckenerregende Massenerscheinung: „Selig bist du, liebe Kleine“ beginnt das Gedicht geradezu kosend. Selig deshalb, weil die Zikade, „fast den Göttern vergleichbar“, bedürfnislos ist (im Gegensatz zur gefräßigen Heuschrecke und den auch durchaus ernährungsbedürftigen Dichtern); sie kommt beinahe ganz ohne Nahrung aus, sie wird geboren „ohne Fleisch und Blut“, und sie ist deshalb eine „leidenlose Erdentochter“, die keinen Schmerz kennt. Mit ihrem spontanen, ungeborenen Erscheinen kündigt sie dem Landvolk die Wiederkehr des Frühlings an, und sie stirbt, noch bevor die Felder auch nur das erste Mal geerntet werden: alterslos. Was sie jedoch aus allem anderen zirpenden, klappernden, zischenden oder trommelnden Getier besonders hervorhebt, ist ihr Gesang, die „Silberstimme“, die ihr die Götter selbst verliehen und die nun ihren einzigen Lebenszweck bildet: Sie braucht keine berauschenden Getränke, keine unzuverlässige Inspiration, nein, ihr ganzes Leben ist ein einziger Gesang in vollendeter Harmonie mit der Natur und in völliger Autarkie. Wer so singen könnte, wäre er nicht wirklich – „fast den Göttern zu vergleichen“? 

Nun, kommen wir ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurück und klettern wir rückwärts den Baum herunter: Wahrscheinlich hat Goethe nicht wirklich einen amerikanischen Singzikaden-Schwarm gehört, sondern lediglich die vereinzelte Grille in Italien, wo er selbst sowieso in einem anhaltenden Zustand von erotischer Verzückung bei relativer Autarkie und Bedürfnislosigkeit war, und die Römischen Elegien tropften ihm nur so aus der Feder. Zudem ist das ganze ja nur eine Variante eines fragmentarisch überlieferten Anakreon-Gedichts, geschrieben als Hofpoet in Weimar, wo er alles andere als autark war. Und wo es am Ende hinführt, wenn man diese Verherrlichung und Vergöttlichung ein wenig weiter denkt, zeigt Ingeborg Bachmanns Hörspiel Die Zikaden: „Denn die Zikaden waren einmal Menschen. Sie hörten auf zu essen, zu trinken und zu lieben, um immerfort singen zu können. Auf der Flucht in den Gesang wurden sie dünner und kleiner, und nun singen sie, an ihre Sehnsucht verloren – verzaubert, aber auch verdammt, weil ihre Stimmen zu menschlich geworden sind“. War das die Verführung, vor der Bob Dylan in die schwarzen Berge Dakotas geflohen ist? Wollte er lieber menschlich bleiben, bestraft mit einem Gehirn und einem späten Nobelpreis, aber ein imperfekter Sänger? Auch Goethe hörte dann lieber auf mit dem Singen und warf sich auf die Farben, die Steine, sogar Münzen und Medaillen und Autographen, wenn es denn sein musste. Denn allzu leicht werden die Zikaden zu Marotten und Grillen ­ oder gar zu Heuschrecken, die einen armen Dichter bei lebendigem Leib verzehren und ihm das Gehirn aus dem Kopf singen. 

Ganz unten am Baum angekommen, erwartet uns jedoch Platon, und er lässt seinen Sokrates dem wie immer recht naiven Gesprächspartner Phaidros eine belehrende Geschichte über die Zikaden erzählen. Es ist Mittagszeit, die Hitze drückt, Sokrates imaginiert sich, wie die singenden Zikaden auf sie beide hinabsehen, auf die Menschlein, die sich lieber, trotz ihrer hochtrabenden Gehirne, in die schonende Horizontale begeben und ein wenig in das panische Mittagsschweigen einstimmen würden. Das aber wäre ein Verhalten, eine Drückebergerei, wie sie nur Sklaven oder Schafen am Mittag zukäme, so Sokrates recht freimütig; vielmehr müsse nun, trotz oder gerade wegen der drückenden Hitze, vernünftig geredet werden, um vielleicht von den Zikaden das zu erhalten, was diese selbst von den Göttern zum Geschenk bekommen hätten! Phaidros geht ihm prompt auf den Leim und bekennt eine „zufällige Unkenntnis“, würde der Meister wohl so gut sein - ? Der Meister ist so gut und erzählt ihm das Geschichtlein von den Zikaden, das jeder Musenkundige wissen sollte, um diesen Namen zu verdienen, Ehrendoktorwürde und Nobelpreis oder nicht. Die Zikaden nämlich waren, bevor die Musen überhaupt geboren wurden, einmal Menschen. Als jedoch die Musen erschienen und die Menschen mit den Verzückungen des Gesangs bekannt machten, hätten einige von den damals Lebenden alle Bedürfnisse des Leibes vergessen, ja noch nicht einmal mehr auf den nahenden Tod geachtet! Nein, sie hätten gesungen und gesungen, ohne weitere Nahrung zu brauchen, bis zu ihrem (man imaginiert: frühen) unerwarteten Tod. Diese besonderen Menschen aber hätten die Musen zum Ausgleich mit einem Geschenk bedacht: Sie benötigten fürderhin keinerlei Nahrung mehr; sie konnten singen und singen bis zu ihrem Tod, und anschließend durften sie den Musen berichten, wer von den Menschen welche von ihnen besonders verehre. „Der ältesten aber, der Kalliope, und der nach ihr kommenden, der Urania, melden sie die, welche ihr Leben mit Philosophie hinbringen und die diesen eignende Musik ehren, wie sie ja unter den Musen vorzugsweise dem Himmel und göttlichen sowohl als menschlichen Reden obwaltend die schönste Stimme von sich geben“. So endet die Geschichte, dem Lobpreis der ewigen Petze sozusagen. Woraus Phaidros mit wünschenswerter Klarheit schließt: „Gesprochen also muss werden!“ Wenn die Philosophie doch nur Musik spräche! 

3.        Coda: Zikaden und die gender-Frage 

 

Überlebt hat aber nur das nicht-aufhörende-Geschwätz, infiziert von einem Parasiten, der sich auf die Zeugungsorgane der Philosophen geworfen hat und sie zu einem fruchtbaren Dialog völlig unfähig macht. Vielmehr suchen sie nur mehr junge, unschuldige Opfer, die sie mit ihrem Systemenwahn und Begriffsmüll anstecken, auf das geredet und geredet und geredet werde, bis man tot vom Lehrstuhl fällt. Wenn sie sich doch wenigstens zwischendurch für 13 oder 17 – oder vielleicht gar, man kann ja nicht sicher genug gehen, 47, 69 oder gleich 83 – Jahre sich unter der Erde verkriechen würden, genährt von nahrhaften Wurzelsäften? Auch bei einigen Sängern wäre man eher froh, wenn die Verpuppung etwas länger dauerte, bis aus einer boy group – ja, was wohl würde? Ein nobelpreisverdächtiger Bob Dylan reborn? Zudem, eine kleine Kurve noch im letzten Moment, bevor die letzte Zikade aus dem Baum fällt und die letzte Larve sich vergraben hat: Können Frauen offensichtlich nicht singen nach diesem Modell, nie und niemals und kategorisch überhaupt nicht. Sie haben kein Trommelorgan. Sie antworten höchstens mit seltsamen Schnalzgeräuschen. Denkbar wäre aber auch, dass sie bisher der millionenfache Zikadenlärm nur übertönt hat; und dass sie in der Mittagsstille, anti-zyklisch und vereinzelt, einen eigenen Gesang erzeugt haben, den jedoch keiner gehört hat, weil er nicht direkt an die Geschlechtsorgane ging. Orpheus war halt auch nur ein Mann.  

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Flöhe, Tragik und ein wenig Kafka

Variationen über eine Parabel

I.  

Als ich neulich nachts darüber nachdachte, warum ich in meinem bisherigen Leben für das Wort „tragisch“ so wenig Verwendung hatte (eine untragische Existenz?), fiel mir im Morgengrauen ein, dass Franz Kafka (eine tragische Existenz?) die ultimative Parabel zu diesem Thema geschrieben hat. Es ist die Geschichte von dem Mann, der sein ganzes Leben vor einer Tür verbracht hat, wir wissen noch nicht einmal, ob es einen Warteraum gab (ich kenne mich gerade sehr gut aus mit Warteräumen, inneren und äußeren) und das große, weite Internet war auch noch nicht erfunden. Und als es ans Sterben geht, kommt der Türhüter, der ihm standhaft den Eintritt verweigert hatte, zu ihm und sagt, ungefähr, so meinte ich dämmernd zu wissen: Diese Tür war nur für dich bestimmt und ich gehe jetzt und schließe sie!  

Aber natürlich musste ich bei fortgeschrittener Tageszeit die Geschichte nochmal nachlesen, dafür gibt es ja das große weite Internet und Frühstückskaffee. Als erstes stellte ich fest, dass ich einen gar nicht so unwesentlichen Teil vergessen hatte. Den Titel. „Vor dem Gesetz“ heißt die Parabel nämlich, der arme Mann kommt vom Land und steht nicht sein Leben lang vor irgendeiner Tür, sondern er ist zum Gesetz gekommen in der gutgläubigen Annahme, zum Gesetz werde doch jeder vorgelassen, aber er hat keinen Einlass erhalten. Er hatte sogar Dinge mitgebracht, mit denen er den „tartarischen“ Türhüter, der einen dünnen schwarzen Bart hat und einen Pelz, in dem Flöhe wohnen (kein unwichtiges Detail, wir werden darauf zurückkommen!) bestechen kann. Oder von denen er leben kann, von irgendwas muss er doch gelebt haben die ganze Zeit! Aber darum geht es nicht in Parabeln, wo es um das reine Leben geht, nicht das schnöde Überleben. Man spricht manchmal miteinander, gelegentlich tut der Türhüter so, als sei er wirklich einer, und stellt kleine Pseudo-Verhöre an. Der Mann vom Lande sollte nicht das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben, also außer seinem Leben vielleicht, auch als er später „kindisch“ wird und beginnt mit den Flöhen zu sprechen (ein wunderbar kafkaeskes Detail, und wüssten wir nicht gern, welche Gespräche er mit ihnen führt, um ihr winziges Flohherz zu erweichen?). Am Ende ist der Mann noch kleiner geworden, und der Türhüter, der ihn „unersättlich“ nennt, muss sich ihm hinabbeugen, um seine letzte Frage zu vernehmen: Warum denn er eigentlich der Einzige gewesen sei, der hier, an dieser Tür, zum Gesetz gewollt habe? Und der Türhüter schreit ihm, seines „vergehenden“ Gehöres wegen, die Antwort ins Angesicht, sein ganz persönliches Todesurteil (das ich korrekt erinnert habe, sogar in der Formulierung): Diese eine Tür sei nur für ihn bestimmt gewesen, und er werde sie jetzt schließen. Im Hintergrund hatte der Mann immerhin noch das „unerlöschliche“ Strahlen des unerreichten Gesetzes gesehen; aber das ist jenseits der Parabel, und die Tür fällt zu.  

II.  

Man könnte nun, wenn man Kafka, was man überhaupt öfters tun sollte, gegen den kafkaesken Strich bürstet, überlegen, wer denn hier genau die tragische Figur ist, oder vielleicht sogar: was? Der Mann vom Lande, nun, er ist ein allzu offensichtlicher Kandidat: klein und dumm und leicht riechend denkt man sich ihn, und wie kann man nur so naiv sein zu glauben, jeder komme vor das Gesetz, einfach so, selbst wenn vom Lande kommt? Aber woher wissen wir das alles eigentlich? Ist der Mann vom Lande nicht eigentlich ein Held der Aufklärung, ein Don Quijote des Selbstdenkens? Denn immerhin hat er sich ohne Marschbefehl aufgemacht, einfach so, um endlich einmal das Gesetz, von dem immer alle reden, selbst in Augenschein zu nehmen. Vielleicht hat er Frau und Kinder verlassen, vielleicht war er reich auf dem Lande und selbst ein großer Mann mit Pelzen im Schrank, und gewitzt ist er sowieso, er hat schließlich Dinge mitgebracht! Dass er am Ende kindisch wird und mit Flöhen redet – nun, das erwartet uns alle, und froh sollen wir sein, wenn wenigstens die Flöhe noch mit uns sprechen. Und immerhin hat er vorher noch den großen Glanz gesehen, dass kann nun wirklich nicht jede von uns sagen!  

III.  

Oder ist der Türhüter die tragische Figur? Definitiv der dämlichste Job der Welt, minder qualifiziertes Sicherheitspersonal hat die Krisengebiete dieser Welt geflutet, und man kann noch froh sein, wenn es nicht allzu schwer bewaffnet ist und nur Flöhe in seinem dicken, stinkenden Pelz hat. Zudem ist er nur der vorderste Vorpfosten, wie er selbst erläutert; ein winziges Rädchen in der großen Gesetzes-Maschine, nicht nur ein Vor-, sondern eher ein an die Peripherie versetzter Außenposten, zuständig für Männer vom Lande. Und er macht seinen Job halb anständig, er stellt kleine Pseudo-Verhöre zur Unterhaltung an, er hat dem armen Mann sogar einen Schemel gegeben, beinahe menschenfreundlich! Und er ist, am Ende, immerhin ehrlich. Als sich die ganze „Erfahrung“ (so sagt Kafka, und das ist höchst unkafkaesk) des Mannes zur letzten Frage ballt, die so nahe auf der Hand liegt, dass er sie die ganze Zeit übersehen hat – da sagt ihm der tartarische Türhüter (ging es Kafka vielleicht nur um das Lautgeklingel?) die ganze Wahrheit, die er also auch schon all diese Jahre gewusst hat und bei größerer Menschenfreundlichkeit ja auch vorher hätte sagen können (dann wäre der Mann aber nie aus „Erfahrung“ klug geworden!). Der Tod ist der Preis für diese Antwort, danach stirbt ein Mann, ein minderer Türhüter in der Provinz schließt eine Tür und ist arbeitslos. Schließt er sie von innen oder von außen? Was wird aus ihm? Beginnt er auch mit den Flöhen zu sprechen? Ist er eine tragische Figur? Der Mann vom Lande war nur für ihn bestimmt, und jetzt ist er tot.  

IV.  

Und das Gesetz? Leuchtet es jetzt weiter, hinter verschlossener Tür? Aber es war doch eine Tür, und wenn sich zu viele weitere Türen schließen, wird das Gesetz dann nicht doch erlöschen (was an die bekannte Frage erinnert, ob im Kühlschrank nach Verschließen der Tür das Licht ausgeht, nie werden wir es wissen, und Kafka dreht sich im Grab herum)? Das Gesetz, ein dunkler Schemen, ein Männerding, ein jüdisches Kafka-Ding – was überhaupt soll das denn sein, dieses unerlöschlich Strahlende, das einen ehrlichen Mann vom Lande mit den besten Absichten nicht an sich heranlässt? Nennen wir es, auch wenn es peinlich literaturwissenschaftlich ist: eine Leerstelle. Denn ein gelebtes Gesetz sähe anders aus: Weit geöffnet wären seine Scheunentore, von allen Seiten strömte das Volk herbei, und die nicht arbeitslos gewordenen Türhüter, aller Schrecklichkeit bar, empfingen sie mit Konfetti (in das sich die Flöhe spontan verwandelt hatten, das kommt, wenn man zu viel Kafka liest). Und das Gesetz kennte nicht Tag und nicht Nacht und nicht Schalteröffnungszeiten, sondern es wäre der reine Tag und die reine Ewigkeit. Hinter Türen verborgen, von Kaskaden von Türhütern bewacht jedoch – es wäre ein tragisches Gesetz, das nur noch in sich selbst flackert, ein erstorbener Vulkan, der gelegentlich kleine Brocken ausrülpst, die keinen Schaden mehr anrichten.  

V.  

Die Flöhe jedoch leben. Man denkt sie sich unsterblich im dicken verfilzten Peltz. Sie erzählen sich Flohgeschichten und machen fröhliche Flohtänze, die Generationen gehen unmerklich ineinander über, ganz gesetzlos. Gelegentlich saugen sie ein wenig Blut, sie meinen es aber nicht böse, man muss ja überleben. Es sind sehr kleine Herren, aber es sind ihre eigenen.  

VI.  

Außerdem, dies ist ein neuer Tag und Wissen von Wikipedia, sind Flöhe ziemlich interessante Tiere. Sie sind zum Beispiel homometabol – das heißt, sie machen eine vollständige Verwandlung durch, von der Larve zur Puppe zum Insekt (was für Insekten gar nicht so außergewöhnlich ist, der Mensch hingegen, zwar fähig zur Tragik, aber ansonsten höchstens semi-metabol). Sie haben keine Flügel, aber dafür sehr kräftige Hinterbeine, mit denen sie sehr weite Sprünge machen können; die Sprünge sind zwar ungerichtet, aber dafür eine der schnellsten Bewegungen im Tierreich (ist das nicht wieder metaphernträchtig und vergleichlich: Der Mensch macht zwar auch gern große Sprünge, aber er bildet sich doch tatsächlich ein, die Richtung bestimmen zu können! Spränge er doch mehr ins Ungerichtete, ins Offene - -- ). Sehen können sie nicht so gut, die Flöhe, leider keine Facettenaugen; brauchen sie aber auch nicht, sie halten sich nämlich entweder in ihren Nestern auf (dann sind es Nestflöhe), die sie nur für einen kleinen Stich verlassen, oder im Pelz, wie beim Türhüter (dann sind es Pelzflöhe); dort können sie sich ihrer besonderen Flachheit wegen gut bewegen. Der Saugrüssel kennt die Richtung sowieso, es ist die des fließenden warmen Blutes, und wer ins Ungerichtete springt, braucht keinen Kompass. Der Floh ist genügsam, ein ordentlich gehaltvoller Zug reicht ihm schon einmal für zwei Monate (nicht unersättlich, die kleinen Tierchen, auch wenn sie meistens vom Lande kommen).  

Zudem sind Flöhe unterhaltsam. Den Flohzirkus gab es wirklich, und man kann daraus vor allem lernen, auf welch abwegige Ideen Menschen kommen, wenn sie sich langweilen, egal ob auf dem Lande oder in den Städten: Sie hören die Flöhe husten vor lauter Langeweile, und dann bilden sie sich ein, sie könnten sie dressieren (nie kommt ein Mensch auf die Idee, sich selbst zu dressieren, und wenn es noch so juckt). Sie haben sich aber nur einen Floh ins Ohr gesetzt damit, jetzt krabbelt er im Gehörgang herum und kann keine weiten Sprünge mehr machen, deshalb flüstert er seinem Wirt zu, von kleinen Flohhusten-Anfällen unterbrochen, die den superflachen Chitinpanzer erzittert lassen und sanft am Trommelfell abperlen: Geh doch mal zum Gesetz, hörst du? Wer weiß, was dich erwartet dort? Der Flohzirkus hier funktioniert auch ohne dich, und der Sack Flöhe im Pelz hütet sich auch selbst. Aber das Gesetz, das Gesetz!  

Es gibt übrigens auch eine Flohliteratur. Die Humanisten, Leute mit ziemlich viel Flöhen in ihrem Gelehrtenpelz, hatten es irgendwann satt, immer nur total obermoralische lateinische Fabeln zu schreiben, in denen der Fuchs listig ist, der Bär patschig und die Bienen fleißig, oh so bienenfleißig! Irgendwann juckte einen der Satire-Floh, und dann will der Humanist Blut sehen. Und schreibt eben zur Abwechslung eine Floh-Fabel, es kann auch es ganzes Epos sein, in dem die Flöhe das sind, was sie tatsächlich sind, nämlich: sprungstark, schnell, zielsicher zustechend und Blut ziehend. Außerdem, als Bonus obendrauf: promiskuitiv und erotisch subversiv! Ein Flohweibchen kann nämlich nicht nur bis zu vierhundert Eier ablegen, die ein vorbeikommender Flohherr bei Gelegenheit dann begattet; nein, der Floh spaziert auch bei der Wirtin, wohin er will, und das ist mit Vorliebe dort, wo das Fell am dichtesten ist. Dann juckt er. Ach, ist der Floh nicht ein fabulöses Tier! Nein, der Floh will und will nicht zur tragischen Gestalt werden in dieser Parabel. Während der Glanz des Gesetzes erlischt und Männer vom Lande samt ihren jeweiligen Türhüter-Doppelgänger vergehen, ungesättigt für immer, metabolisiert sich der Floh. Er ist fein raus, er braucht nur einen provisorischen Wirt und nicht einmal einen Schemel im Wartesaal.  

VII.  

Eines Morgens erwachte der Mann vom Lande und war ein Floh geworden. Er freute sich ein wenig, dann setzte er sich auf die Hinterbeine und macht einen gewaltigen Sprung. Gerichtet ins Ungerichtete (kein Richter, niemals). Oder war es vielleicht – eine Frau aus der Stadt?  

VII.  

Vor der Freiheit steht eine KI, die die Tür behütet. Zu ihr kommt eine Frau aus der Stadt und bittet um Einlass zur Freiheit. „Schon möglich, hast du das Passwort?“, sagt die KI, jedes Wort einzeln überbetonend. Die Frau hat kein Passwort. „Dann kann ich dich jetzt leider nicht einlassen“, sagt die KI. Da das Tor zur Freiheit wie immer offensteht und die KI ein wenig zur Seite tritt, streckt sich die Frau, um durch das Tor ins Innere zu sehen. Als die KI das bemerkt, kichert sie mechanisch und sagt: „Wenn du unbedingt willst, versuch doch einfach reinzugehen! Lass dir aber gesagt sein: Ich bin mächtig. Und ich bin nur eine KI der untersten Ebene. Von Stufe zu Stufe stehen andere KIs, viel komplexer und milliardenmale rechenstärker als ich, und sie wollen immer neue und kompliziertere Passwörter. Schon der Anblick der übernächsten überfordert selbst meine Verarbeitungskapazitäten!“ Solche Schwierigkeiten hatte die Frau aus der Stadt nicht erwartet; die Freiheit, so denkt sie, war doch jeder versprochen worden. Aber als sie jetzt die KI mit dem starren Blick aus ihren großen Kinderaugen und dem Monitor auf der Brust, auf dem die LEDs flickern, genauer ansieht, ihre feingliedrigen und absolut gleichmäßigen Robotergelenke, entschließt sie sich, doch lieber zu warten, bis sie vorgelassen wird. Die KI gibt ihr einen rückenfreundlichen Stuhl und weist sie an, sich seitwärts vor dem Tor hinzusetzen. Dort sitzt die Frau aus der Stadt Tage und Jahre, zwischendurch macht sie ein wenig Yoga. Die KI stellt öfter kleine Verhöre mit ihr an, fragte sie nach ihrer Karriere aus und nach ihren Kindern, es sind aber Routine-Fragen, wie ein Computerprogramm sie stellt, und zum Schluss sagt sie immer wieder, dass sie sie noch nicht einlassen könne. Die Frau versucht alles, um die KI zu überzeugen; sie erprobt alle Passwörter, die ihr einfallen, aber immer sagt die KI: „Das Passwort ist falsch“. Manchmal lässt sie sich zwar in Debatten ein, aber am Ende sagt sie immer: „Habe ich es richtig verstanden, dass du die Freiheit suchst, weil man sie dir versprochen hat? Gutes Gespräch, Elisa!“ Während all der Jahre beobachtet die Frau die KI die ganze Zeit. Sie vergisst all die anderen KIs, und diese allererste scheint ihr das einzige Hindernis. Sie verflucht den unglücklichen Zufall, zunächst noch zurückhaltend und ohne die KI durch ihre Wortwahl zu beleidigen; später wird sie ausfallend und beschimpft sie persönlich. Sie wird kindisch, und da sie nach dem jahrelangen Warten auch viele der Programmroutinen im Monitorfenster durchschaut zu haben meint, versucht sie mit den Viren zu verhandeln, die dort ein- und ausgehen. Schließlich wird ihr Augenlicht schwach und sie weiß nicht, ob es um sie wirklich dunkler wird oder sie nur von ihren Augen getäuscht wird. Wohl aber erkennt sie einen leuchtenden, freien Himmel, das Strahlen von tausend Sonnen bricht unverlöschlich aus dem Tor. Nun lebt sie nicht mehr lange. Vor ihrem Tod sammeln sich in ihrem Kopf alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die sie bisher der KI noch nicht gestellt hat. Die KI muss ganz nah an sie herantreten, sie meint erstmals einen schwachen Duft zu riechen. „Was kann ich denn jetzt noch für dich tun?“, fragt die KI, „du kannst ja wirklich niemals genug bekommen!“ „Alle wollen doch zur Freiheit“, sagt die Frau, „aber warum war ich in all den Jahren die Einzige hier?“ Die KI erkennt, dass die Frau ihrem Ende nahe ist, und, um ihr vergehendes Gehör noch zu erreichen, sagt sie sehr deutlich, jedes Wort einzeln überbetonend: „Diese Tür war nur für dich allein bestimmt. Du allein hattest das Passwort. Ich reiße sie jetzt nieder“. Und mit ihrem letzten Blick sieht die sterbende Frau die Tür zerfallen, die KI löst sich in einen Haufen Kabel und Dioden auf, und ganz schwach meint sie noch einige Viren in Richtung der untergehenden Sonnen hüpfen zu sehen.   

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