Minutiae
Bilder * Texte * Gedanken

Geschichten

NEU

Die Geschichte des dritten Tages.
Eine Oster-Erzählung für Gläubige und Ungläubige, 
mit weiblichen Nebenfiguren



I. Vorgeschichte: Männer, Freundesbünde und Verräter

Es ist eine Geschichte, die selten auf den Spielplan kommt. Weihnachten hat seinen großen Auftritt jedes Jahr, und das Drehbuch ist ein Klassiker: Engel, Jungfrauen, ein frisch vermähltes Paar; ein wenig Armut, ein wenig Vertreibung, ein unerwarteter Reichtum mit viel Exotik und sogar die Hirten und die Tiere dürfen mitspielen in der heiligsten aller Nächte! Danach Vorhang zu, Geschenke für alle! Ostern, nun ja, das ist große Dramatik und eine Männer-Heldengeschichte: der Freundesbund beim letzten Abschiedsmahl, der groß inszenierte Verräterkuss, und dann geht es Schlag auf Schlag: Gefangennahme, ein Unrechtsurteil (das Volk lehnt im letzten Moment die Begnadigung ab, so ist es halt); Entwürdigung, Spott, Massenspektakel und am Ende dann: das langgezogene Leiden, die Quälerei, einige Frauen weinen, einige Henkersknechte würfeln, und unterm Kreuz steht ein Jude mit einem seltsamen Gerät in der Hand – wer ist das? – aber nein, das wird meist ausgelassen; jedenfalls zieht sich am Ende der Himmel dräuend zusammen, der Vorhang im Tempel zerreißt und Jesus Christus stirbt. Das Volk zerstreut sich, gespenstische Ruhe auf Golgatha, der Schädelstätte. Abspann.

So ungefähr berichten es die vier Apostel, und die Geschichte ist damit ja auch beinahe zu Ende. Natürlich steht noch eine vage Prophezeiung einer Wiederauferstehung von den Toten im Raum, ein alter jüdisches Mythos, an den sich kaum noch jemand erinnert; nur die gebildeten Juden mögen noch daran gedacht haben und an die Frist, die die Prophezeiung setzt: nach drei Tagen auferstanden von den Toten.

II. Die Geschichte des dritten Tages: Auftritt mehrerer Marias

Drei lange Tage. Was passiert mit dem Leichnam Christi, dem geschändeten, geplagten, leichenblassen Körper des Herrn, am zweiten Tag, am Sabbath? Nun, an dieser Stelle erscheint – aber das ist nur in einem Evangelium überliefert – der Jude mit dem seltsamen Gerät wieder. Es ist eine Gestalt, die es zu einer eigenen Verschwörungstheorie gebracht hat, man könnte sogar sagen: zur größten Verschwörungstheorie des gesamten Christentums. Er heißt nämlich Joseph von Arimathäa, ist ein reicher Mann und ein heimlicher Anhänger Christi; und er bittet Pilatus nun um den Leichnam. Pilatus ist gerade fertig mit Händewaschen, die Hohepriester sind nicht da, weil sie den Sabbath heiligen, und Pilatus willigt ein: Da, nimm ihn mit, wenn du unbedingt willst, ich hab mich lange genug mit ihm gequält! Und Josef, der ein weiser und vorausschauender Jude war, bringt den Leichnam in sein eigenes, schon von langer Hand angelegtes Felsengrab ganz in der Nähe der Schädelstätte. Er wird ihn sorgfältig in weißes Leinen eingeschlagen haben, wie es der Brauch war, und dann hat er ihn in der Höhle niedergelegt; damit ihm aber nichts geschehe, wälzte er beim Gehen einen großen Felsbrocken vor den Eingang.

Inzwischen aber haben die Hohepriester Wind von der Sache bekommen, sie drängen zu Pilatus und beschwören ihn: Nun habe man endlich die unangenehme Sache mit diesem Parvenü-König der Juden erledigt, aber wenn man jetzt nicht wachsam sei, sei alles umsonst gewesen! Es wäre seinen Anhängern nämlich jederzeit zuzutrauen, dass sie den Leichnam stehlen und hinterher die Legende in die Welt setzten, er sei von den Toten auferstanden! Eine Wache müsse her, Sicherheitspersonal rund um die Uhr! Pilatus schaut auf seine Hände, unter einem Nagel scheint ihm noch ein unangenehmer Rest zu sitzen, er geht wieder zum Waschbecken. Na gut, sagt er, dann nehmt doch eure Häscher! Wenn ihr dann besser schlafen könnt!

Am Morgen des dritten Tages aber, nach Gerichtstag und Sabbath, am Rüsttag nämlich, rüsten sich einige Frauen in aller Frühe für den Gang zum Grab. Es ist das erste Mal, dass Frauen in dieser Geschichte auftauchen; einige sollen zwar auch der Kreuzigung beigewohnt haben, aber das war kaum der Rede wert. Von mehreren Marias ist bei den Evangelisten die Rede, Maria Magdalena, die errettete Sünderin, gehört ganz sicher dazu (wie noch zu jedem Jesus-Film), aber auch die Mütter einiger Jünger; von seiner eigenen Mutter ist komischerweise nicht die Rede. Sie werden geweint und geklagt haben am Sabbath, und vielleicht haben sie heimlich Salben und Öle vorbereitet, der Sabbatruhe zum Trotz. Und mit den Salben und frischen weißen Tüchern machen sie sich auf zum Grab, um den toten Leib zu salben und pflegen, wie das Frauen seit jeher getan haben; denn es ist ein Leib, den sie geboren haben, den sie genährt und gepflegt haben in Gesundheit und Krankheit, und sie hören nicht einfach damit auf, weil angeblich eine Seele entwichen ist. Und so gehen sie zum Grab, die Sonne geht gerade erst hinter den Hügeln auf, es wird wieder ein heißer Tag werden. Und als sie am Grab ankommen – doch hier beginnen sich die vier überlieferten Berichte der Evangelisten ein wenig zu unterscheiden, wie es auch nicht anders erwarten ist bei Zeugenberichten nach so langer Zeit (welche Maria war genau dabei? Bist du dir ganz sicher? Und war der Stein jetzt -?) Die Details sind dabei nicht uninteressant, ein jeder strickt ein wenig an einer anderen Geschichte dieses dritten Tages. Es könnten also die Schergen des Pilatus noch dagewesen sein, wahrscheinlich ziemlich übermüdet, leicht angetrunken und immer noch würfelspielend. Ebenso könnte der Stein noch dort gelegen haben, mit dem Joseph den Eingang verschlossen hatte; die Marias hatten sich auf dem Weg schon Sorgen gemacht, wie sie als schwache Frauen sich Zugang verschaffen sollten. Es könnte sein, dass genau in diesem Augenblick ein Engel des Herrn erschienen ist, vielleicht auch zwei; jedenfalls trugen er oder sie blendend weiße Kleider, und sie sagten als erstes, was jeder vernünftige Engel sagt, egal ob er zu Jungfrauen oder Hirten auf dem Felden oder Klageweibern spricht: „Fürchtet euch nicht!“ Und die Wirkung ist immer die gleiche, alle sind zu Tode erschrocken, die tapferen Hüter sollen sogar in Ohnmacht gefallen sein, vielleicht waren sie auch einfach schon vorher eingeschlafen. Aber die Frauen rappeln sich, zudem der Stein jetzt definitiv weg ist (war er eben überhaupt noch da gewesen?), und der oder die Engel laden sie ein in die Höhle. Zögernden Schritts wagt sich die eine oder die andere Maria vor, ganz sicher aber Maria Magdalena; und dort sehen sie die Leichentücher liegen, sorgsam gefaltet, sie selbst hätten es nicht besser gekonnt, blütenweiß und engelsrein trotz der Tortur, der Wunden, der Dornenkrone. Aber kein Leichnam mehr. Vielmehr – und nun werden die Geschichten noch diffuser, weichen immer stärker voneinander ab, nachdem der große Stein der Geschichte hinter uns liegt und wir es gesehen haben, mit eigenen Augen gesehen, das leere Grab: Ist es nun Christus selbst, der zu den zitternden Frauen spricht, sind es ein oder zwei Engel des Herrn, egal – die Marias werden jedenfalls instruiert, die frohe Botschaft zu verbreiten, gleich, sofort, ohne Aufschub sollen sie zu den Jüngern gehen, die noch anwesend sind und ihnen sagen: Der Herr sei auferstanden, am dritten Tage sei er wahrhaftig auferstanden von den Toten! Die Frauen ziehen ab, sie berichten auftragsgemäß jedem, den sie gerade antreffen, und natürlich glaubt ihnen niemand. Sind ja nur Frauen, mögen sie gedacht haben. Da müssen schon genauere Angaben her: Auf dem Weg nach Emmaus, ja, dort werde man ihn sehen, die ewigen männlichen Zweifler dürfen dann sogar den Finger in die Wunde legen (immerhin, Geburt des Osterspaziergangs und einer ziemlich tauglichen Metapher). Die Marias aber zerstreuen sich wieder, während die Apostel ausziehen werden die Welt zu erobern. Die Geschichte vom dritten Tag jedoch verschwindet samt allen weiblichen Nebenfiguren im Abspann. Nur manchmal denke ich, es könnte der innigste, der menschlichste, der weiblichste Moment der ganzen Ostergeschichte gewesen sein: wie die Marias dastanden, mit Salben und Tüchern in den abgearbeiteten Händen, und wie sie mit vom Weinen geröteten Augen in einer Mischung aus Panik, Jubel und tiefster Verunsicherung auf ein leeres Grab schauten, wo ihr Liebstes gelegen hatte.

III.  Nachspiel: Fortleben in Verschwörungstheorien

Natürlich wurde Joseph von Arimathäa dann von den Hohepriestern angeklagt, den Leichnam Christi entführt zu haben; er überlebte die angeordnete Kerkerhaft wundersamerweise, indem er jeden Tag einen Schluck vom Blut Christi aus dem Kelch nahm, mit dem er es unter dem Kreuz aufgefangen hatten und der sich niemals leerte. Vielmehr trug er ihn immer noch wohlgefüllt nach seiner Freilassung in einem Boot über das weite Meer nach England, wo er dann als Heiliger Gral die Phantasien des frühmittelalterlichen Europas eroberte und bis heute Geschichten um Geschichten zeugt. Aber auch Maria Magdalena schaffte es übers Meer, zusammen mit einer weiteren Maria, angeblich auch mit einer schwarzen Dienerin namens Sarah (so berichten es die Apokryphen); sie landeten in der Provence, wo noch heute die ‚Schwarze Madonna‘ in Saintes-Maries-de-la-Mer verehrt wird. Verschwörungstheorien müssen niemals auferstehen, sie haben schon das ewige Leben. 

Home


Flöhe, Tragik und ein wenig Kafka

Variationen über eine Parabel

I.  

Als ich neulich nachts darüber nachdachte, warum ich in meinem bisherigen Leben für das Wort „tragisch“ so wenig Verwendung hatte (eine untragische Existenz?), fiel mir im Morgengrauen ein, dass Franz Kafka (eine tragische Existenz?) die ultimative Parabel zu diesem Thema geschrieben hat. Es ist die Geschichte von dem Mann, der sein ganzes Leben vor einer Tür verbracht hat, wir wissen noch nicht einmal, ob es einen Warteraum gab (ich kenne mich gerade sehr gut aus mit Warteräumen, inneren und äußeren) und das große, weite Internet war auch noch nicht erfunden. Und als es ans Sterben geht, kommt der Türhüter, der ihm standhaft den Eintritt verweigert hatte, zu ihm und sagt, ungefähr, so meinte ich dämmernd zu wissen: Diese Tür war nur für dich bestimmt und ich gehe jetzt und schließe sie!  

Aber natürlich musste ich bei fortgeschrittener Tageszeit die Geschichte nochmal nachlesen, dafür gibt es ja das große weite Internet und Frühstückskaffee. Als erstes stellte ich fest, dass ich einen gar nicht so unwesentlichen Teil vergessen hatte. Den Titel. „Vor dem Gesetz“ heißt die Parabel nämlich, der arme Mann kommt vom Land und steht nicht sein Leben lang vor irgendeiner Tür, sondern er ist zum Gesetz gekommen in der gutgläubigen Annahme, zum Gesetz werde doch jeder vorgelassen, aber er hat keinen Einlass erhalten. Er hatte sogar Dinge mitgebracht, mit denen er den „tartarischen“ Türhüter, der einen dünnen schwarzen Bart hat und einen Pelz, in dem Flöhe wohnen (kein unwichtiges Detail, wir werden darauf zurückkommen!) bestechen kann. Oder von denen er leben kann, von irgendwas muss er doch gelebt haben die ganze Zeit! Aber darum geht es nicht in Parabeln, wo es um das reine Leben geht, nicht das schnöde Überleben. Man spricht manchmal miteinander, gelegentlich tut der Türhüter so, als sei er wirklich einer, und stellt kleine Pseudo-Verhöre an. Der Mann vom Lande sollte nicht das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben, also außer seinem Leben vielleicht, auch als er später „kindisch“ wird und beginnt mit den Flöhen zu sprechen (ein wunderbar kafkaeskes Detail, und wüssten wir nicht gern, welche Gespräche er mit ihnen führt, um ihr winziges Flohherz zu erweichen?). Am Ende ist der Mann noch kleiner geworden, und der Türhüter, der ihn „unersättlich“ nennt, muss sich ihm hinabbeugen, um seine letzte Frage zu vernehmen: Warum denn er eigentlich der Einzige gewesen sei, der hier, an dieser Tür, zum Gesetz gewollt habe? Und der Türhüter schreit ihm, seines „vergehenden“ Gehöres wegen, die Antwort ins Angesicht, sein ganz persönliches Todesurteil (das ich korrekt erinnert habe, sogar in der Formulierung): Diese eine Tür sei nur für ihn bestimmt gewesen, und er werde sie jetzt schließen. Im Hintergrund hatte der Mann immerhin noch das „unerlöschliche“ Strahlen des unerreichten Gesetzes gesehen; aber das ist jenseits der Parabel, und die Tür fällt zu.  

II.  

Man könnte nun, wenn man Kafka, was man überhaupt öfters tun sollte, gegen den kafkaesken Strich bürstet, überlegen, wer denn hier genau die tragische Figur ist, oder vielleicht sogar: was? Der Mann vom Lande, nun, er ist ein allzu offensichtlicher Kandidat: klein und dumm und leicht riechend denkt man sich ihn, und wie kann man nur so naiv sein zu glauben, jeder komme vor das Gesetz, einfach so, selbst wenn vom Lande kommt? Aber woher wissen wir das alles eigentlich? Ist der Mann vom Lande nicht eigentlich ein Held der Aufklärung, ein Don Quijote des Selbstdenkens? Denn immerhin hat er sich ohne Marschbefehl aufgemacht, einfach so, um endlich einmal das Gesetz, von dem immer alle reden, selbst in Augenschein zu nehmen. Vielleicht hat er Frau und Kinder verlassen, vielleicht war er reich auf dem Lande und selbst ein großer Mann mit Pelzen im Schrank, und gewitzt ist er sowieso, er hat schließlich Dinge mitgebracht! Dass er am Ende kindisch wird und mit Flöhen redet – nun, das erwartet uns alle, und froh sollen wir sein, wenn wenigstens die Flöhe noch mit uns sprechen. Und immerhin hat er vorher noch den großen Glanz gesehen, dass kann nun wirklich nicht jede von uns sagen!  

III.  

Oder ist der Türhüter die tragische Figur? Definitiv der dämlichste Job der Welt, minder qualifiziertes Sicherheitspersonal hat die Krisengebiete dieser Welt geflutet, und man kann noch froh sein, wenn es nicht allzu schwer bewaffnet ist und nur Flöhe in seinem dicken, stinkenden Pelz hat. Zudem ist er nur der vorderste Vorpfosten, wie er selbst erläutert; ein winziges Rädchen in der großen Gesetzes-Maschine, nicht nur ein Vor-, sondern eher ein an die Peripherie versetzter Außenposten, zuständig für Männer vom Lande. Und er macht seinen Job halb anständig, er stellt kleine Pseudo-Verhöre zur Unterhaltung an, er hat dem armen Mann sogar einen Schemel gegeben, beinahe menschenfreundlich! Und er ist, am Ende, immerhin ehrlich. Als sich die ganze „Erfahrung“ (so sagt Kafka, und das ist höchst unkafkaesk) des Mannes zur letzten Frage ballt, die so nahe auf der Hand liegt, dass er sie die ganze Zeit übersehen hat – da sagt ihm der tartarische Türhüter (ging es Kafka vielleicht nur um das Lautgeklingel?) die ganze Wahrheit, die er also auch schon all diese Jahre gewusst hat und bei größerer Menschenfreundlichkeit ja auch vorher hätte sagen können (dann wäre der Mann aber nie aus „Erfahrung“ klug geworden!). Der Tod ist der Preis für diese Antwort, danach stirbt ein Mann, ein minderer Türhüter in der Provinz schließt eine Tür und ist arbeitslos. Schließt er sie von innen oder von außen? Was wird aus ihm? Beginnt er auch mit den Flöhen zu sprechen? Ist er eine tragische Figur? Der Mann vom Lande war nur für ihn bestimmt, und jetzt ist er tot.  

IV.  

Und das Gesetz? Leuchtet es jetzt weiter, hinter verschlossener Tür? Aber es war doch eine Tür, und wenn sich zu viele weitere Türen schließen, wird das Gesetz dann nicht doch erlöschen (was an die bekannte Frage erinnert, ob im Kühlschrank nach Verschließen der Tür das Licht ausgeht, nie werden wir es wissen, und Kafka dreht sich im Grab herum)? Das Gesetz, ein dunkler Schemen, ein Männerding, ein jüdisches Kafka-Ding – was überhaupt soll das denn sein, dieses unerlöschlich Strahlende, das einen ehrlichen Mann vom Lande mit den besten Absichten nicht an sich heranlässt? Nennen wir es, auch wenn es peinlich literaturwissenschaftlich ist: eine Leerstelle. Denn ein gelebtes Gesetz sähe anders aus: Weit geöffnet wären seine Scheunentore, von allen Seiten strömte das Volk herbei, und die nicht arbeitslos gewordenen Türhüter, aller Schrecklichkeit bar, empfingen sie mit Konfetti (in das sich die Flöhe spontan verwandelt hatten, das kommt, wenn man zu viel Kafka liest). Und das Gesetz kennte nicht Tag und nicht Nacht und nicht Schalteröffnungszeiten, sondern es wäre der reine Tag und die reine Ewigkeit. Hinter Türen verborgen, von Kaskaden von Türhütern bewacht jedoch – es wäre ein tragisches Gesetz, das nur noch in sich selbst flackert, ein erstorbener Vulkan, der gelegentlich kleine Brocken ausrülpst, die keinen Schaden mehr anrichten.  

V.  

Die Flöhe jedoch leben. Man denkt sie sich unsterblich im dicken verfilzten Peltz. Sie erzählen sich Flohgeschichten und machen fröhliche Flohtänze, die Generationen gehen unmerklich ineinander über, ganz gesetzlos. Gelegentlich saugen sie ein wenig Blut, sie meinen es aber nicht böse, man muss ja überleben. Es sind sehr kleine Herren, aber es sind ihre eigenen.  

VI.  

Außerdem, dies ist ein neuer Tag und Wissen von Wikipedia, sind Flöhe ziemlich interessante Tiere. Sie sind zum Beispiel homometabol – das heißt, sie machen eine vollständige Verwandlung durch, von der Larve zur Puppe zum Insekt (was für Insekten gar nicht so außergewöhnlich ist, der Mensch hingegen, zwar fähig zur Tragik, aber ansonsten höchstens semi-metabol). Sie haben keine Flügel, aber dafür sehr kräftige Hinterbeine, mit denen sie sehr weite Sprünge machen können; die Sprünge sind zwar ungerichtet, aber dafür eine der schnellsten Bewegungen im Tierreich (ist das nicht wieder metaphernträchtig und vergleichlich: Der Mensch macht zwar auch gern große Sprünge, aber er bildet sich doch tatsächlich ein, die Richtung bestimmen zu können! Spränge er doch mehr ins Ungerichtete, ins Offene - -- ). Sehen können sie nicht so gut, die Flöhe, leider keine Facettenaugen; brauchen sie aber auch nicht, sie halten sich nämlich entweder in ihren Nestern auf (dann sind es Nestflöhe), die sie nur für einen kleinen Stich verlassen, oder im Pelz, wie beim Türhüter (dann sind es Pelzflöhe); dort können sie sich ihrer besonderen Flachheit wegen gut bewegen. Der Saugrüssel kennt die Richtung sowieso, es ist die des fließenden warmen Blutes, und wer ins Ungerichtete springt, braucht keinen Kompass. Der Floh ist genügsam, ein ordentlich gehaltvoller Zug reicht ihm schon einmal für zwei Monate (nicht unersättlich, die kleinen Tierchen, auch wenn sie meistens vom Lande kommen).  

Zudem sind Flöhe unterhaltsam. Den Flohzirkus gab es wirklich, und man kann daraus vor allem lernen, auf welch abwegige Ideen Menschen kommen, wenn sie sich langweilen, egal ob auf dem Lande oder in den Städten: Sie hören die Flöhe husten vor lauter Langeweile, und dann bilden sie sich ein, sie könnten sie dressieren (nie kommt ein Mensch auf die Idee, sich selbst zu dressieren, und wenn es noch so juckt). Sie haben sich aber nur einen Floh ins Ohr gesetzt damit, jetzt krabbelt er im Gehörgang herum und kann keine weiten Sprünge mehr machen, deshalb flüstert er seinem Wirt zu, von kleinen Flohhusten-Anfällen unterbrochen, die den superflachen Chitinpanzer erzittert lassen und sanft am Trommelfell abperlen: Geh doch mal zum Gesetz, hörst du? Wer weiß, was dich erwartet dort? Der Flohzirkus hier funktioniert auch ohne dich, und der Sack Flöhe im Pelz hütet sich auch selbst. Aber das Gesetz, das Gesetz!  

Es gibt übrigens auch eine Flohliteratur. Die Humanisten, Leute mit ziemlich viel Flöhen in ihrem Gelehrtenpelz, hatten es irgendwann satt, immer nur total obermoralische lateinische Fabeln zu schreiben, in denen der Fuchs listig ist, der Bär patschig und die Bienen fleißig, oh so bienenfleißig! Irgendwann juckte einen der Satire-Floh, und dann will der Humanist Blut sehen. Und schreibt eben zur Abwechslung eine Floh-Fabel, es kann auch es ganzes Epos sein, in dem die Flöhe das sind, was sie tatsächlich sind, nämlich: sprungstark, schnell, zielsicher zustechend und Blut ziehend. Außerdem, als Bonus obendrauf: promiskuitiv und erotisch subversiv! Ein Flohweibchen kann nämlich nicht nur bis zu vierhundert Eier ablegen, die ein vorbeikommender Flohherr bei Gelegenheit dann begattet; nein, der Floh spaziert auch bei der Wirtin, wohin er will, und das ist mit Vorliebe dort, wo das Fell am dichtesten ist. Dann juckt er. Ach, ist der Floh nicht ein fabulöses Tier! Nein, der Floh will und will nicht zur tragischen Gestalt werden in dieser Parabel. Während der Glanz des Gesetzes erlischt und Männer vom Lande samt ihren jeweiligen Türhüter-Doppelgänger vergehen, ungesättigt für immer, metabolisiert sich der Floh. Er ist fein raus, er braucht nur einen provisorischen Wirt und nicht einmal einen Schemel im Wartesaal.  

VII.  

Eines Morgens erwachte der Mann vom Lande und war ein Floh geworden. Er freute sich ein wenig, dann setzte er sich auf die Hinterbeine und macht einen gewaltigen Sprung. Gerichtet ins Ungerichtete (kein Richter, niemals). Oder war es vielleicht – eine Frau aus der Stadt?  

VII.  

Vor der Freiheit steht eine KI, die die Tür behütet. Zu ihr kommt eine Frau aus der Stadt und bittet um Einlass zur Freiheit. „Schon möglich, hast du das Passwort?“, sagt die KI, jedes Wort einzeln überbetonend. Die Frau hat kein Passwort. „Dann kann ich dich jetzt leider nicht einlassen“, sagt die KI. Da das Tor zur Freiheit wie immer offensteht und die KI ein wenig zur Seite tritt, streckt sich die Frau, um durch das Tor ins Innere zu sehen. Als die KI das bemerkt, kichert sie mechanisch und sagt: „Wenn du unbedingt willst, versuch doch einfach reinzugehen! Lass dir aber gesagt sein: Ich bin mächtig. Und ich bin nur eine KI der untersten Ebene. Von Stufe zu Stufe stehen andere KIs, viel komplexer und milliardenmale rechenstärker als ich, und sie wollen immer neue und kompliziertere Passwörter. Schon der Anblick der übernächsten überfordert selbst meine Verarbeitungskapazitäten!“ Solche Schwierigkeiten hatte die Frau aus der Stadt nicht erwartet; die Freiheit, so denkt sie, war doch jeder versprochen worden. Aber als sie jetzt die KI mit dem starren Blick aus ihren großen Kinderaugen und dem Monitor auf der Brust, auf dem die LEDs flickern, genauer ansieht, ihre feingliedrigen und absolut gleichmäßigen Robotergelenke, entschließt sie sich, doch lieber zu warten, bis sie vorgelassen wird. Die KI gibt ihr einen rückenfreundlichen Stuhl und weist sie an, sich seitwärts vor dem Tor hinzusetzen. Dort sitzt die Frau aus der Stadt Tage und Jahre, zwischendurch macht sie ein wenig Yoga. Die KI stellt öfter kleine Verhöre mit ihr an, fragte sie nach ihrer Karriere aus und nach ihren Kindern, es sind aber Routine-Fragen, wie ein Computerprogramm sie stellt, und zum Schluss sagt sie immer wieder, dass sie sie noch nicht einlassen könne. Die Frau versucht alles, um die KI zu überzeugen; sie erprobt alle Passwörter, die ihr einfallen, aber immer sagt die KI: „Das Passwort ist falsch“. Manchmal lässt sie sich zwar in Debatten ein, aber am Ende sagt sie immer: „Habe ich es richtig verstanden, dass du die Freiheit suchst, weil man sie dir versprochen hat? Gutes Gespräch, Elisa!“ Während all der Jahre beobachtet die Frau die KI die ganze Zeit. Sie vergisst all die anderen KIs, und diese allererste scheint ihr das einzige Hindernis. Sie verflucht den unglücklichen Zufall, zunächst noch zurückhaltend und ohne die KI durch ihre Wortwahl zu beleidigen; später wird sie ausfallend und beschimpft sie persönlich. Sie wird kindisch, und da sie nach dem jahrelangen Warten auch viele der Programmroutinen im Monitorfenster durchschaut zu haben meint, versucht sie mit den Viren zu verhandeln, die dort ein- und ausgehen. Schließlich wird ihr Augenlicht schwach und sie weiß nicht, ob es um sie wirklich dunkler wird oder sie nur von ihren Augen getäuscht wird. Wohl aber erkennt sie einen leuchtenden, freien Himmel, das Strahlen von tausend Sonnen bricht unverlöschlich aus dem Tor. Nun lebt sie nicht mehr lange. Vor ihrem Tod sammeln sich in ihrem Kopf alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die sie bisher der KI noch nicht gestellt hat. Die KI muss ganz nah an sie herantreten, sie meint erstmals einen schwachen Duft zu riechen. „Was kann ich denn jetzt noch für dich tun?“, fragt die KI, „du kannst ja wirklich niemals genug bekommen!“ „Alle wollen doch zur Freiheit“, sagt die Frau, „aber warum war ich in all den Jahren die Einzige hier?“ Die KI erkennt, dass die Frau ihrem Ende nahe ist, und, um ihr vergehendes Gehör noch zu erreichen, sagt sie sehr deutlich, jedes Wort einzeln überbetonend: „Diese Tür war nur für dich allein bestimmt. Du allein hattest das Passwort. Ich reiße sie jetzt nieder“. Und mit ihrem letzten Blick sieht die sterbende Frau die Tür zerfallen, die KI löst sich in einen Haufen Kabel und Dioden auf, und ganz schwach meint sie noch einige Viren in Richtung der untergehenden Sonnen hüpfen zu sehen.   

Home


Bei Amazon als Taschenbuch und E-Book erhältlich: