Dürfen nur Männer vom Wein und der Liebe reden?
Ich würde wegen dieser Gedichte gar nichts zu erinnern haben, wenn ich nicht ein Frauenzimmer wäre. Eine Mannsperson hat die Freiheit, von Liebe und Wein zu scherzen, ohne befürchten zu dürfen, dass man es ihr übel auslegen werde. Unser Geschlecht ist hierin eingeschränkt: Und ich sehe es für ganz notwendig an, mir hier eine Verteidigung im Voraus zu machen.
Wenn ich das letzte Gedichte vom Tod ausnehme, so sind die übrigen allesamt scherzhaft. Viele darunter scherzen von Liebe und Wein. Man weiß, dass diese beiden Sachen am allergeschicktesten sind, feurige Scherze dabei anzubringen; und daher sind sie die gewöhnlichsten Gegenstände der scherzhaften anakreontischen Lieder. Ich hätte also die besten Materien entbehren müssen, wenn ich mir kein Lied von der Liebe, kein Lied vom Wein hätte erlauben wollen. Wenn ich überdem bedenke, dass kein vernünftiger Leser in einer scherzhaften Ode die Sprache des Herzens, sondern vielmehr des Witzes und der Scharfsinnigkeit sucht; so sehe ich nicht ab, warum unser Geschlecht diese Sprache nicht ebenso sollte reden dürfen als sie die Mannspersonen reden. Doch vielleicht kleidet es überhaupt ein Frauenzimmer nicht, scherzhafte Lieder zu dichten. Ich muss hierauf antworten.
In Gedichten lassen sich dreierlei Arten zu denken anbringen: die niedrige, die mittlere und die erhabene. Nicht jedermann hat die Fähigkeit, erhaben zu dichten; der doch in der niedrigeren Art zu denken vortrefflich sein kann. So geht es den Männern; und so geht es auch uns. So wenig Haller sind; so wenig sind auch Langinnen. Soll ein Frauenzimmer, das sich zu der erhabenen Art zu dichten nicht aufgelegt findet, gar nicht dichten? Gewiss wäre das zu viel gefordert. Es muss also auch uns erlaubt sein, Gedichte der niederen und mittleren Art zu verfertigen; und wenn dem also ist, so dürfen wir auch von Liebe und Wein dichten.
Doch man könnte denken, es wäre unnatürlich, wenn eine Frauenzimmer vom Wein singe; weil es unter uns keine Trinker gibt, oder weil es eine Unartigkeit sein würde, wenn ein Frauenzimmer zechen wollte; und ebenso könne es nicht wohl angehen, dass sie die Liebe erhebt, weil es wider die Eingezogenheit unseres Geschlechts ist, auch nur den Schein von sich zu geben, als wenn man viel Werk aus der Liebe machte. Allein ein anakreontischer Trinker und ein anakreontischer Liebhaber rühmt und rät bloß das Lieben und das Trinken, um einen Scherz zu machen und ein Lachen zu erregen. Wer mehr bei einer anakreontischen Ode denkt als dieses, wird sich ohne Zweifel betrügen. Wenn ich also meinen Schwestern sage, sie sollen lieben, sie sollen trinken: So werden sie darüber lachen, sie werden es für einen Scherz annehmen; und ich werde sie desto mehr zu lachen machen, wenn sie daran gedenken, wie es ihnen stehen würde, wenn sie zechen oder das Lob der Liebe singen. Ich wollte dafür stehen, dass ich auf solche Art keiner anstößig sein werde, als denen, die keinen Scherz vertragen. Wenn aber die Mannspersonen in meinen Scherzen Ursache zum Anstoß oder etwas Unnatürliches zu entdecken glauben sollten: So mögen sie alle meine Lieder, von der Liebe und vom Wein, als Nachahmungen der Ihrigen ansehen und nur nicht daran denken, dass ich ein Frauenzimmer bin.
Doch in bin schon müde, mich zu entschuldigen. Der erste, der sich um solcher Ursachen willen über mich aufhält und mich für verliebt und für eine Trinkerin ansehen wird, soll eine Elegie von mir haben, darin ich ihn und den Hass und das Wasser besingen will.
Ich muss nun mit meinen Schwestern noch ein Wort reden. Ich will ihnen sagen, dass sie diese Gedichte nicht eher lesen sollen, als bis sie einigen Grund in denen schönen Wissenschaften gelegt haben. Sie werden dieselben sonst gar zu leicht missbrauchen; sie werden sie lesen, ohne meine Fehler zu bemerken; sie werden vielleicht mich und meine Fehler nachahmen. Ich kann es nicht leugnen, dass ich sehr wünsche, durch mein Exempel die schönen Geister unter ihnen zu reizen, sich zu verschönern und öffentlich sehen zu lassen. In Scherzgedichten werden die meisten vortrefflich sein können; wenn sie sich nur die Regeln dieser Art zu denken bekannt machen. Nicht ohne Furchtsamkeit wage ich es, mit Proben, die so verdächtig scheinen können, hervorzutreten. Allein da mich mein Gewissen sattsam rechtfertigt: So will ich die Art der Aufnahme dieser Arten Gedichte getrost abwarten, welche, wenn sie erträglich ist, ohne Zweifel Nachfolgerinnen erwecken wird, die mir für die Gefahr verbunden sein werden, er ich mich um ihretwillen ausgesetzt habe.
ERINNERUNG BEI DER ZWEITEN AUFLAGE
Dass ich diese Erinnerung hier beifüge, geschieht nicht in der Absicht, um meine Freude darüber auszulassen, dass diese Scherze nach so kurzer Zeit schon wieder aufgelegt werden. Ich weiß nur allzu wohl, dass manche schlechte oder doch sehr mittelmäßige Blätter einen starken Abgang finden können, wenn sie ein Umstand merkwürdig macht, der öfters nichts anders als eine Kleinigkeit ist. Wie wenig ist das nicht, ein Frauenzimmer zu sein, und ich wollte darauf wetten, dass schon längst keine Nachfrage mehr nach diesen Scherzen gewesen sein würde, wenn sie nicht von einer Person meines Geschlechts herrührten. Indessen weiß ich doch auch, dass man mir nicht zumuten wird, mich in meinen eigenen Vorreden selbst verächtlich zu machen, und daher wird es mir erlaubt sein, von was anderem zu sprechen.
Ich bin schuldig, mich öffentlich für den Beistand zu bedanken, den man diesen Gedichten öffentlich gegeben hat. Nach einer starken und vielleicht doch nicht genugsamen Subtraktion habe ich so viel für mich daraus gezogen, dass man mir zutraute, dass ich in Zukunft bessere Stücke zu liefern im Stand sein würde. Ich habe den Versuch gemacht, und um nicht stets lustig in der Welt zu erscheinen, sammelte ich eben zu der Zeit einen Vorrat von moralischen, zärtlichen und scherzhaften Gedichten zusammen, um ihm dem Druck zu überlassen, als mir der Herr Verleger dieser Blätter meldete, dass er gesonnen wäre, sie neu auflegen zu lassen, und dass er es gern sehen würde, wenn ich die Anzahl dieser Stücke wenigstens um die Hälfte vermehren wollte.
Um einem solchen Vorschlage, den selbst die Mannspersonen nicht übel aufzunehmen pflegen, ein Genüge zu leisten, nahm ich die kleinen Scherze, die ich noch vorrätig hatte, zusammen, veränderte sie nach meinem Gutdünken, und so entstand diese Sammlung, die ich hiermit meinen Lesern vorzulegen die Ehre habe.
Ich habe mich teils durch Lesen und Nachdenken, teils durch die Mitteilung meiner Handschriften an Freunde, die Kenner der Dichtkunst sind und mir zu vielen Änderungen Anlass gaben, in den Stand zu setzen gesucht, meinen gütigen Lesern zum andern Mal zu gefallen. Wie vergnügt würde ich sein, wenn man mir im Ernst sagen könnte, dass ich meine Absicht erreicht hätte. […]
Altona, den 4. November 1752
J.Ch. Unzerin, geb. Zieglerin
Zu ernste Wissenschaftler sind schlechte Freunde
Mein Geschmack
Mich rührt kein finst’rer Weiser,
Der seine Stirn beständig
Mit Falten überziehet,
Und der nur von Monaden,
Von andern schlechten Welten
und von der Seele Ursprung
In Rätseln mit mir redet.
Auch der nicht, der nur Zahlen,
Nie aber Scherz und Küsse
Quadrieret und cubieret,
Und der aus unserm Körper
Nur die Mechanik lernet.
Auch nicht der stolze Dummkopf,
Der immer disputieret;
Der unter Popens Schöpfen
Den ersten Rang verdiente,
Weil er sich selbst vergöttert
Und in sich selbst die Dummheit.
Der keine Pflicht sonst übet
Als solche, die in zwingen.
Der Dummkopf würde täglich
Um Küsse mit mir rechten
Und mich nur gar zu ofte
Mit Schreien übertäuben.
Soll mir ein Freund gefallen,
So muss er weislich denken;
Er muss die Wissenschaften
Verstehen und verehren,
Doch muss die ernste Weisheit
Nie sein Gesicht entstellen.
Er muss die frohen Scherze,
Doch feuerreiche Scherze,
Geprüfte, keusche Scherze,
in seinen Umgang mischen
und muss die süßen Triebe
Der Freundschaft in sich fühlen.
Ein solcher Freund ist Damis.
Gibt es auf dem Mond wohl auch Wein?
Gespräch von den Mondbürgern
Jüngst fragt‘ ich einen Weisen,
Der denkt wie Fontenelle,
Was seine Meinung wäre?
Ob er’s im Ernste glaubte,
Dass dort in jenen Kugeln,
Die in den Lüften glänzen,
Auch solche Menschen wohnten,
wie ich und meine Schwestern?
Liebt man in jenen Welten
Die Weisheit, die ihr liebet?
Wird man auch Schlüsse machen
und gründlich demonstrieren?
Wird auch, auf ihren Bergen,
Ein Weiser uns entdecken
Und schließen, dass wir wirklich?
Ja! sprach er, ganz mit Freuden,
Und wollte mir’s erweisen.
Er häufte viele Schlüsse
und machte dabei Mienen,
So ernsthaft und so mürrisch,
Dass ich bei seinen Mienen
An unsern Küster dachte.
Da sprach ich: Lieber Lehrer!
Ich will dir alles glauben,
Lass mich nur weiter fragen:
Sind auch im Monde Gleime?
Liebt man auch grüne Hecken
Und schatticht grüne Wälder?
Find’t man auch treue Freunde,
Die, wenn der kalte Winter
Auf Berge und in Täler
Sein stäubend Silber streuet,
Mit lustigen Gesprächen
Die lange Zeit verkürzen?
Und leert man dann auch Gläser
Mit schönem frischen Moste?
Sind dort auch art’ge Schwestern?
Und denken sie auch weislich,
Wie uns’re besten Schönen?
Trinkt Doris in dem Monde
Das Glas, so ich ihr fülle?
Und trinkt sie auch so ofte,
Als ich’s ihr werde füllen?
Denn wolt‘ ich wohl noch tauschen
Mit jenen fernen Welten.
Sind’s aber lauter Weise
Wie du, geliebter Lehrer!
So bleib‘ ich mit Vergnügen
Auf meinen itz’gen Wohnplatz
Und wähle mir die Stille
Und meines Freundes Küsse,
Womit er mich ergötzet
Und allen Gram vertreibet:
Denn leer‘ ich meinen Becher
Und lass‘ ihn wieder füllen;
So bin ich weit beglückter
Als Könige und Fürsten;
Und will nicht die beneiden,
Die dort in jenen Welten
Die Liebe nicht empfinden
Und bei der Weisheit dursten.
Die Dichter sind die besten Lebenslehrer
Denkmal der Dankbarkeit
Als ich, bei reifen Jahren,
In schönen Wissenschaften
Etwas zu lernen wünschte;
Fragt‘ ich einst einen Doctor,
Was ich wohl lernen sollte?
Gleich sprach er: Lerne Griechisch,
Die beste toter Sprachen!
Und wenn du sie gelernet,
So lern‘ auch zierlich Römisch;
Dann kannst du die Botanik
Und die Physik studieren.
Doch da ich viele Sprachen
Nie habe lernen wollen;
Verließ‘ ich meinen Doctor
Und ging zum Rechtsgelehrten.
Der sprach, mit heis’rer Stimme,
Ich sollt‘ ihm die Gebühren
Nur bald voraus bezahlen;
So lehrt er mich zu Rechten
Sieghaft zu disputieren.
Und, wenn ich gut bezahlte,
Vielleicht auch Advokieren!
Doch da mir seine Lunge
Sehr angefressen vorkam;
glaubt‘ ich sein nahes Ende
Möchte‘ uns bald unterbrechen;
Und ging zu einem Dichter.
Der lehrte mich, die Liebe
und guten Wein besingen:
Und als ich dies versuchte,
Blieb ich bei meinem Dichter
Und dank‘ ihm noch im Grabe,
dass er mich so gelehret.
Sogar die Sperlinge trinken Wein
Der neugefasste Entschluss
Oft hab‘ ich selber mich geplagt;
Oft hab‘ ich zu mir selbst gesagt:
Ich will nicht immer Scherze dichten,
Ich will erbau‘n und unterrichten.
Was sing‘ ich nun so lange schon
Wie Gleim und sein Anakreon
Vom Bacchus, den die Riesen flohn,
Und von der geilen Venus Sohn?
Wer ein entzückend‘ Lied will singen,
Der singe von erhab’nen Dingen;
Nicht von der Liebe Zauberei,
Nicht von der Schönheit Schmeichelei,
Nicht von den Scherzen und dem Lachen.
Ich sann demnach auf höh’re Sachen;
Ich wollte Flüche wider’s Lachen,
Ja, Herrnhuter Lieder machen:
Allein das gab erst was zu lachen!
Zur guten Stunde fiel mir ein,
Ich wollt‘ ein Fluchlied auf den Wein
Und alle, die ihn tränken, machen.
Wein, fing ich an, dich trinkt kein Tier.
Der Sperling? Ach! Den tadeln wir
Um mehr als eine solcher Sünden.
Was kann also der Mensch bei dir,
Du schadenhafter Weingott, finden?
Wahr ist’s! Dein Trank erweckt den Scherz,
Ernährt den Geist, erfreut das Herz,
Und lehrt die Spröden selbst empfinden.
Ihr mager’n Grillen hütet euch!
Denn Bacchus kann euch bald vertreiben – –
Zu meinem Glücke tat er’s gleich;
Sonst säß‘ ich noch, das wär‘ ein Streich!
Und wollte zur Erbauung schreiben.
Allein die Grillen floh’n; sogleich
Ließ ich das Unterrichten bleiben
Und will nun nichts als Scherze schreiben.
Nur Kinder spielen mit Puppen
Nachricht
Nun, da es Gleim im Scherz geschrieben,
Dass alle Mädchen Puppen wären;
Hält mancher uns im Ernst für Puppen,
Als wären wir für ihn gedrechselt.
Doch wisst, ihr stolzen Mädchenkenner,
Ihr kleinen Zwecke kleiner Puppen!
Als die Natur uns euch bestimmte,
Damit ihr mit uns spielen möchtet,
Sah sie euch an als kleine Kinder,
Die noch nicht unterscheiden können.
Frauen spielen mit Männer-Puppen
Frauenzimmerwissenschaften
Schwestern, die die Schönheit zieret!
Frönet nicht den Eitelkeiten,
Denket nicht, ob jeder Morgen
Eure Schönheit wird vermehren.
Trauet keinem falschen Spiegel,
Der euch stets nach Wunsche schmeichelt.
Wisst, die Schönheit wird vergehen,
Sie ist nur von kurzer Dauer.
Wenn der Jugend reges Feuer
Nicht mehr euer Blut erwärmet;
Oh! Dann sterben Aug‘ und Lippen.
Lippen, die zum Küssen reizen,
Und da erst recht feurig glühen,
Wenn sie Männerlippen küssten,
Werden nicht mehr küssen können.
Augen, die das Herz verrieten,
Wenn ihr regen Triebe fühltet,
Werden es alsdann verraten,
Dass das matte Herz erkaltet.
Wollt ihr aber noch im Alter,
Wenn der Jugend Reiz erstorben,
Doch der Männer Herzen rühren:
Oh! So sorgt nicht für die Schönheit:
Sorgt für das, was länger dauert,
Was kein Alter kann verderben!
Lernet mit den Männern zechen!
Lernt Pokale zierlich halten,
Lernt auch ganze Flaschen leeren!
Und vor allem lernt beizeiten
Mit den alten Männern spielen;
Denn wie sie, in ihrer Jugend,
uns als ihre Puppen halten,
Müssen wir, in ihrem Alter,
Wir, die ihre Puppen waren,
Ihre kalten Glieder wärmen,
Ihre lange Zeit verkürzen
Und mit unsern grauen Puppen
Tändeln, lachen, scherzen, spielen.
Wollt ihr alles dieses lernen;
Dann wird man euch, wenn das Alter
Euch der Liebe Lust versaget
Noch mit vollem Eifer ehren.
Ein Freigeist lehrt die wahre Weisheit in einem Tag
Beweis, dass eine Materie denken könne
Sind Sie nicht toll, dass Sie im Gellert lesen!
Sprach jüngst ein junger Herr zu mir.
Der Mann hat ja ein viel zu ernsthaft Wesen!
Sind wir denn nur zu seufzen hier?
Oh lesen Sie doch meine Poesien
Die übertreffen Gleimens Scherz!
Da finden Sie scherzhafte Elegien
Und keine Zeil‘ erreget Schmerz.
Selbst Hagedorn kann gegen mich nicht scherzen;
Liscow satirisiert so nicht.
Ich stichle nur, so bluten schon die Herzen
Weit stärker, als wenn Liscow sticht.
Belieben Sie, Philosophie zu wissen?
Weg mit dem Wolf und Fontenelle!
Mit Krügern fort! Und Meiern weggeschmissen!
Ich weiß der echten Weisheit Quell.
Die Weltweisheit, die ich mir selbst erfunden,
Stürzt jegliche Religion.
Ich lehre sie in vierundzwanzig Stunden.
Bei meiner Seel‘! Sie lachen schon?
Ja, sprach ich, Herr, die Männer alle fühlen
Im Traum sich mehr, als wachend Sie;
Ich glaub‘ also, es sei bloß Kinderspielen
Mit meines Herrn Philosophie.
Sie denken nicht, wie’s andre Menschen nehmen;
Doch denken Sie: Denn Meier spricht,
Dass jedes Tier denkt. Oh! er soll sich schämen:
Jetzt wird sein Lehrgebäu‘ zernicht!
Er sagt, dass Geister nur philosophieren:
Er sei ein Geist. Und Sie alsdenn?
Entweder fällt sein Lehrgebäu‘ von Tieren;
Sonst denken auch Materien!
Demonstrieren ist nicht schwerer als Quadrille spielen
Beweis, dass des Menschen Seele nicht im Blute sei
Beweise führen ist wahrhaftig nicht so schwer,
Als manche großen Geister glauben.
Man setz‘ ein Ding, das ganz unmöglich wär‘;
So kommt ein Mann, der Herr Magister, her,
Und setzt das gute Ding auf Schrauben
Und bringt euch den Beweis daher:
Und er, Herr Wolf, wird mir’s erlauben,
Beweist gewiss so gut, als er.
Ich, die ich sonst das Demonstrieren
Für schwerer als Quadrille hielt,
Weiß jetzt, in kurzer Zeit, Beweise durchzuführen,
Die wahrlich! niemand fasst, wer gleich Quadrille spielt:
Ich will das Urteil jetzt dem Leser überlassen.
Ja, Freund, sprich selbst, ist der Beweise nicht recht?
Der Herr von X. spielt in der Tat nicht schlecht:
Allein er wird ihn doch nicht fassen.
Er fragt sich: Ist des Menschen Seel‘ im Blut?
Ich sage: Blut ist nicht die Seele.
Ist mein Beweis nicht bündig, kurz und gut?
Denn das ist wahr, was ich erzähle:
Der Herr von X. hat tapf’rer Ahnen Blut
Und doch nicht tapf‘rer Ahnen Seele.
Die wahre Philosophin spricht nicht in Rätseln und verneint nicht aus Prinzip
Der wahre Gebrauch der Wissenschaften
Sollt‘ ich, um gelehrt zu scheinen,
Alles, was man spricht, verneinen?
And’rer Menschen Fehler rächen?
Selbst in lauter Rätseln sprechen?
Meine Rätsel scharf bedingen
Und in Zirkelformen bringen?
Oder sollt‘ ich Dunsen gleichen?
Und mit Wolfs Verbindungszeichen,
Mit der Schulgelehrten Sätzen
Freunde suchen zu ergetzen?
Nein! Die wahre Kunst zu schließen,
Die nur wahre Weise wissen,
Und die wahre Kunst zu leben
Ist uns nicht im Zorn gegeben
Und bewohnet nicht die Köpfe
So verächtlicher Geschöpfe.
Um die Weisheit zu verehren,
Richt‘ ich mich nach ihren Lehren,
Durch Verstand und weise Lehren
Stets mein Glücke zu vermehren.
Und des Lebens zu genießen,
Will ich scherzen, lachen, küssen.
Die Poeten predigen Wein und dürsten doch
Der Hund und der Affe. Ein Gespräch
Der Hund.
Wenn unser Herr zu Tische sitzt;
So trinkt er was, wie wir,
Das ist kein Wasser: Denn es hitzt,
Und dann gäb‘ er’s auch mir.
Man sieht, dass ihm das Zeug nicht nützt,
Er taumelt drauf und ächzt und schwitzt.
Was ist das? Sage mir.
Der Affe.
Sieh, dummes Tier, das nennt man Wein.
Den trinkt er, um gelehrt zu sein,
Jedweden Tag, Jahraus, Jahrein.
Das Wasser saufen wir
Und bleiben dumm dafür.
Wir saufen, dass der Durst vergeht,
Er, dass er ihn vermehrt,
Und weder sicher sitzt noch steht
Und nichts mehr sieht und nichts mehr hört.
Dies tut er, wie die Rede geht,
Weil dursten macht gelehrt:
Der wer sehr dürst’t, heißt ein Poet,
Das ist ein Herr, der viel versteht,
Ein Amt hat; dass er betteln geht
und and’re dursten lehrt.
Verschwiegene Verse machen krank
Von Krankheiten der Dichter
Ein Dichter kam zum Doktor
Und bat, ihm, vor die Ohnmacht,
Vor Drücken auf dem Herzen
Und wechselweisen Schauer
Ein Gläschen zu verordnen.
Der Arzt, der erst die Ursach‘
Der Krankheiten wissen wollte,
Fragt‘ den bedrängten Dichter:
Mein Freund, habt ihr seit kurzem
Wohl ein Gedicht verfertigt,
Und habt ihr wohl die Verse
Noch niemand vorgelesen?
Traun! Sprach der frohe Kranke,
Ein Dutzend Elegien
Hat niemand hören mögen.
Könnt‘ ich sie denn nicht hören?
Erwiderte der Doktor;
Nicht, um darin die Krankheit
Wie im Urin zu sehen;
Denn diese Kunst für Dichter,
So sehr sie möglich wäre,
Ist noch nicht ganz erfunden;
Nein! Um sie nur zu hören,
Weil ich die Verse liebe.
Gleich griff er in die Tasche
Und las die Elegien,
Und die verwünschte Ohnmacht,
Das Drücken auf dem Herzen
Und wechselsweise Schauern
Sind seit der Zeit verschwunden.
Ihr Dichter merkt die Lehre:
Das Drücken auf dem Herzen,
Die Winde, nebst der Ohnmacht
Und wechselsweise Schauern,
Das sind verhalt’ne Verse.
Die Dichterin wird von Homer belästigt
An Herrn Blohm
Der vor zweitausend Jahren lebte,
Und den ersung’nen Ruhm zu spät für sich empfing,
Homer, der, wenn er flog, in grausen Höhen schwebte,
Doch wenn er nieder kam und an zu wandeln fing,
In sieben Städten betteln ging
und seine Tempel nicht erlebte;
Homer, dem tausend Heldentaten
Nachbildend, besser noch, als der Natur geraten,
Und dessen göttlicher Gesang
Von dem, der solch ein Heer, zehn ganze Jahre lang,
Versuchtem, doch zuletzt erschlich’nem Untergang
Des Städtchens Troja bis zu uns herüber klang:
Dein Dichter, dein Homer, ist mir im Traum erschienen.
Er sah aus wie Ulyss, als er vom langen Gram
Und Unglück abgezehrt, umhangen mit Ruinen
Verbrauchter Kleider, einst nach Hause wiederkam.
Du Übersetzer des Homer
Errate mir einmal, du kennst ihn doch so sehr
Und weißt ihm, was er schrieb, so glücklich nachzuschreiben:
Was mochte wohl den Dichter treiben
Bei meinem Bette steh’n zu bleiben?
Doch das errätst du nimmermehr.
Wer führt euch Bettler doch hierher?
Kann man denn auch nicht nachts unangefochten bleiben?
So sprach ich trotzig zum Homer.
Ich bitte dich für mich zu schreiben,
Ich bin Homer! Erwidert er.
Man lobt mich jetzt so viel, man tadelt mich so sehr,
Ich kann im Grab nicht ruhig bleiben.
Oh! Sprach ich, lieber Freund, ich kann für dich nicht schreiben:
Dein Tadel und dein Lob ist beides mir zu schwer:
Doch bist du in der Tat Homer:
So kannst du immer ruhig bleiben:
Denn Blohm wird deinen Ruhm von Neuem höher treiben,
Durch ihn wirst du dir selbst ein neues Loblied schreiben,
Das Tadeln wird bald unterbleiben.
Die Dichterin trickst Charon aus
Projekt wegen der Unsterblichkeit
Im Taumel entzückender Freuden
Und niedergerissen vom Wein
Denk ich dereinst von hinnen zu scheiden
Und Charon willkommen zu sein.
Wie wird‘ ich dem Alten gefallen!
Ich will ihn betrinken in Wein,
Die Lieder Anakreons lallen
Und Evan und Evoe schrei’n.
Wird er nun die Sinne verlieren
Und schlummert er sorglos ein;
So will ich den Toren entführen
Und führ‘ ihn nach Lappland hinein.
Nichts habt ihr dann mehr zu verlieren,
Ihr Enkel! Das Geistreich geht ein.
Ist niemand da zu überführen;
So kann denn auch niemand hinein.
So wird‘ ich Unsterblichkeit wirken,
Und, Nachwelt! Mir dank‘ es allein,
Wenn von den chimär’schen Bezirken
Mein Tod dein Erretter wird sein.
Du zweifelst, das Schicksal zu meiden?
Du stirbst auch wohl wirklich: Allein
Das tust du nur, um mich zu beneiden
Und hierinnen mir ähnlich zu sein.
Warum man die Weisen nicht bekehren kann
Lob der Torheit
Wenn so viel Menschen weise wären
Als Toren jetzt auf Erden sind;
Sie würden doch einander lehren
Und gleichfalls suchen zu bekehren,
Als wenn sie noch die Toren wären,
Die sie anjetzt sind.
Wer wollt‘ also im Ernst begehren,
Dass so viel and’re Toren wären:
Da die, so jetzt sich bekehren,
Ganz gute Toren sind?
Weisheit kann blind machen
Der Philosoph
Ein Muster tiefgelehrter Weisen,
Der, wenn man seinen Abriss nahm,
Dem Klim glich, der vom weiten Reisen
Verstört nach Bergen wieder kam.
Ein Käfig weiser Schwermutsgründe,
Der, was der dachte, was er sprach,
Nur dacht‘ und sprach‘, das er’s verstünde,
Denn niemand anders fragt danach.
Der kam mir in der Straß‘ entgegen
Und seine Mienen sprachen: Ich,
Ich bin das Licht der Welt : Deswegen
Erleucht‘ ich alle Welt durch mich.
Ich könnt’ es ihm zur Not erlauben,
Zu glauben, dass er weise wär‘:
Doch sich der Welt was nütz‘ zu glauben,
Nein! Das erlaub‘ ich nimmermehr.
Er gleicht dem Blinden nach dem Leben,
Der bloß sein Licht trug, ihn zu seh’n,
Um dadurch zu versteh’n zu geben,
Man müss‘ ihm aus dem Wege geh’n.
Die Dichterin kalkuliert ihren Nachruhm
Wahl der Geschäfte
Könnt‘ ich an lichtbedürft’gen Sätzen
Der dunkeln Metaphysik-Schätzen
Und schweren Worten mich ergötzen;
So priese mancher mich beglückt.
Da würd‘ ich viel Beweise schreiben,
Viel Gegner in die Enge treiben
Und keinem etwas schuldig bleiben,
Der mein Systema mir verrückt.
Wie in den Lüften Falken siegen,
Wenn sie die Raublust zu vergnügen
Mit Krähen oder Tauben kriegen,
Würd’ ich durch öftern Sieg beglückt:
Doch könnt‘ ich wohl mit eiteln Siegen
Im Schulgefecht und Wörterkriegen
Des Herzens Forderungen vergnügen,
Das ein viel besser Sieg entzückt?
Könnt‘ ich mit strengen Sittenlehren
Die Torheitsvolle Welt belehren,
Der Weisen Toren Zahl zu mehren;
So würd‘ ich sehr erbaulich sein;
So würd‘ ich alle Menschen hassen,
Die sich den Freuden überlassen.
Ihr sollt und müsst euch bessern lassen!
So würd‘ ich zu den Leuten schrei’n.
Und wie, die Heiden zu bekehren,
Viel kleine Haufen Missionaren
In Indien geheim verkehren,
So ging ich in die Welt hinein:
Doch würd‘ ich mit dem Sittenrichten
Der Menschen Torheit wohl vernichten?
Gehört es auch zu unsern Pflichten
Die Welt von Toren zu befrei’n?
Wenn mir die Bahnen jener Sphären
Aus den Gesetzen ihrer Sphären
Bekannter noch als Eulern wären,
Das wär‘ ein großer Ruhm für mich.
Da würd‘ ich durch den Weltbau schweifen,
Viel sehen, wenig nur begreifen:
Doch Zahlen, Zahlen würd‘ ich häufen,
Die niemand übersäh‘ als ich.
Wie in der Sonn‘, auf wüsten Höhen,
Den Schutzgeist, der sie pflegt zu drehen,
Der blinde Milton einst gesehen;
So säh‘ man in dem Monde mich:
Allein, könnt‘ ich in jenen Fernen
Wohl den Genuss des Lebens lernen?
Und wer wär‘ oben bei den Sternen
Mir wohl entlegener, als ich?
Wenn Dichter, aber unter diesen
Nur weise, mir das Glück erwiesen
Und meine kleinen Lieder priesen;
So wär‘ ich schon belohnt genug.;
So könnt’ ich in der Hoffnung dichten,
Die Welt noch einst zu unterrichten,
Und säng‘ alsdenn der Menschen Pflichten
Und dächt‘ auf ihre Besserung.
Wie Lehrer, die sich würdig finden,
Das Herz mit Andacht zu entzünden,
Den Beifall auf ihr Anseh’n gründen,
Wär‘ ich zu strafen stolz genug:
Doch sollt‘ ich jetzt, in Jugend Proben,
Die Tugend ohne Beifall loben?
Nein. Aber Lieb‘ und Wein zu loben,
Hat meine Jugend Anseh’n genug.
Nur dich, oh Liebe, zu besingen,
Cytheren von verliebten Dingen
Ein sanft entzückend Lied zu singen:
Nur dazu bin ich aufgelegt.
Ihr will ich, hinter dichten Hecken,
Des Liebsten Namen schlau entdecken,
Schlau, bis er kommt, mich zu erschrecken,
Und selbst nach seinem Namen frägt.
Denn flieh‘ ich, wie Horaz berichtet,
Dass einst ein Mädchen ihm entflüchtet,
Die durch ihr Lachen unterrichtet,
Wo sie sich zu verstecken pflegt.
Und wird man dann sein Aug‘ erblicken;
So soll ihn meine Furcht entzücken;
So will ich meinen Zorn ersticken:
Damit er neuen Zorn erregt.
Und dich, den Helden nie bezwingen,
Durch die die Lieder mir gelingen;
Auch dich, oh Weingott, will ich singen;
Wenn mich ein Freudentrank erquickt.
Euch beiden will ich mich verschreiben,
Ihr sollt, und nichts kann’s hintertreiben,
Stets meine Wissenschaften bleiben,
Mein Ruhm und das, was mich beglückt.
Ich eile schnell zu Charons Nachen.
Auf dieser Wallfahrt will ich lachen,
So oft Empfindungen erwachen,
Die ihr uns die die Herzen schickt.
Wird dann, nach bald vergrünten Jahren,
Der Graubart mich hinüber fahren;
So werde ich tausend Seufzer sparen,
Die mancher dort zurücke schickt.
Auch ein kleiner Mund kann viel schlucken
An Herrn Professor Krügern, in Helmstädt
Freund, dass du weise bist, ist allen Leuten kund:
Das hast du der Natur zu danken;
Die gab Dir einen Geist zu wichtigen Gedanken.
Doch mir gab die Natur nur einen kleinen Mund:
Und gleichwohl kann ich mich damit zu Boden trinken,
Und dich dazu, versuch‘ es nur!
Ich bin ein schwaches Weib und will die letzte sinken;
Wenn du schon schläfst, will ich noch trinken:
Und also übertreff‘ ich die Natur.
Was sucht dein starrer Blick dort oben in den Sternen?
Was kannst du vom Saturnus lernen?
Zum Höchsten das, dass dort der Wein,
In seinen Fässern tief verfroren,
Weit feuriger als uns’rer müsse sein.
Allein was nutzt Dir jeder Wein?
Denn wenigstens hab‘ ich die Hoffnung längst verloren,
Einst dort mit Dir auf einen Schmaus zu sein.
Bedeckt vom himmlischen Gewölbe,
Ganz unbesorgt um des bewohnten Irrsterns Lauf;
Sanft schwimmend auf der breiten Elbe,
Ganz unbesorgt um ihren weiter’n Lauf;
Umgeben von donnernden Schiffen,
Ganz unbesorgt um ihren kühnen Lauf;
Sitz‘ ich, vertieft in Begriffen,
Auf einem der prächtigsten Schiffen
Und sinn‘ und denk‘ allein darauf:
Wenn mich der Wein von meinem Sitze trennt,
Woran ich mich wohl halten könnte?
Dein Ruhm bringt dich noch zeitig g’nug ins Grab.
Und ist gleichwohl für dein Bemühen
Der Lohn, den Taten nach sich ziehen.
Doch nicht der Lohn, den mir der Himmel gab.
Er war gelehrt! So wird von Dir
Dereinst die späte Nachwelt sagen.
Doch ich, und hierin folge mir,
Ich wünsche diesen Ruhm niemals davon zu tragen.
Genossest Du nicht Deines Lebens,
So ist der Ruhm von Deiner Wissenschaft
Bei allen Enkeln mangelhaft,
und Du hoffst, nach dem Tod, ein dauernd‘ Lob vergebens.
Wer einstens diese Lieder liest,
Wird mir gewiss den Nachruhm geben:
Dies Mädchen suchte, sich zu leben,
Und war weit mehr, als Krüger ist.
Und gleichwohl wird auf meinem Leichenstein
Das Wort nur steh’n, das sich auf seinen Leichenstein
Dereinst ein Bacchus-Freund mit Recht hat lassen geben;
Es wird das eine Wort nur sein:
Wein! Wein! Wein! Wein! Wein! Wein! Wein! Wein!
Das soll auf meinem Leichenstein
So viel Mal stehen, als Platz dazu wird sein.
Die Scherzdichterin findet Nachahmer
Vorbericht
Eine Vorrede zu dieser kleinen Sammlung dürfte daher ganz überflüssig scheinen. Vielleicht aber könnte ich in derselben eine Verteidigung meiner Bemühungen selbst anbringen? Es ist wahr. Aber es ist auch überflüssig. Dasjenige zärtliche und aufgeweckte Frauenzimmer, welches uns erst neulich die Scherzhaften Lieder mitgeteilt, hat mich gereizt, diese Blätter ohne die allergeringste Verteidigung dem billigen Urteil der Welt zu übergeben. […] Die scherzhafte Dichterin, auf die ich mich berufe, hat in ihrem Vorbericht alles gesagt, was ich hier sonst sagen wollte.
Die Scherzdichterin findet Nachfolgerinnen
So angenehm fließt unser Leben,
Wir widmen jeden Tag der Lust,
Die Weisheit, Lieb‘ und Dichtkunst geben,
Und weih’n der Tugend uns’re Brust.
Gleim, Hagedorn und Haller führen
Uns munter durch die Fluren hin.
Und, wenn die Lehrer schweigen, rühren
Uns Wieland und die Unzerin.
Homer wird neidisch
Und sieben Städte führten Kriege
Und jede stritt für deine Wiege,
Homer, dein Schicksal jammert mich.
Du lebst, du singst, man lässt dich schmachten;
Du stirbst, man liest dich, waget Schlachten,
Setzt die Altär‘ und lobet dich.
[…] Mehr wär’s, wenn Sappho ihn gepriesen,
Als wenn sich Typhon mit dem Riesen
Um seinen Ruhm mit Zeus gezankt;
Ja, würdigte sie ihn zu nennen,
Er hätt‘ Altär‘ entbehren können,
Und Poppe hätt‘ es ihr verdankt.
Wie reizt dein Lied! Mit deiner Ehre,
Freund, tauscht ich? Wann sich auch die Sphäre,
Nicht tauscht‘ ich, müd‘ um dich getobt.
Ein Glück, Freund, das du nie erreichtest,
Die deutsche Muse – wie du weichest,
Dir wich ich, wenn sie dich gelobt.
[…] Je weniger Menschen zu denken gewohnt sind, je weniger die Vorzüge des Geistes kennen und je mehrere sich bemühen glücklich zu sein, ohne weise zu werden, da doch die Weisheit die Wissenschaft der Glückseligkeit ist, je mehr die meisten Menschen bloß ihren Neigungen folgen, ohne die Kräfte der Seele zu bearbeiten, desto höher sind diejenigen zu schätzen, welche sich durch Verstand und Tugend über andere ihresgleichen erheben. Man hat zu dem Ende gewisse äußerlicher Kennzeichen der Ehre erwählt, bei deren Stiftung die Absicht gewesen, dass die Belohnungen der Vorzüge des Geistes und Triebfedern zu rühmlichen Bemühungen sein sollen. Lange Zeit hat man geglaubt, dass das schöne Geschlecht hiervon gänzlich auszuschließen wäre. Eine raue Gemütsart unserer Väter hat ihnen lauter Beschäftigungen mit Kleinigkeiten angewiesen; und die Grausamkeit gegen die Hälfte des menschlichen Geschlechts so weit getrieben, dass sie dem Frauenzimmer sogar das Vermögen abgesprochen, es den Männern in Werken des Verstandes und des Witzes gleichzutun. Unbilliges Urteil, da man Richter und Partei ist! Ungegründete Beschuldigung, die durch so viele Beispiele gelehrter Frauenzimmer widerlegt wird! Indessen muss man es gestehen, dass sich die meisten gelehrten Frauenzimmer mehr durch Proben des Witzes bekanntgemacht haben, als dass sie die ihnen von der Natur verliehene männliche Stärke der Urteilungskraft in der Weltweisheit hätten an den Tag legen können.
Doch ich irre. Ich erkenne meinen Irrtum und widerlege mich selbst. Denn ich habe das Vergnügen, die Hochedelgeborene Frau Johanne Charlotte Unzerin geborene Zieglerin unter denen zu erblicken, welche durch unverwerfliche Proben dargetan haben, dass das schöne Geschlecht uns Mannspersonen weder an Stärke des Witzes noch des Verstandes etwas nachgebe, wenn es sich die Mühe nimmt, die Kräfte des Geistes zu bearbeiten. Allen Schein einer Schmeichelei oder Vergrößerung, welche meine nahe Verwandtschaft mit dieser Person veranlassen könnte, vernichten die Schriften, welche sie der Welt vor Augen gelegt hat. Ihre Scherzgedichte, wovon in diesem Jahre die zweite und vermehrte Auflage herausgekommen, nebst den vortrefflichen Gedichten, welche sich von ihr in den Hamburgischen Beiträgen zu den Werken des Witzes und dem Wochenblatte Der Christ bei den Gräbern befinden, bezeigen, dass sie eben so sinnreich und scherzhaft als feurig, edel und erhaben zu dichten vermögend sei. Diese Gedichte wären allein hinreichend gewesen, ihr den Lorbeerkranz zu erwerben, wie sie denn auch um derselben willen aus eigener Bewegung von der Königl. Grosbrittannischen Deutschen Gesellschaft zu Göttingen und der Herzoglich Braunschweig-Lüneburgischen zu Helmstädt in die Zahl ihrer Mitglieder aufgenommen worden. Allen sie wollte auch zeigen, dass ein Frauenzimmer die ernsthaftesten Lehren der Weltweisheit zu begreifen und zu beurteilen fähig sei; sie wollte zeigen, dass es in Deutschland nicht nur Philosophen, sondern auch Philosophinnen gebe; sie schrieb also auf mein Anraten eine Weltweisheit für Frauenzimmer, welche in zwei Teilen die Vernunftlehre, Metaphysik, Historie der Natur und Naturlehre mit ebenso viel Gründlichkeit als Annehmlichkeit vorträgt. […]
Die Dichterin dichtet vor allem für sich (und ein wenig für den Nachruhm)
Der Nachruhm, eine Ode
[…]
Doch ach! wie selten ist das Glück,
Nach seinem Tode groß zu bleiben.
Das unerbittliche Geschick
Löscht aller Namen aus, die mittelmäßig schreiben.
Kaum hat der Tod den Leib zerstört;
So flieht die namenlose Seele
In die dem Ruf verborg’ne Höhle,
Die der Vergessenheit gehört,
Wo mancher Tor, der hier sich groß geschrieben
Im Schoß der Nacht ganz klein ist liegenblieben.
Wie sparsam sind im Altertum,
Das fruchtbar hieß an großen Seelen,
Die Wesen, deren später Ruhm
Auf unsern Ehrgeiz wirkt, zu Mustern sie zu wählen;
Wie wen’ge Wunder unsrer Zeit
Wird noch die nächste Nachwelt nennen:
Wie wen’ge werden dauern können,
Bis ihren Ruhm ihr Tod zerstreut!
Wie werden sie mit mattem Ehrgeiz streben,
Das stets zu sein, was sie selbst überleben!
Mein Krüger, den so lange schon
Die Weisheit und die Tugend kennen,
Wie teu’r erwarbst Du Dir den Lohn,
Dass dich die Nachwelt stets bewund’rungsvoll wird nennen!
Mit welchem Eifer hat Dein Geist
Der Wissenschaften Bahn durchdrungen!
Durch wieviel Fleiß ist Dir’s gelungen,
Dass Dich die Welt unsterblich preist!
Doch ich, mit der einst ihre Lieder sterben,
Wie könnt‘ ich mir ein dauernd‘ Lob erwerben?
Mich reizt, seit manchen Jahren schon,
Der Trieb, den ich noch nicht bereue,
Dass ich, ohn‘ Absicht auf den Lohn,
Mir meiner Jugend Pfad mit Blumen überstreue.
Vielleicht verblüh’n in kurzer Zeit
Die Zeugen meines Daseins wieder:
Vielleicht sind meine kleinen Lieder
Auch Opfer der Vergessenheit.
Jedoch, ihr Zweck, mein Leben zu versüßen,
Ist schon erreicht: Die Nachwelt kann sie missen.
Die Dichterin sucht sympathetische Leserinnen
Vorrede
Diese Sammlung enthält die Versuche, die ich bisher in der ernsthaften Dichtkunst gemacht habe. Mein Glück, meine Auferziehung, Umstände und Begebenheiten haben mich sehr jung ernsthaft gewöhnt, und ich kann aufrichtig versichern, dass Scherze gewiss aus keiner anderen Ursache meine ersten Gedichte gewesen sind, weil es die leichtesten Übungen in der Dichtkunst, oder soll ich lieber sagen – diejenigen sind, die sich am leichtesten Beifall erwerben. Um deswillen fürchte ich wegen dieser Versuche weit mehr, ob ich gleich im Herzen besser damit zufrieden bin als mit meinen Scherzen. Dieses gilt besonders von den sittlichen Gedichten, welche man hin und wieder hier antreffen wird. Es ist leicht möglich, dass ich dadurch den gütigen Beifall wieder verliere, den man sonst meinen geringen Arbeiten in der Hoffnung gegeben hat, dass ich mich desselben mit der Zeit würdiger machen werde. Ich befürchtete dieses nicht bloß deswegen, weil sie ernsthaft sind oder weil die Tugend, wie der Glaube, nicht jedermann Ding wäre; sondern weil man gewohnt ist, dergleichen Gedichte weit strenger zu beurteilen als zärtliche und scherzhafte Lieder. Der Ernst muss durch das Erhabene rühren, gleichwie die Zärtlichkeit durch Unschuld und Natur und der Scherz durch sein Feuer. Gott, die Glückseligkeit, die Tugend, die Schöpfung, das Schicksal auf eine niedrige Art zu rühmen oder den pathetischen Tod kriechend zu verachten, das heißt ebenso viel, als große Sachen ungeschickt ins Kleine bringen. Es wird mich nicht wundern, wenn ich in den sittlichen Gedichten dergleichen Fehler begangen haben sollte. Es gehört viel Einsicht zu wichtigen Unternehmungen. Vielleicht beweisen meine Proben, dass ich sie nicht besitze. Ich wollte doch aber Versuche nicht unterdrücken, woraus man sehen kann, dass ich sie zu besitzen wünsche.
Die Sitten sind ihrer Natur nach verschieden und die Sittenlehren in Absicht der Form, in die sie gebildet werden. Es gibt Pflichten gegen Gott, gegen sich selbst und andere. Man wird finden, dass alle Stücke dieser Sammlung, die man als sittliche betrachten muss, zu einer von diesen Klassen gezählt werden können. In Absicht der Form hat man Lehrgedichte, Fabeln, Stachelschriften und dergleichen. An diese Verschiedenheit der Einkleidungen habe ich mich nicht gekehrt. Man wird so gütig sein und sich bei der Beurteilung bloß an den Inhalt und die Gegenstände halten.
Die zärtlichen Gedichte dieser Sammlung drücken eine sanfte Gemütsbewegung aus, die der Menschlichkeit Ehre bringt. Es gibt eine trauernde und eine lächelnde Zärtlichkeit. Von beiden wird man hier Proben finden. Der Charakter sowohl der ersten als der letzteren ist, dass sie die Sprache des Herzens reden sollen. Es gibt nur gewisse seltene Stunden, worin man dies Sprache spreche und worin man sie anhören mag. Außer dem pflegen dergleichen Gedichte wenig Wirkung zu tun; und ich weiß nicht, ob ich sehr irre, wenn ich glauben, dass würdige Leser zärtlicher Gedichte ganz ungemein rar sind. Gemeiniglich erwartet man in Gedichten einen funkelnden Witz: Die zärtlichen Stücke dürfen aber, wie ich glaube, nicht durch Witz rühren, es müsste ihn den das Herz sprechen. Daher kommt es, dass dem Leser, der nur das Feuer des Witzes sucht, die gelinde Wärme oder das sanfte Licht, wodurch sich die Zärtlichkeit unterschiedet, matt und kraftlos zu sein scheint. Nur allein in den anmutigen Stunden, da das Herz geneigt ist, mit sich selbst zu sprechen, da es von seiner eigenen Wärme zerfließen will; kurz, in den Schäferstunden des Herzens, wenn ich so sagen darf, ist man imstande, Schönheiten in zärtlichen Liedern zu finden, wenn anders Schönheiten darin zu finden sind. In dergleichen Stunden sind diejenigen Stücke verfertigt worden, die ich als zärtliche Gedichte dieser Sammlung einverleibt habe. Eben diese Stunden bitten sie sich bei ihren Lesern aus, und dann werden sie entweder rühren: Oder mein Herz hat sich in das Silbenmaß nicht recht schicken können. […]
Geschrieben Altona, den 16. August 1753
Die Dichterin blickt dem Tod ins leibliche Auge
Gedanken über die Verwesung
Es kommt ein Tag. den fühlt das Herz vorher,
Wenn der mir kommt: So folgt ihm keiner mehr;
So wird mein Geist, verhüllt in Finsternissen,
Den sanften Reiz des milden Lichts vermissen;
So lässt die Zeit, die mich ans Grab gebracht,
Mich hinter sich in einer langen Nacht.
Den bangen Tag, der schon die Flügel schwinget,
Dem die Natur mit Angst entgegen ringet,
Den kommenden, gewissen Todestag
Droht jedes Jetzt, meld’t jeder Stundenschlag.
Mit mächtigen, unaufgehalt’nen Schritten
Sucht mich mein Tod und spottet meiner Bitten;
Und wie, wenn oft ein losgebroch’ner Süd
Vorm dunklen Heer von Donnerwolken zieht,
Der, bis er sie zum schweren Wetter sammelt,
Zuvor im Sturm gebroch’ne Donner stammelt:
So melden mir die Ahnungen den Tod,
Der schrecklich würgt und schrecklicher noch droht.
Du wilder Feind vom menschlichen Geschlechte,
sei stolz darauf und rühm’ dich deiner Rechte.
Erscheine mir und stelle dich zuvor
Den tränenden, bedräuten Augen vor.
Ich will dich seh’n, wie ich dich einst empfinde,
Abscheulicher, schandbarer Sohn der Sünde!
Wenn dermaleinst der Wangen Glut erstickt,
Das Auge bricht, das in die Zukunft blickt,
Und, von der Kraft der Leidenschaft verlassen,
Das müde Herz nun ruht; wenn im Erblassen
sich dies Gesicht, worauf die Seele wohnt,
Dereinst entstellt, kein Liebreiz wird verschont,
Und die sonst wohl geordneten Gebärden
den leeren Tod, sonst nichts, bedeuten werden;
Wenn das Geblüt, das jetzt den Leib durchirrt
Und Wärme zeugt, steh’n und erkalten wird;
Wenn jeder Saft, der in den Nerven fließet
Und in das Fleisch Kraft und Empfindung gießet,
Woraus der Geist, durch uns verborg’ne Kraft
Begriffe wirkt und Wissenschaften schafft,
Wenn der versiegt und die Gedanken schwinden;
Kein Trieb mehr wacht, kein Hunger zum Empfinden;
Wenn über mir des Todes stille Nacht
Erdrückend zieht und mir kein Reiz mehr lacht:
Dann soll mein Leib, mein Mitgefährt‘ auf Erden,
Von mir getrennt und Asch und Moder werden.
Des Todes Kind, der Moder, schonet nicht
Das reizendste, das heiterste Gesicht,
Den schönsten Leib, mit zarter Haut umgeben,
Wo sichtbarlich sich blaue Adern heben,
Das weiche Fleisch, warm vom gesunden Blut,
Und keinen Reiz, wo manche stolz drauf tut,
Die, auf das Lob des Spiegels zu vermessen,
Sein strenges Recht auf diesen Tand vergessen.
Denn, wenn der Tod mit seiner starken Hand
Die Stolze fasst, den zarten Leib umspannt,
Und, ungeacht‘ der Zierde, der ihn schmücket,
Das Auge schließt, das rege Herz erdrücket;
So nimmt den Leib der Moder in sein Haus,
Und überzieht die schöne Haut mit Graus:
Sein Mund behaucht die unbeseelten Glieder,
Des Giftes Spur befleckt sie hin und wieder;
Das Angesicht verändert die Gestalt,
Und wird nunmehr des Abscheus Aufenthalt;
Der Lippen Blass wird dunkelblau bestrichen;
Der Wagen Rot ist ekelhaft verblichen;
Das Auge senkt sich tiefer noch hinein;
Der Sitz der Lust, die schöne Brust, geht ein;
Die Glieder sind erstarret und verzogen;
Die Hände steif, vom Krampfe krumm gebogen;
Und wird der Leib nur wenig Tage steh’n,
so seht ihr ihn bald faulen und vergeh’n.
Der Moder wird erst durch die Säfte schleichen,
Ihr feinster Dunst wird ein Geruch der Leichen,
Ihr gröb’rer Teil gärt auf, kämpft und zerfällt,
Nagt feindschaftlich am Fleisch, das ihn enthält,
Und löst gemach Fleisch, Adern, Nerven, Häute
Und Knochen auf, zu junger Würmer Beute.
Nach kurzem Kampf der sterbenden Natur
Zerfällt der Bau der schönen Wunderuhr,
Die Elemente treten aus dem Bunde,
Das Meisterwerk der Schöpfung geht zu Grunde.
Ein leichter Staub, den Gott der Erde nahm,
Legt sich zu der, von der er an mich kam:
So werd‘ ich Nichts, und selbst die Hand voll Erde
Verstäubt wohl eh, als ich vergessen werde,
Eh, als mein Freund, wenn ihm mein Bild erscheint,
Aus Gunst um mich die letzte Träne weint.
Oh Mensch! Ist dies die Absicht unsers Scheidens?
Ist dies der Lohn viel unverdienten Leidens?
Worauf du hoffst, wenn deine Tugend klagt,
Dass ihr die Welt den würd’gen Lohn versagt.
Tritt in dies Grab, nimm diese mürben Knochen,
Vom Wurm durchnagt und von der Zeit zerbrochen,
Nimm diesen Staub, den leichten Rest von dem,
Der einst dir gleich, dir ihm bald Ähnlichem:
Beschau die Welt, wo, in vergold’ten Zeiten,
Die Taten steh’n der hier verwesten Leichen;
Vergleich‘ einmal dies Herz und den Gewinn
Und sprich: Wo sinkt dann eine Hoffnung hin?
Der Glieder Bau, der regen Nerven Kräfte,
Der Adern Trieb, der Kreislauf ihrer Säfte,
Sind allzu fest mit unserm Geist vereint,
Den ihr Verlust zugleich zu töten scheint.
Doch, wenn er lebt, und, außer diesem Leibe,
Ein Wohnhaus find’t, dass er darinnen bleibe,
Bis ihn der Herr, der bei dem Fall der Welt
Ihn rufen wird, sein billig’s Urteil spreche,
Das Gute lohn‘, und die Verbrechen räche;
Ja, wenn er einst die lange Todesnacht
Einsiedlerisch bei unsrer Gruft durchwacht;
Wenn er vielleicht (dies hoffen viele Weisen)
Im weiten Meer des Raumes wagt zu reichen,
Und von der Zeit, da dieser Leib verwest,
Der Neugier folgt, die Erde bald verlässt
Und voll Begier, mehr Welten noch zu kennen,
Die Bahnen sucht, worin sie ewig rennen:
Wie kann ein Mensch dem Triebe widersteh’n,
Sich, wie er war, einst noch einmal zu seh’n?
Wie kann ihm wohl das Anschau’n jener Welten
Den werten Leib, der modern muss, vergelten?
Ein Mensch zu sein, rührt selbst des Weisen Brust,
Dies ist sein Rang, sein Ehrgeiz, seine Lust,
Und wen kann so der Geister Vorzug rühren,
Dass er drum wünscht die Menschheit zu verlieren?
Wie manchen, der der Engel Vorzug preist,
Schreckt, sterbend, doch bloß der Gedanke: Geist.
So sieht der Tod auf seiner schlimmsten Seite.
Die Menschheit selbst, die nimmt er sich zur Beute.
Dein großes Recht, grausamer Menschenfeind!
Entzieht uns das, was uns das Liebste scheint,
Und ein Verlust, den wir so schwer empfinden,
Ist dein Beruf und uns ein Lohn der Sünden.
Doch hört! Ein Mann, aus dem nur Weisheit spricht,
Verhöhnt den Tod und acht‘ des Leibes nicht.
Er glaubt, dass er viel freier denken würde,
Wenn nicht der Leib, des Geistes schwere Bürde,
Dem weisen Mann, der so viel denkt als er,
Ein hinderndes, beschwerlich’s Übel wär‘.
Er schenkt ihn gern der groben Erde wieder,
Und weiht dem Wurm die anerschaff’nen Glieder.
Unsorgsam, ob der Seele nicht vielleicht
Der Leib viel Stoff zu ihrem Denken reicht?
Gelüst‘ ihm schon nach einem neuen Leibe,
An den er glaubt, damit er auch was glaube.
Ihm gibt die Furcht nie den Gedanken ein,
Ob er auch wird der Überblieb’ne sein?
Ob nicht die Kunst verschied’ner Säft‘ und Sehnen
Den Geist sich fremd zu denken wird gewöhnen?
Genug, er weiß, ihm ist der Leib zur Last,
Er wünscht ihm schon die ewig lange Rast
Und ruft den Tod, dass er das Bündnis trenne,
Damit er bald ein Seraph‘ werden könne.
Er glaubt nicht mehr; er hält sich überführt,
Dass nach dem Tod er neu gekleidet wird,
Und dass ein Leib, von noch viel fein’rer Erde
Ihm alsobald zu Dienste stehen werde.
Er sei beglückt in seiner Einbildung!
Der künft’ge Tausch sei ihm schon gut genug;
Allein vielleicht dringt in der Todesstunde
Noch wohl ein Ach! aus dem erblassten Munde,
Wenn der Beweis den überzeugten Mann
Nicht mehr so leicht als jetzo trösten kann.
Vielleicht hat dann der wohlgezähmte Wille
Nicht so viel Lust nach jener neuen Hülle.
Im Tod erwacht manch‘ nie gefühlter Trieb,
Der lebenslang im tiefen Schlummer blieb!
Vielleicht wird dann noch dieser Leib gefallen,
Wenn er kaum kann die späte Liebe lallen.
Dein Leib, oh Mensch! ist nur für dich gebaut,
Dir war er recht, dir war er anvertraut,
Und deinem Geist als Mensch darin zu leben,
Ist er von Gott nach weisem Rat gegeben.
Kein and’rer Leib war so bequem für ihn,
Für ihn der best‘ ist ihm von Gott verlieh’n,
Und dächt’st du gleich ihn besser noch zu wählen:
Dein Witz ist falsch, dein Vorschlag würde fehlen.
Ja, lasst uns nur die Wahrheit eingesteh’n:
Des Leibes Tod, der Menschheit Untergeh’n
Ist der Natur und einem Trieb entgegen,
Den wir mit Lust in unserm Herzen hegen.
Hier gründet sich die Ahnung, die uns droht,
Hierauf beruht der Schrecken vor dem Tod,
Und alle Furcht, die wir so mächtig spüren,
Betrifft den Zwang, den Körper zu verlieren.
Wär‘ nicht ein Trost, der neue Hoffnung zeugt;
So wär‘ der Tod, was er dem Freigeist deucht,
Der Menschheit Ziel und ewiges Verderben;
So wird es selbst dem Weisen schwer zu sterben;
Und wie ein Blitz den Wand’rer fühllos macht,
So schreckt ihn einst die hoffnungslose Nacht:
Allein Gott spricht, und uns’re Triebe fordern:
Der Leib soll nicht stets in dem Grabe modern.
Es kommt ein Tag, da Welten untergeh’n
Und sich verstreu’n und da wir aufersteh’n:
Dann wird mein Leib, von dieser Haut umgeben,
Mit meinem Geist vereinigt wieder leben:
Dann wird, der war, derselbe wieder sein;
Der neue Mensch lebt und kennt sich vom Neu’n
Und fühlt, erstaunt, der jungen Menschheit Wesen
Und spricht erfreut: Der bin ich einst gewesen.
Wie nach dem Schlaf ein Jüngling sich gestärkt
und mutig fühlt, der Kräfte Zuwachs wirkt;
Den heit’ren Tag mit frohem Aug‘ erblicket,
Den Pfuhl verlässt, zu neuer Lust sich schicket.
Er denkt nicht mehr der vor’gen Müdigkeit,
Nicht mehr des Schlafs und der verlor’nen Zeit,
Nicht der Gefahr, nie wieder zu erwachen,
Und weiht den Tag den Freuden und dem Lachen:
So wird der Mensch, wenn nach der Todesnacht
Ein ew’ger Tag erscheint, und er erwacht,
Den neuen Reiz der Menschlichkeit empfinden,
Und herrlicher wird er sich wieder finden.
Die Dichterin verschläft sich
Die Unbeständigkeit
Erste Betrachtung
Oh! Wie schnell verändern sich
Glück und Ruhm und Freuden!
Nichts ist unveränderlich,
Was wir uns beneiden.
Keine Güter dieser Welt
Sind auf festen Grund gestellt:
Wir sind nur gemacht zu leiden.
Zweite Betrachtung
Oh! Wie schnell verändern sich
Unglück, Schmach und Leiden!
Dieser Trost beseligt mich:
Drum klag‘ ich bescheiden.
Keine Übel dieser Welt
Sind auf festen Grund gestellt:
Denn sie wechseln mit den Freuden
Dritte Betrachtung
Ziemlich schnell verändern sich
Traurigkeit und Freuden:
Aber nichts verändert mich,
Ich weiß nichts von beiden.
Ist mein Bett in dieser Welt
Nur auf festen Grund gestellt:
So verschlaf‘ ich Leid und Freuden.
Die Dichterin verliebt sich nicht im Scherz, sondern in der Wirklichkeit
An die Liebe
Liebe, die du mich belehret,
Wie man süße Lieder singt:
Liebe, die die Scherze nähret,
Gib, dass mir ein Lied gelingt.
Weihe mit verliebten Scherzen
Meinen Trieb zur Dichtkunst ein,
Und bezwing durch mich die Herzen:
Ich will gern dein Herold sein.
Teile dich mir mit, oh Liebe,
Mit dem Weisen, der dein Lob
Noch mit feurig starkem Triebe
Bei des Alters Frost erhob.
Ja, ich fühle schon dein Feuer,
Doch dein Einfluss wirkt den Scherz
Nicht in Liedern meiner Leier,
Nein, er wirkt ihn in mein Herz.
Ach, ich fühl ihn! Deine Freuden
Sind ein süßer, banger Schmerz.
Lass‘ ihn toben, ich will leiden
und verwandl‘ ihn nicht in Scherz.
Lehr mich, bitt ich jetzt, vor allem,
Wenn mich Scherz und Jugend flieht,
Meinem Damis zu gefallen,
Der mein Herz stets nach sich zieht.
Die Dichterin bittet die Götter der Welt um ein wenig Regen
An die Potentaten
Nach dem Französischen des de la Bruyere
Heil’ge Majestäten! Prinzen! Herren! Damen!
Souverains! Monarchen! Groß durch Glück und Stand! ––
Hab‘ ich euch bei allen euren hohen Namen,
hab‘ ich euch, ihr Götter! prächtig genug genannt!
Hohe, sehr Erhab’ne! mächtig, überlegen,
Ja wohl bald allmächtig; nähme man’s genau:
Seht, wir andern Menschen brauchen etwas Regen,
Oder, zu der Ernte, nur ein wenig Tau.
Unser Land ist trocken; macht es etwas nasser!
Seid mit euren Gaben doch nicht so genau!
Schafft uns ein paar Tropfen schlechtes Regenwasser!
Sendet auf die Erde nur ein Tröpfchen Tau!
Die Dichterin ermutigt ihre Nachfolgerinnen
Aufmunterung zur Dichtkunst.
An eine Freundin
Wie? Freundin, fühlst Du nicht in Dir
Den edlen Trieb zur Dichtkunst siegen?
Sei kühn: sing oft und folge mir,
Dein Lied wird noch die Welt vergnügen.
Sieh, mein Exempel kann Dich lehren,
Dass Kenner unsern Fleiß verehren.
Kein andres Beispiel ist so klein,
Um überzeugender zu sein.
Oh! lass‘ in Deiner Seele nicht
Dies edle Feuer ganz ersticken.
Die Triebe der Natur sind Pflicht,
Und ihr zu folgen, ist Entzücken.
Sie gab den Dichtern Mut zum Scherzen,
Gefühl und Feuer in die Herzen,
Und, Freundin, Dich beschenkte sie
Mit Andacht, Witz und Poesie.
Besinge, wie der Vorsicht Hand
Beseligende Wundertaten,
Wie ihr des Schicksals künstlich’s Band
und jedes Menschen Glück geraten,
So, dass wir auch in Unglücksproben
Noch ihre Güte müssen loben,
Die, wenn uns gleich ein Übel drückt,
Uns bald mit neuer Huld beglückt.
Ja sing – – Doch folg‘ erst meinem Rat:
Du findest immer Stoff zum Dichten.
Wer deinen Witz zur Dichtkunst hat,
Fragt nicht: Wie wird die Welt mich richten?
Wer will des Pöbels Schmähen scheuen?
Sing, Freundin, nie wird Dich’s gereuen:
Ein Kenner, dem dein Lied gefällt,
Ersetzt den Hohn der ganzen Welt.
VORREDE
Der Dichterin ist der Scherz im Leben abhanden gekommen
Die Stücke in dieser kleinen Sammlung sind fast alle vor mehr als zehn Jahren schon verfertigt werden. Seitdem habe ich diesem Vergnügen völlig entsagen müssen. Ich vertauschte es im Anfang fröhlich mit der Ausübung der Pflichten einer Mutter, in der Hoffnung, es bald wieder zu suchen. Allein, eine entsetzliche Krankheit, deren Spuren ich noch im neunten Jahre empfinde und wodurch ich fast ganz außer Stand gesetzt bin, etwas zu schreiben; der Tod zweier mir unvergesslich geliebten Säuglinge und die zu meiner Wiederherstellung und Aufrichtung erforderlichen Anstalten haben mich so weit davon entfernt und meinen Geschmack davon so abgewöhnt, dass ich schwerlich hoffen kann, jemals wieder an diesem Vergnügen großen Teil zu haben. Bloß aus Gefälligkeit gegen den Herrn Verleger dieser Blätter, meiner Schwester Sohn, habe ich die wenigen Stücke, welche von meiner Arbeit übrig und noch nicht in meiner ersten Sammlung gedruckt waren, zusammengelesen und übergebe sie hiermit der Beurteilung der Leser. Ihr Wert sei so gering, als er wolle. Von den meisten sind mir nur die Empfindungen schätzbar, welche sie in der Einfalt der Natur ausdrücken. Denen, die solche Ausdrücke lieben, werden sie gefallen. Ich werde auch in kurzem die Nachlese meiner Scherzgedichte dem Herrn Verleger übergeben, und da mir in meinem gegenwärtigen Zustande der Scherz ziemlich fremd geworden ist, so kann ich leicht zusagen, dass dieses die letzten von meiner Arbeit sein werden. Viele Stücke sind noch sehr unvollkommen, zumal die größeren: Allein, mein Trieb sie zu bessern ist erkaltet und ich bin zu eigensinnig, wesentliche Verbesserungen von fremden Händen machen zu lassen, weil ich dieses für eine Hintergehung der Leser halte.
Die Verfasserin
Die Dichterin zweifelt an Gott
Empfindungen beim Verlust ihrer Kinder in einer schweren Krankheit
Schon längst würd‘ ich dies Leben hassen;
Wär‘ Damis nicht noch seine Lust.
Zwei Kinder hab‘ ich seh’n erblassen:
Der Tod reißt sie mir von der Brust.
Mein tränend‘ Flehen ist vergebens – – –
Er reißt sie hin, der Feind des Lebens!
Kaum fühlt ihr zartes Herz das Leben,
Das ihm durch mich der Himmel gab,
So muss es schon im Tode beben
Und, ach! Jetzt decket sie das Grab! –
Ach, könnt‘ ich euch noch einmal küssen!
Oh Gott, vergib‘ dem Mutterherzen,
Wenn es sich klagend übereilt:
Es wird zernagt von tausend Schmerzen,
Weil mir dein Trost zu lang verweilt.
Dein Schwert fiel würgend auf mich nieder:
Oh Herr, wann lacht dein Auge wieder?
Wann lacht es mir, die ich kaum lebe,
Weil deine schwere Hand mich drückt,
Mich drückt, dass ich jetzt kraftlos bebe,
Dass mich der Lenz nicht mehr entzückt. –
Gedanke! Du bringst mir Vergnügen!
Könnt‘ ich bei meinen Kindern liegen!
Doch Damis lebt, den ich noch liebe,
Und dem mein Leben ist geweiht;
Den ich durch meinen Schmerz betrübe,
Der mir noch Rat und Trost verleiht.
Herr! Lass‘ mich diesen Trost erquicken,
Dass du sein Leben willst beglücken!
Die Weltweisheit und die Lebenskunst sind nicht notwendig verbunden
Ein Unterschied
Man kann die Weltweisheit versteh’n,
Und doch noch nicht zu leben wissen:
Doch wer zu leben weiß, kann nie die Weisheit missen;
Sonst wüßt‘ er nicht die Kunst, mit Narren umzugeh’n.
Der Unterschied in dem, was diese zwei besitzen,
Ist leicht: Doch wen’gen nur bekannt.
Der Philosoph hat nur Verstand:
Doch der zu leben weiß, der weiß ihn auch zu nützen.
Die Dichterin erinnert sich an frohe Stunden
Unterschied zwischen einer Uhr und einem Frauenzimmer
Die ihr mit Schönen bloß als mit Maschinen spielet
Und ihre Küsse nur, nicht ihre Seelen, fühlet,
Lernt noch den Unterschied, der unter beiden ist.
Ein zärtlicher Poet hat ihn gerührt empfunden:
Die Uhr, sprach Fontenell, erinnert uns der Stunden:
Doch eine Phillis macht, dass man sie froh vergisst.
Nachwort
Auf die Grabschriften, die man sich selbst erfindet
Die längste Grabschrift, die man selbst sich prophezeit,
Rührt, wie die kürzeste, von einer Eitelkeit.
In jener prahlt der Stolz mit vielen kleinen Taten:
Aus dieser soll die Welt auf große Raten raten.