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Johanne Charlotte Unzer 

Philosophie


I. VORSTELLUNG



JOHANNE CHARLOTTE UNZER, 

SCHERZENDE WELTWEISE UND DENKENDE DICHTERIN

Wenn es nach ihr gegangen wäre, wäre sie nie eine Autorin geworden. Sie hatte doch nur Briefe mit ihrem Ehemann gewechselt! Man war frischverheiratet, der junge Arzt war von Halle nach Hamburg umgesiedelt, wo er eine vielversprechende Praxis eröffnet hatte; und bald würde sie, Johanne Charlotte, ihm dorthin nachfolgen. Und um die Trennung zu überbrücken, wechselte man eben Briefe. Es waren jedoch keine gewöhnlichen Liebesbriefe, oh nein; und eine andere, schwächere Frau als Johanne hätte sie wahrscheinlich eher als das Gegenteil eines Liebesbriefs bezeichnet. Denn Johann August schickte seiner Herzallerliebsten Johanne viele engbeschriebene Seiten mit – einer selbst gefertigten Übersetzung einer neuen philosophischen Schrift aus dem Lateinischen. Es handelte sich dabei um Alexander Baumgartens Metaphysica; einem Grundwerk der sich seit einiger Zeit in Halle, der gemeinsamen Heimat von Johanne und Johann, formierenden neuen deutschen Schul- und Systemphilosophie, die die berühmte „mathematische Methode“ jetzt auch in Deutschland zur allerneuesten akademischen Mode gemacht hatte und deren Haupt- und Grundlagenwissenschaft natürlich die Metaphysik war: also diejenige Wissenschaft, die im Regal bei Aristoteles nach der Physik kam (eine Anekdote, die so hübsch ist, dass man sie immer wieder erzählen kann). Denn natürlich war Baumgartens akademische Grundlagenschrift in der akademischen lingua franca verfasst, lateinisch also – schließlich war sie für Gelehrte bestimmt, nicht aber für bildungshungrige Frauenzimmer, die von ihrem Ehemann ein wenig Philosophie-Nachhilfe bekamen. Und so bekam Johanne zur Vermählung sozusagen, wahrscheinlich die erste Übersetzung der Metaphysica ins Deutsche überhaupt. Und sie schlug sie ihrem fernen Ehemann nicht in absentio um die mit philosophischer Röte angehauchten Medizinerohren, sondern sie – verschlang sie, versuchte sie zu verstehen, fragte zurück, suchte nach Beispielen, fand sie in der Literatur; ja, kommentierte und kritisierte Baumgarten sogar gelegentlich. Unerhört. Sie, das Frauenzimmer, kaum 34 Jahre alt! Aufgewachsen nicht nur ohne Lateinunterricht, sondern wahrscheinlich ohne formale Bildung überhaupt! Woher wir das alles wissen? Nun, die ehelichen Briefe sind nicht überliefert; überliefert ist aber Johanne Charlotte Unzers Grundriss einer Weltweisheit für das Frauenzimmer, veröffentlicht 1751, beinahe die erste Schrift ihrer Art und sozusagen das gereinigte Protokoll des Briefverkehrs. Wie konnte das passieren? Wie wurde Johanne Charlotte Unzer eine Weltweise?

Die Hallensische Mischung: Man nehme Menschenkunde, Scherz und Metaphysik

Geboren wurde Johanne 1727 in Halle, zu dieser Zeit eine berühmte Universitätsstadt ebenso wie eine Hochburg der protestantischen Reformbewegung des Pietismus, berüchtigt für ihre Sittenstrenge und ihre Kunstfeindlichkeit; soeben begann sich aber auch eine neue Dichtung dort zu etablieren, sie nannte sich „Anakreontik“, und sie pries skandalöserweise den sinnlichen Lebensgenuss! Dieser sehr besondere, reichlich widersprüchliche, aber auf jeden Fall anregende Hallensische genius loci hat einen nicht unerheblichen Anteil daran, dass Johanne zur Weltweisen wurde. Denn in die Wiege gelegt wurde es ihr nicht direkt; wenn es danach gegangen wäre, hätte sie eher eine berühmte Musikerin werden müssen. Ihr Vater galt in seiner Kindheit als musikalisches Wunderkind, erhielt später Unterricht von Johann Sebastian Bach und hatte in Halle eine angesehene Stellung als Musikdirektor und Organist inne. Von Johannes musikalischen Fähigkeiten ist jedoch niemals die Rede. Immerhin spielte die Musik trotzdem eine Rolle; denn ihr späterer Ehemann, der junge Johann August Unzer mit den philosophischen Briefen, war einer der vielen Musikschüler des Vaters. Dazu kam eine weitere, etwas entlegenere familiäre Prägung: Der Bruder ihrer Mutter nämlich (von der Mutter wissen wir, wie meist im 18. Jahrhundert, rein gar nichts), Johann Gottlob Krüger hieß er, hatte sich ebenfalls gerade als Mediziner und als Philosoph einen Namen in Halle gemacht. Krüger schrieb auch gern, viel und zudem unterhaltsam; zu seinem weit gestreuten Oeuvre gehören Texte wie die Gedanken über den Tee und den Kaffee, ein Versuch der Experimental-Seelenlehre oder Träume. Und Krüger wurde zum zweiten Mentor Johannes, neben dem Ehemann. Er nahm sie nach dem Tod des Vaters unter seine Fittiche und beflügelte ihren Bildungshunger noch erheblich: Denn er war es, der sie zur Veröffentlichung des Ehebriefwechsels unter dem Titel eines Grundriss einer Weltweisheit mehr oder weniger – zwang.

Dazu musste jedoch noch ein dritter Mentor kommen, um die spezifisch Hallensische Mischung, in der Johanne Charlotte Unzer zur Weltweisen – und zur Dichterin, wie wir jetzt ergänzen müssen, einer anakreontischen noch dazu! – gemacht wurde, zu vervollkommnen. Er hieß Georg Friedrich Meier, war nur geringfügig älter als seine Co-Mentoren Unzer und Krüger und ausnahmsweise nicht Mediziner, sondern wirklich und hauptberuflich Philosoph. Er vertrat dabei jedoch eine durchaus lebensfreundliche, wie man damals zu sagen begann: populäre Form der Philosophie. Zwar blieb er inhaltlich streng in den Spuren der großen Hallensischen Schulphilosophen Wolff und Baumgarten, legte jedoch Wert darauf, dass die Philosophie für alle zugänglich sein sollte, nützlich obendrein und überhaupt ein Grundpfeiler des bürgerlichen wie religiösen Lebens: Ein wahrer „Weltweiser“ war eben jemand – der weise war für die Welt, nicht für die Schule, die Akademie, den engen Kreis der Gelehrsamkeit. Ein solcher Weltweiser jedoch musste auch zur Welt sprechen können – also: zumindest zu ihrem gebildeten, zunehmend bürgerlich geprägten Teil -, und nicht nur zu den Kollegen. Und damit die Welt ihn verstand, ja, mehr noch, damit sie ihm gern zuhörte und seine Weisheitslehren auch beherzigte, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen, dafür musste er – weltlich sprechen. Also: nicht lateinisch, deutsch. Kein Fachvokabular, sondern wohldefinierte Alltagssprache. Beispiele und Erfahrungen statt strenger Sätze, gern auch aus der Literatur. Vor allem aber: Schön. Und schön, das heißt für Meier: anschaulich und lebendig, gern auch witzig. Witz, das war damals noch nicht das etwas heruntergekommene Stiefkind des Humors, sondern ein wichtiges geistiges Vermögen, es bedeutete: Jemand konnte gut Ähnlichkeiten entdecken in Dingen, die äußerlich unähnlich sind. Verborgene Verbindungen, Zusammenhänge, die die Philosophie vielleicht noch gar nicht gefunden hatte. Schleichwege der Vernunft. Deshalb schrieb Meier eines Tages, neben seinen vielen fachphilosophischen Texten, die Gedanken über Scherze: eine kleine Populärphilosophie des mäßigen, heiteren, gesitteten, geselligen Scherzens und seiner segensreichen Wirkungen. Und gescherzt wurde, so konnte man vernehmen, auch bei ihm zu Hause gern. In seinem geselligen Kreis verkehrten die jungen Dichter wie die jungen Ärzte, aber natürlich auch die jungen Damen, ziemlich sicher also auch: die junge Johanne Charlotte; und sie wurde eines seiner besten Schülerinnen. Im Scherzen nämlich, aber auch in der Weltweisheit. Denn hatte Meier nicht selbst geschrieben, in einer seiner moralischen Wochenschriften: „Ich wünsche daher, dass jemand eine Logik und Metaphysik fürs Frauenzimmer schreiben würde. Man müsste alles weglassen, was für Erzphilosophen gehört, und man müsste das übrige auf eine ästhetische Art vortragen; so würde man auch eine Logik und Metaphysik für Kavaliere bekommen“?

Wein, Weib und Gesang, oder: Sex and drugs and Rock’n Roll!

Drei Mentoren also, ein Dreiergestirn umtanzt die junge Johanne Charlotte Unzer und verlockt sie: zur Philosophie, zur Dichtung, zum Scherzen. Vergessen ist der alte Pietismus, die neuen Dichter haben einen neuen Propheten entdeckt: Anakreon heißt er, ein alter griechischer Dichter, der längst vergessen wäre, hätte er nicht die unsterbliche Formel von „Wein, Weib und Gesang“ geprägt und in unzähligen Liedern variiert. Anakreon war der Dichter der Lebensfreude, des geselligen Scherzens ganz in Meiers Sinn, und genau das, was man brauchte, um den Pietismus endgültig zu vergraulen. Auf einmal erscheinen allenthalben „Scherzgedichte“ in der Tradition Anakreons; vom Frühling ist von ihnen unausweichlich die Rede, von den Freuden der Jugend und des Rebensaftes, von der Liebe sowieso und, befremdlicherweise, häufig von Schäfern (sie sind aber nur ein Vorwand; schon bei Anakreon ging es nicht wirklich um Schäfer, einen mühsamen und schmutzigen Beruf, sondern um eine idealisierte Lebensform). Natürlich wirkt das heute alles ein wenig bemüht und ziemlich altbacken. Gleichwohl kann man, ein wenig Witz vorausgesetzt, eine gewisse Familienähnlichkeit zwischen „Wein, Weib und Gesang“ und „sex and drugs and rock’n roll“ feststellen: Die Freuden des Menschen sind sparsam gesät, schon immer und immer noch; und Wasser, Askese und Prosa sind einfach keine attraktiven Gegenstände der Dichtung, noch nie und immer noch. Nein, wenn man die Freuden des Lebensgenusses besingen will, kommt mehr oder minder immer das Gleiche heraus. Es kommt aber zum Glück auch gar nicht darauf an. Denn was zählt, ist der Geist, ist die Stimmung, ist der Ton – heute weiß die Neurobiologie, dass Lachen fröhlich macht, es ist gar nicht umgekehrt oder zumindest nicht einsinnig kausal; nein, wenn man lange genug so tut als ob, wird man plötzlich fröhlich! Man muss den Wein dazu noch nicht einmal trinken (der Punkt wird aber bei den Drogen meist nicht gemacht). Man bekommt auch keine Kinder von einer erdichteten Schäferliebe (und Zeiten nach der Erfindung der Geburtenkontrolle sollten sich das in vollem Ernst klarmachen: Ungezügelte Sexualität war vor der Pille kein erstrebenswertes Freiheitsrecht, und schon gar nicht für die Frauen). Ach, es ist so schwer heiter zu sein, und doch so notwendig! Können da ein paar Scherzgedichte mehr schaden, auch wenn sie unoriginell sind, Standardware, immer die gleichen Reime, immer die gleichen Scherze? Können nicht auch Frauen mit – scherzen, sie dürfen ja auch mittrinken (Weingenuss war sehr viel verbreiteter im 18. Jahrhundert als heute, da der Wassergenuss die ungleich höheren Gesundheitsrisiken hatte)?

Erstlingswerke und andere schwere Geburten

Johanne also beginnt zu schreiben, inspiriert vom dreifachen Hallenser Geist des Scherzes, der Metaphysik und der Populärphilosophie, vielleicht auch ein wenig vom mäßigen Weingenuss. Im Jahr ihrer Verehelichung, 1751, kommen ihre zwei Erstlingswerke auf den Markt, und schon die Parallelität verweist auf – Ähnlichkeiten, aber vielleicht ja auch Unterschiede (dafür ist, im Gegensatz, nein: in Ergänzung zum Witz, der Scharfsinn verantwortlich). Das eine ist der Versuch in Scherzgedichten, eine – weibliche? – anakreontische Scherzdichtung; das andere ist der Grundriss einer Weltweisheit für das Frauenzimmer, eine – weibliche? – philosophische Grundlagenschrift. Der Grundriss ist schwerer Stoff: Er enthält die philosophische Logik samt Metaphysik, dazu eine Seelenlehre und eine Naturlehre, ganze neunhundert Seiten. Sie sind die Essenz des Ehebriefwechsels, ans Licht gezerrt von Onkel Krüger, dem stolzen Mentor, der das Werk mit einer Vorrede einleitet und reichlich mit Kommentaren versieht. Er hatte auch angeordnet, dass es eben in dieser Form erscheinen sollte, also die vollständige Logik Metaphysik enthalten musste, die Johanne ganz sicherlich gekürzt hätte, wenn sie denn wirklich nur und ganz allein für Frauenzimmer als Frauenzimmer hätte schreiben dürfen. Immerhin hat es sie es aber durchgesetzt, dass die Seelenlehre, der ungleich interessantere Teil, am längsten wird. „Mein eigen“, so erläutert Johanne in der späteren Vorrede zur zweiten Auflage, „ist nichts als die Einkleidung des Vortrags und die Wahl von einigen Exempeln und Verzierungen: Ich glaube gewiss, dass eine Philosophie für das Frauenzimmer weit anders gerichtet sein müßte“. Natürlich ist ihr später diese Unoriginalität immer wieder zum Vorwurf gemacht, von gelehrten Männern natürlich: kein eigener Gedanke, ausgeprägte Frauenzimmerlichkeit, Patzer in der Logik, was hat man ihr nicht alles vorgeworfen! Dabei wollte sie noch nicht einmal eine Autorin sein. Sie wollte nur ein wenig Philosophie verstehen. Und sie hatte Meier geglaubt, dass eine Philosophie für Frauenzimmer – und für Kavaliere – eben eine andere sein müsste. Also hat sie daran gearbeitet, ihre Weltweisheit – wenn sie den Inhalt schon nicht ändern durfte – schön, angenehm, lebendig darzustellen. Sie anders „einzukleiden“, eine typische Frauenzimmermetapher, ist man geneigt zu sagen; ach, und wenn schon, könnte man mit ein wenig geschlechtlicher Souveränität antworten: Ist es denn besser, auf Einkleidung zu verzichten? Wollen wir denn alles immer nackt sehen? Gibt es nicht gute Gründe für – geschmackvolle Kleider, gut geschnitten, dem Anlass angepasst, schön für das Auge und angenehm zu tragen? Lasst die männliche Philosophie halt nackt, wenn ihr meint, das muss sein; aber erlaubt der weiblichen Kleider. Sie verhüllen oft weniger, als dass sie etwas zeigen.

Einkleidungsfragen: Sinnlose Syllogismen und bildhafte Beispiele

Und so kleidet Johanne ihre Weltweisheit munter ein, wo sich eine Lücke findet zwischen all dem Definieren von Grundsätzen und Begriffen und dem Herleiten von Schlüssen; sie sucht ein interessantes Beispiel, sie findet es in ihren Lieblingsautoren, sie flicht es ein, mit Geschmack und Gefühl für Proportionen. Sie kommentiert, mal vorsichtig, mal aber auch bissig, die neueste philosophische Mode, die „Demonstriersucht“ und ihre seltsamen Begleiterscheinungen. Sie kann auch einen Schluss am Schopf fassen und ihn dazu verwenden, völligen Unsinn logisch korrekt herzuleiten (das ist das Wesen von Syllogismen, ihre Schlussätze sind immer nur so gut wie ihre Vordersätze). Sie wendet sich immer wieder explizit an ihre Leserinnen (offenbar geht sie davon aus, dass sich ein männlicher Leser nicht in den Text verirrt, und auch darin wird sie Recht behalten haben), bittet um ihr Verständnis, um Geduld, wirbt aber auch für die Mühen des Begriffs und der Philosophie. Denken lernen, das ist ihr Tenor, schadet gar nie; es schult die Aufmerksamkeit, die man euch doch so gern abspricht, wenn man euch zu verspielten, des Denkens von Natur nicht fähigen Puppen erklärt. Aber nur mit Konzentration, Übung, Arbeit bringt man es zu etwas, sei es im Leben oder im Denken! Beobachtet, so predigt sie immer wieder, beobachtet alles, in jeder Situation, setzt euch möglichst vielen Erfahrungen aus, ich weiß, ich weiß, sie wollen euch davor schützen, die Männer, aber versucht es trotzdem: Je mehr man erfährt, je mehr man beobachtet und anschließend darüber reflektiert, desto mehr – kann man eigene Ideen haben. Denn das ist es, so fährt Johanne ziemlich mutig und kernaufklärerisch fort, worauf es ankommt: eigene Ideen haben. Nicht das nachbeten, was andere gesagt haben, vermeintlich Klügere, Gebildetere. Seht nur, all diese hochgebildeten Männer, diese düsteren Metaphysiker, was haben sie nicht alles für Sätze aufgestellt, über die menschliche Seele zum Beispiel, ist sie nun eine Monade oder nicht? Teilbar oder unteilbar? Materiell oder Geistig? Und wo wohnt sie eigentlich? Und dann sagt sie: Vergesst es einfach. All das kann man nämlich gar nicht wissen (sie begründet das religiös, man könnte es aber auch einfach nur skeptisch begründen). Man kann nur Meinungen darüber haben. Und wisst ihr, was Meinungen sind? Auffassungen über Dinge, die man nicht wissen kann. Und dann streiten sie sich, die Philosophen, die düsteren Metaphysiker und Schulfüchse, ohne Ende, ohne Sinn und Zweck, und vor allem: ohne jegliches Ergebnis. Ach, vergesst es doch. Und dann erzählt sie eine Geschichte über eine Seele, die verzweifelt ihre Wohnung sucht, sie ist ziemlich lustig. Oder sie erfindet eine künstliche Debatte darüber, dass auch die Pflanzen eine Seele haben. Ja, genau, kann man alles syllogistisch aufs schönste beweisen, man muss nur möglichst verkehrte Vordersätze aufstellen, dann wird der logisch korrekte Schluss schon auf seinen drei Beinen dahin hinken, wo man ihn haben möchte.

Die im gleichen Jahr erscheinenden Scherzgedichte sind die scherzhafte Rückseite der düsteren Weltweisheit; man braucht nicht viel Witz, um das zu sehen. Nicht zu wenige tändeln einfach nur anakreontisch daher, aber das tun die der Männer auch. Die wirklich originellen aber führen absurde Beweise in Versform vor; sie lehren, wie man die düsteren Gelehrten küsst anstelle ihnen zu viel zuzuhören, Weisheit ist ihnen eine heitere, beschwingte Angelegenheit und Demonstrieren auch nicht schwerer als Quadrille tanzen. Und wenn die Dichterin schließlich in einem Gedicht an den gelehrten Onkel Krüger verkündet, was auf ihrem Grabstein stehen sollte – nämlich: „Wein! Wein! Wein! Wein! Wein! Wein! Wein!“, genau siebenmal, aber eigentlich genau so oft, wie es auf den Grabstein passt – dann ist das schon höhere Frechheit jenseits des anakreontischen Motivgeplänkels.

Erfindungen: Das erste Gedicht über die Verwesung in der deutschen Literatur

Die Scherzgedichte sind unbeschwerte Jugendwerke; wenige Jahre später schlägt das Leben zu. Johanne war, 1751 noch, nach Altona zu ihrem Ehemann gezogen, also gab es keine philosophischen Briefe mehr. Sie hatte dort einen geselligen anakreontischen Kreis gegründet, nach dem Meier‘schen Vorbild in Halle, man hatte hübsche Schäferspiele gespielt und sogar eine Zeitschrift veröffentlicht. Ihre Scherzgedichte sind so erfolgreich, dass bald eine zweite Auflage erfolgt. Onkel Krüger hatte ihr außerdem, das schmückt die Autorin enorm, eine Dichterkrönung an der Universität Helmstedt verschafft, deren Rektor er inzwischen war – beinahe die einzige Möglichkeit im 18.Jahrhundert, als Frau an einen Doktortitel zu gelangen, wenn auch einen mehr ehren- als ernsthaften. Und wahrscheinlich war das eheliche Glück vollkommen, als Johanne Zwillinge bekommt. Doch aller ärztlichen Künste zum Trotz sterben beide Kinder im Säuglingsalter; danach ist auch Johanne selbst lange Jahre kränklich. 1754 hatte sie immerhin noch einmal einen neuen Gedichtband veröffentlicht, den Versuch in sittlichen und zärtlichen Gedichten. In ihm hatte sie nicht nur einen höheren poetischen, sondern auch einen höheren ethischen Anspruch an sich selbst erhoben: „Sittliche Gedichte“ sind keine unverbindlichen Scherze mehr; sie haben einen ernsten Gegenstand, beinahe: den ernstesten überhaupt, und sie verlangen strengere Formen. Johanne sagt in der Vorrede mit der ihr eigenen Redlichkeit: Es könne durchaus sein, dass sie dem Anspruch, den diese „wichtigen Unternehmungen“ an die Autorin stellen würden, nicht gewachsen sei. Das ist ganz normal, ein Bescheidenheitstopos, wie er sich in den meisten Vorreden der Zeit findet. Ungewöhnlich ist aber die Fortsetzung des Gedankens bei Johanne: „Ich wollte aber doch Versuche nicht unterdrücken, woraus man sehen kann, dass ich sie zu besitzen wünsche“. Es kommt nicht auf das Ergebnis an, sondern auf den ernsthaften Wunsch und das Bemühen. Das kann man dilettantisch schelten; man kann aber auch erwägen, dass gerade aus unvollkommenen, aber persönlich empfundenen Texten, Gedanken, Ideen oft mehr zu lernen ist als aus blankpolierten Meisterstücken der Unverbindlichkeit.

Zu finden ist in dem Band beispielsweise, neben einem wahrhaft rührenden Gedicht über den Tod ihrer Kinder, ein umfängliches Gedicht mit dem Titel Gedanken über die Verwesung. Die Autorin blickt dem Tod ins Auge (sie hat dem Tod ins Auge geblickt, im Leben); und sie beschreibt, was sie sieht: nämlich Moder. Verfall. Blasse Gesichter, erkaltete Glieder; blaue Lippen, ekelhaft verblichenes Wangenrot; steife, im Todeskampf verkrampfte Hände; der „Sitz der Lust“, die schöne Brust, eingefallen; Leichengeruch, Würmer, und am Ende: nichts als Staub. Gemeinglich gilt Charles Baudelaires Gedicht La charogne (Das Aas) als erstes Gedicht auf die Verwesung. Die Literaturgeschichte muss korrigiert werden: Johanne Charlotte Unzer hat gut hundert Jahre vorher ein Gedicht über die Verwesung geschrieben. Sie ist die Gattin eines inzwischen berühmten und erfolgreichen, immer noch an der Philosophie laborierenden Arztes; und sie hat den Tod gesehen. Für die Sorte Philosophen hingegen, die den Leib verachten, hat sie nur Spott – und außerdem eine ordentliche Portion Lebensweisheit: Denn möglich, denkbar und damit wirklich sei durchaus, dass, wenn es wirklich soweit sei und der Leib sich verabschiedet – „dann der wohlgezähmte Wille / Nicht so viel Lust nach jener neuen Hülle“ fühle (Schopenhauer wird es hundert Jahre später nicht viel anders sagen; den Willen kann man nicht zähmen), denn: „Im Tod erwacht manch nie gefühlter Trieb, / der lebenslang in tiefem Schlummer blieb!“ Das einzig angemessene Verhältnis jedoch der Philosophen wie des Menschen zu seinem Körper sei ein ganz anderes – und um dieser Zeilen allein willen ist Johanne Unzer eine echte Philosophin und eine echte Dichterin, und das nicht nur für Frauenzimmer: „Dein Leib, oh Mensch! Ist nur für dich gebaut, / Dir war er recht, dir war er anvertraut, / Und deinem Geist als Mensch darin zu leben, / Ist er von Gott nach weisem Rat gegeben. / Kein andrer Leib war so bequem für ihn, / Für ihn der best‘ ist ihm von Gott verliehn, / Und dächt’st du gleich ihn besser noch zu wählen: / Dein Witz ist falsch, dein Vorschlag würde fehlen“. Es ist sogar richtig, dass das Versmaß hier ein wenig humpelt. Und Gott ist für das Argument nicht unbedingt nötig, Natur tut es auch, für alle, die damit besser arbeiten können. Der Gedanke aber ist – so sehr ihr eigen wie die Form.

Eine Frau, die „mit Männerstärke“ denkt“, darf auch verstummen

Nach ihrem vierzigsten Lebensjahr veröffentlicht Johanne keine neuen Gedichte mehr, obwohl sie erst 1782 sterben wird; sie kündigt das im Vorwort einer Neuauflage ihrer Sittlichen und zärtlichen Gedichte explizit an. Ein wohlwollender Kritiker schreibt daraufhin im Hamburgischen Correspondenten: „Wir und die Liebhaber ihrer Gedichte vernehmen diesen Entschluss ungern. Eine Frau, welche mit Männerstärke denkt, muss ein Muster der Nachahmung ihres Geschlechts sein und nicht so gleichgültig die Musen verlassen“. Eine Frau, die mit Frauenstärke denkt, darf aber eben das tun. Sie muss gar nichts, nur damit die Kritiker dieser Welt etwas zu kritteln haben. Männer (und Halle) hatten sie zur Autorin gemacht, ein wenig gegen ihren Willen. Aber wenn das Leben sie hat verstummen lassen, dann schweigt sie eben (Wittgenstein hätte es nicht besser sagen können).

Leseanweisung

Der Textteil enthält in chronologischer Reihenfolge Auszüge aus Johanne Unzers philosophischem Werk, dem Grundriss einer Weltwissenschaft für das Frauenzimmer sowie eine Auswahl ihrer Gedichte aus dem Versuch in Scherzgedichten und den Sittlichen und zärtlichen Gedichten.
Umrahmt werden die Unzer‘schen Texte durch Auszüge als Krügers Einleitung in den Grundriss sowie seine Preisrede anlässlich der Verleihung der Dichterkrone.
Die Texte sind in Orthographie und Zeichensetzung der neuen Rechtschreibung angepasst worden. Ergänzende Kommentare und Erläuterungen in den Fußnoten sollen das Leseverständnis und die Einordnung der Auszüge in ihren zeitgenössischen Kontext erleichtern.
Besondere Anforderungen an das Verständnis stellen die Auszüge aus dem Grundriss einer Weltweisheit. Sie wurden vor allem unter dem Gesichtspunkt ausgewählt, die Art und Weise zu illustrieren, wie Johanne denkt und welche Darstellungsverfahren sie benutzt; dafür musste der systematische Textzusammenhang im Original weitgehend zerstört werden. Es empfiehlt sich also, diese Auszüge jeweils als eigenständige Textbausteine zu lesen, die hoffentlich Johannes Ideal einer gleichzeitig unterrichtenden und unterhaltenden Darbietung gerecht werden.
Die Quellen für die Textauszüge und Gedichte sowie weiterführende Lesehinweise stehen am Ende des Textteils.


II. PROLOG IM BLÄTTERWALD

Wie lehrt man die Weltweisheit auf anständige Art für Frauen und Nicht-Fachleute?

GEORG FRIEDRICH MEIER:

VON DER GELEHRSAMKEIT DES FRAUENZIMMERS

Die Weltweisheit ist nun vornehmlich diejenige höhere Wissenschaft, die ein Frauenzimmer lernen muss, wenn es gelehrt sein soll. Ohne Vernunftlehre kann ein Frauenzimmer gar nicht gelehrt werden. Wenn ich gelehrt sein will, so muss ich wissen, wie ich eine Wahrheit erklären und beweisen soll. Nun kann man keine Erklärung und keinen Beweis machen, einsehen und beurteilen, man kann die Irrtümer nicht vermeiden und die Vorurteile nicht verhüten, wenn man in der Vernunftlehre unerfahren ist. Und ebenso verhält es sich mit der Metaphysik. Bei diesem barbarischen Worte werden meine Leser erschrecken. Soll ein so artiges  Geschöpf, als ein Frauenzimmer ist, die schulfüchsische  Metaphysik lernen? Die philosophische Kabbala, die sich nicht einmal für eine Mannsperson von feinerem Geiste schickt? Wir wollen der Metaphysik ein menschlicheres Ansehen geben. Selbst der gemeine Mann von gesundem Verstand schließt von dem Allgemeinen aufs Besondere. Man muss also entweder gar nicht schließen, folglich beständig unvernünftig denken, oder man muss die allgemeinen Wahrheiten verstehen. Diese Wahrheiten sind die Metaphysik. Ist es einem Frauenzimmer unanständig zu denken: Alle endlichen Dinge müssen eine Ursache haben?  Und ist dieses nicht eine metaphysische Wahrheit? Überdies kommen in der Metaphysik tausend nützliche Untersuchungen von der Welt, von der Natur der Seelenkräfte, von Gott vor, welche einem Frauenzimmer anständig sind. Freilich kommen in der Vernunftlehre und Metaphysik viele trockene, spitzfindige und für die Wohlfahrt der Menschen unbrauchbare Untersuchungen vor; allein man muss deswegen diese Wissenschaften nicht ganz verachten. Auch die Art, wie dieselben bisher vorgetragen worden, schickt sich für ein Frauenzimmer nicht. Ich wünsche daher, dass jemand eine Logik und Metaphysik fürs Frauenzimmer schreiben würde. Man müsste alles weglassen, was nur für Erzphilosophen gehört, und man müsste das übrige auf eine ästhetische Art  vortragen; so würde man auch eine Logik und Metaphysik für Kavaliere  bekommen und für alle Mannspersonen, die keine Gelehrten und Philosophen von Profession sind noch werden wollen. Bisher fehlt es uns noch an einer solchen Schrift, und ich kann dem Frauenzimmer hier keinen Rat geben, wie es die Logik und Metaphysik auf eine ihm anständige Art lernen soll.


Der Herausgeber bekennt eine Gewalttat

JOHANN GOTTLOB KRÜGER: 

WIDMUNG ZUM GRUNDRISS EINER WELTWEISHEIT FÜR DAS FRAUENZIMMER

Der Durchlauchtigsten Fürstin und Frauen, Frauen Philippinen Charlotten, Regierenden Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg, geborener Prinzessin von Preußen usw.

Meiner gnädigsten Fürstin und Frau,
[…] Das Buch selbst, welches ich Ew. Königl. Hoheit gegenwärtig zu überreichen die Gnade genieße, wird mein Unternehmen rechtfertigen. Es enthält den Grundriss eines Landes, welches von der Vernunft beherrscht wird. Denn ob sich schon ihre Herrschaft viel weiter erstreckt: So haben es doch die Gelehrten aus dringenden Ursachen für nötig gefunden, solche bloß auf die Weltweisheit einzuschränken, und es ist daher nicht zu leugnen, dass dieses der eigentliche Sitz und Wohnplatz der Vernunft sei. Meiner Schwester Tochter hat sich in die reizenden Gegenden eines Landes, das bei der größten Annehmlichkeit so wenig Einwohner hat, dergestalt verliebt, dass sie dieselben entworfen und mehr zu ihrem eigenen Vergnügen eine Karte davon gezeichnet, als dass sie sich es hätte sollen in den Sinn kommen lassen, dem schönen Geschlechte dadurch den Weg zum Tempel der Wahrheit zu zeigen.  Ich bekam ihren Entwurf zu sehen, er gefiel mir, und sogleich fasste ich den Entschluss, ihr denselben zu entwenden und bekannt zu machen. Ich habe diese kleine Gewalttätigkeit vornehmlich in der Absicht unternommen, um der Welt zu zeigen, dass Deutschland ebenso wie Italien und Frankreich Frauenzimmer aufweisen könne, die an den tiefsinnigsten Lehren der Weltweisheit einen Geschmack finden und welche nur durch eine übertriebene Bescheidenheit abgehalten werden, die Hände zu entblößen, deren sie sich bedienen, die Dornen der Wissenschaften mit Blumen zu bedecken, um dadurch dem Ruhme gelehrter Ausländerinnen Grenzen zu setzen, welche der Billigkeit gemäß sind.  Ich habe mich unberufen zu dieser Grenzscheidung aufgeworfen. Ein Unternehmen, das so ungewöhnlich als das meinige ist, setzt mich dem Tadel der halben Welt aus, und habe dabei alles zu fürchten.
Halle, den 14ten April 1751
untertänigst-gehorsamster Knecht, Krüger


III. EINTRITT IN DAS LAND DER VERNUNFT


Ein Frauenzimmer übernimmt die Aufgabe

JOHANNE CHARLOTTE UNZER: 

VORREDE DER VERFASSERIN, BEI DER ZWEITEN AUFLAGE DES GRUNDRISS EINER WELTWISSENSCHAFT FÜR DAS FRAUENZIMMER

Ich habe eine gewisse Gleichgültigkeit gegen diese Schrift vom Anfange an gehabt und hege sie noch, ob ich gleich glaube, dass sie vielen lehrbegierigen Frauenzimmern nützlich gewesen sein mag, wie solches mir viele versichert haben. Allein die Ursache meiner Gleichgültigkeit beruht darin, dass diese Schrift auf ausdrücklichen Befehl und Zwang meines Vetters, des seligen Herrn Professor Krügers, mit meinem Namen prahlen musste, da ich doch fast gar keinen rechten Anteil daran habe. Die Logik und Metaphysik waren damals meine emsigste Beschäftigung. Mein Mann schrieb über diese Wissenschaften eine Menge Briefe, er übersetzte mir die Baumgarten‘sche Metaphysik  und machte Erläuterungen von unsäglicher Mühe darüber. Man wird mir‘s glauben, wenn ich sage, dass seine Briefe über die Baumgartische Metaphysik sehr eng geschrieben vier sehr dicke Quartanten  ausmachen, die ich noch besitze. Was war nun wohl leichter, als dass ich das Wesentliche dieser Briefe ins Enge zusammenfasste, wozu in der Tat nicht mehr gehörte, als nur zu verstehen, was man liest, und einen Vortrag machen zu können. Ich kann nicht sagen, dass in der ganzen Schrift eine Wahrheit von mir erfunden wäre, aber mein seliger Vetter ließ sich nichts irren, und da er einige philosophische Briefe von mir an meinen Mann gelesen hatte, weil ich ihm jeden zu beantworten pflegte, damit er meine Zunahme sähe, so sagte er: Sie müssen durchaus eine Philosophie schreiben; ich will sie heraus geben, und will schon dafür sorgen, dass nichts hinein kommt, was falsch wäre. Also musste ich denn schreiben und mit meinem Buche und Namen machen lassen, was er wollte. Mein eigen ist nichts als die Einkleidung des Vortrags und die Wahl von einigen Exempeln und Verzierungen. Ich glaube gewiss, dass eine Philosophie für das Frauenzimmer weit anders eingerichtet und vieles aus der Grundwissenschaft  besonders, was ich beibehalten habe, wegbleiben müsste. Allein da ich mich in der Abwesenheit meines Mannes damals seines Rats nicht bedienen konnte und mein Vetter mir immer antwortete, ich sollte entweder die ganze Metaphysik weglassen oder nur das ganze Gespinst beisammen lassen, so bin ich lediglich bei der Ordnung der Briefe geblieben, und jetzt in ich in ganz andern Umständen, als dass ich trachten könnte, ein neues Buch zu schreiben oder ein altes ganz umzuarbeiten. Daher ist es bei gar sehr wenigen Änderungen in diesem ersten Teil geblieben. […]
Altona, den 1sten September 1761
Johanne Charlotte Unzerin, geb. Zieglerin

EINLEITUNG IN DIE WELTWEISHEIT

Philosophie entfernt den Kleister der Gewohnheit von unseren Augen

§ 1
Sollte wohl die Natur, dieses prächtige Weltgebäude, diesen großen Schauplatz, dessen reizende Veränderungen jedermann in Entzückung setzen, der dieselben zu empfinden vermögend ist und den rühmlichen Entschluss fasst, sich den Schlummer aus den Augen zu streichen, welchen die Gewohnheit erregt, die die Augen der Sterblichen auf eine niederträchtige Art mit einem Kleister überzieht, der sie unvermögend macht, die Welt und sich selber kennen zu lernen; sollte, sage ich, die Natur alle diese Kostbarkeiten, diese vortrefflichen Gegenstände, außer welchen man sich nichts Vortrefflicheres denken kann, umsonst und für die Langeweile hervorgebracht haben? Dieses würde wenigstens in Ansehung unserer wahr sein, wenn wir aller Empfindung beraubt wären und nicht ein Vermögen besäßen, uns tausenderlei Sachen vorzustellen. Dieses Vermögen ist es, welches macht, dass wir keine bloßen Bildsäulen, sondern Einwohner der Welt, dass wir keine bloßen Räder an der Weltmaschine  sind, die sich nur bewegen ohne etwas davon zu wissen, sondern dass wir vielmehr Spiegel  vorstellen, darinnen sich die Schönheiten des Weltgebäudes abmalen und sich durch einen neuen Glanz zugleich erhöhen und vervielfältigen. Was das Wunderbarste bei der ganzen Sache ist: So wissen diese Spiegel, was sich für Dinge in ihnen abmalen und unterscheiden sich dadurch von den Werken der Kunst auf eine so vorzügliche Art, dass es der letzten unmöglich werden wird, bei all ihren Bemühungen, jemals der Natur vollkommen ähnlich zu werden. Aber was ist es nötig, eine Sache zu beweisen, von deren Gewissheit uns unser eigenes Gefühl überzeugt? Denn fühlen wir‘s nicht in uns selber, dass beständig verschiedene Vorstellungen in uns abwechseln? Ja, würden wir wohl wissen, dass wir selbst vorhanden wären, wenn wir gar keine Vorstellungen hätten? Das heißt: Wenn wir keine Spiegel wären, darinnen sich die Welt abmalte. Sobald wir uns eine Sache vorstellen, so erkennen wir diese; und demnach ist jede Vorstellung einer Sache eine Erkenntnis. So erkennen wir das Licht, die Töne, das Feuer uns selbst etc., indem wir uns alle diese Dinge vorstellen.

Philosophen sind Kinder, die immer „Warum?“ fragen

§ 2
Wenn wir auf uns selbst achtgeben, so finden wir, dass unsere Erkenntnisse nicht alle von einerlei Art sind. Ein jeder Mensch betrachtet die Dinge auf eine andere Art: Und eine jede Sache hat so viel Seiten, von welchen sie sich betrachten lässt, als Zuschauer vorhanden sind, welche sie ihrer Aufmerksamkeit würdigen. Ja eben so, wie man mit dem Herrn Brockes  sagen kann:

Den schönen Bau der Welt sieht leider Jedermann,

Durch seiner Leidenschaft verkehrtes Fernglas an:

so kann man auch bemerken, wie die Arten der Erkenntnis der Dinge bei verschiedenen Menschen verschieden sind. Ein Bauer sieht den Blitz, den Regen, Tau usw. Er hat eine Erkenntnis von allen diesen Dingen. Niemand kann daran zweifeln. Allein ein Weltweiser erkennt dieselben auf eine ganz andere Art. Er sieht nicht allein, sondern er weiß auch die Ursache anzugeben, woher diese Dinge entstehen; er kann sagen, wie es zugeht, dass es blitzt, regnet und taut. Alles dieses kann der Bauer nicht: Er weiß wohl, dass alle diese Sachen vorhanden sind; aber er kann nicht sagen, wie und warum sie so und nicht anders geschehen. Er hat, sagen die Philosophen, nur eine historische Erkenntnis von diesen Digen; das ist, er weiß wohl zu sagen, indem sie geschehen, dass sie vorhanden sind; warum sie aber vorhanden und wie es zugeht, dies lässt er sich nicht einmal einfallen zu untersuchen. Derjenige erkennt demnach eine Sache nur philosophisch, der nicht allein weiß, dass sie geschieht, sondern auch, wie und warum sie sich so und nichts anders zuträgt.

§ 7
Weil die Philosophie eine Wissenschaft ist: So muss alles, was darinnen vorkommt, auf eine richtige Art aus gewissen Gründen hergeleitet werden. Wäre dieses nicht, so würde unter einer Wissenschaft, dergleichen die Philosophie ist, uns unter einer schlechten Kunst kein Unterschied sein. Gleichwohl muss dieses kein Philosoph an sich kommen lassen. Wir müssen alle ebenso ehrgeizig sein als Pythagoras gewesen, von welchem man erzählt, dass er, als ihn Leon, ein gewisser Fürst, dem seine Weisheit wohlgefallen, gefragt er, welcher Kunst er doch eigentlich ergeben wäre, zur Antwort gab: Ich verstehe keine Kunst, aber ich bin ein Philosoph.  Nur schlechte Leute müssen etwas behaupten, ohne Gründe davon angeben zu wissen. Philosophen sind Männer voller majestätischer Hoheit, aber im übrigen wie Kinder, die bei allem, was sie sehen, fragen: Warum?
Philosophen wollen wie Gott sein

§ 8
Man kann leicht urteilen, dass ein Philosoph viel wissen muss, da er alle Dinge zu Gegenständen hat und ihre Beschaffenheit untersucht. Er fängt von Gott an und hört auf bei den Gliedmaßen der allerkleinsten Insekten. Indessen darf sich doch niemand einbilden, dass die Philosophen allwissend wären; denn es ist eine andere Sache, sich zu bemühen den Grund von allem zu wissen und wirklich von allem eine hinlängliche Erkenntnis zu besitzen. Ein Philosoph setzt sich keinen geringeren Endzweck, als Gott ähnlich zu werden, der allein alles weiß. Kann er nun gleich denselben nicht erreichen, so kommt er ihm doch immer näher, und diese ewige Näherung macht ihn endlich zu einem Gotte der niederen Art. (Fußnote: Doch gibt es unter diesen Göttern einige, die wie die Hausgötter der Römer sind, mit welchen es nicht viel zu bedeuten hat) Am allerwenigsten haben meine Leserinnen zu befürchten, dass sie ihren Namen und die Beschaffenheiten ihrer werten Personen in der Philosophie werden aufgezeichnet finden. Denn ob wir uns gleich allesamt ebenfalls unter die Dinge zu zählen haben; so sind doch die Beschaffenheiten einzelner Dinge nicht dasjenige, was die Philosophen in Betrachtung ziehen. Nur allgemeine Beschaffenheiten der Dinge werden in der Philosophie vorgetragen, und man muss es der Beurteilung der Philosophen anheimstellen, welche Beschaffenheiten sie für allgemein genug halten, dass sie Objekte der Weltweisheit werden könnten. […]

Die Philosophie ist nicht so gefährlich, wie man meint

§ 10
Ob uns gleich nicht viel daran gelegen sein kann, woher die Wörter Philosophie und Weltweisheit ihren Ursprung nehmen; so kann ich doch nicht unterlassen, davon einige Nachricht zu geben. Man muss also wissen, dass das Wort Philosophie ein griechisches Wort sei und etwa so viel heiße als Liebe zur Weisheit. So habe ich mir die Sache erzählen lassen: Denn ich will nimmermehr hoffen, dass man in dem Gedanken stehen sollte, dass ich die griechische Sprache verstünde. Ich mache mir in Wahrheit ein Gewissen daraus, so hoch gelehrt zu sein; und wenn ich ein Frauenzimmer sehe, das im griechischen Testament  liest, so kommt es mir ebenso lächerlich vor, als wenn ich sähe, dass ein Professor den Hexelstich  nähte. Ich will es demnach hiermit voraus melden, dass man sich vor dergleichen Gelehrsamkeit in gegenwärtiger Schrift zu wird zu fürchten haben. Wenn ich demnach bei unserer Muttersprache bleiben will, so muss ich sagen, dass Weltweisheit  ein Wort sei, welches anzeigen soll, dass die Wissenschaft, welche also genannt wird, nicht von solchen Sachen handele, die unmittelbar von Gott herrühren, dergleichen diejenigen Wahrheiten sind, so in der Heiligen Schrift vorgetragen werden, sondern von solchen, die diesen Wahrheiten entgegen gesetzt sind und welche man insgemein weltliche Sachen nennt. […]

§ 11
Ich habe nunmehr in dem vorhergehenden den allgemeinen Begriff der Philosophie abgehandelt und gezeigt, was man eigentlich unter dem Worte Philosophie zu verstehen habe. Ich zweifle keineswegs, dass meine Leserinnen immer mehr Lust dieselbe zu lernen bekommen werden, je näher sie sich mit der Philosophie bekanntmachen. So gefährlich, als man diese beschreibt, so ist sie doch nichts weniger als dieses; sie ist auch nicht zu schwer. Es gehört weiter nichts dazu als ein guter natürlicher Verstand und ein wenig Überlegung; und dieses ist es, was ich mir von meinen Leserinnen im Voraus verspreche. […]

Frauen sind Engelchen, Puppen oder Maschinen für den Mann

§ 15
Nun ist es leicht möglich sich vorzustellen, was man von der Philosophie zu erwarten hat. Sie lehrt uns alle Dinge kennen. Bei allem, was wir sehen und überhaupt empfinden, fragen wir, warum es also sei? Und in unzähligen Fällen sind wir geschickt, die Gründe davon zu erraten. Wir lernen verstehen, was der Pöbel  nicht weiß; wir lernen uns über denselben erheben. Wir machen uns geschickt durch die Weltweisheit, unsere Einsichten aufs höchste zu treiben und von den Dingen zu urteilen, wie es vernünftig ist. Unser Geschlecht steht schon lange genug in dem Verdacht, dass es von Natur ein wenig dumm sei. Meine Leserinnen können mir gewiss glauben, dass alle die Schmeicheleien, welche uns die Männer machen, wenn sie uns schön, artig, witzig, klug, verständig, scharfsinnig usw. nennen, entweder gar nichts bedeuten; oder wenn sie uns ein vernünftiger Mensch sagt, ebenso viel sind, als die Lobeserhebungen, die man Kindern gibt, wenn man sie artig und klug nennt, damit sie es werden sollen. Die schönen Engelchen, unter uns, wenn sie nicht vernünftig denken, sind in ihren Augen nichts als Puppen oder Maschinen.  Und ist es denn etwa nicht ausgemacht genug, dass wir unter die niedrigste Art von Seelen gehören, so lange wir nur vom Kochen und Nähen schwatzen können und nicht im Stande sind, nur einen Satz zu verstehen, sobald eine Mannsperson mit uns anfängt vernünftig zu reden. Sowohl unsere eigene Glückseligkeit als auch unsere Ehre erfordern also, dass wir uns bemühen, weislich denken zu lernen. Wodurch erhalten wir aber diesen unvergleichlichen Vorteil?
Die Weisheit öffnet unser Sinn,
Sie sieht ins innre Wesen hin
Und lehret aus Erkenntnis wählen;
Sie findet Lust und Ruh zu Haus
Und gräbt aus uns selbst Güter aus,
Die nimmer ekeln, nimmer fehlen.
Ich preise also die Erlernung der Weltweisheit an, ohne doch deshalb zu fordern, dass meine Leserinnen Gelehrte von Profession werden sollen. Diejenigen, so diese Schrift lesen, werden weiter keinen Lobspruch nötig haben, wodurch sie müssten angefeuert werden. Den anderen aber weiß ich nicht beizukommen.

DIE VERNUNFTLEHRE

Leserinnen, seid eigensinnig!

§ 19
Es sind dreierlei Wege möglich, wie wir zu Begriffen gelangen können, und der erste davon ist die Empfindung, welche wir durch die Sinne erhalten. Werde ich also nicht vorher sagen müssen, was Empfindungen und was die Sinne sind? So genau sind die Philosophen alle, dass sie dasjenige vorher erklären, was sie im Folgenden nötig haben; und ich, die ich ihnen folge, werde nicht umhinkönnen, eben dasselbe zu tun. Meine Leserinnen würden mir einen Gefallen erzeigen, wenn sie an ihrer Seite auch eben so eigensinnig und misstrauisch wären, als philosophische Leser zu sein pflegen, welche schlechterdings verlangen, dass ein Schriftsteller ihnen alles vorher erklären soll, wovon er mit ihnen reden will. Denn man stehet in dem Gedanken, ein Schriftsteller, der dieses nicht tut, verstehe entweder die Methode nicht oder habe Lust seine Sätze zu erschleichen, weil er dieselbe verabsäumt.  Inzwischen gibt es wiederum andere, welche dafürhalten, dass die allzu strenge Methode gemeiniglich ein Deckmantel der Unwissenheit sei […].

Begriffe sind der Schlüssel zu den Räumen der Philosophie

§ 26
Wir wollen uns doch einmal ein wenig umsehen, damit wir wissen, wo wir sind. Es ist unsere Absicht, die Philosophie zu lernen, und daher wollen wir uns Anweisung suchen, wie sie zu lernen sei. Das ist, wir wollen die Vernunftlehre lernen. Der Anfang ist gemacht. Das allererste, was wir wissen mussten, war, wie man zu Begriffen gelangen könne: Weil wir diese in der Philosophie sehr nötig haben. Wir haben dieses gesehen, aber nur insofern wir durch die Sinne zu Begriffen gelangen. Gibt es denn aber nicht mehr Wege als durch die Sinne zu Begriffen zu gelangen? Allerdings; es sind deren noch zwei; aber daran dürfen wir jetzt noch nicht gedenken. Wir wissen die Regeln, deren wir uns zu bedienen haben, sind sie denn hernach alle miteinander einerlei? Hier muss ich meine Leserinnen in ein weitläufiges Zimmer führen! Der beste Trost ist, dass wir den Schlüssel dazu haben, und das uns also der Weg offen ist.

Von Käsemilben gibt es nur dunkle Begriffe

§ 29
Es ist ein Unterschied unter den dunkeln Begriffen  zu machen, den ich hier nicht verschweigen darf. Zuweilen liegt die Schuld unserer dunkeln Begriffe an uns selbst; zuweilen liegt sie aber in denen Sachen, wovon wir Begriffe erlangen wollen. Ein einfältiger Mensch, der einen verschobenen Kopf hat, und von welchem man sagen kann:
Selbst seine Mutter fasst nach der Geburt ihn um
Und segnet ihn damit: Mein liebes Kind! Sei dumm!
Ein solcher, sage ich, ist nicht imstande, die allerklarsten Wahrheiten zu begreifen, und jedermann sieht, dass es an ihm liege, wenn er nichts begreifen kann. Wer kann hingegen wohl etwas dafür, wenn er von einer Käsemilbe  keinen andern als dunkeln Begriff hat, solange er dieselbe nur mit bloßen Augen betrachtet? Ein solcher Gegenstand unserer Empfindung ist viel zu klein, als dass man so viele Merkmale durch die Sinne davon sollte erhalten können, als nötig sind, die sonst unvermeidliche Dunkelheit zu vertreiben. Ebenso kann man nichts dafür, wenn uns allzu entfernte Sachen dunkel vorkommen, weil wir sie mit unseren Sinnen nicht genug erreichen können. Ja, endlich kann auch auf eben diese Art eine Schrift dunkel sein, wenn sich der Verfasser allzu gelehrt darin ausdrückt.

Die Philosophie ist nichts für Verliebte

§ 43
Ich habe nunmehr genugsam gezeigt, wie man durch die Sinne zu allerhand Arten von Begriffen gelangen könne. Man bemühe sich nur fein fleißig, die vorgeschriebenen Regeln an allerhand Sachen, die täglich vorkommen, auszuüben; so wird man sich in kurzem eine Fertigkeit zuwege bringen, durch die Sinne klare, deutliche und vollständige Begriffe zu machen. Man kann diese Beschäftigung bei allen denjenigen Arbeiten vornehmen, die es sonst erlauben, dass man dabei andere Leute beurteilen oder unnütze Reden führen kann. Nur muss man zugleich dahin sehen, dass man die einmal erlangte Klarheit, Deutlichkeit und Vollständigkeit der Begriffe nicht wieder verliere, welches auf verschiedene Art erhalten werden kann. So muss man z.E. nicht viele Sachen zugleich oder allzu geschwind hintereinander treiben, zumal wenn sie keine Verwandtschaft miteinander haben. Wer von der Bibel sogleich zur Pamela ; und von da, sogleich zu der Vernunftlehre fortgehen wollte, würde aus keinem was Rechtes behalten. So muss man auch die Sachen in derjenigen Ordnung treiben, wie eine aus der anderen fließt und muss überhaupt auf alles die gehörige Aufmerksamkeit wenden. Dieses ist die Ursache, warum ich mir keine verliebten Leserinnen weder verspreche noch wünsche. […] Wer die Wissenschaften lernen will, muss ein freies Gemüt haben. Apollo  leidet bei keiner von uns einen sterblichen Nebenbuhler, und wir müssen uns also gefallen lassen, entweder den einen oder den anderen hintanzusetzen. Man wird mich entschuldigen. Als Philosophin darf ich nicht anders schreiben.

Die Philosophie der Glückseligkeit zerbricht den Kopf nicht

§ 51
Ich zu meinem Teil bin die trockene Lehre vom Abstrahieren schon sehr satt. Man sieht wohl, dass einerlei Regeln sind, von einzelnen Dingen Arten, von Arten Gattungen und von niedrigeren Gattungen höhere abzusondern. Man muss nur die Begriffe aufmerksam betrachten; man muss ihre Übereinstimmung deutlich erkennen; man muss ihre Unterschiede weglassen; und endlich die allgemeinen Merkmale in einen einzigen Begriff zusammenbringen. Exempel habe ich schon genug gegeben, und überhaupt muss ein Frauenzimmer vom abstrakten Denken nicht allzu viel wissen, wenn sie auch gleich eine Philosophin wäre. Die Sache ist gar zu ernsthaft für uns, und es ist genug, dass sich die allerdüstersten Männer nur damit den Kopf zerbrechen. Ihnen ist es natürlich; wir aber, wenn wir die Philosophie lernen, haben einen ganz anderen Endzweck. Nicht zu abstrahieren, nicht Grillenfängerinnen zu werden, nicht unsere Weisheit in einer unsinnigen Trockenheit zu suchen, damit wir Wörter ohne Begriffe und tief erforschte Begriffe erlangen möchten, die zu keinem weiteren Nutzen dienen, als dass sie halb verrückte Menschen aus uns machen. Nein! Wir lernen die Weisheit, um glückselig zu werden, und durch einen vernünftigen Umgang unsere eigene Glückseligkeit anderen Menschen mitzuteilen. Das allzu starke Abstrahieren ist gerade die Sache nicht, die uns diesen Zweck erreichen hilft. Alles, was uns dazu hilft, braucht keiner kopfbrechenden Untersuchung. Wir können ohne Schaden dabei Menschen bleiben.

Beschreiben ist schöner als Erklären

§ 58
[…] So strenge geht es mit den Erklärungen. Man kann aber auch leicht urteilen, was es für ungemein schöne Begriffe sind, da man sich, wenn sie richtig gemacht werden, in der Beurteilung der Dinge so sicher darauf verlassen kann. Es sind die allerkürzesten ausführlichen Begriffe, die also ohne Schwierigkeit überdacht werden können und doch zu alle dem hinreichend sind, wozu man philosophische Begriffe nötig hat. Indessen ist auch nichts gewisser, als dass gemeiniglich die Beschreibungen die Erklärungen an Schönheit übertreffen. Daher ist es sehr ungereimt, wenn man auch außer den philosophischen und anderen lehrenden Schriften überall genaue Erklärungen anstatt der Beschreibungen verlangt und anbringt.

Der gelehrte Orbil und die Philosophie in Tabellen

§ 66
Ich habe meines Erachtens von den Einteilungen so viel gesagt, als zu einem vernünftigen Gebrauch derselben nötig ist. Ich sage mit Fleiß: zu einem vernünftigen Gebrauch; denn man muss wissen, dass die Gelehrten mit nichts mehr Missbrauch treiben als mit den Einteilungen der Begriffe. Das schöne Wort Distinction  mag wohl schuld daran sein, dass man die Sache öfters zu weit treibt. Daher findet man ganze Bücher, die nichts als Einteilungen in sich enthalten und, kaum wird man es glauben, die ganze Philosophie in Tabellen. Ich habe schon oben gesagt, dass es ein Hauptnutzen der Einteilungen sei, dass man dadurch in den Stand gesetzt wird, ganze Gattungen zueinander gehöriger Begriffe auf einmal in ihrer Ordnung zu überdenken. Dieser Nutzen muss notwendig wegfallen, wenn die Einteilungen gar zu lange fortgesetzt werden; denn wie sollte es möglich sein, dergleichen ungeheure Tabellen im Kopf zu behalten? Auf diese Art hindern die Einteilungen die Deutlichkeit mehr, als dass sie dieselbe befördern sollten. Man muss sich aber auch nicht einbilden, dass es allen Gelehrten um die Deutlichkeit zu tun sei. Es gibt noch heutzutage Gelehrte genug, die den Charakter des Orbils an sich haben, davon ich einige Züge hier anführen will:
Ein Feind der Kunst, recht klar zu denken,
Der nur verjährte Bücher las,
Orbil stund vor den vollen Bänken,
Darauf die junge Nachwelt saß.
Er floh mit Fleiß die klaren Stellen;
Nur wenn er etwas Dunkles fand,
Davon auch nichts im Faber stand,
So hörte man das Urteil fällen:
Ich leider kann es nicht verstehn!
Ihr Kinder, merkt’s euch! Das ist schön.

Von doppelten Maronen oder Wortstreitigkeiten in der Philosophie

§ 70
Wenn man verstanden werden will, so muss man sich so ausdrücken, dass der andere mit unseren Worten eben den Gedanken verbinde, den wir damit verbinden. Ob nun dieses geschehe, erkennt man am leichtesten daraus, dass man sich von dem anderen sagen lässt, was er mit unseren Worten für einen Verstand verknüpfe? Wofern dieses nicht geschieht, so wird der andere mit unseren Worten einen ganz anderen Sinn verknüpfen, als wir selbst haben, und das wahrscheinlichste, so hieraus entstehen kann, sind Streitigkeiten, welche auf einmal entschieden sein würden, wenn beide Parteien sich über die Worte erklärten, deren sie sich bedienen, weshalb man sie auch Wortstreite zu nennen pflegt. Der Freiherr von Haller  beschließt die Zueignungsschrift vor seinen Gedichten, indem er den Herrn Steiger anredet, mit folgenden Zeilen:
Doch Männern deiner Trefflichkeit
Versagt der Himmel keine Kronen,
Er lohnt Mäcenen mit Maronen
Und Tugend mit Unsterblichkeit.
Es ist bekannt, dass Virgil Maro  genannt wird. Es gibt aber auch eine Art großer Kastanien, die man nach dem Französischen Maronen heißet. Es könnte also die dritte Zeile, außer ihrer richtigen Bedeutung, auch so verstanden werden, als ob der Himmel Mäzene mit großen Kastanien lohnte. Der Streit, der hierüber geführt werden könnte, müsste den Augenblick verschwinden, sobald nur angezeigt würde, dass man hier unter Maronen Vergil verstanden haben wolle. Will man es lieber im Voraus vermeiden, dass eine anderer mit unseren Worten nicht etwa einen Begriff verbinde, der dem unsrigen zuwider ist: So tut man wohl, dass man die Worte in derjenigen Bedeutung nur gebraucht, darin sie am gewöhnlichsten sind, das heißt: Man muss den Redegebrauch beibehalten.

Die Experimentalphilosophin öffnet Augen und Ohren

§ 88
[…] Die Erfahrungssätze sind von zweierlei Art, und um ihretwillen habe ich das Vorhergehende angeführt. Die Wörter Observationen oder Beobachtungen und Experimente oder Versuche  sind in der Weltweisheit so gebräuchlich, dass sie bei dieser Gelegenheit erklärt werden müssen. Ein jeder Satz, von dem wir durch die Erfahrung gewiss sind, heißt eine Observation oder Beobachtung. Wir werden aber von einem Satze gewiss, wenn wir die Wahrheit desselben klar erkennen. Sobald wir also eine Wahrheit durch die Erfahrung entdecken: So observieren oder beobachten wir. So wird z.E. ein gelehrter Mann sagen: Wir werden heute Abend eine Mondfinsternis observieren, oder: wir haben observiert, dass einige Gelehrte Narren sind. Es ist nichts dagegen einzuwenden, denn die Erfahrung kann uns tausend Sachen lehren, auf die sonst niemand leicht fallen würde. Die Tiere, welche sich auf ihre Vernunft nicht sehr verlassen können, bringen es bloß durch die Beobachtungen zu einer erstaunenden Höhe in der Erkenntnis. Inzwischen hat man deshalb die Vernunft gar nicht zu verachten. Eine Henne sitzt eben so fleißig auf einem Stücke Kalk, als wenn es ein Ei wäre. Hier wollen die bloßen Beobachtungen nicht hinreichen, und ein geringerer Grad der Vernunft würde ihr den Irrtum nicht unentdeckt lassen. Wenn es donnert, so sagen die Malabaren,  dass die Wolken redeten, sie glauben dieses zu beobachten, und es erhellt hieraus, dass auch selbst dazu, richtige Beobachtungen anzustellen, eine gesunde Vernunft erfordert werde. Doch ich werde hiervon unten mit mehreren zu reden Gelegenheit haben. Wenn wir, um etwas zu beobachten, gewisse Anstalten vorkehren oder uns zu dieser Absicht gewisser Mittel bedienen: So machen wir Versuche oder Experimentieren. Der Unterschied zwischen Beobachtungen und Versuchen ist also sehr gering und besteht bloß darin, dass wir die Beobachtungen gleichsam von ungefähr, die Versuche aber mit Vorbedacht anstellen. Ich rate diesen beiden Wege zur Erkenntnis der Dinge zu gelangen meinen Leserinnen ganz besonders an, denn sie sind leicht und angenehm. Wir dürfen nur Augen und Ohren eröffnen; so werden tausend Erfahrungen sogleich vorhanden sein, und eben so viel Beobachtungen werden wir anstellen. Bald darauf lernen wir uns auch zu gewissen Erfahrungen ausdrücklich vorzubereiten, und alsdenn sind wir im Stande, Versuche anzustellen.

Mathematiker und holländische Frauenzimmer haben etwas gemeinsam

§ 92
Dieses wären demnach die vornehmsten Arten der Sätze, welche in der Weltweisheit am öftersten vorkommen und darin am nützlichsten sind. Besonders ist die letzte Art von Sätzen darum merkwürdig, weil die den Erwägungs- und Übungssätzen beigelegten Namen in den mathematischen Schriften sehr häufig vorkommen. Denn man muss wissen, dass die Mathematiker, weil sie in allen ihren Sachen so gar genau sind, auch alle Sätze, die sie vortragen, mit ihren besonderen Namen bezeichnen. Wenn z.E. ein Philosoph schlechthin sagt: Ohne Licht kann nichts gesehen werden: So setzt der Mathematicus:
Grundsatz.
Ohne Licht kann nichts gesehen werden. Und so macht man es mit allen übrigen Sätzen. Man müsste die Mathematik erst kennenlernen, wenn man sagen wollte, dass dieses eine Torheit wäre, und so wenig man es einem holländischen Frauenzimmer  übelnehmen kann, sehr reinlich zu sein; ebenso wenig kann man es einem Mathematicus verdenken, dass er uns alle seine Sätze mit ihren Titeln zuzählt; um die Genauigkeit in der Lehrart aufs höchste zu treiben, weil die Messkunst in diesem Stücke alle anderen Wissenschaften übertreffen soll.

Der wahre Philosoph findet neue Wahrheiten

§ 97
[…] Es ist wahr, die ganze Lehre von den Schlüssen  ist ein wenig schwer, allein sie lässt sich dennoch begreifen: Wenn man nur auf alles, was gesagt wird, die gehörige Aufmerksamkeit richtet. Dieser einzige Kunstgriff legt den Grund zu aller Gelehrsamkeit, die wir aus dem Vortrage anderer erhalten können, wofern derjenige das seinige tut, welcher die Sachen gehörig vorträgt. Ich setze lauter solche Leserinnen voraus, die dieses beobachten, und bloß nach diesen richte ich mich in der Art meines Vortrags. Ich suche sie also nicht erst dazu geschickt zu machen, aus Büchern etwas zu lernen; sie müssen schon von Natur die Gabe der Aufmerksamkeit besitzen. Nein, wir haben einen weit erhabeneren Endzweck. Wir wollen lernen, selbst Wahrheiten zu erfinden und uns selbst Beweise von Wahrheiten zu erdenken, deren Gründe uns noch unbekannt sind. Kurz, wir wollen lernen, aus uns selbst weislich denken, und dieses muss von Rechtswegen die Absicht aller Lernenden sein. Gewiss, es besteht darin ein sehr geringer Vorzug, dass man dasjenige begreifen kann, was einem aufs Deutlichste von andern vorgedacht und vorgesagt wird. Kann man sich selbst etwas dazu beitragen, das Reich der Wahrheiten zu vermehren oder wenigstens zu befestigen; so darf man sich noch ganz und gar nicht unterstehen, sich unter die Zahl der Gelehrten zu rechnen; und so lange man mit dem größten Fleiß dasjenige lernet, was andere uns schon erfunden haben, gehört man nur unter die Zahl der Schüler guter Hoffnung, ohne dass man auf etwas Höheres Anspruch machen könnte. Diejenigen, so es bloß dabei lassen und niemals selbst erfinden, niemals selbst eine einzige Wahrheit durch ihr Nachdenken befestigen, mögen nur immer, wie jener Schullehrer, ausrufen:
––– Wir loben unsre Künste,
Wir grübeln, forschen nach und setzen in ein Licht,
Was andre sonst gedacht: Wir aber denken nicht.
Wer sich zu nichts mehreren aufgelegt findet, der kann nur alle seinen Fleiß sparen und sich in solchen Sachen der Welt nützlich zu machen suchen, wozu ihn die Natur bestimmt hat, denn in der Gelehrsamkeit verdient sein Fleiß darum keinen Dank,
– weil er nichts mehr hilft, als andrer Müßiggang.
Wir, meine Leserinnen, wollen der Spur nachgehen, die wir gefunden haben, die Wahrheit aufzusuchen, nicht bloß um ihr Gefolge zu vermehren, sondern ihr, womöglich, einige Dienste zu leisten. Durch Schlüsse erfinden wir. Durch Schlüsse können wir Beweise führen. Die Schlüsse also sind es, deren Natur wir genauer untersuchen müssen.

Die Syllogismen der Philosophen beweisen vor allem ihren Hochmut

§ 103
Nach diesen Regeln der leichtesten Art zu schließen wollen wir nunmehr in einzelnen Fällen sehen, wie Schlüsse zu machen sind, worin der Schlusssatz allgemein bejaht und worin er besonders verneint. Diese letzte Arbeit müssen wir noch miteinander aushalten, und dann werden wir Schlüsse machen können. Alsdenn wir es uns leicht sein, alle Arten von Wahrheiten miteinander zu verbinden, und unsere Seele wird einen Adel bekommen, der nicht seinesgleichen hat. Es ist wahr, wir werden dadurch noch nicht gelehrter sein als wir jetzt sind; denn bis dato muss uns allemal jemand die Wahrheiten vorsagen, die wir in den Schluss bringen sollen, wir werden nicht tugendhafter, nicht glückseliger sein. Aber alles dieses tut nichts zur Sache. Schlüsse zu machen, das ist die neueste Mode; und wenn jetzt ein Gelehrter schlechterdings nicht weiß: So wird er doch von Schlüssen reden. Er nimmt sich zum gemeinschaftlichen Ausdruck und der Schlusssatz ist Hochmut und Unwissenheit.  Jetzt ist die ganze Welt mit solchen Leuten besetzt, und man kann sie nicht wieder los werden, wenn sie einmal ins Demonstrieren  gekommen sind. Sie sind aber, im Vertrauen zu sagen, nur Schatten der Gelehrten, und es wird nichts leichter sein, als sie von den wahren Gelehrten zu unterscheiden. Sie könne es nicht lange in einem Reden aushalten, ohne immer dazwischen zu sagen: Das ist ein Schluss in der ersten Figur! Das ist ein Schluss in einer anderen Figur! Und so treiben sie es bis auf die vierte. Endlich fangen sie an: Das ist ein Schluss in Barbara! Das ist ein Schluss in Ferio! usw. Diejenigen, welche immer die vier Selbstlauter, A, E, I und O  im Munde führen, sind die allergefährlichsten; denn diese haben vor andern was Rechtes getan und geben die Vermutung, dass sie ehestens werden Magister werden; denn von solchen Leuten kann man nur gewiss glauben, dass sie sehr viel Handschriften liegen haben, worin alles das sauber nachgeschrieben anzutreffen ist, was sie zeit ihres Lebens behaupten werden. Ich tadle vermutlich nicht zu scharf. Ich habe wenigstens die Ehre, mich auf den Beifall des unvergleichlichen Herrn von Hagedorns  zu berufen. Er sagt:
Die meisten hüten nur die Sätze,
Wie einen toten Schatz, den niemand größer macht,
Sie sammeln, was man meint, und blättern Tag und Nacht,
Bis sie sich unbekannt und unentwickelt sterben.
Ihr unfruchtbarer Witz hat nichts hervorgebracht.
Man tadelt eine Schwachheit nicht mit Recht, wenn man sich nicht wenigstens bemüht, sie selbst zu vermeiden. Dieser Lehre wollen wir eingedenk sein. Wir können jetzt zwar noch nichts weiter tun, als dass wir lernen, schon erfundene Wahrheiten in Form der Schlüsse zusammenzusetzen. Es soll aber dabei nicht sein Bewenden haben. Noch ehe wir die Vernunftlehre beschließen, wollen wir lernen, selbst zu erfinden und selbst Beweise zu führen, und diese Regeln wollen wir Zeit unseres Lebens in Ausübung zu bringen suchen.

Der Philosoph à la mode ist der Demonstriersucht verfallen

§ 110
Man wird aus dem Vorigen ersehen, dass die Ordnung der Gedanken verschieden sein könne. In der ersten Art des Beweises setzen wir allemal die Sätze zuerst, welche erwiesen werden sollen, und die Fördersätze  nachher. In dem andern Beweis war die Ordnung der Sätze umgekehrt. Allemal, wenn man eine Sache dergestalt bedenkt, dass die Beweise und zu erweisenden Sachen miteinander verbunden: So denkt man nach der philosophischen Lehrart. Es gibt also zweierlei philosophische Lehrarten. Die eine, darin die Wahrheiten eher gedacht werden als ihre Beweise; und derselben kann man sich zur Übung bedienen, wenn man lernen will Beweise führen. Die andere, die die Fördersätze allemal voraus kommen, die Schlusssätze aber hinterher; und dieses ist die Lehrart, derer man sich philosophischen Schriften zu bedienen pflegt. Die sehr akkurate philosophische Lehrart, da man sogar die Sätze dem Leser mit ihren Zusätzen zuzählt, heißt die mathematische Lehrart;  und dies ist heutzutage so zur Mode geworden, das bei beinahe lächerlich gemacht ist. Die mathematische Lehrart sollte eigentlich nur bei solchen Wahrheiten gebraucht werden, welche die höchste Gewissheit haben, dergleichen die mathematischen sind; denn solche Wahrheiten ziert ein kleiner Eigensinn in der Kleidung, worin sie sich wollen sehen lassen. Nichtsdestoweniger wird man finden, dass auch die Wahrheiten, die kaum diesen Namen verdienen, anjetzt in mathematischer Kleidung erscheinen. Vielleicht bekommen wir ehestens Romane in dieser Lehrart; und es geht schon die Rede, dass Pepliers Grammaire  einen neuen Schneider angenommen haben soll, der ihr einen mathematischen Rock zurechtmachen will. Nicht sowohl die Liebe zur Wahrheit und Gründlichkeit, als vielmehr die Mode mitzumachen scheint die strenge Lehrart dergestalt zu entheiligen; ja, selbst die allzu große Liebe zu strengen Beweisen artet in eine Narrheit aus, welche man die Demonstriersucht nennt. So gewiss es ist, dass alles, was richtig gedacht wird, nach ordentlichen Schlüssen gedacht wird; so abgeschmackt kommt es doch heraus, wenn man nicht anders als in Schlüssen reden und schreiben will.

Die Philosophie lernt man dadurch, dass man sie praktiziert

§ 122
Ich kann hier zum Beschluss der Lehre von den Erfindungen noch folgende Vorschläge tun, wie man es anzufangen habe, um bald erfinden zu lernen. Es sind diese: Man stelle viele Erfahrungen an und reflektiere fleißig über alles, was einem vorkommt. Man gewöhne sich aus allen Erfahrungen etwas zu schließen und nach obiger Anleitung Grundsätze und Heischesätze  daraus herzuleiten. Man lasse sich unterrichten und bemühe sich, alles gründlich zu fassen; denn es ist sehr schwer und gehet damit sehr langsam her, ohne Unterricht von selbst gelehrt zu werden. Ein mündlicher Vortrag prägt sich dem Gemüt weit mehr ein als ein schriftlicher: Allein es gibt unter uns wenig Gelegenheit, von andern unseres Geschlechts durch mündlichen Vortrag etwas zu lernen, und Mannspersonen sich in diesem Stücke anzuvertrauen wollte ich niemand raten; nicht, weil ich etwa glaubte, als wäre es unserm Geschlecht unmöglich, mit einer Mannsperson umzugehen, ohne in einem verliebten Kriege entweder zu siegen oder überwunden zu werden; sondern, weil es, vornehmlich hierzulande, fast unmöglich fällt, mit einer Mannsperson umzugehen, ohne in den Verdacht zu geraten, dass man mit ihr nichts Gutes vornehme. Dieses fast allgemeine Vorurteil verrät eine fast allgemeine Art zu denken unserer Landsleute, die ihnen wenig Ehre bringt, woraus man viel auf die Gesinnung der Herzen schließen kann, und kurz, welche allemal da am meisten Mode ist, wo die Laster nur verlarvt erscheinen und nichts häufiger gesehen wird als verlarvte Personen.  Man muss sich also mit Schriften behelfen, und es sind besonders solche zu raten, die nach der philosophischen Lehrart geschrieben sind. Man spreche fleißig von philosophischen Sachen: Denn dieses nötigt uns, deutliche Begriffe von den Sachen zu erhalten. Der mündliche Vortrag der Wahrheiten hat also etwas ganz Vorzügliches bei sich. Melanchton  muss dieses wohl eingesehen haben: Denn man erzählt von ihm, dass er sich auf seine Studierstube eine ganze Menge Töpfe haben bringen lassen, welchen er die wichtigsten Wahrheiten vorgetragen, damit er sich des Nutzens, welchen ein mündlicher Vortrag verschafft, teilhaftig machen könnte. Man kann auch die Wahrheiten schriftlich vortragen, und wer es nur einmal versuchen will, dieses zu tun, wird den Nutzen davon gar bald spüren. Überhaupt aber will es Zeit erfordern, wenn man es in der Erfindung von Wahrheiten zu einer Fertigkeit bringen will. Denn dieses ist der Gipfel der menschlichen Erkenntnis, und oh, wie wenige Menschen sind es, die denselben erreichen! Aber woher kommt es? Die wenigsten beobachten die hier vorgeschriebenen Regeln, und was das schlimmste ist, so machen es sehr viele nicht anders, als wie es Günther  beschreibt, wenn er sagt:
Denn einen schreibt des Vaters Willen:
Sohn! Treibe die Geographie.
Der Sohn ist flüchtig zum Erfüllen,
Zieht Sporn und Stiefeln an das Knie,
Und nimmt ein Dutzend Reisebrüder
Und zieht nach Possendorf aufs Land
Und schreibet aus der Schenke wieder:
Ich mache mir die Welt bekannt!

Die Philosophin bekämpft Vorurteile und befragt Meinungen

§ 126
Wenn wir etwas Wahres für falsch, oder etwas Falsches für wahr halten, so irren wir, und die vornehmsten und gemeinsten Irrtümer sind die Vorurteile, welche entstehen, wenn wir irren, weil wir nicht untersucht haben, ob die Sache wahr oder falsch sei, die wir dafür halten. Wenn meine Leserinnen in Erlernung der Weltweisheit fleißig sein werden, so werden sie auch unzählige Vorurteile bemerken, welche sie von Jugend auf gehegt haben. Sie dürfen alsdenn nur an die Gespenster und an die gemeinen Gebräuche  denken, so zweifle ich nicht, dass sie mir werden recht geben. […] So leicht scheint es, den Irrtümern zu entgehen: Aber die Leichtgläubigkeit, wenn man etwas Gutes hört, und das Misstrauen bei einer bösen Nachricht sind nebst den Vorurteilen die mächtigsten Feinde der Wahrheit und Beförderer der Irrtümer.

Meinungen sind kein Wissen

§ 127
Wer ungewisse Sachen für wahre hält, der hegt eine Meinung. Man tut dies zuweilen bei Sachen, davon man keine Gewissheit erhalten kann, und erklärt aus einem solchen angenommenen Satz die Erscheinungen, so sich bei einer solchen ungewissen Sache zutragen. Dergleichen Meinungen findet man sehr viel in der Naturlehre, wo ich mich besonders auf die Lehre von der Elektrizität und dem Magneten  berufen kann. Sie sind nicht allemal verwerflich, man muss sie nur nicht für wahr halten, sondern sie werden nur immer wahrscheinlicher, je besser sich die Erscheinungen daraus erklären lassen, je mehrere man daraus herleiten kann und je besser sie mit der Vernunft und Erfahrung übereinstimmen. Dieses sind zugleich die Regeln, wonach man Meinungen beurteilen muss.


EINLEITUNG IN DIE HAUPTWISSENSCHAFT

Die Metaphysik ist eine Gefahr für den natürlichen Verstand

§ 132
Jetzt betreten wir das eigentliche Gebiet der Weltweisheit. Ich habe schon in der Einleitung in die Weltweisheit gesagt, dass wir in dieser Wissenschaft zwei Hauptteile haben. Die erste ist die Hauptwissenschaft, die andere die Naturlehre.  In der Hauptwissenschaft werden die ersten Gründe aller menschlichen Erkenntnis vorgetragen, und dieses ist der eigentliche Begriff, den man von dieser Wissenschaft geben kann, denn sie handeln von den allgemeinen Beschaffenheiten der Dinge; diese aber begreifen alles in sich, woraus wir alles übrige erkennen können. Aristoteles ist der erste Erfinder dieser Wissenschaft gewesen, und nach ihm sind unzählige andere ans Tageslicht gekommen. Er selbst hat ihr den Namen der Metaphysik  gegeben, welchen sie noch bis auf den heutigen Tag behauptet. Wenn man sich erinnern will, was ich oben von den allgemeinen Begriffen gesagt habe: So wird es nicht schwerhalten vorherzusehen, dass diese Wissenschaft, welche lauter allgemeine Wahrheiten in sich enthält, auch lauter abstrakte Liebhaber erfordern werde. Daher sind die meisten Metaphysiker finstere Köpfe; und es ist heutzutage fast zu einem Schimpfnamen geworden, wenn man jemanden einen Metaphysicus nennet. Wir müssen uns also wohl vorstehen, damit wir nicht bei dieser Wissenschaft an unserer natürlichen Art zu denken Schaden leiden. Ich selbst habe keinen allzu abstrakten Kopf und hoffe also meinen Vortrag so einrichten zu können, dass mir meine Leserinnen ihre gesunde Vernunft sicher anvertrauen können.

Leserinnen, zweifelt!

§ 155
[…] Ich habe schon längst beobachtet, dass meinen Leserinnen gar verschiedene Zweifel wider die bisher vorgetragenen Lehren einfallen möchten. Jetzt kommt eine Gelegenheit vor, bei welcher ich die wichtigsten werde beantworten können. Jedes Ding soll vollkommen sein.  So müssten wir ja den Teufel leugnen, nebst allen Gottlosen und lasterhaften Menschen; und was das Schönste wäre: So würde keine Hässlichkeit mehr sein, denn dieses sind ja alles unvollkommene Sachen. Ich wollte wetten, dass viele bei Durchlesung des Vorhergehenden wirklich diese Gedanken gehabt haben; und ich wünsche, dass alle so gedacht hätten, denn das würde ein Zeichen sein, dass sie mit Aufmerksamkeit und Nachdenken diese Blätter durchläsen.

Barbarische Wörter bekunden Ernsthaftigkeit

§ 171
Ich komme nunmehr zu einem sehr wichtigen Unterschied der Dinge. Nicht darum, weil er so schwer wäre; auch nicht darum, weil sich die Wohlfahrt der Welt drauf gründen sollte, denn beides ist nicht. Aber das macht ihn wichtig, weil Kriege darüber geführt werden und Tinte wie Wasser vergossen wird. Doch warum will ich mich in der Vorrede weitläufig aufhalten. Man soll begreifen, dass einige Dinge Substanzen und die übrigen Akzidenzen sind.  Ich behalte diese barbarischen Namen bei, damit die ganze Sache ein etwas ernsthaftes Ansehen bekommt. Wenn ein Ding existieren soll und es kann nicht anders als wirklich sein, außer dass es eine Bestimmung von einem anderen Dinge ist: So nennt man es ein Akzidenz. Kann es aber existieren, ohne eine Bestimmung von etwas anderem zu sein: So heißt es eine Substanz. Gott war, ehe noch irgendein anderes Ding war. Er muss also sein können, ohne eine Bestimmung von etwas anderem zu sein. Er ist demnach eine Substanz. Unsere Seelen, wofern sich auch ohne den Körper wirklich sein können, welches aber hier noch nicht ausgemacht werden kann, sind ebenfalls Substanzen; weil sie in solchem Falle existieren können, ohne Bestimmungen von etwas anderem zu sein. Es tut nichts, dass eine Substanz seit ihrer ganzen Fortdauer nie existiert hat, ohne eine Bestimmung von etwas anderem zu sein; sie bleibt dennoch eine Substanz, wofern sie nur also hätte existieren können. […] Die Erklärung, so ich hier gegeben habe, hat der berühmte Herr Professor Baumgarten in seiner Metaphysik  festgesetzt, und in der zweiten Vorrede verteidigt. Hierbei kommt ein kleines Akzidenz zu erinnern vor. Ich verstehe nicht lateinisch. Die Metaphysik des Herrn Professors ist aber lateinisch geschrieben. Die Auflösung dieser Aufgabe ist folgende. Es leistete mir zu der Zeit, als ich mich mit des Herrn B. v. Wolfs Logik  schon lange beschäftigt hatte, ein gewisser Freund den verbindlichen Dienst, mir die Baumgartische Metaphysik, welche ich zu lesen um desto begieriger zu sein, je beliebter sie hier in Halle ist, aus dem lateinischen ins Deutsche zu übersetzen und mit einigen Erläuterungen und Anmerkungen zu begleiten.

Monaden retten den Philosophen nicht vom Vergessenwerden

§ 182
[…] Einige nennen den Raum die Ordnung außer einander befindlicher Dinge, die zugleich vorhanden sind; und alsdenn ist die Zeit die Ordnung aufeinander folgender Dinge. Nach diesen Begriffen kann Raum und Zeit nirgends sein, als wo Dinge sind, die entweder nebeneinander oder nacheinander existieren. Nach diesen Begriffen ist die Erschaffung der Welt weder Raum noch Zeit gewesen, wird auch nach dem Untergang der Welt nicht sein und kann auch außer der Welt nicht angetroffen werden. Nimmt man hingegen an, dass ein Raum sein können, der von allen Dingen leer ist: So kann man mit jedem Dichter fragen:
Was dort den öden Raum von Millionen Himmeln,
wo jetzt, fast gedrängt, viel tausend Körper wimmeln,
Vor dieser Zeit erfüllt?
Man nehme an, was man wolle: So wird man doch leicht begreifen können, dass eine Monade  keinen Raum erfüllen könne, weil ihre Teile nicht außer einander sind und also keine Ausdehnung haben. Wer Monaden zugibt, muss auch dieses notwendig zugestehen. […] Alles dieses hat seine Richtigkeit, wenn Monaden sind. Sind keine: So ist das alles umsonst. Weiter ist kein Schaden dabei. Man wird mir also wenigstens dafür verbunden sein, dass ich mich in dieser zweifelhaften Materie so kurzgefasst habe. Wer keine Monaden glaubt, wird sehr wohl damit zufrieden sein. Aber vielleicht gibt es manchen Verehrer der Monaden, manchen schreiberischen Cleon, der es mir sehr verdenkt, dass ich diesen Hauptgrund aller Weisheit nicht in einigen Bänden erschöpft habe. Allein,
Mein Cleon! Jahr und Zeiten fliehen,
Wie bald sind wir des Moders Raub!
Wie bald sind wir und alles Staub,
Was wir mit regem Kiel der Dunkelheit entziehen!

Vergebens schreiben wir für Welt und Afterwelt;
Vergebens werden wir in Bänden aufgestellt;
Der Motten zahlreich Heer zernagt, mit frechem Zahn,
Den bestvergold‘ten Schnitt; den schönsten Saffian.

Ja, Cleon! nähmen deine Schriften,
Um jede Messe zu erfreu‘n,
Auch täglich zwanzig Pressen  ein:
Sie würden dir dennoch kein stetes Denkmal stiften.

Dein stärkster Foliant,  der Fluch für den, der schreibt,
War Lumpe, ward Papier, wird Kehricht, wird zerstäubt.
Verwahre deiner Weisheit Spuren;
Das Werk, das deinen Witz bewährt,
Mit Buckeln, die kein Wurm verzehrt,
Mit ewigem Metall, in Spangen und Klausuren:

Auch dieses schützt dich nicht; vielleicht zerstückt es doch
Der Schneider leichtes Volk, ein unbeles‘ner Koch;
Und was entblättern nicht der Haare Kräuselei,
Tabak- und Käsekram, Konfekt und Spezerei?

Der allgemeine Zusammenhang der Dinge zwischen einem Mondbürger und Phyllis

§ 193
Ich habe bisher gezeigt, dass alle Dinge einigermaßen ähnlich und einerlei sind, und dass sie auch alle einigermaßen unähnlich und verschieden sind. Alles dieses sind Bestimmungen, die sich an den Dingen nicht gedenken lassen, wofern man sie nicht im Zusammenhange mit andern außer ihnen betrachtet. Alle Dinge also, die diese Bestimmungen haben, stehen untereinander im Zusammenhang oder sind verknüpft. Nun haben aber alle wirklichen Dinge diese Bestimmungen; folglich muss, unter allen wirklichen Dingen wegen dieser ihrer Verhältnisse ein allgemeiner Zusammenhang sein, und zwar ist dieses ein allgemeiner Zusammenhang aller wirklichen Dinge insbesondere; dahingegen, vermöge des Satzes vom Grunde,  auch ein allgemeiner Zusammenhang aller möglichen Dinge überhaupt erwiesen worden ist. Es wird also wohl nicht anders sein, wir werden müssen zugeben, was uns die Philosophen schon lange gesagt haben, nämlich, dass kein Stäubchen so gering ist, welches nicht als ein Glied in der allgemeinen Kette,  wodurch alle Dinge verbunden werden anzusehen sind. In Wahrheit, es ist nicht jedermann gegeben, dieses zu begreifen. Sind nicht unendliche Schwierigkeiten dabei, wenn wir uns einbilden sollen, dass die ganze Welt und alle wirklichen Dinge nicht anders aussehen sollen als eine genealogische Tabelle, worin immer eine Person von der anderen abstammet. Wie ist es möglich, dass wir, die wir noch darüber streiten, ob es Bewohner der Planeten gebe,  wie ist es möglich, dass wir entweder Gründe von ihnen oder ihre Folgen sein können? Denn eines von beidem ist zu einem Zusammenhange notwendig. Inzwischen wird es sich doch nicht ändern lassen, und wir müssen uns in diese Einrichtung schicken. Ja was für Kopfbrechen wird auch dazu erfordert, um zu begreifen, dass z.E. jedweder Mondbürger mit einer Erd-Phyllis  im Zusammenhange stehe, weil er möglich ist; weil sie möglich ist; weil also beide in gewisser Absicht einerlei sind, nicht aber einerlei sein können, wenn sie nicht alle beide vorhanden wären. Wie leicht ist es also nicht zu begreifen, dass Phyllis ein Grund davon sei, dass ihr ein Mondbürger in den allgemeinen Beschaffenheiten aller Sachen ähnlich ist, ebenso wohl, als er der Grund davon ist, dass sie ihm ähnlich sein kann. Gewiss, wer den allgemeinen Zusammenhang der Dinge darum leugnet, weil er ihn nicht begreifen kann: Der ist nicht wert, gelehrt zu heißen; wer ihn aber gedenkt zu übersehen und zu fassen: Der verlangt Gott zu sein, und das macht der allgemeine Zusammenhang, dass er ein Narr ist.

Wer ist so höflich, den Körper zu bewegen?

§ 196
Dass es in der Welt keine bloße Materie geben, sondern dass jedes ausgedehnte Ding, welches in der Welt existiert, ein physikalischer Körper sei, der also sowohl eine Trägheit als eine bewegende Kraft besitzt, kann erst unten in der Weltwissenschaft erwiesen werden. […] Wo finden sich aber nun die beiden Kräfte, die Trägheit und die bewegende Kraft, in einem Körper? Und sind es Substanzen, oder was sonst? Die Alten waren hier schlimm daran, weil sie nicht glaubten, dass die Körper aus Monaden bestehen und dass also ihre eigenen Teile auch die Substanzen wären, von denen die Bewegungen herrühren. Wo sollten sie also das Ding hernehmen, das bei dem Körper die bewegende Kraft und Trägheit ist? Es ging ihnen nicht anders, als es uns noch heutzutage geht, wenn wir etwas nicht wissen und uns doch schämen zu sagen: Das weiß ich nicht. […] Noch heute nehmen einige bei dem Menschen drei verschiedene Dinge an, nämlich den Leib, die Seele und den Geist; und es kann nicht fehlen, entweder der Geist oder die Seele müssen so höflich sein, den Körper zu bewegen. Doch vielleicht muss es die Seele sein; denn der Geist hat schon das Amt, dass er den Körper beschützt, sich manchmal sehen lässt und seinem Menschen, den er bewohnt, geheime Dinge offenbart; daher er auch der Schutzgeist genannt wird. Alles dieses sind nun freilich Meinungen.


DIE WELTWISSENSCHAFT

Nur wirre Köpfe glauben an eine Welt ohne Übel

§ 214
[…] Jedes endliche Ding, also auch diese Welt, hat notwendige Übel, und es sind darin zufällige Unvollkommenheiten an sich möglich. Jede Welt muss also auch, wie jedes endliche Ding, teils gut, teils böse sein. Wie ungereimt ist es also nicht, wenn man sich einbildet, dass darum eine bessere Welt möglich wäre als die Gegenwärtige, weil es eine geben könnte, worin gar kein Übel wäre. Eine Welt ohne alles Übel ist ein Schlaraffenland, das nirgends anders möglich ist als in den Köpfen solcher Leute, die selbst nicht denken können. Wäre eine Welt ohne alles Übel möglich gewesen; ich wette, dass es darin keinen einzigen Kopf gegeben haben würde, der so verwirrt gewesen wäre.

Das Gesetz der Kausalität steht in unseren Herzen

§ 219
Wenn sich eine Begebenheit in der Welt zuträgt, deren hinreichenden Grund  man nicht weiß: So nennt man dieselbe einen Zufall. Die Eigenliebe der Menschen hat ihnen den Obersatz beigebracht, dass dasjenige, was sie nicht wissen, auch nicht sein müsse; und dieser hat zu einem neuen Irrtum Gelegenheit gegeben, da man nämlich behauptet, dass wenigstens einige Begebenheiten in der Welt ohne hinreichenden Grund erfolgten. Es ist nicht nötig, diesen Irrtum zu widerlegen, da wir schon längst wissen, dass jedes Ding seinen zureichenden Grund habe. Indessen hat sich doch diese irrige Meinung sehr gemein gemacht, und man nennt eine Begebenheit, die keinen zureichenden Grund hätte, einen bloßen ungefähren Zufall. Es trägt sich bisweilen zu, dass es mitten im Winter bei heiterem Himmel einen Donnerschlag tut. Wir wissen hiervon den zureichenden Grund nicht anzugeben, zweifeln aber nicht im Geringsten, dass einer dabei vorhanden sein müsse. Diese Begebenheit nennen wir einen Zufall; und das mit Recht. Wer sie aber für einen bloßen Zufall halten wollte, würde behaupten müssen, dass sie gar keinen hinreichenden Grund hätte. Den meisten Menschen fällt es unmöglich, sich nur die Möglichkeit eines solchen Zufalls vorzustellen, ob sie gleich nicht einmal Philosophen sind. Die Natur hat uns das Gesetz vom Grunde mit unauslöschlichen Buchstaben in unser Herz geschrieben, und es sind nur die seltsamsten Köpfe dazu fähig, die Begebenheiten in der Welt auf eine so unnatürliche Art zu erklären. Hierhin gehört vornehmlich der alte Weltweise Epikur, welcher selbst den Ursprung der Welt durch einen bloßen Zufall erklärt hat.  Er sagte: Dass vor dem Anfang der Welt eine unzählige Menge Stäubchen unordentlich untereinander herumgeflogen wären: Es wäre aber ganz von ungefähr ein Sturmwind entstanden, welcher sie dergestalt zusammengeblasen hätte, dass daraus diese Welt entstanden wäre. In Wahrheit, je weiter wir in der Philosophie fortgehen, desto mehr finden wir in der Erfahrung, dass keine Meinung so seltsam sei, welche nicht jemals ein Philosoph sollte behaupten.

Gibt es Treibhäuser des Geistes?

§ 220
Wenn eine Begebenheit entstehen sollte, die nicht in etwas andern zuerst gegründet wäre: So würde sie keinen hinreichenden Grund haben und also durch einen ungefähren Zufall wirklich werden. Da nun das letztere ungereimt ist: So muss jede Begebenheit in etwas anderem zunächst gegründet sein. Eine Begebenheit, die keinen nächsten hinreichenden Grund hätte, nennt man einen Sprung. Nichts ist also gewisser, als dass die Natur keinen Sprung tut,  sondern die Begebenheit jederzeit aus einer andern zunächst erkannt werden könne. Wer also annimmt, dass Sprünge in einer Welt auch nur möglich wären, begeht einen handgreiflichen Irrtum. Inzwischen kann manche Begebenheit in gewisser Absicht ein Sprung genannt werden, wenn sie nämlich nicht ihren gewöhnlichen nächsten hinreichenden Grund hat. Hiervon kann eine Frucht aus dem Treibhaus zum Beispiel dienen, welche, da sie gewöhnlicher Maßen nur durch die Wärme des Sommers zur Reife gebracht wird, jetzt durch eine künstliche Wärme mitten im Winter zu ihrer Vollkommenheit gedeiht In dem Reiche der Natur gibt es Sprünge genug von dieser Art; und es wäre zu wünschen, dass man die Kunst erfinden möchte, durch dergleichen Sprünge auch in der Geisterwelt frühzeitige Gelehrte zu machen. Man würde dergleichen kluge Kinder wenigstens ebenso vorzüglich betrachten als Kirschen, die mitten im Winter schon reif sind.

Mit einem Körper aus Stahl könnte die Seele nicht denken

§ 233
In der vollkommensten Welt ist die größte Ordnung; denn wo kann eine Vollkommenheit ohne eine gewisse Ordnung gedacht werden? Es sind also auch in der besten Welt die meisten Regeln, und zwar allgemeine Gesetze und Regeln der Vollkommenheit angebracht; aber freilich auch nicht anders, als wie sie sich in eine Welt schicken, die viele wesentliche Unvollkommenheiten besitzt. […] Durch Adams Fall ist die Natur des ganzen menschlichen Geschlechts verderbt worden.  Diese Unvollkommenheit in der Welt musste zugelassen werden; weil Adams Fall eine Unvollkommenheit war, die in dem Grundrisse der besten Welt notwendig sein musste. Sollte nun die ganze beste Welt nicht da verborgen bleiben,
Wo in des Nichtes dunkeln Schoße
Theut und Adam begraben sind;
so war es notwendig, dass der Sündenfall in der Welt blieb. Der menschliche Körper ist hinfällig und sterblich. Diese Unvollkommenheit wäre weggefallen, wenn er aus Eisen und Stahl gemacht worden wäre; wenigstens wäre sie dadurch sehr vermindert worden. Allein wir sollten Körper haben, die zu allerhand Bewegungen geschickt wären, damit die Seele ein Werkzeug hätte, vermittelst dessen sie sich die Welt vorstellen könnte. Um diese höhere Vollkommenheit zu erhalten, musste die Dauerhaftigkeit unseres Körpers wegfallen und er musste aus Teilen zusammengesetzt werden, die weich und biegsam genug wären, so verschiedene Bewegungen zu wirken. Hieraus ist das allgemeine Gesetz der Zulassung mancher Unvollkommenheiten in der Welt begreiflich, dass eine kleinere Unvollkommenheit stattfinden möge, um eine größere Vollkommenheit dadurch zu erhalten.

Ist die Seelenlehre nur eine philosophische Fabel?

§ 240
Ich beschließe hiermit den zweiten Teil der Metaphysik, nämlich die Weltwissenschaft. […] Allein, die Seelen sind auch Teile der Welt: Es wird aber noch gestritten, ob einfache oder zusammengesetzte? Indessen wollen wir aus der Erfahrung viele allgemeine Beschaffenheiten der Seele, welche eine Wissenschaft ausmachen, die wegen ihrer Weitläufigkeit von der Weltwissenschaft abgesondert werden muss, und die uns also statt der Lehre von einfachen Dingen dienen kann, deren ich eben dachte habe. Wir fangen also die Seelenlehre miteinander an: eine Wissenschaft, die zwar ein Teil der Weltwissenschaft, aber einer besonderen Betrachtung wert ist. Sie ist darum angenehmer als die übrigen Teile der Metaphysik, weil sie nicht so gar allgemeine Begriffe in sich enthält und weil sie unsern edelsten Teil zum Gegenstande hat. Überdem ist es uns sehr leicht, dasjenige, was von unserer Seele behauptet wird, aus unserer eigenen Erfahrung zu entscheiden, und wir können uns also hier am besten vor Irrtümern hüten und von Vorurteilen befreien. Es ist war, dass es einige sehr kluge Leute gibt,  die die ganze Seelenlehre für nichts als für eine philosophische Fabel halten, die die Beförderer dieser Wissenschaft lächerlich zu machen suchen und das Ungewisse in derselben von dem Gewissen nicht unterscheiden.


DIE SEELENLEHRE

Erkennt euch selbst! (und lest Romane…)

§ 241
Die Seelenlehre,  welches die Wissenschaft der allgemeinen Beschaffenheiten der Seele ist, verdient wegen ihres weitläufigen Nutzens vor den meisten andern Wissenschaften einen sehr großen Vorzug. Denn sie enthält die ersten Gründe zur Erkenntnis Gottes zu gelangen; auf ihr beruhen die Regeln des schönen Denkens  nebst den logischen Regeln, den Verstand zu bessern; ja endlich würde man ohne die Seelenlehre keine Gesetze der Tugend und keine Zwangspflichten aus ihren ersten Quellen herleiten können. Zudem ist die Erkenntnis der Natur unserer Seele eine Sache, die uns so nahe angeht, dass die gerechteste Eigenliebe jedweden Menschen verbinden und antreiben muss, vermittelst dieser Wissenschaft sich selbst genau erkennen zu lernen, um demjenigen Triebe Genüge zu leisten, wodurch sich der wahre Mensch, der Geist, über niedrigere Geschöpfe und über den Pöbel erhebet, und welcher in der Bemühung besteht, sich selbst erst kennen zu lernen  und zuvor die Natur desjenigen Wesens einzusehen, welches uns von den schlafenden Monaden unterscheidet und wodurch wir lebendige Spiegel der Welt sind; ehe man sich in die Betrachtung anderer Dinge einlässt, die nicht wir selbst sind, sondern dasjenige, was sich in uns spiegelt und dessen Bild wir auf eine wunderbare Weise fühlen. Diese Betrachtungen stärken unsere Aufmerksamkeit und erregen in uns diejenige edle Begierde, welche nur die Wissenschaft unserer Seele sättigen kann. Wir wollen keinen Augenblick versäumen, uns mit ihr näher bekannt zu machen; und zwar werden wir die Seele hauptsächlich aus zwei Gründen erforschen können. Einmal, aus der Erfahrung; zum andern aus der Vernunft. Was wir aus der Erfahrung von unserer Seele erkennen, ist so gewiss, dass unmöglich ein vernünftiger Mensch wird daran zweifeln können; und sind gleich in der vernünftigen Seele wenig Wahrheiten, wenigstens keine Gewissheiten anzutreffen; so wird es doch ohne Zweifel unter meinen Leserinnen auch einige geben, die gerne Romane lesen; und diese werden an dem zweiten Teil der Seelenlehre gewiss ihr Vergnügen finden.

Warum Gedichte Empfindungen darstellen und nicht Zahlen

§ 247
[…] Die Empfindungen haben vor allen anderen Vorstellungen eine ungemeine Stärke. Dann da dasjenige die stärksten Vorstellungen sind, welche die meisten andern in sich enthalten, die Empfindungen aber lauter einzelne und gänzlich bestimmte Dinge uns vorstellen, welche die allermeisten Merkmale in sich enthalten: So ist es nicht Wunders, dass sie einen so großen Raum in der Seele einnehmen und wenn ich so sagen darf, sie öfters ganz ausfüllen. Warum verlöscht nach und nach die Glut der Liebe, wenn Freunde viele Jahre voneinander getrennt leben müssen und sich solchergestalt die reizende Empfindung der Freundschaft in einen trockenen abstrakten Begriff verwandelt? Warum wird hingegen dieselbe in vollen Flammen wieder ausbrechen, sobald sich die Freunde von neuem umarmen? Ist es nicht die Stärke der Empfindung, welche diesen reizenden Aufruhr in der Seele erregt? Und warum rühren uns die Dichter am meisten mit Gemälden,  die die Empfindungen ausdrücken? Wüssten sie nicht, mit welcher Macht die Empfindungen unsere Gleichgültigkeit bestürmten: So würden sie uns mit Zahlen und abstrakten Begriffen unterhalten und man würde sich wohl hüten, Gedichte zu lesen.

Man kann nichts Neues erfinden unter der Sonne

§ 254
Wir sind uns nicht allein unsers gegenwärtigen, sondern auch unseres vergangenen Zustandes bewusst. Wir gedenken uns demnach auch den vergangenen Zustand der Welt; und eine Vorstellung des vergangenen Zustandes der Welt oder unsres eigenen wir eine Einbildung genannt. Wir bringen demnach durch die Vorstellungskraft der Welt in unserer Seele Einbildungen hervor, welche aber nicht mit den Chimären  zu verwechseln sind. […] Es ist daher schlechterdings unmöglich, dass etwas in unserer Einbildung sei, wenn es nicht vorher ist empfunden worden. Die Einbildungskraft weckt demnach ehemals gehabte Empfindungen wieder in uns auf; oder sie schafft vielmehr Schatten davon nach, die, wenn die Empfindungen Menschen wären, ohne Zweifel ihre Gespenster  sein würden. Ich weiß wohl, was man antworten könnte. Was für närrische Gestalten kann man sich nicht zusammensetzen, die nimmermehr existiert haben und also auch nie können empfunden worden sein! Allein, man untersuche nur die Teile einer solchen ganzen Erdichtung: So wird man finden, dass sie alle ehedem sind empfunden worden; durch die Dichtungskraft aber, wovon ich unten handeln werde, nur anders zusammengesetzt worden sind, als man sie empfunden hat. Man bilde sich einmal Gespenster ein. Entweder sind es Menschengestalten mit Kuhhörner auf den Köpfen und Gestalten von Bocksfüßen, oder es sind lange weiße Weiber in Sterbekleidern, oder es sind Mönche, die die Köpfe unter den Armen tragen und Litaneien singen; oder es sind andere Gestalten von Tieren, die man ehedem empfunden hat. Wenn wir uns ein Kriegsschiff einbilden sollen, aber noch keins gesehen haben; so werden wir das Muster ohne Zweifel von unser Schiffen nehmen, die auf der Saale herumkreuzen. Ja, warum können wir uns die Monaden nicht einbilden? Warum können wir uns nicht einbilden, wie die Einwohner des Monds oder anderer Irrsterne aussehen? Aus keiner anderen Ursache, als weil wir diese Sachen nie empfinden können.

Die Dichter erfinden ein Land, wo die Schäfer niemals Schafe hüten müssen

§ 264
Wenn wir verschiedene Einbildungen miteinander verbinden und sie in eine ganze Vorstellung zusammenfassen: So dichten wir; und das Vermögen, Erdichtungen zu machen, heißt die Dichtungskraft. Die Poeten erzählen uns viel von einem Lande das sie Arcadien nennen.  In diesem Land leben lauter Schäfer und Schäferinnen. Es ist daselbst eine beständige Abwechslung der schönsten Jahreszeiten. Die dasigen Schäfer wissen ganz unvergleichlich auf allerhand musikalischen Instrumenten zu spielen. Sie wissen allemal auf die neueste Art zu lieben, die Mode mag sich nun hierin ändern, wie sie will. Die Schäferinnen verstehen die Kunst verliebt zu machen und sich lieben zu lassen, als wenn sie die vornehmsten Damen wären. Die Abende und Nächte sind in Arcadien angenehmer, als in irgendeiner anderen Gegend des Erdbodens. Man bringt sie mit Lustbarkeiten zu, die Schäfern anständig sind; aber Schäfern, die zugleich kostbare junge Herren sind, die jetzt nicht anders sprechen und denken, als was ästhetisch ist,  und die immer von der jugendlichen Schönheit, vom jugendlichen Wetter, von ihren jugendlichen Dressenwesten  und ihren noch jugendlicheren Köpfen reden. Man sagt, dieses Land wäre nur eine Erdichtung. Wir wollen es immer dafür annehmen und zusehen, ob wir wenigstens das daraus lernen können, wie eine Erdichtung zu machen sei oder was sie für Eigenschaften haben müsse. Die Bauherren von Arcadien haben in der Welt gar oft schöne Gegenden gesehen; sie haben empfunden, wie reizend eine schöne Nacht sei; sie haben Leute gesehen, die von dem Müßiggang und der Liebe Profession machen; sie haben beobachtet, dass das Schäferleben viele Anmutigkeiten habe; sie haben auch wohl jugendliche Köpfe kennen gelernt; und wenigstens haben sie Einbildungen von dergleichen Art gehabt, wenn sie auch nicht alle diese Sachen empfunden haben. Denn es gibt auch Einbildungen, die uns durch Einbildungen anderer beigebracht werden: Sie haben demungeachtet endlich ihren Ursprung den Empfindungen zu danken.
So singt, vom Phöbus unterwiesen,
Ein Günther die von ihm doch nie geseh’ne Schlacht.
Die Einbildungskraft hat alle diese Vorstellungen in ihnen wiederum neu gemacht, und durch das Gedächtnis haben sie sich derselben wieder erinnert. Von jeder Einbildung haben sie einige Teile abgesondert, die sich nicht gut in die ganze Erdichtung schicken. Z.E. bei der Vorstellung des Schäferlebens haben sie die mühsame Arbeit der Viehzucht, die gewöhnliche Dürftigkeit der Hirten, das Ungemach, so sie von der Witterung auszustehen haben und andere dergleichen Vorstellungen mehr weggelassen. Von dem Charakter der schönen artigen Herren, die nicht anders als zierlich denken, haben sie abgesondert, dass sie öfters Ignoranten sind usw. Bei den Schäferinnen haben sie davon abstrahiert, dass sie nichts weiter wissen als das Vieh zu hüten; und bei dem galanten Frauenzimmer davon, dass öfters ihre ganze Trefflichkeit bloß in den Kleidern besteht. Nach so vielen Absonderungen sind lauter einzelne Teile verschiedener Einbildungen übriggeblieben, welche sie zusammengesetzt und ein Ganzes daraus gemacht haben; und so entstand Arcadien.

Zum Glück kommt es anders, als man vorher denkt

§ 269
[…] Wer eine Fertigkeit zu vermuten hat, hat einen prophetischen Geist; und seine Vermutungen sind Prophezeiungen oder Wahrsagungen. Es gibt deren heutzutage zwar sehr viele; aber sie haben mehrenteils alle den Fehler, dass sie nicht wahr sind. Das macht, die Gabe zu prophezeien ist den Zigeunern und alten Weibern mitgeteilt, welche sich ihrer bedienen, um alle diejenigen zu betrügen, welche gern betrogen sein wollen. Gewiss, wenn irgendein Vermögen der Seele bei uns noch unausgearbeitet ist: So ist es dieses; und ich zweifle, dass es gut sein würde, wenn wir es in einem höherem Grad besäßen. Wie mancher große Mann sollte erstaunen, dass seine Schriften noch vor seinem Tode für Makulatur  würden verkauft werden. Wie manche unseres Geschlechts würde sich in ihren besten Jahren ums Leben bringen, wenn sie sich das Gesicht prophezeien würde, dass sie in ihrem siebzigsten haben wird! Wie mancher kleiner Magister würde sich vor der Zeit der gelehrten Welt entreißen, wenn er vorher wüsste, dass er, der jetzt, nach der gelindesten Billigkeit zu urteilen, seinen Gedanken nach wenigstens schon ein Geheimer Rat  zu sein verdiente, nach seinem Hintritt noch als ein treufleißig gewesener Magister würde abgelesen werden! Ja, wie manche zärtliche Frau würde sich höchlich verwundern, wenn sie vorher wüsste, dass sie nach dem Tode ihres Mannes nicht allein keine Träne vergießen,  sondern auch mit Freuden einen andern heiraten würde, welchem sie nicht weniger eine ewige Treue zuschwören, doch aber die Zeit nicht einmal erleben würde, da sie den Schwur brechen könnte. Wir wollen nur mit unserer Unwissenheit zufrieden sein; denn die Erfahrung lehrt, dass diejenigen, die gar zu große Fertigkeit im Wahrsagen besitzen, mehrenteils auch verschrobene Köpfe haben.

Übung macht die Denkerin

§ 272
Bei jedem Irrtum halten wir entweder etwas Wahres für falsch oder etwas Falsches für wahr. Wir sehen also Unwahrheiten für Dinge an, die mit den Wahrheiten übereinkommen; und Wahrheiten für Dinge, die die Kennzeichen des Falschen an sich haben. Hier sündigt also unser Vermögen, die Übereinstimmung der Dinge zu erkennen; und dieses ist der allgemeine Feind der Wahrheiten und der Ursprung des Irrtums. Die Scharfsinnigkeit hingegen oder das Vermögen, die Verschiedenheiten der Dinge zu bemerken, zeigt uns, worin die Wahrheit von dem Falschen und das Falsche von dem Wahren verschieden sei. Um also alle Arten von Irrtümern der verschiedenen Erkenntnisvermögen der Seele zu vermeiden, hat man nur nötig, seinen Witz durch die Scharfsinnigkeit im Zaum zu halten.  Ein allzu geschwinder Witz ist also in der Tat keine Vollkommenheit, die sich jemand wünschen sollte, der die Wahrheit liebt. Er ist der Vater der kleinen Modelügner, die es nicht lassen können, Unwahrheiten an den Tag zu bringen und dieselben in der Geschwindigkeit selbst für wahr zu halten anfangen, ehe sie ihrer Scharfsinnigkeit Zeit lassen, ihnen wieder zurecht zu helfen. Die sehr witzigen Historien-Schreiber  sind aus eben der Ursache nicht die glaubwürdigsten; weil sie gar zu leicht Begebenheiten miteinander verwechseln, die doch wirklich nicht einerlei sind. Die Scharfsinnigkeit ist sozusagen der Kunstrichter, den sich die Wahrheit hält und der mit scharfen Augen die Irrtümer entdeckt und verjagt, welche sich zuweilen in ihre Gefolge mit einschleichen.

Man muss sich also in der Scharfsinnigkeit eine große Fertigkeit zuwege zu bringen suchen, wenn man die untere Erkenntniskraft der Seele verbessern will. Dieses geschieht hauptsächlich durch die Übung. Eine Übung ist eine öftere Wiederholung solcher Handlungen, die von einer Art sind. Wer des Morgens einen Brief schreibt, gegen Mittag ein Menuett tanzt, nach Tische in einem französischen Buch liest, gegen Abend auf dem Klavier spielt und endlich beim Schlafengehen ein paar Gebete aus dem Cubach  liest und dann in einer Zeit von etlichen Jahren keine einzige dieser Handlungen wieder verrichtet, der wird in keiner eine Fertigkeit erhalten, und jedermann wir es dem Schuld geben, weil er sich nicht übt. Wenn hingegen einer, sobald er nur aufgestanden ist, auf dem Klavier spielt, gegen Mittag noch dabei sitzt, Nachmittags von Neuem zu spielen anfängt und nicht eher aufhört, bis er zu Bett geht; wenn er dieselbe Verrichtung ein und alle Tage beobachtet: So wird jedermann sagen, dass er sich ungemein im Klavierspielen übt. Es kommt also bei der Übung bloß darauf an, dass man Handlungen von einerlei Art verrichtet; und ebenso muss man es mit der Scharfsinnigkeit machen. Man muss sich beständig bemühen, Verschiedenheiten an Dingen zu entdecken: So wird durch dergleichen Übungen gar bald ein sehr scharfsinniger Kopf zu Wege gebracht. Ja es gilt dieses nicht von der Scharfsinnigkeit allein, sondern man kann von allen Vermögen der Seele eben dasselbe behaupten. Sie werden alle durch Übung zu größerer Vollkommenheit gebracht; obgleich die Natur freilich nicht kann gezwungen werden und also einer von der Natur schon eine Fertigkeit in einer gewissen Art von Erkenntnisvermögen erhalten hat, allerdings weiter darin kommen muss als ein anderer, welcher sich nicht dazu geboren noch aufgelegt findet. Es ist dieses so eine bekannte Sache, dass sie keines weiteren Beweises bedarf und also will ich mich nicht länger dabei aufhalten.

Ich beschließe demnach hiermit die Lehre von den unteren Erkenntnisvermögen der Seele. Wir kennen aber noch den geringsten Teil von ihr. Diese einzige Vorstellungskraft der Welt lässt sich in so verschiedenen Absichten betrachten, dass wir wohl zwanzig besondere Vermögen an ihr unterscheiden könnten. So viel Mannigfaltigkeit sollte man kaum in der Seele vermuten; aber man wird dieselbe leicht begreifen können, wenn man bedenkt, dass die Seele ein Spiegel ist. Ein einziger Spiegel kann Steine, Pflanzen und Tiere vorstellen. Er bildet weit entlegene und sehr nahe Sachen ab. Er malt die Schönheit nach und vervielfältigt die Hässlichkeit. Alles dieses sind verschiedene Arten der Vorstellungsvermögen, und er behält dennoch nur eine einzige Kraft, nämlich die Vorstellungskraft der Körper. Man gebe diesem Spiegel Vorstellungen, die er selbst fühlt: So hat man das Bild einer menschlichen Seele, deren einzige Kraft in verschiedene Arten abgeteilt werden kann, in Ansehung der verschiedenen Gegenstände, welche sie vorstellen. Meine Leserinnen können sich hieraus die Lehre ziehen, dass es nur auf sie ankommt, die verschiedenen Kräfte ihrer Seele auszuwickeln, und dass es sehr ungereimtes Vorurteil sei, wenn unser Geschlecht zur Entschuldigung seiner Unwissenheit genug gesagt zu haben glaubt, wenn es heißt, dass uns die Natur nicht mit so vielen Kräften der Seele begabt hätte als die Mannspersonen. Alle sind von einem Stoff; und dieses ist genug zum Beweis, dass sie auch alle einerlei Arten von Kräften besitzen müssen, gleichwie auch alle Spiegel alles das vorstellen können, was einer unter ihnen vorstellen kann.
Sprecht nur nicht: das Glück
Hab euch mit Geschicke
Nicht genug bedacht.
Wenn ihr diesen Einwurf macht:
Was verlangt ihr so viel Ehre
von dem Männerheere?
Kommt und zählt die Gaben,
die die Männer haben,
Witz, Verstand und Fleiß;
Wer nur die zu brauchen weiß,
Kann mit adlergleichen Schwingen
Zu den Wolken dringen.

Die Grenzen des eigenen Verstandes sind nicht die Grenzen der Welt

§ 274
Wenn wir uns eine Sache durch den Verstand vorstellen; so begreifen wir dieselbe; indem wir davon deutliche Begriffe haben. […] Es wird also nur dasjenige an sich unbegreiflich sein können, was gänzlich unvorstellbar oder nichts ist. Dass zweimal zwei acht sein soll, ist freilich an sich nicht unbegreiflich; wer sieht aber nicht, dass es etwas schlechterdings Unmögliches ist. Man kann also hieraus einen doppelten Fehler vermeiden lernen, welcher bei Ungelehrten gar sehr im Schwange geht. Einmal, dass man nicht schließe: Was ich oder ein anderer nicht begreifen kann, muss niemand begreifen können und das muss also unbegreiflich sein. Als Herr Ziegenbalg das erste Mal nach Ostindien gegangen war, die Heiden zu bekehren, hatte er in seinem Haus einen malabarischen Gärtner,  welcher einstmals, als er in die Kammer ging, um seiner Blumen zu warten, sein eigen Bildnis zum ersten Mal in einem Spiegel sah, welchen Herr Ziegenbalg darin aufgemacht hatte. Er bildete sich nichts anderes ein, als dass dieses ein fremder Gärtner wäre, welchen Herr Ziegenbalg angenommen hätte, und gab ihm darüber seinen Unwillen zu verstehen. Dieser Mensch begriff nicht, dass ein glatt poliertes Glas, wenn es undurchsichtig gemacht wird, die Gestalten, welche sich davor zeigen, nach dem Leben abmalt. Wir klugen Europäer würden ihn sehr ausgelacht haben, wenn wir gehört hätten, dass er, um dieser Ursache willen, die Möglichkeit der ganzen Sache leugnete und mit der größten Ernsthaftigkeit behauptete, dass sein Bild ein anderer Gärtner gewesen sein müsse. Dieses wäre uns ganz und gar nicht zu verdenken, weil wir so ungemein klug sind. Es muss aber wohl noch klügere Leute in der Welt geben als wir sind, welche uns darüber auslachen werden, wenn wir es für unmöglich halten, dass auf der uns entgegenstehenden Fläche des Erdbodens Leute wohnen könnten, die ihre Füße gegen die unsrigen kehren und ebenso hoch von der Erde in die Höhe springen können als wir, ohne zu befürchten, dass sie aus ihrem Luftkreise herausfallen würden. Den wenigsten Menschen ist dieses begreiflich, und daher halten es die allermeisten für schlechterdings unmöglich. Der andere Fehler, welchen man vermeiden muss, entsteht, wenn man schließt: Was mir oder einem andern begreiflich ist, das muss jedermann begreiflich sein. Wie viele Sachen können nicht über den Verstand eines gewissen denkenden Wesens gehen, die ein anderer gar wohl begreifen kann. Diese Fehler begehen die Schulleute sehr oft; wie oft wird ein Kind von seinem Rektor gewaltig herumgeprügelt oder ein Erwachsener von seinem Lehrmeister barbarisch angefahren: Weil es ihm unmöglich fällt, dasjenige zu begreifen, was ihm vorgetragen wird. Ein solches Verfahren verrät allemal einen Mangel des Verstandes in dem Lehrer, welchen die Zuhörer gewiss allemal leichter werden begreifen können, als die vorgetragenen Wahrheiten, die ihnen zu schwerfallen.

Lust und Schmerz sind auf dieser Welt verheiratet

§ 286
Wenn man etwas nur als gut anschaut, so entsteht eine reine Lust; eine bloße Unlust  aber, wenn man eine Sache nur als böse anschauend erkennt. Betrachtet man sie aber für eben so sehr gut als böse: So behält man gegen dieselbe das Gleichgewicht. Alle diese Dinge können uns wenig helfen, weil wir alle endlichen Dinge, wenn wir sie erkennen, wie sie sind, teils als gut, teils als böse uns vorstellen. Jedes endliche Ding muss uns also zum Teil gefallen, zum Teil missfallen. Keine Lust der Welt ist ohne Bitterkeit, und kein Missvergnügen ohne alle Anmut. Der vortreffliche Herr Addison  hat den Ursprung dieser allgemeinen Verbindung in einer reizenden Fabel vorgestellt, die ich hier anführen werde.

Es waren zwei Familien, welche vom Anfang der Welt einander so zuwider waren als Licht und Finsternis. Die eine von ihnen lebte im Himmel, die andere in der Hölle. Der jüngste Zweig von der ersten Familie war die Lust, welche eine Tochter der Glückseligkeit war, die ein Kind der Tugend war, welche von den Göttern herstammte. Diese hatten, wie ich vorher gesagt habe, ihren Sitz im Himmel. Der Jüngste von dem anderen Geschlecht war der Schmerz, ein Sohn des Elends, welches ein Kind des Lasters war, das von den Furien abstammte. Der Aufenthalt dieser Wesen war in der Hölle.

Der mittlere Stand der Natur zwischen diesen beiden einander entgegengesetzten Enden war die Erde, welche von einer mittleren Art von Geschöpfen bewohnt wurde, die weder so tugendhaft als die Ersteren noch so lasterhaft als die Anderen waren, sondern an den guten und bösen Eigenschaften dieser zwei einander entgegengesetzten Familien teilnahmen. Jupiter betrachtete, dass dieses Geschlecht, welches man insgemein die Menschen nannte, viel zu tugendhaft war, um elend zu sein, und viel zu lasterhaft, um glücklich zu sein. Damit er nun einen Unterschied zwischen den Guten und Bösen machen möchte: So befahl er, dass die zwei jüngsten von obenerwähnten Geschlechtern, nämlich die Lust, welche eine Tochter der Glückseligkeit war, und der Schmerz, welcher ein Sohn des Elendes war, auf diesem Teile der Natur zusammenkommen sollten, welcher zwischen ihnen auf der Hälfte des Wegs lag. Er versprach, dass er ihnen beiden solchen einräumen wollte, wenn sie nur wegen der Teilung desselben miteinander einig werden könnten und das menschliche Geschlecht gehörig unter sich teilten.
Die Lust und der Schmerz waren kaum in ihrer neuen Wohnung angelangt: So wurden sich gleich in diesem Punkt eins, dass die Lust von dem tugendhaften und der Schmerz von dem lasterhaften Teil desjenigen Geschlechts Besitz nehmen sollte, welches ihnen übergeben war. Doch als sie untersuchten, welcher unter ihnen einige einzelne Dinge, die sie antrafen, zugehörten: So fanden sie, dass beide ein Recht darauf hatten; denn es war hier ganz anders, als sie es in ihren alten Wohnungen gesehen hatten, und niemand war so lasterhaft, dass er nicht noch etwas Gutes an sich gehabt hätte; noch jemand so tugendhaft, dass nicht auch etwas Böses bei ihm vorhanden gewesen. Es ist gewiss, sie fanden bei weiterer Untersuchung durchgängig, dass die Lust bei dem lasterhaftesten Menschen auf den hundertsten Teil seines Lebens Anspruch machen könnte; und dass der Schmerz bei dem tugendhaftesten Menschen wenigstens zwei Drittel einnehmen könnte. Sie sahen, dass dieses unendliche Streitigkeiten unter ihnen machen würde, wenn sie sich hierüber nicht einigermaßen vergleichen könnten. Es wurde deshalb eine Heirat zwischen beiden vorgeschlagen und endlich geschlossen. Daher kommt es, dass wir die Lust und den Schmerz beieinander ständig antreffen, und dass sie entweder ihren Besuch beide abstatten oder niemals weit voneinander sind.

Die Unwissenheit versteckt sich gern hinter Kunstwörtern

§ 293
Alles, was wir begehren oder verabscheuen, müssen wir vorher erkennen; und dieses kann entweder sinnlich oder deutlich geschehen. Das Begehrungsvermögen, welches sich nach dem sinnlichen Erkenntnisvermögen richtet, heißt das untere Begehrungsvermögen; und die dadurch gewirkten Begierden und Verabscheuungen müssen demnach entweder aus dunklen oder undeutlichen Vorstellungen ihren Ursprung nehmen. Diese Vorstellungen, insofern sie die bewegende Ursache der Begierden und Verabscheuungen sind, sind Triebfedern des Gemüts und werden Triebe genannt. Wenn uns die Vorstellung des schönen Wetters zu einem Spaziergang lockt: So entsteht diese Begierde aus einer sinnlichen Erkenntnis; und die Vorstellung des schönen Wetters ist der Trieb dazu. Warum reimt ein verliebter Poet fast beständig auf Liebe Triebe? Gewiss es kann ihm nichts leichter einfallen, da die Liebe unter die sinnlichen Begierden gehört, welche ohne Triebe ganz und gar nicht möglich sind. Alle sinnlichen Begierden und Verabscheuungen entstehen also entweder aus dunklen Trieben oder verworrenen. Eine starke Begierde aus dunklen Trieben heißt die natürliche Liebe oder Sympathie. Eine starke Verabscheuung aus dunkeln Trieben wird der natürliche Hass oder die Antipathie genannt.  Da nun nicht geleugnet werden kann, dass man öfters etwas sehr stark begehrt und verabscheue, ohne sich doch im Geringsten der Triebe bewusst zu sein, welche dazu Anlass gaben: So ist nichts gewisser, als dass die Sympathie und die Antipathie etwas mehr als bloße leere Worte sind; obgleich nicht zu leugnen ist, dass man öfters dieselben missbraucht und sich ihrer bedient, um dadurch gewisse Erscheinungen begreiflich zu machen, die doch gar nicht dadurch erklärt werden können. Die Spinne lauert in ihrem Gehege beständig auf Mücken und Fliegen, welche, sobald sie ihr zu nahekommen, ihr Raub werden müssen. Man soll sagen, was sie zu dieser Grausamkeit bewegt; und man antwortet: ihre Antipathie, welche sie gegen die Fliege hat. Wer begreift nun wohl aus dieser Antwort: warum die Spinne der Fliege nachsetzt? Wenn ein Verliebter sagen soll, was für Reizungen ihn fesseln, so antwortet er auf sein Kauderwelsch:
Es wirkt der Sympathie ihr Wesen
In mir mehr als magnet’sche Kraft.
Der Missbrauch dieser Wörter ist so groß, dass man allemal eine gewisse Unwissenheit vermuten kann, sobald sie vorgebracht werden. Wie wollte man auch aus ihnen etwas erklären können, da man sich ihres Grundes, nämlich der dunklen Triebe selbst, nicht bewusst ist, und den verlangt man doch zu wissen, wenn eine Erscheinung erklärt werden soll. Allein die Unwissenheit will allemal eine Zuflucht haben; und also versteckt sie sich hinter solche Wörter, die etwas zu sagen scheinen, aber im Grunde nichts sagen.

Es gibt nur Freiheit, wo es moralische Pflichten gibt

§ 308
[…] Wenn nun eine Handlung sittlich notwendig gemacht wird: So entsteht eine Verpflichtung, und die Handlung ist eine Pflicht. So ist z.E. die Gottesfurcht eine Handlung, deren Gegenteil unerlaubt ist; sie ist also sittlich notwendig; und daher ist es unsere Pflicht, Gott zu fürchten. Ich kann nicht umhin, hier eine sehr nützliche Anmerkungen zu machen, welche diejenigen betrifft, die sich einbilden, dass eine wahre Freiheit keinen Gesetzen unterworfen sein müsse, und die also weiter nichts darunter verstehen, als vielleicht das Vermögen der wilden Tiere, zu tun, was ihnen beliebt, ohne sich zu bekümmern, ob es Recht oder Unrecht sei. Es ist nämlich so weit gefehlt, dass die Gesetze die Freiheit über den Haufen werfen sollten, dass vielmehr ohne Freiheit gar keine sittliche Notwendigkeit und also auch keine Pflicht gedacht werden kann. Alle sittlich notwendigen Handlungen, alle Pflichten sind also notwendig freie Handlungen und können unter keiner anderen Bedingung gedacht werden.

Was die Philosophen von der Seele – träumen

§ 312
In diesem ganzen Teil der Seelenlehre, worin erzählt wird, was die Vernunft von der menschlichen Seele erkennt, werde ich wenig oder nichts Gewisses, aber doch manch angenehmen Traum vortragen können. Wir wollen die Seele mit den Augen der Vernunft betrachten, und man kann sich darauf verlassen, dass wir ebenso viel davon wissen werden, wenn wir fertig sind, als wir jetzt schon davon erkennen. Es scheint, als wenn es sich einigermaßen widerspräche, die Seele durch die Vernunft zu erkennen. Können wir wohl mit der Hand, damit wir fühlen, das Gefühl eben dieser Hand untersuchen? Kann sich wohl das Auge, damit wir sehen, selbst sehen oder die Zunge, damit wir schmecken, selbst schmecken? In Wahrheit, wir sind nicht dazu gemacht, mit unseren Seelen zu untersuchen, was Seelen sind, oder mit unseren Gedanken zu finden, was ein Gedanke sei. Indessen können wir doch die Neuigkeit befriedigen, wenn wir erfahren, was die Philosophen von einer Sache geträumt haben, davon es so angenehm ist zu träumen, und die wir alle gern wissen möchten. Wir wollen mit dem ernsthaften Teil der vernünftigen Seelenlehre den Anfang machen, welcher lehrt, was die Natur der menschlichen Seele sei. Ich werde aber nichts anderes tun als erzählen; denn ich will es nur ein- für allemal sagen, dass mir die Beweise in dieser Wissenschaft zu hoch sind.

Wer das Wohnzimmer der Seele sucht, macht sich lächerlich

§ 313
Die menschliche Seele ist eine Seele, so mit einem menschlichen Körper in einer genauen Gemeinschaft steht. Da nun jede Seele mit dem Körper, damit sie in der genauesten Verbindung steht, ein Tier ausmacht: So entsteht aus der Vereinigung unseres Leibs mit der Seele ein Tier, welches Mensch genannt wird. Die menschliche Seele stellt sich nach Belieben ihren Körper vor und bewegt ihn. Sie handelt also und ist eine Vorstellungskraft ihres Körpers, nach dessen Stand sie sich die Welt vorstellt. In unserer Seele sind Gedanken, d.i. Vorstellungen, deren wir uns bewusst sind. Was sind aber die Gedanken? Sind es Bewegungen? Oder nicht, und was sonst?
Gedanke! Kannst du dich ergründen?
Du nur vermagst dich zu empfinden
Und siehst dich mit Erstaunen an.
Oh du, durch den ich will und wähle!
Selbst deine Schöpferin, die Seele,
Erstaunt, dass sie dich schaffen kann.
Sie weiß nicht eh, dass sie dich zeugt,
Bis du durch sie geworden bist.
Was ist nun die Seele selbst, da wir nicht wissen, was ein Gedanke ist? Eine Monade! Eine Materie! Ein Geist! Das Gehirn! Eine Substanz! Eine Akzidenz!  Man sich hier aussuchen, was einem beliebt. Was die Beweise betrifft, so darf man nur nach geschehener Wahl in einer Bibliothek nachsuchen: So wird man von jeder Meinung Beweise finden. […]

Nun wird wohl ohne Zweifel bei meinen Leserinnen die Begierde erwachen, den Sitz der Seele  zu wissen. Allein, anstatt hierauf zu antworten, will ich ihnen etwas erzählen. Ein Reisender hat sich entschlossen, sich nach vielem ausgestandenen Ungemach endlich einmal zur Ruhe zu begeben. Er geht in eine Gegend der Welt, wo es ihm am besten gefällt. Daselbst lässt er sich nieder. Er baut sich ein prächtiges Haus mit den schönsten Zimmern. Da hinein zieht er. Er setzt sich in sein bestes Zimmer und untersucht darin die ganze übrige Zeit seines Lebens die Frage: Wo er dich jetzt wohl aufhalten möge, und an welchem Ort in der Welt er logiere? Wie wunderlich kommt uns nicht dieser Mensch vor; und gleichwohl ist es niemand anders, als unsere eigene Seele. Unsere eigene Seele bekümmert sich zu erfahren, wo sie sei und in welchem Zimmer sie sich aufhalte? Wer weiß, wo sie vor diesem Leben in der Welt herumschwärmte. Sie ist wohl des Reisens satt geworden. Sie hat sich zur Ruhe begeben. Ihr Körper hat ihr dazu eine bequeme Wohnung gebaut. Sie hat ihn dazu erwählt. Wer weiß, in welchem Fache des Gehirns sie jetzt sitzt und nachdenkt, wo sie sich doch ungefähr befinde. Sie sitzt an ihrem Ort und lacht selbst darüber, dass sie so viel von anderen Dingen weiß und doch ihren eigenen Ort nicht ergründen kann. Haben nicht die Philosophen Recht, welche den Menschen für das lächerlichste Tier halten und ihn, wie Democritus,  ohne Lachen nicht ansehen können? Gleichwohl ist die Begierde, den Sitz der Seele zu wissen, sehr vielen Menschen gemein; und ich würde sagen, allen Menschen, wenn ich nicht Grund hätte, den Heraklit  hiervon auszunehmen. Dieser Philosoph weinte beständig über die Menschen. Wäre es ihm ein einziges Mal eingefallen, den Sitz seiner Seele zu erfahren, er hätte notwendig lachen müssen.

Der Elefant und die Käsemilbe sehen die Welt verschieden (Menschen auch)

§ 314
Es ist unmöglich, dass zwei menschliche Seelen einander vollkommen ähnlich oder gleich sein sollten. Der Satz des nicht zu Unterscheidenden setzt dieses außer allen Zweifel. Wir wollen nur erst bei den Sinnen bleiben. Ein Mensch sieht immer die Sachen anders an der andere. Einerlei Rose gibt verschiedenen Nasen verschiedene Anmut. Man nimmt dieses nicht ganz umsonst an. Kein Mensch hat ein völlig ähnliches oder gleiches Auge mit einem andern: Indessen kann der Unterschied unmerklich sein. Wie aber die Gliedmaßen der Sinne sind: So sind auch die Empfindungen der Seele. Man setze einen Elefanten gegen eine Käsemilbe.  Die Augen sind hier sehr verschieden; und wer kann zweifeln, dass der Elefant nicht alle Sachen umso vielmal größer sehen sollte als die Käsemilbe, um wievielmal sein Auge größer ist als dieses? Die Fliegen haben eckige Augen und sehen eine einzige Sache wohl hundertmal.  Dies sind Unterschiede der Arten: Allein man kann gewiss schließen, dass auch jedes einzelne Tier in seinen Empfindungen von dem andern einigermaßen verschieden sei. Der Einwurf, dass man diese Verschiedenheit in den Empfindungen der Größen durchs Maß leicht entdecken könnte, verschwindet, wenn man bedenkt, dass das Maß um ebenso vielmal größer oder kleiner gesehen wird, als einem die Gegenstände größer oder kleiner vorkommen. Eben diese Verschiedenheit ist in den Einbildungen. Man beschreibe hundert Leuten eine schöne Gegend, die keiner von ihnen gesehen hat, und lasse sie sich nur hernach von einem jeden wieder so beschreiben, wie er sie sich vorstellt: So wird keine Beschreibung völlig wie die andere sein. Man höre ein paar politische Kannengießer  von einem zukünftigen Feldzug ihre Vorhersehungen und Vermutungen einander mitteilen. Wie oft sind sie nicht so sehr voneinander verschieden, dass sich die beiden Staatsmänner darüber spinnefeind werden! Wie ist nicht der Geschmack der Menschen verschieden, und wie verschieden sind nicht ihre Vergnügungen.
Gesellschaft, Lehrer, Geld, Patronen,
Land, Auferziehung, Leib und Zeit
Macht wahrlich unter den Personen
Und ihrer Lust viel Unterscheid!

Die Menschen werden täglich neu geboren und können nicht sterben

§ 317
[…] Die genaueste Gemeinschaft Leibes und der Seele macht die Natur jedes Tieres aus;  und so lange noch eine übereinstimmende Handlung einer Seele mit ihrem Körper vorhanden ist: So lange lebt das Tier; sobald aber alle diese aufhören, erfolgt sein Tod. Da nun durch den Tod des Körpers notwendig die Übereinstimmung solcher Handlungen Leibes und der Seele aufhören muss: So ist der Tod des Körpers zugleich auch der Tod des Tieres und Menschen. Doch kann vielleicht der letzte nur in einer Verwandlung bestehen. Dieses geschieht nämlich, wenn die Seele nur die übereinstimmenden Handlungen mit dem verstorbenen Körper verliert, aber sogleich wieder in eine neue Verbindung mit einem anderen Körper tritt, womit ihre Handlungen wiederum übereinstimmig sind; so, wie z.E. der Tod einer Raupe kein gänzlicher Tod, sondern nur eine Verwandlung ist, da ihre Seele, die vorher mit dem Körper der Raupe übereinstimmig handelte, nunmehr mit dem Körper eines Schmetterlings übereinstimmige Handlungen verrichtet. Täglich hören einige Teile des Körpers auf mit der Seele in der genauesten Gemeinschaft zu stehen: Wie viele Teile verschwitzen wir nicht allein in einem Tage? Täglich kommen auch einige Teile von Neuem in diese Gemeinschaft, die sich unser Körper aus dem Nahrungssaft auf eine uns selbst unbekannte Weise zubereitet. Wir können also sagen, dass wir täglich sterben und täglich wieder aufleben. Die Meinung, vermöge welche der Tod des Menschen nichts anderes als eine Verwandlung ist, heißt die Verbannung des Todes. Eine Meinung, die nicht schöner sein könnte, wenn sie nur etwas mehr als eine bloße Meinung wäre. Unsere Seele würde alsdenn nur immer auf der Wanderschaft sein, und alle ihre Körper, die sie wohl schon seit Erschaffung der Welt möchte bewohnt haben, würden nur als ihre Herbergen angesehen werden. Ich stelle mir dergleichen Lebensart viel zu reizend vor, als dass ich sie schlechterdings für unwahrscheinlich halten sollte. Wenn ich einen Toten sehe: So kommt mir der Leichnam nichts anders als wie eine abgelegte Redouten-Maske vor, deren voriger Besitzer sich jetzt vielleicht der Welt unter einer anderen Gestalt zeigt. […]

Jede Seite der Welt ist ein Teil, eine Bestimmung in der Welt und muss also zur Ehre Gottes etwas beitragen.  Da nun dieses nicht geschehen könnte, wenn sie nicht vorgestellt würde: So muss die Welt von allen ihren Seiten in den denkenden Kreaturen vorgestellt werden. Da sich nun jede Welt anders vorstellt als die andere, so müssen so viel denkende Wesen in der Welt sein, nicht mehr und nicht weniger, als die Welt Seiten hat, von welchen sie betrachtet werden kann. Und es ist aus eben demselben Grund unmöglich, dass die Seele eines denkenden Wesens in der Welt durch ein anderes ersetzt werden könnte. Wenn ein denkendes Wesen in der Welt vernichtet würde, so würde dadurch diejenige Seite der Welt, so es sich vorgestellt, nicht zugleich mit vernichtet werden, weil diese durch die ganze Welt bestimmt wird und also ohne den Untergang der ganzen Welt unmöglich untergehen kann. Es bliebe also nach der Vernichtung eines denkenden Wesens eine Seite der Welt übrig, die nicht mehr vorgestellt würde, welcher Verlust durch keine andere in die Stelle gesetzte denkende Substanz ersetzt werden könnte und die also gar nichts mehr zur Ehre Gottes beitragen würde. Dieses wurde die Grundregel der besten Welt über den Haufen stoßen, und also ist der Tod eines denkenden Wesens in der besten Welt, also auch der menschlichen Seele, bedingt unmöglich, so lange die Welt steht.

Tiere haben Seelen, aber keine Persönlichkeit

§ 322
Jede Seele ist dasjenige in einem Dinge, was sich seiner kann bewusst sein und hat also entweder nur das untere oder auch zugleich das obere Erkenntnisvermögen. Die erste Art der Seelen sind die bloß sinnlichen; und ein Tier, das eine bloß sinnliche Seele hat, die sich wenigstens nicht bis zu den höchsten abstrakten Wahrheiten mit ihrer Einsicht versteigt, ist ein Vieh. Ein Tier hingegen, dessen Seele eine Person ist und ihre Erkenntnis auch auf abstrakte Wahrheiten erstrecken kann, ist ein vernünftiges Tier. Die Seelen der Tiere stehen mit einem tierischen Körper in der genauesten Gemeinschaft. Sie stellen sich also ihren Körper dunkel, klar, verworren und öfters deutlich vor. Folglich sind es Kräfte, und, was die menschliche Seele sein soll, Monaden, einfache Dinge, unausgedehnt, endlich, unteilbar, unverweslich, unkörperlich. Sie haben Empfindungen, Einbildungen, Vorhersehungen und alle sinnlichen Erkenntniskräfte, die durch die Kraft, sich die Welt nach dem Stande ihres Körpers vorzustellen, gewirkt werden. Folglich haben sie auch sinnliche Begierden und Verabscheuungen, eine sinnliche Willkür, natürlich Triebe, wodurch sie sogar bis zum Affekt gereizt werden. Dass die Tiere Seelen haben, ist nicht schwerer zu begreifen, als dass andere Menschen Seelen haben. Denn so gewiss wir es von anderen Menschen erfahren können, dass sie beseelt sind, ebenso gewiss und aus denselben Gründen erkennen wir es an den Tieren. Die Seelen der Tiere haben keinen höheren Grad des Verstands. Sie verdienen also noch nicht Personen genannt zu werden, ob sie gleich einigen Grad des Verstandes und der Vernunft zu haben scheinen, welches unzählige Handlungen derselben verraten, davon ich in der natürlichen Historie Exempel genug werde anführen können. Vielleicht erhalten sie in jener Welt dasjenige, was ihnen hier noch fehlt, Vernunft, Willen, Freiheit, Persönlichkeit; und vielleicht werden sie alsdann einer Glückseligkeit und Unglückseligkeit fähig, welche sie jetzt nicht besitzen können, da sie keine Freiheit haben und also weder zur Seligkeit und Tugend noch zum sittlichen Verderben und Sünden fähig sind. Doch will und kann ich dieses nicht für gewiss sagen.


DIE NATÜRLICHE GOTTESGELEHRTHEIT

Gott ist der beste aller möglichen Kartographen

§ 337
Gott erkennet sich selbst auf das Vollständigste und ist also der eigentliche Gegenstand seines Verstands. […] Gottes Verstand ist, wenn ich so reden darf, die allerrichtigste Karte, worauf das ganze Reich der Möglichkeiten abgezeichnet ist; und was darin nicht abgezeichnet ist, liegt außer dem Gebiet der Dinge, in dem öden Gebiet der Widersprüche und in der finsteren Nacht der Undinge begraben. Gott erkennt demnach auch die beste Welt ebenso wohl als die schlechteste höchst deutlich. Alle Seelen der Menschen sind ihm auf das Genaueste bekannt; er ist der Erforscher der Herzen; und ein Herz, das für unsere Augen ein unergründliches Geheimnis ist, ist bei Gott ein klarer Bach, darin er auch den kleinsten Sand am Grund deutlich sehen kann. Gott erkennt nichts sinnlich. Seine schönste Vorstellung ist dennoch die allerdeutlichste, ob wir gleich alles Schöne nur durch Verwirrung erkennen können. Gott hat von allen Dingen die höchste anschauende Erkenntnis; und weil er sich jeden Zusammenhang aufs deutlichste vorstellt, so hat er die höchste Vernunft. Aber bei ihm sind die Fördersätze und der Schlusssatz unzertrennlich verbunden. Alle Schlüsse, die sein Verstand von allen möglichen Zusammenhängen hervorbringt, sind ein einziger ewiger Gedanke. Er schließt in der schönsten Ordnung; seine Art zu denken, seine Methode zu schließen ist die vortrefflichste; und wenn ich eine große Sache mit einer kleinen vergleichen soll: So ist ein Plan der Vernunftschlüsse Gottes eine Algebra, darin kein Newton  die leichteste Aufgabe auflösen kann.

JOHANNE CHARLOTTE UNZER:

GRUNDRISS EINER NATÜRLICHEN HISTORIE UND EIGENTLICHEN NATURLEHRE FÜR DAS FRAUENZIMMER

VORREDE DER VERFASSERIN

Frauen haben zwar zu wenig Autorenmut, sind aber begabt für die Naturlehre

So oft ich bedenke, dass diese Schrift weder neue Wahrheiten in sich enthält, noch auch die erste ihrer Art ist, dass die alten Wahrheiten, so darin vorkommen, aus den neueren Schriftstellern entlehnt sind,  die Einkleidungen und Erläuterungen aber nichts Besseres als mich zur Erfinderin haben: So wird mir die Verwegenheit fürchterlich, wozu ich mich habe verleiten lassen, eine philosophische Schriftstellerin zu werden; und ich zweifle, ob ich jemals eine ähnliche Handlung wieder unternehmen werde. Was hilft’s, dass ich ein Frauenzimmer bin, gegen welche die Beurteiler die beleidigende Bescheidenheit haben, ihr durch die Finger zu sehen, da mich der männliche Ehrgeiz quält, ein wahres Lob zu verdienen, welches doch meine ganze Vorhersehungskraft flieht? Kurz, ich merke zu spät, dass mir der Mut eines Schriftstellers fehlt und dass der Mut einer Schriftstellerin die Spuren des schwächeren Geschlechts an sich hat. Gleichwohl bin ich genötigt, diesen zweiten Teil der Weltweisheit ans Licht zu geben, und ich bestrafe mit diesem Beschluss meinen Vorsatz zum Anfang.

Die Naturlehre hat angenehmere Gegenstände als die anderen Teile der Weltweisheit. Vielleicht gefällt sie dieser Ursache wegen; und meine Leserinnen, denen zu gefallen diese Blätter allein geschrieben sind, werden vielleicht hierdurch eifrigere Liebhaberinnen der Natur. Dieses sollte mir ein erwünschter Nutzen meiner Bemühungen sein, und es ist in Wahrheit der einzige, den ich mich unterstehe zu hoffen. Ich will mein Geschlecht nicht loben, weil es von allen denen ohnedem geschieht, die doch in Absicht unseres Verstands heimliche Freigeister sind; aber nichtsdestoweniger muss ich um so viel Gerechtigkeit bitten, dass man zugestehen möge, dass es auch unter uns Erfinderinnen neuer Wahrheiten gebe, ob sie gleich eben so rar sind als junge Herren, die ihren männlichen Verstand beisammen haben sollten. Vielleicht gebe ich Gelegenheit, dass diese verborgenen Geister sich hervormachen und die Naturlehre mit neuen Erfindungen bereichern. Solche süßen Träume verursachen, dass ich noch nicht alles bereue, was ich geschrieben habe. Sie verführen mich öfters so weit, dass ich es für möglich halte, mich noch einmal zu entschließen zu schreiben. Und wenn ich es kurz sagen soll, ich möchte gern eine Lehrerin meines Geschlechts sein. Diese Redensart fällt mir aus einigen Vorreden ein, die ich gelesen habe, und drückt einen männlichen Gedanken aus, einen so starken Gedanken, der weibliche Seelen leicht einnehmen kann.
Ich finde nichts, was meine Überzeugung von der Wahrscheinlichkeit der Hoffnung, die ich mir mache, besser ausdrücken sollte, als das offenherzige Geständnis, dass mein Geschlecht zum Tändeln mehr aufgelegt ist als die ernsten Mannspersonen. Diese Eigenschaft ist der Naturlehre einträglich. Physikalische Beobachtungen und Versuche anzustellen, dazu gehört in Wahrheit eine Seele, die sich bei Kleinigkeiten aufhalten kann, und die Männer lassen unseren Seelen hierin unstreitig den Vorzug. Vielleicht kann mit der Zeit bewiesen werden, dass es ein Vergehen sei, uns deshalb nicht zu beneiden. Ich muntere jede, die diese Schrift liest, dazu auf und habe nur um Vergebung zu bitten, dass ich, wie die meisten Verfasser moralischer Schriften, mich zum Guten ermahne, ohne mich zum Muster darstellen zu können.
Halle, den 29. April 1751


EINLEITUNG IN DIE NATURLEHRE

Von den Körpern kann man mehr wissen als von den Geistern

§ 1
Die allgemeinen Beschaffenheiten der Dinge, welche in der Hauptwissenschaft vorgetragen werden, erschöpfen bei weitem noch nicht die Reichtümer der Wahrheit und sind nur ein unendlich kleiner Teil von dem, was wir wissen können, und nur die Gründe aller menschlichen Erkenntnis, aber nicht der Inbegriff derselben. Es ist wahr, wir haben nicht allein in der Grundwissenschaft die allgemeinsten Beschaffenheiten, sondern auch in der Weltwissenschaft, Seelenlehre und natürlichen Gottesgelehrtheit andere nicht so gar allgemeine Beschaffenheiten aller möglichen Dinge Gottes in der Welt und unserer Seelen kennengelernt. Allein es sind viele Grade der Allgemeinheit, und es gibt noch sowohl von den Geistern als auch von den Körpern in der Welt Beschaffenheiten, die zwar nicht abstrakt genug zur Hauptwissenschaft, dennoch aber noch nicht allgemein genug sind, dass sie Gegenstände der Weltweisheit sein können. Nachdem wir also in der Hauptwissenschaft ihre allgemeinsten Beschaffenheiten haben kennenlernen: So können wir nunmehr die etwas niedrigeren Beschaffenheiten aller Geister und Körper in Erwägung ziehen. Allein, was die Geister betrifft, so haben wir schon in der vernünftigen Seelenlehre Proben genug von unserer Unwissenheit ihrer nähern Beschaffenheit gesehen. Wir müssen uns demnach die Lust vergehen lassen, sie in einem besonderen Teil der Weltweisheit näher kennenzulernen; und es soll derselbe ein Gut sein, welches wir der Nachwelt zu finden und zu genießen gönnen wollen. Die Körper hingegen haben nicht so unbegreifliche Eigenschaften als die Monaden und Geister.

Die Naturlehre bietet die schönsten Aussichten auf die Welt

§ 2
[…] Es ist aber leicht zu erachten, dass wir nicht eher von den Körpern werden philosophieren können, als bis wir sie vorher haben kennengelernt. Also müssen wir die natürliche Historie zuerst anfangen, und die Naturlehre im eigentlichen Verstand muss beschließen. Dieses ist der Entwurf, nach welchem ich mich in diesem letzten Teil der Weltweisheit richten werde. Oh, wie viele vortreffliche Entdeckungen stehen uns nicht noch bevor! Es eröffnet sich uns eine bezaubernde Aussicht, das schöne, das große Buch der Natur ist es, wohin ich meine Leserinnen führen werde. Keine trockenen Sätze, keine leeren Spitzfindigkeiten, keine möglichen Dinge aus einer anderen Welt, keine dunklen Erläuterungen sonnenklarer Wahrheiten sollen uns hinfort die Weltweisheit rau und unangenehm vorstellen. Nein! Man gedenke sich das Schönste, das Reizendste, das Erhabenste: So wird man sich das Bild der Naturlehre machen.

Die Philosophin erfindet die Lehre von den Seelen der Pflanzen

§ 22
[…] Der Unterschied der Pflanzen und Tiere ist die Empfindung. Ein Tier wächst, lebt und empfindet; aber das letzte trifft, wie man sagt, bei den Pflanzen nicht zu.  Ich rede hiervon als von einer Sache, die andere Leute sagen, aber ich weiß noch nicht, ob ich eben dasselbe behaupten soll. Ich zweifle keineswegs, wenn ich einmal Lust bekommen werde, neue Wahrheiten zu erfinden, dass ich noch die Pflanzen zu Tieren machen werde. Es kommt alles darauf an, dass ich ihnen Seelen schaffe, welche sie noch nicht zu haben scheinen. Nun sehe ich zwar wohl ein, dass es eben keine so leichte Sache sei, eine Seele zu erfinden; allein ich sollte doch beinahe glauben, dass man die Pflanzen damit noch werde versehen können. Haben sie gleich keine willkürlichen Bewegungen; geben sie gleich kein Merkmal von sich, dass sie Gedanken hätten: So lässt sich doch hieraus noch lange nicht schließen, dass sie wirklich keine Seelen besitzen. Es gibt gewisse Seelen, die zeit ihres Lebens schlafen. Ein paar Grade mehr Schläfrigkeit würden ohne Zweifel einen Phlegmaticus  in eine Pflanze verwandeln. Sein Grund der Seele, seine dunklen Vorstellungen können dennoch in ihm nach wie vor bleiben. Was hindert uns, die Seelen der Pflanzen mit den allerdunkelsten Vorstellungen zu versehen? Wer gab den Teilen der Steine Vorstellungen? War es nicht der große Leibniz? Lasst uns Leibnizianerinnen  werden: So werden die Pflanzen beseelt sein. Haben nicht alle einfachen Teile der Pflanzen Vorstellungen von der Welt? Können sie sich aber wohl alle die Welt gleich vollkommen vorstellen? Der Satz des nicht zu Unterscheidenden streitet dawider.  Es wird also unter allen Teilen der Pflanzen einer die vollkommenste Vorstellung von der Welt haben. Hier ist die Seele der Pflanzen. Ich will nur erst die wichtigsten Widerlegungen dieser Meinung abwarten, die etwa in den nächsten Jahren herauskommen werden: Alsdenn soll man einen mathematischen Beweis von den Seelen der Pflanzen gewiss zu hoffen haben. So ist es in der gelehrten Welt, und nicht anders. Wenn ein Gelehrter eine Meinung vorträgt, die ihm vielleicht einmal in einem Rausche eingefallen ist: So wird er widerlegt, und vielleicht aufs Gründlichste. Es kommt ihn in einem neuen Rausche die Lust an, sich zu verteidigen. Er findet, dass er mit scheinbaren Gründen seine Gegner toll machen kann. Er tut’s. Man widerlegt ihn und macht ihn lächerlich. Er wird aufgebracht und sucht alles hervor, um sich zu verteidigen. Nun glaubt er schon selbst, dass seine Meinung wahr sei; nun streitet er ernstlich für diese. Er stirbt. Es findet sich in der Nachwelt einer, der ihn liest. Dieser wird so gut als er selbst überzeugt, dass seine Meinung ihre Richtigkeit habe. Er schreibt nunmehr eine mathematische Demonstration davon, die öfters so ernsthaft aussieht, als wenn sie ein Beweis der vorherbestimmten Übereinstimmung wäre. Doch muss meine Pflanzen nicht vergessen.

Die meisten Menschen sind nur stumme Buchstaben in der Naturlehre

§ 92
[…] Endlich setzt uns der Anblick der Tiere in ein völliges Erstaunen; und unter welchem soll man hier die Wahl treffen? So viel ist gewiss, dass keine Art Tiere geringzuschätzen sei; denn wir haben an den Insekten und Würmern, die so nichtsbedeutend zu sein scheinen, durch das Vergrößerungsglas eine Schrift lesen lernen, die der Finger Gottes selbst geschrieben hat; und zwar in der Sprache der Natur,  einer Sprache, die niemand als Gott schreiben, wenige Menschen verstehen, noch wenigere bewundern, die allerwenigsten aber sehen, ob sich gleich unzählige Buchstaben ihren offenen Augen beständig darstellen. So groß sonst die Anzahl der Sprachmeister  und derjenigen ist, die die Schönheiten aller Schreibarten zu entdecken bemühet sind: So findet sich doch, dass die meisten dieser Leute in der Sprache der Natur ganz unwissend sind und in derselben stumme Buchstaben  vorstellen, die sich selbst nicht aussprechen können. Wie selten trifft man einen Linnaeus  an, der die Sprache der Natur versteht und lehrt! Viel seltener als einen, der alle möglichen Figuren und Arten der Schlüsse auf den Fingern her zu erzählen weiß; der aus dem allgemeinen Zeug, der Möglichkeit der Dinge, neue Welten baut, ohne die alten zu kennen; der neue Erklärungsarten der Gemeinschaft der Substanzen erfindet, ohne zu wissen, was er für ein elendes Akzidenz  in der besten Welt sei.
––– Der nur die Silben zählt,
Des harter Vers den Geist nicht speist, die Ohren quält.
Er singt: Ihr Himmel, jauchzt, und brause du, oh Meer!
Er ruft: Ihr Hügel flieht! Die Hügel steh’n; und er
Wälzt sich im Staube hin und her.
Alle diese Menschen sind unglücklich genug durch ihre eigene Unwissenheit; und ihre Gleichgültigkeit, womit sie die Werke der Natur betrachten, ist eine Frucht ihres Hochmuts, der nicht sein könnte, wo keine Dummheit wäre, und womit sie ihre armen Seelen selbst bestrafen, insofern Seelen einer Strafe fähig sind, die sonst nur das einzige Kennzeichen der Personen besitzen, dass sie in menschlichen Körpern wohnen. Wir wollen uns nicht der Menschlichkeit unwürdig machen. Wir wollen fleißig in dem großen Buche der Natur lesen; so wissen wir gewiss, dass wir dadurch etwas mehr erhalten,
Als Würmer in den Kopf und Messer in die Brust.


DIE EIGENTLICHE NATURLEHRE

Nur der Vernunft zeigt die Natur sich nackt

§ 93
Die Naturgeschichte ist mit einem Gemälde zu vergleichen, das nach dem Leben abgeschildert ist und die Natur vorstellt, so wie sie sich unseren Sinnen zeigt.  Aber das heißt noch nicht die Natur kennen, wenn man weiter nichts von ihr weiß, als dass sie vorhanden ist, und auf wie vielerlei Arten sie sich unseren Augen darstellt. Edle Gemüter schwingen sich in ihren Betrachtungen weit über die bloßen Empfindungen. Sie sehen dasjenige, was sich ihnen beinahe ungesucht zeigt, nur als Fördersätze an, woraus eine höhere Erkenntnis hergeleitet werden muss; und diese zu erhalten, ist ihre vornehmste Bemühung. Ein Naturbeschreiber, ein vortrefflicher Linnaeus,  insofern er nach diesem Teile seiner Gelehrsamkeit allein betrachtet werden kann, sammelt eigentlich von der gütigen Hand der Natur nur die Geschenke ein, die sie den Menschen anbietet, um sich damit zu bereichern und durch einen edlen Wucher ihre Erkenntnis zu etwas mehr als eine bloße Historie zu machen. Er übergibt diese Geschenke einem nachforschenden Newton,
Und Newton übersteigt das Ziel erschaffner Geister,
Findt‘ die Natur im Werk und scheint des Weltbaus Meister.
Er wiegt die inn’re Kraft, die sich in Körpern regt,
Den einen sinken macht, und den im Kreis bewegt,
Er schlägt die Tafeln auf von ewigen Gesetzen,
Die die Natur gemacht und nimmer kann verletzen.
Hierin ist ein Naturforscher von einem Naturbeschreiber und hierin ist die eigentliche Naturlehre von der Naturgeschichte verschieden. Lasst uns also bei der Naturgeschichte nicht stehen bleiben. Wir wollen uns bemühen, von den Körpern auch philosophieren zu lernen, nachdem wir uns genug von ihnen haben erzählen lassen. Wir müssen aus dem, was wir davon erfahren, auf das wenige schließen, was wir nicht sehen; und oh! wie vieles muss nicht noch vor unseren Augen verborgen sein, da wir so unendlich vieles mit unseren Sinnen erreichen können und doch so schwache Werkzeuge der Sinne haben! Man hat gar nicht daran zu zweifeln: Denn es ist die Maxime der Natur, uns nur den wenigsten Teil von ihren Kunststücken zu zeigen; und sie überlässt es unserer Nachforschung, mehreres von ihr zu entdecken. Die Vernunft ist die einzige vertraute Freundin der Natur, welcher sie sich öfters so sehen lässt, als sie kein Sinn sehen darf, wenn er auch noch so neugierig wäre. Die Vernunft also ist es, die wir nunmehr zur Führerin erwählen wollen: Und alles, was sie uns von den Geheimnissen der Natur entdecken wird, muss ich im Voraus hier mitteilen; damit man nicht glaube, dass ich von vielen Versprechungen nur wenig Begriffe hätte und eine Führerin anpriese, von welcher ich nur vermutete, dass sie uns neue Gegenden zeigen könne, ohne selbst zu wissen welche.

Von den Füßlein der Käsemilbe und dem Wald des Schimmels

§ 97
[…] Aber bei den allerkleinsten Teilchen der Natur, die sich sogar unseren Augen entziehen und nur durch gute Vergrößerungsgläser  entdeckt werden können, ist es möglich zu zweifeln, ob sie alle ihre gewisse Figur und Ausdehnung besitzen, da es den bloßen Augen so nicht vorkommt. Ein Sandkörnchen scheint uns nur ein Punkt zu sein, woran nichts weniger bemerkt werden könnte als eine Ausdehnung oder bestimmte Figur. Allein die Vergrößerungsgläser entdecken uns hier eben das, was wir bei den größten Felsenstücken mit bloßen Augen bemerken. Durch diese scheinen uns einige kugelrund, andere oval, noch andere vieleckig; und es ist kein einziger, das nicht seiner Figur und Größe nach von allen andere sollte unterschieden werden können. Die Käsemilben,  welche bloßen Augen nicht anders als wie Punkte vorkommen, zeigen sich durch die Vergrößerungsgläser als Tiere, die ihre Füße, Augen und Mund haben. Ihre Leiber haben lange Haare wie Stacheln, und ihre Füße verschiedene Gelenke, wodurch sie dieselben zu verschiedenen Bewegungen gebrauchen können. Der Schimmel, welcher sich an feuchten Sachen anzulegen pflegt, ist nichts anders als ein Wald kleiner Blumen mit langen weißen durchsichtigen Stielen und kleinen grünen Blumen, welche weiß werden, sobald sie zur Reife gelangen. Der Staub, welcher sich auf den Flügeln der Schmetterlinge befindet, ist nichts anderes, als eine Menge kleiner gefärbter Federn; und die Tatzen der Fliegen sind mit Klauen versehen, die wie kleine Häkchen gestaltet sind, womit sie sich in die Höhlen der Körper einhaken und so an den glattesten Wänden fest anhalten können. Alles und dieses und noch viele anderen Sachen lehren uns die Vergrößerungsgläser, und hierdurch entdecken wir, wie subtil die Natur die Körper ausarbeiten können, dass sie doch die allgemeinen Beschaffenheiten aller, auch der größten Körper, behalten.

Beobachten uns die Mondbürger auch mit Ferngläsern?

§ 196
Ich kann die Betrachtung unserer Sonnenwelt unmöglich verlassen, ohne einer Meinung zu gedenken, welche so angenehm ist, dass es mir leidtun sollte, wenn sie bloßer Traum wäre.
Vielleicht ist unsre Welt, die wie ein Körnlein Sand
Im Meer des Himmels schwimmt, des Übels Vaterland:
Die Sterne sind vielleicht ein Sitz verklärter Geister;
Wie hier das Laster herrscht, ist dort die Tugend Meister,
Und dieser Punkt der Welt, von mind’rer Trefflichkeit,
Dient in dem großen All zu der Vollkommenheit:
Und wir, die wir die Welt im kleinsten Teile kennen,
Urteilen auf ein Stück, das wir vom Abhang trennen.
Warum sollte wohl unsere kleine Erde allein mit Kreaturen, die leben und empfinden, besetzt sein? Was verhinderte die Natur, auch den Mond und die anderen Planeten zu bevölkern? Doch diese Fragen entscheiden noch nichts. Ich habe aber oben gezeigt, wie groß die Ähnlichkeit mit der Erde sei, und erhellt aus allen bisherigen Betrachtungen, dass die übrigen Planeten nichts anderes sind, als was unsere Erde ist. Es gibt darinnen Berge und Täler, und Flüsse und Wolken, Tau, Nebel, Regen, Blitz und Ungewitter. Wozu würde alles dieses nutzen, wenn die Planeten nichts anderes als unbewohnte Wüsteneien wären? Warum erleuchtete unsere Erde der Mond, wenn niemand Nutzen davon hätte?  Warum sollte aber Jupiter vier und Saturn fünf Monde haben,  die unbewohnten Stellen zu erleuchten, die kein Auge sieht? Hätte der Herr v. Fontenelle nicht auf eine so reizende Art dargetan, dass es in dem weiten Himmel noch unzählige Kreaturen gäbe, die ebenso wie wir darin herumschwimmen: So würde ich hier einen Versuch tun, meine Leserinnen von einer Sache zu überzeugen, weswegen ich sie bedauere, wenn sie ihr ihren Beifall versagen. Wieviel Angenehmes lässt sich nicht dabei denken, wenn wir, so oft wir den Mond und das ganze Heer der Sterne betrachten, voraussetzen können, dass daselbst Kreaturen sind, die uns vielleicht eben jetzt durch ihre Ferngläser betrachten, die auf unserer Erde Berge und Meere gewahr werden, und vielleicht, ebenso wie wir, diejenigen unter sich für heimliche Freigeister halten, die sich dort unterstehen zu glauben, dass die Erde wohl bewohnt sein könnte! Doch ich muss aufhören hiervon zu reden, damit es nicht den Anschein gewinnt, als ob ich von den Mondbürgern Gelegenheit nehmen wollte zu beweisen, dass es unter den irdischen Gelehrten Leute gebe, die die allerwahrscheinlichste Sache leugnen, weil sie nicht mathematisch demonstriert werden kann.

Die Natur erklärt ihre Absichten nicht

§ 199
[…] Gewisse geheime Absichten, die sich vielleicht die Natur allein vorbehalten hat, bleiben unseren Nachforschungen noch unentdeckt; und weiß, ob sie jemals entdeckt werden. Denn die Natur offenbart uns von ihren Geheimnissen nicht mehr, als was wir zur möglichsten Beförderung unserer Glückseligkeit vonnöten haben; und dieses betrifft am seltensten die Offenbarung aller ihrer Absichten. Niemand wird es mir also verdenken, dass ich diese Schrift mit dem demütigenden Satz beschließe, welcher billig der Wahlspruch aller Philosophen sein sollte:
Ich weiß, dass nach vielem Fleiß,
Ich doch nichts Vollkommnes weiß.


[ANONYM]

REZENSION DES ‚GRUNDRISS EINER WELTWEISHEIT FÜR DAS FRAUENZIMMER‘

Dem Unternehmen wird Erfolg beschieden

Hat sich vor einiger Zeit der Verfasser des Neutonianisme pour les Dames  um das schöne Geschlechte verdient machen und ihm Lehren der Weltweisheit vortragen wollen: So tritt jetzt selbst ein Frauenzimmer auf und liefert ihrem Geschlechte eine Weltweisheit, die so deutlich und so angenehm geschrieben ist, dass die gelehrte Welt vollkommen überzeugt sein muss, das schöne Geschlechte brauche, die Weltweisheit zu erlernen, die männliche Hülfe nicht und sei vielmehr im Stande, auch Männer zu unterrichten. […]

Ist der Vortrag nicht allemal ausführlich und überzeugend, so ist er doch artig und mit schönen Stellen der besten Dichter ausgeschmückt, welches zugleich von der Belesenheit und von dem guten Geschmacke der Verfasserin ein Zeugnis gibt, da sie solchergestalt die Büchern von dieser Art meist eigene Trockenheit glücklich zu vermeiden gewusst hat. Kurz, sie verdienet eine Lehrerin ihres Geschlechts zu werden und hat auch durch ihr Exempel bewiesen, dass Witz und Verstand kein eigenes Geschlecht haben.

Quellentexte:
Johanne Charlotte Unzer: Grundriß einer Weltweisheit für das Frauenzimmer. Erste Auflage: Halle 1751; zweite Auflage: Halle 1767.
Johanne Charlotte Unzer: Versuch in Scherzgedichten. Erste Auflage: Halle 1751; zweite, erweiterte Auflage: Halle 1753; dritte, unveränderte Auflage: Halle 1766.
Johanne Charlotte Unzer: Sittliche und zärtliche Gedichte. Erste Auflage Halle 1754; zweite, erweiterte Auflage Halle 1766.
Johann Gottlob Krüger: Johann Gottlob Krügers Dichterkranz erteilt Frau Johanne Charlotte Unzer geborene Zieglerin nebst einer Ode von eben Derselben. Halle 1753.

Literatur zu Johanne Charlotte Unzer:
Ursula L. Meyer: Philosophinnen Leben. Johanna Charlotte Unzer. Aachen 2018 (ausführliche, populär geschriebene Biographie mit zeitgenössischen Bezügen; enthält weitere Auszüge aus dem Grundriss einer Weltweisheit sowie ausgewählte Gedichte).
Thomas Gehring: Johanne Charlotte Unzer-Ziegler 1725-1782. Ein Ausschnitt aus dem literarischen Leben in Halle, Göttingen und Altona. Bern/Frankfurt a.M. 1973 (wissenschaftliche Annäherung an Person und Werk vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Philosophie und Dichtungslehre).