Minutiae
Bilder * Texte * Gedanken

Essayistisches

  • Philosophie als Fenster zur Welt
  • Aber Voltaire war kein Philosoph! Was man wissen kann, und was nicht
  • Was ist Aufklärung? Acht Antworten auf eine alte Frage
  • Walter Benjamins Kritik der Gewalt, oder: Wie Wesentliches über Gewalt nicht gesagt wird

Philosophie als Fenster zur Welt

Wie kommt die Welt in den Kopf hinein? Und wie kommt der Inhalt des Kopfes wieder hinaus in die Welt? Eigentlich könnte man das als Grundfrage der Philosophie überhaupt bezeichnen: Denn ohne Kopf gibt es ebenso wenig eine Erkenntnis der Welt, wie es ohne Welt eine Einsicht des Kopfes geben kann. Wenn es überhaupt eine General-Unterscheidung gibt, die den Grund legt für unser Denken und Erkennen, dann ist das nicht Gut und Böse (eine nachgeordnete Subtilität); nicht Richtig und Falsch (immer abhängig vom Bezugssystem): Es ist Innen und Außen. Innen, das ist da, wo wir zuhause sind, es ist das, was wir meinen zu kennen (können wir es wirklich kennen? Sind wir ihm nicht viel zu nahe?); Außen, das ist das Fremde, das uns Gegenüberstehende, das, was bewältigt und angeeignet werden will. Dann aber kann es, ja: muss es auch wieder nach außen treten – sonst wäre Philosophie ein nimmer endendes Selbstgespräch des Kopfes mit seinen eigenen Verrücktheiten und nicht eine Äußerung, vielleicht sogar: eine Ent-Äußerung, die auf eine Ver-Innerlichung folgt. Innen und Außen: Ohne diese Trennung gäbe es keine Leben auf dieser Welt der Polaritäten (wohl aber ohne Gut und Böse, ohne Richtig und Falsch). Innen und Außen, das ist wie Ein- und Ausatmen, lebendige Kommunikation im Wechsel, und schon die alten Griechen hatten das gleiche Wort für Atem und Geist, Lufthauch und Seele: pneuma. Leben besteht daraus, dass ein Organismus eine Grenze zur Außenwelt aufbaut, eine schützende Hülle, in der sich das Leben entwickeln kann; bekanntlich ein temporärer Zustand, davor und danach gibt es keine Hülle, sondern nur ein großes Fließen. Das Leben hat einen Kern und eine Schale, und eines ist nicht besser oder wichtiger als das andere; beides zusammen erst, im ständigen gleichmäßigen Wechsel, macht das Ganze.

   Damit aber ist Leben, und mit ihm: Philosophie als reflektiertes Leben, ein Kommunikationsproblem. Denn wenn es Innen und Außen gibt, wenn es den notwendigen Zusammenhang beider gibt, dann müssen sie sich verständigen können. Irgendwie. Wunderbarerweise ist das schon in der Urszene der Philosophie, dem Platonischen Höhlengleichnis, vollständig erkannt und anschaulich präsentiert: In einer Höhle sitzen wir, einem geschützten, vom bedrohlichen Außen abgeschnittenen Innenraum von geradezu vorgeburtlicher Geborgenheit. Draußen laufen die Gegenständer Welt in einer permanenten Prozession vorbei, in all ihrer lockenden Buntheit und Gefährlichkeit. Aber wir sind gefesselt und sehen nur ihre Schatten, gespiegelt an der Höhlenwand; wir sehen also nicht das wahre Sein. Hier verlassen wir Platon nun, der in einer atemberaubenden philosophischen Volte deshalb gerade das Nicht-Materiell-Seiende, die Ideen, zum einzig Wahren und Wichtigen erklärt; wir bleiben vielmehr bei der Höhle und ihrer prekären Stellung zwischen Innen und Außen und der Frage, wie das Außen, die Dinge, in das Innen, die Köpfe in der Höhle, kommen könnte. Das, was man also bräuchte, wären vielleicht - Fenster, durch die etwas hineinströmt, Materie, noch unbearbeitet, Ein-drücke, wie man schon früh in einer Metapher gesagt hat (wenn man genau hinschaut, beginnen die meisten neuen Erkenntnisse mit einer Metapher). Man glaubte sogar einige Zeit, dass das Gehirn eine eigene Art Höhlenwand sei, auf der sich die Eindrücke mechanisch abdrücken, lauter kleine Realitätsstempel, einer über und unter dem anderen. Wie wir aber die Höhle verlassen könnten, um ins klare, freie Licht der Erkenntnis zu gelangen, zu den Dingen selbst – ach, wir wollen es ja gar nicht. Es reicht uns, durch ein Fenster hinauszuschauen, ein kleiner Ausschnitt, wohlgerahmt, gesichert, am besten mit einer Scheibe verschlossen. Aber sie ist durchsichtig, und je mehr man sie putzt und je feiner man sie fertigt, desto besser wird man durch sie sehen können. Im Alltagsleben aber dominieren die Schlieren; niemals wird ein Fenster ordentlich sauber, das weiß jede Hausfrau. Gelegentlich blendet die Sonne, gelegentlich verdunkelt sich der Himmel; und immer ist irgendwo ein Fliegendreck.  

Philosophie könnte solch ein Fenster zur Welt sein. Einige meinen natürlich, sie sei eher eine Tür: Man öffnet sie und geht hinaus und ist dann draußen, bei den Dingen selbst. Es kann aber sein, dass die Tür verschlossen ist und man nicht den richtigen Schlüssel findet; es kann auch sein, dass die Tür sich hinter einem schließt, und niemals wird man zurückfinden. Nein, Türen sind keine Lösung: Türen schließen ein und schließen aus, sie verbarrikadieren ein Inneres, und seit neuestem ist sogar häufig eine Alarmanlage installiert, die bei unkorrektem Denken anschlägt. Fenster hingegen – sind Öffnungen, die verwundbar machen, aber auch schützen. Natürlich kann man auch Fenster öffnen und schließen, man kann sich auch hinauslehnen und wieder zurückziehen, aber man bleibt auf der Schwelle zwischen Innen und Außen, ein wenig geschützt, ein wenig exponiert. Und draußen zieht die Welt vorbei, ein großes Theater der Dinge und Lebewesen, und wir schauen ihr eine Weile zu, wie von einem Logenplatz im Theater aus; es ist eine Aufführung, die sich von Minute zu Minute ändert, und wir kommen kaum hinterher mit dem Schauen und Staunen und Analysieren. Die Begriffe und Kategorien haben wir im Schrank hinter uns verstaut, hinter verschlossenen Türen; es sind nützliche Werkzeuge, aber sie stören beim Schauen, sogar wenn es Fernrohre oder Mikroskope sind: Sehen wir die Welt erst einmal, wie sie ist, bevor wir ihr mit menschlichem Werkzeug zu Leibe rücken!

Philosophie kann ein Fenster zur Welt sein. Natürlich, einige der berühmtesten Philosophen waren bekanntlich anderer Meinung, mit Platon und seiner Ideenwelt angefangen. Der Berühmteste unter ihnen war Leibniz, zweifellos ein Denker und Gelehrter und Universalist, wie es wenige gegeben hat; er hatte jede Menge Spezialwerkzeuge zur Bewältigung der Welt, er hat sogar einige ganz neue Werkzeuge selbst erfunden. Leibniz hatte also einen ganzen Palast voller Fenster, großer und kleiner, geometrischer und weniger geometrischer, alles stand ihm zur Verfügung. Aber im Herzen des Palastes wohnt, ganz für sich und verschlossener als das Paradies, die Monade. Die Monade hat, und es ist nicht nur erstaunlich, sondern sehr bedenkenswert, dass dieses philosophische Zitat wohl das am meisten zitierte Leibniz-Wort ist – die Monade hat, sagt Leibniz, keine Fenster. Sie ist nicht materiell, sie ist deshalb auch nicht teilbar, sondern ein Atom; sie hat keinen Anfang und kein Ende, sondern sie existiert in aller Ewigkeit, ist unsterblich und wird nicht geboren. Sie ist, so könnte man aus ein wenig Distanz sagen und wenn man dabei durch ein etwas skeptisch eingefärbtes Fenster schaut, eine Art Mini-Gott; eine Essenz Gottes, in die Menschen versetzt als Gott-Atom, als unzerstörbarer Kern, geschützt von einer hermetisch abschließenden Schale, der Materie. Die Monade ist, wir blicken weiter durch das skeptische Fenster, das philosophische Wunschdenken in Reinform, die Selbstermächtigung des Menschen über alle Grenzen von Natur und Materie hinaus, das reine Sein (und ist es nicht bedenklich, wie sich das reimt? – aber der Schein, er folgt dem Reim schon auf dem Fuße ...). Sie ist eine weiße black box, die schönste und reinste, die man sich nur vorstellen kann; und wehe, wehe, man versucht sie zu öffnen (undenkbar!).

Nun ergibt sich dadurch natürlich das oben bereits erwähnte Kommunikationsproblem; denn wie kommt die Welt in die Monade und die Monade wieder in die Welt, wenn nicht durch – Fenster? Denn interagieren muss man nun einmal, der Mensch lebt, Monade oder nicht im Kern, in einer Welt der Dinge und Materien, die sein Handeln beeinflussen, die er durch sein Handeln beeinflusst; er lebt zudem als Sinnenwesen, nicht nur als Geist- und Verstandeswesen, und wie kommunizieren seine eigenen Sinne also mit dem eigenen Geist, der Monade, wie steuert einer den anderen? Dafür erfand Leibniz einen Zaubertrick, und die Absurdität der Idee zeigt, wie groß das Problem ist: Er heißt „prästabilierte Harmonie“ und geht einfach davon aus, dass beide, Monade und Sinnenwesen, einem vorgegebenen Mechanismus folgen, einer inneren Uhr, einem vorprogrammierten Ablaufplan, wie immer man es nennen mag: Vom Moment der Schöpfung an läuft das große Programm ab, und der größte aller Schöpfer hat dafür gesorgt, dass es vollkommen synchronisiert abläuft, ohne Wechselwirkungen, gegenseitige Beeinflussungen, Unabsehbarkeiten, Systemfehler. Leibniz war der Urvater aller Programmierer, und es ist nur verständlich, dass er von einer Universalsprache träumte, die eindeutig und vollständig das Universum beschreiben würde und endlich, endlich, die Menschheit von der Misslichkeit der Kommunikation befreien würde. Leibniz hätte den Computer geliebt, das steht außer Frage: Eine blinkende blackbox, gefüttert mit Programm, Hardware und Software, und beides im schönsten Einklang. Die platonische Höhle, endlich vollkommen abgesichert von der Außenwelt. Keine Fenster, nur eine Schnittstelle!

John Locke, sein großer Zeitgenosse und Gegner, sah das naturgemäß anders als überzeugter Empirist: Zwar war auch für ihn der Geist eine ziemlich abgeschottete black box, aber sie hatte immerhin kleine, kleine Öffnungen nach außen, Fenster, so sagt auch Locke wörtlich, nämlich: die Sinne. Sinne-Fenster, das ist eine ziemlich naheliegende Analogie, auf die deshalb auch schon massenhaft Leute vorher gekommen sind, allen voran die christliche Theologie, die beispielsweise die menschlichen Augen als „Fenster zur Seele“ auffasste: Wir können niemanden in den Kopf kriechen, aber ein Abglanz der unsterblichen Seele fällt durch die Augen nach außen (und das war die Richtung, die die Religion von jeher mehr interessierte: Wesentlich war das Innen, und nicht das weltlich-kontingente Außen!); und wenn wir jemand ganz tief in die Augen sehen, können wir deshalb bis auf seine Seele blicken, wir sehen ihre Flecken und ihren Glanz. Aber bleiben wir einen Moment bei allen Sinnen, nicht nur bei den Augen. Ist nicht die ganze Schale des Menschen ein großer Sinnesapparat, der ständig Welt prozessiert und nach innen weiterleitet, damit der Verstand seine Arbeit beginnen kann in seiner Dunkelkammer? Haben wir nicht eigentlich sogar viel mehr als nur fünf sparsam unterschiedene Sinne: ein Zeitgefühl, ein Raumgefühl, ein, wie soll man sagen: Verdauungssensorium (der Darm ist bekanntlich ein Teil des Gehirns), sogar, vielleicht, einen natürlichen Sinn für Schönheit, Richtigkeit, Wahrheit, oder, evolutionär kodiert: Gesundheit und Nützlichkeit? Ach, es gibt so viele Fenster am menschlichen Körper, und viele von ihnen könnten besser geputzt, gewartet, benutzt werden! Wäre das nicht eine große Aufgabe für die Philosophie, die immer verzweifelter nach einer neuen Aufgabe sucht, nachdem ihr die Welt so weit abhanden gekommen ist, dass eine Kommunikation kaum noch möglich scheint?

Denn die Philosophie hat sich lange Zeit darauf konzentriert, die Fenster zu verschließen, zu vermauern, für blind zu erklären: Unzuverlässig seien sie, all diese Sinne, Blendwerk, gefärbte Scheiben, optische Verzerrung, Reizüberflutung. Selten wurde bemerkt, dass der Geist, der Verstand, die Vernunft, die Monade oder wie all die Kandidaten für die große schwarze box im Kopf heißen, offensichtlich auch nicht die zuverlässigsten Auskünfte über die Welt liefern: Wie könnte es sonst sein, dass nach gut zweitausend Jahren Philosophiegeschichte eigentlich in keiner wesentlichen Menschheitsfrage eine Einigung erreicht wurde, obwohl die besten und größten Köpfe (Aristoteles! Leibniz! Kant! Wittgenstein!) daran abgearbeitet haben? Aber nein, jeder hat die Box ein wenig anders konstruiert; am Ende war sie schön blankpoliert und systematisch abgedichtet, aber nicht direkt kommunizierbar. Derweilen traten die Sinne ersatzweise ihren Siegeszug in den Naturwissenschaften an, und es öffneten sich jeden Tag mehr Fenster in eine Welt, die Gesetzen durchaus zugetan war und eine schöne Ordnung liebte. Der Geist hingegen blieb allein zuhause. Eingesperrt, ausgesperrt. Sichtschutz, wohin man schaut. In der Höhle, spielend mit Schatten, immer mehr Schatten.

Doch wenigstens, so sagten die Philosophen, könne der Geist sich selbst erkennen, und gebe es eigentlich Bedeutenderes in der Welt als die Krone der Schöpfung: das menschliche Selbstbewusstsein?  Nun wurde im schmerzhaften Verlauf der realen Geschichte (nicht der des Geistes!) durchaus eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber dem Prozess der Selbstkrönung entwickelt. Nicht unbedingt gilt es mehr als Erweis besonderer Führungsstärke, wenn man sich selbst zum Herrn des Universums erklärt und alle anderen zur Unterwerfung verpflichtet. Doch was anderes ist diese philosophische Obsession auf Selbstermächtigung des Subjekts, im Namen des Ideals, des Geistes, des Unreduzierbaren und Schlechthin-Komplexen, als eine kontinuierliche und nur in immer neuen Farben und flavours inszenierte Selbstkrönung? Warum soll man der Objektivität eines Wesens trauen, das sich selbst über alle andere Wesen erhebt? Warum sollte man jemand glauben, der die eigene Kernkompetenz ohne jegliche Begründung zur Königsgattung alles menschlichen Tuns erklärt; die Begründung ist, in einen sauberen Syllogismus verpackt: Der Mensch ist das einzige Wesen, das denken kann; Denken ist höchste aller Fähigkeiten; der Mensch ist das Höchste Wesen (ja, intendierte Bedeutungsgroßschreibung!) Wie immer steht und fällt der Syllogismus, eine sehr unzuverlässige logische Krücke, mit den Vordersätzen: Wir haben Denken sehr sorgfältig so konstruiert, dass es nur auf das zutrifft, was Menschen mit ihrem Gehirn tun; es ist sehr wohl möglich, dass andere Wesen weit besser denken mit ihren, zugegebenermaßen: kleineren Gehirnen, aber wir werden es nie erfahren können. Also denken sie nicht, logisch. Jede Biene, die die Produktion von Honig zur höchsten aller Fähigkeiten erklären würden, würden wir unter die ideologiekritische Lupe nehmen und, sieh da! Die Biene hat ein Interesse daran, dass Honigmachen die höchste Kompetenz schlechthin ist. Menschen aber … Wäre es nicht wirklich Zeit, sich perspektivisch einmal aus dem Zentrum des Universums hinauszunehmen und zu gestehen, dass man auch auf sich selbst, das heilige Individuum und sein allerheiligstes Innerstes, nur – durch ein Fenster blicken kann, in Ausschnitten, aus der Distanz? Dass die Sinne uns nicht nur die Welt zeigen, sondern auch der einzige Weg in die Höhle sind? Dass wir sind, was wir wahrnehmen, fühlen, erleben, tun, und dass unser Denken nur der Schleier ist, den die barmherzige Evolution um die Wahrheit gelegt habt, damit wir ihr nicht ausgeliefert sind in ihrer Nacktheit weit jenseits von moralischen Mäntelchen?

Denn Philosophie ist nicht nur ein Fenster zur Welt, sie ist auch ein Fenster in unser Inneres. Sie ist die Reflexionsinstanz, die hinter dem Fenster steht und die Daten verarbeitet, die uns ein bestimmter, begrenzter Weltausschnitt bei diesem Licht und in dieser konkreten räumlichen und zeitlichen Situation geliefert hat, mit allen Sinnen unseres ganzen Körpers. Aber natürlich muss die Welt auch wieder aus dem Kopf herauskommen, muss die Monade, die wir nun mit den Fenstern der Sinne ausgestattet haben, Leibniz möge uns verzeihen, mitteilen, kommunizieren, letztlich und leider: sprechen. Denn wäre es nicht schöner, sauberer, nützlicher, wenn wir direkt wieder ein anschauliches sinnliches Gebilde nach außen spiegeln könnten, eindeutig, vollständig, vielfältig, und unser Gegenüber würde es direkt wieder so erfassen durch die Fenster seiner vielfältigen Sinne? Aber Menschen müssen reden. Sprache ist alles, was wir haben, und wir tun uns viel darauf zu gut, fast so viel wie auf den Geist, aber sie ist ein sehr ungehobeltes Werkzeug. Jeder geht mit ihr um, wie er will. Schonen sollte man die Worte, achten auf ihre spezifische Bedeutung, hören auf ihren besonderen Klang. Aber wir gehen mit ihnen um, als seien sie bessere Putzschwämme: Wird schon noch eine Bedeutung mehr hineinpassen, auch wenn sie mit der ursprünglichen immer weniger und am Ende gar nichts mehr zu tun hat; und wenn man das Wort einmal versehentlich auspresst, kommt all der unverdaute gedankliche Müll wieder zum Vorschein. Eigentlich sollte man alle Wörter einmal pro Jahrhundert, mindestens, umtauschen, recyceln, wenigstens generalsanieren; was im Übrigen nichts und gar nichts mit politischer Korrektheit zu tun hat, die eher das Gegenteil einer reflektierten und verantwortete Sprachgestaltung ist, nämlich eine Sprachstanzmaschine, aus der nur noch bedeutungslose Schablonen fallen, konturlos, formlos, reduziert auf: moralische Richtigkeit (Wörter sind nicht moralisch, das liegt nicht in ihrer Natur; sie sind Bezeichnungen, die sich auf eine Sache, nicht auf einen Wert beziehen). Und je abstrakter und weniger gegenständlich ein Wort wird, desto saugfähiger wird es. Ein „Fenster“ ist, auch wenn es durchaus verschiedenen geformt und von verschiedener Größe, Machart, Durchsichtigkeit sein kann, ein Fenster. Was ist der menschliche „Geist“? Schon beim Sprechen beginnt der Mund zu schäumen. 150 Seiten braucht der Artikel im Wörterbuch der Deutschen Sprache der Brüder Grimm, und hinterher ist man definitiv noch viel verwirrter als vorher. Geben wir das Wort auf. Es bedeutet – alles und nichts. Wahrscheinlich kann man es noch nicht einmal nutzbringend recyclen, es würden nur lauter kleine Ungeister herausfleuchen.

Leibniz hatte von einer universalen, widerspruchsfreien Sprache geträumt, obwohl seine Monaden das doch eigentlich gar nicht nötig hatten. Die menschliche, sprachlich vermittelte Erkenntnis hingegen sei, so kategorisierte Leibniz schön in seiner universalwissenschaftlichen Art, entweder klar oder dunkel, entweder verworren oder deutlich – und das sind wohlunterschiedene Begriffe! Eine Einsicht, die uns klar vermittelt wird, erkennen wir wieder; einer dunklen sind wir ausgeliefert, wir werden sie niemals wiedererkennen, und wenn sie uns bis in unsere Träume verfolgt. Noch besser jedoch ist es, wenn eine Erkenntnis deutlich vermittelt wird: Dann können wir ihre einzelnen Teile unterscheiden und ihre Merkmale aufzählen. Nicht jedoch bei der verworrenen Erkenntnis, wo alles durcheinander purzelt; zwar hat sie durchaus ihre einzelnen Teile und Merkmale, aber die werden eben nicht – deutlich. Nun gibt es Dinge, die werden, zumindest in der menschlichen Sprache, niemals deutlich erkannt werden können, sondern nur klar, in einem einzigen, ganzheitlichen Erkenntnisakt – sagen wir: die Monade? eine Persönlichkeit? ein sinnlicher Gesamteindruck? ein Kunstwerk? Andere hingegen sind durchaus der Deutlichkeit fähig, und man verschenkt eine wichtige Erkenntnismöglichkeit, indem man alle begriffliche Deutlichkeit schlechthin und jeden Versuch einer genaueren Definition dessen, was ein bestimmtes Wort meint, dieses spezifische, eine Wort – zur unnötigen Wortklauberei erklärt, ich wisst doch schon, was ich gemeint habe, gell? Mit jeder Unterscheidung öffnet sich ein neues Fenster; es ist nicht immer ein Panoramafenster, sondern manchmal nur ein Mansardenfenster, aber man fühlt sich gerade in Mansardenfenstern ganz heimelig. Der Ausschnitt ist klein, aber präzise begrenzt. Man sieht nur ein kleines Stück Welt, aber das sieht man genau, wenn man richtig hinschaut jedenfalls und nicht in die Luft guckt und nach Luftschlössern Ausschau hält.

Ein wenig bekannter Philosoph des 19. Jahrhunderts, Friedrich Albert Lange hieß er und er wurde berühmt geworden durch seine Geschichte des Materialismus, hat in einer schönen Passage eben derselben eine Art Variante des platonischen Höhlengleichnis gegeben: „Denken wir uns […] einen Menschen, der ein Kaleidoskop für ein Fernrohr hält. Er glaubt höchst merkwürdige Gegenstände außerhalb wahrzunehmen und widmet ihrer Betrachtung allen Fleiß. Er soll nun in einen engen Raum eingeschlossen sein. Nach der einen Seite hat er ein Fensterchen, welches ihm einen beschränkten und getrübten Blick nach außen eröffnet; nach einer andern Seite ist das Rohr, mit welchem er in die Ferne zu sehen glaubt, fest in die Wand eingeschlossen. Diesen Ausblick liebt er ganz besonders. Er reizt ihn mehr als das Fensterchen; unablässig sucht er auf diesem Wege seine Erkenntnis von einer wunderbaren Ferne zu vervollkommnen. Das ist der Metaphysiker, der das enge Fenster der Erfahrung verschmäht und sich von dem Kaleidoskop seiner Ideenwelt täuschen läßt“. Niemand würde ein Kaleidoskop benutzen, um sich in der Welt zu orientieren, aber natürlich schauen wir alle lieber durch bunte Kaleidoskope als durch enge, getrübte Fenster. Philosophie aber, und damit variieren wir unsere Metapher ein wenig, sollte daran arbeiten, die Fenster zu putzen. Denn in der Höhle sind wirkliche Menschen, draußen werden wirkliche Gegenstände vorbeigetragen und wirkliche Konflikte verhandelt, und wenn wir uns verständigen, sollten wir das mit wirklichen Worten tun, nicht mit ausgelutschten Bedeutungsschwämmen. Philosophie ist die Putzfirma, die dafür sorgt, dass die Scheiben streifenfrei sind; sie ist der Architekt, der sich darum kümmert, dass genug Licht ins Gebäude fallen kann; sie ist der Hausmeister, der dafür sorgt, dass sich das Fenster gut öffnen und schließen lässt und nicht aus dem Rahmen fällt. Sie stellt auch Fenster zur Verfügung, historische, aktuelle, unterschiedlich geschnittene, die man ausleihen kann, nein: die jede und jeder ausleihen kann. Denn das Gute an Fenstern ist, dass jede und jeder ein natürliches Gefühl dafür hat, wie man mit Fenstern umgeht. Man braucht keinen Schlüssel für ein Fenster, keine Bedienungsanleitung, keine Sicherheitsbelehrung. Man muss nur hinaussehen wollen und dann möglichst unbefangen davon berichten, was man gesehen hat. Dann darf man auch wieder in die Höhle zurück.

  

Aber Voltaire war kein Philosoph!
Was man wissen kann, und was nicht


 

Aber Voltaire war leider kein Philosoph. Sagen jedenfalls die Forscher, und die kennen sich bekanntlich aus. Zwar sind dicke Bücher über ihn geschrieben worden, einen der wenigen waschechten Heroen der Aufklärung; Bücher über den Tragödiendichter, den Staatshistoriker, den Schelm und Freund der Frauen, den Kämpfer für Toleranz und Gerechtigkeit, den Satiriker und den Lyriker, den Unternehmer und erfolgreichen Spekulanten, dem bissigsten aller Kirchenkritiker, der kurz vor  seinem Tod — eine fake-Beichte ablegte und dann an den Papst schrieb und um eine kleine Reliquie  für die neu erbaute Landkirche auf seinem Gut, Ferney, bat (er erhielt ein Stück von dem Büßerhemd des heiligen Franziskus, fast könnte man meinen, die katholische Kirche verstünde Ironie!). Vieles war Voltaire in seinem Leben, und als er seinen Geburtsnamen ablegte (zufällig nämlich hieß er sogar Francois-Marie!) samt seiner bürgerlichen Herkunft und sich als „Voltaire" neu erfand, war es das erste Autoren-Branding der Geschichte: Voltaire, ein Name, ein Wort, ein Selfmademan und Alleskönner. Nein, ein Fast-Alles-Könner; denn die, die Voltaire kennen,  Gelehrte, die sich ihr Leben lang mit diesem Kosmos eines Menschen beschäftigt haben, die seine Magenleiden kennen und seine Diätmacken, seine Publikationstricks und noch die entlegensten seiner  Pamphlete, sie alle bescheinigen dem Autor eines Dictionnaire philosophique portatif bedauernd und gar nicht wenig herablassend: Er sei kein Philosoph gewesen, leider, leider, leider!  

Nun hatte das Wort philosophe im 18. Jahrhundert eine andere Bedeutung als vorher (sagen wir, in der Antike: jemand, der die Technik des Denkens beherrschte und Wissen produzieren konnte) und  nachher (sagen wir, heute: jemand, der entweder einen Lehrstuhl an einer öffentlichen Hochschule hat, den man aber nur bekommt, wenn man sich sehr damit zurückhält eigenständig zu denken; oder jemand, der öffentlich versucht, Selbsthilfebücher zu vermarkten). Nein, im Frankreich des beginnenden 18. Jahrhunderts, in dem die Sonne des Sonnenkönigs zwar noch ziemlich hell schien, aber schon fast von der aufgehenden neuen Sonne der lumiéres in den Schatten gestellt wurde, war ein philosophe jemand, der gefährlich dachte. Also vor allem: Gedanken,  die der Religion oder der absolutistischen Herrschaft gefährlich werden konnten. Das waren: entweder materialistische Gedanken — es gibt nichts außer dem, was wir wahrnehmen, sehen, fühlen können, Gott ist eine Wunschprojektion, der Geist ein Gespenst, die Vernunft eine schwache Ersatzbesetzung für intelligente Triebe; oder es waren deterministische Gedanken: Wenn jedes Ding eine Ursache hat und jede Ursache eine Wirkung hervorbringt, ist die Kette der Kausalität geschlossen; seit Anbeginn aller Dinge gab es nichts außer kausal zusammenhängenden Ursachen und Wirkungen, und bis zu ihrem Ende  wird es nichts anderes geben; Freiheit ist — undenkbar. So ähnlich dachte Voltaire im Übrigen tatsächlich, nur dass er dabei noch gläubig blieb: Sein Gott war ein allmächtiger Vater, der die Dinge so gut eingerichtet hatte, wie es ihm eben möglich war in der „besten aller möglichen Welten" (und konnte man sich nicht wirklich noch viel schlechtere ausdenken?) und sich dann verabschiedet hatte, lasst die Kinder spielen, hat er vielleicht gesagt, sie verstehen nicht viel, aber sie meinen alles zu verstehen. Es sind eben Kinder.   

Insofern war Voltaire gar kein ganz schlimmer philosophe, nicht das öffentliche Schreckgespenst  wie seine Freunde von der Encyclopdie, dem ersten großen philosophischen Demokratisierungsprojekt vor Wikipedia,  allen voran La Mettrie mit seinem hornme machine. Und seine Zeitgenossen haben ihn durchaus als einen solchen gemäßigten philosophe wahrgenommen. Nicht jedoch die Nachwelt, nicht jedoch die Voltaire-Forschung, so kluge und weit sie auch ist, und schon gar nicht die akademische Schulphilosophie; nein, nein, nein, sagen sie, kluge Gedanken mag er gedacht haben, er hat sie auch sicherlich schön und spitz und eindringlich formuliert, aber es waren eben nur — einzelne Gedanken. Verstreut aus einem Füllhorn, also habe man einen unendlichen Vorrat, und hier und da  haben sie ein wenig Wurzeln geschlagen, aber eine ganze, eine ordentliche, ein — und nun sagen wir endlich das Wort, das schlimme Worte, das Totschlagwort: ein gedanklich in sich geschlossenes System, das habe er nun wirklich nicht hervorgebracht! Man sieht Hegel im Hintergrund streng schauen und den Kopf schütteln: Nein, so geht das nicht. Philosophie ist nicht dieser oder jeder  dahingestreute Gedanke, wie er jedem — vielleicht sogar gelegentlich einer Frau? — durch den Kopf schießt, Philosophie ist ein Gedankenpalast, solide gegründet auf Definitionen und Aprioris, syllogistisch widerspruchsfrei verschränkt und mit dem Zement des allesbeherrschenden Begriffs haltbar gemacht für die Ewigkeit.   

Nun, da hätte Voltaire wohl ein wenig geschmunzelt und einen seiner klugen Sätze gesagt. Vielleicht hätte er den Satz wiederholt, der am Ende seines Candide steht: Il faut cultiver notre jardin ­ ­– und das ist im Gegenteil zu vielem, was ernsthafte  Philosophen so sagen, durchaus wörtlich gemeint. Denn Voltaire hat seinen Garten bestellt, in Ferney unweit des Genfer Sees, er hat Wein angebaut und Gemüse und eine funktionierende Uhrenindustrie in Gange bracht, und sogar der Papst hat sein Unternehmertum geheiligt durch die Übersendung einer dummen, kleinen Reliquie für die Dorfkirche. Daneben ist der Satz natürlich auch bildlich gemeint, aber wahre Philosophen springen nicht immer gleich los auf die bildlich-übertragene Ebene, oh nein, sie lesen erst einmal, was da steht, buchstäblich, literally, und dann erst machen sie den kleinen Aufschwung zur bildlichen Bedeutung: Bildlich, also, heißt es: Reden kann jeder, einen Garten anbauen aber nicht. Das ist nämlich ein kultureller Prozess, und Prozesse haben hässliche Angewohnheiten, die reine Begriffspaläste und Luftschlösser aus Gedanken nicht haben: Sie sind nicht vollständig planbar. Sie haben Umgebungsbedingungen, die können sich ändern, mal gedeiht der Wein, mal die Radieschen, man macht Fehler, man lernt dazu, man lernt nie aus. Daneben steht das System, der Gedankenpalast des ordentlichen Philosophen; eifersüchtig wacht er darüber, dass niemand kommt und ein wenig an den Grundfesten rüttelt oder die architektonische Gestaltung der Türme kritisiert. Hoffentlich kommt demnächst ein ordentliches Erdbeben und zerstört es von Grund auf; die Gärten jedoch, sie bleiben, wenn man Mühe und Arbeit in sie steckt und ein wenig Herzblut. 

Aber Voltaire war kein Philosoph, so sagen die Forscher, sie müssen es wissen; sie gehören zu den Leuten, die gern Begriffspaläste besuchen und sich wohlig und kenntnisreich in ihnen ergehen (das gleiche gilt übrigens für Schiller; auch kein Philosoph, nein, wirklich nicht!). Denn selbst einmal vorausgesetzt, Voltaire sei, das können wir ihm ja zugestehen, ein durchaus origineller Denker gewesen, ein kritischer Kopf, jemand, der sich sogar mit Mathematik und Naturwissenschaften auskannte (mit seiner Mätresse studierte er Newton, nicht nur Matrazen), jemand, der ziemlich sicher die zeitgenössischen Philosophen gelesen hatte und den einen und den anderen der Alten dazu. Seine Analysen, vor allem in seinen Satiren, den philosophischen Märchen und contes philosophiques, waren messerscharf und ließen keinen Stand ungeschoren, keine menschliche Schwäche und schon gar nicht die bizarren Gedankengebäude der Religionen und die massenmörderischen Machtspiele der Politik (noch jede Satire hat den Krieg verdammt. Es gibt einfach keinen Grund für einen Krieg, sobald man sich einmal zusammenreißt und den Gedanken „Krieg“ zu Ende denkt. Niemals. Das haben Philosophen bisher auch nicht erkannt). Aber leider, leider, sobald es darauf ankam, all diese verstreuten, klugen Gedanken, all diese kaum bestreitbaren einzelnen Weisheiten – zusammenzudenken, zusammenzuschmieden, durch einen ordentlichen Begriffsbeton zu erhärten und den Palast zu erbauen, damit er sich in den Himmel erstrecke – geht Voltaire wieder eine kleine satirische Laune durch, und er macht eine Satire auf Leute, die Begriffspaläste bauen, die sie gar noch für unzerstörbar, ewig und immerwahr halten! Gegen solche Leute hilft nur – und so endet seine Wissenschafts- und Philosophiesatire Micromegas, und es ist die ultimative Satire auf Systemgläubige aller Art, nach der es keine weiteren Satiren darüber geben muss –; sie endet damit, dass der kluge und weise Micromegas vom Planeten Sirius dem Sekretär der Erdenakademie ein Buch verspricht, das den Endzweck aller Dinge ein- und für allemal klären werden in extra kleiner Schrift für die etwas schwächlichen Augen der Mini-Erdenbewohner (Micromegas kommt aus einer anderen Galaxie mit etwas anderen Größenverhältnissen, er hat deshalb einige andere Maßstäbe), und als das Buch kommt, ist es – leer. Natürlich ist es leer. Micromegas ist halt kein Philosoph! 

Wer nun aber meint, das sei der Weisheit letzter Schluss, der hat die ganze Geschichte offensichtlich nicht verstanden. Denn Voltaire philosophisches Märchen macht ganz genau klar, wie ein ordentlicher Wissenschaftler vorgehen sollte, um das Wissen, was ihm in seinem persönlichen Universum mit seinen persönlichen Methoden und Instrumenten zugänglich ist, zu erschließen; jedenfalls, solange wir Geschöpfe Gottes bleiben (für Atheisten: erkenntnistheoretisch eingeschränkte Wesen) und nicht Gott selbst werden (wer sich allerdings für Gott selbst erklärt, kann alles Mögliche erkennen, kein Zweifel! Was gibt es nicht für wunderbare Gedankenpaläste von selbsternannten Menschengöttern!) Auf ein paar einfache Regeln zusammengefasst, lautet das Rezept: Immer von den Sinnen ausgehen, es gibt nichts anderes für sinnliche Wesen; was nicht in den Sinnen war, hat im Verstand nichts zu suchen (das hat Voltaire von Locke in England gelernt, und er hat es fürs Leben gelernt, und der Gedanken ist einfach, und wer ihn bestreitet – nun, er mag seinen Palast bauen. Er bleibt aber akut einsturzgefährdet). Erlaubt sind jedoch Instrumente, wissenschaftliche Instrumente, technische Instrumente: Wenn  Micromegas zufällig durch die Diamanten von seiner Kette schaut, die ihm zufällig vor die Füße gepurzelt waren, und dabei zufällig entdeckt, dass sie ihm die Miniaturwelt der Erdenbewohner vergrößert, umso besser! Zufälle nutzen, sie sind des Forschers bester Freund! Wohingegen all diejenigen, die vorher schon wissen, was sie finden sollen, die ein telos haben, einen festgesetzten Endzweck des Beweises, ein quod demonstrandum erat – sich genauso gut gleich die Augen verbinden und die Ohren verstopfen können, es kommt ja nicht darauf an, was sie sehen oder hören, sondern nur auf das, was sie denken wollen! Dann, zurück zu Micromegas, wenn man seine Erfahrungen gemacht hat, sie gründlich gemacht, sie gesammelt hat, sie untereinander verglichen hat und seine ersten, vorsichtigen Schlüsse daraus gezogen hat – sollte man sie wieder in Frage stellen. Am besten, indem man sie mit jemand anders diskutiert. Noch besser, wenn dieser andere eine andere Perspektive darauf hat, zum Beispiel kommt er vom Mars und ist ein Zwerg für eine Sirioten, aber immer noch ein Riese für ein Menschlein! Reden, Diskutieren, Abgleichen. Dabei um Himmelswillen nicht versuchen, die Dinge allzusehr zu vereinfachen, beispielsweise, indem man verrückte und ausgefallene Vergleiche dafür sucht oder entlegene Analogien zu Rate zieht – das sind Dinge, die Dichtern recht schön anstehen und vielleicht dem einen oder anderen Wissenschaftler, wenn er auf einem Mondspaziergang einer Dame die Wunder des Universums erklärt. Vielleicht sogar können sie sogar ab und an zu einer Erkenntnis verhelfen, das wollen wir gar nicht abstreiten – aber sie erklären wissenschaftlich nichts. Sie demonstrieren philosophisch nichts. Sie erweitern den Kreis des Wiss- und Erkennbaren nicht. 

Dieser Kreis aber ist, und das ist das einzige philosophische Apriori, das Voltaire wahrscheinlich wirklich anerkennen würde, ohne jede Ausnahme und fundamentalst: begrenzt. Ein System tut nur eines: Es zeigt die Grenzen des Denkvermögens seines Erfinders an. Die Zahl der Dinge, die wir nicht wissen können, ist unendlich viel größer als die derjenigen, die wir – zu einem bestimmten Zeitpunkt, unter bestimmten Voraussetzungen, mit den gegebenen Mitteln – wissen und erkennen können. Je mehr wir zu wissen meinen, desto mehr erkennen wir, was wir alles nicht wissen können – das zumindest ist ein Gedanke, der wenigstens moderne Naturwissenschaftler beschleicht, vor allem: die größten von ihnen. 

Aber Voltaire, leider, leider, war kein Philosoph, was hilft es, wenn er so außerordentlich viele kluge Gedanken hatte! Im Kern geht das Argument nämlich so: Philosophie ist systematisches Denken, ausgehend von apriorischen Grundsätzen, fortschreitend über logische Schlussketten und endend in einem Zusammenhang von Gewissheiten. Oben stehen dann Gott, der Weltgeist, die Vernunft, oder, am schlimmsten: der Mensch, die sogenannte Krone der Schöpfung (das einzige Tier, das den Krieg erfunden hat. Und bisher nicht überwunden). Voltaire aber, nun, sein Gedanke geht so: Es gibt keine ersten Prinzipien, es gibt keine Aprioris, die Basis sind allein Erfahrungen. Erfahrungen macht jeder selbst. Einige davon kann man durch Schlussverfahren systematisieren und verallgemeinern, andere nicht. Oder noch nicht. Damit aber, husch, hat er sich selbst schon als Philosoph disqualifiziert, denn wer ein ordentlicher Philosoph ist, wird anhand von folgendem Syllogismus entschieden: 

(1) Philosophie ist ein in sich widerspruchsfreies und allgemein gültiges System von Begriffen.

(2) Voltaire hat niemals solch ein System hervorgebracht.

(3) Voltaire ist kein Philosoph.    

Syllogismen sind natürlich eine ganz wunderbare Erfindung. Mit der gleichen Sicherheit könnte man nämlich auch postulieren: 

(1) Philosophie ist die Erzeugung von Luftschlössern aus Seifenblasen.

(2) Wer noch nie ein Luftschloss aus Seifenblasen erzeugt hat, ist kein Philosoph.

(3) Hegel ist kein Philosoph.    

Voltaire hingegen hätte, in all seiner Bescheidenheit, gesagt (aber er hätte es viel lustiger gesagt und er hat es im Micromegas lustiger gesagt): Das Errichten von philosophischen Systemen ignoriert die einzige absolut sichere menschliche Erkenntnis, nämlich diejenigen ihrer notwendigen Begrenztheit (und Skeptiker dürfen gern, mit Grund, hinzufügen: ihrer Standortgebundenheit). Systemphilosophen sind deshalb – aber hier breiten wir mit Voltaire den gnädigen Mantels des Schweigens über diese Verkehrung auf und versprechen stattdessen, demnächst einen Band an die Akademie zu schicken, in extra großer Schrift (die Philosophen sind schon alt und leiden gelegentlich an Sehschwäche, sie haben auch zu viel in Bücher mit zu kleiner Schrift gestarrt), in dem genauestens aufgezeichnet steht – was man alles nicht wissen kann.


  

In der Tat wäre es recht sonderbar, wenn die gesamte Natur, sämtliche Gestirne ewigen Gesetzen gehorchte, indessen es ein kleines fünf Fuß hohes Lebewesen gäbe, das unter Mißachtung dieser Gesetze stets handelte, wie es ihm beliebte, ganz nach Gutdünken seiner Laune. Es würde zufällig handeln, aber bekanntlich ist der Zufall nichts. Wir haben dieses Wort erfunden, um die bekannte Wirkung jeder unbekannten Ursache zu bezeichnen. Meine Gedanken halten notwendig Einzug in meinem Gehirn; wie sollte mein Wille, der von ihm abhängt, zugleich durch Notwendigkeit bedingt und absolut frei sein?

Voltaire, Der unwissende Philosoph

Home

    


 Was ist Aufklärung?

Acht Antworten auf eine alte Frage

  

            

Was ist Aufklärung? Je nachdem, in welchem Kontext man diese Frage stellt, wird die Antwort wohl unterschiedlich ausfallen: Man wird auf kichernde Kinder und errötende Eltern stoßen, die Dinge über Bienen und Blumen daherstammeln (na gut, heute vielleicht nicht mehr…). Man könnte auf ernsthaft dreinblickende Politiker stoßen, die ‚lückenlose Aufklärung‘ nach einem Skandal fordern. Oder man könnte auch auf Literaturwissenschaftlerinnen stoßen, die einen Vortrag über Wieland, Kant und Lessing halten und über die Aufklärung des 18. Jahrhunderts als geistige und literarische Bewegung, die unser modernes Selbstverständnis als aufgeklärte Menschen bis heute prägt. So weit, so gut, aber noch etwas unscharf. Fragen wir weiter:  

1. Was ist Aufklärung? Eine Metapher  

Was also ist Aufklärung, verstanden nun als geistesgeschichtlicher Prozess oder als historische Epoche, die sich ungefähr über das gesamte 18. Jahrhundert erstreckt und dabei verschiedene Phasen durchläuft? Sagen wir zunächst das Offensichtliche: Es ist eine Metapher, also ein sprachliches Bild. Etwas klärt sich auf, wenn die Dunkelheit heller wird, der Nebel verschwindet, die Sonne immer stärker wird und alles in ihr helles Licht taucht. Eben dieses tut das ‚Licht der Vernunft‘ in der schon von den Zeitgenossen selbst ‚Aufklärung‘ genannten Epoche der menschlichen Geschichte: Es leuchtet dorthin, wo dunkle Gesellen wie der Aberglaube und das Vorurteil ihr Unwesen treiben; es bringt dabei ans Licht, was für alle Menschen nützlich, ja unentbehrlich zu wissen ist, um sich in der Welt orientieren zu können. Doch kann es nicht auch zu hell werden? Setzen wir nicht Sonnenbrillen auf, wenn die Sonne allzu grell vom Himmel scheint, und suchen den sanften, versöhnlichen Schatten? Das ist das Gute wie das Schlechte an Metaphern: Sie machen etwas anschaulich, sie lassen uns einen Gedanken sinnlich erfahren; aber sie zeigen gleichzeitig dort Grenzen auf, wo der Begriff sie normalerweise nonchalant überspielen würde.        

Kann es zu viel Aufklärung geben? Georg Christoph Lichtenberg, ein skeptischer Aufklärer und großer Liebhaber von Metaphern samt ihrer Übersetzung ins Begriffliche, sinniert beispielsweise: 

 „Was man von dem Vorteile und Schaden der Aufklärung sagt, ließe sich gewiß gut in einer Fabel vom Feuer darstellen. Es ist die Seele der unorganischen Natur, sein mäßiger Gebrauch macht uns das Leben angenehm, es erwärmt unsere Winter und erleuchtet unsere Nächte. Aber das müssen Lichter und Fackeln sein, die Straßenerleuchtung durch angezündete Häuser ist eine sehr böse Erleuchtung. Auch muß man Kinder damit nicht spielen lassen“.  

Es ist denkbar, dass diese Passage nach der Französischen Revolution geschrieben wurde, die sich eine einigermaßen radikale Aufklärung auf ihre Fahnen geschrieben hatte und sie mit angesteckten Häusern illustrierte. Es ist aber auch denkbar, dass Lichtenberg überhaupt ein wenig skeptisch war, ob sich alle Dinge wirklich immer und in jeder Hinsicht durch bessere Beleuchtung aufklären lassen! 

2. Was ist Aufklärung? Lexikondefinitionen 

Was also, fragen wir erneut, ist Aufklärung, und wo vielleicht sind ihre Grenzen und Gefahren? Wie bei den meisten Begriffen, die man auch gern zu ideologischen Zwecken benutzt, ist ihr Inhalt nicht gerade in Stein gemeißelt; jeder benutzt solche Begriffe zwar gern, aber jeder denkt sich etwas anderes dabei (und manchmal auch gar nichts; je allgemeiner der Begriff, desto größer die Gefahr, dass er zur leeren Formel wird). Je mehr man meint, einen solchen Allgemein- und Kampfbegriff auf Anhieb verstehen zu können, desto stärker zeigt der zweite Hieb, dass der Begriff selbst eher schwammartigen Charakter zu haben scheint und in seiner Geschichte auch sehr fragwürdige Dinge aufgesogen hat.    

Fragen wir also Leute, deren Job es ist, Begriffe möglichst präzise zu definieren; fragen wir Lexikonmacher, Wörterbuchautoren. Beginnen wir damit im 18. Jahrhundert selbst, also der Zeitspanne, die den Begriff sozusagen „erfunden hat“ (der Sachverhalt selbst ist natürlich viel älter, schon die Antike hatte ihre Aufklärung), und befragen als ersten Kronzeugen Johann Christoph Adelung, Sprachforscher, Philologe und eben Lexikonmacher. In seinem ‚Grammatisch-Kritischen Wörterbuch der deutschen Sprache‘, einem damaligen Standardwerk, definiert er, kurz und bündig: Aufklärung sei 

„1) Die Handlung des Aufklärens, besonders im figürlichen Verstande [also: eine Metapher]. 2) Der Zustand, da man mehr klare und deutliche, als dunkle Begriffe und Vorurtheile hat“. 

Aufklärung ist also nicht nur abstraktes Denken, sondern auch konkretes Tun, Handlung, schon vom grammatischen Sinn des Wortes her. Ist die Handlung aber einmal in Gang gesetzt, ist die Aufklärung in Schwung gekommen, dann etabliert sie einen Zustand, in dem Vorurteile und unklaren Begriffe immer stärker durch „klare und deutliche“ Begriffe ersetzt worden sind; Begriffsklärung selbst ist also ein ur-aufklärerischer Zweck! Ob dieser Prozess dabei jemals an sein Ende kommt, lässt Adelung klugerweise offen: Er spricht nur von „mehr“ klaren und deutlichen Begriffen, und man muss wohl kein Skeptiker sein, um hier im Blick auf unsere eigene Zeit zu sehen, dass ein Endstadium dieser Entwicklung wohl noch nicht in greifbare Nähe gerückt worden ist, eher: im Gegenteil.  

Halten wir jedoch vorläufig fest: Aufklärung wird von Adelung mit der Handlung des Aufklärens und einem Zustand der Aufgeklärtheit in Bezug auf den Sprachgebrauch und das Erkenntnisvermögen verbunden. Der Begriff selbst wird dabei in keinerlei Weise inhaltlich gefüllt, es geht weder um Menschenrechte, Toleranz oder sonstige inhaltlich definierbare Ziele. Das ist noch mehr oder weniger genauso im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm, dem lexikalischen Mammutprogramm des 19. Jahrhunderts. Dort wird lakonisch Kant zitiert: „Aufklärung ist die Maxime, jederzeit selbst zu denken“. Eine Maxime ist Aufklärung also, ein Leitsatz, an dem man sich im täglichen Handeln orientieren kann; kein ehernes Gesetz, sondern ein etwas erweiterter ins Prinzipielle ausgeweiteter guter Vorsatz. Und auch hier finden wir nur eine rein formale Bestimmung: Man möge bitteschön – und zwar jederzeit, darauf kommt es an! – selbst denken. Von Ergebnissen des Selbstdenkens ist nicht die Rede. 

Das ändert sich mit zunehmender historischer Distanz. Ein aktueller Duden bestimmt Aufklärung als „von Rationalismus und Fortschrittsglauben bestimmte europäische geistige Strömung des 17. und besonders des 18. Jahrhunderts, die sich gegen Aberglauben, Vorurteile und Autoritätsdenken wendet“. Wir haben nun erstmals zwei inhaltliche Bestimmungen: Aufklärung wird verbunden mit (1) Rationalismus (also, im weitesten Sinne: Orientierung an der menschlichen Vernunft, nicht mehr beispielsweise an Gottes Offenbarung, wie bisher üblich) und (2) Fortschrittsglauben (die Menschheit entwickelt sich, und zwar zu ihrem Besseren). Dazu bekommen wir eine örtliche Situierung in Europa (diskutierbar; schon die Aufklärung selbst hielt das China des Konfuzius teilweise für aufgeklärter als die eigene Welt) und wir bekommen die Hauptgegner (Aberglauben, Vorurteile, Autoritätsdenken).    

Ähnlich formuliert auch Wikipedia: „Der Begriff Aufklärung […] bezeichnet die um das Jahr 1700 einsetzende Entwicklung, durch rationales Denken alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. Es galt Akzeptanz für neu erlangtes Wissen zu schaffen“. Dazu gehörten beispielsweise „die Hinwendung zu den Naturwissenschaften, das Plädoyer für religiöse Toleranz und die Orientierung am Naturrecht. Gesellschaftspolitisch zielte die Aufklärung auf mehr persönliche Handlungsfreiheit, Bildung, Bürgerrechte, allgemeine Menschenrechte und das Gemeinwohl als Staatspflicht“. Das sind nun schon eine ganze Reihe inhaltlicher Bestimmungen, und man könnte die Liste zweifellos auch weiterführen; denn wie alle Listen ist sie ein wenig beliebig, und die Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts hätten wahrscheinlich schon beim dem Wort „Naturwissenschaften“ zweifelnd die Stirn in Falten gelegt, es gab das Wort nämlich noch gar nicht (und die Sache erst in Ansätzen). Zudem sagt ein Begriff wie „Naturrecht“ auch den heutigen Gebildeten kaum noch etwas, so sehr ist uns die Überzeugung, dass alle Menschen von Natur aus gleiche Rechte haben, in Fleisch und Blut übergegangen. Hingegen ist die formale Bestimmung hier sehr weit zurückgetreten: Vom „Selbstdenken“ ist beinahe überhaupt nicht mehr die Rede. Ist es inzwischen auch selbstverständlich geworden – oder nur in den Hintergrund gerückt? Sind, polemisch gefragt, die Menschenrechte und die Toleranzforderung wichtiger als das Selbstdenken?  

3. Was ist Aufklärung? Die berühmte Frage in der ‚Berliner Monatsschrift‘  

Fragen wir also noch einmal, fragen wir die Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts nun selbst: Was ist Aufklärung? Gehen wir dabei zurück an den Anfangspunkt; gehen wir ins Jahr 1783, als eine damals sehr berühmte Zeitschrift, die Berlinische Monatsschrift (sie galt sozusagen als Kampfblatt der aggressiven Berliner Aufklärung), in ihrer Dezember-Ausgabe eine Frage an das gebildete Publikum stellt (auch das war damals durchaus üblich, manchmal gab es sogar Preise für die beste Antwort). Der Anlass war ein eher anti-aufklärerischer Beitrag eines Berliner Pastors zur Zivilehe, und in einer Fußnote, ausgerechnet, hatte er ein wenig polemisch gefragt: „Was ist Aufklärung? Diese Frage, die beinahe so wichtig ist, als: Was ist Wahrheit? Sollte doch wohl beantwortet werden, ehe man aufzuklären anfinge. Und doch habe ich sie nirgends beantwortet gefunden!“ Das konnten die Herausgeber nicht auf sich sitzen lassen, galten sie doch als Speerspitze der Aufklärung schlechthin! Und so baten sie ihre Leser um Klärung, und gleich zwei der berühmtesten Philosophen der Zeit fühlten sich angesprochen: Moses Mendelssohn (auf dessen Antwort ich hier nicht eingehe, weil sie sich eher auf die Begriffe Kultur und Bildung konzentriert) und kein Geringerer als der Königsberger Philosoph Immanuel Kant, der seit seiner Kritik der reinen Vernunft (erschienen 1781) zum unbestrittenen  philosophischen Leitwolf der Zeit aufgestiegen war. 

4. Immanuel Kant: Aufklärung braucht Mut! 

Und so erschien genau ein Jahr später, unter den Christbaum sozusagen, Immanuel Kants Antwort in der Berlinischen Monatsschrift, und sie hat sich bis heute als die haltbarste Formel zur Bestimmung des schwammigen Begriffs Aufklärung erwiesen. Programmatisch bestimmt Kant (und gibt dabei gleichzeitig ein Beispiel dafür, wie eine ordentliche aufklärerische Begriffsdefinition aussehen sollte): 

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung!“ 

Das ist ziemlich nahe an dem, was wir von Adelung gehört hatten; Aufklärung ist die Handlung des Aufklärens durch die Tätigkeit des eigenen Verstandes. Auch Kant gibt dabei keine einzige inhaltliche Bestimmung; er fordert einfach nur von jedem sich seines ihm von der Natur oder von Gott gegebenen Verstandes auch zu bedienen, und zwar selbständig, ganz allein, ohne Anleitung und ohne Netz und doppelten Boden. Tue er dies jedoch nicht, bleibe er nicht nur ewig unmündig, sondern er sei auch noch selbst schuld: Denken, so Kant, erfordert vor allem eines: Nicht Ausbildung, nicht Anleitung, nicht Brillanz, sondern – Mut! Angeborene Dummheit ist verzeihlich, nicht aber Furcht. sapere aude, so zitiert Kant Horaz und damit einen der zentralen Denker der antiken Aufklärung (die noch nicht so hieß natürlich); die vollständige Formulierung lautet: „Einmal begonnen ist halb schon getan. Entschließ dich zur Einsicht! Fange nur an!“ Schiller übersetzt: „Erkühne dich, weise zu sein!“ Auf den Anfang des Erkennens kommt es an; nicht auf das Ende. 

Denn wir Menschen, so Kant im nächsten Passus ziemlich realistisch, sind gar nicht so ungern unmündig: „Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beureilt usw. so brauche mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann“. Das sind klare und harte Worte, daran ist wenig misszuverstehen. Kant nimmt jeden Einzelnen in die Pflicht und in die Verantwortung; und er verschweigt nicht, dass der Prozess der Aufklärung lebenslange Mühe und Arbeit ist. Denn die Freiheit des Denkens, sie ist so ungewohnt; niemand hat uns dazu erzogen, und sie ist ein Risiko, wer selbst denkt, irrt selbst, auf eigene Rechnung; er kann sich hinterher nicht damit herausreden, jemand anderes hätte ihn böswillig in die Irre geführt. Denn selbst wenn man so weit gekommen sei, sich durch einen Akt des mutigen Entschlusses aus der Unmündigkeit zu verabschieden, in der man es sich so wohnlich eingerichtet hatte, kann man nach Kant nicht sofortige Erfolge erwarten: Der des Selbstdenkens noch Ungewohnte würde „dennoch auch über den schmalsten Graben einen nur unsicheren Sprung thun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist“. Fragen wir uns das, jede und jeder einzeln für sich: Sind wir zu „dergleichen freier Bewegung“ wirklich gewöhnt? Glauben und vertrauen wir nicht immer noch allzu gern selbst ernannten Sachverständigen, Experten, Vormündern und Vordenkern, Leitartiklern und Think tanks? Lehren wir unsere Kinder in Schulen wirklich das Selbstdenken, eine rein formale Fähigkeit, die trainiert und geübt werden will, ganz unabhängig von ihren Ergebnissen – oder lehren wir sie nicht doch eher das, was sie zu denken haben, wenn sie als aufgeklärt gelten sollen? 

Kants Antwort ist damit aber noch nicht beendet. Er diskutiert noch eine Reihe von wichtigen Fragen – über das Verhältnis öffentlicher und privater Aufklärung, über die Grenzen der Aufklärung im Autoritätsstaat Preußen, sogar über die Notwendigkeit, gelegentlich die Aufklärung gezielt zurückzustellen (zum Beispiel im Militär, wo es wenig Sinn macht, Soldaten in Kampfsituationen zu ihrer Meinung zu befragen, und mag sie noch so selbstgedacht sein). Völlig überzeugt davon ist er jedoch, dass die Aufklärung als historischer Prozess der Emanzipation des Menschengeschlechts von seinen Vormündern zwar nicht aufzuhalten sei; aber keinesfalls über Nacht geschehe. Und der Text endet in  einem beinahe poetischen Bild des Königsberger Meisterdenkers: 

„Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sich am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat; so wirkt dieser allmählich auf die Sinnesart des Volkes […] und endlich sogar auch auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als eine Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln“. 

Sogar die Regierung! Das muss man sich ein wenig auf der Zunge zergehen lassen. Aber immerhin bietet Kant damit auch endlich einen inhaltlichen Begriff zur Bestimmung der Aufklärung an: Es ist die Menschenwürde; sie jedoch ergibt sich logisch erst daraus, dass der Mensch über das Maschinenstudium herausgekommen ist, indem er damit begonnen hat, selbständig zu denken! Menschenwürde ist das Ergebnis von Aufklärung, nicht ihre Voraussetzung. 

5. Christoph Martin Wieland: Aufklärung ist eine Selbstverständlichkeit 

Kant ist insgesamt jedoch, im Wesentlichen, optimistisch: Die Aufklärung des Publikums lässt sich nicht endlos aufhalten, und irgendwann wird auch ein Zustand erreicht sein, der dieser Aufgeklärtheit einen politischen Rahmen gibt. Aber vielleicht nicht schon übermorgen; übermorgen hingegen wird die Französische Revolution stattfinden und nicht nur für Kant seinen grundlegenden Optimismus über den Fortschritt der Menschheit massiv in Frage stellen, da sie zwar heroische Ziele verkündete, sie aber durch einen bisher ungesehenen Terror durchzusetzen versuchte (wir erinnern uns an Lichtenberg: Aufklärung geschieht nicht durch angezündete Häuser!). Wieland hingegen – nun, er gilt mindestens ebenso als Musteraufklärer wie Kant, und das durchaus zu Recht. Aber auch er ist sich bewusst, dass es mit der Sache einige Schwierigkeiten hat. Seine eigene Antwort zur Berliner Frage „Was ist Aufklärung?“ findet sich sechs Jahre später in seiner eigenen Zeitschrift, dem Teutschen Merkur; also genau im Revolutionsjahr 1789. Und sie kommt ein wenig verwickelt und verschroben daher: Es ist ein Beitrag mit dem merkwürdigen Titel „Ein paar Goldkörner aus – Maculatur oder Sechs Antworten auf sechs Fragen“; geschrieben hat ihn, angeblich, ein gewisser Timalethes (ein offensichtliches Pseudonym, das als „Weisheitslehrer“ aus dem Griechischen übersetzen kann). Da sich Wieland jedoch mehrere Jahre später persönlich als Timalethes geoutet hat, können wir ihn als eine ironisch verklausulierte Äußerung Wielands lesen. Aber können wir wirklich? 

Der Text beginnt zunächst mit einer Art Rahmenhandlung, in der seine Entstehung mit einer etwas bizarren Geschichte verbunden wird: Der Autor habe, wie es ja durchaus üblich sei, mal wieder einen Bogen Makulaturbögen (also schadhafte oder veraltete Druckbögen) zu seinem üblichen Zweck nutzen wollen (der Leser darf assoziieren: an einem gewissen Örtlein). Da sei ihm irgendwie aufgefallen, dass gerade dieser Bogen sechs Fragen zum Wesen von Aufklärung enthalte (es war also ein Bogen aus der Berlinischen Monatschrift, sogar die korrekte Seitenzahl wird genannt). Und da man schließlich von den Weisheitslehrern alter Zeiten wisse, dass man auch „aus einer gewissen unnennbaren Materie den Stein der Weisen“ ziehen – also Gold machen könne -, habe er, Timalethes/Wieland, doch auch einmal den Versuch unternommen, aus diesen Bögen Makulatur das Gold (der Weisheit nämlich) zu ziehen. Darauf folgen sechs Antworten auf sechs Fragen; sie sind kurz, knapp und auf den Punkt und illustrieren des Verfassers Hauptthese, nämlich: dass diese Fragen „schon seit einigen tausend Jahren für alle verständige Menschen keine Fragen mehr“ seien! Darüber aber sowie den Goldgehalt der aus dieser Makulatur gewonnenen Weisheiten möge doch gefälligst – der Leser dieser Bögen selbst urteilen! 

Das ist eine klare Aufforderung zum Selbstdenken, hören wir uns also an, was uns Timalethes/Wieland zu sagen haben und urteilen wir dann selbst! Was Aufklärung sei, so werden wir von Timalethes zunächst belehrt, wisse jeder, der Augen habe und hell und dunkel unterscheiden könne und insofern ein natürliches Wissen darüber habe, dass man die Dinge im Hellen besser sehe als im Dunkeln (wir wiederholen: Aufklärung als Metapher). Daraus ergebe sich auch schon die Antwort auf die zweite Frage, nämlich welche Gegenstände Objekt der Aufklärung sei? – alle sichtbaren, natürlich, da man im Dunklen nur – nun gut, der Leser wisse schon was – tun könne und alles andere das Licht nicht scheue; und zwar auch und gerade (jetzt gehen wir zum ersten Mal über die Bildebene der Metapher heraus) das „Licht des Geistes“, das nämlich das Wahre vom Falschen, das Gute vom Bösen scheiden könne und als solche der natürliche Agent der Aufklärung sei. Aber es gebe selbstverständlich Leute, die Grund hätten, dieses Licht des Geistes zu scheuen, und zwar nicht nur Betrüger. Zu ihnen gehörten vielmehr beispielsweise (und bitte jetzt auf die Beispiele achten!) jeder, „der Grillen fängt, Luftschlösser baut, und Reisen ins Schlaraffenland oder in die glücklichen Inseln macht“; haltlose Idealisten also, Phantasten und Schwätzer! Das ist mutig gesagt von jemand, der selbst als Dichter gelegentlich das eine oder andere Luftschloss gebaut hat und gelegentlich auch eine unschuldige Grille fängt! Wir als Leser beginnen derweil nachdenklich zu werden; spricht hier nicht doch ein gewisser ironischer Unterton mit? 

Demgegenüber gibt es auf die dritte Frage – „wo sind die Grenzen der Aufklärung?“, also eine durchaus berechtigte und auch von Kant thematisierte Frage – nur zwei, drei lakonische Sätze: dort, wo man eben nichts sehen könnte, egal bei welchem Licht (was unschuldig klingt, aber ein wenig zum Denken herausfordert: Wie ist es beispielsweise mit metaphysischen Fragen? Mit religiösen? Ist hier eine absichtliche Leerstelle?). Etwas ausführlicher wendet sich unser Timalethes hingegen der vierten Frage zu, durch welche „sicheren Mittel“ Aufklärung befördert werde: Man mache eben Licht! Himmel nein, möchte man an dieser Stelle sagen, da waren wir auch schon selbst drauf gekommen. Timalethes jedoch wird an dieser Stelle sogar ungewöhnlich ausführlich: Er nimmt eine systematische Unterscheidung zwischen Gegenständen sinnlicher Erkenntnis und Vorstellungen als Objekten einer geistigen Erkenntnis vor. Letztere würden aufgeklärt, in dem man „das Wahre vom Falschen daran absondert, das Zusammengesetze in seine einfachen Bestandtheile auflöst, das Einfache bis zu seinem Ursprung verfolgt, und überhaupt, keiner Vorstellung oder Behauptung, die jemals von Menschen für Wahrheit ausgegeben worden ist, ein Freybrief gegen die uneingeschränkeste Untersuchung gestattet wird“. Dann aber doch, könnte vielleicht der an dieser Stelle schon etwas gewitzigte Leser einwenden, gilt das doch auch für die als so einleuchtend und unmittelbar präsentierten Weisheiten des – Timalethes? Man wird sehen. 

Denn unter dem fünften Punkt wird die Sache, bei allem immer strahlendem Licht des Autors, nicht eben deutlicher. Wer berechtigt sei, die Menschheit aufzuklären? Jeder natürlich, lässt Timalethes den dummen Frager wissen, denn welches oberaufgeklärte Obertribunal solle denn sonst bitte entscheiden, wer aufklären darf oder wer nicht? Nein, es werde wohl dabei bleiben müssen, „daß jedermann – von Sokrates oder Kant bis zum obscursten aller übernatürlich erleuchteten Schneider und Schuster, ohne Ausnahme berechtigt ist, die Menschheit aufzuklären“. Natürlich leuchtet das ein in Falle von Sokrates oder Kant, beide sind Kronzeugen der Aufklärung in der Philosophie. Aber etwas verwirrender ist der Punkt mit dem Schneider und dem Schuster. Denn worum es hier, zumindest halboffen geht, ist nicht die Rehabilitierung von Unterschichten in ihrem natürlichen Urteilsvermögen; nein, jeder aufgeklärte Zeitgenosse Wielands denkt natürlich sofort an den wesentlichen philosophischen Schuster der Philosophiegeschichte, nämlich den mystischen Esoteriker Jakob Böhme, und bei seinem Kollegen, dem Schneider, an den Wiedertäufer Jan von Leiden, also den Anführer einer fanatische Glaubensbewegung des Mittelalters – beide geradezu Antipoden einer Aufklärung, in jeder Hinsicht! Was will uns Timalethes damit sagen? Dass die Anti-Aufklärer die besseren Aufklärer sind? Dass man den Trank der Aufklärung bis zur bitteren Neige leeren muss, und wer einmal ein Prinzip geheiligt habe – lückenlose, unbegrenzte Aufklärung – auch mit den Konsequenzen wird leben müssen, nämlich: Aufklärung durch Anti-Aufklärer? Timalethes lehnt sich jedoch zurück und schreibt noch ein wenig darüber, dass zu erwartende Schäden durch unfähige Aufklärer leichter zu verkraften seien als nun ein Aufklärungstribunal, dass öffentlich zugelassene Aufklärer zertifiziert. Zudem habe man ja die Buchdruckerpresse, und jeder Unsinn, der veröffentlicht werde, erhalte schon die nötige Antwort. Man könnte meinen, er habe das Internet vorausgesehen! 

Damit aber schnell zum sechsten und letzten Punkt: Woran erkennt man nun den jeweiligen Stand der Aufklärung? Natürlich, sagen wir in Chor, daran, dass es heller geworden ist; aber Timalethes geht wenigstens noch ein bisschen mehr ins Detail. Man erkenne es natürlich daran, dass die „Masse der Vorurtheile und Wahnbegriffe zusehends immer kleiner wird“ (Wahnbegriffe, schönes Wort, was meint er wohl damit?); aber auch wenn „die Schaam vor Unwissenheit und Unvernunft, die Begierde nach nützlichen und edeln Kenntnissen, und besonders wenn der Respect vor der menschlichen Natur und ihren Rechten unter allen Ständen unvermerkt zunimmt“. Aufgeklärt ist, so könnte man sagen, wenn man aufgeklärt werden will; und schon sind wir unversehens bei Kant, der in der Aufklärung vor allem eine Frage des Mutes und des Entschlusses sah. Timalethes ergänzt: Es ist eine Frage des Respekts. Selbstdenken + Respekt, das wäre wohl die Formel, auf die das zu bringen wäre. 

An dieser Stelle und mit einer kleinen Schluss-Sottise gegen die Anti-Aufklärer und ihre Pamphlete endet die Goldmacherei aus Makulatur; und dazu als Bonus sozusagen einem kleinen provozierenden Vers des Timalethes: „Sagt, hab ich recht? Was dünkt euch von der Sache / Herr Nachbar mit dem langen Ohr?“ Der Weise macht sich also lustig, über sein Gegenteil, den Narren mit den langen Ohren; aber wer ist nun genau der Weise und der Narr? Denn der phasenweise so übereindeutige und dann wieder so verzwickt-ironische Text lässt jeden nur halbwegs aufgeklärten Leser mit einem Unbehagen zurück. Goldkörner? Nun ja. Das eine oder andere Katzengold vielleicht. Aber was erwartet man auch von Makulatur? Alle Bücher, auch die klügsten und besten und weisesten, werden irgendwann zu Makulatur; alle Fragen, auch die aufgeklärtesten, landen samt ihren Antworten auf dem Müllhaufen der Geschichte, egal ob sie Kant oder Sokrates oder Jakob Böhme geschrieben haben, egal ob sie die Aufklärung gefeiert oder sie verdammt haben. Das Leben nämlich, so Timalethes, sei die „Capelle“, in der das geschürfte Gold geprüft wird, und nicht der Buchdruck. (Hier haben wir, beiläufig gesagt, ein letztes Beispiel für die tiefe Ironie und Doppeldeutigkeit, die dem Artikel zugrunde liegt. Denn die „Capelle“ lässt uns natürlich an eine kleine Kirche denken; der zweite Wortsinn jedoch, den Adelung (unser Lexikograph aus dem 18. Jahrhundert) noch kennt, ist: Capellen sind „in der Chymie und Schmelzkunst, flache Tiegel von Asche und gebrannten Knochen, Silber und Gold darauf abzutreiben“). Denn nur Narren glauben, endgültige Weisheiten aus Druckerzeugnissen gewinnen zu können; nur einfältige Weisheitslehrer bedienen ihr Bedürfnis nach einfachen Antworten. 

Ich bin mir inzwischen fast sicher, dass Wieland mit diesem Text (vor allem, aber vielleicht nicht nur) – ärgern wollte, provozieren wollte, in gewissem Sinne auch eine unnötige Debatte beenden wollte: Wenn ihr nach all dieser Zeit und alle diesen Schriften immer noch nicht verstanden habt, was Aufklärung ist – nämlich eine zu jeder Zeit mögliche Selbstaufklärung durch Nachdenken, Unterscheiden, Respekt – und wenn ihr darauf besteht, einfache Antworten auf einfache Fragen zu bekommen – bitte schön, da habt ihr sie! Erwartet aber keine goldenen Weisheiten. Erwartet, bestenfalls, Katzengold! Und dann geht hinaus und praktiziert Aufklärung! (Wieland hat den Text selbst übrigens, als einige Jahre später und damit nach der Französischen Revolution, dieser aufklärerischen Zeitwende, ein Streit darüber ausbrach, als „Diatribe“ bezeichnet: also als eine Form moralphilosophischer Lehre in einfacher Sprache, die sich an ein breites Publikum richtet; gelegentlich aber auch eine gelehrte Schmährede. Beides macht Sinn. Der Leser, die Leserin, entscheide selbst; so geht Selbstdenken!). 

6. Gotthold Ephraim Lessing: Aufklärung ist, lieber weiter zu irren als aufhören zu suchen 

Für mich hat, um zum abschließenden Teil und zur letzten Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?“ zu kommen, immer Gotthold Ephraim Lessing die beste Antwort gegeben. Das vor allem, weil er sich niemals auf die Frage eingelassen hat, sie war aber auch vor seiner Zeit (Lessing starb 1781, das war vor der Frage in der Berlinischen Monatsschrift). Er hat jedoch einen kleinen Text geschrieben, unter dem Titel „Über die Wahrheit“, und schon aus der Frage in der Berlinischen Monatsschrift wissen wir, dass beide Fragen, die nach der Wahrheit und die nach der Aufklärung, eng zusammenhängen (man könnte vermuten: Vielleicht ist Wahrheit und nicht Menschenwürde der eigentliche Inhalt von Aufklärung?). Lessing schrieb also, es war im Rahmen der endlosen gelehrten und publizistischen Streitereien, die er so gern und so souverän führte, eine Art kleines Glaubensbekenntnis. Es beginnt nicht mit einer Frage, sondern mit einer Feststellung, einer These, die ohne jede Einschränkung im Format des ultimativen Rechtshabens, ja sogar versehen mit einer Reihe von Superlativen daherkommt: 

„Ein Mann, der Unwahrheit unter entgegengesetzter Überzeugung in guter Absicht ebenso scharfsinnig als bescheiden durchzusetzen versucht, ist unendlich mehr wert, als ein Mann, der die beste, edelste Wahrheit aus Vorurteil, mit Verschreiung seiner Gegner, auf alltägliche Weise verteidigt.“ 

Lessing begründet das im Weiteren noch, aber wir bleiben erstmals bei diesem wie gemeißelten Satz; es kommt auf jedes Wort an. Lessing skizziert also einen Mann, der von einer Unwahrheit persönlich überzeugt ist und sie deshalb für eine Wahrheit hält (es darf auch gern eine Frau sein; wenn Sie den Test im Ernst machen wollen, stellen Sie sich einfach einen Afd-Wähler vor…), die als Wahrheit auch verdient, dass man sie verteidigt und verbreitet. Unser Mann hat dabei, da er ja ehrlich von ihrer Geltung überzeugt ist, keine bösen Motive; er versucht vielmehr, mit all seinen Kräften ihr ebenso „scharfsinnig“ (er ist kein Dummer, Dumpfer) wie „bescheiden“ (also auch kein Superman der Erkenntnis) zur Geltung zu verhelfen. 

Ihm gegenüber stellt Lessing einen zweiten Mann (es darf auch gern eine Frau sein), der zwar die Wahrheit sagt, sogar die „beste, edelste“. Er sagt sie aber nur aus Vorurteil, also ohne sich persönlich durch Selbstdenken von ihrer Wahrheit überzeugt zu haben, bedient sich also einer gängigen, allgemein akzeptierten und im mainstream unproblematischen Formel. Zudem benutzt er als wesentliches Argument die Denunzierung der Gegner (meist als Dumme, Dumpfe); er selbst bringt es aber nicht über ein „alltägliches“, triviales, abgelutschtes Argument hinaus (woher auch, er hat ja nicht darüber nachgedacht). Und Lessing nun sagt, und das muss man sich wirklich in aller Konsequenz vorstellen: Ersterer ist ihm lieber. Lieber eine persönlich erzeugte, eigenständig und bescheiden vorgetragene Unwahrheit als eine allgemein akzeptierte Globalwahrheit auf der Basis der Denunziation der Gegner und ohne jegliche Originalität im Ausdruck. 

Lessing hat aber auch eine Begründung parat, eine komplizierte und eine einfache (das ist durchaus ein wenig wie bei Wieland, sie können den Text sozusagen wörtlich und symbolisch lesen). Ich bleibe aus Zeitgründen und auch, weil sie mir einleuchtet, bei der einfachen Begründung (den Rest können Sie selbst nachlesen, es steht überall im großen weiten Internet unter dem Titel „Über die Wahrheit“). Lessing sagt nämlich, dass der Wert eines Menschen (der moralische, können wir ergänzen, oder auch: seine Aufgeklärtheit) nicht im Besitz von Wahrheiten bestehe. Er bestehe vielmehr in der Mühe, die sich jemand gegeben habe, um die Wahrheit zu finden. Unversehens sind wir also wieder bei Kant angekommen und auch ein wenig bei Wieland: Auf Selbstdenken kommt es an, nicht aufs Finden und Haben von vermeintlich endgültigen Wahrheiten! Denn, so Lessing ganz konkret und unmetaphysisch: Niemand wachse dadurch, dass er einen Besitz angenommen habe; Besitz mache, so wörtlich „ruhig, träge, stolz“ (und stimmt das nicht, wird das nicht von der einfachsten Erfahrung bestätigt? Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen, hat Goethe gesagt, und in meiner Jugend habe ich das nicht verstanden. Man muss den Satz eben erst erwerben). Bemühung aber, persönliche Anstrengung, die man auf sich nehme, um eine kleine Wahrheit zu finden und dann vielleicht noch eine (es müssen durchaus nicht immer die größten Wahrheiten sein), daran wachse man, daran schule man seine Kräfte, dadurch werde man, so Lessing im aufklärerischen Sprachgebrauch: „vollkommener“. It’s a process, würde man heute sagen. 

Deshalb aber, in diesen Satz mündet Lessings kleiner Text, deshalb gibt es eine Art Lackmus-Test für die eigene Aufgeklärtheit oder vielleicht besser: Aufklärbarkeit. Er geht so:    

„Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein“. 

Einiges mag sich in uns gegen diese Szenario sträuben, zum Beispiel gegen die ja durchaus konventionelle Auffassung eines allmächtigen und allweisen Gottes, der im alleinigen Besitz der ganzen Wahrheit ist; ist das nicht eben die von Wikipedia beispielsweise festgemachte „Autoritätsgläubigkeit“, gegen die sich der wahrhaft Aufgeklärte wenden soll? Aber vielleicht könnte es einen zum Nachdenken bringen, dass Kant, Wieland und Lessing, die ich durchaus für die wichtigsten Kronzeugen der historischen Aufklärung in Deutschland halte, gläubige Menschen waren. Sie waren darin nicht nur Kinder ihrer Zeit, oh nein; sie hatten auch darüber gründlich nachgedacht, weil sie aufgeklärt genug waren, um über alles gründlich nachzudenken. Und dann hatten sie sich für den persönlichen Glauben entschieden, ob an einen christlichen Gott, ist dabei eher nachgeordnet. Es war ein Ausdruck ihrer Bescheidenheit als Erkennende, ihrer Anerkennung ihrer Schwäche als Mensch. Sie glaubten an die Vervollkommnungsfähigkeit, an die Perfektibilität des Menschen, das war ihr aufklärerisches Credo (was man übrigens auch mit Grund bestreiten kann, es gibt jede Menge gute Argumente dagegen, dass die Menschheit sich jemals vollständig perfektionieren wird!). Aber sie glaubten nicht daran, dass Menschen, einzelne Menschen oder das Gattungssubjekt Menschheit, jemals vollkommen sein würden. Vollkommenheit jedoch – nun, wenn es sie geben muss, dann nennen wir sie eben Gott. Eine regulative Idee, hätte Kant gesagt. Ein schöner Gedanke, hätte Wieland gesagt, schöner jedenfalls als sein Gegenteil. Ein Aufruf zur Demut, hat Lessing gesagt, und wer meint, das nicht nötig zu haben, hat schon demonstriert, wie dringend er es braucht. 

7. Lessing, zum Zweiten: Aufklärung ist nicht besser denken, sondern besser handeln 

Wer es lieber ein wenig anschaulicher mag, nicht mit so großen Worten, für den hat Lessing die Ringparabel in seinem dramatischen Gedicht Nathan der Weise geschrieben. Sie wird vielgelesen, noch heute, gern in den Schulen, und gedeutet und hochgelobt als energischer Aufruf zur religiösen Toleranz, und das ist sie zweifellos – auch. Sie ist aber mehr, und das wird seltener gesehen. 

Ich rekonstruiere ganz kurz zur Erinnerung die Handlung. Das dramatische Gedicht Nathan der Weise spielt zur Zeit der religiösen Kreuzzüge im Mittelalter, also einer Zeit großer religiöser Konflikte. In seinem Zentrum steht die Ringparabel: Der weise Jude Nathan wird zum Sultan Saladin gerufen, und um ihn auf die Probe zu stellen, stellt Saladin die Frage, welche der monotheistischen Religionen er aufgrund seiner Weisheit und persönlichen Prüfung für die beste halte, die jüdische, die christliche oder die muslimische? Nathan ist klug genug, die Falle zu wittern, und rettet sich deshalb in eine Geschichte, die sog. Ringparabel (eine Erzählung, die er sich nicht ausgedacht hat, sie geisterte schon lange vorher durch die Literatur). In der Parabel geht es um einen Mann vor Urzeiten im Osten, der einen Ring von unschätzbarem Wert „von lieber Hand“ besaß, der die Fähigkeit besaß, seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm zu machen“ (jeder darf auch gern an Tolkiens Herrn der Ringe denken, die Moral dort ist durchaus ähnlich: der eine Ring ist immer verderblich und korrumpiert denjenigen, der ihn trägt). Der Vater vererbte diesen Ring jeweils an den Sohn, der ihm der liebste war – bis der Ring auf einen Vater kam, der drei Söhne hatte, alle gleich lieb, alle gleich wert, und der Vater kommt auf die – seien wir ehrlich, weder besonders kluge noch besonders moralische Idee, drei Fälschungen anfertigen zu lassen und jedem der Söhne in dem Glauben zu lassen, er habe den einen Ring bekommen. Der Betrug fliegt natürlich auf nach dem Tod des Vaters, und die Söhne gehen vor Gericht (das Szenario mutet hier geradezu modern an!). 

Der Richter lässt die Ringe untersuchen, man stellt aber aufgrund von Sachverständigengutachten fest, dass die Echtheit bei keinem feststellbar ist; worauf der weise Richter den Schluss zieht, dass das Original wahrscheinlich schon lange verloren gegangen war. Zudem, und hier erst erweist er sich als wahrhaft weiser Richter, führt er an, dass man den echten Ring an seinen Wirkungen ja zweifellos erkennen müsste; sein Besitzer müsste ja am meisten geliebt werden, und so müssten schon zwei von den drei Brüdern einen am meisten lieben! Tun sie aber nicht, und der Richter zieht den einzig möglichen Schluss: „Die Ringe wirken nur zurück? Und nicht / nach außen? Jeder liebt sich selber nur / am meisten? – O so seid ihr alle drei Betrogene Betrüger!“ Und die Empfehlung, die er den drei Söhnen mitgibt, lautet: Dann werdet ihr wohl jeder so handeln müssen, als hättet ihr den einen Ring! „Es eifre jeder seiner freien / unbestochnen Liebe nach“, ist die Maxime. Denn, seien wir ehrlich, was für eine moralische Leistung wäre es, aufgrund des ererbten Besitzes eines magischen Ringes aufgeklärt und menschenfreundlich zu sein? Schon das Geschenk selbst ist vergiftet, Produkt einer früheren Entwicklungsstufe der Menschheit und ihrer früheren Götter, die Günstlinge hatten, magische Geschenke willkürlich verteilten und durch Wunder wirkten. 

8. Was ist Aufklärung? Aufklärung ist, wenn man trotzdem denkt   

Was also ist Aufklärung? Aufklärung ist, für Wirkungen des eigenen Handelns selbst verantwortlich zu sein – im Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit und der Möglichkeit des Irrtums selbst bei allerbesten Bemühungen; das könnten wir mit Lessings Ringparabel sagen. Und sie zeigt sich nicht nur im Selbstdenken, sondern vor allem im Handeln. Denn was Aufklärung ist, allgemein und als Definition von Goldwert – ich kann es Ihnen nicht sagen. Kant kann es Ihnen nicht sagen. Wieland kann es nicht, noch nicht einmal Lessing kann es. Das einzige, was man mit einem gewissen Allgemeinheitsanspruch sagen kann ist: Aufklären beginnt mit Selbstdenken. Mut haben. Liebgewordene Überzeugungen überprüfen, immer wieder, das Vorurteil wohnt oft da, wo man es gerade nicht vermutet. Jedem das Recht zum Irrtum zugestehen, sich selbst und anderen. Keine Wunder erwarten, keine Erleuchtungen, keine Patentrezepte. Und am wichtigsten: Endlich anfangen mit Denken und niemals damit aufhören. Aufklärung hat kein Ende, weder ein gutes noch ein schlechtes. 

     Home



Walter Benjamins ‚Kritik der Gewalt‘, oder:
Wie Wesentliches über Gewalt nicht gesagt wird

Natürlich war die Gewalt allgegenwärtig damals. Die erste Weltkrieg war gerade zu Ende gegangen, die politische Situation höchst instabil; es war noch nicht eigentlich Frieden (an sich schon ein instabiler Zustand), sondern eher ein Machtvakuum, das von Männern gefüllt würde – Männern mit Gewehren vor allem, den Freicorps, man sollte meinen, sie hätten genug davon gehabt, aber eine Tagebuch aus dem Ruhrkampf verzeichnet: Pardon werde nicht gegeben. Mit den Franzosen, im Krieg, sei man nicht so brutal gewesen, wie jetzt mit dem Klassenfeind.  Man erschieße sogar Verwundete, gerade gestern noch habe man zwölf Krankenschwestern erschossen; sie seien bewaffnet gewesen, man stelle sich das vor, und hätten um ihr Leben gefleht. Umsonst, und der Unterton des Eintrags ist deutlich: Froh sollen sie sein, dass wir sie nicht auch noch vergewaltigt haben (oder wie immer Männer das formulieren, wenn sie prahlen mit dem Unsagbaren; denn lebt nicht in ver-gewalt-igen die schiere, rohe Gewalt allzu offensichtlich). Auf den Straßen wurde gekämpft, aber ebenso, immer noch, in den Köpfen. Und so ist es nicht erstaunlich, dass sich ein junger Autor mit überschüssiger Energie und einem gewissen Geltungsbedürfnis (kann man Testosteron in Sprache verwandeln? Oh ja, man kann!) hinsetzt und über Gewalt schreibt. Vielleicht kann man sich sogar vorstellen, dass er den Essay, den er in drei Wochen zu Papier bringt, ‚Kritik der Gewalt‘ nennt; zwar sei er keineswegs vollendet, so der Autor in einem Brief, aber er meine doch, „Wesentliches zur Gewalt“ gesagt zu haben. Man sieht Kant den Kopf schütteln, diese jungen Leute, drei Wochen, Wesentliches gesagt! Wie viele Jahre ist er an seinem kritischen Projekt gesessen, wie fundamental ist er es angegangen, wie sorgfältig hat er daran gebaut, wie hat er versucht zu retten, was an der Vernunft zu retten war! Aber so sind sie, die jungen Leute, da kommen sie daher und reden von Kritik und meinen den Kategorischen Imperativ mit einem Nebensatz erledigen zu können, die uralte goldene Regel, die man doch nur kritisch verfeinert, geschärft hatte, und die bei nur mäßig begabter Anwendung noch jeden Krieg dieser Welt verhindert hätte und ziemlich viel der sinnlosen Gewalt! Das aber ist, immerhin, Benjamins Ausgangspunkt und vielleicht sogar eine sinnvolle Frage: Gibt es ihn überhaupt, diesen Unterschied zwischen sinnloser und sinnvoller, weil im Interesse des guten Endzweckes gerechtfertigter Gewalt? Oder ist das nicht nur ein billiger Trick der Geschichte unter dem Diktat der herrschenden Klasen, Gewalt als Mittel zu rechtfertigen, solange der Zweck, der achso heilige Zweck, es denn: ent-schuldigt?

Zur Beantwortung dieser Frage macht unser Autor einen kurzen Streifzug durch – nein, nicht durch die Realgeschichte, die sich gerade auf den europäischen Schlachtfeldern ausgetobt hatte, wo kämen wir da denn hin! Ja, wo wohl: vielleicht in die Realität, das bloße Leben von Individuen in Schützengräben beim Giftgasangriff; oder zu zwölf Krankenschwestern, um ihr Leben flehend vor den Herren der Freicorps? Nein, wir streifen vielmehr, ziemlich verwegen und mit der einen oder anderen begrifflichen Mine ungeschärft im Gepäck, durch die Rechtsgeschichte: Gewalt sei nämlich, und das behaupten wir einfach mal im Modus des kategorischen Apriori, jederzeit untrennbar mit dem Recht verknüpft; und sie sei dabei entweder „rechtsetzend“ oder „rechtserhaltend“ (immer noch stehen die zwölf Krankenschwestern und flehen um ihr Leben, war das nun rechtssetzende oder rechtserhaltende Gewalt?) Aber Benjamin spricht ja nicht von Krieg oder der allgegenwärtigen sexualisierten Gewalt, oh nein, er spricht von der Gewalt als einer Art Monster des Gesetzes, einer selbst erzeugten Kreatur, die das Recht nun nicht mehr abschütteln kann. Nun gut, etwas mag an diesem Gedanken dran sein, auch wenn man er seltsam abgehoben daherkommt und eine Drohkulisse aufbaut, wo man bisher naiv einen friedlichen Konsens vermutet hätte, sind denn die Gesetze nicht eine Vereinbarung zum Schutze aller, die vor ihnen bekanntlich, theoretisch zumindest, gleich sind? Und der junge Mann versucht ja auch historisch zu argumentieren; vom Naturrecht ist kurz die Rede, einer Rechtstradition, die man auch einmal naiv geneigt war für revolutionär und emanzipatorisch zu halten; man erwartet jederzeit das Wort vom bellum iustum, dem historischen Musterbeispiel einer Rechtfertigung von Gewalt durch einen guten Zweck, aber man wartet vergeblich, es fällt nicht. Spinoza wird stattdessen ein wenig an den Schläfenlocken herbeizitiert, im Hintergrund taucht vage drohend ein gewaltiger Gott auf, was einen schon misstrauisch stimmen könnten, was hat denn das nun mit Naturrecht zu tun? Aber nie, niemals, das fällt einem an dieser Stelle auf einmal geradezu schlagartig auf, taucht der Mensch auf, der konkrete Mensch, der den Menschen bekanntlich ein Wolf ist, der Aggressionen und Triebe hat und gelegentlich auch gern Krankenschwestern erschießt, was die Naturrechtler natürlich wussten, so aufgeklärt waren sie schon! Die Faszination durch Gewalt, durch den Großen Verbrecher, scheint immerhin kurz auf, um sofort wieder im Dickicht der Begriffe zu verschwinden. Derweil wird aber der angeblich kritisch fundierte Gewaltbegriff immer schwammiger; Streik ist Gewalt (Gandhi hätte vielleicht, sehr sanft, protestiert), Polizei ist Gewalt (naja, vielleicht, aber man möchte sie deshalb doch nicht unbedingt missen), Vertrag ist Gewalt – Moment, horcht man auf, Vertrag ist Gewalt? Der contrat social, angetreten um die rohen Kräfte des Menschen durch Übereinkunft zu bändigen, ein Gewaltakt? Ja Himmel, was bleibt denn da noch?

Aber Benjamin ist, wenn schon für wenig wahrhaft kritisches oder historisches Denken, immer für eine Überraschung gut. Die Sprache sei es beispielsweise, die reine Sprache, die irgendwie der Ursünde der Vergewaltigung der Gewalt durch das Recht (sei es nun natürlich oder positiv begründet, was macht das schon für einen Unterschied!) entkommen sein muss, wie genau, bleibt schleierhaft: denn wenn dieser Text nicht geradezu ein Paradebeispiel für die Vergewaltigung von historischem Sinn und kritisch geschärfter Bedeutung durch die Sprache ist, eine testosterongeladene Propaganda-Schrift unter dem Mäntelchen der ‚Kritik‘, dann müssen wir uns doch im Paradies und nicht in der gewalt-durchtränkten Nachkriegsgesellschaft der frühen 20er Jahre befinden. Aber diesen – Gedanken? – lässt Benjamin sowieso links liegen, oder auch rechts (unschuldige Wörter natürlich) und kommt beschleunigt-beflügelt endlich dorthin, wo die wahre Gewalt wartet, nein: waltet, kleiner Unterschied im Wort, aber welch gewaltiger Unterschied im Milieu: Von der Welt des Rechts bewegen wir uns nun nämlich, mit dem für metaphysische Unternehmungen dieser Art üblichen Salto mortale (mortale, war das nicht einmal: tödlich?) in die Welt der Mythologie und der Religion. Die Mythologie, nun, zweifellos, ein Gewaltschauplatz archaisch-titanischen Ausmaßes; und immerhin taucht mit Niobe endlich einmal eine Frau auf, die fassungslos zusehen muss, wie ihre Kinder gemeuchelt werden, sieben Söhne, sieben Töchter, nicht einmal eine lässt man ihr; grundlos, dahingestreckt von der Willkür einer Göttin, die sich beleidigt fühlte und den Mob aussandte (ja, es waren Apollo und Artemis. Ja, es war der Mob). Das ist ultimative Gewalt, jenseits jeden denkbaren Rechts, tödlich und blutig im Extrem. No argument here. Oder doch, vielleicht, wenn man darüber nachdenkt -? Die Krankenschwestern sind wieder aufgetaucht, zwölf an der Zahl (Gewalt kommt gern in Zahlensymbolik verkleidet, das wertet irgendwie auf), und man könnte darüber nachdenken, ob diese Götter nicht allzu-menschlich sind: Denn ist Niobe nicht eine Frau, eine Mutter, der ihre Fruchtbarkeit, ihre vermehrtes Fortbestehen geneidet wird? Natürlich strecken die antiken Götter auch Männer nieder ohne jeden Grund, mythologische Gewalt ist nicht wählerisch, sondern ein Naturphänomen – aber ist es nicht, in diesem speziellen Fall, eine Form von sexualisierter Gewalt, die zudem in äußerster Perfidie nicht die Mutter selbst tötet, sondern sie den Tod ihrer Kinder mit ansehen ließ, erst sieben und dann noch einmal sieben? Verschwiegen soll nicht werden, dass auch der Vater das nicht überlebte, er richtete sein Schwert gegen sich selbst. Niobe aber erstarrte, sie erstarrte zu Stein; und als sie der Wind auf den Berg Sipylos versetzte, hörte der Stein nicht auf Tränen zu vergießen.

Niobes unermessliches Leid ist ein menschliches Leid; aber war nicht auch die Tat der Titanin Leto, die sich als Mutter gedemütigt fühlte und als Göttin nicht hinreichend verehrt mehr, eine ziemlich menschliche Tat? Zeugt sie nicht gerade von der Komplexität menschlicher Motive, ihrer Vielgründigkeit? Mythologische Gewalt, verniedlicht man sie nicht zu einer Geschichte, einem Gedankenspiel, wenn man sie zur reinen, grundlosen Willkür erklärt? Gewalt braucht, das könnte man stattdessen auch sehen, Gewalt braucht immer Gründe, und meist eben nicht nur einen. Es reicht, wenn sie nachträglich sind. Noch der psychopathische Serienmörder (ein anderes Musterexempel von Gewalt, das innerhalb des eingehegten ‚kritischen‘ Gewaltbegriffs keinen Platz finden kann) konstruiert sich seine Gründe und seine Regeln. Es sind seine eigenen, und sie folgen einer sehr seltsamen, aber nachvollziehbaren Logik. Willkür? Ach, wenn es sie doch gäbe. Willkür ist nur noch nicht hinreichend erkannte (Multi-)Kausalität, mit einer Neigung zur chaotischen Selbstverstärkung.

Aber deshalb ist ja auch für Benjamin mythologische Gewalt nicht reine Gewalt. Reine Gewalt nämlich, und hier nähern wir uns endlich dem versteckten gedanklichen Gravitationszentrum dieses so merkwürdig zwischen Metaphysik und Ideologiekritik schwankenden Denkens, ist natürlich Gott vorbehalten. Nur Gott waltet rein, jenseits der Gewalt in ihren menschlich-mythologisch-gesellschaftlichen Abformen, er ist schaffende Gewalt und zerstörende Gewalt zugleich, Gewaltessenz, genauso tödlich wie die antiken Götter, aber: unblutig. Unblutig? Krankenschwestern bluten, wenn man sie erschießt. Niobes Kinder haben geblutet und bluten weiter, im Stein und allen sinnlosen Kriegen dieser Welt. Gott? Er möge sich verantworten oder nicht, es ist von eher schwachem Interesse, außer: für Metaphysiker, die sich als Kritiker verkaufen wollen. Es gibt keine reine Gewalt, so wenig wie es reine Vernunft gibt. Wenn er doch nur wenigstens Kant gründlich gelesen hätte…

       Home