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Gedichte, Reden und Erinnerungsmusik

 


Andreas Waltz
Andreas Waltz akustisch.wav (13.59MB)
Andreas Waltz
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Requiem für eine Wanderin

I.

Jetzt liegst du schon so lange unterm Schnee,
Gestecke sind Gespenster. Der Esel nickt noch immer von dem Kreuz,
ganz unverfroren. Es war nicht leicht, den Platz zu finden.
Ruhig sollte er sein. Ein wenig eingewachsen. Den Blick
gerichtet auf die oft erlaufnen Wege: horizontal.
Besucht von Vögeln, Schmetterlingen:
wie dem, der sich auf deiner Wange niederließ,
im letzten Sommer in den Bergen. Und du hast gelächelt,
ein Lächeln, das schon fast im Jenseits war, so wie
die Kranken alle mehr nach innen schaun aus tiefen Augengruben.
Sehn sie den Tod schon, wie er langsam näherkommt? 

II.

Doch solche Plätze gibt es kaum noch. Gestorben und begraben wird
zentral. Nur noch ein kleiner Raum für jeden, Postfächer
im Reihenhaus des Todes. Empfänger unbekannt verzogen.
Blumen sind hier abzulegen, gerne auch aus Plastik
(Kunststoff ist für die Ewigkeit: unverrottbar).
Von Steinen eingegrenzt, geraden kleinen Mauern,
mit Glück nur findet noch ein Vogel Raum in großen Bäumen.
So kamst du in dein Grab, am Hang, in einem Sarg,
aus Bio-Holz, mit Schaffell ausgepolstert, so wie du
zum Wandern aufgebrochen wärest: leicht bekleidet,
doch sorgsam ausgerüstet. Den Rucksack aber hast du dagelassen,
die Bergstücke, die Sonnencreme, den Blick hinauf
zu Gipfeln, die man stürmen könnte – oder auch nicht.
Die Erde häuft sich über dir nun: nur ein kleiner Hügel,
doch schwerer zu besteigen für uns alle. 

III. 

Warum bist du uns vorgegangen? Im Leben warst du doch
gar nicht so forsch. Gingst deine Schritte langsam,
begnügtest dich, um desto sichrer anzukommen. Was zählte,
waren nicht die Meter, sondern – was?
Die Ruhe, scheue Tiere, stille Wiesen, weite Blicke,
das wohlverdiente Essen in der Hütte? Die Berge selbst,
wie sahst du sie? Waren es fremde Riesen, vielgestaltig,
geronnene Zeit? Ein steiler Weg zum Himmel?
Wann wurdest zur Wanderin? Wem folgtest du?

IV. 

Was sind die Berge? Sie sind ein Aufbruch.
Man nimmt viel mit, doch nur das, was man braucht
und tragen kann. Besonnen ausgesucht, ein wenig schön vielleicht
(doch nicht so sehr. Nie sah man dich geschmückt mit Überfluss).
Zu Haufen aufgeschichtet, gut verpackt, ein letztes Mal erwogen.
Die Anfahrt dann: am liebsten langsam durch die Landschaft,
erwartend, wie das Bild sich ändert, wie Hügel ansteigen,
die Wiesen Matten werden, bunt gescheckt von Kühen und von Hütten.
Und irgendwann der erste Blick auf schneebedeckte Spitzen: Ah!
Sehr für sich selbst stehen sie da. Nicht leicht zugänglich. Mit Namen,
die man bald wieder vergisst. Sie aber bleiben.
Der Aufstieg schließlich: die ersten Meter schmerzhaft, das Büro
noch in den Knochen, doch bald abgeworfen:
Denn dies ist eine andre Welt. Naturspektakel.
Mit Wolken, die sich aufziehn, Sonnenflecken, tanzend
über Felsenhänge, Nebelschwaden, dichter noch als jeder Vorhang. 

V. 

Die Hauptdarsteller aber bleiben stumm. Man spricht nicht viel hier.
Ein karger Gruß an andre Wanderer, ein kleiner Ausruf: Schau nur!
Das Murmeltier steht still für einen Augenblick,
die Gemse scheint erstarrt kurz vor dem Absprung. Vögel kreisen,
man hört ihr Rufen weit. Aufsteigen, weiter, Schritt vor kleinen Schritt.
Die Wiesen ziehen sich zurück. Einzelne Blumen zwinkern noch.
Die Bäume werden kleiner: Krüppelfichten – was für ein dummes Wort!
Angeschmiegt sind sie, sturmgebückt, eingepasst, zufrieden
mit ihrem Fetzen Erde auf dem kahlen Fels.
Noch springt ein Bächlein dir entgegen, doch du willst hinauf.
Mit jedem schweren Schritt wird etwas leichter.
Wächst etwas zu. Gerüche ziehn vorbei, wie neugeboren.
Und dort, seht nur: Dort leuchtet schon die Hütte!
Essen, deftig. Lasst nur den Wein im Tal, dort, wo er wächst.
 

VI. 

Doch das sind meine Worte, meine Berge. Die der
Zurückgebliebenen, die immer zu viel sprach. Du aber
sahst zufrieden aus, ein wenig abgekämpft, ein wenig stolz, durchaus:
Denn manchmal wolltest du zu viel.
Wir alle wussten das, du selbst am besten.
Preise waren zu bezahlen.
Aber das hattest du verstanden: Manchmal muss man übertreiben,
um nicht zurückzubleiben. Kein Überschwang,
ein Urteil. Untertreibung ist das halbe Leben.
Die Berge aber – Übertreibung, von Natur aus, auf die Spitze,
mit grünen Flecken Demut eingestreut.
 

VII. 

Als du dann gingst, die letzten Kreise, sehr langsam
um den stillen See, ein kleiner Schritt voran und noch einer,
ein kurzes Stück dem Tal entgegen,
schautest du nicht nach oben. Du wusstest ja,
dass alles da ist. Dass die Forellen springen, Luft erhaschend,
die Schmetterlinge taumeln, bis sie nur kurz sich niederlassen,
dass die Wolken ziehen, von Bergen in das Tal und umgekehrt,
die letzten Sonnenstrahlen Spitzen röten, bevor sie vergehen.
Und besser wäre es gewesen, hier zu bleiben, an einer Stelle,
von der man weiß: Hier ist es recht.
Aber weil wir mussten, gingst du mit uns zurück.
Und dann voran. 

VIII. 

Jetzt liegst du unterm Schnee, schon eine ganze Weile.
Wir stehn am Grab und zappeln, wie es Lebendige tun.
Haschen Gedankenspiele. Bauen imaginäre Berge aus gezähmten Friedhofsstein,
wollen Krüppelfichten setzen. Blumenblicke pflanzen.
Der Esel nickt dazu (auch er wird eines Tages fallen).
Erinnerung: Als ob das einfach wäre! Wie wenig man sich kannte,
weiß man erst hinterher. Festhalten will man, Szenen bauen,
Theater spielen, mit abwesenden Figuren und dramaturgisch unberaten.
Erinnerung: Wär‘ das nicht besser – weitermachen?
Genau dort, wo du gestanden bist? Mit dem stillen Ernst, den Engelsaugen,
der fast schon hingeschwundenen Gestalt aus lauter Ehrlichkeit und Eigensinn?
Wenn Tote in uns leben sollen: dann als ihr eignes Bild,
das weiter durch uns wirkt und arbeitet.
Auch wenn wir nicht verstanden haben.

 

 

Unterwegs

Auf dem Weg zum Haeckel-Stein,
ich trage zum ersten Mal Mütze und Schal,
die Bank ist feucht vom Morgentau
und lädt nicht ein zum Verweilen. 

Einen Sommer hat die Gewaltige uns gegeben
zum Abschied nehmen,
und davor einen Frühling, einen Winter
und einen Herbst. 

Ich bin dankbar für dieses Jahr
und verweile in Gedanken bei ihr,
die ich gestern begraben habe. 

Noch stehe ich und warte,
dass die Sonne aufsteigt
hinter den Kernbergen.

Doch als die ersten Sonnenstrahlen
über den Bergrücken blinzeln
zwinge ich mich,
meinen Weg fortzusetzen. 

Ich drehe mich um, gehe los
und der Klang der Glocken
von unten im Tal,
begleitet mich auf meinem Weg. 

Lohnend war's und gut,
Das Leben mit ihr.

 

Am Grab

Bucheckernschalen fallen
wie dicke Regentropfen
durch das Blätterdach,
eine Taube gurrt ihr Lied
in den sonnigen Herbstmorgen
Vögel zwitschern
in den Bäumen
und ab und an
ein Wasserstrahl
der sich in eine Gießkanne ergießt
und anschließend knirschende Schritte
auf dem Kiesweg
und verhaltene Worte
der Besucher.

Sonst nur:
Ruhe und Frieden.
Sie ruht in Frieden.


Die kleine Schwester

(Jutta Heinz) 

Sie war meine kleine Schwester. Jeder, der jemals eine kleine Schwester hatte, weiß, was das bedeutet, alle anderen müssen es sich eben vorstellen. Es bedeutet: Man ist nicht nur verwandt, man ist auch füreinander verantwortlich. Man ist die Größere (nicht die Große; das war unsere Schwester Cornelia, die aber zwölf Jahre älter war als Andrea und insofern schon etwas entrückt). Man ist die Vernünftige, vielleicht: das Vorbild, vielleicht: das Schreckbild. Lebenslang ist man das. Das hört nicht einfach auf. Natürlich hat man sich gekratzt und bis aufs Blut gezankt, als man klein war; aber das geht vorbei und hinterlässt nicht einmal Narben. Aber das, was bleibt, ist: Verbundenheit. Verantwortung. Und jetzt: Verlorenheit. 

Aber dies soll keine sentimentale Rede sein, Andrea war nie sentimental. Was nicht heißt, dass sie gefühllos war. Jeder und jede hier, die Andrea einmal gesehen hat, mit Tieren zum Beispiel (es müssen gar keine Esel oder Hunde sein) oder mit wildfremden Menschen (es müssen gar keine Akademiker sein), hat gesehen, dass sie von Natur aus mit empfand. Sympathetisch, hätte es das 18. Jahrhundert genannt, in dem sie in ihrem wissenschaftlichen Leben zuhause war: Mitschwingend mit allem Lebendigen, gar nicht mystisch oder esoterisch, sondern eben: von Natur aus. Empathisch, würden wir heute vielleicht eher sagen: mehr Einführungsgefühl als tränendrüsiges Mitgefühl, mehr Offenheit für alle möglichen Andersheiten, mehr Großzügigkeit einfach. Sie hatte auch keinerlei Talent zum Selbstmitleid. Natürlich hat sie viel und entsetzlich gelitten in ihrem schlimmen letzten Jahr, natürlich hatte sie kleine Stöhner und Seufzer in der Nacht, aber sie waren: verhalten. Wir saßen daneben und rissen uns zusammen. Wenn die kleine Schwester tapfer ist, muss es die größere ganz sicher sein. 

Deshalb werden wir uns auch jetzt zusammenreißen und nicht über Gefühle reden, sondern über ein Leben, das zu früh zu Ende ging, aber doch ein ganzes und gefülltes bleibt – und natürlich, Höhen und Tiefen hatte, sparen wir uns die Platitüden und erzählen lieber Geschichten. Schon als Baby, auf den allerersten Schwarz-Weiß-Fotos, schaut Andrea ernst in die Welt. Während die größere Schwester rundlich mit ihren Pausbäckchen in die Kamera strahlt, schaut die schmale kleine Schwester ernst. Sie hat es nicht leicht, noch als Kleinkind muss sie wegen eines Herzfehlers Monate in einer Kinderklinik verbringen. Dann bekommt sie eine Brille, wegen eines leicht korrigierbaren Schielfehlers, was die Ernsthaftigkeit auf den Fotos noch steigert. Kolportiert wurde lange in der Familiengeschichte, dass sie die erste Brille in einem Wutanfall in den Garten geschleudert habe. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es stimmt. Andrea hat bis in ihre letzten Jahre keine Brille getragen, sie hat einfach gut gesehen, von Natur aus, und man kann daraus gern eine Symbolik ablesen: Sie brauchte keine Hilfsmittel. Sie mochte das Einfache, Ehrliche, Ernsthafte. Sie war aber dabei kein Langweiler, sie war auch nicht tiefsinnig, und sie predigte nicht. Bezeichnender für sie ist vielleicht eine weitere Anekdote. Sie spielt schon in der Gymnasialzeit. Eines Tages nämlich erzählte eine Bekannte meiner Mutter ganz entsetzt, jetzt habe sie doch so ein junges Mädchen im Schlabberrock und barfuß in der Oper gesehen! Nun, da war wohl keine Verwechslung möglich. So was gab es in Kassel nur einmal, und das war meine kleine Schwester, die damals mit Begeisterung Indianerbücher las (die echten, keine weichgezeichneten Karl-May-Bücher). 

Aber damit haben wir schon die ganze Schulzeit übersprungen (keine besonderen Vorkommnisse, das Kind war hochbegabt und schweigsam und, wahrscheinlich, ernst). Sie entwickelte ungeahnte Vorlieben: nicht nur für die Indianer, sondern auch für das Theater (Oper, vor allem, reime sich das, wer will, auf die Indianer) und für England (Shakespeare, vor allem). England war auch ihr liebstes Reiseland, als sie jung war: billig, freundliche Menschen, Shortbread und Tee, Bilderbuchdörfer und Shakespeare-Theater. Gelegentlich fuhren wir damals gemeinsam in Urlaub, kurze Trips, freundlich finanziert durch Freifahrten der Deutschen Bahn, bei der unser Vater arbeitete. Bis Italien kam man locker umsonst, und für die besorgte Mutter waren wir halt immer in Österreich (einmal fragte sie uns nach unserem angeblichen Innsbruck-Trip, wie denn das goldene Dachl gewesen sei, wir wussten noch nicht mal, was das eigentlich sein sollte, eigentlich waren in Venedig gewesen). Aber dann kam das Studium, die Wege trennten sich ein wenig, um sich bald wieder zu vereinigen: Nach einigem Hin und Her war es doch die Theaterwissenschaft geworden für Andrea, und wir trafen uns wieder in Erlangen, einem freundlichen Studentenstädtchen im fernen Franken. Das Studium war ein wenig holprig, aber eigentlich war es für Andrea vor allem die Zeit mit Tanja. Aus heiterem Himmel nämlich tauchte sie plötzlich mit einem Hund auf. Nicht irgendeinem Hund, oh nein: einem schwarzen Riesenschnauzer von Rasse (er hatte sogar einen Adelstitel!), mittelgroß also, sehr jung und sehr, sehr verspielt. Es war nicht direkt eine vernünftige Entscheidung. Aber Andrea hatte nicht gefragt, sie hatte einen Riesenschnauzer gekauft und ihn Tanja genannt. Sie ging mit ihm in die Hundeschule, und Tanja wurde bald ein immerhin halbwegs erzogener Hund. Wir marschierten mit ihm am Europakanal auf und ab, wir fuhren mit ihm im Auto (Tanja liebte es, den Kopf hinauszuhängen und zu hecheln). Als es ans Sterben ging, trug Andrea sie auf ihren Armen zum Tierarzt und war bei ihr. Auch da hat sie nicht gefragt und nicht geklagt. 

Währenddessen begann die kleine Schwester auch ihre wissenschaftliche Karriere. Ihre Doktorarbeit war, ohne Übertreibung, eine Pionierarbeit. Sie hat all ihr theatergeschichtliches Wissen zusammengepackt, und dann hat sie es mit ihrem mathematischen Kopf verheiratet und herauskam: „Quantitative Spielplanforschung. Neue Möglichkeiten der Theatergeschichtsschreibung am Beispiel des Hoftheaters zu Coburg und Gotha“. Man kann sich fesselndere Titel vorstellen, aber darum ging es Andrea nicht. Sie wollte untersuchen und zeigen, wie Theater in der Wirklichkeit – an einem sehr konkreten Beispiel, in einem genau begrenzten Zeitraum – eigentlich funktioniert hat; was gespielt wurde, wie und wo und wie lange gespielt wurde und wie unendlich wenig das alles mit abgehobenen (literaturwissenschaftlichen) Vorstellungen von Höhenkammdramatik zu tun hat. Dazu entwickelte sie eine eigene Methodik, dazu lernte sie statistische Verfahren und Darstellungsweisen, und damit war sie im ihrer Zeit voraus: Es war eine Studie in Digital Humanities vor der Erfindung des Begriffs. Die Arbeit erhielt ein verdientes summa cum laude und ist heute noch in allen guten Bibliotheken erhältlich. Der Theatergeschichte sollte Andrea weiterhin verbunden bleiben; bis zu Beginn ihrer Krankheit hat sie sich im Vorstand der Gesellschaft für Theatergeschichte in Berlin engagiert. 

Dass es sie dann doch über Umwege in die Literaturwissenschaft verschlug, war ein wenig zufällig, wie so vieles im Leben, und Andrea war niemals jemand, der verbissen einen Plan hatte und ihn geradlinig verfolgte (außer, es ging auf die Berge, aber das ist ein anderes Thema für eine andere Rede). So fanden sich die kleine und die große Schwester wieder in Jena, der Partnerstadt von Erlangen. Jena. Vielleicht war es nicht gerade Liebe auf den ersten Blick zwischen Andrea und Jena, aber die kleine Schwester hatte schon immer eine Begabung für zweite, tiefere Blicke und unscheinbare Schönheiten. Und vielleicht war auch Christoph Martin Wieland, der bald zum zentralen Gegenstand ihrer Forschungen wurde, nicht direkt ein Herzensautor von der ersten Zeile an. Aber hatte er nicht auch Romane geschrieben über ungewöhnliche, attraktive, selbstbewusste junge Frauen? Hatte er nicht auch das Theater geliebt und so etwas wie die erste deutsche Oper in die Welt gesetzt? Hatte er nicht auch Shakespeare übersetzt, und lebte sein Diogenes nicht vergnügter und weiser barfüßig in seiner Tonne als der große Alexander in seinem Palast? Außerdem hatte Wieland eine Zeitschrift herausgegeben, den Teutschen Merkur, die „erste deutsche Kulturzeitschrift“ (diesmal wählte sogar Andrea den etwas reißerischen Titel), die man ein auch ein wenig mit statistischen Werkzeugen untersuchen konnte. Es waren die Glanzzeiten des Jenaer SFB 482 „Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800“; und wenn „Ereignis“ heißt, dass Geschichte erlebbar wird und Kultur lebensprägend, dann war Andrea dabei. Sie war niemals von ganzem Herzen eine Akademikerin, und vielleicht träumte sie dann und wann noch davon, barfuß ins Weimarer Theater zu gehen und Iphigenie auf Tauros zu sehen. Aber sie konnte auch ein Kostüm anziehen und eine wissenschaftliche Tagung so ausrichten, dass sich die Gäste willkommen und ernstgenommen fühlten und man eine gute Zeit hatte. 

Dass sie dann doch die Wissenschaft verließ, verlassen musste – es war ein neuer Weg mehr, und sie hat auch dieses Mal nicht gezögert, ihn einzuschlagen. Er verschlug sie in die Studienberatung, und das war bald keine Notlösung mehr, sondern eher eine späte Berufung. Wer, wenn nicht Andrea, konnte zunehmend verunsicherten Studienanfängern wahrlich mit- und einfühlend begegnen und sich nicht über sie lustig machen (wie die erbarmungslose große Schwester)? Wer konnte ihre Orientierungslosigkeit und Entscheidungsnot sanft in die Hände nehmen und sie ein wenig leiten, anleiten, auch umleiten, wenn es denn sein musste? Zu ihrer offenen Menschlichkeit kam ihre (gelegentlich aufreizende!) Genauigkeit und Gründlichkeit. Mit ihrem mathematisch-exakten Kopf konnte sie sich geradezu versenken in immer verschlungenere, absurdere, verkompliziertere Studien- und Prüfungsordnungen, ohne den Verstand oder den Humor (gänzlich) zu verlieren – und am Ende auftauchen mit einer zumindest halb vernünftigen Lösung (jeder, der sich jemals mit Studien- und Prüfungsordnungen beschäftigt hat, weiß, dass das an ein Wunder grenzt; geringere Geister gehen darin verloren wie Kafka in seinem Schloss). Andrea beriet, sie beriet in wechselnden Standorten, sie pendelte mit dem Gleichmut der lebenslangen Bahnfahrerin. Sie machte dabei über lange Jahre hinweg Station bei ihrer Mutter im Pflegeheim in Kassel, der alten Heimat. Sonntags kam Andrea, es machte irgendwann auch keinen Unterschied mehr, ob einen die eigene Mutter noch sicher erkannte oder zwei oder drei andere alte Damen sie stattdessen für ihre Tochter hielten, Man hielt magere, faltige Hände, verteilte kleine Stückchen Kuchen und sprach in der hellen Kinderstimme, die sich Andrea immer für besondere Gelegenheiten aufbewahrt hat. 

Denn eigentlich, eine kleine graue Strähne am Stirnansatz ausgenommen, wurde Andrea nicht wirklich älter. Sie trug immer noch die gleichen einfachen T-Shirts und Jeans, wenn auch in besserer Qualität und mit Schuhen dazu. Sie blieb gertenschlank und beweglich, sie schaute meist ernst, aber dann auch wieder heiter, und Menschen hielten sie generell für viel jünger, als sie eigentlich war. Aber sie hatte gelernt, das Leben zu genießen, auch wenn es etwas üppiger kam als in verregneten englischen Sommern mit billigem Tee und Shortbread. Sie war auf Madeira gewandert, auf Teneriffa und den Kanaren, sie hatte sogar den Mount Everest gesehen aus der Nähe gesehen. Sie mochte guten Wein, sie aß nicht mehr nur Nudeln, sondern gern ein mehrgängiges Menü, wenn auch mit wenig Fleisch. Beim Wandern gab es jetzt Wellness-Hotels statt Hüttenlager. Aber als das alles nicht mehr ging, ging sie, Schritt für Schritt, wieder zurück, und als dann noch Corona kam, war sie sowieso schon wieder bei sich angekommen. Drei Tage vor ihrem Tod saßen wir, kleine und größere Schwester, noch auf einer Bank am Badersee und schauten auf die Zugspitze; aber, um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht, ob sie sie noch sah. Jetzt versuche ich mir, sie mir vorzustellen, auf einer Alpenwiese vielleicht, umgeben von glücklichen Kühen, sanft mümmelnden Schafen und einem einzelnen Esel dazwischen; ein schwarzer Hütehund springt um sie herum. Auf ihre Wange hat sich ein Schmetterling gesetzt, er sitzt ganz ruhig. Sie schaut ernst. Aber nicht traurig.

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Die Lebensgefährtin

Thomas Bach 

Sie war meine Lebensgefährtin während der letzten 21 Jahre. Mit ihrem viel zu frühen Tod geht für mich eine Epoche zu Ende. Das hört sich vielleicht etwas großspurig an. Aber eine Epoche ist ja nichts anderes als ein Zeitabschnitt, der durch eine Person oder ein Ereignis geprägt wird. In meinem Falle waren die Person und das Ereignis – Andrea. Wir lebten die ersten Jahre in trauter Zweisamkeit in Jena, bevor Andrea ihre Wanderjahre antrat und in verschiedenen Universitätsstädten als Studienberaterin tätig war. Seit März 2019 war sie wieder bei mir in Jena. 

Wir wollen uns heute von Andrea verabschieden, in dem wir Geschichten aus ihrem Leben erzählen und uns ihre Charaktereigenschaften in Erinnerung rufen. Wir wollen uns durch diese, um ein Goethe-Wort zu zitieren, „wiederholten Spiegelungen“ die Lebensgefährtin, die Schwester, die Tante, die Freundin und die Kollegin vergegenwärtigen. Andrea war Zeit ihres Lebens auf ihre ganz eigene Weise dem Leben zugewandt. Hatte die seltene Tugend im Jetzt zu leben. Und sich dabei für ganz verschiedene Dinge zu begeistern: Seien es Indianer, die Oper, das Theater, oder die Berge. 

Um die Geschichte vorn zu beginnen: Genau betrachtet waren wir in Jena anfangs zu dritt. Denn ein Riesenschnauzer lässt sich, selbst wenn er auf den Kosename Tanja hört, in einer Dreizimmerwohnung nicht übersehen oder im Besuchsfall mal kurz wegschließen. Wer zu Andrea wollte, der brauchte starke Nerven. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich das erste Mal über den dunklen Flur der Wohnungstür näherte: Zuerst wurde ich durch die geschlossene Tür verbellt, und dann kam es zum Ganzkörperkontakt mit Tanja, einer sehr lieben, aber auch sehr lebhaften Riesenschnauzerdame, die gerne ihre Vorderpfoten auf meine Schultern gelegt hätte. 

Andrea hatte die Situation natürlich im Griff und Tanja hatte sich schnell beruhigt und beobachtete mich erst beim Essen wieder sehr genau: Es könnte ja bei mir was vom Tisch fallen. Denn Andrea tat ihr diesen Gefallen nie. In ihrer Begeisterung für das Essen waren Andrea und Tanja Schwestern im Geiste. Als ich sie einmal zu mir zum Essen einlud und es Pasta geben sollte, fragte ich: „Die Soße mit Sahne oder mit Crême fraîche?“ Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Warum nicht beides?“ Nun ja, warum eigentlich nicht? Im Kreis meiner Familie sorgte Andrea jedenfalls mit ihrem gesegneten Appetit für Aufsehen. Essen war ihr wirklich wichtig. Weniger das maßlose, sondern mehr das regelmäßige Essen. Eine Mahlzeit auslassen war nicht ihre Sache. Wenn sie über lange Zeit von der Kalorienzufuhr abgeschnitten war, wurde sie unleidlich. Und wenn sie bis zuletzt schlank war, dann gewiss nicht, weil sie Diät hielt. Ihr im Studium erprobtes Lebensmotte lautete: „Nudeln machen glücklich!“ Wobei sich die Anzahl der kulinarischen Glücksmomente mit der Zeit vermehrten: Es durften seit sie in Thüringen war auch Klöße sein und sie stand allen Küchen neugierig offen gegenüber. Es sollte nur nicht zu fleischlastig sein. Denn essen ohne Tierleid war ihr anderes Essensmotto. Sie war gerne Vegetarierin, wenn es vegetarische Alternativen gab. 

Eine ganz andere Art von Glücksmomenten sammelte sie in der Natur und zwar bevorzugt in den Bergen. Für die Verwandtschaft Andreas kam diese neue Leidenschaft etwas plötzlich, quasi über Nacht, wie damals Tanja. Ich würde aber sagen, dass diese Begeisterung zu der Zeit begann, als wir uns kennenlernten. Denn mit mir hatte sie ja doch jemanden gefunden, der gerne mit ihr in die Berge fuhr. Unser allererster Sommerurlaub führte uns ins Passeiertal nach Bad Sand, wo wir uns beim Revierförster einquartierten. Der empfahl die Kolbenspitze (2868m) als lohnenden Gipfel mit gutem Rundumblick. Und das Schicksal nahm seinen Lauf. 

Mit dem Können stieg auch die Lust an den Bergen. Andrea wurde im Laufe der Zeit immer trittsicherer, und die Touren konnten gerne auch schwierig sein, solange sie nicht zu ausgesetzt waren: Denn Andrea war nicht schwindelfrei. Als Dieter, Jan und ich Samstag vor zwei Wochen zur Riffelscharte aufstiegen, um Andreas „Lieblingstour“ nachzugehen, während Jutta sie im Hotel umsorgte, wurde uns wieder bewusst, wie ausdauernd und sportlich sie gewesen war. Dass sie ausgerechnet diese Wanderung zu ihren Lieblingstouren rechnete, verschlug uns angesichts des steilen Aufstiegs die Sprache. Und als wir ihr dies anschließend sagten, freute sie sich sehr.  

Was ihre Bergleidenschaft anlangt, waren es aber nicht nur die Gipfel, die es ihr angetan hatten. Zu meinem Leidwesen liebte sie auch das Wandern von Hütte zu Hütte. Für sie war das kein Problem: Sie hatte immer einen guten Schlaf, aber einmal flüchtete auch sie aus einem überfüllten Matratzenlager. Natürlich mussten auch die Alpen überquert werden. Und natürlich „by fair means“. Das heißt: Ohne Hilfsmittel, d.h. Busse und Seilbahnen. Sie hat dieses Motto ausgegeben und selbst die Wanderstöcke wegrationalisiert, damit sie diese nicht tragen musste. Als es dann aber nach zwei, drei Tagen doch in den Knien zwickte, kam ich in den Genuss des leichten Wanderns, denn fortan hatte sie meine Stöcke in Beschlag genommen. 

Der Höhepunkt ihrer Weitwanderlust war sicherlich die Trekking-Tour in Nepal zum Basislager der Ama Dablam. Ein Geschenk, das mir Andrea machte, natürlich völlig uneigennützig. Das war eine Tour ganz nach ihrem Geschmack, glücklicherweise mit Zweibettzimmern in kleinen Lodges. Wobei man sich das nicht zu luxuriös vorstellen sollte. Wir hatten warme Schlafsäck mit dabei, denn es konnte nachts schon mal kalt werden. Und geheizt wurde nicht. Brennholz war kostbar. Auf dieser Tour konnte sie mal wieder ihre Stärken ausspielen: Ihr Durchhaltevermögen.  

In den letzten Jahren waren die Berge für Andrea auch ein bevorzugter Ort der Begegnung. Wir hatten ja schon viele Urlaube mit Andreas Schwester und ihrer Familie gemacht. Oft im Winterhalbjahr auf einer warmen Insel, mit einer schwesterfreundlichen Mischung aus Kultur und Wandern. So ließ sich die Durststrecke bis zum Sommer überbrücken. Aber nachdem ihr Neffe Jan 16 oder 17 geworden war, lud Andrea ihn regelmäßig mit in die Berge ein. Dann zogen wir zu dritt los. Ich denke, Jan ging gern und mit zunehmender Begeisterung mit uns in die Berge. Und als ich mal wieder berufsbedingt keine Zeit hatte, brach sie kurzerhand alleine mit Jan zu einer zweiten Alpenüberquerung auf. 

Aber jetzt habe ich nur über das Essen und über die Berge gesprochen. Warum? Weil diese Themen in den letzten eineinhalb Jahren bestimmend waren. Wollte es auch mit dem Essen nach den Operationen und während der Chemo-Therapien nicht mehr ganz so gut gehen, auf ihre Berge wollte sie bis zuletzt nicht verzichten. Nach jeder Operation, es waren insgesamt drei, wirkten die Berge mobilisierend auf Andrea. Den ersten Eingriff im März 2019 konterte sie einen Monat später mit einem Ausflug in die Fränkische Schweiz, wo wir uns mit meiner Schwester trafen. Nach der zweiten Operation im Juni 2019 fuhren wir im Juli gleich zwei Mal nach Oberstdorf. Und nach der letzten großen Operation im August 2019 gingen wir im Oktober nach Garmisch. 

Im August dieses Jahres wollte mich Andrea dann zur Erholung in den Urlaub schicken. Sie meinte, ich bräuchte auch mal ein bisschen Abstand und Zeit für mich. Wir überlegten, was ich so machen könnte. Schließlich kam sie auf die Idee, dass sie mir doch in Begleitung von Jutta mit dem Zug in die Berge nachfahren könne. Eine völlig verrückte Idee, aber so war sie. Ich schlug vor, sie mit dem Auto in die Berge zu fahren, und wir baten Jutta dort auf Andrea aufzupassen. Und so waren wir Anfang August mit Jutta und Dieter im Leutaschtal, und es ging Andrea über Erwarten gut. Der vorsorglich ausgeliehene Rollstuhl blieb angeschnallt auf dem Rücksitz.  

Und auch unser Bergurlaub Anfang September war ein Familientreffen: Jan war die ganze Zeit mit von der Partie und von Mittwoch bis Freitag waren meine Schwester Chris und ihr Mann und von Freitag bis Sonntag Jutta und Dieter mit vor Ort. Und zwischen diesen beiden Schwesternbesuchen, als Jan und ich bei alleine bei Andrea waren, gingen wir sogar noch eine Runde Minigolf spielen. Das erscheint im Rückblick absolut unglaublich. Aber so war sie eben. Unglaublich. Und sie machte ihrem Namen alle Ehre, bedeutet doch das griechische Wort andreia „die Tapfere“. Was bleibt uns da anderes übrig, als nun selbst tapfer zu sein und von ihr Abschied zu nehmen. Tapfer und dem Leben zugewandt. So war sie, und so wollen wir sie auch in Erinnerung behalten.