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Der Tag, an dem ich meinen freien Willen
bei Ebay verkaufte

Geschichten



zu bestellen bei amazon
ISBN-13: 978-1070782157
5,88 €

Aus dem Inhalt

* Zeitgeschichten: Der Tag, an dem ich meinen freien Willen bei eBay verkaufte; Gespräche mit meinem Roboter; Hermes‘ kleine Sinnwerkstatt

* Lesegeschichten: Varianten auf Swift (The battle of the books), Kafka (Beim Bau der chineischen Mauer), Lessing (Ringparabel)

* Unterwegsgeschichten: Die Fahrt nach Himmelsleiter; Zivilisation ist nicht immer nett; Personalisiertes Verbitterungs-Syndrom

Leseproben

Der Tag, an dem ich meinen freien Willen bei Ebay verkaufte 

Alles fing damit an, dass ich meinen Kleiderschrank ausmisten wollte. Es ist ein sehr großer Massivholzkleiderschrank, mit Schubladen und Stangen intelligent und übersichtlich gegliedert, aber irgendwann ist auch die Kapazität großer Massivholzkleiderschränke erschöpft. Nun gehöre ich gar nicht zu den Frauen, die jeder neuen Mode hysterisch hinterherhinken; eher im Gegenteil. Ich kaufe brave, haltbare, der Euphemismus der Werbeindustrie ist: „klassisch-zeitlose“ Bekleidung, mit der man nicht auffällt, aber die ich leiden mag. Da ich sie aber leiden mag, mag ich mich nicht von ihr trennen. Es gibt Pullover, die sind inzwischen eher wollene Erinnerungsspeicher denn Kleidungsstücke; den Norwegerpullover beispielsweise, den ich in meiner Jugend selbst gestrickt hatte, er war aus Schafwolle, die man auf einem Bauernhof kaufte und die ziemlich kratzig war, aber ich hatte die Raglanärmel gemeistert, und das Muster war nun wieder klassisch-zeitlos, und ich würde ihn nie, nie wieder tragen, weil er inzwischen viel zu klein war, von seinem kratzigen Charakter ganz abgesehen. Immerhin habe ich vor einiger Zeit eine Art Zwischenstufe oder Vorhölle auf dem Weg zum Altkleidercontainer angelegt, für Klamotten, die noch gut genug sind für die Gartenarbeit oder zum Renovieren (Endstation). Das eigentliche Problem ist auch nicht, dass man nichts mehr hineinbekommt in das Schrankmonster. Nein, die Simplify-your-Live-Ratgeber haben einfach Recht: Wer nicht einmal Kleiderschrank nicht unter Kontrolle bekommt, wird demnächst auch die über sein Leben verlieren. Ich bin eigentlich sogar ein Kontrollfreak. Ich habe nur einige Schwächen.

An diesem Tag also hatte ich all mein Pflichtgefühl zusammengenommen (es hat eine ziemlich große Kammer in meinem Kopf und ist von dominanter Natur), mir jegliche sentimentale Regung verboten und mich mit dem Sack vor den Schrank gestellt. Und während ich zögerlich Schubladen aufzog, dieses oder jenes vorsichtig in die Hand nahm, abwägend, bedenkend – vollzog mein Gehirn eine vertraute Ausweichbewegung, die mich häufig bei der Hausarbeit oder beim Zähneputzen überfällt: Es beginnt nämlich angesichts des Unbedeutenden und der Lappalie über wichtige Prinzipienfragen nachzudenken. Man kann es auch philosophieren nennen, und da in meinem durchgetakteten Tag zwar Slots fürs Zähneputzen oder die Hausarbeit reserviert sind, hingegen keiner für außerberufliches, freies Philosophieren, ist es eigentliche eine sehr sinnvolle Form von Multitasking (doch, gibt es wirklich, aber nur mit bestimmten Tasks, beim Zähneputzen reicht es eigentlich erfahrungsgemäß für ein oder zwei Aphorismen). Mein Gehirn begann also naheliegender Weise darüber nachzudenken, ob man nicht gelegentlich auch innere Kleiderschränke ausmisten sollte, was schon fast ein Aphorismus war, aber man soll Ordnung halten in seinen inneren Kleiderschränken und ich war ja nicht beim Zähneputzen. Nun war ich mir ziemlich sicher, dass ich ein solches geistigen Ausputzen regelmäßig vornahm und schon einige jugendliche Überzeugungen und Irrtümer (beide hatten einen erstaunlichen Überschneidungsbereich) entsorgt hatte; es war im Übrigen nicht minder schmerzhaft wie die Kleiderschrankrevision und vielleicht noch stärker sentimental überlagert. Aber gab es nicht doch, irgendwo, ganz versteckt hinter der Schublade mit den Sockenwaisen, etwas in meinem Kopf und meinem Leben, was ich partout nicht brauchte, nach der goldenen Simplify-Regel: Wenn du es im letzten Jahr nicht benutzt hast, brauchst du es offensichtlich nicht? Und ich weiß nicht, aus welcher dunklen Ecke mir der Gedanke in den Kopf sprang, der auf einmal sagte: Nun, offensichtlich hast du schon seit längerem auf die Benutzung deines „freien Willens“ (ich setze diesen Begriff hier einmal in die Anführungszeichen, in die er aufgrund seiner wesenhaften Uneigentlichkeit eigentlich gehört, man möge sie sich künftig hinzudenken) verzichtet, oder? Denk doch mal gründlich nach. Wann hast du das letzte Mal –irgendetwas völlig Spontanes, Abwegiges und Unberechenbares getan, das auch mit größter Mühe nicht auf eine hinreichende Ursache zurückzuführen oder auf einen begründbaren Zweck hin ausgerichtet war?

Nun bin ich zwar ein Kontrollfreak, aber weil ich eine philosophische Kontrollfreakin bin und weiß, dass man Einseitigkeit jeglicher Art vermeiden kann und soll, kann ich spontan sein. Ziemlich sogar. Mein Tag ist nämlich gar nicht restlos durchgetaktet, er hat geplanten Raum für Spontaneität, so komisch das klingt. Es ist eine Art – beherrschbare Spontaneität, und ich genieße sie sehr, wenn sie mir gelingt. Aber sie ist, ehrlich gesagt, nicht direkt: unberechenbar, unbegründbar, frei von Ursache und Wirkung und dem großen Determinismus-aller-Dinge, wie immer wir ihn nennen mögen. Sie sagt, zum Beispiel: Ach, schau, was für ein schöner Tag, du könntest heute Mittag einen Spaziergang machen anstelle des power naps, und es reicht auch, wenn du morgen die Bettwäsche wechselst! Freier Wille hat eher wenig damit zu tun. Wie mit den meisten Dingen überhaupt, und damit kehrte mein Gehirn wieder auf seinen gewohnten Denkpfad zurück, er hieß: „Freier Wille ist eine Fiktion von Leuten, die sonst arbeitslos wären (Philosophen, Theologen, Ideologen) oder eine Schutzbehauptung von Menschen, die damit ihre Gemeinsamkeit mit den Tieren vertuschen wollen“. Genau, sagte ich mir; und ergo: egal ob es ihn gibt oder nicht, ich brauche ihn jedenfalls nicht! Bin sowieso schon arbeitslos, bleibe das als Berufsphilosophin wahrscheinlich auch auf absehbare Zeit und habe eigentlich kein Problem damit, dass ich meine Katze Bella ab und zu für wesentlich schlauer halte als mich selbst! Weg damit, weg mit diesem dummen freien Willen, der, seien wir ehrlich, eine ernsthafte Behinderung beim Denken und vor allem beim Handeln ist! (beim Fühlen hingegen scheint seltsamerweise allgemein akzeptiert zu sein, dass es keinen freien Willen gibt, sonst könnte man sich ja beispielsweise entlieben, was aber gemeinhin als Zumutung empfunden wird; sorry, Abweg, meiner inneren Rechthaberin!).

Ich freute mich sehr, als ich diesen Gedanken gefasst hatte und auch keinerlei inneren Widerspruch von den verschiedenen Instanzen meines Gehirns hörte (der Pflichtteil nickte geradezu energisch, der Lustteil war völlig fasziniert von den neu sich eröffnenden Möglichkeiten). Aber dann sah ich auf meinen immer noch spärlich gefüllten Altkleidersack mit ein paar wollenen Dingen, die mir seltsam vertraut vorkamen; es zuckte in wenig in den Fingern, aber ich überwand die Versuchung, indem ich mich auf die unabweisbar in mir aufsteigende Frage konzentrierte: Wohin damit? (mit dem freien Willen, nicht mit dem Altkleidersack) Auf den Müllplatz der falschen Ideen in der Geschichte, damit er schlummere neben dem geozentrischen Weltbild, der Überlegenheit des Mannes und dem dialektisch unvermeidlichen Endsieg des Weltgeistes? Das hatte noch nicht einmal der freie Wille verdient. In ein Recycling-Verfahren gebrauchter Konzepte, vielleicht könnte irgendein Entwicklungsland noch etwas damit anfangen? Oder man könnte noch einige wiederverwertbare Elemente extrahieren (den Willen zum Beispiel) und den Rest auf den Müllhaufen der Geschichte werfen (die Freiheit also)? Oder doch besser zum Sondermüll, die Strahlungsgefahr schien mir nicht unbeträchtlich? Doch dann hatte ich die erlösende Idee: Ich würde es genauso machen, wie es alle mit den getragenen Schuhen machten und den ungelesenen Büchern und dem ererbten falschen Orientteppich: Ich würde meinen freien Willen bei Ebay versteigern!

Schnurstracks, so spontan kann ich nämlich sein, ließ ich Säcke und Kleiderschrank und alle angefangenen anderen Ideen liegen und rannte zum Computer. Ich hatte schon das ein oder andere bei Ebay verkauft, meist sehr unter Preis in den Kleinanzeigen, und meinte also mit dem Verfahren vertraut zu sein. Allein, kaum hatte ich das Fenster geöffnet, begannen die Schwierigkeiten. Welcher Kategorie war der freie Wille wohl zuzuordnen? Gewohnt systematisch ging ich die Liste durch. „Beauty und Gesundheit“, könnte man vielleicht sagen; aber dann schien es mir doch eher so zu sein, dass die meisten Leute ihren freien Willen (immer schön die Anführungszeichen mitdenken!) genau dann aus der Tasche zogen, wenn sie etwas extrem Unvernünftiges und Gefährliches machen wollten, Rauchen zum Beispiel oder Bungee-Springen oder eine extreme politische Partei wählen. „Handy und Kommunikation“ erwog ich kurz, im Wesentlichen, weil ich mir dadurch eine erhöhte Trefferrate erhoffte; aber dann würde sicherlich irgendein babybärtiger Nerd meinen schönen freien Willen ersteigern und entweder eine süchtig machende App auf seiner Basis entwickeln oder gar eine KI entwickeln, die sich dann prompt gegen die Menschheit wenden würde und sie aus freien Willen, einfach so, mit den eigenen Atomwaffen in die Luft sprengen würde (na gut, das wäre schon ziemlich logisch folgerichtig, da braucht man gar nicht so viel freien Willen, sagte meine innere Zynikerin)! Auch „Heimwerker“ brachte mich einen Moment in Versuchung: Wir basteln uns einen freien Willen, zum Hausgebrauch, mit Anleitung in nur sieben Schritten und ohne zusätzliches Werkzeug, beispielsweise Verstand! Oder gar „Spielzeug“, aber dann dachte ich daran, wie schön unser Sohn früher spielen konnte, ganz ernsthaft und natürlich und folgerichtig, und man soll nicht die wenigen Dinge zerstören, die noch uninfiziert sind von der großen Bullshit-Blase, die sich inzwischen auf jeden einzelnen Lebensbereich gestürzt hat und wie ein Krebs immer weiter wuchert, Phrase um Phrase. Aber „Sammeln und Seltenes“, war das nicht eigentlich das Beste? „Selten“ war immerhin der nächste Nachbar von „nie“, wo meines Erachtens der freie Wille eigentlich wohnte; und es würde sich sicherlich ein Exzentriker finden, der einen kleinen freien Willen, sauber eingeglast (es schwebte mir ein Bild von diesen seltsam bleichen Homunculi, die früher in Naturaliensammlungen in Gläsern aufbewahrt wurden, vor meinem inneren Auge) neben – was weiß ich, ein seltenes Fabergé-Ei oder die Blaue Mauritius oder den letzten Nacktmull, bevor sie alle von Google in einem fehlgeschlagenen Experiment über die Unsterblichkeit verbraucht wurden? – stellen würde. Aber wer würde schon suchen in „Sammeln und Seltenes“? Nein, die innere Pragmatikerin sagte: Sei vernünftig, du willst das Ding schließlich los sein, oder? Also, ab unter „Verschiedenes“! (die Pragmatikerin war sehr interessiert daran, den freien Willen los zu werden; sie hatte ihn seit jeher als eine Art Konkurrenz aufgefasst, es sei aber kein fairer Wettbewerb, so lamentierte sie immer wieder).

[...]


Der Reigen.
Frei nach Arthur Schnitzler   

In der überfüllten S-Bahn am frühen Abend sitzt Bertolt, ein mittelalter, mittelschlanker und überhaupt in jeglicher Hinsicht durchschnittlicher Mann auf dem Heimweg von seinem mittelmäßig bezahlten Bürojob. Er ist früher gegangen heute, weil er am Abend ein Date hat, und er beginnt gerade, sich davor zu fürchten. Er wird wohl wieder romantisch sein müssen, das hat er ja auch ins Profil der Dating-App geschrieben: „ein unheilbarer Romantiker im besten Alter“; aber das muss man halt schreiben, wenn man nicht nur die ansprechen wollte, die sowieso nur Geld oder Sex wollen! Himmel, wie oft schon hat er romantische Blumensträuße gekauft, wieviel Sonnenuntergänge hat er abgesessen, wieviel Wünsche schon von den Augen abgelesen! Wenn man jung ist, glaubt man ja eine Weile selbst daran, aber alles nutzt ab durch Wiederholung. Irgendjemand, so erinnert er sich vage, hat einmal gesagt, dass der erste, der Herz auf Schmerz reimte, eine Genie war und der tausendste – nun ja, ein Kretin, so hieß es wohl, falls er sich richtig erinnerte, und genauso fühlt sich Bertold inzwischen, wenn er wieder einmal romantisch schauen soll. Ihm gegenüber sitzt eine Dame, ebenfalls mittleres Alter, sie trägt die obligatorische Business-Uniform und versucht heimlich die High Heels auszuziehen. Dabei blättert sie in einer Zeitschrift mit der Aufschrift „Liebe“, zwei schöne rote Lippen sieht man darauf, und Bertolt denkt: „Rote Liebe soll man küssen“ – und schämt sich dann, ach, wie altmodisch er doch ist, und wahrscheinlich würde er mit dem Spruch gleich eine #Metoo-Debatte auslösen. Nein, bitte nicht wieder eine, die auf romantisch steht; er weiß zwar auch nicht so genau, was er will, aber das ganz sicher nicht…. 

*** 

Die Schuhe mit den blöden High Heels drücken mal wieder, sie streift sie heimlich ab und hofft, dass es keiner merkt. Albertine ist nervös; sie fürchtet sich vor dem Date heute Abend. Natürlich, sie ist eine erfolgreiche Frau, tough, wie man so sagt; in ihrem mittelständischen Werbebetrieb ist sie die unbestrittene Leitwölfin, und alle Männer kuschen vor ihr. Aber das hilft nicht direkt, wenn man nach einem Partner sucht, das weiß Albertine aus leidvoller Erfahrung. Das hat man nun davon, eine emanzipierte Frau zu sein, denkt sie. Heute Abend wird sie mal wieder die etwas angejahrte romantische Prinzessin spielen müssen, die kein Wässerchen trüben kann und verführt und umschmeichelt werden muss, wie sie das hasst! Aber wenn man nicht „romantisch“ ins Profil schreibt, kommen nur die Perversen. Sie weiß zwar auch nicht so genau, was sie eigentlich will, aber das auf jeden Fall nicht. Vielleicht ist ja diese Zeitschrift klüger, die sie eben auf dem Sitz neben sich gefunden hat. Zwei schöne rote Lippen sind darauf abgebildet, nee, die Lippenstiftfarbe würde ich mich nie trauen, denkt Albertine, viel zu aggressiv, dann bekommen sie gleich noch mehr Angst vor mir; dann doch lieber ein besänftigendes Rosé! 

*** 

Beate sucht ihre Zeitschrift, sie muss sie wohl beim Umsteigen in der vorigen S-Bahn vergessen haben. Schade, sie hatte sie doch extra gekauft, um herauszufinden, was die Philosophen zu diesem ewigen Liebesthema zu sagen haben! Früher hatte sie ja selbst noch Illusionen, doch jetzt mit ihren gesetzten 21 Jahren und einem Gemischtwarenlager an gescheiterten Beziehungen könnte sie ein ganz anderes Lied singen; es geht: „One more stupid lovesong, and I’ll be sick“, genau! Aber irgendwie gab man die Hoffnung nicht auf, warum eigentlich? Sie tut ein Stück Süßstoff in ihren doppelten Espresso, früher hatte sie ihn ja lieber schwarz und stark, aber nun, mit ihren gesetzten 21 Jahren – und da überfällt sie auf einmal die Einsicht, dass die romantische Liebe genau das ist: ein künstlicher Zucker, der verdecken soll, worum es eigentlich geht bei diesem, nun ja, ziemlich starken und gelegentlich schwarzen und überhaupt ziemlich peinlichen Akt! Menschen vertragen einfach keine reinen Dinge, sie wollen alles immer hübsch verpackt und pappsüß und irgendwie harmlos haben. Angeekelt schmeißt sie die ganze Süßstoffpackung weg. Sie sollte sowieso nicht so viel Espresso trinken, heute Abend hat sie noch ein Date, irgendein Werbefritze, dem muss man sowieso nicht mit Philosophie kommen. Hoffentlich ist er wenigstens nicht süßlich, sondern …. Aber sie weiß nicht so genau, wie er eigentlich sein soll. 

*** 

Bertram findet eine beinahe neue Packung Süßstoff auf dem Sitz neben sich in der S-Bahn, warum hat die wohl jemand weggeworfen? Er hat es ja nicht so mit Süßem. Manchmal denkt er, das kommt von seinem Job, er arbeitet nämlich in einer Werbeagentur, und den lieben langen Tag muss er die idiotischsten Produkte so anpreisen, dass jeder meint, nicht mehr ohne sie leben zu können. Das beste Verkaufsmittel ist immer noch die Romantik, man sollte es nicht glauben im 21. Jahrhundert! Was hat er schon alles für „romantisch“ erklärt, sogar Teebeutel können romantisch sein (das weiche, beutelhafte, aromatische), einmal hat er auch, obwohl das sehr gegen seine Prinzipien ging, das Romantische kleiner niedlicher Handfeuerwaffen betextet ("Mitten ins Herz!") In einer Schublade hat er eine kleine Sammlung von Sprüchen für besondere Herausforderungen: Klopapier – "seien Sie lieb zu Ihrem Allerwertesten, er hat es verdient"! Heute Abend hat er endlich mal wieder ein Date, vielleicht sollte er ihr das Päckchen Süßstoff schenken mit einer roten Schleife und einem Spruch dazu: "Nichts ist süßer als ein Kuss deiner Lippen, gepflegt mit Lubello, dem süßesten aller Lippenbekenntnisse!" Wohl besser nicht. Ach, wenn er doch nur wüsste, was er will, aber er weiß nur, was er nicht will. 

*** 

Auf der S-Bahn ist eine große, sehr teure Werbeanzeige aufgedruckt, sie wirbt für Partnerschaftsvermittlung im Internet. Zu sehen sind sehr junge, sehr schöne, sehr gesunde, rundum glückliche Menschen. Es sind Frauen, bei denen jeder sofort sehen kann, dass sie sich eigentlich nur auf eine mäßig belebte Straße stellen müssten und ein Taschentuch fallen lassen, und schon würden sich Heere von Männern verschiedensten Alters um ein Lächeln von ihr prügeln. Die Männer tragen kaum Make-Up, aber einen Dreitagebart und das romantischste Lächeln der Welt, es tropft geradezu aus ihren Augen, aus ihren Mundwinkeln, aus der leicht geöffneten Hemdenbrust, und jede Frau würde ihnen besinnungslos in die starken Arme fallen. Daneben wirbt ein Restaurant für romantische Candle-Light-Dinner; ein Reiseunternehmer preist das romantische Hide-away-Weekend für Zwei an, dazu gibt es auch passende Unterwäsche, verspielt-romantisch und nicht allzu sexy. Innen in der S-Bahn hängt ein kleines Gedicht, es geht so: „Als sie einander acht Jahre kannten (und man darf sagen, sie kannten sich gut), kam ihre Liebe plötzlich abhanden, wie andern Leuten ein Stock oder Hut“. Daneben steht, aber das ist sicherlich reiner Zufall, der Werbetext einer Detektei: „Wir finden alles! Diskret, seriös, kompetent!“ Darunter liegt ein einsames Zeitschriftenheft, vorn ist ein knallroter Kussmund abgebildet. 

[...]

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Vollständiger und wahrheitsgemäßer Bericht 
über die Bücherschlacht, die gestern Nacht 
im Zentrallager von amazon bei Bad Hersfeld stattfand (garantiert fake-free©)

 (frei nach Jonathan Swift, Originaltext auf: https://archive.org/details/battlebooks00swifgoog)   

Gestern Abend brachen im zentralen Auslieferungslager von amazon bei Bad Hersfeld Scharmützel zwischen den dort gelagerten gedruckten Büchern und den elektronischen Lesegeräten aus. Die Datenbank war abgestürzt (später vermutete man einen Angriff russischer Hacker) und hatte beide Bucharten, die normalerweise aus Sicherheitsgründen streng getrennt aufbewahrt wurden, heillos miteinander vermischt. Kindles in verschiedenen Versionen und Größen fanden sich nun bei den Taschenbüchern wieder, die Tolinos waren zu den Hardcovers geraten, und Fire-Tablets, iPads, Alexas und Smartphones unterschiedlicher Abstammung waren überall verstreut. Das Bestellsystem hatte zudem aus ungeklärten Gründen eine Verbindung zu Google Books aufgebaut, und immer wieder erschienen nun lückenhafte Volltexte zwischen den Print-on-Demand-Büchern oder akademische Datenbanken unter den Fachbüchern. Die Verwirrung wurde noch durch einen Streik der Mitarbeiter vermehrt, die nicht mehr als Packsklaven, sondern als digitale Buchhändler bezahlt werden wollten. Sie hatten alles stehen und liegen gelassen, halb verpackte Bücherpakete stapelten sich in den Gängen, und die Fließbänder drehten sich sinnlos im Kreis.

Dadurch kam es zu einer bedrohlichen Eskalation der schon seit längerer Zeit schwelenden Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Buchformen, ihren jeweiligen Produzenten und Anhängern. Die eBooks warfen den gedruckten Büchern pauschal vor, dass sie viel zu viel Platz in den Regalen in Anspruch nähmen. Vor allem die großen Bildbände und Prachtausgaben waren üblen Anwürfen der kleinen mobilen Geräte ausgesetzt, einer Herde lästig summender Mücken, die zwischen den Großformaten herumschwirrte und diese als „Printosaurier“ und „Staubmonster“ verhöhnten. Die Taschenbücher, bei weitem die größte Abteilung der gedruckten Bücher, schlugen zurück: Sie seien wenigstens autark und müssten nicht ständig an die Steckdose; Anwürfe wie „Datenjunkies“ oder „Stromfresser“ waren zu hören. Am lautesten führten sich die Bestseller mit ihren grellbunten Covers auf, sie waren jedoch nicht besonders angesehen und galten als Emporkömmlinge. „Aber dafür vergilben wir nicht“, gaben die eBooks zurück, „wir bekommen auch keine Eselsohren, nur Esel bekommen Eselsohren! Und wir können ins große weite Internet, ein Fingerdruck nur, und wir sind verbunden mit dem unerschöpflichen Wissen der Welt!“ „Eselsohren“, piepste ein Gedichtband aus handgeschöpftem Papier zurück, „ihr habt es nötig, mit all den fettigen Fingerabdrücke von den ungewaschenen Fingern ungewaschener Benutzer auf euren Displays! Da sträubt sich ja mein Lesebändchen!“ „Lesebändchen“, pfiff ein frecher Tolino, „wer braucht denn so etwas? Bei uns kann der Leser einfach markieren, wo er ist! Wir sagen ihm sogar, wie lange er noch lesen muss bis zum Ende des Kapitels, des ganzen Buches, ach was, seines ganzen Lebens! Und wir sind flexibel, jeder kann die Buchstaben so groß einstellen, wie er will, man kann eine Schrift wählen mit oder ohne Se –„ „Flexibel!“ rief ein Klassiker dazwischen, man erkannte ihn an dem Ledereinband (eigentlich war es aber Kunststoff) und dem Goldrand: „Überhaupt keinen Inhalt habt ihr, das ist die Wahrheit! Heute liest man ein wenig dies, und morgen ein paar Zeilen jenes, man hüpft von Buch zu Buch, nur noch nippen muss der Leser, ihr seid,“ – und nun lief er ein wenig rotbraun an unter seinem Kunstleder – „ihr seid Huren, genau das seid ihr, euch kann man einfach für alles kaufen! Wo bleibt da der Ernst des Lesens, die Würde des Buches, die“ – aber da wurde er schon von einer Herde wutschnaubender Smartphones umzingelt, die bösartig grinsende Emoticons mit Clownsgesichtern auf ihn abschossen. Derweil hatten sich die Tablets untereinander verschworen: Sie wollten das Licht in der Halle abschalten, um ihre gedruckten Gegner blind zu machen, fanden aber den Schalter nicht. Die wissenschaftlichen Bücher hingegen hatten einen anderen Plan ausgeheckt, stritten jedoch noch über die Details der Ausführung und den Anführer: Sie wollten die Stromversorgung kappen und damit ihre elektronischen Gegner lahmlegen.

Während sich die unterschiedlichen Truppenteile sammelten und ihre Strategien planten, waren durch ein offen stehendes Fenster im winzigen Pausenraum des Personals eine Eule und ein ganzer Schwarm Stare in das Zentrallager geraten. Die Eule war ein imponierender Vogel: Ruckartig bewegte sich ihr großer Kopf im Kreis, ihre riesigen Augen wirkten durch den brillenartigen Schleier noch größer und schienen alles zu durchbohren, was in ihr Gesichtsfeld kam. Mit schweren Flügelschlägen umkreiste sie den sich zur Formation ordnenden Schwarm und verhöhnte die Staren mit dröhnender Stimme: „Da fliegt ihr sinnlos hin und her, folgt blind eurem Anführer, habt ihr denn gar keinen eigenen Verstand?“ („stand, stand, stand“, hallte es durch den Raum). „Verstand“, zwitscherten die Staren hell und vielstimmig zurück, „wir brauchen deinen Verstand nicht! Unserer Führer weiß, woher der Wind weht! Wir folgen ihm freiwillig! Wir alle sind unser Verstand!“ „Kleinvieh“, giftete die Eule zurück, ihre Augen schienen noch größer zu werden und die Federn an ihren feinen Ohren sträubten sich, „Massenware, das seid ihr! Einer ist wie die andere, kein Unterschied, keine Individualität, kein Verstand!“ („stand, stand, stand“, hallte es wieder) „Individualität“, tönte es melodisch zurück, während nun die Staren die Eule immer enger umkreisten, ein einziger Strudel schwirrender Flügel, „wer braucht In-di-vi-du-a-li-tät? Wir sind Stare, in uns lebt Starenblut, Starenherz, Stareninstinkt von Jahrtausenden“! „Rhythmus“ summten sie, „Muster“ sangen sie, dabei wechselten sie die Formation: Jetzt raste eine kompakte pulsierende Kugel auf die Eule zu. Sie zog den Kopf unter einen Flügel ein, streckte ihn aber sofort wieder hervor, als die Kugel über sie hinweggerauscht war, und krähte herausfordernd hinter ihr her: „Und die Menschen in ihrer Einfalt glauben sogar, eure Muster hätten Bedeutung! Alles dumpfer Instinkt nur, alles Daten, Windrichtung, Flughöhe, Geschwindigkeit, Daten-Daten-Daten!“ „Aber dich, dich hassen alle Vögel“, schrien die Staren im wilden Chor, während sie in V-Formation wieder auf sie zurasten, „hast du schon einmal darüber nachgedacht mit all deinem Verstand-stand-stand, warum deine ganze Tierfamilie dich hasst?“ „Neid“, unkte die Eule zurück, die schwerfällig zur Seite ausgewichen war und nur knapp ein Hochregal mit Stapeln von Shades-of-Grey-Exemplaren verfehlt hatte, „Neid-Neid-Neid, nichts anderes! Ich bin der heilige Vogel der Göttin Athene, ich jage in der Nacht, wenn die anderen Vögel schlafen in ihrer Schwarmdummheit, ich bin weise, ich bin mächtig, ich bin“ – „gar nichts bist du!“ heulten die Staren, sie umkreisten die Eule nun in Wellen, so dass sich ihr Kopf ruckartig immer weiter nach hinten drehte, um im letzten Moment wieder nach vorn zurück zu schnellen; „ein Unglücksbote bist du, du bringst Tod und Verderben, die Menschen fürchten dich! Wir, wir werden immer mehr und mehr, ihr aber werdet immer weniger, weniger, weniger, ihr werdet aussterben, das werdet ihr, mit all eurer Weisheit!“ „Ungeziefer“, schrie die Eule, die sich ein Fach weiter hinter eine verstaubte Hegel-Werkausgabe gerettet hatte, „ihr seid nicht besser als Heuschreckenschwärme, eine Plage seid ihr, ihr überfallt die Plantagen und die Haine, unzählbar, massenhaft, bald werdet ihr den Himmel verdunkeln und“ – aber da war der Schwarm schon abgedreht und in eleganter Linie zurück durchs Fenster entwischt. Der Eule starrte ihnen mit übergroßen Augen hinterher, während sie weiter „Verstand! Verstand! Verstand“ rief, und es hallte von den Hochregalen wider: „stand – stand – stand“.

Inzwischen hatte sich der erste Vertreter der Medien eingefunden, ein Reporter von arte, der eigentlich über den Streik berichten sollte. Nun war jedoch schnell eine Sondersendung geschaltet worden, aktuell und live, so flatterte es im Newsticker über die Bildschirme, Streitigkeiten eskalieren bei amazon, Endkampf steht unmittelbar bevor! Der aufgeregte Reporter gab den Zuschauern zunächst einen kurzen Überblick über die sich zwischen eBooks und gedruckten Büchern formierenden Kampffronten; man werde selbstverständlich im Zentrum des Geschehens bleiben und die Zuschauer brandaktuell auf dem Laufenden halten. Zuerst aber wolle man in einem Hintergrundgespräch die Frage diskutieren, ob das gedruckte Buch noch lebensnotwendig, ja überhaupt lebensfähig sei, oder ob die eBooks es nicht für alle Zeit überflüssig und unnötig machen würden – „eine Schicksalsfrage unserer Zivilisation“, wie er mit trainiertem Bedeutungstremolo in der Stimme wiederholte, „eine wahre Schicksalsfrage!“ Als Experten zugeschaltet waren ihm ein berühmter Literaturkritiker und eine Literatur-Bloggerin, die sich „aMazone“ nannte.[...]

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Die Spiegelparabel

(frei nach Lessings Ringparabel) 

Vor grauen Jahren lebte eine weise Frau im Osten,
die einen Spiegel hatte von sehr großem Wert,
von lieber Hand vererbt. Der Spiegel war so rein,
dass jede, die hineinsah, sich erkannte,
in allen ihren Eigenarten. Vielzählige
Kristalle zeigten jeden Fehler, jeden Vorzug;
jedoch nur der, die redlich in ihn schaute,
zeigte der Spiegel auch ihr ganzes Bild,
so dass Zufriedenheit sich in ihr Herz ergoss.
Was Wunder, dass die weise Frau im Osten
ihn darum niemals von sich schaffen ließ,
und die Verfügung traf, auf ewig sei
der Spiegel ihr und ihren Töchtern eigen;
diejenige jedoch, die ihn am meisten brauchte,
weil sie unsicher, schwach und zaghaft war,
sollte ihn erben. So kam nun dieser Spiegel
durch vieler Töchter Hände endlich hin
zu einer Mutter von drei Töchtern, die
gleichmäßig schwankend waren, unsicher
ob ihres Weges, ihres Wesens, ihrer Wertes,
so dass die Mutter selbst ins Schwanken kam,
weil es sie schmerzte, alle ihre lieben Töchter
so schwach zu sehen ohne einen Rat
zu wissen. Was blieb ihr zu tun?

Als es ans Sterben ging, da sandte sie
nach einem klugen Techniker. Er solle
drei Spiegel fertigen, sehr klein und fein,
die jede immer mit sich tragen könne.
Das gelingt dem Techniker. Den echten Spiegel aber
lässt die weise Frau verstecken, tief und heimlich,
an einem unbekannten Ort.
Darauf ruft sie die Töchter, jede einzeln, zu sich,
gibt jeder ihren Segen, dann ihr Spiegelchen
und stirbt. Die neuen Spiegel aber halten nicht,
was sie versprachen: Denn ihre Kristalle
zerlegten nur in immer klein‘re Teile,
so dass die Schauenden zwar tausendfach
sich nun gespiegelt sehen, niemals aber ganz.

Die Töchter sind es nicht zufrieden. Jede
klagt auf Herausgabe des echten Spiegels.
Man sucht den Spiegel, findet ihn sogar.
Der erste Richter nun erwägt die Sache,
er wälzt die Akten und vernimmt die Zeugen,
er dreht den Spiegel in der Hand (der zeigt
ihm eine schwarze Robe, mit Perücken,
die weißen Locken tausendfach gespiegelt,
doch kein Gesicht; nur vage meint er
eine Binde zu erkennen). Behände
legt er den Spiegel fort und spricht sein Urteil:
Jede möge den echten Spiegel haben -
doch nur für eine kleine Zeit, dann wandre
der Spiegel weiter zu der nächsten Tochter.
Denn wer sich selbst in ihm erkenne, werde
ja ihn kaum täglich brauchen, werde
gelegentlich nur schauen, ob sie weiter
noch auf dem rechten Weg sei, treuen Herzens
zu ihrem Wesen und zufrieden mit sich selbst!

Die Schwestern sind noch immer nicht zufrieden.
Sie klagen weiter. Doch die höh’re Richterin
wirft keinen Blick mehr auf die Aktenstapel,
sie schickt die Zeugen fort, ja kaum fasst sie
den trügerischen Spiegel selbst ins Aug.
Doch mit entschiedner Stimme urteilt sie:
Zerstört den Spiegel! Jetzt sofort!
Denn offenbar, so spricht die Richterin,
könnt ihr im Spiegel nur noch das erkennen,
was ihr sein wollt; was ihr euch wünscht,
was anderen genehm ist und euch schmeichelt.
Die wahre Kunst des Spiegelns ging verloren
wahrscheinlich schon vor langer Zeit.
Zerstört die Spiegel! Alle!
Vergleicht Euch nicht! Wollt nicht mehr sein,
was ihr doch niemals seien könnt,
Und werdet das, was in euch steckt
sei’s als Geschenk, als Gnade, als Gesetz!
Seht in euch selbst, dort, wo ihr nackt seid,
hört hin auf das, was eure innre Stimme sagt,
wenn alle andern Stimmen schweigen, die
so leicht uns schmeicheln, täuschen, wenn
die trügerischen Wünsche schlafen,
die fremden Bilder nach und nach verschwimmen,
der Blick selbst wieder klar und redlich wird.

Vielleicht kommt dann, nach tausend Jahren,
die größre, klügre Spiegelmacherin,
die euch ein wahres Bild vorhält, so fein,
so tief, so klar erfasst, in Milliarden
von Kristallen, die gar eure Lügen sehen,
eh ihr selbst sie erkennt, noch tiefer schauen
als in euer Herz: dorthin
wo die Natur in euch ihr Werk wirkt,
immerfort, gerecht, zufrieden –
dann sollt ihr eure Spiegel wiederhaben!

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