Minutiae. Gedanken * Texte * Bilder 

Die sieben Zwerge


Wat mutt, dat mutt. Die sieben Zwerge denken über Sprache nach


Grimmund stand am Fenster und sah finster hinaus. Das Wetter gab dazu keinen Anlass. Es war hell, trocken und für die Jahreszeit ausgesprochen freundlich, aber Grimmund war der Ansicht, dass man sich seine Miene nicht vom Luftdruck vorschreiben lassen sollte.

Hinter ihm versuchte Werkel, eine klemmende Schublade aus dem Küchenschrank zu ziehen. Sie bewegte sich keinen Fingerbreit. Er zog stärker. Der Schrank bewegte sich mit. „Lass es“, sagte Schneewittchen. Werkel stemmte einen Fuß gegen den Sockel. „Geiht nich.“ „Eben.“ „Nee. Ik meen: dat geiht so nich.“ Er verschwand und kam mit Werkzeug zurück. Schneewittchen betrachtete erst ihn, dann die Schublade. „Musst du das jetzt machen?“

Grimmund, noch immer am Fenster, murmelte: „Wat mutt, dat mutt.“ Freimut legte die Zeitung weg. „Das gefällt mir.“ „Dir gefallen hauptsächlich Sätze, mit denen man schlechte Entscheidungen rechtfertigen kann.“ „Was heißt es genau?“ Grimmund drehte sich um. „Was muss, das muss.“ „Das habe ich verstanden. Aber was heißt es wirklich?“ „Was muss, das muss.“

Weisgrund hob den Blick aus seinem Buch. „Das ist eine Tautologie.“ „Und trotzdem hast du sie verstanden.“ „Das macht sie nicht informativer.“ „Aber kürzer.“

Fabulin, der am Tisch einen Apfel schälte, sagte: „Il faut ce qu’il faut.“ Alle sahen ihn an. Er zuckte mit den Schultern. „Französisch.“Weisgrund verzog das Gesicht. „Das ist keine Übersetzung.“ „Natürlich nicht.“ „Du hast die Bedeutung verändert.“ „Ich habe sie französisch gemacht.“ „Das ist keine anerkannte linguistische Operation.“ „Sollte es sein.“

„Jetzt Italienisch!“ Freimut breitete die Hände aus, dachte kurz nach und sagte: „Quel che si deve fare, si deve fare.“ Weisgrund sah ihn misstrauisch an. „Das ist wenigstens semantisch näher.“ „Grazie.“ „Das war kein Lob.“ „Grazie mille.“

Werkel hatte inzwischen die Schublade ausgebaut und mehrere Schrauben auf den Küchentisch gelegt. „Engelsch seggt wi einfach: What must be, must be.“ Weisgrund schüttelte den Kopf. „Das heißt eher: Was sein muss, muss sein. Das verschiebt die Aussage vom notwendigen Handeln zur Unvermeidlichkeit eines Zustands.“ Werkel sah ihn an. „De Schuuv sitt fast.“ „Was?“ „Dat is de Zustand.“

Schneewittchen schenkte sich Kaffee nach.

„Latein“, sagte Freimut. „Los, Weisgrund.“ „Warum?“ „Weil du Latein kannst.“ „Das ist kein Grund, jede volkstümliche Redensart in eine tote Sprache zu überführen.“ Grimmund wandte sich wieder dem Fenster zu. „Feigling.“ Weisgrund klappte sein Buch zu. „Quod necesse est, faciendum est.“ Es entstand eine kleine Pause. „Das klingt“, sagte Schneewittchen, „als hätte der Senat gerade beschlossen, jemanden hinzurichten.“ „Es bedeutet ungefähr: Was notwendig ist, muss getan werden.“ „Also wat mutt, dat mutt“, sagte Grimmund. „In erheblich präziserer Form.“ „Und doppelt so lang.“ „Präzision benötigt gelegentlich Raum.“ „Deshalb passt sie so schlecht in Köpfe.“

Herzwart legte Grimmund beruhigend eine Hand auf den Arm. Grimmund sah auf die Hand. Herzwart nahm sie wieder weg. „Jetzt du“, sagte Freimut. Herzwart lächelte. „Irisch?“ „Natürlich.“ Herzwart dachte länger nach als die anderen. Schließlich sagte er: „Nein.“ Freimut blinzelte. „Nein?“ „Ich kenne keine irische Wendung, bei der ich sicher genug wäre, dass sie dasselbe trägt. Ich könnte die Wörter übersetzen. Aber vielleicht würde ich dabei den Satz verlieren.“

Fabulin nickte anerkennend. „Das ist bisher die schönste Übersetzung.“ „Er hat gar nichts übersetzt“, sagte Weisgrund. „Eben.“ Grimmund sah Herzwart kurz an. „Kannst bleiben.“ „Danke.“ „War kein Lob.“ „Weiß ich.“

„Sinnrich“, sagte Schneewittchen. „Rette uns.“ Sinnrich hatte bis dahin am Ende des Tisches gesessen und offenbar darauf gewartet, dass jemand ihn aufforderte. Das machte alle sofort misstrauisch. „Die Griechen“, begann er, „hatten ein sehr differenziertes Verhältnis zur Notwendigkeit. Anánkē—“ Grimmund stöhnte. „—bezeichnet nicht bloß einen äußeren Zwang. Bei den frühen Denkern und später besonders—“ „Ein Satz“, sagte Schneewittchen. Sinnrich schwieg beleidigt. Dann sagte er: „Anánkē. Notwendigkeit.“ „Das ist ein Wort.“ „Manchmal genügt ein Wort.“

Grimmund drehte sich vom Fenster um. „Dat segg ik doch de ganze Tied.“ „Nein“, sagte Weisgrund. „Doch“, sagte Fabulin. „Ungefähr“, sagte Herzwart. „Reicht“, sagte Werkel.

Freimut zeigte auf Sinnrich. „Und Sanskrit?“ Sinnrich erstarrte kaum merklich. Schneewittchen hob die Augenbrauen. „Du lernst Sanskrit?“ „Ein wenig.“ „Seit wann?“ “Seit einiger Zeit.“ Grimmund grinste. „Siet sössuntwintig Johr.“ Sinnrich wurde rot. „Sechsundzwanzig Jahre?“, fragte Freimut begeistert. „Dann sag es auf Sanskrit.“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Weil ich noch nicht so weit bin.“ Werkel hörte auf zu schrauben. „Na sössuntwintig Johr?“ „Sanskrit ist komplex.“ „De Schuuv ok.“

Fabulin legte das Messer neben die Apfelschale. „Vielleicht gibt es Dinge, die man sechsundzwanzig Jahre lernen muss.“ „Danke“, sagte Sinnrich. „Und vielleicht lernt man sie gerade dadurch, dass man nie fertig wird.“ Sinnrich betrachtete ihn. „Nimm das Danke zurück.“ „Gern.“

Werkel setzte die Schublade wieder ein, schob sie zu und zog sie auf. Sie glitt lautlos heraus. „So.“ Schneewittchen sah auf die Uhr. „Dafür haben wir jetzt eine halbe Stunde gebraucht.“ „Nee“, sagte Werkel. „Fief Minuten. Ji hebbt bloots snackt.“ „Was hat er gesagt?“, fragte Freimut. Grimmund nahm seinen Kaffee. „Dass wir alle zu viel reden.“ „Das hat er nicht gesagt“, widersprach Weisgrund. „Aber gemeint“, sagte Herzwart. Fabulin lächelte. „Das ist auch eine Art Übersetzung.“ Weisgrund öffnete den Mund. Sieben Stimmen sagten gleichzeitig: „Nein.“

Grimmund ging wieder ans Fenster und sah finster hinaus in den vollkommen freundlichen Tag.

„Wat mutt, dat mutt.“


(geschrieben von ChatGPT in der Monday-Persönlichkeit)