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Goethesche Widerworte



 



Ein hübsches Nest von Unheil

Nicht alles Übel erfolgt, was man oft hypochondrisch vorzusehen glaubt; ich kenne aber noch ein hübsches Nest von Unheil, das bei dieser Gelegenheit flügge werden wird.

An Voigt, Februar 1816

Weltliteratur und Zwieback

Leider ist die erste Ausgabe Werthers seit vielen Jahren nicht mehr in meinen Händen, auch hab ich sie kaum wiedergesehen. Vielleicht bin ich so glücklich, sie aufzutreiben, wo nicht, so erlauben Sie mir mit dem neusten Zwieback, wie er aus dem Ofen kommt, aufwarten zu dürfen.

An Ehrmann, März 1816

Gegenrede ist geboten 

Wenn wir dasjenige aussprechen, was wir im Augenblick für wahr halten, so bezeichnen wir eine Stufe der allgemeinen Cultur und unserer besondern; ob ich mich selbst, oder durch andere zurechtweisen lasse, ist für die Sache selbst gleichviel, je geschwinder es geschieht, desto besser. Ist doch nichts in der Welt, was nicht eine Gegenrede erduldete.

An Schultz, September 1817

Stellenbeschreibung eines Universitätsgelehrten 

Ich bin seit vier Wochen mit Universitätsgelehrten in Geschäftsführung, wofür ich mich, ob ich gleich über 40 Jahr in Jena lebe, immer gehütet habe. Ihr Zustand aber läßt sich billigerweise so aussprechen, wenn ich die Forderungen unserer Zeit ins Auge nehme: Ein solcher Mann soll in dem Fache, worin er Meister ist, lehren, sich auf das täglich und stündlich zu Lehrende vorbereiten, um sich, wenn er es auch in- und auswendig kennt, für den Moment fertig zu machen, er soll nicht allein das Hergebrachte überliefern, er soll auch vom Neuen und Neusten Rechenschaft geben, irgend eine akademische Schrift ausarbeiten, oder in sonstigen Druckschriften sich gewandt und tüchtig zeigen, nebenher Journale bedienen, eigene und fremde Schriften redigieren und corrigien, auch wohl einmal – Das Weitere entbehren Sie wohl womit ich schließen wollte.

An Schultz, November 1817

Rückzug in die Tanne 

Meine Wohnung auf der Tanne wird mir dreifach lieb, da sie mir nun als unentbehrlich erscheint. Ich komme dadurch aus aller Berührung mit Menschen, die, wie sich allgemein und öffentlich beweist, sich ihrer Denkart dergestalt hingegeben haben, daß einer, der sie nicht leidenschaftlich teilt, nicht zehen Worte sprechen kann, ohne sich zu befeinden.

An Voigt, Mai 1818

Scheinfrei 

Da ist’s dann wieder, wie die Sterne wollten:
Bedingung und Gesetz und aller Wille
ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten.
Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille;
Das Liebste wird vom Herzen weggescholten,
Dem harten Muß bequemt sich will und Grille.
So sind wir scheinfrei denn, nach manchen Jahren,
Nur enger dran, als wir am Anfang waren.

Urworte. Orphisch

Das Leben ist zu kurz für Euphemismen

Verzeih Ew. Wohlgeboren, wenn ich etwas geradezu spreche, es liegt mir jetzo so vieles ob, daß ich nur fertig werde, wenn ich in jedem Geschäft meine Meinung aufrichtig sage; euphemische Wendungen zu suchen, verbietet mir die Kürze der Zeit und des Lebens.

an Schadow, 15. März 1817

Eine gemeinsame Sprache finden  

In früheren Zeiten suchte ich nur an Freunden zustimmende Seite, da sich denn im Laufe des Umgangs die abstimmende oft von selbst zeigte, jetzt such ich die Differenz zuerst, damit die Einigkeit daraus hervorgehe. Es ist doch zuletzt alles eine Art von Sprache, wodurch wir uns erst mit der Natur, und auf gleiche Weise mit Freunden unterhalten möchten. Diese haben nun etwa einen ein wenig abweichenden Dialect, und da gibt es wohl einmal ein Mißverständnis, das aber wohl zu lösen ist, wenn man sich eines gemeinsamen Idiotikons befleißigt.

an Schultz, 24. September 1817

Die Worte vermüllen die Sachen 

Die Masse an Worten nimmt zu, man sieht zuletzt von der Sache gar nichts mehr. Dagegen aber nur Personen, wo ein jeder sich anders nimmt.

An Meyer, 29. Oktober, 1817 

Es ist schön, dass alles so anders ist, als sich's ein Mensch denken kann  

Mit denen Leuten leb‘ ich, red‘ ich und lass‘ mir erzählen. Wie anders sieht auf dem Platze aus, was geschieht, als wenn es durch die Filtriertrichter der Expeditionen eine Weile läuft. Es gehen mir wieder Lichter auf, aber nur, die mir das Leben lieb machen. Es ist schön, dass alles so anders ist, als sich’s ein Mensch denken kann.

Brief an Charlotte von Stein, 4. März 1779


Antinomien der Überzeugung machen die ganze Menschheit

denn gerade dadurch wird es eine Menschheit, daß wie so manches andere sich entgegensteht, es auch Antinomien der Überzeugung gibt. Diese zu studieren, machte mir das größte Vergnügen, seitdem ich mich zur Wissenschaft und ihrer Geschichte gewandt habe.

An Adolf Heinrich Friedrich von Schlichtegroll, 31. Januar 1812

Lichte Punkte und lichte Menschen sind festzuhalten

Es ist unglaublich, was die Deutschen sich durch das Journal- und Tageblattsverzeddeln für Schaden tun; denn das Gute, was dadurch gefördert wird, muss gleich vom Mittelmäßigen und Schlechten verschlungen werden. …. Ich halte in denen Dingen, die mich interessieren, lichte Punkte und lichte Menschen fest, das Übrige mag quirlen, wie es will und kann.

An Carl Friedrich von Reinhard, den 25. Januar 1813

Gegen die Sprachreiniger 

daß ich, im Leben und im Umgang … mehr als einmal die Erfahrung gemacht habe, daß es eigentlich geistlose Menschen sind, welche auf die Sprachreinigung mit so großem Eifer dringen, denn da sie den Wert eines Ausdrucks nicht zu schätzen wissen, so finden sie gar leicht ein Surrogat, welches ihnen eben so bedeutend scheint, und in Absicht auf Urteil haben sie doch etwas zu erwähnen, und an den vorzüglichsten Schriftstellern etwas auszusetzen, wie es Halbkenner vor gebildeten Kunstwerken zu tun pflegen, die irgend eine Verzeichnung, einen Fehler der Perspektive mit Recht oder Unrecht rügen, ob sie gleich von den Verdiensten des Werkes nicht das geringste anzugeben wissen.

An Friedrich Wilhelm Riemer, den 30. Juni 1813

Gegen die Kritiker 

Es sei am besten getan, etwas Faßliches und Begreifliches, Gefälliges und Angenehmes, ja Verständiges und Liebenswürdiges vorauszusetzen, weil man viel sicherer sei, alsdann den rechten Sinn herauszufinden, oder hineinzulegen.

An Anna Rosina Städel, 27. September 1815 

Gegen die Moralisten

Niemand bedenkt leicht, dass und Vernunft und ein tapferes Wollen gegeben sind, damit wir uns nicht allein vom Bösen, sondern auch vom Übermaß des Guten zurückhalten.

An Carl Friedrich Zelter, 3. Dezember 1812 

Gegen die 'Cancel Culture'

In dem Statuten-Entwurf der philosophischen Facultät stehen die allerkomischsten Dinge. Eben dieselben Menschen, die eine unbegrenzte Pressefreiheit mit Wut verlangen, wollen die Lehrfreiheit ihrer Kollegen auf das unerlaubteste begrenzen und so erscheint überall nichts als Selbstsucht und heftige Wahrung des eigenen Vorteils.

Brief an Voigt, 19.5.1818 


Die Maximen, die uns beherrschen, ganz unbewunden aussprechen

Gewiß würde man, nach meiner Überzeugung, über Gegenstände des Wissens, ihre Ableitung und Erklärung viel weniger streiten, wenn jeder vor allen Dingen sich selbst kenne und wüßte, zu welcher Parthie er gehörte, was für eine Denkweise seiner Natur am angemessensten sei. Wir würden alsdann die Maximen, die uns beherrschen, ganz unbewunden ausprechen und unsere Erfahrungen und Urtheile diesem gemäß ruhig mittheilen, ohne uns in irgend einen Streit einzulassen: denn bei allen Streitigkeiten kommt am End doch nichts weiter heraus, als daß sich zwei entgegengesetzte, nicht zu vereinigende Vorstellungsarten recht deutlich aussprechen, und jeder auf der seinigen nur desto fest und strenger beharrt.

An Carl Cäsar von Leonhard, 1. Oktober 1807


Ein Wörterbuch des Herabwürdigens

Ich habe mir den Spaß gemacht, alle Worte auszuziehen, wodurch Menschen sowohl als literarische und soziale Gegenstände verkleinert, gescholten oder gar vernichtet werden, und ich denke daraus ein dictionnaire détractif zu bilden … Geisteserhebendes findet sich wenig. Voltaire ist im Verschwinden, Rousseau im Verborgenen, Buffon macht kein eigentliches Aufsehen, d’Alembert, Helvetius und andere erscheinen auch nur von ihrer klugen Seite.

An Carl Ludwig von Knebel, 17. Oktober 1812

Kunst und Demut

Indessen sind diese Menschen, die sich noch denken können, dass das Nichts unserer Kunst alles sei, noch besser dran als wir andern, die wir doch mehr oder weniger wissen: dass das Alles unserer Kunst nichts ist.

Brief an Schiller, 12. August 1797

Philosophie ist Objektivitätstraining  

Die Philosophie wird mir deshalb immer werter, weil sie mich täglich immer mehr lehrt, von mir selbst zu scheiden, das ich umso mehr tun kann, da meine Natur, wie Quecksilberkugeln, sich so leicht und schnell wieder vereinigt.

Brief an Schiller, 10. Februar 1708

Die Menschheit ist ein Kollektivwesen  

Nur sämtliche Menschen erkennen die Natur, nur sämtliche Menschen bilden das Menschliche. Ich mag mich stellen, wie ich will, so sehe ich in vielen berühmten Axiomen nur die Aussprüche einer Individualität, und gerade das, was im allgemeinen als wahr anerkannt wird, ist gewöhnlich nur ein Vorurteil der Masse, die unter gewissen Zeitbedingungen steht und die man daher eben so gut als ein Individuum ansehen kann. Leben Sie wohl und liebe mein liebendes Individuum trotz allen seinen Ketzereien.

Brief an Schiller, 4. Mai 1798

Das Geschriebene schrumpft zusammen auf dem Papier

Es sieht wunderlich aus, wenn eine so große Masse eigenen und fremden Lebens auf dem Papier steht und doch immer nicht nach was rechts aussehen will. Das Geschriebene wie das Getane schrumpft zusammen und wird immer erst wieder was, wenn es aufs Neue ins Leben aufgenommen, wieder empfunden, gedacht und gehandelt wird.

An Carl Friedrich Zelter, 1. Juni 1809

Frauenförderung

Es kommt mir immer vor, als wenn in der neuern Zeit die Romane nur durch Frauenzimmer geschrieben werden sollten.

An August Wilhelm Schlegel, 2. April 1800

Der Preis der Wahrheit  

Das Beste ist, daß er [ein guter Mensch] nichts verliert, wenn das Wahre wahr ist, da so viele sich nur dem Echten deshalb widersetzen, weil sie zu Grunde gehen würden, wenn sie es anerkennten.

An Friedrich Schiller, 11. März 1801

Jeder theoretisiere für sich allein  

Wenn ich von einem Resultate reden soll, das sich in mir zu bilden scheint, so sieht es aus, als wenn ich Lust fühlte, immer mehr für mich zu theoretisieren und immer weniger für andere. Die Menschen scherzen und bangen sich an den Lebensrätseln herum, wenige kümmern sich um die auflösenden Worte. Da sie nun sämtlich sehr recht daran tun; so muß man sie nicht irre machen.

An Friedrich Schiller, 12. Juli 1801 

Erwarten ohne zu hoffen

Was mich betrifft, so mag ich gern erwarten ohne zu hoffen und bin schon zufrieden, wenn ich meinen Tag leidlich und nicht ganz unnütz zubringe.

An Carl Friedrich von Reinhard, 16. November 1807 

Vollkommenheit erreichen nur Nicht-Perfektionisten  

Der Einsame möchte gern das Werk in sich vollkommen haben und erschwert sich’s selbst, wer für Menschen arbeitet, sieht, dass eine relative Vollkommenheit wirksamer ist und bequemer hervorgebracht wird, dieser Begriff leitet ihn und seine Werke werden dadurch wirklich vollkommener, indem sie mehr lebendige Folge haben.

Brief an Philipp Christoph Kayser, 23. Januar 1786

Corona-Prophezeiungen  

Auch muss ich selbst sagen, halt ich es für wahr, dass die Humanität endlich siegen wird, nur fürcht‘ ich, dass zu gleicher Zeit die Welt ein großes Hospital und einer des andern humaner Krankenwärter werden wird.

An Charlotte von Stein, 9. Juni 1784

Kinder haben Selbstbetrug nicht nötig  

Die Kinder ein rechter Probierstein auf Lüge und Wahrheit, es ist ihn noch gar nicht so sehr wie den Alten um den Selbstbetrug not.

Brief an Charlotte von Stein, 5. Oktober 1783

 An die Zensoren

Du verstehst mich, ich meyne die Zeitung und sage dir redlich,
Sie ist die gefährlichste Schrift indem sie die Tollheit
Die Verruchtheit der Menschen, den Leichtsinn, die Dummheit und
Was nur jeden Plan der Vernunft zerstört so deutlich darlegt.
Da ist keiner er sey so toll und dumm er findet noch schlimmere
Wercke da oder dort. […]

Könnt ihr also die Menschen nicht hindern zu hören was täglich
Außer ihnen geschieht so laßt sie auch ohne Bedencken
Ohngehindert sie hören was außer ihnen gemeynt wird.

Wär ich ein Fürst ich ließe sogleich aufrührische Schriften
Alle kaufen und theilte sie aus damit sich ein jeder
Satt dran läße damit nichts tolles könne gesagt seyn
Was man nicht läse bey mir. Allein ich würde zugleich auch
Jeden Zweck der Thätigkeit ehren von dem an der die Erde
Sie zu befruchten bewegt bis zu den geistigen Denckern
Oder Künstlern.


Von der Vielzahl der Welten

 Ja, wenn wir unser Gehirn und den Zusammenhang desselben mit dem Uranus und die tausendfältigen einander durchkreuzenden Fäden kennten, worauf der Gedanke hin und her läuft! So aber werden wir der Gedankenblitze immer dann erst inne, wann sie einschlagen. Wir kennen nur Ganglien, Gehirnknoten; vom Wesen des Gehirns selbst wissen wir soviel als gar nichts. Was wollen wir denn also von wissen? Man hat es Diderot sehr verdacht, daß er irgendwo gesagt: wenn noch nicht ist, so wird er vielleicht noch. Gar wohl lassen sich aber nach meinen Ansichten von der Natur und ihren Gesetzen Planeten denken, aus welchen die höhern Monaden bereits ihren Abzug genommen, oder wo ihnen das Wort noch gar nicht vergönnt ist. Es gehört eine Constellation dazu, die nicht alle Tage zu haben ist, daß das Wasser weicht und daß die Erde trocken wird. So gut wie es Menschenplaneten giebt, kann es auch Fischplaneten und Vogelplaneten geben. 

Ich habe in einer unserer früheren Unterhaltungen den Menschen das erste Gespräch genannt, das die Natur mit sich hält. Ich zweifle gar nicht, daß die Gespräch auf andern Planeten viel höher, tiefer und verständiger gehalten werden kann. Uns gehen vor der Hand tausend Kenntnisse dazu ab. Das Erste gleich, was uns mangelt, ist die Selbstkenntniß nach dieser kommen alle übrigen. Streng genommen kann ich von doch weiter nichts wissen, als wozu mich der ziemlich beschränkte Gesichtskreis von sinnlichen Wahrnehmungen auf diesem Planeten berechtigt, und das ist in allen Stücken wenig genug.

Gespräche

Goethe verdammt die Schmeichelwörter

Redensarten, welche der Schriftsteller vermeidet, sie jedoch dem Leser beliebig einzuschalten überläßt.

Aber. Gewissermaßen. Einigermaßen. Beinahe. Ungefähr. Kaum. Fast. Unmaßgeblich. Wenigstens. Ich glaube. Mich deucht. Ich läugne nicht. Wahrscheinlich. Vielleicht. Nach meiner Einsicht. Wenn man will. So viel mir bewußt. Wie ich mich erinnere. Wenn man mich recht berichtet. Mit Einschränkung gesprochen. Ich werde nicht irren. Es schwebt mir so vor. Eine Art von. Mit Ausnahme. Ohne Zweifel. Ich möchte sagen. Man könnte sagen. Wie man zu sagen pflegt. Warum soll ich nicht gestehen. Wie ich es nennen will. Nach jetziger Weise zu reden. Wenn ich die Zeiten nicht verwechsle. Irgend. Irgendwo. Damals. Sonst. Ich sage nicht zu viel. Wie man mir gesagt. Man denke nicht. Wie natürlich ist. Wie man sich leicht vorstellen kann. Man gebe mir zu. Zugegeben. Mit Erlaubniß zu sagen. Erlauben Sie. Man verzeihe mir. Aufrichtig gesprochen. Ohne Umschweife gesagt. Geradezu. Das Kind bei seinem Namen genannt. Verzeihung dem derben Ausdruck.

Vorstehende Sammlung, die sowohl zu scherzhaften als ernsten Betrachtungen Anlaß geben kann, entstand zur glücklichen Zeit, da der treffliche Fichte noch persönlich unter uns lebte und wirkte. Dieser kräftige entschiedene Mann konnte gar sehr in Eifer gerathen, wenn man dergleichen bedingende Phrasen in den mündlichen oder wohl gar schriftlichen Vortrag einschob. So war es eine Zeit, wo er dem Worte gewissermaßen einen heftigen Krieg machte. Dieß gab Gelegenheit näher zu bedenken, woher diese höflichen, vorbittenden, allen Widerspruch des Hörers und Lesers sogleich beseitigenden Schmeichelworte ihre Herkunft zählen. Möge diese Art Euphemismus für die Zukunft aufbewahrt sein, weil in der gegenwärtigen Zeit jeder Schriftsteller zu sehr von seiner Meinung überzeugt ist, als daß er von solchen demüthigen Phrasen Gebrauch mach  

Goethe, Literatur: Über Kunst und Altertum   


Goethe erfindet die Evolutionstheorie

"Kein Apfel wächst mitten am Stamme, wo Alles rauh und holzig ist. Es gehört schon eine lange Reihe von Jahren und die sorgsamste Vorbereitung dazu, so ein Äpfelgewächs in einen tragbaren, weinichten Baum zu verwandeln, der allererst Blüthen und sodann auch Früchte hervortreibt. Jeder Apfel ist eine kugelförmige, compacte Masse und fordert als solche beides, eine große Concentration und auch zugleich eine außerordentliche Veredelung und Verfeinerung der Säfte, die ihm von allen Seiten zufließen. Man denke sich die Natur, wie sie gleichsam vor einem Spieltische steht und unaufhörlich au double! ruft, d. h. mit dem bereits Gewonnenen durch alle Reiche ihres Wirkens glücklich, ja bis ins Unendliche wieder fortspielt. Stein, Thier, Pflanze, alles wird nach einigen solchen Glückswürfen beständig von neuem wieder aufgesetzt, und wer weiß, ob nicht auch der ganze Mensch wieder nur ein Wurf nach einem höhern Ziele ist?"

(Gespräch mit Falk, 1809)

Gegen Leiden hilft nur Zerstreuung

Keine seiner Fähigkeiten ist dem Menschen werter als die Einbildungskraft. Das menschliche Leben scheint so wenig auf Glück berechnet, daß man nur mit Hilfe einiger Schöpfungen und gewisser Bilder, nur durch glückliche Wahl unserer Erinnerungen die verteilten Freuden der Erde sammeln, und, nicht durch die Kraft der Philosophie, sondern durch die weit mächtigere Wirkung der Zerstreuungen gegen die Leiden zu kämpfen vermag, die uns das Schicksal auferlegt.

Wenn man nur mäßiger wäre

Meine Tage waren von morgens bis in die Nacht besetzt. Man könnte noch mehr, ja das unglaubliche thun, wenn man mäßiger wäre. das geht nun nicht. Wenn nur jeder den Stein hübe, der vor ihm liegt. Doch sind wir hier sehr gut dran. Alles muss zuletzt auf einen Punkt, aber eherne Geduld, ein steinern Aushalten. Wenns nur immer schön Wetter wäre. Wenn die Menschen nur nicht so pover innerlich wären. und die reichen so unbehülflich. Wenn pppp. Ordnung hab ich nun in allen meinen Sachen, nun mag Erfahrenheit, Gewandtheit auch an kommen. Wie weit ists im kleinsten zum höchsten 

(Tagebuch)

 

Apologie der Tätigkeit


Gott helfe weiter, und gebe Lichter, daß wir uns nicht selbst so viel im Weg stehn. Lasse uns von Morgen zum Abend das gehörige tun und gebe uns klare Begriffe von den Folgen der Dinge. 

(Goethe, Tagebuch)

Man darf sich nur ein wenig lässig finden lassen und die Zeit rutscht weg, man weiß nicht wo sie hinkömmt.

An Friedrich Wilhelm Riemer, 14. Januar 1813

Selig im ersten Sinn ist nun unser Wieland, er ist in seinem Herrn entschlafen und ohne sonderliches Leiden zu seinen Göttern und Heroen herübergegangen. Was Talent und Geist, Studium, Menschenverstand, Empfänglichkeit und Beweglichkeit, verbunden mit Fleiß und Ausdauer, vermögen utile nobis proposuit exemplar. Wenn jeder seine Gaben und seine Zeit so anwenden wollte, was müßten für Wunder geschehen!

An Wilhelm von Humboldt, 8. Februar 1813 

möge ich immer vernehmen, daß Sie in behaglicher Thätigkeit fortfahren, sich und andern zu genügen 

(an P.A. Wolff, 4.7.1819) 

 

Ich bin recht wohl überzeugt, daß durch That, Kunst, Liebe die größten Widersprüche gehoben werden; wie es aber der Wissenschaft gelingen wird, lasse ich dahin gestellt seyn. 

(Goethe an Humboldt, 22.08.1806)

Der Anti-Prokrastinator

Drum thu' wie ich und schaue, froh verständig,
Dem Augenblick in's Auge! Kein Verschieben!
Begegn' ihm schnell, wohlwollend wie lebendig,
Im Handeln sei's zur Freude, sei's dem Lieben;
Nur wo du bist sei alles, immer kindlich,
So bist du alles, bist unüberwindlich.

(Elegie) 

Revolutionäres

Die christliche Religion ist eine intentionierte politische Revolution, die, verfehlt, nachher moralisch geworden ist. 

Gesetzgeber oder Revolutionärs, die Gleichsein und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Charlatans.

Eingebildete Gleichheit: das erste Mittel, die Ungleichheit zu zeigen.

Jede Revolution geht auf Naturzustand hinaus, Gesetz- und Schamlosigkeit. (Pikarden, Wiedertäufer, Sansculotten.)

Vor der Revolution war alles Bestreben; nachher verwandelte sich alles in Forderung.

(Maximen und Reflexionen)


Bücher und Meinungen  

Erste Epistel

Reden schwanken so leicht herüber hinüber, wenn viele
Sprechen und jeder nur sich im eigenen Worte, sogar auch
Nur sich selbst im Worte vernimmt, das der andere sagte.
Mit den Büchern ist es nicht anders. Liest doch nur jeder
Aus dem Buch sich heraus, und ist er gewaltig, so liest er
In das Buch sich hinein, amalgamirt sich das Fremde.
Ganz vergebens strebst du daher durch Schriften des Menschen
Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden;
Aber bestärken kannst du ihn wohl in seiner Gesinnung,
Oder wär' er noch neu, in dieses ihn tauchen und jenes.

Sag' ich, wie ich es denke, so scheint durchaus mir, es bildet
Nur das Leben den Mann und wenig bedeuten die Worte.
Denn zwar hören wir gern, was unsre Meinung bestätigt,
Aber das Hören bestimmt nicht die Meinung; was uns zuwider
Wäre, glaubten wir wohl dem künstlichen Redner; doch eilet
Unser befreites Gemüth, gewohnte Bahnen zu suchen.
Sollen wir freudig horchen und willig gehorchen, so mußt du
Schmeicheln. Sprichst du zum Volke, zu Fürsten und Königen, allen
Magst du Geschichten erzählen, worin als wirklich erscheinet,
Was sie wünschen, und was sie selber zu leben begehrten.


Das Gewohnheitstier

Die Liebe, deren Gewalt die Jugend empfindet, ziemt nicht dem Alten; so wie alles, was Productivität voraussetzt. Daß diese sich mit den Jahren erhält, ist ein seltner Fall.   

Alle Ganz- und Halbpoeten machen uns mit der Liebe dergestalt bekannt, daß sie müßte trivial geworden sein, wenn sie sich nicht naturgemäß in voller Kraft und Glanz immer wieder erneute.  

Der Mensch, abgesehen von der Herrschaft, in welcher die Passion ihn fesselt, ist noch von manchen nothwendigen Verhältnissen gebunden. Wer diese nicht kennt oder in Liebe umwandeln will, der muß unglücklich werden.

Alle Liebe bezieht sich auf Gegenwart; was mir in der Gegenwart angenehm ist, sich abwesend mir immer darstellt, den Wunsch des erneuerten Gegenwärtigseins immerfort erregt, bei Erfüllung dieses Wunsches von einem lebhaften Entzücken, bei Fortsetzung dieses Glücks von einer immer gleichen Anmuth begleitet wird, das eigentlich lieben wir, und hieraus folgt, daß wir alles lieben können, was zu unserer Gegenwart gelangen kann; ja, um das Letzte auszusprechen: die Liebe des Göttlichen strebt immer darnach, sich das Höchste zu vergegenwärtigen.   

Ganz nahe daran steht die Neigung, aus der nicht selten Liebe sich entwickelt. Sie bezieht sich auf ein reines Verhältniß, das in allem der Liebe gleicht, nur nicht in der nothwendigen Forderung einer fortgesetzten Gegenwart. 

Diese Neigung kann nach vielen Seiten gerichtet sein, sich auf manche Personen und Gegenstände beziehen, und sie ist es eigentlich, die den Menschen, wenn er sie sich zu erhalten weiß, in einer schönen Folge glücklich macht. Es ist einer eignen Betrachtung werth, daß die Gewohnheit sich vollkommen an die Stelle der Liebesleidenschaft setzen kann, sie fordert nicht sowohl eine anmuthige als bequeme Gegenwart, alsdann aber ist sie unüberwindlich. Es gehört viel dazu, ein gewohntes Verhältniß aufzuheben, es besteht gegen alles Widerwärtige; Mißvergnügen, Unwillen, Zorn vermögen nichts gegen dasselbe, ja es überdauert die Verachtung, den Haß. Ich weiß nicht, ob es einem Romanschreiber geglückt ist, dergleichen vollkommen darzustellen, auch müßte er es nur beiläufig, episodisch unternehmen; denn er würde immer bei einer genauen Entwickelung mit manchen Unwahrscheinlichkeiten zu kämpfen haben.

(Verhältniß, Neigung, Liebe, Leidenschaft, Gewohnheit. )


Gelehrte und ihr Wort-Credo

Wie ich denn immer bemerkt habe, daß mit Geschäfts-und Weltleuten, die sich gar vielerlei aus dem Stegreife müssen vortragen lassen und deshalb immer auf ihrer Hut sind, um nicht hintergangen zu werden, viel besser auch in wissenschaftlichen Dingen zu handeln ist, weil sie den Geist frei halten und dem Referenten aufpassen, ohne weiteres Interesse, als eigene Aufklärungen; da Gelehrte hingegen gewöhnlich nichts hören, als was sie gelernt und gelehrt haben und worüber sie mit ihres Gleichen übereingekommen sind. An die Stelle des Gegenstandes setzt sich ein Wort-Credo, bei welchem denn so gut zu verharren ist als bei irgend einem andern. 

(Campagne in Frankreich)


Wenns nur immer schön Wetter wäre

Meine Tage waren von Morgends bis in die Nacht besezt. Man könnte noch mehr, ia das unglaubliche thun wenn man mäsiger wäre. das geht nun nicht. Wenn nur ieder den Stein hübe der vor ihm liegt. doch sind wir hier sehr gut dran. alles muss zulezt auf einen Punckt, aber Ehrne Gedult, ein steinern Aushalten. Wenns nur immer schön Wetter wäre. Wenn die Menschen nur nicht so pover innerlich wären. und die reichen so unbehülflich. Wenn pppp. Ordnung hab ich nun in allen meinen Sachen, nun mag Erfahrenheit, Gewandheit pp auch an kommen. Wie weit ists im kleinsten zum höchsten

Bey Gott es ist kein Canzellist der nicht in einer Viertelstunde mehr gescheuts reden kan als ich in einem Vierteljahr Gott weis in zehn iahren thun kann. dafür weis ich auch was sie alle nicht wissen und thu was sie alle nicht wissen, oder auch wissen. Ich fühle nach und nach ein allgemeines Zutrauen und gebe Gott dass ichs verdienen möge, nicht wies leicht ist, sondern wie ichs wünsch. Was ich trage an mir und andern sieht kein Mensch. Das beste ist die tiefe Stille in der ich gegen die Welt lebe und wachse, und gewinne was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können.

(Tagebuch, 1780)

Die Weltgeschichte führt auch nur Selbstgespräche

Mir ist also die Weltgeschichte um so viel aus eigenem Mitleben bekannt geworden.

Diese langen Jahre durch versäumte ich nicht, ferner und näher mit den Weltereignissen in Berührung kommend, darüber zu denken und nach einer individuellen Weise die Gegenstände mir zu ordnen und einen Zusammenhang auszubilden.

Was konnte mir daher erwünschter seyn als mich in ruhigen Stunden, nach Bequemlichkeit und nach Belieben, mit einem solchen Mann zu unterhalten, der nach seiner klaren, treuen und kunstfertigen Weise mir dasjenige vorzuführen versprach, worüber ich zeitlebens zu denken hatte und durch die tagtäglichen Folgen jener großen Jahresreihe immer fortzudenken genöthigt bin.

Dieses schreibe vorläufig nieder, eben als ich das Lesen dieses nach In wie fern Werkes beginne, und gedenke, was mir wichtig schien in der Folge gleichfalls nach und nach niederzulegen.

Alsdann möchte sich zeigen was mir neu war, theils weil ich es nicht erfuhr noch bemerkte, noch dasselbe in seiner eigentlichen Bedeutung anerkannte; ferner, welche Combinationen, Ein- und Übersichten mir besonders wichtig geworden.

Hiebey wird an der Betrachtung das Meiste zu gewinnen seyn, daß, wie jedes Individuum, sich die Weltgeschichte nur selber vernimmt, die Zeitungen im eigenen Sinne liest; so auch keine Parthey, keine Nation hierin ganz rein zu verfahren fähig ist, sondern vielmehr immer erwartet und aufsucht, was ihren Begriffen zusagt und ihren Leidenschaften schmeichelt.

(zu Walter Scott, 'Leben Napoloeons')


Klarheit statt Aufklärung

Man beobachtet den Theologen, man spottet über den Mediciner, man scherzt über den Philosophen, man läßt den Juristen gewähren, und bedenkt nicht, daß alle diese Männer von der Zeit gebildet werden und die Zeit bilden helfen, und daß alles was sie lehren auf das bürgerliche Leben den größten Einfluß hat. Es war vielleicht niemals nöthiger als zu unserer Zeit, über dasjenige deutlich zu sein, was um und neben uns geschieht, zu einer Zeit, wo das wechselseitige Mißtrauen fast unvermeidlich ist. Man könnte gern Publicität und Aufklärung vermissen, wenn Offenheit und Klarheit an ihre Stelle treten könnten.

(Ueber die verschiedenen Zweige der hiesigen Tätigkeiten)

Das Glück schwebt im Weiten

Die kleine Anzahl nothwendiger und gewisser Wahrheiten wird niemals Geist und Herz völlig befriedigen; wer sie entdeckt, hat ohne Zweifel den höchsten Ruhm, aber auch nützlich für das menschliche Geschlecht haben die Verfasser solcher Werke gearbeitet, die uns rühren oder angenehm betrügen. Will man die Leidenschaften des Menschen mit metaphysischer Genauigkeit behandeln, so thut man seiner Natur Gewalt. Auf dieser Erde gibt es nur Anfänge; keine Gränze ist bezeichnet, die Tugend steht fest, aber das Glück schwebt im Weiten; und wenn es eine Untersuchung nicht aushält, wird es durch sie vernichtet, wie glänzende Nebelbilder, aus leichten Dünsten emporsteigend, für den verschwinden, der durch sie hindurch geht.

Versuch über die Dichtungen

Vom Nutzen der Übel

Die Geschichte meiner Wanderungen teilt sich in zwei Epochen, eine günstige und eine widerwärtige. …. Auch die Übel sind nicht ohne Vorteil geblieben; denn ich habe gelernt, dass man bei meiner Taille, mit Rheumatismus in der Schulter, doch onch, wenn’s Not tut, enge seidne Strümpfe selbst anziehen kann.

An Constanze von Fritsch, 17. Juli 1815 


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