Minutiae. Texte * Bilder * Gedanken


Deutschlandreisen


  • Die Heilige Lioba und die "touristische Unterrichtungstafel"
  • Industriekultur und Strukturwandel. Eine Reise durchs Ruhrgebiet
  • Auf der Meyer-Werft: Krane, Kreuzfahrten und andere Metaphern
  • Im Auswanderhaus Bremen: Geschichte und Kritik
  • Wir müssen draußen bleiben! Ein Bonn-Besuch
  • München, Monaco - und Wiesbaden
  • Rückkehr nach Freiburg, oder: Ein technisches Missverständnis


 Die Heilige Lioba und die „touristische Unterrichtungstafel"

Gelegentlich, in meinen schwächeren Träumen, träume ich davon, eine Deutschlandreise auf den Spuren der braunen Schilder (korrekt heißen sie: „touristische Unterrichtungstafeln“, wirklich wahr, und es gibt einen Wikipedia-Artikel dazu, und gesetzlich geregelt sind sie in der StVO!) zu machen. Warum sich nicht einmal verleiten lassen, die „Waffenstadt Suhl“ zu besuchen (warum man ausgerechnet damit prahlt, wird mir sonst immer ein Rätsel bleiben)? Oder, Deutschland ist ja nicht nur das Land der meisten Brotsorten, allen kuriosen Museen einen Besuch abzustatten, vom Feuerwerk- und Röntgenmuseum bis hin zu Knopf- und Puppenstubenmuseum? Auch auf den Spuren der „Industriekultur“ ließe sich trefflich wandern, vor allem im eher weltkulturerbe- oder biosphärenfernen Westen der Republik; und zwischendurch ein Stopp in der Goethe-Chocolaterie oder der Viba Nougat Welt würde für die nötige Versüßung sorgen! Nun, ein neues Corona mag kommen, wir sind gerüstet, und es gibt angeblich sogar eine App, die alle braunen Schilder verzeichnet und erläutert!

An diesem einen braunen Schild nun waren wir bisher achtlos vorbeigefahren, doch am Wochenende sprang mich kurz vor Fulda die „touristische Unterrichtungsstafel“ an, die auf die „Hl. Lioba auf dem Petersberg“ hinwies. Wer um Himmelswillen war die Hl. Lioba, und womit hatte sie sich eine „touristische Unterrichtungstafel“ verdient? Und so vertiefte ich mich zwischen Fulda und Würzburg – die Hohe Rhön zog vorbei, mit diversen weiteren braunen Schildern, die ich heute leider ignorieren musste – in den entsprechenden Wikipedia-Artikel, der mich hinreichend zum Staunen brachte; das nächste Mal, wenn wir wieder waghalsig die Republik in dem Baustellen-Hindernis-Gekurve durchqueren, das sich „Autobahn“ nennt, werden wir ganz gewiss ihre Grabeskirche besuchen!
Heute aber ein paar Worte zum Gedenken an die Hl. Lioba (ihr eigentlicher Heiligengedenktag ist der 28. September, aber bis dahin haben wir alles wieder vergessen): Jungfrau, Gelehrte, Freundin großer Männer und Frauen, Lehrerin von Lehrerinnen, Klostergründerin und Managerin mittelständischer Betriebe! Denn Liobas Leben, überliefert in einer eigenen kleinen Heiligen-Vita, war alles andere als düster und mittelalterlich. Es  hatte eine klare und profane Seite, das gelebte Leben nämlich; und es hatte eine angenehm mystisch-dunkel schimmernde, die es begleitenden Wunder und Legendengeschichten nämlich. Bleiben wir zuerst im vertrauten Medium des Klaren!

Lioba wurde geboren als Truthgeba (die Gottesgabe) in eine hochgestellte Familie, die bekannt war mit dem einflussreichen Bischof Bonifatius (dem „Missionar der Deutschen“). Ihre Mutter soll vor der Geburt geträumt haben, dass eine Kirchenglocke in ihrem Schoss zu läuten begann, weshalb das lang erwartete Einzelkind folgerichtig der Kirche gewidmet wurde. Als „Lioba“ (die Liebende) wurde sie zur Ausbildung nach England ins Kloster geschickt, und schon früh erwies sie sich als Muster aller Tugenden und als besonders bildungs- und lesehungrig. Lioba machte einen steilen Aufstieg in der Klosterhierarchie, und schließlich forderte Bonifatius sie nach längerer persönlicher Korrespondenz direkt zur Unterstützung seines weiteren Missionswerkes in Thüringen an. Lioba wurde Äbtissin, gründete weitere Klöster, richtete eine Lehrerinnenschule ein, die für den pädagogischen Nachwuchs der neugegründeten Klöster sorgte, und blieb bei all dem, ihrer Vita zufolge – demütig, immer heiter, ein reiner Sonnenschein an Freundlichkeit und ein Wunder an (weiblicher!) Gelehrsamkeit in der Schrift. Sie wurde an Königshöfe als Politikberaterin berufen und schloss Freundschaft mit Hildegard, einer der Ehefrauen Karls des Großen; und sie förderte die Beteiligung von Frauen am Missionswerk, wo sie nur konnte. Wohl auch deshalb übertrug ihr Bonifatius vor seiner Abreise ins heidnische Friesland die Fortführung eben dieses Missionswerks; und er bestimmte, dass sie gemeinsam ihm bestattet werden sollte, auf dass sie dereinst gemeinsam den großen Tag der Auferstehung erleben würden.

Bonifatius starb, erwartungs- und plangemäß, seinen Märtyrertod im fernen Friesland; Lioba aber wurde älter und kränker und verlor an politischem Einfluss. Immerhin durfte sie sein Grab im Dom-Kloster in Fulda aufsuchen, der Zutritt war Frauen sonst verboten. Aber an seiner Seite, im gleichen Grab nämlich, wurde sie dann doch nicht bestattet; das ließen die Nachfolger nicht zu, angeblich aus Pietät. Immerhin kam sie neben ihn in den Dom. Doch dann musste auch ihr Grab verlegt werden; denn inzwischen hatte sich ihr Ruf verbreitet, viele Frauen kamen, um zu ihr zu beten – und hatten wiederum keinen Zutritt zur Mönchsklausur des Fuldaer Doms. Und deshalb wurde ihr Leichnam in die Kirche St. Peter auf dem Petersberg verlegt, wo sie heute (nach einigen postmortalen Irrfahrten wieder) liegt und wohin ein braunes Unterrichtungsschild uns weist.

Nun zur dunklen, mystischen Hälfte; dafür nur kurz die beste Geschichte aus dem üblichen Wunder-Repertoire. Sie nimmt von einem interessanten Traum ihren Ausgang und etabliert eine interessante Metapher. Denn eines Nachts träumte Lioba auf ihrem sicherlich kargen und keuschen Klosterbett, dass ihr ein Purpurfaden aus dem Mund herauswachse, der immer länger und länger wurde und sich schließlich nicht mehr zu einem Knäuel wickeln ließ. Das hört sich nun eher nach einem Alptraum an und hinterlässt ein fusseliges Gefühl in der Kehle, aber wir haben natürlich nicht die Deutungshoheit der weisen Klosterältesten, die mit der Gabe der Weissagung ausgestattet war. Und sie kommentierte: Der Purpurfaden sind die guten und weisen Lehren, die aus dem Herzen Liobas hervorquellen (deshalb wahrscheinlich purpurrot?). Dass sie zu einem runden Knäuel sich fügen, demonstriere den notwendigen Zusammenhang der Höhe der Gottseligkeit mit der Tiefe des menschlichen Mitleidens, wie er im aus Lioba entweichenden göttlichen Wort gegeben sei! Etwas verknäuelt, fürwahr; zudem scheint das göttliche Wort am Ende ja derart überwältigend gewesen zu sein, dass es sich nicht mehr knäueln wollte? Aber egal, wir wollen uns keinesfalls unziemlich erheben, weder über weissagende Träume (ach, wenn wir doch gelegentlich auch welche hätten und nicht immer nur den Zug verpassen würden!), noch über die Notwendigkeit menschlicher Orientierung am Leitfaden kluger und weiser Worte (notfalls auch anhand von „touristischen Unterrichtungstafeln“). Zudem hegen wir den Verdacht, dass die Faden-Legende – nun, vielleicht eine spezifisch weibliche Bildlichkeit abspult? Irgendwie schwer vorzustellen, dass dem Hl. Bonifatius Bindfäden aus dem Mund gewachsen wären und er daraus Wollknäuel gedreht hätte. Ach ja, und außerdem legten verzweifelte Frauen gern kranke Kinder in Liobas leeren Steinsarkophag nach der Umbettung; der deshalb im Volksmund auch der „Schreistein“ hieß. Und in Tauberbischofsheim, einer ihrer wesentlichen Wirkungsstätten, verehrt man sie nach einem Gelöbnis des Stadtpfarrers vom 23. September 1945 als Patronin für ihren Beistand beim Fliegerangriff am 21. Juli 1944 mit einem Liobatag: Die Geschäfte sind geschlossen, und in den Kirchen werden Liobabrötchen verteilt.

Ende der Umleitung. Aber: Solch Honig kann man aus einer braunen „Unterrichtungstafel“ saugen!


Industriekultur und Strukturwandel. Eine Reise durchs Ruhrgebiet


Bodenständiges. „Industrie“ und „Kultur“

Die ältere Dame kannte sich aus. Sie war von hier, sie hatte in ihrer Jugend noch den Kohlenstaub in der Luft gerochen, und sie kannte alle Zechen bei ihren offiziellen und heimlichen Namen. Sie hatte in der Stahlindustrie gearbeitet, immerhin im Verkauf: Denn bis heute sind Bergwerke frauenfreie Zonen, Frauen arbeiten allenfalls in der Verwaltung. Aber Verkauf – nein, das war eine Ausnahme und ein Privileg. Und man hatte sie durch den Betrieb geführt damals; mit Astronautenkleidung, die wahrscheinlich zu groß war, sind sie am Hochofen gestanden, wenn der Abstich stattfand, der mystische Akt, der alchemistische Höhepunkt einer langen, komplizierten technischen Zeremonie – sie sollten wissen, worüber sie sprechen, wenn sie das Endprodukt dieser mit Riesenmonstern von Maschinen hergestellten Prozedur verkauften, in die Nachbarschaft oder später auch ins Ausland. Nein, sie wusste definitiv, wovon sie sprach, und das war nicht so selbstverständlich, wie es sich anhört, wenn man einen Führungsausweis um den Hals trägt und die entscheidenden Schlüssel in der Hosentasche; wir werden sehen, wie sehr man auch nicht wissen kann, wovon man spricht. Aber jetzt stehen wir erst einmal am Modell der Gesamtanlage vor der Kokerei in der Zeche Zollverein, Weltkulturerbe seit geraumer Zeit und Ikone des „Strukturwandels“ des Ruhrgebiets (auch davon wird noch gesprochen werden), und sie sagt: Viele würden ja fragen, was das eigentlich sei, „Industriekultur“ – Kultur seien doch eigentlich Kathedralen und Paläste, halt das, was der Eingeweihte „Hochkultur“ nennt; aber das hier seien ja nur – Industrieanlagen, ziemlich groß und ziemlich verrostet? Aber man könne nicht viel drumherum reden, sagte die Dame mit der dem Ruhrpott bis heute eigenen quasi-charmanten Direktheit: Sie hätten halt nichts anderes hier!

Das fand ich zwar sehr schön und entwaffnend ehrlich; aber man hätte auch ruhig ein wenig mehr in den Angriff gehen können, um die dem Pott so urwüchsig verbundene Fußballsprache zu verwenden: Denn zweifellos war das, was wir in den letzten Tagen gesehen hatten und heute noch sehen würden bei unserer Familien-Ruhrpott-Industriekultur-Tour, eine Form von Kultur. Eine ziemlich eigene, aber durchaus ausformulierte Kultur. Aber offensichtlich eben auch: eine für den Uneingeweihten schwer zu erkennende und noch schwerer anzuerkennende Form von Kultur. Denn, um unsere kenntnisreiche Dame noch einmal zu zitieren, das Wort Industrie-Kultur besteht aus zwei Teilen, nämlich – genau. Und was „Industrie“ ist, meint jede und jeder zu verstehen: Alles, was irgendwie Dinge herstellt, greifbare Dinge, und zwar in großen Mengen und in einem mehr oder weniger unverständlichen, aber auf jeden Fall mechanisierbaren und automatisierbaren Prozess, in dem meist Menschen mit Maschinen interagieren. So ungefähr (auf „ungefähr“ und „irgendwie“ werden wir zurückkommen).
Wir aber schauen erst einmal auf das Wort, weil wir das gern tun und weil Worte durchaus konkrete Dinge meinen, was in der neueren Wort-Industrie ja gern untergeht: Industrie also - wie so viele unserer Worte kam auch dieses aus dem Lateinischen, als Lehnwort (also sprachlicher Fremdarbeiter), und zwar von „instruere“, und das bedeutet: etwas herrichten, errichten oder ausrüsten (Wissen von Wikipedia); oder auch, als Adjektiv „industrius“ nämlich, „regsam, beharrlich, fleißig“; was dann in der Wanderung durch die europäischen Sprachen immer mehr zu „gewerblich“ mutierte. All das ist wichtig für das Wort und sein zumindest etwas wörtlicheres Verständnis: Dinge werden hergerichtet; um das zu tun, sind Menschen beharrlich und fleißig bei der Arbeit; und am Ende wird ein Gewerbe daraus, das Geld verdient. Wenn irgendein Glied dieser Kette bricht – das Wissen um die Herrichtung verloren geht, die Menschen nicht mehr beharrlich und fleißig arbeiten wollen oder können oder das Ganze kein Geld mehr verdient: ist es vorbei mit der Industrie, und es kommt: das Gespenst des Strukturwandels!

Aber wir eilen voraus. Denn vorerst haben wir noch einen zweiten Wortbestandteil, nämlich die „Kultur“. Natürlich auch aus dem Lateinischen, und auch eine längere Wortgeschichte samt sprachlichem Strukturwandel: Denn was zuerst die Bodenbearbeitung zwecks seiner Verbesserung war (was wir heute „Kultivierung“ nennen würden), wurde schon bei Cicero zu einer folgenreichen Metapher umgegraben, der „cultura animi“: der Geisteskultivierung durch die Künste, die Wissenschaften, die Gelehrsamkeit, aber auch: das gute Leben, die Verfeinerung, den Luxus; und vielleicht sogar: die Industrie? Denn „Kultur“, und das ist Segen und Fluch des Wortes bis heute, ist ein Wort, das durch immer stärkere Ausdehnung beinahe alles aufnehmen kann, bis hin zur Unternehmenskultur und der Esskultur und der Gesprächskultur – und inzwischen sogar die negativen Varianten wie etwa Misstrauenskultur oder Gewaltkultur. Und es kann all das aufnehmen, weil es eine strukturelle Leerformel ist: „Kultur“ ist ein gewachsener Zusammenhang unterschiedlichster Dinge; sie ist ein Acker, auf dem durch die verschiedensten äußeren Einflüsse in Wechselwirkung mit inneren Charakteristika – Bodenbeschaffenheit, Klimazone, Wetter, andere Umwelteinflüsse, Dünger, Bodenbearbeitung, Beharrlichkeit und Fleiß der Bauern, Qualität des Saatgutes, was auch immer – ein Produkt entsteht, das diesen Zusammenhang inkorporiert hat und jetzt nach außen trägt.

Was also könnte „Industriekultur“ sein? Man buchstabiere das aus. Es erwächst aus dem Ruhrgebiet als einer Landschaft mit einer bestimmten Geographie und Geologie (Flüsse und Kohleflöze); schreitet fort über seine Erschließung durch Straßen und Bevölkerungswachstum und gewinnt dann – und das ist der wesentliche Schritt! – eine Eigendynamik durch die immer besseren Methoden der Energieerzeugung und das immer tiefere Verständnis technischer Prozesse. Nun kommen die Ingenieure, es kommen die Maschinenbauer, es kommen die Arbeiter (viele aus der Fremde), und es wachsen die Anlagen und die Schornsteine und die Arbeitersiedlungen aus dem Boden. Und sie gedeihen eine Zeit lang, sie erzeugen als Sekundärprodukte Arbeitervereine und Knappschaften und Fußballclubs und Brieftaubenzüchter und katholische Kirchen. Derweil wird das Ruhrgebiet eine schwarzgraue Landschaft, in der sich der Staub und der Ruß über die weiße Wäsche (eines der wenigen weiblichen Ruhrpott-Narrative) und die kleinen Doppelhäuser samt Gärtchen und Wäldern legen. Ich war während meines Studiums eine kurze Zeit in Dortmund. Ich lebte zur Untermiete in einem schwarzgrauen Häuschen in einer Bergwerkssiedlung (die Zeche war schon lange geschlossen), meine Zimmerwirtin hieß Agnes Nickenig, sie hatte den rauen Charme der eingewanderten Ruhrpott-Bewohner, und sie kochte einfaches, solides Essen (aber noch keine Currywurst), und ich fand das alles irgendwie – auf eine eigenwillige Art sogar schön. Aber als ich durch meine alten, beim Berühren fast zerfallenden Fotoalben blättert, fand ich zu meiner Dortmunder Zeit – genau sieben Fotos, alle in Schwarzweiß. Ich habe die Gegend offenbar einfach nicht zur Kenntnis genommen. Industriekultur war zu hoch für mich; ich realisierte gerade noch, in einer ästhetischen Anmutung, dass man sie besser in Schwarz-Weiß fotografiert. Man könnte auch sagen: Ich hatte kein Organ dafür.

Erster Exkurs: Das Steigerlied

Diesen Befund fand ich auf eine seltsame Art und Weise bestätigt bei meiner Vorbereitung für diese Reise. Wie immer recherchierte ich wenigstens oberflächlich Reiseliteratur. Ich fand so gut wie nichts. Irgendwie schien diese spezifische Art von Kultur keine Literatur hervorgebracht zu haben? Es gibt nicht den großen Pott-Roman (oder ich habe ihn nicht gefunden). Es gibt Heinrich Böll, aber das grenzt eher peripher an den Pott; es gibt Schimanski, und das ist Populärkultur; es gibt Grönemeyers „Bochum“ und, wie ich später lernen würde: Es gibt das „Steigerlied“: die Hymne der Bergarbeiter, bis heute gesungen auf Schalke und bei diversen Traditionsveranstaltungen. Das rechtfertigt nun einen kurzen Exkurs, einfach, weil es nützliches unnützes Wissen ist!

Also, Kurzfassung für die kleine Weltkultur-Führung: Das Steigerlied stammt aus dem sächsischen Erzgebirge, dem anderen großen deutschen Kohle- und Eisenrevier; es ist tatsächlich verzeichnet im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes! (wahrscheinlich mit einer Inventarnummer, so geht Bürokratiekultur). Es ist, wie es sich für ordentliche kulturelle Traditionen gehört, sehr alt, geht nämlich zurück bis ins 16. Jahrhundert, aber natürlich mit textlichen Varianten. Und es thematisiert die harte und gefährliche Arbeit des Bergmannes sowie die große, große Rolle, die das Glück dabei spielt („Glück auf!“, vielleicht machen wir dazu später auch noch einen Exkurs?). Den Text druckt Wikipedia eher widerstrebend erst zu Ende des Artikels ab. Er ist nämlich zwar relativ eingängig (was ein anderes Wort für trivial ist), wie es sich für Hymnen und dergleichen gehört, aber auch heutzutage grenzwertig politisch unkorrekt. Here comes:

1. Glück auf, Glück auf! der Steiger kommt, und er
hat sein helles Licht bei der Nacht, und er hat sein helles
Licht bei der Nacht schon angezündt, schon angezündt.
2. Hat's angezündt; es giebt ein'n Schein, |: und damit fahren
wir (bei der Nacht) :| ins Bergwerk nein.
3. Die Bergleut sein so hüsch und fein; sie graben das feinste
Gold aus Felsenstein.
4. Der eine gräbt Silber, der andre Gold; und dem schwarz=
braunen Mägdelein, dem sein sie hold. -
5. Ade, süße Maid, ade, süße Maid! Und kehre ich nicht wieder
aus finsterem Schacht, dann ade, gute Nacht!

Ein „schwarzbraunes Mägdelein“? – nun, wir lassen sie dem Bergmann, der seltsamerweise „hübsch und fein“ ist; nicht direkt die geläufige Vorstellung, aber schließlich gräbt er Silber und Gold aus, nicht schmutzige schwarzglänzende Kohle. Nein, es geht nicht um die Feinheiten des Textes, es geht: um den Kontrast von Licht und Finsternis, von Höllenfahrt und Wiederauferstehung, von Abschied und – hoffentlich – guter Wiederkehr. Menschliche Grundthemen, übersetzt ins Bergmannsmilieu. Industriekultur, zweifellos, wenn auch etwas aufgehübscht. Aber gilt das nicht fürs Ganze –? Nein, später.

Was man aber auf keinen Fall zur Vorbereitung lesen sollte, ist ein philosophischer Versuch einer Liebeserklärung an das Ruhrgebiet (von Wolfram Eilenberger, er schreibt besser, wenn er wirklich philosophische Bücher schreibt). Denn irgendwie, irgendwie – thematisiert das Buch in typisch hochkultureller Meta-Manier vor allem den Versuch und sein notwendiges Scheitern selbst; die Ruhrgebiets-Identität, sie lässt sich nicht leicht finden, und dann kommt Corona noch dazu und wirft ihren Schleier über die ganze Welt, die vergraut wie das Ruhrgebiet, und vielleicht gab es nicht einmal mehr geöffnete Currywurst-Buden (ja, Trauma, wir kommen dazu), und notfalls endet man da, wo die meisten Suchmissionen nach der kulturellen Ruhrgebiets-Identität enden, nämlich: beim Fußball. Auf Schalke, dem legendären, das schon so lange keine Meister-Ehren mehr feiern konnte. Natürlich ist Fußball traditions- und identitätsstiftend, es gibt sogar eine Fankultur und desgleichen mehr; aber, na gut, ich gebe es zu: Es interessiert mich nicht so recht. Gibt es an vielen anderen Orten auch, funktioniert glänzend, zweifellos, und wegen mir sollen sie Steigerlied vom schwarzbraunen Mädel singen ohne Ende, wenn sie dafür weniger Kriege führen. Aber, um dann endlich die Curry-Wurst auch hinter uns zu bringen, das „Ruhrpott-Carpaccio“, wie ein Zechenlokal spottet: Es hat begrenzte kulturelle Entfaltungsmöglichkeiten. Ebenso wie eine Curry-Wurst nur eine begrenzte kulinarische Tiefenerfahrung ermöglicht (ich spreche nicht aus Erfahrung, aber Dinge, die man mit zu scharfer Sauce überkleistern muss, damit sie essbar werden, oder in Fett ausbraten, appellieren ein wenig an die niederen Instinkte; alles ok, aber bitte nicht jeden Tag!). Nein, esst Curry-Wurst mit Pommes Rotweiß und spielt Fußball auf Schalke, alles ok – aber Industriekultur scheint mir, mit Verlaub, doch mehr und Besseres und Anderes zu sein!

Veredelung. Ästhetik und Ikonographie der translatio industrialis

Es war nämlich so, dass ich gleich bei der Ankunft in unserem Hotel ziemlich in Ehrfurcht erstarrte. Das Hotel heißt „Alte Lohnhalle“, liegt auf einem Zechengelände samt rotem Fördergerüst und ist genau das: die alte Lohnhalle der Zeche Bonifacius in Essen, also das Verwaltungsgebäude samt Kantine. Aber es ist auch ein kleines Raumkunstwerk: eine imponierend hohe Halle mit reinen Jugendstilelementen; funktional, aber auch ein Raum zum Durchatmen und Aufschauen (Glück auf!). Natürlich war es in seinen Betriebszeiten wohl nicht so geschmackvoll leer und still inszeniert wie nun in den Zeiten des vermeintlich galoppierenden (aber faktisch eher lahmenden) Strukturwandels; aber in seiner Substanz ist es gelungene Architektur, nämlich: ein überschaubares Raumerlebnis mit Bedeutungsimpulsen. Ein wenig Herrschaftsarchitektur, ganz sicher, und ein Arbeiter, mag er noch so hübsch und fein gewaschen sein in der Waschkaue nach Schichtende, hatte vielleicht weder Lust noch Sinn zum Aufschauen? Aber vielleicht hatte er ja doch, und wir unterschätzen den Bergmann, der gar nicht nur an sein Mädel denkt, das schwarzbraune, und in welcher Kneipe um die Ecke er seinen Lohn am besten vertrinken kann? Der Bergmann, der Arbeiter, das unbekannte Wesen; wir werden darauf zurückkommen!

Aber die Lohnhalle war eindrucksvoll, ebenso wie das benachbarte Lokal, der „Wolperding“; und irgendjemand war gebildet und ironisch genug gewesen, um mitten in den kleinen Industriebau mit seiner deutlich erhaltenen technischen Innenausstattung auf das Gewölbe einen Ausschnitt aus der Sixtinischen Kapelle zu malen: natürlich den Schöpfungsmoment, die magische (Nicht-Ganz-)Berührung der Fingerspitzen zwischen Gott und Adam, dem ersten Geschaffenen, der bald genug ja verdammt wurde zu ewiger Arbeit: Im Schweiß seines Angesichts solle er fortan den Boden kultivieren müssen. Die erste Industrieerzählung, sozusagen, und sie formiert das Narrativ, vornehm gesagt, bis heute: Arbeit findet im Schweiße des Angesichts statt und ist ein Fluch. Also, körperliche Arbeit zumindest. Oder doch jede Arbeit? Die Moderne ist sich nicht ganz sicher und schwankt ein wenig ihren Haltungen; mal ist Arbeit sinnstiftend und unentbehrlich für die individuelle Identität wie die gesellschaftliche Wertschätzung, mal ist sie entfremdet und ausbeuterisch. Aber das vertagen wir, wir schicken den Bergmann erst einmal wieder vom Himmel hinunter in die Hölle der Arbeit unter Tage; Glück auf!

Wir hingegen begeben uns zur zweiten Station, der Zeche Zollern. Die Anlage ist, auf den ersten Blick, eher ein wohlgepflegtes Schloss mit verspielten Türmchen; oder ein etwas reicheres Kloster, mit Kräuter-Gärtlein und Kreuzgang vielleicht? Die Maschinenhalle hat Jugendstiltore mit bunten Glasfenstern, und das Licht fällt geradezu verklärt durch die hohen Fenster auf den dekorativ verteilten Maschinenpark. Die Steuerzentrale ist in einen großen Marmorblock eingebettet; und nichts erweckt auch nur den mindesten Anschein, dass hier einmal schmutzige Arbeit stattgefunden hat, es gestaubt und gelärmt hat. Die Maschinen kann man verstehen, wenn man etwas von Technik oder Physik versteht (dazu später); wenn nicht, kann man versuchen, sich in die die Ästhetik großer, ineinandergreifender Zahnräder einzusehen und die wohlgeformten Öllämpchen bewundern, die man am liebsten fürs Schlafzimmer mitnehmen würde, als Industriedesign. Die Lohnhalle ist hier noch prächtiger, man fühlt sich endgültig in einer Kathedrale angekommen, sogar die Streben sind verziert mit hölzernen wasserspeierartigen Köpfen. Demgegenüber erwecken die in der Waschkaue (nein, ich kann nicht widerstehen: das Wort kommt, wahrscheinlich wenigstens, von lateinisch „cavea“ für „Höhlung, Behältnis, Käfig“!) von Fleischerhaken an der Decke herabhängenden Kleider, Reihe für Reihe, ein wenig den Eindruck von Zombies, oder vielleicht besser: Vogelscheuchen der Industriearbeit? Und die Vorstellung, wie sich die Arbeiter nach der Schicht in der Kaue dem sicherlich zeitaufwändigen und anstrengenden Reinigungsprozess unterzogen, erweckt unschöne Lagererinnerungen. Aber vielleicht lassen wir die Phantasie auch hier in die andere Richtung laufen: Vielleicht ging es ja auch gelegentlich ganz lustig zu unter der Gemeinschaftsdusche, und hinterher fühlte man sich wie ein neuer Mensch, wenn man die saubere Kleidung vom Haken herabgezogen hatte und wieder einmal, für einen Tag, der Gefahr unter Tage entronnen war und sich seinen harten, ehrlichen, guten Lohn erarbeitet hatte? Ach, die Tücken von Narrativen, wir haben sie kennengelernt und wir lernen noch; aber es gibt immer mindestens zwei, wahrscheinlich aber: ziemlich viele Varianten, wie im Steigerlied!

Aber vorerst sind wir bei der Ikonographie und der Ästhetik der Industriekultur, und wir lernen: Sie ist natürlich, wie jede moderne Form von Kultur, nicht traditionslos; sie nimmt vielmehr architektonische Formen und Formeln auf und verwandelt sie, anverwandelt sie ihrem Kontext: translatio industrialis? Die Lohnhallen der Zechen sind die Kathedralen des Kommerzes, in dem das (Zweit-)Heiligste verwahrt wird: der Lohn aller Mühen, das Geld. Die Fördergerüste und Fördertürme sind die Merkzeichen der einzelnen Zechen, weit in den Himmel verkünden sie, dass hier gearbeitet wird am großen Werk, und sicherlich gab es einen heimlichen Wettbewerb, wer den Schönsten-Größten-Besten hatte. Die Maschinenhallen aber sind – ja, was eigentlich? Denn Hallen haben keine große architektonische Tradition; es sind ja eigentlich nur Gehäuse, und unter ihnen können Märkte stattfinden oder Gerichtstage oder Feierlichkeiten. Wahrscheinlich sind die Maschinenhallen am ehesten Königshallen; Orte, an denen sich das Volk sammelt vor dem Herrscher, und er sitzt: an der marmorkalten Schalterzentrale der Macht. Sein Hofstaat aber sind die Maschinen, und je besser ein Rädchen ins andere greift, desto besser und reibungsloser – man vergisst leicht, dass das Wort eigentlich auch eine Metapher ist! Reibungslos, wie geschmiert – läuft der Staat. Die Maschinen aber werden angetrieben von der Energie – aus dem Volk, der Arbeit der Vielen. Doch, die Maschinenhallen sind Königshallen; verwaist, sicherlich, aber noch mit einem Hauch von Erinnerung an diejenigen, die hier geschaltet und gewaltet haben.

Industrie-Mystik. Das „Herz aus Stahl“

Wenn man nun jedoch eine der wirklich großen Anlagen betritt, sei es ein Bergwerk oder ein Stahlwerk, mit ihren Myriaden an Gängen, Gebäuden, Schornsteinen, Bändern, Rohren, Behältnissen, Wägen und Maschinen, Maschinen, Maschinen – dann bekommt man eine wirkliche Vorstellung von einem Labyrinth: einem Ort, in dem man sich verlieren kann, der aber einen geheimen Sinn hat und hütet, einen inneren Minotaurus. Denn all die Rohre und Leitungen und Gänge führen zu einem Zweck, und der ist – aber wir sind noch nicht da. Vorerst steigen wir in der Dämmerung auf Hochofen 5 im Landschaftspark Duisburg-Nord, einem der Vorzeigeprojekte des Strukturwandels:  Park gewordene Industrie, samt seltenen Käfern und allen Arten von Biotopen. Wie es der Zufall will – oder das Glück, das aufstrebende? – blühen im Vorhof die Kirschbäume, eine Symphonie in Weiß unter verrostenden Rohren, ein berückender Kontrast. Aber es zieht uns mit den wenigen abendlichen Besuchern auf der Riesenanlage, zu Hochofen 5; dem größten Monster von allen. Es gibt mehrere Aufgänge, auf jedem von ihnen steht ein Schild: „Lebensgefahr, betreten verboten“!, aber sie sind nicht versperrt, und wir fühlen uns zwar etwas eingeschüchtert, aber nicht direkt abgehalten. Und so beginnen wir den Aufstieg, den beschwerlichen, Glückauf!, über hoffentlich stabile Metalltreppen, auf Tuchfühlung mit den Maschinen und Rohren des Hochofens und einem immer weiteren Blick auf die abendliche Landschaft, in der die Schlote immer noch Rauch ausstoßen und industrielle Lichter blinken; eine zweite Licht-Installation, die parallel zur pünktlich zur Dämmerung einsetzenden Light-Show in der Anlage selbst einsetzt, die die Schornsteine dezent rot aufleuchten lässt, hier neongrüne Akzente setzt und sie dort neonblau untermalt; neue Strukturen werden sichtbar, die großen Gebäudeteile werden zu geometrisch scharf gezeichneten Skulpturen, und die Fledermäuse fliegen auf halber Höhe zwischen den Gerüsten hindurch, blitzartig schnell und geräuschlos. Es ist ein ästhetisches Gefühl von, zweifellos: Erhabenheit, das sich parallel zum Aufstieg instinktiv einstellt: Überwältigung, mit einem winzigen Beigeschmack von Gefährdung; eigene Kleinheit gegenüber der metallgewordenen Überlegenheit der Bauwerke und Maschinen, Ehrfurcht, durchaus, vor dem Ingenieurgeist, der dies ersann, vor der menschlichen Arbeitsenergie, die das erschuf!

Von oben aber liegt einem die Landschaft zu Füßen; und es ist eine etwas spröde Landschaft in ihrer Mischung aus natürlicher Ebene und etwas unmotiviert aufsteigenden, gelegentlich seltsam geometrisch anmutenden Hügeln: den Halden nämlich, wo sich der Berg, der Abraum, die Schlacke auftürmen, all das, was man aus den Schächten herausgewühlt und erst einmal irgendwo abgeladen hat; was sollte man denn auch damit tun? Jetzt kann man darauf schlanke raumgreifende Skulpturen aufbauen, und Landschaft war sowieso nie nur Natur; denn natürlich musste man die Ruhr ein wenig umleiten, um Raum für das Hüttenwerk zu gewinnen, aber Flüsse leiten sich auch ganz von selbst gelegentlich um, nur in anderen Zeitskalen. Und dazwischen steigen alle Arten von Türmen auf, neben denen die eher wenigen Kirchtürme wie Zwerge aus einer anderen Welt wirken: hohe schlanke Schlote, die filigranen Metallkunstwerke der Fördergerüste, die bauchigen Kühltürme der Kraftwerke. Land der 1000 Schlote, so heißt die Kunstausstellung im Ruhrmuseum, und man versteht den Impuls: Das will gemalt werden! (oder, um die Führerin zu zitieren, die altersweise: Wir haben ja sonst nichts!) Keine Windräder, nirgends. So weit ist der Strukturwandel noch nicht gediehen.

Wir aber haben den Thron erklommen, und wir sehen steil hinab in den Schlund der Hölle: Von hier aus poltert das Eisenerz hinab, polternd und ungefragt, in den Hochofen, wo es in unvorstellbaren Temperaturen glüht, wo die Hitze rot wird und alles verschlingt. Ach, der Hochofen! Hier wird es zweifellos religiös: Der Hochofen ist der Altar der Anlage, in ihm wird geopfert, in unvorstellbaren Mengen, denn er ist ein gieriger Gott: Er will gefüttert werden, ständig, ohne Pause. Wenn man ihm aber geduldig opfert, in drei Schichten rund ums Jahr: Dann gibt er das feurig-glänzende Gold von sich, das reine Eisen nämlich, abgesondert von der Schlacke, den unreinen Resten. Die Zivilisierung der Menschen und ihre Kultivierung – das ist etwas ein wenig Unterschiedliches, für begriffsgeschichtlich Eingeweihte – wäre nicht denkbar gewesen ohne diesen Prozess, an dem die Menschheit seit mehreren tausend Jahren arbeitet. Auch das ist: Industriekultur!

Das Opfer aber endet am Fuße des Hochofens beim Abstich. Dem Moment, in dem mutige Männer in feuerfesten Gewändern ein Loch ganz unten in den birnenförmigen Hochofen stechen und sich das Roheisen nun gewaltig in lodernden Strömen in die kleinen Rinnen ergießt, die den Fußboden durchziehen. Wenn man es gut inszeniert, dann leuchtet die Öffnung wenigstens ein wenig mystisch von innen angestrahlt; ansonsten braucht man Phantasie und gute Abbildungen (der Moment wird gern in Gemälden dargestellt, zu Recht; er hat hochdramatisches Licht-Schatten-Potential!). Denn heute sieht das alles so – harmlos aus; die staubige, leicht abfallende Fläche vor dem Ofen hat etwas von einer langweiligeren archäologischen Ausgrabung auf einer Kleinstadtbaustelle für ein Parkhaus. Aber hier springt behände dasjenige Narrativ hinzu, das die Phantasie unterstützt: Es ist dasjenige des Unfalls! Denn was alles kann passieren an einem so gefahrvollen Arbeitsplatz! – und es schwingt immer ein Unglauben mit, der sehr typisch und schneeflockenartig naiv ist: Wie kann es nur möglich sein, hier zu arbeiten? Müsste man das nicht verbieten, irgendwie? Nein, kann man nicht verbieten. Man kann nur an den Sicherheitsmaßnahmen arbeiten, und das hat man auch. Aber die Männer, die man sieht auf dem großen Foto, aufgestellt als Team, aber fern von jedem Hauch von Posing; sie sind rußgeschwärzt, sie haben die Sicherheitskleidung geöffnet (es muss ziemlich warm gewesen sein darinnen) und sie sehen noch nicht einmal besonders kräftig-herkulaneisch-heldenhaft aus! Es sind vier Arbeiter, die sich gut kennen und aufeinander verlassen und die wissen, dass ihr Job der zentrale der ganzen Anlage ist: Sie haben das Privileg, sie haben die Verantwortung, sie haben die Gefahr. Vielleicht sind sie auch ein wenig stolz darauf, durchaus auch auf die damit verbundenen Gefahren? Vielleicht wollten sie gar keinen Büro-Job? Vielleicht haben sie es nicht nötig, in ihrer Freizeit adrenalin-fördernden Tätigkeiten nachzugehen, damit endlich ein wenig Aufregung und Gefahr in ihr allzu ruhiges Leben kommt? Wer weiß das schon? Die Abstichhalle jedoch ist zweifellos das Herz der Anlage, und das Graffiti an einer der Wände, „Mein Herz ist aus Stahl“ ist schon ziemlich richtig in jeder Hinsicht.

Erster Ausflug. The gilded age: Villa Hügel

Szenenwechsel, und Kontrast: Am Nachmittag besuchen wir die Krupp’sche Fabrikantenvilla, genannt nach ihrem Standort „Villa Hügel“; sie steht nämlich ein wenig erhoben über dem Ruhrtal, man sieht praktisch keine Schlote, sondern einen See mit weißen Segeln darüber getupft, und man könnte angesichts des strahlenden Sonnenscheins und der sich schon hier und da öffnenden ersten Rhododendren-Farbkleckse meinen, man sei in einen englischen Landschaftspark geraten, wenn nicht gar gleich an die Riviera. Es gibt aber kein Eis, sondern nur Currywurst im Gastro-Wagen, und, na gut: gar nicht so schlechten Kuchen und Kaffee. Den brauchen wir auch, weil uns die Villa erschlagen hat. Sie hat ein großes Haus, das so gut wie nur für Repräsentationszwecke gedacht ist und wirklich nicht einen einzigen Raum aufweist, in dem man gern wohnen möchte (das gilt sogar beinahe für das kleine Haus nebenan, aber man sieht natürlich nicht alle Räume). Die Bibliothek mag noch angehen, da gibt es halt deckenhohe Bücherregale mit repräsentativ gebundenen Bänden bunter Mischung; man kann auf die Gartenterrasse schauen und dem kleinen Rasenmäher-Roboter bei der Arbeit zuschauen. Es fahren übrigens sehr viele Rasenmäher-Roboter durch den Park, und vielleicht ist das ja ein Zeichen der Zeit: Niemand muss mehr heutzutage anstrengende körperliche und gelegentlich vielleicht sogar schweißtreibende Arbeit wie Rasenmähen mehr machen, nein, dafür gibt es kleine hilfreiche Diener! Man möchte sich nicht ausdenken, wie viele Diener nötig waren, um die Villa in Betrieb zu setzen und zu erhalten, wie viele Zahnräder und Zahnrädchen sich hinter den Holzkulissen und den meterhohen Wandteppichen ineinander drehen mussten, welche Bänder auf und ab liefen! Staatsgäste wurden hier natürlich empfangen ebenso wie Geschäftsfreunde, und man könnte sich Donald Trump vorstellen, wie er sich den Rasen vor seinem inneren Auge als Golfplatz vorstellt und einen kleinen Deal vorschlägt; beinahe zollfrei, versteht sich, wenn man vielleicht – nein, Schluss der Phantasie!

Der Bauherr, ein gewisser Herr Krupp, seine Nachfahren wurden später geadelt, hat große Teile des Baus selbst entworfen. Er hat großen Wert auf modernste Heiz- und Wassertechnik gelegt, einen Architekten nach dem anderen hinausgeworfen und am Ende hatte er dann seinen Palast: Neureich, protzig und trotz all der modernen Wärmetechnik kalt, sogar im kleineren Nebenhaus, wo die Ausstellung zur Firmen- und Familiengeschichte sich bemüht, den Spagat zwischen Lobgesang auf den Unternehmungsgeist und kritischer Revision der dunkleren Seiten des Wohlstandes (Kooperation mit den Nazis und Kriegsgewinnlertum, wenig überraschend, wenn man einen Stahlhandel betreibt) auszuhalten, ohne zu zerreißen. Es bleibt aber kalt, da können auch die monumentalen Familienporträts in Öl und einige Familienfotos, auf denen die stattlichen Gründerfrauen genauso wilhelminisch streng schauen wie die Gründerväter, nicht helfen. Selbst der Park bleibt steril, irgendwie. Die armen Reichen? Ach, das ist auch nur ein Narrativ. Vielleicht waren sie ganz gern reich und stolz auf ihre Arbeit, warum denn auch nicht. Und dass sie dafür in einem Schloss wohnen mussten, das trotz Mustertechnik aus der Zeit gefallen schien – eigentlich würde man fast lieber ins Puppenhaus der Kinder einziehen, es ist natürlich ein monumentales Puppenhaus, das man wenigstens als Kind durchaus betreten kann, und steht im Park – na gut, es können ja nicht alle in den hinreißenden Jugendstil-Werkswohnungen auf der Mathildenhöhe wohnen, wo die Straßen sich schlängeln dürfen wie in einer mittelalterlichen Kleinstadt und die Vögel in den bunten Gärten zwischen Kamelien-Büschen singen (es muss hier wirklich mild sein im Winter!). Natürlich wohnen hier keine Arbeiter mehr.

Industrie-Kunst. Geduldsflaschen und Helden der Arbeit

Es gibt im Übrigen auch eine Ruhrpott- oder vielmehr, allgemeiner: Bergwerks-Kunst. Das Deutsche Bergwerksmuseum Bochum, das auch ein beeindruckend großes Untertage-Bergwerk nachgebaut hat, hat eine eigene Abteilung dafür. Sie ist, wenig erstaunlich, deutlich schwächer besucht als das Besucherbergwerk, in das man mit einem Virtual-Reality-Aufzug einfährt (den man dicht mit Besuchern bepackt, ein wenig schüttelt und mit einem gelinden Luftzug versieht; na gut, immer noch eine ziemlich luxuriöse Angelegenheit). Man sieht in der Kunst-Abteilung: Skulpturen von Bergarbeitern, der menschliche Körper, kräftig, aber geplagt, Helden der Arbeit. Man sieht: schwarz-weiße Graphiken und Zeichnungen von Situationen unter Tage; gegliedert nach dem Rhythmus der Arbeit selbst, Einfahrt-Ausfahrt, Arbeit-Pause; meist in Gruppen, es kommt nicht an auf das Individuum. Man sieht: Gemälde in gedeckten Farben, die nicht mit Schönheit prahlen können, sondern nur mit Realismus (immer eine traurige Angelegenheit); bestenfalls mit anrührender Menschlichkeit, oder, im allerbesten, aber seltenen Fall: mit selbstbewusster Würde aus knorrigen Händen und rußgeschwärzten Gesichtern leuchtend, dazu ein rotes Tüchlein um den Hals gewunden, ein Eye-Catcher (kann man natürlich im Museums-Shop kaufen, man hat ja nichts anderes!). Man sieht: recht eindrucksvolle Ölgemälde mit Schlot-Landschaften, expressionistisch interpretiert oder sogar noch beinahe klassische Landschaftsmalerei: Im Vordergrund wiegen sich ein paar Getreidefelder, im Mittelgrund reihen sich schwarz-graue Häuslein aneinander, und darüber strecken sich die Schlote in den farbigen Himmel und malen die Wolken in allen Farbvarianten an (besonders schön: bei Abendrot). Man sieht, insgesamt: Dass auch der Bergbau künstlerische Themen durchaus hergibt; und das am besten, wenn sie sich in bekannte Darstellungstraditionen mit nur geringem Übersetzungsaufwand einformen lassen!

Nach dem gleichen Muster sieht man: die Kulturgeschichte des Bergbaus, wie sie sich in Analogie zu Religion und Militär entwickelt hat; es gibt Aufmärsche und Uniformen und Hierarchien, wer sich verdient gemacht hat, bekommt einen martialisch aussehenden Orden, wer sich sehr verdient gemacht hat, bekommt einen ziemlich hässlichen, aber monumentalen Protz-Pokal. Und für die höfische Repräsentation – der Landesvater als Förderer von früher Industriekultur! – gibt es allerliebste Porzellan-Aufsätze mit sehr sauberen, fröhlich ein wenig hämmernden und dabei Liedchen singenden Bergarbeitern. Zudem Heimarbeit, damit die Alten und Kranken etwas zu Basteln haben und doch irgendwie teilhaben können (nein, das ist durchaus ernstgemeint und kulturell notwendig!): winzige Kunstwerke in „Geduldflaschen“ (Flaschenpost mit Bergwerksszenen) oder „Geduldkästen“ (Mini-Puppenhäuser mit Bergwerkszenen) hineingepfriemelt, mit unendlich viel Geschick und eben: Geduld (ist Geduld eine bergmännische Tugend?) Über allem aber thront die Heilige Barbara, die Heilige der Bergmänner; und die Geschichte ist es nun doch wieder wert, dass wir Wikipedia (und disclaimer: Wie alle Heiligengeschichten ist auch diese in unendlichen Varianten überliefert, und ich überliefere wie immer nur diejenige, die für meine Zwecke die lustigste und lehrreichste ist!) bemühen und dann ein wenig religiös-kulturgeschichtliche Bildungsarbeit betrieben!

Zweiter Exkurs: Die Heilige Barbara und die Krupp’schen Teufel

Also: Barbara war eine nicht nur sehr schöne, sondern auch angeblich sehr kluge junge Frau. Ihr Vater sperrte sie in einen eigens für sie gebauten Turm ein, um sie vor den reichlich zudringenden Bewerbern zu schützen; Barbara aber wies sie sowieso alle ab. Und kaum schaute ihr Vater einmal nicht hin, da schützt kein Turm vor: Konvertiert sie zum christlichen Glauben und will fortan in ihrem eigenen Badehaus als Eremitin leben, dem sie ein drittes Fenster hinzufügen ließ, als Symbol für die Dreifaltigkeit nämlich. Der Vater jedoch wurde so wütend, dass er sie umbringen wollte; sie floh vor ihm aus dem dreifenstrigen Badehaus in die Wildnis, wo sich ein Felsen hilfreich für sie öffnete. Ein Hirte verriet sie aber heimtückisch, sie wurde vor einen Richter gebracht und erst gefoltert und dann hingerichtet – und zwar von ihrem Vater Dioscuros selbst, der dabei jedoch, aus heiterem Himmel und mit der Axt noch in der Hand, vom Blitz erschlagen wurde (gern dargestelltes Motiv in der Bildenden Kunst, man kann sehen, warum). Deshalb wird die Heilige Barbara angerufen als Patronin in drohender akuter Gefahr, sei es im Bergbau oder im Militär oder überall, wo der Tod blitzartig kommt. Speziell im Bergbau schützt sie, versehen mit ihrem Turm als Erkennungsmerkmal, auch vor Unfällen bei Sprengungen oder bei schlagenden Wettern.
Das funktionierte nun recht schön identitätssichernd und ritualbildend in katholischen Bergwerksgegenden. Im Ruhrgebiet jedoch gab es recht wenig religiöse Traditionen, die der Rede wert gewesen wären. Und so wurde die Barbaraverehrung, wenn wir Wikipedia glauben dürfen, mehr oder weniger propagiert und dafür auch ein wenig säkularisiert; alles und jedes wurde einfach nach ihr benannt, seien es Siedlungen oder (vor allem) Apotheken. Und in jedem Bergwerk stand mindestens eine Barbara, und es kann ja wirklich nicht schaden, die Anzahl der Frauen unter Tage zu steigern, und sei es nur um eine einzige, die immerhin jung, schön und klug sein durfte; und trotzdem – oder deshalb? – sterben musste, weil die Männer es so wollten.

Das beste Bild zum Thema Ruhrgebiet und Industriekultur aber hängt – und da muss man es erst mal finden! – im dunklen Untergeschoss der Maschinenhalle im Stahlwerk Henrichshütte. Es verführt recht schön zu einem sehr sprechenden Missverständnis. Sein Name ist Die Kruppschen Teufel, und es zeigt eine wilde Szenerie in der Halle eines Stahlwerks; die Eisenbögen geben ihr die wiedererkennbare Struktur, und die ganze Szene ist in ein irgendwie höllisches Licht getaucht (oder meint man das nur, weil man den Titel gelesen hat?). Im Vordergrund führen sich mehrere Teufel, markiert durch Übergröße, exzessive Körperbehaarung zur Nacktheit sowie rote Haaren und spitze Ohren, recht unbeherrscht auf: Sie pöbeln herum, räkeln sich, saufen und streiten; was man halt alles so tut, wenn man ein recht teuflischer Genosse ist und keinerlei moralischen Regeln verpflichtet! Dazwischen jedoch, man sieht sie kaum, werkeln kleine Menschlein. Sie schauen kaum aus dem Bild heraus zum Betrachter, denn sie sind in die ihre Arbeit vertieft: Sie tragen bergmännische Kleidung (sind aber recht sauber, alles in allem) und tun bergmännische Dinge, hantieren nämlich mit dem rotglühenden Metall, das sie wohl gerade abgestochen haben. Ihre Handlungen wirken, im Kontrast zur Lärmigkeit der Teufel, beinahe still, konzentriert, ein wenig wie eine Weihehandlung sogar? Um das zu sehen, muss man aber nahe herantreten; man muss sich selbst konzentrieren und an den Teufeln vorbeisehen, was gar nicht so einfach ist.

Das aber, so meint zumindest die Kuratorin, ist der eigentliche Zweck des Ölgemäldes, das Heinrich Kley um 1912 im Auftrag des Mäzen und Dienstherren Alfred Krupp malte; Kley war tatsächlich so eine Art Hofmaler Krupps und hatte in dessen Auftrag schon eine Reihe von Aquarellen aus der Stahlfabrik fabriziert, die gern auf Firmenpostkarten abgedruckt wurden. Denn natürlich kann man die Kruppschen Teufel auch gern als Allegorie des Kapitalismus lesen, der die armen Arbeiter knechtet und bei ihrer harten, gefährlichen Arbeit noch verhöhnt; und die eine oder andere Schneeflocke würde das sicherlich tun (dazu kommen wir gleich). Krupps Absicht aber war, so wird zumindest kolportiert, zu zeigen, dass selbst Teufel den Menschen nicht davon abhalten können, Stahl zu produzieren, beharrlich, emsig, industriös. Es ist – zumindest die originellere Lesart!

Abstieg. Im Bergwerk des Unwissens, oder: zwei Kulturen und zwei mindsets

Kommen wir mit den doppeldeutigen Kruppschen Teufeln im Hinterkopf nun zu der Schneeflocke, die das sicher nicht so gesehen hätte. Wir müssen nämlich hier vor Ort, in der Henrichshütte bei Hattingen (Hattingen hat eine Hütte, das ist einfach eine zu verlockende Alliteration!), noch eine Führung hinter uns bringen. Dass das eine eher schmerzhafte Angelegenheit sein kann, weiß jeder; wie genau schmerzhaft, das ist durchaus einmal eine längere Ausschweifung wert, zumal es ein Licht auf das Phänomen Industriekultur wirft, wenn auch von der Seite.
Wir sind also im Eisenhüttenwerk Henrichshütte – ein Name, der sich durch viele Eigentümerwechsel hielt bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Herstellung von Stahl in Deutschland endgültig nicht mehr rentabel war. Weshalb auch an vielen Stellen im Museum Aufkleber hängen in Form eines gelben Verkehrsschildes mit roter Verbotslinie, darauf steht „Nicht für China!“, und das ist – zumindest nicht ausschließlich – eine politische Parole, sondern einfach eine Anweisung an die Arbeiter gewesen, die nach der Schließung große Teile der Anlage für den Export nach China abbauten und die gern alles mitgenommen hätten; stand aber nicht im Vertrag, deshalb gibt es hier noch Dinge zum Anschauen, jawoll! Das war eine der wenigen Geschichten, die wir unserer sehr jungen, blonden und auf unschuldig wie ein Osterhäschen wirkenden Führerin wenigstens halbwegs glauben mochten; wir nennen sie aber im Folgenden die Schneeflocke. Ansonsten aber war hatte unsere Schneeflocke ein paar Schwierigkeiten, nicht nur mit der deutschen Sprache (schwacher Emigrationshintergrund), sondern auch mit den Zahlen (drastische Verschätzung bei Zehnerpotenzen) und vor allem den technischen Fakten. Mir schwante ja schon Bedenkliches, als sie sich Osterhäschen-mäßig vorstellte mit ihrem Vornamen; sie studiere im zweiten Semester Kulturvermittlung (oh weh oh weh!), habe diese Führung noch nicht oft gemacht (ach, nein) und hoffe jetzt, dass wir einen ganz spannenden und unterhaltsamen Mittag mit vielen Geschichten haben könnte! (bitte nicht!) Nun gut, es war nicht ganz so spannend und grenzwertig unterhaltsam, und immerhin gab es an den meisten Stellen der Anlage Tafeln, die die Dinge etwas besser erklärten als unsere Schneeflocke. Und es ist ja auch ein schwieriger Job, einer sehr bunt zusammengewürfelten Kleingruppe mit sehr unterschiedlichen Tiefen des Wissens oder Unwissens (die Skala wurde nach oben sehr verschärft durch die Anwesenheit mehrerer technisch vorgebildeter Ingenieure und zweier zu informierter Physiker) Dinge zu erklären, die – nun ja: ziemlich kompliziert, wenn nicht gar gelegentlich komplex sind? Obwohl dann auch teilweise wieder ziemlich anschaulich.

Aber egal, es war eher ein Problem mit einer Haltung. Einem Mindset, wie man das heute eigentlich ganz gut nennt: nämlich einer Gewohnheit gewordenen Grundeinstellung des Gehirns und der Bewertung, die jegliche Weltwahrnehmung einfärbt, man könnte auch sagen: kulturell informiert, wenn man vornehm sein will. Hier hatten wir es also mit einem kultur- und nicht naturwissenschaftlichen mindset zu tun, das man vielleicht am besten als Philosophie des „Irgendwie“ beschreiben könnte: Man hat zwar selbst nicht genau verstanden, was hier im Einzelnen nun genau wie, von wem, in welchem Umfang und mit welchen Folgen produzierte wurde, aber darauf kommt es ja, irgendwie, auch nicht so genau an. Es kommt, wenn schon, an auf die Geschichten (die Physiker sagten hinterher, die seien auch eher im Modus des „Irgendwie“ erzählt worden, die Tafeln erzählten sie nämlich anders). Auf die Menschen! Auf die tragischen Schicksale! Und nein, sie seien gar nicht schlimm „verstörend“ (sie brachte sogar eine Triggerwarnung unter!) Aber „unhuman“ sei die Arbeit gewesen, das schon! Ich hätte ja gern noch ein wenig mehr Geschichten gehört, aber so viele waren es dann gar nicht (außerhalb des Narrativs des Unfalls). Ich habe den Verdacht, Bergleute haben einfach nicht so viel und so gern geredet (na gut, und wer hört schon Hörstationen).

Worüber ich jedoch sehr nachdenken musste nach dieser Führung, die in unserer Kleingruppe noch lange für Entsetzen sorgte, aber auch einige lustige Memes produziert hatte, war: Wie kommt es zu dieser Philosophie des „Ungefähr“ (zu der ich ja selbst durchaus gelegentlich Neigung und Begabung habe), und warum verstehen Physiker, Techniker und Anders-Begabte das damit verbundene Unverständnis nun wiederum nicht? Das ist natürlich eine Meta-Frage, aber sie ist für den Komplex Industriekultur und die Schwierigkeiten seiner Präsentation nicht unerheblich. Aber ich habe zum Glück in meiner eigenen Person und meiner eigenen Familie genug Anschauungsmaterial. Also: Die einen interessieren sich eigentlich gar nicht dafür, wie Dinge funktionieren. Dinge sollen funktionieren, sie tun es mysteriös oft (und ab und zu schmerzhaft nicht), und das Ganze ist ein Problem anderer Leute. Das ist Persönlichkeit, Erziehung, Anlage, wie auch immer, in einer eher unbestimmten Mischung: mindset. Die Anderen fragen immer, wie etwas funktioniert; es lässt ihnen keine Ruhe, bis sie verstanden haben, wie es funktioniert, und zwar: vom größten bis zum kleinsten Zahnrädchen und jede einzelne Bandstraße entlang. Manche möchten es dann nicht nur verstehen, noch besser machen, die werden Ingenieure. Und das ist genauso in Ordnung und Persönlichkeit, Erziehung, Anlage, mindset – samt einem gehörigen Maß an Training und Ausbildung.

Ich persönlich befinde mich seit einiger Zeit in einer schwachen Übergangsphase: Irgendwann entdeckte ich zu meiner eigenen Überraschung – durchaus getriggert durch Überdruss an kulturwissenschaftlichem Gerede und dessen entsetzlichen Auswüchsen ins immer Unbestimmtere und geradenwegs Kontraintuitive –, dass es eigentlich ziemlich interessant ist, wie Dinge funktionieren. Seitdem lasse ich mir erklären, es ist auch eine Art hoffentlich segensreiches Intelligenztraining. Ich habe aber gemerkt, dass ich dazu mein Gehirn irgendwie – umschalten muss, von einem mindset in den anderen switchen. Das geht, und es wird auch irgendwann leichter; aber es ist wirklich und wahrhaftig ein Umschalten, ein bewusster Prozess, der die Wahrnehmung auf andere Wege leitet. Zum Beispiel von einem primär ästhetischen auf einen primär technischen Zugang – was man an der uns präsentierten Industriekultur ganz wunderbar erproben konnte, die zweifellos dominant technische, aber eben auch gar nicht wenig ästhetische Aspekte hat, zwischen denen man dann hin- und herschalten kann. Es geht aber niemals beides auf einmal. Es sind Wellen und Teilchen, zwei Modelle der Welt-Anschauung, und keines ist falsch, sondern beides sind: Vorstellungsweisen, gegründet in mindsets.

Aber nun ist es leider so, und das ist auch schon vor einiger Zeit prominent unter dem Schlagwort der „Two Cultures“ analysiert worden, dass die beiden Vorstellungsweisen nicht immer tolerant miteinander umgehen, sondern sich lieber – alle Weltanschauungen tun das irgendwann, häufig mit desaströsen Folgen – gegenseitig für minderwertig erklären und bekämpfen. Das geschieht auf der einen Seite mit dem üblichen nicht ganz ernsten Schulterzucken und im Modus des „Irgendwie“ – ich hab‘ es halt nicht so mit Zahlen (und Fakten, wäre zu ergänzen)!; und auf der anderen im Modus des – nun ja, eigentlich absoluten Unverständnisses: Wie kann man denn das alles nicht verstehen wollen? Und es ist – irgendwie – bemerkenswert, wie wenig Bemühung es darum gibt, dieses Unverständnis zu verstehen. Natürlich kommt man damit auf exaktem Weg nicht so weit; aber man kann ja immerhin mal ein paar Hypothesen erproben. Und vielleicht müsste man auch erwägen, ob die un-technische, un-präzise Haltung nicht auch ihre Stärken hat, die durchaus in den eigenen Schwächen gespiegelt werden? Komplementär, um mein Lieblings-Zauberwort zu bemühen, komplementär halt, und nicht gegensätzlich, besser-schlechter, schlauer-dümmer. Natürlich ist unsere Zivilisation eine technische; ohne die Meister des Funktionierens wäre unsere Industrie niemals auf ihre Füße bekommen, die jetzt gerade ins Stolpern geraten. Aber unsere Kultur ist auch eine nicht-technische, und sie hat auch ihre Verdienste um, nennen wir es vielleicht: das Seelenheil? – die jetzt gerade ins Wanken geraten. Und was bedeutet das nun für die Industriekultur?

Zweiter und dritter Ausflug. Das nette Hattingen und das Schiffshebewerk Henrichenburg

Aber vorerst noch zwei Abschweifungen, nein: Ausflüge. Nach dem Stahlwerk mit der unbedarften Kulturwissenschaftlerin waren wir in Hattingen; einfach weil es auf dem Wege lag. Hattingen ist eine nette Kleinstadt, und das ist nicht nur so dahingesagt: Nein, Hattingen hat das Wort „nett“ adoptiert bei der Gesellschaft für deutsche Sprache, weil es ein bedrohtes Wort ist (wer will schon „nett“ sein heutzutage, wo alles mindestens mega sein muss?), und weil Hattingen der Inbegriff von nett ist. Ist es tatsächlich. „Hattingen hat“ – und das ist der Geniestreich eines etwas hyperaktiven Stadtmarketings – nämlich nicht nur ein Hüttenwerk, sondern alles, was man haben muss, um ganz ohne Musealität liebens- und lebenswert zu sein: eine Altstadt zuvörderst, mit verwinkelten Gassen und schiefen Fachwerkhäusern, die Straßencafés und Galerien und Läden mit unnützen Dingen die atmosphärische Kulisse bietet; dazwischen freundliches, nein: nettes Grün und Giebelhäuser mit Blumentöpfen. Nein, da möchte man doch bleiben, hier mitten im alten Ortskern rund um die Kirche! Verlässt man den Kern jedoch, sieht man natürlich, was Hattingen noch hat: nämlich im nächsten Ring eine sehr halbseidene Einkaufsmeile, mit leerstehenden ehemaligen Kaufhaus-Ikonen, Billigläden und Klamottenketten, dazwischen sehr isoliert noch das eine oder andere altehrwürdige Fachgeschäft, aber es dünnt, es dünnt sehr aus. Das unterscheidet Hattingen gar nichts so sehr von diversen schwäbischen Klein- und Mittelstädten, die wir kennen und lieben: Jenseits des historischen und voll-gentrifiziert Kerns dünnt die Substanz immer ringförmig aus, bis nur noch Autohändler und Spielhallen und Dönerläden dominieren (nichts gegen Dönerläden, sie sind oft die Rettung angesichts allgegenwärtigen Personalmangels in der Gastronomie, und lieber Pide als Curry-Wurst!). Spielhallen haben im Ruhrgebiet, wie bemerkt wurde, noch nicht einmal schamhaft verhüllende Milchglasfenster oder überklebte Scheiben; nein, es ist offenbar keine Schande, wenn sich der Arbeiter – aber es gibt ihn doch gar nicht mehr? – am helllichten Tag in eine solche Lasterhöhle begibt und dem Glücksspiel hingibt (ob Sportwetten Glücksspiel im strengen Sinne sind, wurde kontrovers diskutiert in der Kleingruppe). Und den Vorstadt-Bahnhof hat die türkische Gemeinde übernommen, ist das jetzt Struktur- oder Kulturwandel?

Essen hingegen ist zur Gänze ziemlich fürchterlich, sogar in der Innenstadt, wo ambitionierte Büro-Glaspaläste an Corona dahingestorben sind; auch wenn man uns wiederholt plakativ versichert, Essen sei die Mitte Europas, hoffen wir inständig, dass das nicht stimmt. Deshalb noch ein zweiter Land-Ausflug, und zwar zum Schiffshebewerk Henrichenburg. Zwar ebenfalls ziemlich eindrucksvolle Eisen- und Stahlkonstruktionen mit lustigen Zwiebeltürmchen, aber technisch offenbar nicht so ganz ausgereift mit ein Stahlwerk; deshalb steht das etwas neuere Schiffshebewerk gleich nebenan. Es hat aber auch, irgendwie, nicht ganz funktioniert, deshalb gibt es jetzt ein große Schleuse (ausgereiftes Modell, definitiv). Was aber beinahe interessanter war – also, für uns eher Kulturwissenschaftlich-Gesinnte jedenfalls –, war, dass man offenbar seit Baubeginn die Anlage auch irgendwie als touristisches Projekt begriffen hat. Der Kaiser ist auf einer Art Vergnügungsdampfer durchgefahren, samt Pomp und Hofstaat. Obwohl es sich schon seit längerem nicht mehr hebt und senkt, ist es bis heute ein touristischer Hotspot; und die kleine Wasserstraße dahinter ist auf dem direkten Weg zum ländlichen Vergnügungspark, mit Wasserspielplatz, Seifenblasenautomaten und, natürlich, Currywurst-Buden (es gibt auch lehrreiche Tafeln und die eine oder andere Ausstellung, aber das muss einen ja nicht stören). Auf dem stillen Wasser sind die ersten Küken bei den Blesshühnern geschlüpft, wenn das nicht Strukturwandel ist!

Abstich. Industriekultur und Strukturwandel, oder: Von den Ungleichgewichten der work-life-balance

Damit kommen wir aber nun wirklich zum Strukturwandel! Das Ruhrgebiet hat ihn angeblich schon größtenteils hinter sich: Die Ruhr plätschert wieder sauber durch blühende Landschaften (na gut, ein paar Schlote noch hier und da), die Halden sind bekrönt von Kunst, und in der Kokerei wird wacker Schlittschuhgelaufen oder im Werksschwimmbad umringt von kolossalen Maschinen geschwommen. Eisenbahnstrecken sind zu Fahrrad- und Draisinen-Wegen geworden, neben denen die Vögel zwitschern. Und der Tourismus erst! Die „Route Industriekultur“ hat Flyer ohne Ende produziert und viele freundliche Wegweisungen an der Straße; und die Weltkulturerbe-Stätten hatten wir gerade besucht. Sie waren aber, wie alle anderen so schön hergerichteten und liebevoll beschilderten Stätten – eher leer gewesen. Geradezu museal leer. Und es war nicht ganz einfach gewesen, etwas zum Essen zu bekommen (außer Currywurst natürlich). Vielleicht hatte sich die Struktur ja gewandelt, von Hochöfen zu Landschaftsparks; aber die Menschen, es schien so: die Menschen waren nicht so ganz mitgegangen auf diesem Weg.

Damit müssen wir wohl langsam zum Ende und auf den Punkt kommen, der Geschichten sind genug erzählt, ein wenig Analyse bitte! Also: Was ist Industriekultur, und hat nun wirklich ein Strukturwandel stattgefunden, oder ist das nur ein Narrativ des Pott-Marketings? Industriekultur ist bekanntlich ein Wort, das aus zwei Teilen besteht. Der erste ist „Industrie“, und in einer etwas befremdlich verengten Sicht wird das eigentlich nur als Schlote und Hochöfen und mehr oder weniger unverständliche Großanlagen samt Maschinenpark (übrigens auch ein nettes Wort) verstanden und präsentiert: Industrie ist diejenige technische Hochzüchtung, die das Ruhrgebiet in eine temporäre Blütezeit geführt hat, und mit ihm das ganze technikverliebte und wachstumswilde Deutschland. Die Menschen, um das mal so zu sagen: Das mit den Menschen ist irgendwie tragisch; sie mussten arbeiten unter unhumanen Umständen (wie heute, sagen wir mal: Spargelpflücker oder Pflegepersonal oder Bauarbeiter oder Gastronomie-Arbeitende – alles Jobs, für die wir beinahe vollständig Fremdarbeiter importieren. Genau wie damals)! Zwei, drei Geschichten werden von ihnen erzählt: Sie hatten schlimme Unfälle; sie ärgerten sich über die Wäscheverfärbung; und sie spielten sehr, sehr gern Fußball. Wie bitte?

Ich bin durchaus geneigt, das als kulturwissenschaftliches Versagen zu werten. Offenbar gibt es ein genuines Unverständnis für eine Arbeiter-Kultur. Dass manuelle, dass harte – in der Bierwerbung für das Dortmunder Bergmann Bier heißt das: „harte Arbeit. Ehrlicher Lohn“ –, dass auch zermürbende und gesundheitsschädliche Arbeit einen intrinsischen Wert haben könnte, über den – beklagenswert geringen natürlich – Lohnwert hinaus, scheint in keinen von einem weißen Kragen gestützten Kopf zu kommen. Dass sie zu einer – nennen wir es: Gefühlskultur führen könnte, in der es gelebte Solidarität gibt und nicht nur kein „I“ in „Team“; dass es einen gemeinsamen Stolz, dass es tiefe Verbundenheit zwischen Kollegen geben könnte, die auf gemeinsamer Härte und überstandener Gefahr beruht – vorbei, niemals gewesen, un-denkbar. Diese Art von Industriekultur ist keine Hochkultur; das Steigerlied ist nicht musikalisch komplex, das Brieftaubenzüchten grenzwertig spießig, der Fußball nicht originell, die Currywurst ein kulinarisches Minimum. Aber all das hat auch die Geradlinigkeit und Bodenständigkeit und den Fleiß und die Furchtlosigkeit der Pott-Bewohner hervorgebracht. Ich kannte noch meine Zimmerwirtin, sie hieß Agnes Nickenig und war die Herzlichkeit in Person, ohne jegliche Prätention oder Dünkel. Wie überliefert man eine solche Kultur der Arbeit, und nicht nur der Technik?

Der Strukturwandel jedoch ist, vielleicht, als Hypothese formuliert, ein wenig im Modus des „Ungefähr“ und „Irgendwie“: auch nur ein fancy word für kulturelle Evolution? Denn alles wandelt sich sowieso die ganze Zeit, ob man will oder nicht. Die Natur mutiert vor sich hin, und ihre Anpassungskräfte scheinen – bisher – noch unbegrenzt; sie wird auch ohne den Menschen weiter machen. Wenn man der Natur nur ein wenig Zeit lässt, renaturiert sie von ganz allein und schafft Biotope in Industriebrachen und militärischen Übungsgeländen, ganz ohne NABU; sie wird auch die verlassenen Städte erobern. Auch die Ströme der Ressourcen und Güter ändern sich kontinuierlich, seitdem wir den ganzen Planeten in ein Netz verstrickt haben; mal hat man dort eine kleine Blütezeit, und dann kommt wieder der Verfall, und die Blüte zieht weiter. Wirtschaft ist Wandel! Die Menschen aber – ach, die Menschen wandeln sich am schwersten von allen. Deshalb kann man ihnen Strukturwandel versprechen oder verordnen oder verkaufen; es ist aber alles ein wenig egal. Fußball funktioniert, immer. Currywurst funktioniert, immer. Freizeitparks funktionieren, meistens. Bildung und Erziehung – eher zäh, genauso wie die Vermittlung naturwissenschaftlicher Grundkenntnisse.

Und die Arbeit – ist heute der zweite, eher minderwertige Bestandteil des work-life-balance, der neuen Heiligen Barbara der eher nicht-werktätigen Bevölkerung. Denn man vergisst allzu leicht, dass eine Balance zwei gleichgewichtige Dinge braucht; nicht einen lästigen, körperlich anstrengenden, möglichst schnell abzustreifenden und irgendwie unhumanen Bestandteil und einen einzig wahren, freien, schönen und guten Bestandteil. Vielleicht ist diese Bewertung ja einfach nur Gewohnheit, ein implantiertes mindset, wer weiß? Wenn man jahre- oder jahrzehntelang jeden Morgen brav aufgestanden ist und zur Arbeit gegangen, und am Abend war Feierabend, und am Wochenende war Wochenende, und der eine Teil war deutlich größer als der andere – dann musste notwendigerweise der zweite, kleinere Teil als die Ausnahme von der Regel, als das Besondere, Kostbare, wie: rare Gut geschätzt werden. Aber man klagt nicht jeden Morgen darüber; man steht vielmehr auf und geht zur Arbeit, es ist ja auch eine Entlastung, irgendwie.

Je mehr tariflich zugesicherten Urlaub+Sonderurlaub+Feiertage+Elternzeit jedoch der Mensch nun erhält; je mehr er morgens schön warm im Home Office bleibt und sich nicht auf gefährliche Straßen begibt; desto mehr wird er es als Zumutung empfinden, tatsächlich zur Arbeit hingehen zu müssen und dort gar unter Umständen harte, verantwortungsvolle Tätigkeiten auf sich zu nehmen, die Konsequenzen haben. Die Freizeit ist auf dem Weg zur Normalzustand. Der Ausnahmezustand „Arbeit“ ist jedoch noch nicht recht aufgewertet zur kostbaren Rarität. Statt in einer Balance hängt man in einem etwas unsicheren Schwebezustand, irgendetwas verschiebt sich, es wird doch nicht gar ein Strukturwandel sein?

Und vielleicht ist es ja so, dass der Mensch wirklich nicht zur Arbeit gemacht hat, sondern dass das nur der Fluch der Ursünde ist, von dem uns spätestens die KI, der neue, menschengemachte Gott befreien wird. Aber vielleicht ist es auch nicht so, und harte, ehrliche Arbeit ist ganz gut für den Menschen; sie trägt ihren Lohn nämlich auch in sich selbst, nicht nur in der Lohntüte. Das müssen wir hier zum Glück nicht entscheiden, und es mag auch nicht allgemein entscheidbar sein, sondern nur individuell. Was jedoch vielleicht aus dieser Ruhr-Tour, wenn auch nicht als Form reinen, rohen Wissens, sondern eher in der Form des „Ungefähr“ und „Vielleicht“ und „Irgendwie“ abzustechen ist: Es gibt Strukturwandel, aber wir nennen ihn besser (kulturelle) Evolution und glauben nicht, er ließe sich einfach politisch verordnen oder finanziell fördern (beides mag notwendig sein, aber es ist definitiv nicht hinreichend). Es gibt eine Industriekultur, aber sie besteht nicht nur aus Schornsteinen und dekorativen Stahlgerüsten. Und sie ist auch nicht nur ein Notnagel, weil man nichts anderes hat: Sie ist ein Herz aus Stahl.

Zuhause



VOM NORDEN NACH BONN. EINE BILDUNGSBÜRGERLICHE DEUTSCHLANDREISE


I. AUF DER MEYER-WERFT: KRANE, KREUZFAHRTEN UND ANDERE METAPHERN

Immerhin hatte ich am Ende – nicht ein neues Wort, aber einen neuen Plural gelernt. „Krane“, sagte Günter, unser gut geschulter norddeutscher „Gästebetreuer“ bei der Tour durch das Besucherzentrum der Meyer-Werft; er sagte es mehrfach, mit einer gewissen Betonung, aber ich war wahrscheinlich die einzige in der nicht ganz kleinen Besuchergruppe, die dabei deutlich ins Grübeln geriet: Klar, es war wirklich nett und vorstellungsfreundlich, dass die kleineren und supergroßen Kräne in der Halle Greifvogel-Namen hatten, vom Kaiseradler – gibt es den wirklich, fragte die immer skeptische und genaue Lea? Oder soll das nur den Kaiser im Symbol mitführen? (ja, gibt es, den ‚Östlichen Kaiseradler‘, in Österreich vor allem, kein Scherz) – bis zum Raufußkauz (ja, gibt es auch). Aber sagte man nicht doch „Kräne“? Ich traute mich nicht, die Frage zu stellen, irgendwie war die Atmosphäre nicht danach und es gab ja wirklich Interessanteres. Spätere Recherchen vor dem Kamin ergaben: Jein; denn „Kräne“ sagen wir Laien so, und das ist auch nicht falsch; aber wenn man vom Fach ist, sagt man „Krane“, es ist also nicht ganz klar, ob wir nicht-maritimen Dilettanten wirklich „Krane“ sagen dürfen – was übrigens, so das Grimmsche Wörterbuch, wahrscheinlich wie alle solchen Fachbegriffe aus dem Nautischen, aus dem Niederländischen kommt, aber vielleicht auch schon von grus, dem lateinischen Kranich, der zwar keinem Meyer-Kran seinen Namen gegeben hat, aber vielleicht doch der Namenspate der römischen Belagerungsmaschinen war? Goethe schrieb im Übrigen noch „Krahnen“; er hatte sie auch gesehen, in Frankfurt auf dem Marktplatz und in Straßburg beim Dombau, immerhin.

Wir waren aber nicht wegen sprachlicher Feinheiten hier, sondern, wie alle anderen auch: um die großen Pötte zu sehen, mit denen die Meyer-Werft, nach kleinen Anfängen mit niedlichen Holzschiffen, berühmt geworden ist. Dafür strömen die Massen nach Papenburg, wenn mal wieder eines vom Stapel läuft: Irgendwie ist schiere Größe doch etwas, dem sich niemand so recht entziehen kann, vor allem wenn der Fluss, auf dem das ganze stattfindet, so niedlich schmal wie die Ems ist, und es millimetergenau zugehen muss beim Lotsen durch die Schleusen und an zu engen Brücken vorbei. Nein, es ist ganz sicher ein erhabenes Ereignis, wenn sich das große Garagentor an Halle 6 öffnet, ganz langsam zur Seite schiebt, und dann – auch der „Gästebetreuer“ sprach gern von „Geburt“ in diesem Zusammen-hang – sich etwas Großes aus dem engen Gehäuse schiebt, die ersten Schritte ins Leben tut, und langsam, ganz langsam Fahrt aufnimmt; es geht noch in die Schule zuerst, auf der engen Ems, es darf nicht gleich hinaus ins volle Leben, und dann wird der Fluss immer breiter, und dann kommt der Dollart, und dort, dort hinten, man kann es von der hohen Brücke aus schon sehen, kommt endlich das Meer, und man kann losschwimmen, in jede Richtung, sich wiegen lassen von den Wellen, die Stürme spüren und die Sonne untergehen sehen auf einer spiegelblanken endlosen Fläche.

Ach, Kreuzfahrt – wer hätte jemals gedacht, dass das alte, nicht ganz stubenreine Wort christlicher Eroberer auf verwegener und nicht wenig brutaler Mission so eine Wiedergeburt erleben würde? Der Heilige Gral, die Heilige Stadt, es ist das Schiff selbst geworden; es ist eine Heilsstätte des nimmer endenden, immer neue Unterhaltung spendenden Konsums; es ist Theater, Marktplatz, Gymnasion in einem, und dort, wo der Tempel war, das Allerheiligste, das nur den Priestern und den Tempeljungfrauen zugänglich war, mit dem ewigen Feuer – ist die hohe Brücke, residiert der Kapitän als Lichtgestalt mit seinem Gefolge, ausgezeichnet durch die immer blütenweiße Uniform und die goldene Streifenzier an der Schulter; er hütet das Lenkrad (das natürlich längst schon keines mehr ist), er herrscht über die Maschinen (nee, eigentlich der Chefingenieur), er entscheidet über Leben und Tod (wenn er nicht gerade Foto-Shooting und Shake-Hands mit den Gästen auf dem Terminplan hat). Die Halle aber, die Werft – das ist der dunkle Bauch mit den geheimnisvollen Apparaten, den Kranen, den Türmen voller seltsamer Schläuche und Geräte, den ganz in weiße Anzüge gehüllten wenigen menschlichen Ge-stalten, die sich auf dem werdenden Riesen bewegen, so, als hätten sie jederzeit eine entscheidende Aufgabe zu erfüllen.

Was sie auch, de facto, haben. Nichts ist zufällig in diesem technischen Monster; jedes Gerät, jedes Material, jeder Mensch ist zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer bestimmten Stelle, und das Ganze läuft mit der planmäßigen Präzision einer wohlprogrammierten Monsteruhr, hinter der ein gespenstischer Uhrmacher sitzt. Von der Porsche-Fertigung habe man gelernt, verrät das gar nicht uninformative Jubiläumsbuch; just in time ist der magische Schlüssel, und am Anfang sei das Personal ziemlich unglücklich gewesen mit der neuen Straffheit: Keine Klönpause mehr, weil man erst das Schweißgerät suchen musste, dass man ganz dringend brauchte! Nein, das Fließband rollt erbarmungslos, eine Kabine nach der anderen steht darauf, und nach hundert Metern ist sie nicht mehr ein rohes Behältnis aus vier nackten Wänden, sondern eine wohlausgestattete Wohnhülle, mit Dusche und Wasserhähnen und Fliesen, mit Fernseher und Betten und Schränken, die Lampen am rechten Platz und die Bilder an den Wänden; eine Wabe perfekt wie die andere. Überhaupt, Modularität: Selten hat man ein so großes und so perfekt geschnittenes Puzzle gesehen; aus kleineren Blöcken werden größere Einheiten, und am Ende werden sie, mit Hilfe der großen Krane, aufeinandergesetzt, wie Lego-Steine, mit denen Riesen gespielt haben. Und am Ende steht da ein Palast, Stockwerke hoch, bis beinahe genau unter die Decke reichend; sein Weiß erstrahlt fünffach getüncht, auf dem Schiffsbauch tanzen farbenfrohe Gestalten, und die Schornsteine, selbst wenn man sie gar nicht mehr braucht – sie bleiben, für die Silhouette und das Gefühl, das man nun wahrhaft und wirklich auf einem Schiff ist und nicht nur auf einem aus seltsamen Gründen schwimmenden und trotz seiner Größe und unbestreitbaren Klobigkeit nicht untergehen-den Hochhaus des Meeres.

Die Besucher-Masse aber will Geschichten, eher wenig Technik; und sie bekommt Geschichten. Zum Beispiel eine kleine Lektion über kulturelle Unterschiede: Amerikaner wollen eine automatisierte Monster-Bar, wo man mittels einer Nummer bestellt und ein Roboter dann die Drinks zusammenstellt, nach Wunsch gerührt oder geschüttelt – was zwar ein großer kultureller Verlust ist (wie soll ein Roboter jemals das offene Ohr eines immer hörbereiten Barkeepers ersetzen, sein mitfühlendes Zustimmen, sein einverstehendes Austeilen des nächsten Drinks, die nächtliche Kameraderie?), aber sicher ein kommerziell lohnendes Spektakel. Asiaten wollen Familiengemächer und Familienspeisesäle, für die Großfamilie. Deutsche wollen – Zuverlässigkeit, und immer das Gleiche. Egal was, jeder bekommt, was er will. Gnadenlos, und für Geld. Das Schiff, so sagt auch die firmeneigene Zukunftsstudie des Manta Ray mit ihren Sonnensegeln, ist die Botschaft; eine mittelgroße Stadt, mit eigenen Stadtteilen, einen für die Ruhe und einen für das Halligalli, einen für den Sport und einen für die Wellness und einen für die Bildung, einen für die Foodies und einen für – nee, mehr Beispiele waren es nicht; aber wahrscheinlich gibt es noch eine Kinderstadt oder eine adults only mit dezentem Rotlicht, wer weiß? Das Schiff trägt es und erträgt es, schweigend durchpflügt es die Wellen, auf und nieder, auf und nieder, und der Tag wechselt mit der Nacht, aber auf dem Schiff ist es immer irgendwo Tag und irgendwo Nacht; und an Land haben die Städte endlich wieder ihre Ruhe, in Venedig träumen die Gondolieri (und weinen dann doch heimlich über den Verlust zahlender Kundschaft), in Amsterdam sind die Fahrräder wieder allein an den Grachten, und durch die norwegischen Fjorde springen die Wale, ganz unbeobachtet, trotzdem.

Aber das ist Zukunfts-Schifferklavier, und auf der Meyer Werft bekommt man natürlich auch die Vergangenheit präsentiert; wenn auch eher verknappt und häppchenweise, der heutige Besucher verträgt ja nicht so viel Information auf einmal. Im Einfürungsfilm durfte sich eine Werbeagentur austoben; sie hat erst-mal einen knackigen Titel gefunden, „Symphonie der Meere“, und dann hat sie Streichorchester mit lauter super-sympathischen jungen streichenden Menschen in den Bauch der Werft gesetzt, und sie dürfen jetzt hingebungsvoll aufspielen, während wortlos die Bilder wechseln: Nachdenklich blickende Ingenieure, eine Frau darf auch dabei sein (Frauen sind auf der ganzen Werft ungefähr so selten wie – keine Ahnung, echte Greifvögel vielleicht?, und das ist wahrscheinlich noch nicht einmal böser Wille, sondern der mühsame Gang der Geschlechtergerechtigkeit in Ausbildungsberufen, wenn keine will); sie stehen vor neuester Technik, machen bedeutende Armbewegungen, tragen schicke VR-Brillen und sollen wahrscheinlich die Jüngeren unter uns dazu animieren, jetzt auch endlich mehr technische Berufe zu erlernen anstelle von schicken BA-Studiengängen in Mediendesign (doesn’t work). Die Gründer-Generationen ziehen an uns vorbei, ernst und solide blickende Männer, die Haare ordentlich gekämmt, in strengen Krägen und Anzügen; und tatsächlich erst die letzte Generation, der langjährige Senior, der erst dieser Tage dann doch zurückgetreten ist, darf auf dem Foto ein wenig lächeln. Ach, man könnte eine ganze Abhandlung über die Entwicklung der Porträtfotografie anhand dieser Herrengalerie schreiben!

Aber interessanter sind die Lücken. Natürlich ist Firmengeschichte immer auch fallweise Sozialgeschichte, und immer Wirtschaftsgeschichte mit einem Nebenarm in die Politik. So auch hier: Mit den Schiffen werden die Aufträge größer, und der Betrieb wird größer, und die Gefahren werden größer. Zum Beispiel die, in diverse Weltwirtschaftskrisen oder Pandemien verwickelt und von ihren Mahlströmen mit hinabgerissen zu werden (ach, man weiß gleich wieder, warum Wirtschaftsredakteure so metaphernfreudig sind!); oder in Kriege (wenig Zwangsarbeiter, gar nicht viel aufzuarbeiten, eher Auftragsflaute); oder in den Kolonialismus, wie eigentlich alles. Denn ein Schiff wird einmal, das wird gern als Anekdote vom Gästebetreuer erzählt, von den tüchtigen Ingenieuren erst probeweise zusammengebaut, dann fein säuberlich wieder zerlegt, in Kisten verpackt und nach Afrika verschickt, und zwar samt einer Miniwerft sozusagen; und dort baut man dann die kleine Werft wieder auf, und dann baut man das Schiff wieder zusammen und setzt die endlos vielen Nieten, die der Wikipedia-Artikel zur Liemba erwähnt, für immer. Oder für ziemlich lang zumindest, das Schiff schippert nämlich noch immer, bis heute, und zwar über den Tanganjika-See in Afrika (Trip Advisor erwähnt das Schiff sogar als die Hauptattraktion der Region).

Aber das haben wir erst später gelernt, denn während des Symphonie-Films war das nur eine kleine anekdotische Episode, die jedoch schon einige Fragen aufwarf und im altersschwachen Gedächtnis der Hörerin doppelt verankerte: Warum tut man das mit einem Schiff, und was will man eigentlich mit deutschen Schiffen um die Jahrhundertwende irgendwo in Afrika, und was hat das mit dem Kolonialismus, dem bösen, allgegenwärtigen, der großen Schuld zu – aber da ging der Film schon weiter, doch der Anker saß. Zuhause vor dem Kamin lockerten wir ihn dann, und ach, in welch trübe, aber interessante Gewässer gerieten wir dabei! Also:

Wo in Afrika? Ah ja, am Tanganjika-See. Welcher See, wo in Afrika? Äh, ein ziemlich großer, ziemlich tiefer See, mitten in Afrika (in der ostafrikanischen Grabenspalte, um genau zu sein), er durchschneidet sozusagen Mittelafrika und berührt dabei mehrere afrikanische Länder, die, natürlich, zu dieser Zeit deutsche Kolonien waren (große Vogelvielfalt im Übrigen, warf unsere Vogelkundlerin ein). Und das Schiff wurde wohl zuerst als Zollschiff eingesetzt, bevor es auch mal Flüchtlingsschiff oder Fähre war – also die üblichen Metamorphosen eines solide gebauten Schiffes in einer Region, die bis heute keine eigenen Werften hat und deshalb lieber Schiffe recycelt; ist ja auch nachhaltiger.

Inzwischen aber hatte der Wikipedia-Artikel, schon bei der Suche, so viele interessante Verzweigungen aufgeworfen, dass man gar nicht wusste, in welche Richtung man zuerst weiterschwimmen wollte. Na gut, zuerst die Tanganjika-Bahn, für die Eisenbahnenthusiasten unter uns! Denn die Tanganjika-Bahn wurde, ungefähr um die gleiche Zeit, gebaut von Daressalam am Indischen Ozean bis hin zum Tanganjika-See, 1.200 km mit einer Stationenfolge, die ungefähr so eng getaktet aussieht wie ein großstädtisches S-Bahn-Netz (heute verzeichnet sie vor allem Halte an Sisalplantagen). Fährt bis heute, klar. Ihr Vorgänger war die Usambara-Bahn, wie niedlich. Aber warum, warum nur? Weil jede ordentliche Kolonialmacht eine Bahn bauen muss, sagte der zynische Sohn, ist doch klar! Wohin, wozu – Pippifax! Irgendwas mit Rohstoffen, wahrscheinlich! Was so ziemlich exakt die richtige Antwort ist, weiter bringen einen vertiefte Internet-Recherchen (na gut, drei Minuten verschärftes Googeln und eine ältere Masterarbeit) auch nicht. Was soll man schon machen in Afrika, es gibt noch nicht mal Straßen, und außerdem – ja, das ist der zweite Teil der Antwort, weiß man ja nie, ob man nicht doch irgendwann einmal schnell Truppen transportieren muss, die unverständigen Einheimischen neigen ja zu Aufständen!

Ach, der Kolonialismus. Nicht zum Lachen, oder nur ein bisschen. Denn das ist der nächste Fisch an der Wikipedia-Angel, und die Vogelfreundin kennt auch ihn, denn sie hat sich mal mit Massenhysterien beschäftigt, und die ‚Tanganjika-Lachhysterie‘ ist bis heute eines der klassischen Beispiele. Nicht, dass die Leute so viel zum Lachen gehabt hätten in Mittelafrika in der inzwischen postkolonialistischen Zeit, aber irgendwann begann ein Schulkind damit, und es steckte seine Klassenkameraden an, und nach vier Wochen musste man mehrere Schulen schließen in Tansania, weil es nicht wieder aufhörte und langsam drohte, gesundheitsschädlich zu werden. Betroffen waren vor allem Mädchen und junge Frauen, und nicht selten ging das Lachen auch in Angstzustände über, und ja, eine medizinische Ursache wurde nicht gefunden, man denkt, es war der Unabhängigkeitsstress. Kein weiterer Kommentar.

Wir aber stehen jetzt wieder draußen vor der Meyer-Werft, out of Africa, es ist immer noch grau, wie die ganzen Weihnachtstage schon; Scharen von Krähen haben sich auf den Strommästen versammelt, die auch hiergeblieben sind. Wir gehen über die Brücke vorbei an der großen Halle, die man angeblich – aber wahrscheinlich stimmt das eben so wenig wie bei der großen Chinesischen Mauer – aus dem Weltall sehen kann; das scheint irgendein Menschheitstraum zu sein, visibility, wie man heute so gern und metaphorisch abgeblasst sagt, bis ins Universum, aber eigentlich sollte man wohl besser daran arbeiten, unsichtbarer zu werden. Bauet Werften im Geiste!, hätte Rilke vielleicht gesagt, Ankerplätze der Seele, Paläste der Unsichtbarkeit! Aber bis dahin ist die Meyer-Werft das nächstbeste für einen Bildungs-Ausflug in der mysteriösen Zeit „zwischen den Jahren“, wo man ja auch keine Wäsche waschen darf.

IM AUSWANDERERHAUS BREMEN. GESCHICHTE UND KRITIK

 Zoo am Meer, kurz vor Jahresende, es ist kalt. Die Eisbären spielen mit einem alten Fußball. Das sibirische Eichhörnchen trainiert nach Weihnachten eine Runde im Hamsterrad, die Seehunde schubsen sich um den Futterfisch. Die Pinguine hingegen stehen ordentlich an, der Reihe nach bekommen sie ihren Fisch, dann gehen sie eine Runde tauchen und machen mit den Kindern, die ihre Nase an die Scheibe pressen, Unterwasserspiele. Der Krake hat sich versteckt, zu viel Besuch über die Feiertage. Der Zwergotter vergräbt sich im warmen Gehäcksel, ist er nur faul oder schwanger? Der Polarfuchs erscheint, gähnt, und wird wieder unsichtbar. Allein die Spatzen scheinen unersättlich, sie hängen kopfunter an der Futterstelle und picken und picken und picken. Die Menschen auf der anderen Seite der Zäume frieren, sie freuen sich aber auch. Über die Tiere. Über das Meer, das gleich nebenan liegt, auch wenn gerade Ebbe ist und erst jenseits der Kolumbuskaje die Weite beginnt. Wäre man lieber ein Eisbär, ein Eichhörnchen oder ein Zwergotter? Die weiße Eule klappt die Augenlider einmal auf und zu, der Kopf ruckt nach rechts, nach links, dann erstarrt sie wieder.

Menschen aber sind immer unterwegs. Und wenn sie es zuhause nicht mehr aushalten, wandern sie aus. Oder fliehen. Oder emigrieren. Was auch immer, so genau nimmt man es im Deutschen Auswandererhaus, das immerhin eine seltene architektonische Perle für eine deutsche waterfront ist, nicht: Sie alle kommen nach Bremerhaven. Die Kolumbuskaje ist das Tor zur Neuen Welt; sie ist es nicht nur für die Wanderer aus allen deutschen Landen, sie ist es auch für Österreicher, Polen, Ostjuden und Russinnen, die lange Reisen schon auf sich nehmen müssen, bevor sie dann am Kai stehen, einen schmächtigen Koffer in der Hand und ein schweres Herz in der Brust – aber hier beginnen die Probleme, und wie immer würde man gern sagen: ach bitte, der Reihe nach, anstellen, wie am Kai, die Treppe ins Schiff ist nur schmal, eine Person nach der Anderen; aber die Probleme drängeln sich, wie so oft, übereinander, Vorzüge verknoten sich untrennbar mit Mängeln, und man will alles haben, man bekommt aber nur, notwendig – einen Teil.

Deshalb zuerst eine kurze Abschweifung ins Entlegene, in eine andere Welt sozusagen, sie spielt in meinem fortgeschrittenen universitären Leben, schon einige Zeit nach der Einschiffung nach Akademien sozusagen. Ich bastelte nämlich schon an meiner Doktorarbeit, und mein gewählter Nicht-Doktorvater (andere Geschichte) sagte einen der Sätze, bei denen man gleich wieder wusste, warum er zwar der Doktorvater des Herzens, aber nicht der auf der Anmeldung war, nämlich: Man kann nur historisch oder systematisch argumentieren. Was, sobald man nur minimal-invasiv darüber deliberiert, richtig und so einleuchtend ist, dass man sich nur wundern kann, wie einem diese Erkenntnis so lange verborgen bleiben konnte: Historisch geht an der Längsachse der Zeit entlang; eine Geschichte wird erzählt, eine Entwicklung nachgezeichnet, und das menschliche Hirn, unendlich beschränkt durch seine Linearität, kann Geschichten nur seriell verarbeiten. Systematisch hingegen geht quer dazu, es legt einen Schnitt durch das Geschehen und führt es auf Grundsätze, Prinzipien und Entwicklungsgesetze zurück; es ist ordnend, und seine Schubladen liegen eher nebeneinander als hintereinander. Historisch oder systematisch; und damit verwandt und verknotet: empirisch-ungenau und begrifflich-präzise; induktiv und deduktiv; analytisch und synthetisch, und welches der akademischen Begriffskisten noch sind. Aber man kann nicht beides haben, jedenfalls nicht gleichzeitig. Vielleicht aber kann man beides – nebeneinander und hintereinander haben?

Und damit zurück zum Auswandererhaus, das sich für die historisch-individuell-empirisch-ungenaue Variante entschieden hat; wenig Zahlen, wenig Statistik, wenig begriffliche Unterscheidung (was ist Flucht, was ist Exil, was ist Emigration, wenn man es nicht alles in einen großen Topf wirft, weil ja alle am gleichen Kai an der Kolumbuskaje stehen, und ja, es hat einen Zweck, das der Name ‚Kolumbuskaje‘ hier so oft genannt wird); auch: wenig Schrift. Dafür Geschichten über Geschichten, Leben in Ausschnitten und Bildern, Namen, Namen und nochmal Namen; Dinge, die man zeigen kann, Geschichten, die man hören kann (den Geruch eines überfüllten Zwischendecks nach drei Wochen stürmischem Seegang auf dem Atlantik hat man uns glücklicherweise erspart). Das Museum insgesamt ist, und das ist schön und klug und manchmal geradezu genial gemacht, die räumliche Nachbildung einer Einschiffung, Überfahrt und Ausschiffung; man begibt sich vom Kai über die schmale Treppe zu den Kabinengängen; in den Bullaugen am Rande schwankt der Horizont, und der Holzboden ist absichtlich so schräg und schief verlegt, dass man nach einigen Minuten glaubt, dass er tatsächlich, spürbar, schwankt. Es wird viel gehustet und gestöhnt im Hintergrund, dort ein Schnarchen, hier ein Kinderweinen. Langsam arbeitet man sich vor, von den dusteren Zwischendecks zu den helleren Luxuskabinen einer Zeit, in der die Auswanderung sich langsam mit dem Tourismus zu vermischen beginnt. Doch dann verlässt man das Schiff, endlich, endlich, und kommt: nach Ellis Island. Kein freundlicher Empfang mit Willkommenskultur und Teddybären, sondern: Gitterkäfige, Fragen, intime und persönliche: Sind Sie gesund? (noch röchelnd würde man mit „Ja“ antworten!); Sind Sie ein Anarchist? (immer, wenn man mir dumme Fragen stellt…) Haben Sie Verwandte hier (erstaunlich viele haben das, und man versteht gleich viel besser, warum auch heute noch ein Auswanderer weitere mit sich zieht)? Sind Sie bereit, Ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen? Wie auch immer, es gibt keinen Lügendetektor und wir gehen davon aus, dass sich die Türe dann öffnen: zur Grand Central Station, einem Bahnhof der Träume bis heute und schon damals ein Palast mit 57 Gleisen. Noch ein Drink in der Bar, wo es vielleicht noch ein deutsches Bier gibt? Oder landet man im Sweat Shop und muss nähen, für die Reichen, bis die Tuberkulose (die Näherinnen-Krankheit) einen dahinrafft, die Kinder gleich mit? Oder zur Landkommune der Amish, der Pietisten oder sonst einer Glaubensgemeinschaft, die es in Europa nicht mehr aushielt und ihr Glück suchte, in der Neuen Welt, in den leeren Weiten Nord- oder Südamerikas oder gar Australiens? Und was wusste man, was wusste die blutjunge Jüdin, die meine Leitfigur war (man bekommt ein Schicksal zugeteilt, an der Kasse, sauber nach Geschlecht sortiert; was allerdings die 2 % Diversen bekamen, die die Auswertung der Umfrage am Schluss anzeigte, weiß ich nicht) und so gern studieren wollte, was wusste Freida Sima – die so oft ihren Namen wechseln musste, aber am Ende sagen konnte: "Mein Name ist Freida Sima" – was wusste sie vorher von dem Land, oder von den Verwandten, die sie empfingen und ihr ein Dach gaben und ein neues Leben? Ach, wie schön ist Panama? Etwas Besseres als den Tod finden wir überall? Vielleicht hat sie gar nicht so viel nachgedacht, schon gar nicht auf der Überfahrt, als es ihr schlecht ging. Vielleicht denken die Zurückgebliebenen einfach zu viel nach; die anderen richten den Blick nach vorn, und es gibt so viel zu sehen!

Eine Geschichte von vielen. Die Geschichten, die die Besucher durchs Haus leiten, sind, mehr oder weniger, Erfolgsgeschichten: Erzählungen von Menschen, die angekommen sind und Glück hatten, ihr Schicksal in die Hand nahmen, ihr Leben gestalteten – unter im Einzelnen ganz verschiedenen Bedingungen, aber am Ende: Hatten sie ein Leben gelebt, das jemand dokumentiert hat, aufgezeichnet, mit Fotos angereichert und Dokumenten. All diejenigen, die es nicht geschafft haben, die verschwunden sind, auf dem Weg, nach der Ankunft, irgendwann im großen weiten neuen Land – wie soll man von ihnen wissen? Von einigen, immerhin, lernt man auch, dass sie wieder zurückgegangen sind, aus den unterschiedlichsten Gründen; manche, wie der deutschen Schriftsteller Johann Gottfried Seume, blieben ihr Leben lang Wanderer zwischen den Welten, Söldner verschiedener Herren, Gäste nur. Freida Sima ging, da war ihre Tochter schon erwachsen und hatte studiert, gemeinsam mit ihr und den Enkelkindern nach Israel, in die jüdische Heimstatt; und dann ging sie, fast achtzigjährig, allein nach New York, um dort zu sterben, in hohem Alter. Denn was sind Länder eigentlich außer – Striche auf Landkarten, irgendwann gezogen von irgendjemand, umkämpft bis zur völligen Sinnlosigkeit? Auswandern, Wandern schlechthin, so sinuiert das Haus ziemlich deutlich in den gesprochenen Texten und ungesprochenen Subtexten, ist dem Menschen so gut wie eingeboren; Grenzen ein politisches Abstraktum, eine Ungerechtigkeit, ein Hindernis der freien räumlichen Entfaltung schlechthin – was alles sein mag und auf einem fortgeschrittenerem Status menschlicher Entwicklung auch recht schön wäre. Aber bis dahin - ?

Auswanderergeschichten. Wir hören sie, wir versuchen sie zu imaginieren; erstaunlich versunken stehen Menschen jeglichen Alters auch längere Zeit still an den Hörstationen, die ebenso erstaunlicherweise größtenteils technisch funktionieren. Ausschnitte, gesammelt in großen biographischen Sälen; ein Archiv des Menschlichen in seinen individuellen und kollektiven Bewegungsformen. Empirisch-greifbar-sinnlich-anschaulich-historisch; aber eben nicht: systematisch. Und so fehlt dann doch vieles, was bei anschließender distanzierender Betrachtung von den unterschiedlichen Teilnehmern unserer kleinen Exkursion beklagt wurde: Zahlen, im Großen und Ganzen; Statistiken; wirtschaftliche Hintergründe; systematische Unterscheidungen nach Fluchtgründen, Herkünften, Altersgruppen, was auch immer; das große Bild anstelle der vielen, vielen Mosaiksteinchen, die immer nur die kräftigste Facette in den Vordergrund rücken; drumherum ist Meeresrauschen. Sieben Millionen, das immerhin weiß man und die Zahl wird auch genau darum so gern genannt, sieben Millionen brachen auf von Bremerhaven; es sind diejenigen, die man gezählt hat, die dokumentiert sind, in Listen und Verzeichnissen. Aber können fünfzehn erzählte Geschichten wirklich den Überblick ersetzen, das Große und Ganze, das Welt- und Menschheitsphänomen – nennen wir es, neutraler: Wanderung?

Aber nun gut, siehe Exkurs oben: Man kann nicht beides auf einmal haben, historisch und systematisch, und das Historische immerhin ist recht ansprechend gelungen, wenn man nicht allzu kritisch ist. Wenn man nicht dem Ganzen noch einen kritischen Hut hätte aufsetzen müssen. Dazu gehört auch die spätere Erweiterung des wunderbaren Auswanderungs- um einen eher halbherzigen Einwanderungsteil, der im Wesentlichen kulturelle Vielfalt demonstrieren soll und "Debattenkultur" anregen; faktisch hat keiner Lust dazu, und die Stationen sind leer; nein, wir sind hier wegen der Auswanderung ins Neue, des Lebens-Abenteuers, und nicht der problematischen Einwanderung ins Allzu-Bekannt wegen, die man in jedem Stadtteil einer deutschen Großstadt besser und anschaulicher beobachten kann!

Doch das Schmuckstück am kritischen Hut sind die „critical thinking stations“ – Orte verordneter Debatten- und Denkfreudigkeiten, fragengeleitet natürlich. Oder, wie es in der Einleitungsansprache vor dem boarding wahrscheinlich unabsichtlich enttarnend hieß: „Wo Sie eingeladen sind, Ihre Meinung zu überprüfen!“ – belustigte Blicke in der Teilnehmergruppe, der englische Text war wie immer viel besser, er sprach von „critical perspectives“, die hier zu gewinnen seien. Natürlich hätten wir gern das Auswandererhaus mit einer zertifiziert politisch korrekten Meinung verlassen, aber es gab nur eine Auswertung der Umfrageergebnisse am Ende (die aber interessant genug war und besser und informativer, aber der Reihe nach und eher historisch-nacherzählend); die meisten Leute interessierten sich auch eher für die Terminals, an denen man Ahnenforschung betreiben konnten (und von denen immerhin gut die Hälfte funktionierten, gelegentlich). Also, critical thinking, wie um Himmelswillen macht man eigentlich so etwas, ohne dass die Fragen ebenso wie die Auswahl der Antworten – nicht schon führend oder gelegentlich sanft stupsend sind, in die Richtung natürlich, die akkreditierungsfähig ist, wenn auch, vielleicht, vielleicht sogar: wahrscheinlich, eher nicht kritisch – wie aber würde man es machen in einem tieferen Sinne von aufklärerischer Kritik als unvoreingenomme Überprüfung von Positionen verstanden, was natürlich sowieso nur stattfinden kann im Blick auf Dinge und Sachverhalte, die überhaupt meinungsfähig sind? Wer kritisiert, der unterscheidet (ja, man kann sogar sagen: Kritik ist eine systematische Weise des Unterscheidens, nicht eine anekdotische); er pauschalisiert nicht, sie wertet nicht, es wirft nicht in einen großen Topf, sondern es fischt aus großen Töpfen das hinaus, was vielleicht, nach genauer Unterscheidung: essbar, produktiv, nahrhaft und gut verdaulich ist (nein, Unverdaulichkeit auch im nicht-metaphorischen Sinne ist keine gute Eigenschaft, und auch nicht von Kritik!). Eine schöne runde Kritik wägt ab, sie lobt hier und verwirft dort; sie gibt Gründe, macht Vorschläge, stößt an – nicht (nur) zum vielbelobten Stolpern, sondern zum Losdenken, Weiterdenken, Alleindenken. Eine richtig schöne Kritik würde sich auch ihre Fragen selbst aussuchen.

Aber wir sind hier eher in der Abteilung „betreutes (Mit-)Denken“, deshalb bekommen wir Fragen mit einem Sortiment an Antworten. Es ist gar nicht völlig unvernünftig, es kennt nämlich auch „weiß nicht genau“, „müsste ich mich mehr informieren“ und ähnliches – was eigentlich häufig sowieso die bessere Antwort ist als eine Meinungsschwankung mal nach hier, mal nach da. Aber erstaunlich oft gibt es immerhin common-sense-Antworten im Auswahlbuffet, die am Ende sogar die höchsten Zustimmungsraten haben: „Wer sollte dafür verantwortlich sein, dass Einwanderung funktioniert?“ – nun, jeder persönlich wohl, als Einzelner (über 70 %). Oder: „Sollten in Fragen, die Rand-gruppen betreffen, diese mehr oder weniger zu sagen haben als die Mehrheit?“ Na, genauso viel natürlich, so funktioniert Demokratie (ursprünglich jedenfalls, nicht jedoch unsere Medien-Betroffenheits-Demokratie). „Würden Sie gern in ein Land einwandern, in dem so über Migration gesprochen wird wie in Deutschland?“ – na gut, es wird ziemlich viel gesprochen über Migration in Deutschland, und mal mehr, mal weniger dumm oder informiert oder verantwortungsbewusst, aber im Großen und Ganzen: Ja, ziemlich sicher, denn es gibt einen breiten und relativ offenen Diskurs, und was will man mehr? Gesinnungseinheit? Mein absoluter Favorit aber, und deshalb die Insistenz auf Kolumbuskaje: „Wie möchten Sie, dass das Thema Kolumbus in den Schulen behandelt wird?“ Im Angebot waren: „als Entdecker Amerikas“ (relativ breite Mehrheit, aber nun leider in mehrerlei Hinsicht falsch); „als Beginn des Kolonialismus“ (yep, wenn man das hinreichend breit versteht und halbwegs ideologiearm präsentiert); „als ein Beispiel für Geschichtsschreibung aus europäischer Perspektiver“ (unbedingt! Ach, wenn man das nur vermitteln könnte in all seiner Bedeutungstiefe und -breite. Kann man aber nicht, wie auch die Umfrageergebnisse zeigen: weit abgehängt). Als Massenmörder, nun ja; wahrscheinlich richtig, aber dann auch nicht sonderlich lehrreich.

Was dachten die Menschen wohl wirklich, die an der Kolumbuskaje standen, dem ersten Ziel ihrer Träume, Sehnsüchte und Ängste, den Blick auf das dunkle Wasser gerichtet, und nach vorn ins graue Nichts? Hoffentlich dachten sie nicht zu viel. Kritisch schon gar nicht; kritisches Denken hilft ganz wenig, wenn das Schiff schaukelt, immerwährend schaukelt, das Baby nebenan schreit, weil seine Mutter nicht genug Milch hat, und das Trink-wasser an Bord brackig und zu wenig ist, wenn man friert und sich fürchten muss. Kritisches Denken ist beim Überleben ziemlich im Weg, wenn man es genau betrachtet; es hilft auch nicht bei der Beantwortung der Einwanderungsfragen. Kritisches Denken ist eine Betrachterperspektive; ein Luxus für gelangweilte Passagiere auf heutigen Kreuzfahrtschiffen, die zwar gelegentlich in einem Anfall von Nostalgie noch eine Designanmutung der klassischen Übersee-Liner bewahren, aber ansonsten wenig Herausforderungen bei der Bewältigung des Alltags an Bord bieten. Und am Ende kehrt man nach Hause zurück, ins gewohnte Bett, zu den vertrauten Routinen; und dann erzählt man eine Geschichte darüber, wo man gewesen ist, was man alles gesehen hat, auf Wanderungen über die Weltmeere. Dann schlägt natürlich die Stunde der Kritischen Abrechnung, damit muss man rechnen: Und euer ökologischer Fußabdruck! Und der Overtourism! Und die Ausbeutung der armen philippinischen Mannschaftskader unter Deck in enge Kabinen gepfercht! Stimmt schon alles, halb wenigstens, so wie die meisten Sachen stimmen, wenn man sie nur aus einer Perspektive (nämlich der kritischen) betrachtet und nicht in ihrem Komplex von Bedingungen, Folgen, verknoteten Vor- und Nachteilen.

Und dann höre ich, vor meinem inneren Ohr, mit dem dazugehörigen Pathos, Unheilig die „Große Freiheit“ singen, die Abschiedshymne unseres Meyer-Schiffs von der Werft Turku. Der Hafen verschwindet langsam, einzelne Mini-Figuren winken noch vom Ufer, wir winken gnädig zurück von unserer Höhe herab, die kühlen Drinks in der Hand; und dann öffnet sich das Meer und empfängt uns, mit sanftem Geschaukel und einer Kulisse, die immer gleich ist und jede Minute anders; und wir wandern, wir wandern, im Wandel der Wellen und des Wetters, und anstelle eines kritischen Gedankens drängt sich ein metaphorischer auf, er schaukelt träge durch den Kopf und geht so: Ist nicht jedes Leben eine Reise? Ist nicht darum das Lebensschiff eine Seinsmetapher der ersten Stunde, weil sie das Wagnis wie das Wandern wie die Weglosigkeit und die Weite umfasst und umarmt? Niemand bleibt stehen, selbst wenn er sein Leben lang im gleichen Dorf bleibt, im gleichen Haus wohnt, im gleichen Bett geboren wird, schläft, sich vermehrt und wieder stirbt. Manche Schiffe bleiben im Hafen, ihr Leben lang; aber das heißt nicht, dass sie sich nicht bewegt haben.

Derweil leuchtet der Hafen weihnachtlich erleuchtet vor sich hin. Der Zoo am Meer ist nur noch eine Kulisse mit Lichterrand. Wahrscheinlich spielen dort die Eisbären immer noch mit einem alten Fussball. Liegt der Zwergotter noch im warmen Gehäcksel, faul oder schwanger? Der Polarfuchs erscheint, gähnt, und wird wieder unsichtbar. Wäre man lieber ein Eisbär, ein Eichhörnchen oder ein Zwergotter? Die weiße Eule klappt die Augenlider einmal auf und zu, der Kopf ruckt nach rechts, nach links, dann erstarrt sie wieder.


WIR MÜSSEN DRAUSSEN BLEIBEN! EIN BONN-BESUCH

 

Es war der Jahreswechsel, und Teile der Republik standen unter Wasser. Aber Bildungsreisen kann man bekanntlich immer machen, und so landeten wir an einem verregneten Neujahrsabend in Bonn, unserer ehemaligen Hauptstadt. Wir hatten sie sträflich vernachlässigt bisher; für uns Baby Boomer, Kinder des Wirtschaftswachstums und der im Rückblick immer goldener scheinenden 70er- und 80-er Jahre, war Bonn eine zwar etwas entlegen gelegene, aber denn doch: unbezweifelte Selbstverständlichkeit; die Hauptstadt einer politisch bescheidenen Republik, die nicht mehr auftrumpfen wollte und sich im understatement übte. Berlin hingegen, die alte Reichshauptstadt – war fern, auch wenn man gelegentlich hinfuhr, ödes Zonenland durchquerend, und dann wie in einen Zoo und mit leichtem Gruseln auf und über die Mauer schaute. Bonn war zwar sicherlich nicht die Hauptstadt der Herzen, aber Berlin lag einfach auf einer anderen Landkarte.

Nun aber, an diesen Neujahrsabend und dem darauffolgenden frischen ersten Tag eines frischen neuen Jahres, wollten wir endlich diese Bildungslücke schließen. Im Internet hatten wir ein wenig recherchiert; wir wussten schon, dass „Bundes-Bonn“ eine Art eigener Bezirk war, am Rhein gelegen und sozusagen in Verlängerung der historisches Bonner Kernstadt erbaut; entlang der wesentlichen Bauten, so hatten wir gesehen, hatte man einen „Weg der Demokratie“ einrichtet, der einem die wichtigsten Stationen erläutern würde. Das sah machbar aus, und einigermaßen interessant; man würde sozusagen im Geiste Konrad Adenauers und Helmut Schmidts durch die Anlagen streifen, einen Blick in den berühmten Kanzlerbungalow (welcher andere Staat hatte schon einen Kanzler-Bungalow? Palais, sicherlich, und Residenzen, aber einen Bungalow?) werfen, den „Langen Eugen“ besuchen und vielleicht auch das Wasserwerk, den ehemaligen Plenarsaal einer noch übersichtlichen Zahl von Abgeordneten. So dachten wir noch beim opulenten Frühstück im neobarocken Kameha Grand Hotel, unter den popart-mäßig-aufgefrischten strengen Augen von Beethoven, dem berühmtesten Bonner vor Zeiten. Und am Nebentisch sagte ein Kind einer gar nicht so bildungsbürgerlich aussehenden Familie brav die deutschen Einzelstaaten auf, es konnte sogar die meisten, wenn auch nicht die Hauptstädte (aber da kommen auch die meisten Erwachsenen sehr ins Grübeln).

Aber wahrscheinlich hätte einen schon das Kameha Grand vorwarnen können, dass in Bonn nichts so ist, wie es im Internet aussieht oder in der bildungsbürgerlichen Polit-Phantasie. Denn das avantgardistisch geformte und in jedem Sinne: ambitionierte Hotelunternehmen, das auf der Fläche eines ehemaligen Zementwerkes und im Zuge des noch ambitionierteren Städtebauprojekts „Bonner Bogen 2003“ (dazu später noch!) errichtet wurde, ist vor allem Glitzerfassade und neobarocke Absurdität: Es protzt in einer geradezu indisch-überdimensionierten Eingangshalle mit weißen Plastik-Strandkörben, die aussehen, als hätte sie Colani entworfen; stilisierten Schweinchen, die elegante Ablagen tragen; und die Rezeption ähnelt mehr einem – nun ja: ambitionierten? – Friseursalon: Theken waren gestern, heute sind computerisierte Einzelstationen mit Ikebana-Blumengestecken en vogue. Die Zimmer haben riesige Fenster mit Blick auf den großen freien Innenhof, die einem schon beim Betreten das Gefühl vermitteln, man lebe ab sofort als Einzeldrohne in einem Schaufenster und müsse sich so bewegen, dass man ins Design passe. Über dem üppig dimensionierten Bett scheint abends ein blasser Mond, den man liegend ein- und ausschalten kann (jedenfalls dann, wenn man endlich die vollautomatisierte Beleuchtungsanlage durchschaut hat); das immerhin hätte man eigentlich ganz gern zuhause, den Rest: na gut, für eine Nacht. Um sich wie eine Mischung aus SonnenkönigIn und Pop-Poet zu fühlen. Muss ja nicht in Bonn sein, so etwas; ist ja irgendwie kosmopolitisch, hat schließlich sogar einen hawaiischen Namen: Er bedeutet „der Einzigartige“. Die Palmen sind aber aus Plastik und tragen Weihnachtsbeleuchtung; und für den kleinen abendlichen Hunger gibt es den originalgetreuen Nachbau (einzigartig???) einer alpinen Skihütte.

Das war uns aber alles zu neobarock, deshalb sind wir, wie offen-sichtlich die meisten anderen bildungsbürgerlichen Hotelgäste, am Abend ganz bieder in die Ketten-Pizzeria nebenan gegangen, wo die Pizzen allerdings eine neo-barocke Tendenz haben, ihre nicht gerade bescheiden bemessenen Teller in alle Richtung zu überfließen. Die Lokalität war im Übrigen, soviel dann noch zum Projekt „Bonner Bogen“ (der Wikipedia-Artikel zur wechselvollen Geschichte des Projekts ist ein Lehrstück in neudeutscher Wirtschaftsgeschichte und so lang, dass man zur Lektüre wahrscheinlich genauso lang braucht wie zum Verzehr der Monumental-Pizza), der so ziemlich einzige Ort in dieser Potemkinschen Landschaft aus ambitionierten Neo-Palazzi und aufgegebenen Baustellen, an dem es so etwas wie Leben zu geben schien. Aber nun gut, es war Neujahrsabend, und das Wetter verlockte nicht zu Außenaufenthalten. Und gescheiterte Groß-Investitionsprojekte („von der Zementfabrik zum Innovationspark“!) gibt es schließlich in allen deutschen Mittel- und Großstädten; wenn auch meist weniger neobarock. Geben wir Bonn eine Chance!

Derweil floss der Rhein ungerührt und gar nicht so arg über die Ufer tretend vorbei, geradezu stoisch, am Abend wie am Morgen. Als wir nach üppigem Frühstück im einzigartigen Kameha Grand endlich aus unserem Auto am verdächtig menschen- wie autoleeren Parkplatz auf der anderen Seite des Rheins klettern, begrüßt uns krakeelendes Geschrei: Zwei grüne Papageien fliegen aufgeschreckt dicht über unsere Köpfe hinweg; im Nachhinein vermuten wir, dass sie schon zu lange keine Menschen mehr gesehen haben. Die Möwen hingegen sitzen ungerührt auf dem Anleger, während draußen schon das zweite Fluss-Kreuzfahrtschiff vorbeifährt; auch dort wenig Leben über Deck. Wir gehen noch etwas orientierungslos in Richtung Gebäude, irgendwo dort muss der neue UN-Campus beginnen, und dann sollte gleich das Wasserwerk kommen, und dann – aber alles, was kommt, sind Zäune. Hohe Hochsicherheitszäune, gespickt mit Kameras. Na gut, irgendwo muss es doch einen Eingang geben? Aber komisch, man sieht gar keine Menschen, innen, auf dem abgesperrten Gelände. Da, schau, da ist das Wasserwerk! „Deutscher Bundestag“ steht in goldenen Buchstaben bescheiden auf der Mauer davor, und daneben ist ein Klingelschild, zwei Knöpfe, wie lustig, wenn man jetzt klingelt, kommt dann der Hausmeister oder der Parlamentspräsident? – aber die Tür ist zu, man kommt nicht hinein, und zu klingeln wagt man natürlich nicht. Wir gehen stattdessen, schon etwas missmutig, weiter am Rhein entlang; immerhin, die Vögel singen recht schön hier, später sehen wir sogar einige Schwanzmeisen und einen Baumläufer! Aber kein Eingang, nirgends. Irgendwann, beim Marriott Hotel – zu dem man ja irgendwie hinkommen muss? – eine Einfahrt für Autos, versperrt.

Endlich kommt die ersehnte Stichstraße ins Innere. Sie bringt uns auf den „Platz der Vereinten Nationen“ vor dem Marriott Hotel, dessen Restaurant „Konrad’s“ heisst. Das im Kameha Grand heisst „Ludwig’s“; und ja, das fehlplazierte Apostroph ist ein untrügliches Zeichen von – Amibitioniertheit und Friseursalonhaftigkeit? Der „Platz der Vereinten Nationen“ ist immerhin großzügig angelegt, er ist umgeben von einem hohen Gebäude (dem Marriott), einem flachen (einem überdimensionierten Congress-Centrum in gewohnter städtebaulicher Hässlichkeit) und einem recht hübschen mittelhohen Bau im klassischen Bauhausstil – dem Haus des Bundesrates. Dieses entnehmen wir der ersten bescheidenen Tafel, die wir nun finden und die uns auf den „Weg der Demokratie“ leiten soll; die Tafeln sind im Übrigen alle schon deutlich älteren Datums, die Schrift ist etwas verblasst, und man wird nicht direkt überschüttet mit historischen Fakten oder sonstigen Informationen. Man kommt aber nicht in das Bundesrats-Gebäude, das wohl auch, wie die meisten anderen, noch irgendwie im Betrieb ist im Regierungsauftrag; nicht aber zwischen den Jahren, wo sogar die Pförtner und Hausmeister ruhen dürfen. Ein großer weißer Bus fährt langsam auf den Platz; offensichtlich eine Stadt-Rundfahrt, es steigt aber keiner aus. Wozu auch, ist ja sowieso zu und versperrt! Auf der anderen Seite findet man dann noch das Bundeskanzleramt, von dem Helmut Schmidt gesagt haben soll, es erinnere ihn an eine „rheinische Sparkasse“; und das ist noch ästhetisch hochgegriffen. Es ist großflächig eingezäunt.

Aber wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben zu diesem Zeitpunkt. Wir machen uns, den „Weg der Demokratie“ entlang, auf dem Weg zum Palais Schaumburg, dem Sitz des Bundespräsidenten (heute Zweitsitz, falls er denn mal da ist), und zum Kanzlerbungalow. Na gut, wir hätten auch im Internet finden können, dass er derzeit noch im Umbau ist (wie, gefühlt, die Hälfte aller historischen Gebäude in ganz Deutschland, nicht nur in Bonn; das sagt eine routinemäßige und unbelehrbare Bildungsbürgerin, die vor genug verschlossenen Türen und Bauzäunen stand in den letzten Jahren, um das begründet und nicht nur gefühlt sagen zu dürfen). Dass er aber, wie auch das Palais und alle anderen Gebäude von etwas höherem historischen und ästhetischen Interesse in dem recht schön parkartig angelegten Gelände, noch nicht einmal aus der Ferne, oder wenn doch, dann nur durch den Gitterzaun zu sehen ist – nein, das mussten wir lernen, und es war eine Erfahrung, die einen ziemlich nachdenk-lich macht.

Denn was haben wir gelernt bei unserem Ausflug in die Frühgeschichte unserer Bundes-Demokratie? Der „Weg der Demokratie“ führt zwar nicht an einer Mauer, aber an einem hohen Zaun entlang; und sobald man versucht, durch die Lücken zu schauen, fühlt man sich von einer Kamera beobachtet und daher etwas unwohl, so, als tue man etwas Verbotenes. Dabei wollten wir doch nur diejenigen Stätten besuchen, in denen das Volk vertreten wurde – also wir, wir alle, in unseren Gründungsjahren, damals, als Politik noch von ernsten Männern gemacht wurde und alle Abgeordneten in ein kleines Wasserwerk passten! Nun aber müssen wir draußen bleiben. Vielleicht, wenn wir einen Ausweis hätten, eine Sicherheitsüberprüfung vorzeigen könnten, irgendeinen magischen Zugangscode. Aber so – sind wir wohl eine potentielle terroristische Bedrohung. Oder einfach nur nebensächlich und unwichtig. Wenn wir Geschichte sehen wollen, sollen wir uns entweder in einen großen weißen Bus setzen oder gefälligst ins Museum gehen. Sollen wir?

Die Zweigstelle des Historischen Museums an der „Museumsmeile“ gleich gegenüber bietet derzeit unter dem Titel „Ein großer Wurf: 75 Jahre Grundgesetz“ eine (wahrscheinlich: ambitionierte?) Retrospektive, das Ausstellungsfoto zeigt eine Menge Männer in Schirmmützen, die an einem Schalter anstehen oder durch ein Glasfenster blicken, was auch immer – sie müssen wohl draußenbleiben, genau wie wir heute, dürfen aber aus der Ferne auf das heilige Grundgesetz schauen? (das keine Verfassung ist, noch immer nicht, vielleicht auch besser so) Alternativ gäbe es auch die Ausstellung #deutschlandigital, und das ist nun eine so schreckensvolle Vorstellung angesichts der Realsatire, die die Digitalisierung Deutschlands jeden Tag ganz ohne Eintrittsgebühr bietet, dass wir noch weniger in ein Museum wollen. Wir wollen – nun ja, die Aura des Realhistorischen, den Geist der Adenauer- und der ihr folgenden Kanzlerzeiten, den Nicht-Berlin-sondern-Bonn-Vibe, unterlegt mit einem Soundtrack aus Günter Grass und Heinrich Böll. Wir wollten – unsere sozialdemokratische Jugend wiederfinden in einem Land, das noch neu war im politischen Geschäft und auf eine angenehme Weise dilettierte: Kanzler-Bungalow eben! Und kein Museum, in dem nur wieder alles verkauft wird, politisch korrekt zertifiziert und dadurch: Berlin-förmig!

Aber, Berlin nun andererseits – mit gar nicht wenig Identifikation dachten wir an diesem Punkt an unseren Berlin-Besuch kurz vor Jahresende zurück. Die alte und derzeitige Hauptstadt war in mildes Winterlicht und Neuschnee getaucht, das der preußischen Mitte ganz hervorragend stand, und sogar der Regierungsbezirk hatte etwas Stilles, Mildes. Definitiv, Berlin war gut dabei auf dem Weg zur Hauptstadt des Herzens! Und so eine hinreißende Museums-Insel, die man mehrere Jahre bestaunen könnte! Und wenn es denn „Museumsmeile“ sein muss, wie in Bonn, dann doch besser gleich Frankfurt; der Main ist fast genauso breit, die Hochhäuser stellen die gerühmte Bonner Skyline (im Wesentlichen: der Lego-Telekom-Turm, der Lange Eugen und das Marriott) noch an einem Nebeltag in den Schatten – und dass Frankfurt damals nicht die Hauptstadt geworden ist, wir hatten es schon wieder vergessen, war wahrscheinlich das Ergebnis von Klüngelei und Bestechung; auch wenn einem die unterstellten Bestechungsbeträge pro Abgeordneten ziemlich lächerlich vorkommen, dafür bekommt man heute nicht mal mehr einen minderbegabten Lobbyisten! Eine gekaufte Hauptstadt – in welchem Bananenstaat leben wir eigentlich?

Und natürlich kann man auch in den Reichstag in Berlin nicht einfach mal eben reinlaufen; oder beim Bundeskanzleramt klingeln, und Olaf Scholz macht die Tür auf. Aber vielleicht sollte man doch bei Gelegenheit einmal darüber nachdenken, was es denn für den „Weg“ einer Demokratie bedeutet: Wenn sie nur noch in Hochsicherheitstrakten stattfindet. Die Anekdote über Gerhard Schröter, dass er in seiner Jugend als besoffenes Juso-Mitglied einmal an dem Zaun des Kanzleramtes rüttelte und her-ausposaunte: „Ich will da rein!“ – bekommt plötzlich eine ganz neue Bedeutung.


München, Monaco und Wiesbaden

Der Himmel über München war so blau-weiß wie sonst nur auf CSU-Wahlplakaten. Auf dem Viktualienmarkt aber dominierten an diesem Samstag in der Vorosterzeit zwei Farben in den Bier-gärten: schwarz-gelb und rot-weiß; es stand ein sog. ›Spitzenspiel‹ an, der lokale Endlos-Meister gegen die aufstrebenden Borussen (es endete tragisch, für die Borussen nämlich, sie verloren 0:5, und wer das jetzt für einen Spoiler hält, muss den Rest sowieso nicht lesen). Wir hatten etwas mühsam noch einen Sitzplatz bei der Suppenküche gefunden; als wir mühsam unsere Karotten-Kokos-Suppe samt Holunderschorle dorthin balanciert hatten, grüßten wir freundlich (was in München gar nicht so selbstverständlich ist, wie man meinen sollte) die beiden schon am Tisch sitzenden Gäste. Beide trugen schwarz-gelb, der Sohn einen Schal und einen Kopfputz, der Vater ein Trikot. Während wir versuchten, hinter die Geheimnisse des neu eingeführten Suppe-Punkte-Systems samt Stempelkarte zu kommen, machte ich einen matten Scherz darüber, dass das ja beinahe schwieriger sei als das Punktesystem in der Bundesliga, haha, es war mir selbst hinterher peinlich. Der Papa aber stieg großzügig ein, mit gar nicht arg borussischem Akzent sagte er, so schwer sei das doch nun auch nicht, was ich denn für Probleme hätte, und es entwickelte sich tatsächlich eine Art Gespräch. Es stellte sich dabei unter anderem heraus, dass die Fußballtouristen gar nicht aus Dortmund angereist waren, sondern aus Wiesbaden, wo sie schon des längeren lebten; eine schöne Stadt, legte uns der Ex-Borusse ans Herz, genauso wie Mainz, besonders zu den Weinfesten – was schon fast wagemutig zu nennen war angesichts der Bierseidel-Dichte und Hopfen-Geruchskonzentration des weiteren Umfelds; und ob wir überhaupt wüssten, dass Monaco Wiesbaden seinen Reichtum verdanke? Nein, wüssten wir nicht, sagten wir einiger-maßen perplex und löffelten inzwischen durchaus interessiert weiter Karotten-Kokos-Suppe. Es sei nämlich so, holte unser Gesprächspartner aus – er trug übrigens eine Sonnenbrille und einen Stoppelhaarschnitt zum Trikot –, dass im 19. Jahrhundert das Glücksspiel in Wiesbaden, wo es eine florierende Spielbank gab, staatlich verboten worden sei; da sei der damalige Eigentümer eben nach Monaco gezogen und habe dort ein Casino gegründet, und so habe der heutige Zwergstaat wesentliche Teile seines Weltrufs und seines heutigen Reichtums – einem ehemaligen Wiesbadener zu verdanken! Wir waren ein wenig sprachlos, ich arbeitete kurz an einem weiteren matten Scherz daran, ob man nicht auch noch den deutschen Spitzenfußball nach Monaco exportieren könnte, nur falls weitere leitende Mitglieder des Bayern München noch mehr Probleme mit dem Recht bekämen – aber ich ließ es dann sein und zeigte mich dankbar belehrt. Derweil stand unser sonnenbebrillter Gesprächspartner auf und kündigte an, sich nebenan noch einen Kaffee holen zu wollen, Sohni blieb brav bei uns sitzen. Ich fragte, wann denn das Spiel so losginge und was man noch vorhabe; er sagte, stocktrocken und weitgehend hochdeutsch, naja, erst einmal offensichtlich Kaffeetrinken, und dann werde man ein wenig randalieren und um 18.30 sei dann schon Anpfiff. Äh, fein, sagten wir und kratzten schmunzelnd die letzten Reste unserer Suppe auf, dann kam Papa zurück, die Schlange war ihm zu lang gewesen. Die beiden ließen sich ersatzeshalber eine Eisdiele ans Herz legen, verabschiedeten sich unmünchnerisch freundlich, und der stoppelhaarige Ex-Borusse sagte, nun seinerseits schmunzelnd: Und so hätten wir denn gesehen, dass man sogar von Fußballfans etwas lernen könne! Wir werden wohl demnächst nach Wiesbaden fahren, es scheint eine interessante Stadt zu sein, vor allem bei Weinfesten.


RÜCKKEHR NACH FREIBURG, ODER: EIN TECHNISCHES MISSVERSTÄNDNIS

Wie immer freute ich mich, zurück in Freiburg zu sein. Ich hatte die Begrüßungsrunde gedreht, ein Abendessen bei meinem Lieblingstürken, wo mich alle immer noch erkannten; ein Blick auf das abendliche Münster, nun ganz ohne Gerüste filigran erleuchtet vor dem tiefblauen Abendhimmel, von drinnen drang leise Orgelmusik heraus und die Jungfrauen warteten, geduldig, wie eh und je; ein Streifzug über die Bächlein und durch die Gässlein, doch im Läderach-Laden waren leider schon die Putzfrauen am Werke, ich wäre durchaus bereit gewesen, aus reiner Wiedersehensfreude eine unvernünftige Summe Geldes in Schweizer Schokolade zu investieren. Und gerade wollte ich vor dem Abbiegen zum Hotel noch einen Blick auf die Stupa beim Tibet-Haus werfen, wo man im Sommer immer so friedlich Tee trinken kann, da hielt das Fahrrad neben mir an und der ältere Herr sprach mich von der Seite an. Er hatte eine außerordentlich wohlklingende, ja geradezu geschulte Stimme, das feinste Hoch-deutsch, ein tiefes Timbre, vielleicht war er ein Prediger am Münster; oder vielleicht doch eher ein Alt-Akademiker mit linker Vergangenheit, wie sie so treu die Vorträge des Studium Genera-le, der Katholischen Akademie oder des Goethe-Vereins bevölkerten? Denn bei näherem Hinsehen trug er eine Art Hoodie, und ich konnte seinen Worten auch zunächst keinerlei Sinn entnehmen; er hatte nämlich auf die Straßenmitte gezeigt und in etwa gesagt, das stünde nun noch immer da und das könne doch eigentlich wirklich nicht sein!

Das, was da stand, war, soweit ich das im tiefblauen Abenddunkel unter dem Sichelmond erkennen konnte, eine Kameraanlage. Sie stand mitten auf der Straße, dort, wo ein kleiner Platz für die Fußgänger ist; es handelt sich um eine nicht sehr viel von Autos befahrene, sondern eher von wilden Radfahrern frequentierte Straße am Rande der Altstadt, wo sie gemütlich in die Professorenviertel der Wiehre jenseits der Dreisam ausfließt, und ein Zebrastreifen wäre einfach eine Übertreibung für diese kleine Straßenkreuzung gewesen. Deshalb gibt es nur diesen kleinen Raum in der Fahrbahnmitte, wohin man sich flüchten kann vor den wildgewordenen Fahrradfahrern, die häufig auch schwere Kleinkindanhänger im Schlepptau habe, eine wohletablierte Kindertagesstätte ist gleich ums Eck, mit einem imponierenden Fahrradparkplatz. Dort, auf der kleinen Fußgänger-Oase in Fahrbahnmitte, stand jedoch nun die schwarze Kamera, nein: Sie machte sich geradezu breit, ein schwarzes, technisches Ungetüm! Und der altehrwürdige Hoodie-Träger mit dem sanften Timbre in der Stimme erläuterte mir, nachdem er mich offensichtlich als Genossin im Geiste erkannt hatte, woran auch immer (immerhin trug ich einen Duffle Coat mit Kapuze), dass diese doch offensichtlich sehr teure Kameraausrüstung schon seit heute Morgen hier stünde. Gestern jedoch sei ein Kamerateam dagewesen, nebenan in der Marienstraße, sie hätten irgendwas gedreht, der Himmel weiß was (ein Tatort gar, das wahre Erkennungszeichen dafür, dass man eine ordentliche deutsche Stadt mit Milieu ist, lag mir auf der Zunge zu fragen, aber ich hielt mich gerade noch zurück), und heute stünde nun diese Kamera da. Er habe schon die Polizei informiert, das könne doch nicht sein, wahrscheinlich sei ein armer (es schwang mit: unterbezahlter, prekär beschäftigter, von den Mehrheitsmedien versklavter) Kameramann dagewesen und der habe nun seine Ausrüstung vergessen, wofür er sicherlich werde finanziell einstehen müssen!

Das wollte mir nun nicht unmittelbar einleuchten. Denn, so formulierte ich noch zögernd, den Gesprächspartner aus den Augenwinkeln abschätzend, es sei doch sicherlich noch – nun, der Film, das Material irgendwo in der Kamera (natürlich war ich technisch unsicher, wie das bei digitalen Geräten heutzutage ist, aber trotzdem, irgendwie musste das Material ja übertragen werden!), und es hätte einem doch auffallen können, dass man mit leeren Händen nach Hause kommt? Aber mein Gesprächspartner hielt sich nicht mit technischen Banalitäten auf. Er habe die Polizei ja schon verständigt, heute Morgen gleich, aber er habe nun gerade jetzt kein Telefon, ob ich denn vielleicht eines hätte, es könne doch nicht sein, dass hier eine teure Kameraausrüstung mitten auf der Straße stünde? Mir lag es auf der Zunge zu sagen, dass es doch schön und recht freiburgerisch sei, dass sie immer noch hier stünde, wo er doch schon heute Morgen die Polizei angerufen habe; was ich sagte, war aber, halb wahrheitsgemäß und halb ausweichend, dass ich nun leider auch nicht von hier sei und deshalb höchstes mein Handy  benutzen könnte. Aber irgendwas kam mir immer noch komisch vor, und während ich mich dem Gerät nun etwas annäherte und ihm ins Gesicht schaute, räumte auch mein Gesprächspartner ein, es habe ja irgendwie Ähnlichkeit mit einer, nun ja, Radaranlage. Ich schaute in das große Blitzauge und dachte, ja, genau, so stehen sie auch bei uns im Dorf, es ist dieses große Auge, und es blitzt – und mein Gesprächspartner sagte währenddessen, das würde natürlich alles ändern und man könnte dann ja auch einfach das Problem lösen, indem man das Gerät in die Dreisam werfe!

Das war eine ziemlich unerwartete Wendung der Ereignisse, und die Alternative, entweder vertrauensvoll die Polizei zu verständigen, damit sie sich um herrenloses Gut kümmere, oder ein amtlich zertifiziertes Gerät zur Kontrolle von Verkehrssündern – wild gewordenen Radfahrern eher als verschüchterten Autofahrern – mal eben in der mal idyllisch, mal auch bedrohlich daher strömenden Dreisam zu entsorgen, schien mir etwas radikal. Hilfesuchend schaute ich mich um, in der durchaus rationalen und in schwäbischen Dörfern vielfach empirisch verifizierten Annahme, wo ein Radargerät sei, müsse auch derjenige, der es auslöse und bediene, in der Nähe sein. An der Ecke stand tatsächlich ein Mann, mittelalt, Durchschnittsgesicht, kein Hoodie. Er hatte eine Pizza-Pappe in der Hand, kaute auf einem Pizza-Achtel und erklärte auf Nachfrage, wir könnten ja gern weiter in das Gerät schauen, aber wenn es auslösen würde, würden wir leider spontan erblinden! Ob das Infrarot sei, wollte der Hoodie-Senior wissen, auf einmal technisch interessiert? Aber eigentlich, so im Nachsatz, ließ er den Pizza-Mann wissen, sei das auch egal, denn wenn es sich tatsächlich um eine Radaranlage handele, so werde er das Ding doch besser in der Dreisam entsorgen.

An dieser Stelle gewann, ich gebe es zu, meine Feigheit die Oberhand. Es war durchaus möglich, dass sich noch ein interessantes Gespräch zwischen Hoodie-Senior und Pizza-Mann entwickeln würde, über obrigkeitliche Rechte und Bürgerpflichten oder das geeignete technische Verfahren zur Feststellung von Temposündern, entweder motorisierten oder nicht-motorisierten; aber ich wollte weder zum Komplizen noch zur Schiedsrichterin werden. Ich murmelte also etwas der Art, dass damit ja wohl das Problem gelöst sei und ein Anruf bei der Polizei sich erübrigen würde (welche Ironie, schrie es in mir!) und wandte mich zum Gehen.  Aber weil es Freiburg war, rief der Senioren-Hoodie in seinem allerschönsten Vorlesungs-Predigt-Hochdeutsch mir hinterher, ich möge doch noch recht nett Freiburg genießen! Natürlich, war ich geneigt zu sagen, genau das tue ich, hier und jetzt! Und am liebsten wäre ich noch zum Tibet-Haus gegangen und hätte den Vorfall etwas in mir nachschwingen lassen, wie meine Yoga-Lehrerin immer sagt: Spürt in euch hinein, und wenn ihr nichts spürt, dann bildet euch halt ein, dass ihr was spürt, es macht sowieso keinen Unterschied. Aber das Tibet-Haus hatte schon zu, die Stupa schlief friedlich unter dem Sichelmond, und man soll nicht zu viel verlangen. Noch nicht einmal von Freiburg.

DAS GROSSARTIGSTE FOTO DER WELT

Abends dann saß ich beim Inder. Das Restaurant heißt ›Mahatma Gandhi‹, es ist angenehm ruhig meistens, und es hängen viele Gandhi-Fotos an den Wänden, neben den unvermeidlichen, aber im Großen und Ganzen ja auch recht friedlichen Ganeshas (es gibt aber nicht nur vegetarisches Essen, so weit geht die Identifikation dann doch nicht). Etwas nach mir kam ein Mann, Typ Geschäftsreisender, er sprach nur Englisch und begann gleich eine Unterhaltung mit dem Kellner: wie sehr er Indien liebe und bewundere, und das indische Essen vor allem, und er habe einmal einen Zimmergenossen im College gehabt, der sei aus Südindien gewesen, wie hieße die Provinz noch mal? Egal, er selbst sei leider noch nie in Indien gewesen, aber er wolle unbedingt dorthin, und es klang tatsächlich echte Sehnsucht aus seiner Stimme. Das Hähnchen Vindaloo, das ihm bald serviert wurde, lobte er überschwänglich und im Ton des echten Kenners. Am meisten aber begeisterte ihn das Gandhi-Foto, das neben seinem Tisch hing: Es sei really wonderful, really great, one of the greatest photos ever! Er wiederholte das mehrfach, weil der Kellner eher schwach reagierte; vielleicht war er kein ganz so großer Anhänger des großen Meisters, der immerhin einiges von seinen Anhängern und Nachfolgern erwartet hatte, wozu nicht jeder fähig war. Und natürlich hätte man nun ein Gespräch anfangen müssen, nachdem so verzweifelt ein großer Haken ausgeworfen worden war; aber man ist nicht immer in der Stimmung, ein Mitmensch zu sein, und der Kellner musste ja noch seine anderen Gäste versorgen.

Aber meine ebenso unsterbliche wie gelegentlich frivole Neugier konnte ich dann doch nicht besiegen, und so warf ich beim Zusammenpacken einen verstohlenen Blick auf das so bepriesene Gandhi-Foto am Nachbartisch. Nun gibt es vom großen Meister ja eine ganze Reihe berühmter, ikonisch gewordener Fotos, aber das war definitiv keines davon. Denn es zeigte den jungen Gandhi, ganz in Weiß gewandet, nur die nackten Füße, die später durch ganz Indien wandern sollten, schauten unten unschuldig hervor, und auf dem Jungengesicht mit dem etwas stutzerhaften Schnurrbart saß ein weißer Turban, der entfernte Ähnlichkeit mit einer etwas deformierten Teehaube hatte. Neben ihm jedoch stand, ihm gerade bis zur Schulter reichend, seine junge Ehefrau. Auch sie war ganz in Weiß gewandet, aber auf dem Weiß durften ein paar kleine Blumen tanzen; sie hielt die Hände sittsam vor dem Körper verschränkt, die Augen waren ernst und schauten etwas wissender als der junge Mann neben ihr. Das Ganze wirkte wie eine Inszenierung aus Tausendundeiner Nacht: Im Hintergrund zeichnete sich noch undeutlich ein geschmückter Vorhang ab, und vor ihm standen diese beiden jungen, lilienhaften Gestalten, weiße Silhouetten mehr als Menschen, gerade, beherrscht, dem Fotografen ohne jede Spur eines Lächelns ins Auge blickend. Vielleicht, wenn man genauer hinsah, konnte man eine gewisse Entschlossenheit auch bei dem jungen Mann sehen, ein gelindes Bohren des Blickes; doch dann war es doch nur wieder ein junges Ehepaar, unsicher, einer ungewissen Zukunft gegenüber und einem fremdartigen technischen Gerät. Hätte man ihnen in diesem Moment ihre Zukunft geweissagt – es hätte nichts geändert an ihrem Blick, an dem ernsten Selbstbewusstsein und dem Blütenweiß der drapierten Kleider. Noch das Hochzeitsfoto meiner Schwiegereltern ist so, ich hätte es gern danebengehängt: zwei ernste junge unverkennbar norddeutsche Menschen, gepackt in Kleider, die ihnen ein wenig zu groß und ein wenig zu fremd sind; und ein klarer Blick, direkt in die Kamera, ohne auch nur die geringste Spur eines Lächelns. War es das gewesen, was den amerikanischen Geschäftsreisenden so fasziniert hatte? Unamerikanischer konnte ein Foto nicht sein; vor ihm zerbröselte die gesamte Selfie-Manie samt der bizarren Kunst des posing dahin, und man hätte das eine oder andere durchaus existentielle Gespräch daran anknüpfen können. Aber vielleicht suchte er auch nur nach einem Zuhörer in einer schweren Stunde, wer weiß das schon, und das Foto war ein Vorwand. Gandhi hätte sicher Verständnis gehabt. Er wollte nie eine Ikone werden. Vielleicht hätte er gern einmal Indien besucht, als Tourist, und mit einem Fremden gesprochen, ohne dass einem gleich ein Mikrofon hingehalten wird.


 

Rückkehr nach Freiburg

Hier kennt man mich.
Doch nicht zu gut.
Die Wolldecke liegt auf dem Bett,
(ich friere leicht)
ein Keks dazu, ein kleiner Gruß
aus Freundlichkeit.
Die Bäume in den Straßen blühen,
fast zu prächtig leuchten
die Kastanien am roten Platz.
Glyzinien winden sich
an alten Hauswänden entlang:
gebändigte Natur.
Der Wein ist nicht erfroren in der Stadt.
Die Bächle fließen, übervoll,
das Krokodil liegt bis zum Hals im Wasser.
Die Enten in der Fischerau
haben ein Surfbrett bekommen.
Ein kleiner Ruheplatz.

Hier kennt man mich.
Doch nicht zu gut.
Der erste Weg, wie immer,
führt hin zum Münster in der Mitte.
Zum ersten Mal
entdecke ich die Sonnenuhren,
auf halber Höhe.
(Ist schon Sommerzeit?)
Die Wasserspeier grinsen. Menschen
vergehen unter ihnen.
Die Jungfrauen stehen für die Ewigkeit gereiht,
betrübt mit umgedrehten Lampen,
heiter mit gefüllten.
(Das Glas ist voll oder ist leer.
Dazwischen gibt es nicht)
Man grüßt Maria und die Heiligen.
Man würde gern mit ihnen dastehen,
demütig, still, sein Zeichen tragend:
Woran wird man sterben,
und womit leben? Ein Buch, ein Tier?
(Es wird das Grauen sein über die Worte,
die Verzweiflung über das nicht enden wollende
Geschwätz. Die Seuche unserer Zeit:
besser zu wissen ohne jemals
gelebt zu haben).
Ein Wort. Es wäre schön,
ein Wort zu halten: „Rückkehr“.
Oder eine Geste: Noli
me tangere“. Rühr mich nicht an.
Gebt Ruhe. Bleibt still. Hört nur einmal zu.

Hier kennt man mich.
Doch nicht zu gut.
Der Platz ganz in der Ecke ist noch frei.
Nur etwas zugig dort, wie immer.
Für Eine, ganz allein, mit einem Buch.
Ihren Gedanken. Ihrem Wein.
Das Gleiche heut, Sie wissen schon,
etwas Leichtes. Den gleichen Wein,
der immer anders schmeckt.
(Weine sind gute Zuhörer)
Heute schmeckt er nach Rückkehr.
Die türkische Musik, im Hintergrund,
Stimmengewirr, aus vielen Sprachen.
Die Bilder zeigen Istanbul. Konstantinopel,
so wie es einmal war.
Moscheen und Straßenbahnen.
Damals, auf dem Bosporus, der Morgenwind,
die Schiffe, die Barkassen. Die frühen Fischer
am Ufer. Schlafende Bars. Paläste, alt und neu
ziehen vorbei.
Ein fremdes Land. Und doch,
ein wenig kennt man es.
Doch nicht zu gut.
Der Wirt ist freundlich zu den Gästen,
man zeigt sich seine besten Seiten.
Egal, wer kommt, er breitet seine Arme aus:
Auf euch hab ich gewartet. Wer ihr auch seid.
Hier ist es warm. Hier gibt es Wein.
(doch nicht ganz in der Ecke dort.
Dort ist es etwas zugig.
Sie ist zurückgekommen.
Lasst sie allein. Mit ihrem Wein. Dem Buch. Ihren Gedanken)

Hier kennt man mich.
Doch nicht zu gut.
Im Traum kehrt man zurück
an Orte, wo man niemals war,
(man kennt sie)
spricht mit Menschen, die man kennt,
doch eine unbekannte Sprache,
(man versteht sich).
Im Traum ist man zuhause
und befremdet.
Niemals angekommen. Und doch da.
Steht bei den Jungfrauen als Gast,
mal unsäglich betrübt, mal übermütig heiter.
Fährt am Bosporus im Wind des frühen Morgens.
Die Kastanien werden blühen, die Glyzinien
winden sich weiter ins Unendliche.
Der Wein ist nicht erfroren in der Stadt,
die Sonnenuhr steht still.




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