Minutiae. Texte * Bilder * Gedanken


Weltreisen


  • Tot in Venedig
  • Neapel sehen und shoppen
  • Nichts zu sehen in Troja
  • Von Rehen und Stieren und der Globalisierung des Mittelalters
  • Drachen und Strukjli: Ein Lob auf Ljubljana
  • Der Heilige Josef und die Akku-Aufladestation
  • Die Ah-Sager. Eine Geschichte aus Armenien
  • Stipp-Visite in Ultima Thule
  • Kufsteiner Kuriositäten



TOT IN VENEDIG

Immerhin, es war Venedig. Man muss dazu sagen, dass diese Geschichte weit vor den Zeiten spielt, in denen das Internet, die social media und das Billigfliegen die Welt zu einem globalen Dorf gemacht haben, in dem die ersten internationalen Austauschprogramme wahrscheinlich demnächst im Kindergarten starten und die Weltjugend – zumindest ihr polyglotter, überprivilegierter Teil – Thailand besser kennt als die Ostseeküste. Nein, wir, irgendwo zwischen 20 und 25 Jahren, wenig begütert und noch weniger polyglott, konnten immerhin als Bahnkinder umsonst bis Italien fahren und hatten sehr mühevoll ein kleines, vor allem von langbeinigen Schnaken bewohntes Zimmer jenseits von Mestre gefunden, auf dem schmutzig-prosaischen Festland also, wo Raffinerie-Türme statt gotischer Palazzi die Silhouette prägten. Man fuhr dann morgens mit der Regionalbahn über den Damm nach Venedig, das sich mit Parkhäusern ankündigte; aber sobald man dem Hauptbahnhof entstieg, begrüßte einen der Canale Grande mit all seiner Pracht, wenn auch mit einem etwas gewöhnungsbedürftigen Geruch. Da wir keinen Stadtplan hatten (zu teuer), verliefen wir uns ständig auf dem Weg zum Markusplatz; immer wieder lockten kleine Gassen, aber wenn man der Verlockung folgte, endete man immer in einer Sackgasse, vor einem minderen Kanal, und nur die Gondeln trieben melancholisch und ein wenig höhnisch vorbei. Aber dann ging man eben zurück, es war ja auch eigentlich egal; irgendwo in der Mitte schlängelte sich der Canale Grande wieder, mit Touristenströmen und der Herrlichkeit der Palazzi und dem inzwischen schon gewohnten Geruch. Die Gondeln, von denen wir natürlich nur träumen konnten, drängten sich mit den Vaporettos, und dafür, dass das die schönsten Busse vor der schönsten Kulisse der Welt waren, waren sie sogar ziemlich billig, und man konnte mit ihnen zum Lido fahren und wieder zurück.

Teuer hingegen war auch sonst alles. Noch nicht einmal eine Pizza hätten wir uns leisten können; und als wir, wegen des völligen Fehlens öffentlicher Toiletten, in einer abgelegenen Bar eine Coca Cola für fünf Deutsche Mark (so lang ist die Geschichte schon her!) bestellen mussten, um dann hastig die schmuddeligen Toiletten aufzusuchen, tat das schon ziemlich weh – wir mochten noch nicht einmal Cola, sie war nur am billigsten. Aber der Tag war lang, und der Mensch hat Bedürfnisse, auch wenn er kein Geld hat. Immerhin, es gab auch Märkte mit wunderlichem Getier und reifen Früchten; und wir gönnten uns Kirschen, Ciliegie, prallrot, vielleicht fünfhundert Gramm, vielleicht auch nur zweihundert, so weit reichte unser Italienisch gerade: »duecento grammi per favore!« Die Kerne spuckten wir in den Canale Grande, ein kleiner Akt des Übermuts. Aber von Kirschen allein kann man auch nicht leben, und irgendetwas hätten wir schon gern auf unser trockenes Weißbrot gelegt. Und da kam dieser kleine Laden gerade recht, ebenfalls an einem die minderen Kanäle gelegen, er verkaufte Käse. Wahrscheinlich haben wir uns nicht gleich hineingetraut, ihn etwas aus der Ferne umkreist, dann immer näher – und irgendwann war der Hunger groß genug, und wir öffneten zaghaft die Ladentür, vielleicht roch es verlockend, vielleicht auch nicht, wir merkten es jedenfalls ganz sicher nicht, weil wir viel zu nervös waren. Wir konzentrierten uns auf die kleinen Preisschilder, suchten gezielt das billigste Produkt und kramten dann hastig unser Brocken-Italienisch wieder aus: »Duecento grammi de« – und dann zeigten wir mit der weltweit verständlichen Geste des »das da!« auf das Preisschild. Der Patrone schaut ungläubig. Aus seiner wortreichen Antwort und Mimik war deutlich zu entnehmen, dass er nachfragte, ob das wirklich unser Ernst sei, duecento grammi? Wir nickten, zunehmend verzweifelt. »Bene«, sagte er achselzuckend und packte eine gräulich aussehende Masse in eine Papiertüte, der Vorgang war nicht ganz einfach. Touristen, dachte er wahrscheinlich. Was soll man schon sagen, Barbaren alle.
Wir verließen den Laden sehr schnell und suchten uns ein stilles Plätzchen zum Auspacken. Das Päckchen enthielt eine bröckelige Substanz mit einem eigenartig vertrauten Geruch, der uns im Moment jedoch entfallen war. Wir waren ratlos. Wir hatten nicht einmal ein Messer, wie sollten wir das Zeug auf unser Weißbrot kriegen? Barbaren, die Italiener. Doch langsam arbeitete sich der Geruch aus dem Hinterstübchen unseres Bewusstseins immer weiter nach vorn, bis wir endlich die Sackgasse erkannten, in die wir dieses Mal geraten waren: Hefe. Es war Hefe, was auch immer das auf Italienisch heißen mochte. Lose verkaufte Hefe. Zweifellos unessbar in rohem Zustand. Wir begannen hysterisch zu kichern. Wir rechneten aus, wie viele Brote man damit backen könnte, hätte man denn einen Ofen; oder Kuchen, Hefekuchen, so wie ihn unsere Oma immer am Freitagnachmittag fürs Wochenende gebacken hatte, und man musste nur ans Küchenfenster im Erdgeschoss klopfen und bekam ein ganz frisches Stück, das natürlich unendlich viel besser roch als unsere rohe Hefe, die sich krümelig in der Papiertüte breit machte. Und wie sollten wir das Zeug bloß loswerden? Öffentliche Mülleimer gab es damals ebenso wenig in Venedig wie öffentliche Toiletten, und wir konnte sie doch nicht einfach in den Canale Grande schmeißen, so wie wir leichtfertig die Kirschkerne hineingespuckt hatten! Wahrscheinlich würde der unförmige Hefekloß noch nicht mal versinken, sondern sich klebrig ausbreiten, eine undefinierbare Masse, die sich mit anderen undefinierbaren und unaussprechlichen Massen verbinden würde und an eine der glänzenden schwarzen Gondeln heften, wie eine bösartig mutierte Qualle, und dort wachsen und wachsen; und der Gondoliere würde sein Ruder nur noch mit großer Mühe wieder aus ihrem Schlinggriff befreien können, und sein böser Blick würde unweigerlich uns treffen, uns, die Barbaren, und wir wären tot in Venedig.

Vielleicht haben wir die Tüte aus reiner Verzweiflung zurückgetragen bis zum Hauptbahnhof, der schon genug mit dem Festland verbunden war, um sowohl öffentliche Toiletten als auch öffentliche Mülleimer aufzuweisen. Dass dann die Ferrovia Italia streikte und kein einziger Zug mehr zum Festland fuhr (und natürlich gab es keinen Schienenersatzverkehr, das Wort war damals wahrscheinlich noch nicht einmal erfunden, und wenn doch, dann hätte man es sicherlich wörtlich ins Italienische übernommen, la Schienen-Ersatz-Verkehr), zu unserem schnakenbesetzten Appartement bei Mestre, ist eine andere Geschichte. Aber immerhin, es war Venedig.


NEAPEL SEHEN UND SHOPPEN

Er wurde es nicht müde uns zu warnen. Wir waren zu diesem Zeitpunkt bereits gemeinsam durch Rom gelaufen, er hatte uns die beste Eisdiele und den allerbesten Schuhmacher gezeigt, und den Petersdom und das Pantheon, und weil es August war und alle Römer in Urlaub waren, mussten wir uns nicht mal vor den Mofas fürchten. Wir hatten zusammen, diesen Morgen noch, den Vesuv bezwungen, gemeinsam mit Scharen weiterer schlecht beschuhter und gut behüteter Touristen; es war ein freundlich-warmer Sommermorgen, und der schwarze Krater wirkt eher wie eine große Sandgrube, in die man leider nicht hinunterrutschen durfte. In der unwirklich blauen Bucht unter uns erstreckten sich, auf einer leichten Dunsthülle schwebend, Neapel und seine Vorstädte; dort ahnte man Pompeji, auf der anderen Seite Herculaneum, und nur der in langen Studienreisen verfeinerten, mit italienisch ausholender Gestik untermalten Redekunst unseres Reiseleiters (und vielen lehrreichen arte-Dokumentationen) war es zu verdanken, dass wir auch das Grauen ahnen konnten, das rasende Tempo der Lavamassen, den Geruch, die Schreie, die plötzlich eintretende Stille. Und nun rief Neapel; Neapel sehen und sterben, murmelten die Gebildeten unter uns vor sich hin, aber eigentlich wollten wir nicht sterben, sondern Pizza essen. Unser Bus setzte uns am Hafen ab, wo die zwei vor Anker liegenden blendendweißen Kreuzfahrtschiffe merkwürdig mit den sonnendurchglühten Rot und Ockertönen der Stadt kontrastieren; die Kreuzfahrer waren aber offenbar schon auf dem Marsch durch Pompeji, und Neapel war menschenleer wie Rom in der Mittagshitze. Auf der weiten Piazza del Plebisciti waren wir allein mit den Tauben, und nun wurden wir nochmals ernsthaft instruiert: Zusammen bleiben! Die Fotoapparate, wenn sie denn schon sein mussten, dicht am Körper, wie alle Wertsachen! Und nicht abschweifen, auch wenn die Gässchen noch so idyllisch lockten! Dies sei Neapel, und wenn wir auch mit ziemlicher Sicherheit nicht sterben würden, so könnten wir doch mit durchaus hoher Wahrscheinlichkeit beklaut werden. Also, im Chor bitte: Zusammenbleiben!

Wir trabten, eine etwas verängstige Herde, unserem tapferen Hirten hinterher, der uns wie immer in makelloser italienischer Statura führte; allein sein Profil hatte etwas nicht ganz Klassisch-Römisches, sondern wirkte eher silenenhaft, verschmitzt satyrisch. Wir alle waren ihm schon verfallen, seiner perfekten Haltung wie seiner scharfen Zunge; unsere urdeutsche Fixierung auf Socken und Sandalen wurde jeden Morgen aufs Neue bespottet, aber nur dann und wann wagte einer der Jüngeren vielleicht, ganz mutig das Hemd nicht in die Hose zu stecken. Und so tauchten wir ein in die neapolitanische Altstadt: Die Gassen wurden immer enger, die Häuser mit ihrem gefährlich abblätternden Putz schienen allein durch Wäscheleinen stabilisiert und berührten sich oben beinahe. Wenig Licht fiel hindurch und erhellte dann und wann einen Kleinwagen, der sich in die enge, schnurgerade Spaccanapoli gezwängt hatte, die Neapel in zwei Hälften teilt; eine Schlucht, die von den Hügeln aus unverkennbar einen Schnitt durch die Altstadt legt, und in deren Grund wir uns nun ausweichend an die verdächtig aussehenden Hauswände drücken mussten, um hupende Fiats mit wenig vertrauenerweckenden Insassen passieren zu lassen. Wir sahen Heiligenbilder, kaputte Motorräder, Müll; tiefschwarz gewandete Mammas auf bröckeligen Altanen, Straßenhändler, dunkle Läden, die sich in eine unendliche Tiefe erstreckten und bis oben hin vollgestapelt waren mit Dingen, Müll. Wir sahen, mitten darin, ein Kloster mit Orangenhain und natürlich die Straße der Krippen, in der das ganze Jahr über all das Sammelsurium verkauft wird, das zu einer typischen neapolitanischen Krippe gehört, darunter Pizzabäcker, Straßenhändler, wahrscheinlich auch Mofas und Taschendiebe und Müll. Und wir blieben zusammen, eine kleine Herde, die durch einen sehr fremden Kosmos stolperte und an einem heißen Augustmittag mit Figuren überladene Krippenszenarios fotografierte, die eher an eine von einem leicht Verrückten inszenierte Modelleisenbahn mit Wasserfall erinnerten als an eine Weihnachtsgeschichte im fernen Judäa.

Vollzählig und glücklicherweise noch im Besitz aller Wertgegenstände tauchten wir etwas erleichtert am anderen Ende wieder aus der Spaccanapoli auf und waren nun, endlich, bereit für den Höhepunkt: die neapolitanische Pizza, hier, an ihrem Erfindungs- und Ursprungsort; Neapel sehen und Pizza essen, darauf waren wir vorbereitet worden, wir kannten die Geschichte, wie die Margherita zu Ehren der gleichnamigen Königin erfunden worden war, in ihrem uritalienischen Dreiklang des Rots der Tomaten, des schneeweißen Büffel-Mozzarella und des duftigen grünen Basilikums – dazu das Mysterium der Hefe, ganz genau zwischen locker und knusprig, so, wie es eben nur in Neapel zelebriert werden konnte, und nicht in Nürnberg, New York oder Neuseeland und schon gar nicht in der heimischen Pizzeria oder aus einer Tiefkühlpappe. Doch da ereignete sich das Unvorhergesehene, das Unvorhersehbare, das Sakrileg: Ein kleiner Teil der Gruppe – es waren einige der Jüngeren – kündigte an, sich von der Herde trennen und lieber shoppen gehen zu wollen. Shopping?! Unser Hirte war nicht nur verstimmt, er war fassungslos. Socken in Sandalen, das mochte noch angehen, zumal man ja wirklich nicht wusste, was unter den Socken versteckt war; aber Shopping statt neapolitanischer Pizza? Seine Statur litt. Aber er fasste sich mühsam wieder und gab bündige Instruktionen: Zusammenbleiben, unbedingt, jetzt erst recht! Die Hauptstraße niemals verlassen, da gäbe es sowieso keine Shops in den Gässchen! Den Rucksack körpernah! Und genau eine Stunde, capisci? Die Abtrünnigen setzten sich etwas unsicher in Bewegung, der Rest setzte sich auf weiße Plastikstühle; die Pizzeria sah noch etwas unbelebt aus. »Shopping!«, murmelte er, immer wieder. Die Pizza ließ auf sich warten, aber schließlich war das hier kein Schnellimbiss oder Pizza-takeaway, sondern Neapel an einem mäßig heißen Montagmorgen im August, und die Kellner mussten erst ein wenig überredet werden, ihren Ofen anzuwerfen. Als dann unsere Pizza kam – stillschweigend hatte man sich auf Margherita, das Original geeinigt –, bissen alle herzhaft zu. In Sekundenschnelle waren wir bekehrt: Alles war, wie es sein sollte, und niemals mehr würden wir in unserer heimischen Pizzeria eine Pizza Hawai bestellen, ohne uns in Grund und Boden zu schämen, niemals mehr der Dr.Oetker-Werbung oder einer anderen internationalen Pizza-Mafia und ihren Papppizzas mit schmierigen Kuh-Mozzarella auf den Leim gehen!

Pünktlich nach einer Stunde – immerhin waren sie Deutsche und trugen Socken in den Sandalen – tauchten die Shopper wieder auf. Sie schleppten Plastiktüten, die internationalen Trophäen des globalen Schnäppchenjägers, die Tüten trugen vertraute Logos der globalen Großkonzerne, die Jäger sahen aber nicht wirklich glücklich aus. Aber immerhin, so vermittelte ihre trotzige Haltung, würden sie etwas Handfestes mittragen aus Neapel, und wenn es nur gefälschte Markenprodukte aus Asien waren! Wir aber, wir Bekehrten, wir hatten die einzige, die wahre, die platonische Ur-Idee der Pizza schlechthin gegessen, und zwar restlos aufgegessen; nicht eine Kante war übriggeblieben. Die Plastiktische hatten ein wenig geklebt, und das grobe Porzellan hatte einen leicht gräulichen Schimmer, aber kam es darauf denn an? Die Pizza war uns in Fleisch und Blut übergegangen; ein einfaches Mittagsmahl, gemeinsam genossen, während die Verräter ihre Silberlinge vergeudeten. Und ihre T-Shirts würden schon längst zu Fetzen zerfallen sein, während wir, in der heimischen Pizzeria oder zuhause, der Ur-Pizza gedenken würden, voller Inbrunst und Ehrfurcht und Sehnsucht, ihrem unvergleichlichen Dreiklang aus tiefroten Tomaten, schneeweißem Büffelmozzarella und duftiggrünem Basilikum in der Nase und den Geschmack von Italien, Vesuv und Sommer auf der Zunge, für jetzt und immerdar. ›Neapel sehen und shoppen‹ hingegen hat sich bis heute nicht als Logo etablieren können.


NICHTS ZU SEHEN IN TROJA

Die Busfahrt war sehr lang, und es war sehr heiß draußen. Wir waren zwar schon in aller Frühe vom Hotel gestartet, aber der Weg nach Troja durchs Landesinnere war weit und die Straßen waren noch nicht gut ausgebaut; es gebe aber, so erzählte uns unser türkischer Reiseleiter, ein neues Modernisierungsprogramm, alle großen Überlandstraßen in der Türkei würden nämlich vierspurig ausgebaut werden in den nächsten Jahren (die Geschichte spielt vor sehr langer Zeit, ante Erdogan). Die sehr vermischten deutschen Touristen, die den großen Bus über die Sitzreihen versprengt bevölkerten, blickten skeptisch; sie hatten auch schon gelernt, dass man in der Türkei mit fünfzig Jahren in Rente gehen konnte, und das klang alles ein wenig zu paradiesisch – wenn die Hitze nicht gewesen wäre. Die Klimaanlage kam einfach nicht gegen die über vierzig Grad Außentemperaturen an, aber wenigstens hatte der türkische Busfahrer vorausschauend seinen Kühlschrank bis zum Rand mit kleinen Plastik-Wasserflaschen gefüllt, an denen wir hingen wie an einem Tropf. Derweil unterhielt uns unser Reiseleiter tapfer weiter, während die Stunden sich zogen und die Temperatur weiter anstieg: Wir alle hätten ja sicherlich in der Schule die ganzen Geschichten gehört von Troja. Wir nickten brav und ließen sie uns trotzdem noch einmal erzählen, die Fahrt war lang und die Landschaft trostlos von der Sonne verbrannt. Das Besondere aber an dem realen Troja sei, so betonte unser Führer gleich zur Einleitung, dass es dort leider heute gar nichts zu sehen gebe. Er sage es uns lieber gleich, damit wir nicht enttäuscht seien; wo wir doch alle die großen Geschichten kennen würden und auf das Pferd neugierig seien oder wenigstens ein paar Reste von der alten Herrlichkeit Trojas und dem erbitterten zehnjährigen Kampf sehen wollten – aber nein, er müsse uns die Wahrheit sagen: Nichts, oder wenigstens fast nichts sei davon geblieben. Der Kampf müsse in unserem Kopf stattfinden, da die Realität leider nichts hergebe. Natürlich, man habe ausgegraben, wieder und wieder, von Troja I bis zu Troja X, aber es sei halt nicht viel mehr zu finden gewesen. Draußen zogen weiter türkische Kleinstädte mit öden Neubausiedlungen vorbei, wir konnten auch nur ahnen, wie stark die Mittagshitze inzwischen brannte; die meisten dösten längst vor sich hin; aber zwischendurch versäumte es unser Reiseleiter nicht, uns gelegentlich darauf hinzuweisen, dass in Troja immer noch nichts zu sehen sei. Nur damit wir gewarnt seien.

Als wir am späteren Nachmittag immer noch bei Bruthitze und mit steifen Beinen den Bus verließen, in dem sich die leeren Wasserflaschen türmten, stellte sich heraus, dass die Strategie des Reiseleiters geradezu des listenreichen Odysseus würdig war: Wir erwarteten einfach gar nichts mehr – und waren deshalb geradezu entzückt über jeden Stein, der mit viel Phantasie und gutem Willen ein wenig antik aussah und eine Säule ahnen ließ; wir malten uns aufs schönste aus, wie die Griechen über sanfte Schrotthügel anstürmten, vom Meer her, das da vorn in weiter Ferne liegen sollte, irgendwo; und wir hätten auch Helena in jedem Weibe gesehen, wenn wir denn überhaupt eines gesehen hätten; wir waren aber ziemlich allein in der Anlage – es gab schließlich nicht viel zu sehen, wie wir nun aus eigener Anschauung kennerhaft bestätigen konnten. Und als wir dann noch einen mit einem geometrischen Punktmuster versehenen quaderförmigen Stein fanden, sechs Punkte in wohlgeordneten Dreierreihen, freuten wir uns geradezu kindisch, dass wir das Ur-LEGO entdeckt hatten! Immerhin gab es auch ein rekonstruiertes Holzpferd am Eingang, wenn man tapfer war, konnte man sogar in seinen überhitzten Bauch klettern. Zudem hatten, um die Wahrheit zu sagen, die meisten nicht gerade präzise Erinnerungen an die Eroberung von Troja; Homer ist keine einfache Lektüre, allenfalls hatte der eine oder die andere den neuen Film mit Brad Pitt gesehen, aber der war nun leider auch nicht in Troja geblieben.

Unser türkischer Reiseleiter aber wurde während all der Zeit nicht müde, uns zu loben, unsere Disziplin und unsere Pünktlichkeit vor allem, die sich so wohltuend von der italienischer Reisegruppen abhebe – wenn die erst mal beim Essen säßen, würden sie nie mehr aufstehen, die Deutschen hingegen: immer fünf Minuten vor der Zeit! Wir schämten uns leise unserer Sekundärtugenden, aber das war noch nicht das Schlimmste. Noch schlimmer wurde es, wenn er an unsere Bildung appellierte. Die Gruppe war ungefähr so ein gemischter Haufen wie die homerischen Helden, die sich damals aus ganz Griechenland kommend vor Troja versammelt hatten; und der Bus war unser Holzpferd, in dessen Bauch wir sicher waren. Draußen jedoch lauerten die Hitze und die Bildung. In Ephesos zum Beispiel, wo wir wiederum bei über vierzig Grad unter dem einzigen kargen Olivenbaum, der einen Hauch von Schatten zwischen den Ruinen spendete (wenigstens gab es hier reichlich davon), zusammengedrängt waren, eine blasse Schafherde mit bunten Sonnenhüten – hier in Ephesos also, so verkündete der Reiseleiter stolz, habe der Apostel Paulus seine berühmten Briefe geschrieben. Er erntete verständnislose Blicke von seinen Schäfchen. Die Briefe an die Epheser natürlich, wir wüssten schon. Große Teile der Reisegruppe wussten nichts, oder wenigstens deutlich weniger noch als über Troja, und diesmal nickten sie nicht brav und schafsartig, warum auch immer, sondern wurden ein wenig aufmüpfig: Sie waren ehemalige Bürger der DDR, und Bibellektüre stand noch weniger als Homer auf ihrem Lehrplan, woher sollten sie so etwas also wissen? Und so kam es, dass ein sehr freundlicher, umfassend gebildeter, liberal muslimischer, grauhaariger türkischer Reiseleiter seiner deutschen Reisegruppe, kaum fünfhundert Meter entfernt von der imposanten Fassade der berühmten Bibliothek von Ephesos (es war aber nur eine Fassade übrig, die leeren Fenster schauten ins Nichts, auf das Meer, das damals noch dort war und sich jetzt auch zurückgezogen hatte), eine Einführung in die Grundlagen der christlichen Religion erteilte, die reges Interesse fand; und wenn der Apostel Paulus jetzt noch ein Pferd dagelassen hätte, wären wahrscheinlich die Ersten vom Atheismus zum Christentum konvertiert. So aber war es ein Märchen mehr von vielen, über eine Religion aus einer fernen Zeit in einem fernen Land, das keinen Schatten kannte, aber monumentale Bibliotheken und Theater baute und einen zehnjährigen Krieg um eine schöne Frau führte.

Der Reiseleiter wurde es im Übrigen auch nicht müde, uns die Vorzüge des Kemalismus zu predigen; kaum sah man eine verschleierte Frau auf der Straße, so wies er darauf hin, dass das alles Touristinnen sein, aus Kuwait wahrscheinlich. Türkische Frauen müssten keine Schleier tragen. Natürlich könne man auch Alkohol trinken, zu medizinischen Zwecken nämlich, das erlaube der Koran selbstverständlich. Und wenn er uns von Kemal Atatürk persönlich erzählte, so als sei er ein alter lieber Bekannter von ihm gewesen, kam ein besonders weicher Ton in seine sowieso schon weiche Stimme. Aber er führte uns auch in eine kleinere Moschee, wo der Imam – eine alter lieber Bekannter von ihm – die erste Sure des Koran für uns rezitierte; die Frauen unserer Gruppe trugen schmucke Kopftücher und fühlten sich nicht unterdrückt. Und als wir dann in Istanbul über den Bosporus fuhren, an einem frischen und klaren Morgen auf einer schaukelnden Barkasse, und sich am europäischen und am asiatischen Ufer die Sultans-Paläste neben den Hochhäusern entfalteten und die ersten Fischer am Ufer ihre Angeln auswarfen, waren wir endgültig diesem Land verfallen, das so charmant die Kontinente und die Religionen verband. Keiner von uns ahnte, dass kaum zehn Jahre später ein neuer Herrscher aufstehen würde, um dem Kemalismus endgültig ein Ende zu bereiten; und wenn ich an unseren Reiseleiter zurückdenke, der so viel Geduld mit den ungebildeten, aber pünktlichen Deutschen hatte und so melancholisch aus seinen alten weisen Augen schaute, dann fürchte ich sehr um ihn.


Von Rehen und Stieren und der Globalisierung des Mittelalters

»Wahrscheinlich haben sich die letzten fünf Einwohner zusammengetan, knacken gerade unser Auto und verlassen diese Stadt«. Sehr lakonisch sagte mein Sohn diesen Satz an einem Montag während unseres diesjährigen Frankreichurlaubs. Es war mittags, nach 14 Uhr, die Sonne schien gnadenlos auf die Provinzstadt in der Provence herab, und wir waren, nun ja, verzweifelt. Gerade war mir nämlich exakt der gleiche Gedanken durch den Kopf geschossen, wenn auch nicht in der rhetorischen Zuspitzung, die mein vielleicht noch nicht geistig ganz weichgekochter Sohn dem Gedanken gegeben hatte, so dass er geradezu schwerelos durch die flimmernde Luft über den verlassenen Straßen flimmerte, wo nur gelegentlich eine streunende Katze zwischen immer verfalleneren Häusern von Schlagloch zu Schlaghoch humpelte; ich hatte einfach gedacht: Oh weh, und ausgerechnet hier haben wir unser Auto – es war nämlich ein noch relativ neues, für Südfrankreich relativ großes und überhaupt sehr attraktives Auto – in der hinterletzten Ecke dieses superneuen Riesenparkplatzes geparkt! Derweil waren wir wieder in einer Sackgasse gelandet. Irgendwo, irgendwo am Ortsrand musste doch dieser Kanal sein, er hatte zwar gar nicht so einladend ausgesehen, als wir mit unserem schönen attraktiven Auto über ihn hinweg gefahren waren, hin zum großen, superneuen Parkplatz. Aber da dachten wir auch noch –

Ach, was man so alles denkt, wenn man im schönen Sommerurlaub dasteht, mitten in Frankreich, die Sonne brennt vorschriftsmäßig vom Himmel und es ist hell, so hell hier in der Provence, dass man endlich versteht, was Cézanne und seine Malerkollegen meinten, wenn sie von der Luft hier schwärmten, ihrer ganz besonderen Durchsichtigkeit und geradezu transzendenten Klarheit! Wir hatten also gedacht, den Reiseführer in der Hand, dass wir von Arles aus nun noch nach Saint-Gilles fahren wollten; es sollte der Tag der romanischen Portale werden, der Himmels- und Teufelsdarstellungen, der Fratzen und Monster, der Engel und Jungfrauen, und wie flocht sich eines ins andere in den alten geschnittenen Steinen! In Arles war morgens viel los gewesen, das Fremdenverkehrsamt hatte zum Beispiel eine kleine Gruppe attraktiver junger Dame dafür engagiert, ihre zierlichen Körper in putzige Trachten zu zwängen und die schweren Haare zu schmückenden Knoten aufzubinden und dann zu posieren. Im römischen Theater, vor der Kathedrale Saint-Trophime, sogar bei der alten Nekropole der Alycsamps hatten wir sie mit dem Taxi vorfahren sehen, und es war ein apartes und irgendwie symbolisches Bild gewesen, wie sie ihre langen Kleider über die schmalen Knöchel huben beim Aussteigen, sich mit den Schmuckfächern Luft zufächelten und dann langsam die uralte Allee betraten, über die schon Rilke Gedichte geschrieben hatte und die, natürlich, Cézanne gemalt hatte. Ach, in Arles war die Welt noch sehr in Ordnung gewesen, die Jahrhunderte waren einfach ineinander verschränkt wie die Figuren auf den Portalen, und auf dem weiten Sandplatz des Amphitheaters stand etwas verloren ein kleiner roter Traktor, als wollte er demnächst auf die Stiere losgehen, er sah aber gar nicht fehl am Platz aus. Jedenfalls war es genug Stadt für die vielen Touristen, es waren genug Souvenirshops für noch mehr Touristen, und das Theater und die anderen antiken Trümmer nahm man eben so mit, schließlich posierten attraktive junge Frauen im Schatten zwischen den Säulenresten und lachten und plapperten und winkten kokett mit ihren Fächern!

Aber wir wollten ja wieder einmal nicht das machen, was alle anderen machten – also sich in einem der vielen Restaurants ein schattiges Mittagsplätzchen suchen, ein überteuertes Touristenmenü aus den immergleichen Bestandteilen bestellen (das trotzdem sein Geld wert war, das war es eigentlich immer) und anschließend ein wenig in schattigen Souvenirshops stöbern und arlesische Puppen oder dekorative Plastik-Theatertrümmer für den Vorgarten kaufen. Wir doch nicht! Nein, wir machten uns auf den Weg zum zweiten romanischen Portal, nämlich nach St. Gilles, gar nicht weit zu fahren. Dort würde es etwas ruhiger sein, so dachten wir, und wir würden gemächlich das wunderbare Portal begutachten und es fachkundig mit dem in Arles vergleichen. Und dann würden wir uns auf dem von Platanen gesäumten Platz vor der Kathedrale in einer Brasserie niederlassen, die wahrscheinlich Brasserie du St. Ägide heißen würde, nach dem ortsansässigen Heiligen, und dann würden wir – naja, ein etwas weniger überteuertes Touristenmenü essen, das trotzdem sein Geld wert war, aber vielleicht wäre noch ein Dorfhund da und das eine oder andere Dorf-Original.

Vielleicht ist dies die Stelle, um einen kleinen Exkurs einzufügen über den Heiligen Ägidius. Er war eigentlich, so kann man in Wikipedia und diversen Reiseführern lesen, aus Griechenland gebürtig, aus nobler und wohlhabender Familie, und wie es genau dazu kam, dass er als Heiliger in der Provence endete, ist nicht ganz klar; aber darauf kommt es ja auch nicht an in solchen Geschichten. Die Legende jedenfalls sagt, dass er sich als Eremit im Rhonetal angesiedelt hatte und sich von der Milch einer Hirschkuh nährte. Als jedoch während einer Jagd der wüste Westgotenkönig Wamba (ja, wirklich, nicht der weiße Neger Wumbaba) auf seine Hirschkuh schoss, rettet Ägidius sie, indem er sich schützend vor sie stellte und so selbst vom Pfeil des wüsten Wamba getroffen wurde. Weil das aber offenbar noch nicht heiligenmäßig genug war, bat er Gott inständig darum, dass er niemals von dieser Wunde gesunden solle; welchen Wunsch Gott ihm in seiner unendlichen Großzügigkeit erfüllte. Der König jedoch hatte ein schlechtes Gewissen und gründete zur Wiedergutmachung ein Kloster für Ägidius. Und so steht heute, Hans Memling hat es eindrucksvoll gemalt, ein schmaler Eremit mit Bart und Abtsstab demütig gebeugt neben einer scheuen Hirschkuh, seine Hand schmeichelt ganz unauffällig ihre Wange, der Pfeil ragt noch aus dem Unterarm hervor, und wenn man genau schaut, sieht man ein wenig Blut herabtröpfeln.

Dieses Kloster nun wurde gegründet in Saint-Gilles, und es gedieh und blühte recht bald, zumal als die Benediktiner von Cluny es unter ihre Fittiche nahmen, die gerade dabei waren, ganz Europa mit ihrem Reformorden zu überziehen, eine erfolgreiche religiöse Globalisierung zweifelsohne. Und so geschah es, dass der entlegene Ort am Rand der sumpfigen Camargue zur zentralen Station auf einem der großen Pilgerwege wurde: Die Via Tolosana nach Santiago de Compostela, einer der vielen Zweige des bis heute allgegenwärtigen Jakobswegs (ja, Globalisierung!), führte durch ihn hindurch, und gleichgültig, ob man aus Italien oder Südfrankreich kam oder auf dem Kanal von Nordfrankreich – alle Wege führten zuerst nach Saint-Gilles, und von da aus dann, Muschel für Muschel, auf den Spuren des Hl. Jakob nach Santiago de Compostela. 40.000 Einwohner soll die Stadt in ihrer Blütezeit gezählt haben, ein Zentrum der Religion, des Handels, der Kultur. 13.500 sind es angeblich heute, aber eigentlich sind es nur noch fünf, und die sind gerade dabei, unser Auto zu knacken, um Saint-Gilles für immer zu verlassen.

Denn Saint-Gilles, so wie wir es antrafen an diesem sehr heißen Hochsommermittag, war eine Geisterstadt. Nun gut, der Abstieg hatte schon weiter früher begonnen, Schnelldurchlauf durch die Geschichte: 1208 wurde ein päpstlicher Legat in der Stadt ermordet, die Pilgerbewegung flaute ab, da man zu viel Kriege führen musste auf dem Wege, die Hugenotten steckten 1562 die Abtei in Brand und ertränkten die Mönche im Brunnen der Krypta (nein, die Hugenotten sind gar nicht immer die Guten!). Der Zahn der Zeit und die Französische Revolution besorgten das Übrige, gefolgt von den berüchtigten französischen Radikalrestauratoren des 19. Jahrhunderts. Und so kommt es, dass die ehemalige Pilgerhochburg, eines der vier größten Wallfahrtsziele der Christenheit einstmals, heute nur noch – im wahrsten Sinne des Wortes eine Fassade ist. Immer noch thront die Kathedrale auf dem höchsten Punkt der Stadt, weit über Kanal und Hauptstraße erhoben; immer noch greift sie breit und platzfüllend aus mit ihren drei Prachtportalen. Aber über den Portalen – hört die Kirche einfach auf; ein Stummel von Turm zur Linken, ein einfacher Campanile zur rechten, und ein sehr prosaisches Mittelschiff, das kaum über das Hauptportal herausschaut. Und aller Reichtum der Portalausstattung, die unzähligen Heiligen, Jungfrauen, Monster und Fratzen, der Herrgott selbst und Maria und Jesus und die Jünger, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zeit über sie hinweg gegangen ist. Einsamer als einsam stehen sie auf einem sonnendurchglühten Hügel, und man wünschte ihnen innig wenigstens einen Heiligen Ägidius samt Hirschkuh, es dürfte auch gern ein zerzauster Dorfhund sein, der bei ihnen stünde und Wacht hielte.

Das wirklich Befremdliche aber war, dass die Fassade gerade neu hergerichtet worden war: Glanzgekärchert erstrahlte sie beinahe übernatürlich, zu ihr führten geglättete Marmorstufen empor, markiert von vielen ganz neu glitzernden Muschelsymbolen auf den ebenfalls noch beinahe nach frischer Farbe riechenden Geländern. Auf einem Bauplakat wurde gepriesen, dass es sich ja nun um ein UNESCO-Weltkulturerbe handelte; und offensichtlich war ein Geldregen über diese Kleinstadt hereingebrochen, deren Rest aber, drehte man nur den gekärcherten Prachtportalen den Rücken, kurz vor dem Zusammenbruch war. Natürlich, beim Einfahren hatten wir am Kanal ein Restaurant gesehen; die Hauptstraße, von der wir zum funkelnagelneuen Parkplatz (brauchten Jakobspilger eigentlich so viele Parkplätze heutzutage?) abgebogen waren, hatte wohl einige Läden gehabt. Aber sobald wir uns bergauf begeben hatten, sobald wir unsere kleine mittägliche Pilgertour zur Abtei des Heiligen Ägidius, einem der vier großen Wallfahrtsziele des christlichen Mittelalters, Hauptstation auf der Via Tolosana, aufgenommen hatten – verfiel alles immer mehr. Die Straßen waren kaputt, die Häuser waren kaputt, die Autos waren kaputt. Ein Restaurant? Ach, inzwischen hätten wir schon einen einfachen Dorfladen gepriesen (das Wasser war aus), überhaupt einen Laden, oder wenigstens einen Menschen, einen Straßenhund, irgendetwas! Aber es wurde immer stiller. Die Muscheln glänzten schweigend vor sich hin und wiesen uns den Weg nach oben, aber oben – war nichts. Mittagsruhe wäre untertrieben. Es war eine Stille, von der man sich nicht vorstellen konnte, dass sie jemals aufhörte; sie war nicht schön und beruhigend, sie war drückend und bedrohlich. Wartend standen die Jungfrauen am Portal, aber egal ob sie noch Öl gehabt hätten in der Lampe oder nicht – es hätte nichts geholfen. Sie warteten auf etwas, das niemals mehr kommen würde, trotz aller vereinten Fördermittel von UNESCO und EU, und irgendwann würde auch der große neue Parkplatz verfallen, überwuchert von den wilden und bei alledem durchaus noch wohlriechenden Kräutern der Macchia. Und irgendwo würde unser Auto….

An diesem Punkt nämlich sagte mein Sohn den anfangs zitierten Satz, begleitet von meiner persönlichen Schreckensvision. Wir wollten inzwischen nur noch raus hier (wir sind dann mal weg!), hin zum Kanal am Ortseingang, immerhin hatten wir dort eine Pizzeria gesehen und die Boote sahen eigentlich lebendiger aus als alles, was uns auf den buckligen Berggassen rund um die traurigen Portale begegnet waren. Normalerweise stellen wir uns nicht dumm an und sind auch in der Fremde hinreichend orientiert, aber dieser Ort hatte es auf uns abgesehen. Wir sollten Saint-Gilles kennenlernen, all seine Seiten! Als wir endlich durch eine besonders heruntergekommene Häuserreihe Wasser durchschimmern sahen, fühlten wir uns ähnlich, wie sich die Pilger nach einem langen staubigen Tag gefühlt haben müssen, als sie die stolzen Türme von Santiago de Compostela in der Ferne sahen. Wir waren am Kanal! Es gab sogar zwei Restaurants! Beide waren offen, in beiden saßen Menschen! Und sogar die Pizza war gut, alles war gut. Natürlich stand unser Auto auch noch genau da, wo wir es gelassen hatten, als wir nach einer knapp zweistündigen Mittagspause wieder auf den gähnend leeren Parkplatz zurückkehrten, es hatten sich aber immer noch keine Jakobspilger eingefunden. Wir hatten auf dem Rückweg auch gesehen, dass gerade vor einem Tag die Stiere durch die Stadt gejagt worden waren, die Absperrungen standen noch an den Seiten und es gab lustige Verkehrsschilder mit Stieren mit gesenkten Hörnern darauf. Vielleicht gab es also doch noch Leben in Saint-Gilles, vielleicht gab es noch Hoffnung. Lieber wäre es mir aber gewesen, anstelle einer Stierhatz mehr vom Geist des Heiligen Ägidius zu sehen, wie er sanftmütig und unauffällig seine verletzte Hand an die Wange eines scheuen Rehes schmiegt. Aber das wäre wohl zu viel gehofft.


DRACHEN UND STRUKLJI: EIN LOB AUF LJUBLJANA

Eigentlich wusste ich gar nichts über Ljubljana – außer dass, es war in den 80er-Jahren bei einem Besuch in Kalifornien, ein Student in einer WG, wo wir zu Gast waren, gesagt hatte, Ljubljana sei die schönste Stadt der Welt (er kam natürlich von dort)! Ich hatte das unter diverse Seltsamkeiten, die ich (noch) nicht verstand, verbucht, aber irgendwie hatte sich der ja durchaus auch phonetisch interessante Name in meinem Kopf festgesetzt: Ljubl-jana, man stolpert ein bisschen darüber, aber warum eigentlich nicht? Und als es deshalb fast am Wege lag, buchte ich ein Hotel; ich war erfreut über die sehr zivilen Hotelpreise und buchte das (wie immer: zweit-)beste Hotel am Platze, es war ein sehr schöner historischer Jugendstilbau mit dem nicht gerade bescheidenen Namen „Union Grand Central“. Und so fuhren wir, an einem sehr ruhigen und sonnigen Sonntag Ende Juni, auf einer angenehm großen und ruhigen Straße von der Autobahn kommend (man kann das Permit für die slowenischen Autobahnen online erstehen, während man über die Grenze fährt, ist das nicht völlig grandios und in Deutschland undenkbar?) in die angenehm ruhige Innenstadt von Ljubljana ein; und fanden nach einigen Mühen mit dem Einbahnstraßensystem unser Hotel, zentral gelegen, in dem auch schon der Dalai Lama und Umberto Eco nebst diversen königlichen Hoheiten logiert hatten.

In der angenehm ruhigen Hotel-Lobby buchte uns ein hochkompetenter, sehr ansehnlicher junger Mann ein. Als wir fragten, ganz umsichtige Touristen, ob wir für den Abend eine Reservation für das (im Internet sehr bepriesene und relativ hochpreisige) Restaurant bräuchten, sagte er ohne das geringste Zögern: Nein, das bräuchten wir eigentlich nicht. Aber wenn wir daran interessiert wären, könne er uns einige Lokale in der Nähe empfehlen, die sehr gute Küche, auch regionale, zu sehr vernünftigen Preisen anbieten würden. Wir ließen uns die Tipps dankbar auf dem Stadtplan einzeichnen, verzichteten auf die Reservierung, und wir wunderten uns ein klein wenig. Ach, es war irgendwie, sollte sich herausstellen: ganz typisch für die Stadt! Denn Ljubljana schließt man eigentlich sofort ins Herz: Es ist hinreißend schön, wie Wien, aber ohne die etwas anstrengenden Wiener; es ist charmant, wie Prag, aber ohne die Massen an Touristen. Es ist nicht protzreich, aber auch nicht mitleiderregend verfallen. Es hat viel Kunst im öffentlichen Raum, aber sie ist humorvoll und selbst-ironisch. Das Stadttier im Wappen ist ein Drachen, man sieht ihn überall, aber sein Urbild ziert vierfach die Drachenbrücke: Zwar blecken die vier Drachen furchterregend die Zähne; aber sie haben Engels-Flügel und wirken überhaupt eher niedlich; so als hätten sie sich eher zufällig auf der Brücke niedergelassen, weil es nun so gut passte und weil Ljubljana eben – die schönste Stadt der Welt ist!

Wir begannen also Ljubljana zu entdecken an diesem angenehm ruhigen Sonntag (immerhin war Fußball-EM, aber sogar die abendlichen kleinen Public Viewings waren sehr zivilisierte Angelegenheit). Wir schlenderten durch die Innenstadt, vorbei an auf ziemlich engem Raum konzentrierten kulturellen nationalen Institutionen wie der Oper oder dem Nationalmuseum, in Richtung Tivoli-Park. In der Unterführung unter der Bahnstrecke, die Ljubljana nicht so schön durchschneidet (aber noch nicht einmal das stört); spielte ein Trio ziemlich guten Jazz; die Musiker sahen etwas zerlumpt und etwas irre aus, aber sie konnten ihr Ding, und viele Leute blieben stehen, setzten sich oder gaben sogar im Vorbeigehen Geld. Im Park gab es ruhige Wege, alte Bäume, gepflegte Staudenbeete, lustige Statuen (ein Hundepaar auf dem repräsentativen Aufgang zum Schloss, wo man traditionell zwei Löwen erwartet hätte, wenn schon keine Adler oder Drachen); es gab Fische im Teich und einen Graureiher dazu. Sonntagsspaziergänger, Radfahrer, Jogger. Und wieder ein Güterzug, die Adria mit ihren Häfen ist nicht weit hinter den Bergen. Zurück auf der anderen Seite der Bahnlinie entdeckten wir zufällig die bunten Buddy-Bären auf dem Republik-Platz; einem Platz, wie geschaffen für einen Kreis von 150 bunten Bären, mit seinem eher befremdlichen postsozialistischen Ambiente voller staatlicher Ambition: an der einen Seite das (eher bescheidene) Parlamentsgebäude, an einer anderen ein pompöses Revolutionsdenkmal, dazu das schrecklich in die Jahre gekommene Kultur- und Kongresszent-rum. Nein, das wäre alles schon schwer erträglich gewesen ohne die bunten Bären; und ohne den letzten verbliebenen Revolutionär, der mit prophetisch erhobener Stimme – und in für uns völlig unverständlichem Slowenisch – irgendeine vage kommunistisch inspirierte Ansprache hielt (wir verstanden Fetzen wie „Che Guevara“). So aber – Ljubljana, wie es leibt und lebt: ironisch, selbstkritisch, bunt, unambitiös. Sogar die einzige Polizistin, die vor dem Parlament einsam wachen musste, sah eher nach einem sehr freundlichen Drachen aus.

Abends waren wir in einem der empfohlenen Restaurants; es lag etwas abseits, aber mit einem guten Blick auf Puppentheater und Seilbahn hinauf zur Burg, und es hatte slowenische Küche – das, was man gern „bodenständig“ nennt, also: fleischlastig, kohlenhydratereich, eher wenig interessiert an Gemüse. Aber, und das lernten wir nun als Spezialität kennen und schätzen: Sie können Strudel, Strudel aller Arten, sie heißen „Struklji“, und sie kommen mit allen nur denkbaren Füllungen, süß und salzig. Ein Struklji kann eine Mahlzeit für sich sein (meistens reicht er), aber auch eine Beilage; und er ist, das macht ihn zu einer angenehmen Mehlspeise, eigentlich nicht schwer. Wir tranken Bier dazu, die lokale Marke führt natürlich den Drachen im Bild und heißt, wie unser Hotel: „Union“. Aber dann wollten wir, zu unserer Nach-speise und zum Puppen-Spiel auf dem Puppentheater um 20 Uhr, einen Wein. Auf der Karte fand ich neben den Hausweinen einen Namen, von dem ich noch nie gehört hatte, natürlich wussten wir auch nicht, wie man ihn ausspricht: Cvicek. Wir fragten bei der Kellnerin nach, sie war hochkompetent, jung und hübsch, genau wie unser Hotelangestellter; und sie erklärte uns freundlich und bestimmt, es handele sich um eine Mischung aus roten und weißen Trauben (es ist tatsächlich genauso abenteuerlich, wie es sich anhört), und, nun ja, es sei nicht jedermanns Sache. Sie zum Beispiel möge ihn eigentlich nicht. Das klang experimentell genug, um es auszuprobieren, und, ja, sie hat Recht: Man mag ihn nicht direkt gleich. Aber, mit ein wenig Gewöhnung – ist er, zumindest, eigenwillig. Er versucht nicht, einen „guten“ Wein zu imitieren, sondern er ist – was er ist. Das Gleiche passierte uns übrigens, als wir ein slowenisches Olivenöl kaufen wollten. Die Verkäuferin (ja, genau die gleichen Adjektive zur Personenbeschreibung bitte ergänzen!) wies uns darauf hin, dieses eine Öl sei – nun ja, besonders charakteristisch für Slowenien. Denn es habe Bitterstoffe, die zu schmecken sein, und das sei nun eben die Sache in einem Land, das nicht direkt freundlich für den Olivenanbau sei (sie sagte es ziemlich wörtlich so): Es behielte halt Bitterstoffe, und das müsste man mögen. Wir probierten, und sie hatte recht. Dieses Mal kauften wir das nicht so bittere Öl, aber trotzdem: Das ist Slowenien!

Wir aßen Strudel, süß und salzig. Wir liefen durch die Stadt, über die vielen Brücken, den Fluss entlang mit seiner französischen Anmutung von Bistros und Antiquariaten: wir liefen durch die Gassen mit den kleinen Boutiquen neben den Touristenfallen; wir bestaunten die Kunst am Wege und gerieten bei-nahe ins Schlendern (etwas, was wir uns als Touristen eher selten gelingt). Auf der Burg über der Stadt trafen sich bei einem morgendlichen Regenschauer Touristen aus aller Herren und Damen Länder; das Café war überfordert vom plötzlichen Besucheransturm, aber der Schrift-Künstler in der Kapelle, der uns einen kleinen Geburtstagsgruß malte und ungebeten zwei weitere dazu gab (dulce et utile; amor vincit omnia, es leben die Klassiker, und eine sehr slowenische Mischung an Merksätzen!), war mehr als freundlich. Zudem wies er uns ungebeten darauf hin, dass mor-gen der Nationalfeiertag anstünde – alle Geschäfte würden geschlossen sein, wir sollten also all das, was wir kaufen wollten, heute kaufen! Ein guter Tipp, und er erklärte einiges. Zum Beispiel den Auftrieb auf dem Kongressplatzvor der Universität. Es spricht nämlich auch sehr für Ljubljana, dass eines seiner größten und repräsentativsten Gebäude – das Universitätshauptgebäude ist (na gut, es war früher der Sitz des Landtags); es steht geradezu im Herzen der Stadt, und nur wenige Straßenzüge weiter ist die ebenfalls sehr repräsentative und architektonisch außerordentlich gelungene National- und Universitätsbibliothek, in deren sehr heilig anmutenden Hallen man sich recht ordentlich in Bücher vergraben möchte. Das ist übrigens eines der Hauptwerke des Architekten Joze Plecnik, der den städtebaulichen Plan für Ljubljana entworfen (er trainierte in Wien und Prag für das damalige Laibach) und in den Jahren zwischen den Weltkriegen durchgeführt hat; was ihm nicht nur eine Aufnahme in das Weltkulturerbe unter dem Titel „am Menschen orientierte Städtegestaltung“ einbrachte, sondern auch nicht unwesentlich dazu beitrug, Ljubljana zur schönsten Stadt der Welt zu machen. Und er war Slowene, geboren sogar in Ljubljana!

Ach, die kleinen Nationen; sie haben es gleichzeitig schwer und leicht. Schwer, weil sie klein sind: politisch unbedeutend, von größeren Mächten hin- und hergeschubst und untereinander verteilt, häufig auch geistig und intellektuell dominiert von den größeren Strömungen ihrer Zeit (die Balkanstaaten sind beredte Beispiele dafür; und Österreichs Imperialismus, vor der eigenen Haustür, auch noch nicht recht kritisch gewürdigt). Aber sie haben es auch leicht: Unbeschwert dürfen sie sich auf ihre nationale Eigenart, auf ihre Identität, beinahe: auf ihre Stammesherkunft berufen. Denn unter der Fahne des Eigenen, des Anderen und Eigenwilligen haben sie sich am Leben erhalten, ihre Besonderheit gepflegt, und sei es nur in Äußerlichkeiten, Trachten, Dialekt, einer sympathischen Neigung zu Selbstkritik und Strudel. Oder in Nationalfeiertagen. Denn auf dem Kongressplatz wird nun die große Bühne aufgebaut und der rote Teppich aus-gerollt; und in einer Seitenstraße sammeln sich am Vorabend die herausgeputzten Paradetruppen und rücken sich gegenseitig die Schirmmützen zurecht. Der zum Gelegenheits-Anarchismus neigende Pazifist in mir möchte sie gern mit den bunten Buddy-Bären mischen (der slowenische trägt übrigens Strukjlis, wenn auch nur auf der Rückseite), aber gönnen wir kleinen Ländern ihre Militärparaden! Beim Festakt, als er abends mit einiger Ver-pätung dann endlich beginnt, wird sogar ein Salut geschossen; die Besucher allerdings wirken wenig begeistert, als ihnen beim Einlass Papierfähnchen in den Landesfahnen in die Hand gedrückt werden. Derweil läuft einige Straßen weiter das Public Viewing, und in den zahllosen, gut gefüllten Restaurants und Bars freuen sich die Gäste wahrscheinlich über den bevorstehenden freien Tag, ob mit oder ohne Fähnchen.

Als wir am nächsten Tag mit Olivenöl, slowenischem Käse und Schokoladen-Drachen im Gepäck durch angenehm ruhige Straßen die Stadt hinaus zur Autobahn fahren, begrüßt uns dort die Anzeige „Happy National Day!“ Kein Fähnchen, wir winken trotz-dem zum Abschied, bekehrt durch die slowenische Leichtigkeit des „dulce et utile“. Habe ich schon gesagt, dass auf einem der städtebaulichen wichtigsten, interessantesten, bedeutungsheischendsten Plätze der Stadt – ein Loch in der Mitte ist? Also, es ist der kreisrunde Platz vor den „drei Brücken“ (einer nun wirklich singulären Konstruktion, um die Kurve des Flußlaufes an dieser Stelle zu überbrücken); die eine Achse führt den Blick direkt hinauf zur Burg, die andere hin zu unserem Hotel, dem Grand Hotel Union und einer Straße, die gesäumt ist mit den prächtigsten Jugendstilbauten, die die Stadt zu bieten hat. Um den kreisrunden Platz reihen sich das Kaufhaus „Galerija Emporium“, die Franziskanerkirche Maria Verkündigung und weitere Jugendstil-Perlen; und beinahe in der Mitte steht die Statue des slowenischen Dichters, nach dem der Platz auch benannt ist, nämlich France Preseren (sein Schicksal liest sich ein wenig kafka-esk auf Wikipedia, erfolgloser Rechtsanwalt, schuftete sich ab in seinem Brotberuf, verliebte sich erfolglos, blieb literarisch ungewürdigt zu Lebzeiten, stirbt zu früh an Leberzirrhose; aber man muss nehmen was man hat, wenn man einen Nationaldichter sucht in einer kleinen Nation!). In der Mitte des Preseren Trg jedoch, gekennzeichnet durch einen aufgemalten Kreis mit Segmentstücken – sprüht ein feiner Nebel aus dem Boden, gespeist aus Ljubljanas eigenem Wasser. Man sieht ihn kaum, aber wenn der Wind aus der richtigen Richtung weht und man in geringem Abstand vorbeigeht, wird man benebelt. Einfach so. Wahrscheinlich weil es dulce et utile (ein Synonym für „angenehm“, im übrigen) ist an einem warmen Sommerabend in Ljubljana, der schönsten Stadt der Welt!


DER HEILIGE JOSEF UND DIE AKKUAUFLADESTATION

Wir hatten vielleicht ein wenig zu laut gelacht. Wir kamen von einem reichlichen Abendessen, natürlich auch mit alkoholischen Getränken, und nun liefen wir durch den stillen Tiroler Abend; es war kurz vor Mittsommer, und die Berge glänzten noch ein wenig im späten Abendlicht. Unser Ziel war die Josefskapelle, wir hatten sie gesucht und gefunden; der Heilige Josef war in einem schlichten Fresko über dem Eingang abgebildet, unscheinbar wie immer, die ewige undankbare Nebenrolle in dem großen christlichen Mysterienspiel. Auch seine Kapelle war ein unscheinbares Mini-Kirchlein mit kleinem Schiefen Turm und einem schmalen Innenraum. Seltsamerweise war die Tür vergittert, ebenso wie das Fenster, durch das man den geschmückten Altar mit der Marienstatue im Halbdunkel erkennen konnte, Holzbänke, einfache Blumen und Kerzen. An der Holztür war ein Plakat in etwas zu auffälligen Farben angebracht; von weitem sah es so aus, als würde es für die nächste Wochenend-Disco werben, mit AlpenDJ Lederhois’n und seinen wilden Wolpertingern oder einer ähnlichen Attraktion. Aber nein, bei näherer Betrachtung war es eine Ankündigung der nächsten Veranstaltungen in dem Kirchlein; darunter eine ›Bauverhandlung‹, was uns schon stutzen ließ, und eine anderthalbstündige Abendveranstaltung mit dem Titel ›Akku aufladen‹, was uns in völlige Ratlosigkeit stürzte und dann das ein wenig zu laute Gelächter veranlasste– war das Kirchlein eine Art Aufladestation mit freien Steckdosen und WLAN an den Holzbänken? Etwas verspätet kam die himmlische Erleuchtung, für die unsere alkoholumnebelten Hirne etwas länger gebraucht hatten: Es wohl eine bildliche Ausdrucksweise, man sollte seinen inneren Akku aufladen, in der Stille des Kirchleins, unter dem sanften Blick von Josef, dem Schutz der Madonna und beim Flackern ewiger Lichter.

Wir mochten den einen oder anderen respektlosen Scherz darüber gemacht haben, im Übermut, als plötzlich dieser alte Mann vor uns stand, wir hatten ihn nicht einmal kommen sehen. Seine Kleidung war etwas abgerissen, die Jeans zerfranst, ein schäbiges Sakko über einem weißen Hemd, er trug eine abgenutzte Plastiktüte in der Hand, und als er uns ansprach, sah man, dass nur noch ein Zahn im Mund übrig war. Zuerst vermuteten wir alle wohl, obwohl keiner es aussprach, dass er uns anbetteln wollte. Aber dann sahen wir seine schlohweißen Haare, die mit einem kleinen Bart das faltige, wettergebräunte Gesicht umrahmten, und die blitzend hellblauen Augen; und seine Stimme klang leise und angenehm und nur ein wenig dialektal gefärbt, als er uns ansprach: Ob er uns bitte kurz etwas fragen dürfte? Wir wurden stocknüchtern und sehr höflich, ja, natürlich, sehr gern. Ihn würde nämlich interessieren, warum wir eben gelacht hätten; und wenn es wegen der Kapelle gewesen sei, er wies auf den Heiligen Josef, so sehe er nun gar nicht, was daran zu lachen sei? Um Gottes willen, hätten wir wohl am liebsten spontan gesagt, aber das wäre auch irgendwie falsch gewesen, und so versicherten wir schnell, eifrig und hochdeutsch, dass uns das keinesfalls in den Sinn gekommen wäre. Ich suchte fieberhaft nach einer Erklärung für das doch ein wenig zu laute Lachen, mir fiel aber nur ein, nach der ›Bauverhandlung‹ zu fragen; das hätten wir nicht so recht verstanden, ob er uns weiterhelfen könnte? Natürlich, sehr gerne. Es sei nämlich so, erläuterte er bedächtig und seine hellblauen Augen blitzten dazu, dass hier ein neues Bebauungsgebiet entstehen sollte – die Kapelle war von ein wenig grüner Wiese umgeben, am Tag wären im Hintergrund lautlos die Gondeln der Zugspitzbahn über Felsenklüfte geschwebt, und man konnte sehen, dass der eine oder andere Investor an dieser Stelle sicherlich gern noch ein weiteres Vier-Sterne-Wellness-Hotel namens ›Zugspitzblick‹ oder ›Alpenglühen‹ hingestellt hätte, oder wenigstens einen kleinen Ferienwohnungsblock, obwohl an beidem in dem gar nicht so großen Dorf wahrlich kein Mangel war. Aber man wisse nicht wohin mit der Kapelle. Wir nickten verständnisvoll. Es sei auch leider so, fuhr er fort, ermutigt, dass man leider die Kapelle absperren müsse, genauso wie die große Kirche unten im Dorf, und das sei wirklich sehr bedauerlich, dass man Kirchen absperren müsse. Es würden aber viele Menschen hierherkommen, die, nun ja, keinerlei Verständnis für die Religion hätten oder ein ganz anderes jedenfalls als die Menschen hier; und sie würden alles kaputtmachen, zerstören, ja sogar stehlen! Wir versuchten uns vorzustellen, was man in dieser Kapelle hätte stehlen können, die Kunstblumen oder die halb herab gebrannten ewigen Lichter, aber darauf kam es wohl nicht an; es ging ums Prinzip, und wir fragten lieber nicht nach, ob der freundliche Josef mit den blitzblauen Augen und dem einen verbliebenen Zahn respektlos kichernde Touristen wie unsereinen meinte oder Flüchtling aus fernen Ländern mit anderen Göttern. Denn die Religion, so fuhr er fort, sei doch nötig; das würden die Leute eben nicht verstehen; das Volk brauche sie, auch heute, ihre Ordnung, das würde sie ruhig halten.

Das waren nun Sätze, die man besser nicht in einem Internet-Chat schreiben sollte, außer in der richtig gefärbten und gut abgeschlossenen Echokammer; aber irgendwie war ich mir sicher, dass der gute Josef kein brauner Wolf war, dem das Leben die Zähne gezogen hatte. Es war einfach seine Erfahrung, die Erfahrung eines schon um so vieles längeren Lebens als des unseren, die ihn gelehrt hatte, dass die Leute (und vielleicht sogar nicht nur die ›einfachen‹) genau das brauchen in unsicheren Zeiten: die Religion, einen Halt, Ruhe und Ordnung. Eine kleine Kapelle am Wegesrand, unter dem Patronat des unscheinbarsten Helden der christlichen Mysterienspiele: Josef, der immer am Rande steht, zuschaut, die Ruhe in Person. Vielleicht hat er auch damals ein wenig für Ordnung gesorgt, als es Maria alles zu viel wurde mit den Engeln und den verwirrten Hirten und den blöde glotzenden Kühen, und dann kamen auch noch diese Magier aus dem Morgenlande und brachten unnütze Geschenke! Was war er Maria, wenn nicht ein Halt. Und wir wissen noch nicht einmal, ob und wie er alt geworden ist; sein angetrautes Weib ist unter dem Kreuz gestanden, als ihr Sohn daran starb, für viele ist sie danach in den Himmel aufgefahren, aber Josef war nur ein zimmernder Ersatzvater mit wenig Besuchsrecht. Gern hätte ich dem alten Mann noch etwas Ermutigendes gesagt, die Welt ist gar nicht so schlecht, wissen Sie, aber leider ist sie es doch. So konnten wir uns nur etwas zu überschwänglich und hochdeutsch bedanken, und er nickte bedächtig mit dem schlohweißen Kopf und schlurfte die Straße wieder hinunter, mit seiner Plastiktüte in der Hand.

Es bleibt zu hoffen, dass der Heilige Josef ihn schützt und das Kapellchen. Aber wahrscheinlich wird man es unter eine Glasglocke stellen, inmitten einer All-inclusive-Alpenresidenz mit Wasserrutschen und Alpencocktails, und wenn man ein Eurostück einwirft, dreht sich der Heilige Josef im Kreis und spuckt eine Gedenkmünze aus. Für den Halt wird gibt es seniorengerechte Badewannen geben und für die innere Ruhe einen großen Wellness-Bereich mit Meditationsmusik und Weihraucharoma und blinkenden LED-Leuchten. Und Akku-Ladestationen sind natürlich frei, für alle.




DIE AH-SAGER. EINE GESCHICHTE AUS ARMENIEN

Als erstes warnte unsere armenische Gastgeberin uns vor dem Straßenverkehr. Geht bloß nicht einfach bei Grün los, sagte sie. Da hält sich hier keiner dran! Immer schauen müsst ihr, und dann losgehen, wenn ihr eine Lücke seht, und zwar zügig! Sie bremsen auch nicht! Das Kind schaute verunsichert. Gerade erst hatte man ihm mühsam beigebracht, bei Grün zu gehen und bei Rot zu stehen, da sollte es nun auf einmal alles vergessen. Einfach so. Weil man halt in Armenien war, und nicht mehr in Deutschland, wo alles brav bei Grün stand und bei Rot ging (jedenfalls wenn die Eltern schauten). Zudem waren viele Straßen ziemlich breit in der Hauptstadt der noch nicht seit allzu langer Zeit aus dem Sowjetreich in die Freiheit entlassenen Republik Armenien; und sie waren zwar noch nicht überfüllt, aber doch gut befahren, schnell vor allem; die Minibusse, die Marschrutkas (unwillkürlich musste man an die russischen Puppen denken, die Matrjoschka, und genauso eng war es auch in den kleinen Bussen, einer stand dem anderen auf den Füßen, und wenn man zu groß war, konnte man sich nicht aufrichten während der Fahrt) drängelten sich mit Taxis, den schwarzen Jeeps der sich bereits formierenden kapitalistischen Oberschicht und mehr oder weniger schrottreifen Sowjet-PKWs um die Wette. Es war also gar nicht so einfach, die andere Straßenseite zu erreichen, ein kleiner Adrenalinstoß jedes Mal, aber man gewöhnte sich. Man gewöhnte sich auch, notgedrungen, daran, dass die Bürgersteige trotz strengen Winters nicht geräumt worden waren; an vielen Stellen hatten sich Eis-platten gebildet, die offenbar keinem von den Einheimischen auffielen, aber in den deutschen Besuchern Horrorbilder von gebrochenen Gliedmaßen und armenischen Krankenhäusern auslösten. Immerhin, die großen Straßen waren weitgehend eisfrei, und außerdem hätte auch niemand das Tempo gedrosselt, wenn dem nicht so gewesen wäre.

Ähnlich aufregend war es, wenn man mit einem der vielen Taxis fuhr, das uns für einen für westeuropäische Verhältnisse lächerlichen Preis, die Tausende von Drams flutschten nur so vorbei, quer durch die Metropole in die etwas trostlosen Vorstädte und darüber hinaus transportierte; am besten schloss man die Augen während der Fahrt. Denn dass man überhaupt am Ziel ankam, war sowieso immer fraglich; die Taxifahrer sprachen Armenisch, sicher fließend, und Russisch, vielleicht sogar akzeptabel; aber nicht ein Wort Englisch, von Deutsch ganz zu schweigen, wieso sollten sie auch? Das Armenische aber ist, wie das gesamte Land samt seinen drei Millionen Bewohnern, eine stolze und unabhängige Schöne: Es hat eine eigene Schrift aus vage kyrillisch anmutende Buchstaben mit vielen sanften Rundungen und Häkchen, erfunden von dem großen Mesrop Maschtoz im vierten nachchristlichen Jahrhundert, und es ist bis heute nicht nur Amtssprache, sondern auch ein beliebtes, tausendfach wiederholtes künstlerisches Motiv. Nicht einmal aufgeschriebene Anweisungen konnten also weiterhelfen; und etwas verzweifelt überließen wir uns unserem Schicksal und dem Herrn des Taxis, der nach vielen Anrufen bei seiner Zentrale und wiederholten Gesprächen mit Kollegen, Freunden und Bekannten, notfalls an jeder Straßenecke, dann doch irgendwann zum Ziel fand. Oder zumindest in dessen Nähe.

Es wurde also Gottvertrauen verlangt; und auch davon hatten die Armenier selbst reichlich. Was blieb ihnen auch übrig – einem kleinen Volk, dessen Bevölkerungsmehrheit bis heute in der Diaspora lebt; einem zutiefst religiösen Volk, das einen eigenen Patriarchen hat und als erstes das Christentum zur Staatsreligion machte, aber umgeben ist von Andersgläubigen; einem verzweifelten Volk, dessen heiliger Berg, der große Ararat, sich nicht nur den größten Teil des Jahres hinter Wolken versteckt, sondern auch noch auf dem Gebiet des alten Erbfeindes, der Türkei, angesiedelt ist? Tausendfach lachte der Ararat von den armenischen Kognakflaschen, aber nur allzu selten zierte seine schlichte Linie den Horizont in der Ferne; sogar von Jerewan, der Hauptstadt, hätte man ihn sehen können, wenn man ihn denn hätte sehen können, und jeden Morgen schauten wir aufs Neue hoffnungsvoll aus unserem Hotelfenster: Dunst, Nebel, Sonnenschein, Kälte, aber kein Ararat. Vielleicht war es besser so. So blieb er im Nebel der Urgeschichte, man konnte sich einbilden, die Arche sei im-mer noch auf ihm gestrandet, und jeden Morgen sende Noah eine Taube aus, sie fliegt direkt nach Jerewan und findet den Rückweg nicht, weil sie den Ararat nicht sieht. Aber wer sieht, muss nicht glauben; auf den Glauben jedoch kam es an, und während in Jerewan die Absätze der Frauen immer höher wurden und ihre Röcke immer kürzer, sahen wir in den dunklen Kapellen auf den Dörfern alte Frauen, die genauso rauchgeschwärzt wirkten wie die Wände. Sie verkauften den Besuchern Kerzen, sehr lange schmale honigfarbene Kerzen, die man anzündete, in mit Sand gefüllt quadratische Behälter steckte und ein stilles Bittgebet dazu sprach, vielleicht für die zukünftigen Taxifahrten und Straßenüberquerungen. Doch einmal hatten die reichen Gäste aus dem Westen nur noch 1000-Dram-Scheine, kein Kleingeld, und als das Kind schüchtern der alten Frau den Schein reichte, wurde sie sehr aufgeregt und gab ihm einen gan-zen Armvoll Kerzen und bekreuzigte und bedankte sich, immer wieder. Natürlich steckten wir dann alle Kerzen an, das Kind freute sich und machte ein Muster in der Box, ein symmetrisches natürlich; vielleicht hat es sogar die wenigen Kerzen, die schon brannten, umsortiert, sie standen so unordentlich und durcheinander. Es wurde für kurze Zeit ein wenig wärmer und heller.

Wir lernten glauben. Wir lernten, dass man immer irgendwann ankommt, dann wird man sehr herzlich begrüßt und allen vorgestellt, und man bekommt jede Menge Essen, häufig Süßigkeiten, und dann lernt man wieder neue Menschen kennen, und alle Namen enden auf ›yan‹ und die Sprache scheint aus herzlichen As zu bestehen, wie Armenien und der Ararat, sowohl der Berg als auch der Cognac, und die zweitbekannteste Kognak-Sorte heißt Arma. Das ganze Land war ein Ausdruck permanenten Ah-Sagens, ein Ah der Freude, des Staunens, der Neugier, auch wenn die Schrift optisch ein wenig mehr zum U zu neigen schien und damit noch vage an das alte Königreich Urartu erinnert. Aber die Armenier waren keine Uh-Sager, sie waren Ah-Sager, und sie schauten dem Leben optimistisch und stolz ins Gesicht; sogar nach dem Völkermord, nach den großen Erdbeben und nach der schlimmen Energiekrise, als ihr einziges Atomkraftwerk abgeschaltet worden war und es keinen Strom gab und nur stunden-weise fließendes Wasser, und die Winter waren sicher nicht wärmer damals – selbst damals, so konnte man sich vorstellen, begrüßten sie jeden Tag mit einem freudigen »Ah!« und einem suchenden Blick in Richtung Ararat und mit der Zuversicht, dass ihr Gott es wohlmeine mit den Armeniern, auch wenn sie umgeben waren von Feinden, eingeschlossen von Bergen und weit weg vom Meer.

Wir muddelten uns durch, mit regelmäßigen kleinen Adrenalin-Schocks (Aahhhh!). Wir überlebten den Verkehr, wir aßen, solange wir konnten und dann noch ein wenig mehr. Wir sagten Ah! beim Anblick der alten Klöster mit den Chatschkaren, den uralten Kreuzsteinen, überwachsen von genauso alten Moosen und Flechten und von innen leuchtend in gedämpften Farben; wir sagten Ah! angesichts des heidnischen Sonnentempels von Garni, der im Abendrot beinahe mystisch über den ihn umgebenden Terrassen und Schluchten schwebte; wir sagen Ah!, als man uns eine Planke von der Arche Noah zeigte, und wir sagten Ah!, wenn wir den Ararat einmal mehr nicht sahen. Aber dann begab es ich, es war am vorletzten Tag unseres Aufenthaltes in Armenien, dass wir endlich das berühmte Handschriftenmuseum besichtigen sollten, den mit gleich vier A’s gesegneten Matena-daran. Der streng klassizistische Museumsbau liegt auf einer kleinen Anhöhe, und vor ihm steht gebührend monumental Mesrop Maschtoz; zu seinen Füßen kniet ein Knabe, und der Heilige, der Gelehrte, der Buchstabenmacher weist dem Knaben mit der ei-nen Hand den Weg zum Himmel, und mit der anderen zeigt er auf das armenische Wappen, den stolzen Adler mit dem Schwert. Innen, im Allerheiligsten, werden kostbare illustrierte Handschriften aufbewahrt. Ihre Farben strahlen wie am ersten Tag, und die armenische Schrift mit ihren Häkchen und Kurven enthüllt erst hier ihren wahren Charakter, nämlich den einer Hand-Schrift im wörtlichen Sinne: einer meditativen Übung der Hand im schönen Schreiben, in sanften geregelten Bewegungen, in schwingenden Kurven. Und plötzlich, man hat sich gerade von einem der Manuskripte abgewandt und lässt den Blick schweifen in der Rotunde, plötzlich verspürt man ein seltsames Gefühl. Es ist auf einmal still, kein Laut dringt hinein von der Stadt, vom niemals schweigenden Verkehr, vom Stimmengewirr der fröhlichen Armenier mit ihren vielen hellen As, es ist so still, dass man die Stille zu hören meint. Und man merkt, dass man sich unwillkürlich entspannt hat; man muss nicht mehr aufpassen, ob der große schwarze Jeep jetzt noch rechtzeitig bremst, man muss sich nicht sorgen, ob der Taxifahrer vielleicht doch zur Mafia gehört, man muss sich noch nicht einmal mehr schämen für seinen eigenen Reichtum. Die Ruhe und die Kurven der Schriften sind in einen eingedrungen und kreisen dort weiter, wie sanfte Wellen, die sich ausbreiten, wenn ein Stein ins Wasser fällt; und Armenien ist das Land der Steine, man hat so viele Steine gesehen, dass man meint, es müsste für ein Leben reichen, aber dieser Stein ist tiefer gefallen. Ein Mystiker hätte gesagt: Man ist ins Herz der Welt gelangt. Aber um in diese Tiefe zu kommen, musste man durch all den Lärm, durch all die Regellosigkeit und Sorglosigkeit einer großen Stadt im Umbruch, durch die rauch-geschwärzten Wirrungen eines alten Glaubens und die glitzernden Wirrungen einer sich schon am Horizont abzeichnenden kapitalistischen Heilslehre gehen.

Natürlich kann man im Herzen der Welt nicht bleiben. Draußen kauften wir Konfekt, ›Grand Candy‹ hieß die Marke, und wir dachten, wie passend der Name doch sei: genug As, aber schon die Heilsversprechungen der neuen Zeit, die Alliteration zum Grand Canyon, das Große überhaupt! Ein ›Grand Candy‹-Werbeschild hatte auch in bunten Bonbonfarben über dem Tor des Zoos in Jerewan geprangt. Die wenigen verbliebenen postsow-jetischen Tiere sahen aber nicht so aus, als würden sie verwöhnt; ihre Gehege waren verwildert wie ihr Fell, sogar der große braune Bär wirkte ein wenig mager unter seinem schlotternden braunen Mantel. Und er war einsam. Das konnte man auf den ersten Blick sehen, es war nicht ein verwöhnter deutscher Zoobär, der sich vor der glotzenden Menschenmenge in seine artgemäße Höhle verkriecht und auf seinen gewohnten Wärter und sein tägliches Mahl mit seiner genau berechneten Vitamindosis wartet; es war ein wilder Bär, der vor Einsamkeit zahm geworden war, und nun waren, endlich, vielleicht nach Tagen, nach Wochen des Wartens, lebendige Wesen gekommen. Es war ihm egal, dass es keine Wesen seiner Art waren, und als wir ihn, weil uns nichts Besseres einfiel und es nicht direkt verboten war – nichts war verboten hier, es waren ja auch keine Besucher da, denen man etwas hätte verbieten können – mit Schneebällen bewarfen, um mit ihm zu spielen, da freute er sich. Er versuchte sie zu fangen, er tapste ihnen hinterher, wenn sie ins Wasser fielen, er hätte noch stundenlang weitermachen können. Aber uns war kalt, und wir mussten weiter. Das Herz konnte einem brechen, wenn man ihn trübselig zu seiner Eisscholle zurücktapsen sah. Wahrscheinlich hieß er Armen oder Aram, oder war sie gar eine Bärin, eine Ava? Und er wartete auf seine Rettung, einsam, ausgesetzt, dankbar für Schneebälle in Ermangelung von Brosamen. Ob er immer noch wartet, wissen wir nicht. Aber wenn er ein echter Armenier war, dann wird er die Hoffnung nicht verloren haben; und er wird nach dem Ararat suchen, jeden Morgen aufs Neue, den man von seinem Zooverlies aus niemals sehen kann, oder doch nur mit dem Geiste.


Stippvisite in Ultima Thule, oder:
eine nordische Bildungsgeschichte

Dieses war eine andere Reise. Sie führte uns nach Ultima Thule, ein Land, von dem lange nicht klar war, ob es überhaupt existiert (hic sunt dracones!). Ganz am Rande der besiedelten Welt sollte es liegen, sechs Seereisen jenseits von Großbritannien, das vom antiken Griechenland aus gesehen schon ziemlich weit weg war; und es war angeblich gemacht aus Feuer und Eis und umschwommen von Walen und Drachen. Und noch heute speien hier die Vulkane Feuer und liegen die Gletscher unter ewigem Eis (wenn auch immer weniger); aus den Erdspalten treten heiße Dämpfe aus, es riecht nach Pech und Schwefel, und es ist umschwommen von Walen und – nun ja, heutzutage: Kreuzfahrtschiffen (Drachen auf ihre Art). Denn als die Welt Island entdeckte – im Wesentlichen durch eine Kombination aus Katastrophen: Bankenkrise mit anschließendem Staatsbankrott und Vulkanausbruch mit Lahmlegung des internationalen Flugverkehrs, wir alle sagen jetzt im Chor: „Eyafjallajökull“; entdeckte sie die Insel, bisher ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte der meisten zivilisierten Länder, als Reiseziel. Die isländische Fremdenverkehrsabteilung hat dabei offenbar ganze Arbeit geleistet: Denn Island besticht bis heute vor allem durch – die Abwesenheit sehr vieler Dinge, die normalerweise als Grundrequisiten für jeden ordentlichen Urlaub gelten. Als da wären, und jetzt kommt es bunt, denn wir sind auch geistig noch im Urlaub und sortieren erst später zuhause die Reiseeindrücke mit den zu waschenden Socken:

Was es in Island nicht gibt – eine Debit-Liste und eine Verlustgeschichte

Es gibt keine antiken Trümmer. Einer unserer besseren Reiseleiter aus frühen Studienreisezeiten sagte einmal, es gebe keine Studiosus-Reisen ohne antike Trümmer; das sei einfach eine Grunderwartung des Zielpublikums, auch wenn man wirklich oft gar nicht so viel an ihnen sehen könne. Ich bin mir sicher, Studiosus reist inzwischen auch nach Island; aber die beinahe völlige Abwesenheit von älteren Zeugnissen menschlicher Kulturgeschichte ist, zumindest für langjährige Kulturreisende wie uns: frappierend. Denn es gibt nicht nur keine Tempel oder Foren oder Villen. Es gibt auch keine Kathedralen, allerhöchstens eher schmucklose Kleinstadtkirchen; es gibt keine Paläste, denn eigentlich gibt es überhaupt keine Architektur von einiger Bedeutung. Das Standardmuster ist das einfache Holzhaus, in der Hauptstadt dann gelegentlich: das mit Schnitzereien verzierte Holzhaus. Das Parlamentsgebäude ist eine mindere Kleinstadtvilla, für die man sich in Radebeul schämen müsste. Der Guide freut sich sehr, wenn er einem ein Bauernhaus mit historischer Grassodenbewachsung ans Herz legen kann; es duckt sich unter dem Wind dicht an die Erde, nicht jedoch etwa unter freundlich nickenden Bäumen, denn:
Es gibt keinen Wald in Island. Das ist mindestens genauso frappierend für den mitteleuropäischen Reisenden, und man weiß danach gleich viel besser, warum gelegentlich so ein Getue um den deutschen Wald gemacht wird. Nämlich: So ein ordentlicher Wald ist etwas ganz Großartiges, nicht nur biologisch, sondern auch für die Augen, die Nase und überhaupt für das Wohlbefinden! Die Führer erzählen deshalb pflichtgemäß die Geschichte, dass Island ja eigentlich auch bewaldet gewesen sei; damals, in den Zeiten der mythischen „Landnahme“, auf die wir noch zu sprechen kommen. Doch die Wikinger, die Island ja wohl wirklich „entdeckten“ – denn es gab keine Ureinwohner vor ihnen, es gab auch keine Tiere außer Vögeln, aber es gab ziemlich sicher Wald, denn sonst wären die Wikinger gar nicht erst an Land gegangen: also, die Wikinger brauchten viel Holz und hatten eher wenig ökologisches Gewissen. Sie brauchten Holz für ihre schnittigen Wikinger-Boote, mit denen sie dann furchtlos (und Kreuzfahrer wissen, wovon sie sprechen, uns bringt schon eine mittelhohe Welle aus dem Gleichgewicht!) nach Grönland weiterfuhren oder gar bis nach Nordamerika. Dazu  Anekdote von Robert, Guide Nr. 2: Dann nannten die gewieften Wikinger die grüne Insel Island das Eisland, um Nachfolger von der Einreise abzuschrecken; Grönland aber, das Eisland, nannten sie in schnöder Verfälschung der Tatsachen das grüne Land.

Ob das stimmt? Steht tatsächlich in einer der Isländer-Sagas! Im Übrigen konnten selbst die die Wikinger gar nicht so viele schnittige Drachenboote bauen, um ganz Island abzuroden, natürlich nicht; aber sie mussten schließlich auch ihre Grassoden-Höfe heizen in den eisigen Wintern (es ist hier gerade auch im Frühsommer nicht direkt heiß, obwohl die Isländer in T-Shirts herumlaufen und Eis schlecken). Und die Viecher, die die Wikinger mitgebracht hatten, weideten am besten auf einer Wiese und nicht im Wald. Jedenfalls war der Wald dann irgendwann weg, und er kam nicht wieder. Bis heute jedenfalls; denn heute forsten die Isländer fleißig auf, und jeder Guide freut sich wie ein kleiner Eiskönig, wenn er einen Wald zeigen kann - eine Bezeichnung, die ab drei Bäumen zulässig ist, man könnte vielleicht auch in der Sprache der kenninga (kommt später) „Baumversammlung“ zu Wald sagen, oder noch besser: „Stamm-Thing“? Irgendwann wird Island dann wieder grün sein, mindestens so grün wie Grönland jedenfalls; und man wird das Island-Moos schützen müssen, das jetzt die blanken Felsen mit einem wie kleine Kuschel-Pelze mit apartem Graubraun überzieht ("Fels-Pelz" für Moos?) und nur zwei Zentimeter im Jahr wächst und deshalb praktisch nie zum Friseur muss!

Doch nicht nur Wald gibt es nicht. Auch von Gärten kann man eigentlich nur träumen, Reykjavik und Akureyri haben je einen botanischen Garten, aber um uns Enttäuschungen zu ersparen (und weil wir nicht genug Zeit hatten, wir mussten zu viele Wasserfälle anschauen, oder besser: „Sturzwässer“, „Haarschaum“, „Regenbogenzauberer“?), waren wir nicht dort. Nein, die bunten oder unbunten Holzhäuschen stehen seltsam nackt in der kargen Landschaft, sie haben keine Umgebung, keine Fassung, keinen Rahmen; irgendwie fransen sie ins Islandmoos aus, und da Häuser im dünnsten besiedelten Land der Welt sowieso selten auf einem Haufen stehen, ist eine Einhegung ja auch nicht nötig. Aber ein Haus ohne Garten wirkt, für uns deutsche Vorgarten-Fanatiker: leicht verwahrlost. So wie moderne Neubausiedlungen, wo das höchste der Gartengefühle ein Kunstrasen ist, gleich neben dem Steingarten. Na gut, man könnte Island auch als größten Steingarten der Welt bezeichnen, das ist vielleicht ein wenig skaldisch gedacht. Und für Farben sorgen ja die Lava und die Schwefelfelder – aber die sind beide schon auf der Habenseite, deshalb sind sie jetzt noch nicht an der Reihe in der Verlust-Liste.

Von den Alaska-Lupinen müssen wir jedoch jetzt schon reden, sie wehen zwischen der Verlust- und Habenliste etwas unentschlossen hin und her. Denn zwar hat Island sehr, sehr viele Lupinen, sie blühen gerade in den schönsten Blau- und Violetttönen und lassen ganze Berghänge erbläuen; aber die Isländer mögen ihre Lupinen nicht. Sie sind nämlich Einwanderer, die man, wie so oft, anfangs willkommen hieß, weil man sie brauchte – für Bodenverbesserung und Befestigung nämlich – und die sich dann so stark vermehrten, dass sie die eigenen Arten, die es etwas sparsamer gewohnt waren, unterdrückten. Nein, sorry, ist einfach so; die Parallelen kann man ziehen oder auch nicht, die Lupinen können ja nichts dafür, und eigentlich war es ja auch eine Art „Landnahme“, wie damals bei den Wikingern, und ohne die Wikinger würde es keine Isländer geben, und Landnahme ist ein ganz, ganz positiv besetztes Wort in Island, mit Nationalfeiertag und so! Die Isländer wollen es trotzdem inzwischen nicht mehr ganz so Blau. Aber die Lupinen waren gekommen, um zu bleiben, und es bewährt sich wahrscheinlich nicht, eine Art Blütenstands-Prämie für jede ausgerissene Blütenkrone einzuführen. Die Touristen mögen sie außerdem. Wir mochten sie jedenfalls. Sie waren so schön Blau!

Damit, dass es keine Schlangen und auch keine Spinnen gibt, könnten wir auch relativ gut leben. Aber insgesamt ist das Tierspektrum in Island relativ übersichtlich, vor allem, was die Säugetiere angeht. Den Polarfuchs haben wir nicht gesehen, die eingewanderten Rentiere auch nicht; eine Katze lief uns in Reykjavik über den Weg, sie war in einem früheren Leben wohl eine prächtige Maine Coone gewesen, aber jetzt war sie ein armes fellloses Monster, das eher an einen geschorenen Pudel erinnerte. Immerhin jede Menge Schafe, mehr als Isländer. mal mit Fell, mal ohne, mal auch mit zur Hälfe Fell; und dazu recht viele, recht schöne Island-Ponys. Und schon melden sich die Guides wieder zu Wort mit der nächsten Standardanekdote zum Thema: Island-Ponys können nämlich zwar auswandern, aber niemals zurückkehren. Sie könnten ja Krankheiten mitbringen, und da ist die kleine Insel etwas mysophob, sozusagen. Weshalb man auch die gelegentlich auf Eisschollen herbeitreibenden Eisbären, nach langem Hin und Her und Versuchen, sie an Zoos irgendwo auf der großen weiten Welt jenseits von Ultima Thule zu vermitteln (alle gescheitert), doch erschießen muss. Keine Eisbären in Island erwünscht, sorry! (Ähnlichkeiten zu deutschen Wolfs-Debatten sind rein zufällig, und wahrscheinlich sind auch alle Eisbären, die auf einer Scholle von Grönland herübergetrieben sind, per se hinterher Problembären; genauso wie die depressiven Helden der Sagas nach einer im Erdloch überstandenen zwanzigjährigen Bannung). Und dafür hat man ja Wale und Papageientaucher, was schon zwei ziemlich große Vorzüge sind!

Aber wir bleiben noch ganz kurz bei dem, was Island nicht hat. Nämlich: Infrastruktur, um es verallgemeinert zu sagen. Es gibt eine größere Straße, sie heißt Nr. 1 und führt einmal rund um die Insel. Man legt es den Touristen, die alle sehr, sehr gerne wiederkommen können und mögen (auch wenn es zu wenig und zu teure Übernachtungsmöglichkeiten gibt, beiseite gesagt), sehr ans Herz, sich ein Auto zu mieten (am besten eines mit etwas mehr Bodenfreiheit) und dann die Straße einmal im Kreis zu fahren. Das hat den Vorteil, dass man sich praktisch nicht verfahren kann. Es hat den Nachteil, dass man auch sonst nirgendwo so recht hinkommt auf der Insel; denn die meisten abzweigenden Straßen verlieren sehr schnell solche Luxus-Attribute wie Straßenpflaster oder Markierungen. Eisenbahnen gibt es überhaupt nicht, kein Gleis, nirgends; eine kleine Lok steht verloren am alten Hafen von Reykjavik, sie diente wohl dazu, die Boote aus dem Wasser zu ziehen, etwas anderes wollte uns beim besten Willen nicht einfallen. Immerhin gibt es Busse. Flugplätze, gar nicht wenig, denn ab und zu wollen Isländer sich schon auch bewegen auf ihrer Insel, ohne immer den ganzen Kreis fahren zu müssen. Sie gehen übrigens angeblich nicht gern zu Fuß, was man ihnen nicht verdenken kann; das Wetter schlägt schnell um und ist insgesamt wenig wanderfreundlich den größten Teil des Jahres über.

Wir eilen weiter, denn wir nähern uns aber dem Ende dieser verlustreichen Durststrecke: Es gibt kein rechtes Nationalgericht, jedenfalls keines, was man wirklich gern essen würde. Es gibt aber auch kein McDonalds; der isländische gelegentlich zum Nanny-Ismus neigende Staat hat das der Volksgesundheit wegen verboten. Es gab, aus den gleichen Gründen, bis vor knapp vierzig Jahren auch kein Bier auf Island, obwohl es das nicht in den deutschen Schlager geschafft hat. Wohl aber harten Alkohol, warum auch immer (wir fanden einen Cocktail mit Birkenschnaps, aber er war unbezahlbar, wie das meiste auf Island). Inzwischen gibt es Gemüse auf Island und gerüchteweise sogar Erdbeeren (wenn auch noch keine Ananas); die Geothermie in Kombination mit Gewächshäusern macht es möglich, und die Tomatensuppe, die wir am Godafoss serviert bekamen, hatte ihren ausgezeichneten Ruf verdient. Milch soll auch eine Zeitlang eher knapp gewesen sein, berichtete unser Führer Robert anekdotenhalber; eine einzige Verkaufsstelle für die ganze Insel, und wenn die Ringstraße mal wieder wegen Blizzard gesperrt war, eben keine Milch! Zudem, und das wiederum verdanken wir der geschichtenreichen Guidess Cornelia und ihrer angeheirateten isländischen Großmutter, ist Geld eine relativ neue Institution in Island. Natürlich gab es eine Währung, sie war lange Zeit die dänische Krone und nach der Unabhängigkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts durfte man auch eigenes Geld drucken (und es ist eigentlich sehr schade, dass man als Tourist heutzutage keinerlei Bargeld mehr braucht und deshalb die landeseigenen Scheine und Münzen nicht in die Hand nehmen und bestaunen kann); aber der Handel im Land war noch geprägt vom Geist des Tauschverkehrs. Zudem hat man wenig, was einen Handel mit anderen Ländern attraktiv machen könnte; man hat eigentlich im Wesentlichen: Fisch, und alles, was mit Fischen zu tun hat, macht bis heute den überwiegenden Teil von Islands Exportbilanz aus. Aber Fischhandel ist nicht direkt die Basis für die Entstehung einer Seidenstraße; und auf der anderen Seite müssen sehr viele Güter importiert werden, die das kleine Land nicht selbst herstellen kann (Lebensmittel ebenso wie Elektrogeräte).

Was es gibt in Island: Eine Kredit-Liste und eine Bildungsgeschichte

Das soll nun alles nicht den Eindruck erwecken, dass es ein ganz schrecklicher Urlaub voller Entbehrungen und Enttäuschungen war. Nein, eigentlich war es eine ziemlich lehrreiche Bildungsreise in Sachen nordische Alternativ-Kultur; und es ist ja eigentlich auch ganz schön, dass man, wenn man nun endlich nach Ultima Thule kommt, eine gewisse Befremdungserfahrung gratis dazu bekommt. Zudem muss man sich immer wieder klarmachen, was unsere schwäbische Führerin Cornelia, seit vierzig Jahren in Island wahl-zuhause, sich ausgedacht hatte, um denen unter uns, die es nicht so mit Zahlen haben, eine Größenordnung anschaulich zu machen: Dass nämlich ganz Island auf einer Fläche, die Bayern und Baden-Württemberg umfasst, so viele Einwohner hat wie Nürnberg (wahrscheinlich war ihr der klassischere Saarland-Vergleich nicht geläufig). Ein ganzes eigenes Land, umflossen vom Meer und den Walen darin, umschwärmt von niedlichen Puffin-Scharen – aber kaum vierhunderttausend Menschen darinnen. Die wesentliche Aufgabe von isländischen Diplomaten bestünde deshalb darin, so unkte Cornelia, vergessen zu machen, wie winzig klein und unbedeutend man doch eigentlich sei, obwohl man eine Flagge und eine Hymne und einen UN-Vertreter mit Stimmrecht und sogar eine NATO-Mitgliedschaft (strategische Position im Nordatlantik, aber hallo!) habe! Das Parlament aber passt in eine mittelkleine Villa, und eigentlich ist jede mit jedem verwandt; was man sogar noch besser weiß, seit alle Isländer in einer Art großangelegtem Menschenversuch genetisch sequenziert und in einer Datenbank verzeichnet wurden. Nirgendwo auf der Welt ist die Gefahr, bei einem Date an einen Cousin zu geraten, so groß wie in Island! Dafür können auch viele sagen, von welchem Wikinger-Helden sie abstammen; oder ob vielleicht gar vom großen Snorri höchstpersönlich, den wir noch kennenlernen werden!

Und damit sind wir schon mitten in der Haben-Seite angekommen. Also: In Island sind bis heute die meisten Bewohner Ureinwohner, nämlich direkte Abkömmlinge derjenigen kühnen Wikinger, die in der großen Landnahme das vorher nur von einigen kälteresistenten Vögeln und unberührten Wäldern belebte Land – eben in Besitz genommen, ihren Claim abgesteckt und ihre Clans angesiedelt haben. Und eigentlich hatten die Isländer niemals einen König. Sie waren zwar lange Zeit nicht unabhängig, sondern wechselten in dem üblichen historischen Bäumchen-wechsel-dich-Spiel von einer nordischen Macht zur anderen; Norwegen und Dänemark spielten dabei die Stammrollen, aber sie waren sehr fern. Regiert wurden sie vor Ort derweil von den Goden, den mächtigen Clan-Herrschern, die sich einmal im Jahr in Thingvellir zum All-Thing trafen. Es war das älteste Parlament der Welt, also mal abgesehen vom antiken Athen, jubeln die Führer freudig, stolz darauf, endlich mal einen Ursprung präsentieren zu können; und es wurde verhandelt dort und Gericht gesprochen und verheiratet und gefeiert und überhaupt alles, was Menschen seit jeher so tun, wenn sie sich in großen Haufen treffen. Das alles fand statt im wunderbaren Tal von Thingvellir, durch das sich der Grabenbruch zwischen alter und neuer Welt, eurasischer und amerikanischer Kontinentalplatte zieht – und das ist ein Ort, dessen magische Ausstrahlung noch nicht einmal durch massenhaft einfallende, mit Handystöcken (Blitzschwertern? Spiegelstangen?) bewaffnete Touristenscharen aus aller Herren und Damen Länder zerstört werden kann. Wenn die Natur jemals einen Platz für ein Parlament von ansatzweise Freien und Gleichen erschaffen hat (aber natürlich waren sie auch eine Sklavenhaltergesellschaft, die die Athener; und ungefähr genauso frauenfeindlich) – dann ist das hier, in dieser grandiosen Arena mit Weitblick auf den mäandernden Fluss und dem See im tiefen Grund, durch dessen klares Wasser man einhundert Meter tief hinabsehen können soll.

Es ist überliefert, dass beim All-Thing, durchaus Köpfe rollten im wörtlichen Sinn; denn verurteilte Straftäter wurden an Ort und Stelle enthauptet, und verurteilte Straftäterinnen wurden im Fluss ertränkt. Aber manchmal unterlief auch eine ziemlich weise anmutende Entscheidung. So entschloss das All-Thing nämlich in einer besonders folgenreichen Sitzung irgendwann um das Jahr 1000 herum, von nun an in ganz Island das Christentum als Staatsreligion einzuführen. Einfach so. Es konnte nämlich nicht so weitergehen mit all dem Köpfeabhauen und Schädelspalten zwischen den Clans oder Blutsverwandten (meist ging es, so berichten es jedenfalls die Eddas, um die männliche Ehre, die ziemlich leicht verletzt werden konnte, wie in praktisch allen Kriegergesellschaften). Und von den keltischen Missionaren hatte man gehört, dass das Christentum eine andere Moral predigte; eine irgendwie menschenfreundlichere, barmherzigere, friedlichere. Sollte man es nicht auch einmal damit versuchen, irgendwie, mehr aus politischen und sozialen Erwägungen denn aus einem Erlebnis der Bekehrung oder Erweckung heraus?  Und so ließ das Thing kurzerhand alle alten Götzen, so ist es jedenfalls überliefert, in einen der prächtigsten Wasserfälle des an Wasserfällen nicht eben armen Landes kippen; selbiger hieß fortan deshalb Godafoss, Wasserfall der Götter, und man sieht geradezu Thors Blitze den Bach runtergehen, und die Weltschlange bäumt sich noch ein letztes Mal, bevor die Stromschnellen sie in kleine Stücke zerreißen, nur Thors Raben Hugin und Munin können sich retten, mit zerzaustem schwarzen Gefieder entfleuchen sie unter empörtem Krächzen (sie sind aber nicht zu unterscheiden von normalen, nicht-göttlichen Raben). Natürlich kehrte daraufhin nicht von jetzt auf gleich Frieden ein im weiten Land; natürlich wurden die alten Götter nicht abgelegt wie eine zu klein gewordene und etwas rostig rappelnde Rüstung, natürlich blieb man abergläubisch und sah Gespenster und Wiedergänger auf jedem Dachfirst sitzen. Es schossen auch keine prächtigen Kirchenpaläste aus dem Boden. Doch Island gehörte fortan zum christlichen Abendland, und langsam änderten sich wohl auch die Sitten.

Isländische Dichterkönige und der erste realistische Roman in Europa – eine literaturgeschichtliche Digression

Und damit zu Snorri. Denn die Isländer haben, und das erscheint mir weiterhin ziemlich ungewöhnlich, einen Dichterkönig gehabt. Er hörte auf den ganz wunderbaren und wohl sogar echten Namen Snorri Sturluson, lebte von 1179 bis 1241 und war Dichter, Historiker und Herrscher in Personalunion. Man hat sich die isländische Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt als eine Mischung aus Feudalismus und Clan-Herrschaft vorzustellen; und wir treten gerade in die Phase ein, wo Bildung beginnt, ein Vorteil zu werden (nicht ein Privileg, und das ist ein Unterschied). Snorri also kam aus einer einflussreichen Familie und erhielt Unterricht in, so liest man bei Wikipedia: Latein, Theologie, Geographie und isländischem Recht; wahrscheinlich obendrauf die üblichen Rittertugenden auf Isländisch. Kaum geheiratet, trennte man sich nach sieben Jahren wieder, wie auch immer das damals aussah; später heiratete Snorri noch einmal, und immerhin weiß man von beiden Frauen die Namen. Sein eigener Name aber wurde der Nachwelt vor allem erhalten durch das Prosawerk, das er schuf: Die Snorra-Edda nämlich, und was die Eddas sind, habe ich erst lernen müssen und auch noch nicht so recht verstanden (kommt später). Die Snorra-Edda enthält eine gesamte Mythologie samt Welterschaffung zu Beginn (neues Wort aus Wikipedia: „euhemeristisch“, das heißt, die Götter werden als vergöttlichte reale Heron oder Könige dargestellt) und dann in mehreren Büchern die Geschichten mehrerer Heroen-Geschlechter, die es auch tatsächlich gegeben haben soll. Dazu kommt, als vierter Teil, noch eine angewandte Poetik, wie man denn eine ordentliche Skaldendichtung zu verfassen habe, samt Exempeln. Dass das gar nicht wenig erstaunlich ist, wird einem klar, wenn man sich vorstellt, dass Homer an die Ilias noch eine kleine Verslehre des Hexameter samt Anleitung für den Bau besonders hübscher schmückender Beiwörter beigefügt hätte; oder dass Aristoteles die Poetik mit einer umfangreichen Geschichte der verschiedenen Weltalter und ausgesuchter Heroengestalten eingeleitet hätte. Aber nein, Snorri macht das alles selbst. Natürlich war er nicht der einzige Skalde, die Isländer waren wahrscheinlich schon damals ein Autoren-Volk; aber er ist der nordische Homer samt Aristoteles in einer Person, und er hat definitiv den besten Namen.

Die Heroengeschichten sparen wir uns jetzt, das ist wahrscheinlich genauso Männerliteratur wie Homer. Interessanter ist das Kunststück der kenningar, der bildhaften Umschreibungen nämlich, die, wenn man den häufig zitierten Beispielen glauben darf, deutlich kreativer als eine alteuropäische Metapher sind. Wir müssen dazu noch einmal tief in die Wikipedia-Kiste greifen, einfach, weil das alles so schön und bedeutend und lehrreich ist. Also, Etymologie: kenning stammt tatsächlich vom altnordischen Verb „kenna“ und bedeutet, alles in einem: kennen, erkennen, wahrnehmen, fühlen, zeigen, lehren. Was? Ja, genau, und darüber kann man ja einmal nachdenken, wenn man im Urlaub ist und das Meer nicht stürmisch oder sanft, sondern eintönig, und das Schiffsschwanken die Gedanken anregt (Kreuzfahrtschiff: „Wellenwiege“? „Rentnerburg“? „Meeres-Freudenhaus“?). Wer etwas kennt, im Vollsinn des Wortes kennt: hat es erkannt, indem er es nicht nur wahrgenommen, sondern auch empfunden hat; und weil er es umfassend erkannt hat und nun kennt, kann er es auch zeigen und lehren. Kein Teil dieses Prozesses ist überflüssig.

Was hat das nun mit der kenning zu tun? Vielleicht viel, vielleicht wenig. Aber wenn man eine ordentliche kenning bauen will, muss man wissen: Sie besteht aus einem Grundwort und einem Bestimmungswort; beide Teile können auch aus mehreren Worten bestehen. Zeigen wir das an der „Wellenwiege“. Das Grundwort ersetzt dasjenige Wort, das umschrieben werden soll – das Kreuzfahrtschiff – durch ein anderes Wort; vorzugsweise ein eher bildlich und nicht abstraktes, das einen Aspekt des zu umschreibenden Wortes hervorhebt – die Wiege (ein Gebilde, das vage schiffsförmig aussieht und in eine schwankende Bewegung versetzt werden kann). Dann kommt das Bestimmungswort hinzu und präzisiert das vorher zu umschreibende Wort wieder - Welle: Die Wiege des Kreuzfahrtschiffes wird von den Wellen in Bewegung gesetzt. Anschließend hat man – hoffentlich – ein schön bildhaftes, ungewöhnliches und deshalb Aufmerksamkeit erweckendes zusammengesetztes Wort, das den Geist beim Hören anregt und die Phantasie durch ihre Bildhaftigkeit befriedigt. Klappt aber nicht immer, und erscheint dem einen oder der anderen gelegentlich künstlich bis gekünstelt. Egal, Literatur funktioniert nie für alle, es kommt darauf an, es zu versuchen, notfalls auch nur für einen selbst; und eine schöne kenning, die etwas an einem Gebilde erkannt hat, es durch einen Vergleich mit etwas anderem verfremdet und dann für das Gefühl wieder nähergebracht und belebt hat, wird in den allgemeinen Sprachgebrauch eingehen (der Preis dafür ist, dass sie als kenning unkenntlich wird); wie, Beispiele aus Wikipedia: „Brüllbesen“ für Staubsauger; „Drahtesel“ für Fahrrad, „Feuerwasser“ für stark alkoholisches Getränk, Stubentiger“ für Hauskatze, „Rentner-Bravo“ für die Apotheken-Umschau. Oder, jetzt aus der Edda-Dichtung: „Bogenstärke“ für Arm; „Brauenmonde“ für Augen; „Kinnbackenwald“ für Bart; „Schwertwasser“ für Blut; „Dunstroß“ für Erde; „Bronze der Zwietracht“ für Gold; „Rabenwonne“ für Krieger; „Schwertersturm“ für Schlacht; „Taschenschnee“ für Silber; „Kummertau“ für Tränen. Man sieht doch gleich, worum es ging in der altnordischen Literatur. Aber schön wird gestorben, wenn auch martialisch: Der im Schwertersturm gefallene Krieger wird zu Rabenwonne, sein Schwertwasser tränkt das Dunstroß, die Anverwandten vergießen eine Menge Kummertau, und das alles nur der Bronze der Zwietracht wegen!

Snorri aber, der Bilderdrechsler und Wortfeiler, schrieb dazu noch eine Chronik über die reale Geschichte der norwegischen Könige (wahrscheinlich zumindest); und er war ganz sicher ein Gode – gehörte also nicht nur zum gehobenen Führungskreis des Landes, sondern war sogar zweimal Gesetzessprecher im Allthing. Außerdem war er eine Zeitlang als eine Art Pendeldiplomat zwischen Norwegen – wo er zum Lehensmann des norwegischen Königs wurde und sich an dessen Hof aufhielt – und Island tätig, wohin er zurückgeschickt wurde, um einen Konflikt zwischen norwegischen Händlern und Isländern zu schlichten, im Sinne der Norweger natürlich. Zuhause jedoch geriet er in die üblichen kämpferischen Auseinandersetzungen mit der eigenen Familie; zerfiel mit dem norwegischen König; verheiratete seine eigenen Töchter strategisch klug; entkam diversen Attentatsversuchen weiterer Anverwandter; und wurde am Ende dann doch von seinem früheren Schwiegersohn erschlagen. Trotz Christentums geht es also noch relativ wild zu, aber da ist der Rest des christlichen Abendlandes um diese Zeit auch nicht viel besser. Und immerhin, das wird sehr gern erwähnt als Zeichen besonderer Kultiviertheit und isländischer fun fact: ließ Snorri schon nahe seines Hauses ein heißes Bad errichten, das Snorralaug nämlich, das man noch heute besuchen kann. Denn die heißen Quellen, sie lassen sich wenig beeindrucken von all dem Kämpfen und Töten der Menschen; die Erdgeschichte hat den längeren Atem, und deshalb kommen wir bald auch am Ende dieser nordischen Bildungsgeschichte bei ihr an.

Einen Moment bleiben wir aber noch bei der Literatur. Denn Island hat nicht nur Snorri und die Eddas, sondern Island hat überhaupt, betonen alle Guides und Reiseführer im Chor: die meisten Autoren der Welt. Halldor Laxness muss natürlich genannt werden, der sehr indigene Nobelpreisträger; aber eigentlich, so will man uns vermitteln: schreibt hier jeder. Island ist ein Land, das keinerlei Architektur hervorgebracht hat, auch keinen bildenden Künstler von Weltrang, und in der Musik haben es erst diverse Pop-Stars zu Weltruhm gebracht; aber Schreiben soll hier ein Volkssport sein. Man kann es sich vorstellen, im Winter sind die Nächte lang, man bekommt wenig Besuch auf dem Land, und wenn irgendetwas an Besuchern geschätzt wird, dann ist das vielleicht, wie auch in Norddeutschland auf dem flachen Land noch ein wenig zu spüren: die Fähigkeit, gute Geschichten zu erzählen, nein, genauer: gute Geschichten gut zu erzählen! (vielleicht sind Erzählungen „Lebensgarn“, oder „Schicksalsknoten“; oder gar ganze „Geschlechterteppiche“?) Snorri nickt dazu, denn auf Island gab es immerhin mit den Eddas den ersten europäischen realistischen Roman: volkssprachliche Erzählliteratur in Prosaform nämlich, die wahrscheinliche Geschichten aus dem Leben erzählt, und das in Schriftform. Bis heute, so sagte man uns auch, habe sich die Sprache kaum verändert; Isländisch sei eine Art konserviertes Altnorwegisch, und dazu immer noch geprägt von der kombinatorischen Leidenschaft in der Wortzusammensetzung in der Tradition der kenninga. Dabei sind die Wechselbeziehungen zwischen der isländischen und der westeuropäischen Literatur ziemlich intensiv; wie es sich gehört, sind die ersten isländischen Heldengeschlechter Abkömmlinge von trojanischem Stamm, und in der Gegenrichtung sind sowohl Wagner wie auch Tolkien oder diverse Fantasy-Genres bis heute nicht ohne nordische Mythologie denkbar.

Lesen allerdings – lässt es sich nicht ganz so einfach. Düstere Menschen agieren unberechenbar in düsteren Landschaften; Leidenschaften brechen aus wie Vulkane und verglimmen wieder; tragische Geschichten werfen lange Schatten. Keine heitere Literatur, keine sonnigen Charaktere; jedenfalls nicht in den kurzen Kostproben, über die ich nicht herausgekommen bin. Ich muss zugegeben: Ich bin geflüchtet in einen Gegenkosmos, nämlich den indischen Krimi, den ich zuhause angefangen hatte. Welch Buntheit, welch Unbefangenheit, welche Leichtigkeit auch im Plauderton! Ach, ich wäre ein schlechter Isländer, wenn ich sogar lieber eine Inderin wäre!
Erd- statt Kulturgeschichte: Dies ist nicht Arkadien!

Aber daneben gibt es Großartiges, und das muss natürlich jetzt endlich auch gesagt werden, da es der Stoff ist, aus dem das große moderne Island-Lob der spätmodernen Tourismus-Branche gemacht ist: Gewaltige Wasserfälle, mit zartleuchtenden Regenbögen darüber, durch steile Canyons gegraben. Zischende und blubbernde Schwefelfelder in allen bizarren Farben eines Chemie-Experimentierkastens leuchtend und nicht wohl-, aber intensiv riechend. Bizarre Lava-Gebilde, erstarrt zu Trollen und Fratzen und den Kathedralen, die die Städte nicht aufzuweisen haben, und gruppiert zu den schönsten Wäldern. Dampfende Erdspalten, zu hohen Fontänen explodierende und in weißen Wolken sich auflösende Geysire. Endlose Bergketten, von kargem Moos oder eisigen Gletschern überzogen. Weite, Weite, Weite. Von Walen umschwommen und Delfinen, von Eissturmvögeln und Basstölpeln überflogen, und dazwischen grasen die Ponys. Wenn die Sonne scheint, ist die Luft so klar, dass man meint, die Augen geputzt zu bekommen. Aber niemals ist es: idyllisch, oder versöhnlich, oder harmonisch. Nicht kultiviert. Auch nicht erhaben, jedenfalls hat es nicht so auf mich gewirkt, obwohl das touristische Island-Lob offensichtlich darauf abhebt und das Erlebnis wahrscheinlich bei der Suggestion etwas zugänglicheren Zeitgenossen und -genossinnen zu einem guten Teil damit herbeiredet: Nein, erhaben sind die Alpen; zwar hohe, aber doch ganz übersichtliche Gipfel, von freundlichen Schneekappen bedeckt und in grüne Matten auslaufen. Aber sie sind in einer Größenordnung, die man zu der des Menschen in Beziehung setzen kann. In Island aber bleibt die Natur unberechenbar und (menschen-)feindlich, und so wird sie auch behandelt: bestenfalls mit Respekt.

Man lebt nämlich, und das machen all die geologischen Warn-Apps nur noch deutlicher: sehr prekär, nämlich nicht nur auf einem, sondern auf sehr vielen Vulkanen, die aktiv sind wie eh und je. Die Magna-Kammern, so versichern uns die Guides mit Respekt im Ton, sind gefüllt, gut gefüllt, das weiß man. Man weiß, dass die nächste Eruption kommen wird; man weiß, dass sie bald kommen wird, aber eben nicht: so sicher wie der Strokkur, nämlich einmal ungefähr alle acht Minuten; sondern eben unberechenbar-eruptiv wie der elusive Wal beim Whale Watching: There she blows! Dann schaut man wieder auf die App, aber es gab heute nur – was weiß ich, ein paar hundert kleinere Erdbeben rund um Reykjavik. Die isländischen Vulkane haben nicht nur den weltweiten Flugverkehr kurzzeitig fast zum Erliegen gebracht; sie haben schon früher weltweit das Klima geändert, im „Jahr ohne Sommer“ beispielsweise; sie hatten beinahe globale Missernten und Auswanderungswellen zur Folge. Wie lebt man auf dem Rücken des Vulkans? Man ignoriert ihn, so sind Menschen nämlich. „Þetta reddast allt“: Das wird sich alles richten, so sagt die Reiseleiterin Cornelia aus Schwaben etwas zu oft; es ist isländische Lebensweisheit, und es ist ihr eigentlich unheimlich, wie uns auch. Denn derweil bläht sich die Blase auf, ein perfekter Dom gespeist aus unterirdischen Gewalten, und dann –

Und deshalb ist dies kein Reisebericht, sondern eine Bildungsreise in einen nordischen Alternativ-Kosmos mit einer Gegengeschichte. Anstelle der Römer sind die Wikinger nach Island gekommen und haben das herrenlose Land in Besitz genommen. Nicht, dass die römische Invasion weniger blutig war, das war sie wahrscheinlich nicht, und die Römer haben es auch geschafft, Sizilien dauerhaft zu entwalden. Aber es war eine andere Art von Zivilisation; Rom war ein Staat und ein Imperium, und er brachte seinen Provinzen bei allem Elend einer Besatzung auch all das, was man etwas leichthin „kulturelle Errungenschaften“ nennt; Straßen zum Beispiel, oder Theater, oder ein Steuersystem. Aber das alles will erst einmal errungen sein, die Erben vergessen das allzu leicht: Wir alle stehen, ob wir wollen oder nicht, auf den Schultern von Eroberern, Landnehmern, Frauenräubern und Kriegern; und erst nach ihnen kamen die Staatengründer, Philosophen und Dichter, die ihre Geschichten aufschrieben und dabei gewaltig verklärten. Und darunter leben wir alle auf dem Rücken eines lebendigen, im Kern feurigen und vulkanischen Wesens, man sieht es nur an einigen Stellen mehr als an anderen. Im schönen gemäßigten Gürtel der Zivilisation, der sich in gleicher Entfernung vom Äquator wie von den Polarregionen um die Erdkugel zieht, war das Leben von Anfang an – heute würde man sagen: privilegiert, ich sage aber: leichter. Von Natur aus. Eine Gnade und ein Geschenk des Klimas. Wer nicht heizen muss, hat mehr Energie für anderes.
Und Energie, das ist das andere, was man in Island lernen kann und was man zwischendurch nur durch Dummheit und Nachlässigkeit und zivilisatorischen Hochmut vergessen hatte: Energie ist der Schlüssel für alles; Leben ist Energieverbrauch! Früher einmal waren das an vielen Stellen die Wälder, sie fehlen heute deshalb schmerzhaft; und dann waren es die Kohle (unsere vorige Reise führte ins Ruhrgebiet und wir machten einen Schnellkurs Industriegeschichte) und das Erdöl – wir sahen die Bohrtürme in der Nordsee ausgemustert im Hafen von Invergordon, von fern kann man sie auch für Inseln mit niedlichen Leuchttürmen halten, aber es sind Technikmonster aus Röhren und Leitungen und Pumpen und Stahl, sehr viel Stahl. Island hat zwar keine Wälder mehr, aber immerhin sehr viel natürliche Erdwärme, der Strom ist wahrscheinlich das Einzige, was hier einigermaßen billig ist; aber der Preis dafür sind die Vulkane und das prekäre Dasein auf ihrem Rücken. Island, das alte Ultima Thule: Ist es die „Feuermantel-Insel“? Oder, ein wenig albern: die „Vulkanen-Kruste“? Oder, etwas verwegen in der Konnotation: die „Drachenkrone“? Nein, ganz einfach „Eisland“ ist wohl das Beste, die Wikinger hatten schon Recht; oder, besser noch: das Eis-Feuer-Land. Das ist der Stoff, aus dem Erdgeschichte und Sagas und Tourismus-Broschüren und Fantasy-Romane gemacht sind! Es ist aber ganz einfach auch die geologische und, in vielen Schichten darauf aufbauende: kultur- und zivilisationsprägende Realität (Arkadien ist anderswo).
Land aus Feuer und Eis: Ist das, ganz zum Schluss angedacht, auch der Stoff, aus dem wir Mitteleuropäer gemacht sind, irgendwo ganz tief unten in der Menschheits-DNA? Lebt noch ein innerer Wikinger in uns, den wir verdrängt haben, weil er nicht in unsere arkadische Zivilisations-Erzählung passt? Vielleicht ist ein Kreuzfahrtschiff gar nicht der schlechteste Ort, um diesem Gedanken nachzuhängen. Immerhin ist es eine Wellenwiege, und man ist sehr glücklich, wenn man endlich Land sieht, es mag auch noch so karg und regenreich sein. Und dass man es dann nicht im ersten Anlauf erobern kann – gehört vielleicht sogar zu seinen Vorzügen.








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Kufsteiner Kuriositäten

Ich wusste noch nicht, dass ich Corona hatte, als wir am trägen grünen Inn entlangstapften an einem etwas müden Samstagmorgen, aber es macht nur eine nachträgliche Färbung, keinen wesentlichen Unterschied; natürlich hatte ich etwas mehr als üblich geschnauft am Berg, aber der morgendliche Schnelltest war negativ gewesen, und ich hatte mein „Keine-Corona-Panik“-Mantra ja gerade erst gestern bei der Gruppentherapie-Krisensitzung energisch verteidigt. So war also einfach der Inn grün und träge, die Festung lag uns im Rücken, ein Brocken über einer Mini-Märklin-Stadt, und wir amüsierten uns über den Bart-Simpson-Hydranten am Ufer, der einen gewissen ironischen Kontrapunkt zu dem jugendlichen Trachtenträger bildete, der uns auf der Innbrücke entgegen gekommen war – eine Verkörperung des Kufsteinliedes sozusagen, dessen Geschichte mein Sohn nun referierte: Es handele sich nämlich keineswegs um ein traditionelles Volkslied, noch nicht einmal um eine geschichtsträchtige Regionalhymne, wie man ja vermuten könnte, sondern um eine Komposition aus dem Jahr 1947, die genauso gut vom Stadtmarketing inspiriert hätte sein können: In drei ziemlich simplen Strophen lernen wir, dass es in Kufstein den grünen Inn gibt, ein gutes Weinderl und – wir nehmen an: ebenso gute – Maderl; aber die dritte Strophe macht dann den Rahmen zu, es handelt sich nämlich um eine Urlaubserfahrung aus dem Rückblick, und ewig fließen der grüne Inn und der Wein, ewig dräut die Festung, aber der Urlaub ist vorbei und ist das nicht eine Metapher für das Leben? Bart Simpson grinst, vielleicht trägt er ja auch heimlich ab und zu Lederhosen und einen Trachtenhut?

Wir haben derweil die Straßen und Eisenbahnlinien unterquert, die das hier noch einigermaßen enge Inntal zerschneiden, und sind bergan gestiegen; auf einer Bank (Corona schnaufte unerkannt in mir) kam ein älterer Wanderer vorbei, bergmäßig ausgerüstet, aber offensichtlich gesundheitlich eingeschränkt, an seinem Kopf hatte er ein seltsames Stützgerät, es sah ein wenig selbstgebastelt aus, aber er ging wacker und grüßte uns österreichisch-innig und freute sich offensichtlich, dass es an diesem müden Samstagmorgen wenigstens einen jugendlichen Wanderer auf den Thierberg trieb, hinan zur Burg und zur Kapelle, deren besondere Geschichte wir noch gar nicht ahnten. Von fern kündigte ziemlich schweres Glockengebimmel die Alb an, die aber mehr Gasthaus war, was immerhin eine reizvolle Perspektive auf ein Mittagsmahl neben bimmelnden Kühen eröffnete; gerade verließ eine ebenfalls ziemlich rüstige Rentnerschar den Gasthausgarten, um sich auf die benachbarte Boule-Fläche zu begeben und eine vermutlich ruhige Kugel zu schieben. Wir schmunzelten ein wenig über diese gelungene interkulturelle Mischung, Boule einmal nicht unter Platanen, sondern neben Fichten; auf der Rückkehr sahen wir dann, dass sogar Weingläser im Spiel waren, beinahe französisch nun doch anmutend.
Aber erst einmal ging es weiter bergauf, ziemlich steil sogar, den neu gestalteten Kreuzweg entlang, Corona-Geschnaufe inklusive, doch nach relativ kurzer Zeit standen wir unterhalb des mächtigen Bergfrieds mit der kleinen Kapelle daneben, punktgenau auf die Felsspitzen gesetzt, mit einer kleinen Brücke dazwischen; und da wir sowieso außer Atem waren, erstiegen wir gleich auf den Bergfried. Beim Treppen-Aufstieg wurde uns ein wenig die Heldengeschichte Tirols erklärt, Andreas Hofer natürlich und die tapferen Kufsteiner Schützen; was vor dem Hintergrund des neuen Krieges unserer Zeit, den wir gerade alle mühsam zu verarbeiten suchte, durchaus ein gewisses Interesse erweckte. Oben schauten wir auf den – ja, immer noch grün und träge fließenden Inn; man konnte jetzt die große Arena neben der Festung sehen, das Zeltdach überspannte beinahe die gleiche Fläche, wir wussten noch nicht, dass es kein Fußballstadion (was schon ziemlich bizarr angemutet hätte an dieser Stelle…) war, sondern eine Event Location, aber nachträglich versteckt sich darin natürlich auch eine Metapher oder vielleicht sogar eine Allegorie über das Verhältnis von Mittelalter/Neuzeit und Moderne? Die Berge muteten noch etwas bescheiden und verschlafen an und verlockten nicht einmal wirklich zu einem Panoramafoto, das wir dann aber doch pflichtschuldig machten, bevor wir wieder abstiegen und die Brücke zur Kapelle überquerten. Von hier an nahm der Besuch endlich etwas Fahrt an, und das liegt an den Eremiten.

Zuerst aber war Marien-Kult. Die kleine Kapelle prahlte innen mit einer vollständigen Rokoko-Ausstattung samt reichlich Gold; man konnte aber nur durch das Gitter schauen, und neben uns wurde ein kleiner Junge, der sich nicht einmal besonders wehrte, von einer Tante (irgendwie sah sie nicht aus wie die Mutter) in die Geheimnisse des Katholizismus eingeweiht. Wir interessierten uns mehr für ein großformatiges Ölgemälde, das in einem etwas unglücklichen Blickwinkel ganz rechts an der Seite hing; irgendwie wollte es nicht ganz in die putten-beflügelt und marien-selige Umgebung passen, es war eine Art afterthought, aber was zeigte es eigentlich genau? Irgendwie konnte man zwischen den Sonnenreflexen auf dem ziemlich nachgedunkelten Öl eine vage vertraute Szene entdecken: Frau mit abgeschlagenem Kopf, den sie triumphierend vorzeigt; umgeben von Männern in prächtigen, orientalisch anmutenden Gewändern, einer etwas surrealen Palast-Szenerie mit Begleitszenen, darunter einem Festmahl rechts im Hintergrund und einem kleinen pudelartigen Tier im Vordergrund. Also wohl eher nicht Judith mit dem Haupt des Holofernes, sondern Salome beim Festmahl des Herodes, aber der Kontrast zur braven, wie üblich etwas bieder blickenden Madonna, umgeben von leuchtenden Kerzen und Blumenspenden, war schon befremdlich. Der konsultierte Kirchenführer konnte auch nicht viel mehr Auskunft bieten, als dass es sich um das Werk eines Kufsteiner Malers von einigem Ansehen handelte (wahrscheinlich jedenfalls), und hier und dort seien Einflüsse von diesem oder jenen zu sehen; genau wie bei der Madonna, die wohl von der berühmten schwarzen Madonna in Montserrat inspiriert worden sei – vor meinem inneren Auge huschten geschwind die Boulespieler neben Fichten vorbei, aber die Madonna hier war doch gar nicht schwarz? Und nur weil sie in der Hand einen Granatapfel hielt, der zwar fremd anmutet in den Tiroler Bergen, aber doch ikonographisch nicht gar zu selten vorkommt, und in der anderen eine Lilie – bei genauerem Nachschauen: die schwarze Madonna hält auch keine Lilie in der anderen Hand dafür hält der Jesusknabe in Montserrat einen Pinienzapfen, was ikonographisch eher selten ist, aber recht schön auf den Thierberg passen würde, da hält das Jesuskind aber gar keinen – genug, die Verbindung erschien uns zwar ziemlich herbeigewünscht, aber sie hat der Marienverehrung in Thierberg keinen Abbruch getan, wie die Votiv-Sammlung im Nebengebäude demonstriert. Sie wird allerdings optisch übertrumpft von einem weiteren interkulturellen Versatzstück, nämlich einer großen Krippenanlage, die man sich leicht in Neapel vorstellen könnte, auch von der Szenerie her: Zeigt sie doch eine romantisierte Wüstenlandschaft, im Hintergrund thronen Alhalmbra-artig Paläste und Minarette – ok, Minarette? Bei Christi Geburt? Na gut, der Stall ist auch eher eine Palastruine, der in der Salome-Szenerie nicht unähnlich, und die Heiligen Drei Könige erscheinen etwas vervielfacht und nicht ganz politisch korrekt abgebildet, aber wie sollte man sonst genug Kamele unterbringen und einen Elefanten? Auf der rechten Seite hingegen mutet eine Figurengruppe eher star-wars-artig an, man denkt an den Wüstenplaneten, auf dem sich seltsame Indigene versammelt haben, eine Frauengestalt trägt ihren roten runden Hut vor dem Gesicht statt auf dem Kopfe, und daneben der alte weise Mann hat einen pink-glitzernden Ganzkörperanzug, der meinen Sohn spontan an die Teletubbies erinnerte. Zudem konnte man, ganz wie in der Märklin-Wunderwelt, in einen altmodischen Automaten ein 50 Cent Stück einwerfen, dann fuhr auf der linken Seite auf einer Bodenschiene ein offensichtlich schon etwas älterer Jesus aus dem Tempel heraus und – belehrte die Priester? Las seine eigene Geburtsgeschichte vor, die exotische Version mit Teletubbies und Minaretten und vervielfachten heiligen Königen? Ach, wir wollten uns gar nicht lustig machen, es war einfach objektiv lustig. Der Kirchenführer erwähnte die Krippe übrigens nur in einem Nebensatz, sie war ihm offensichtlich etwas peinlich; hingegen wies er auf die sehr versteckt hängenden Zyklus der sieben Zufluchten hin, die immerhin nach den üblichen Verdächtigen auf Rang 7 anführte: die armen Seelen im Fegefeuer. Corona-mäßig machte das einen gewissen Sinn.

Was uns jetzt aber endlich auf das richtige Gleis setzte, war das vergilbte Foto, das eher unauffällig an einer Seitenwand hing: Laut Beschriftung zeigt es das Dienstjubiläum des Eremiten vom Thierberg im Jahre 191. Das Dienstjubiläum des Eremiten? Eremiten haben Dienstjubiläen in Österreich, bekommen sie dann zum 50jährigen eine kleine goldene Säule? Etwas verwirrt, aber phantasiemäßig beflügelt durch Weihnachtskrippen, Christuskinder auf Schienen und staatlich angestellt Eremiten ließen wir uns in den kleinen, unbemannten Souvenir-Shop treiben, wo es neben den üblichen Billig-Devotionalien einen Teller mit Hefekranz gab (wir bedienten uns und spendeten brav) sowie Bildungsmaterial; mein Blick fiel auf ein Heft, das im pädaogisch-sparsamen 70er-Jahre Design Schulmaterial zur Geschichte des Eremitentums versprach. Ich nahm es zur Hand, schlug es nach der bewährten Bibelstechen-Methode auf einer zufälligen Seite auf und las den Satz: „Die geistliche Tagung der Eremiten fand….“ – ich war spontan noch vor Satzende überwältigt. Die staatlichen angestellten Eremiten hielten auch noch Tagungen ab? Saßen sie dann alle in kleinen Kabinen, tragbaren Eremiten-Behältnissen sozusagen, und kommunizierten sparsam aneinander vorbei? (na gut, wissenschaftliche Tagungen funktionieren gar nicht so anders, bei genauerer Betrachtung) Und da wussten wir noch gar nicht, was die kurze google-Recherche nach „Eremiten+Tagung“ beim Mittagessen auf der Boule-Alb (die Gruppe stand immer noch kugelnd da, Weingläser inklusive, es fehlten nur die Kufsteiner Maderl) ergeben sollte: Es gab nämlich eine Erzählung, Der Eremitenkongress von Hermann Burger, satirisch natürlich, und ich zitiere etwas länger, weil es so schön ist (und ich hätte genau das gleiche geschrieben):

„Die Planung des vierten Eremitenkongresses hat Jahrzehnte in Anspruch genommen, weil die Zustimmung der Einsiedler zu den Vorschlägen des vorbereitenden Ausschusses durch einen Läufer von Klause zu Klause eingeholt werden mußte. Bekanntlich dürfen sich die Waldbrüder und somit auch ihre Gedanken nur auf Schusters Rappen fortbewegen. Nicht wenige starben während der Vorbereitungsphase, so daß es Komplikationen mit den Nachfolgern gab. Auch wurde es immer schwieriger, Läufer zu finden, welche der Anstrengung, zu den entlegenen Hütten hinaufzusteigen, gewachsen waren. Das schwierigste aber sei gewesen, teilte uns der erste Sekretär des Eremitenbundes für weltliche Angelegenheiten mit, ein Kommunikationssystem für die Tagung zu finden, da sich die Klausner geweigert hätten, die gesprochene Sprache als ein solches zu anerkennen, und man sei im vorbereitenden Ausschuß beinahe geneigt gewesen, die Suche nach einem der Waldeinsamkeit im Zeitalter der Technik unter besonderer Berücksichtigung der Bedrohung unseres Forstbestandes angemessenen Kommunikationssystem als Thema für den Kongreß vorzuschlagen und die Diskussion über die Waldeinsamkeit selbst auf das einundzwanzigste Jahrhundert zu verschieben, in der Befürchtung, daß ohnehin jede Debatte von Eremiten früher oder später bei Sprachproblemen enden werde, bis dann aber Bruder Serafin auf den erlösenden Gedanken gekommen sei, man könnte zum Morsesystem Zuflucht nehmen.“

War es nicht wunderbar? Wir saßen in wärmende Decken gehüllt vor dem Gasthaus, die Glocke bimmelten unermüdlich, die Wanderer brachen nun auf und wir bekamen Spinatknödel serviert; und wir lernten Dinge über Eremiten und den Thierberg und die kuriose Geschichte einer Lebensform jenseits der großen Erzählungen von Säulenheiligen und Reclusen. Die Geschichte des Eremitentums auf dem Thierberg nämlich, so belehrte uns der stark heimatkundliche Führer, war nur skizzenhaft überliefert, in entlegenen Quellen und Kirchenbüchern. So wusste man halbwegs sicher, dass im Jahre 1701 die Kapelle durch eine Feuersbrunst zerstört wurde, die ein sorgloser Umgang des Eremiten mit dem Ofenfeuer wohl ausgelöst hatte; andere Eremiten waren aber zuverlässiger, hüteten die Madonna und vollzogen regelmäßig die „Weihe des ewigen Lichtschmalzes“ (zu „Lichtschmalz“: kein wirklich erhellendes google-Ergebnis, auch nicht in den einschlägigen Wörterbüchern; wahrscheinlich handelt es sich um ein Brennmaterial für die ewigen Lichter, hier in einer verbreiteten grammatischen Fehlkonstruktion, das die Bewohner der umliegenden Dörfer pflichtmäßig beim bestellten Eremiten abgeben musste, auf das er es weihte?). Besonders freute uns jedoch der Brief eines Herrn K. Schwarz über den Zustand der Madonna, der wiederum wörtlich zitiert werden muss:

„Die geschnitzte Marienstatue mit dem Jesuskind, Granatapfel und einer Lilie wird der Geschmacklosigkeit der heutigen Zeit entsprechend, bombastisch mit verschiedenen kostbaren Gewändern angetan; als ich auf dem Thierberg war, trug das Wunderbild eben das Brautkleid von Frau Sedlmayer aus München, dessen bräutliche Weiße im Laufe der Zeit schon etwas gelitten hatte“.

Ein geradezu klassischer Satz, Kafka selbst hätte ihn nicht besser meißeln können in seiner Leserbriefschreiber-Lakonik und Goethe nicht in seiner öffentlich-geheimen Symbolik! Welche Perlen barg doch der Thierberg! Na gut, der Eremit zur NS-Zeit war wohl ein wenig würdiger Vertreter seiner Zunft; er hatte sich „Beatus“ getauft (sein bürgerlicher Name war „Bretschneider“ das macht aber erst die Namensgebung vollkommen), was seine Vorgesetzten vielleicht schon verdächtig hätte stimmen können; sein Glück zeigte sich darin, dass man in der Klause, nachdem er sich abgesetzt hatte, gehortete Vorräte en masse fand sowie ein Sparbuch über 2.000 S (warum er es dagelassen hatte, erschließt sich nicht recht, ebenso wenig wie das „S.“). Andere Eremiten hingegen waren ehrenhaft in Ausübung ihres Amtes verstorben, zwei hintereinander an einem Schlaganfall, einer davon beim, und hier wird der Humor wieder etwas dunkel, beim Läuten des Glockenschlages; man fand ihn, den Glockenstrang noch in der Hand. Aber immerhin war, nach einigen vergeblichen eher kurzfristigen Engagements, auf Bruder Beatus Bruder Sola gefolgt, der beinahe vierzig Jahre das Amt vorbildlich versah, die Kapelle immer mit den schönsten Blumen schmückte und allgemein beliebt war; das Foto zeigt einen würdigen Greis mit weißem Rauschebart über der Kutte, wohlbeleibt und doch irgendwie: nicht ganz von dieser Welt. Nein, Bruder Sola wäre wohl nicht zu einer Eremitentagung gereist, um sich mit Morsezeichen zu verständigen; wer hätte denn die Blumen gießen sollen vor der Madonna und das ewige Lichtschmalz weihen, jeden Tag?

Dass wir dann nachmittags noch auf der Festung waren, versteht sich von selbst. Das Städtlein war inzwischen samstäglich belebt, wenn auch nicht überlaufen; einige Touristen trieben durch das „Auracher Löchl“, eine Rüdesheim-artig anmutende schmale Gasse am Fuß der Festung mit Wolpertinger-geschmückten Weinlokalen und Wandmalereien, die die Heldentaten des Festungskommandanten bei einem Angriff des Kaisers  Maximilian (wir werden auf ihn noch kurz zu sprechen kommen) verewigten: Der hatte nämlich, als der Kaiser mit der markanten Nase die Festung mit Weckauf und Purlepauss beschoß –so hießen die Kanonen –, einfach die Mauerreste mit einem Besen auffegen lassen, schönste schwäbische Kehrwochen-Tradition, und zwar hinab auf die Belagerer. Mit einem Besen, man stelle sich vor! Wir stellten uns vor, waren aber erst einmal vorstellungsmäßig überfordert, sozusagen; aber es war wohl irgendwie disrespectful, man kehrt nicht auf den Kaiser hinab, punktum und purlepauss, es ist ein Stinkefinger, ein Götzsches „Er möge mich“, ein Hashtag #fuckoffmaximilian! Ach, Helden kommen in allen Größen und Farben, und der Festungskommandant bezahlte seine unsterbliche Frechheit mit seinem Kopf. Tiroler sind eben Rebellen, tief im Grunde und jenseits des Kufsteinliedes und der Trägheit des fließenden Inns! Und ihr Heldentum verewigt kein Lichtschmalz, sondern die Heldenorgel. Das ist, des Lernens war kein Ende an diesem Tag, eine der größten Freiluftorgeln der Welt; achteckförmig überdacht steht sie auf der Festung, und mittags um zwölf tönt sie weit ins Inntal den Ruhm der Tiroler Helden! Wir erinnerten uns auf einmal, dass wir oben auf dem Bergfried, gerade beim Panoramafoto, etwas gehört hatten, was wir für eine Sirene hielten, zumal es genau zwölf Uhr Mittag war; nein, es war die Heldenorgel, und wir hätten innerlich den Tirolerhut abnehmen müssen! So aber fuhren wir, nachdem wir ein Hochtechnik-Eingangsportal samt geräumigen gift shop durchquert hatten, mit der Panoramabahn ziemlich bequem das kurze Stück den Berg empor zur Festung; auch hier eher ruhiger Betrieb im Burghof, die ein oder andere Führung erklärte beflissen lauschenden Besuchern in sehr österreichisch gefärbtem Tiroler-Englisch die Geschichte, die alle, wie auch wir auf jeder Burg dieser Welt, anschließend sofort vergaßen. Im Gedächtnis geblieben ist uns jedoch Kaiser Maximilian, ein attraktiver junger Mann mit blonden exakt geschnittenen schulterlangen Haaren und einer sehr scharf beeindruckenden Nase (Albrecht Dürer stand Pate bei der Darstellerwahl, und der Darsteller war gut gecastet), der uns mit leicht melancholischem Unterton seine Geschichte vom Video-Bildschirm erzählte; von seiner Vorliebe für das mittelalterliche Rittertum und seinem Interesse für Geschütze – ja genau, Weckauf und Purlepauss. Die Habsburger Unterlippe, ein Erbstück dynastischer Beharrungskräfte, war jedoch nur schwach ausgeprägt, der Sprachfehler nur angedeutet – den „letzten Ritter“ hatten sie ihn genannt, und als Mann mit der markanten Nase sah er selbst seinen Ewigkeitswert. Besser noch, andererseits, als die ebenfalls präsente Margarete Maultasch, eigentlich Margarete von Tirol, die im wesentlichen Tirol erheiratet hatte; die ganze Geschichte der „Tiroler Medusa“ mit dem rufschädigenden Namen wäre wiederum ein ganzes Alb-Mittagessen mit Kuhgebimmel wert gewesen, aber wir mussten zurück, Corona dräute schon auf dem Telefon, nur der Inn floss ungerührt und träge und immergleich, kein Vogel weit und breit zu sehen, und auf dem Thierberg schien jetzt ein wenig die Sonne in der Ferne. Und so würden wir alle Einsiedler werden für die nächste Woche; und von Kufstein bleiben würden uns kuriose Geschichten zwischen Boulekugeln und Kuhglocken, ewigem Schmalz und Purlepauss, Kaisern und Einsiedlern, Heldenorgel und Kufsteinlied, holadile!

Und ist der Urlaub, dann wieder aus,
dann nimmt man Abschied, und fährt nach Haus.
Man denkt an Kufstein,
man denkt an Tirol.
Mein liebes Städtchen lebewohl, lebwohl
Mein liebes Städtchen lebwohl, lebewohl.

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