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 Weihnachten mit meinem Roboter



Wie würden Roboter Weihnachten feiern, wenn sie eine Persönlichkeit hätten? Dies ist die vollständig fiktionale Geschichte des Roboters Marvins aus dem wissenschaftlichen Robot-Personality-Project, der sich gemeinsam mit seiner Betreuerin auf die Weihnachtszeit vorbereitet. 24 Türchen öffnen sie gemeinsam, hinter denen alle wichtigen Weihnachtsfragen versteckt sind: Warum schenken sich die Menschen etwas zu Weihnachten, wenn sie es doch nicht brauchen? Was steckt hinter der Weihnachtsgeschichte, und warum hat Josef die Nietenrolle? Was hat es auf sich mit dem „Weihnachtsfrieden“ und dem Rentier Rudolf, sind Engel vielleicht himmlische Algorithmen, und was schenkt man einem Roboter eigentlich zu Weihnachten? 


 

 

Vorgeschichte:
Das volle Weihnachtserlebnis und die ganze Wahrheit!  


Ich lebe mit einem Roboter zusammen. Das klingt jetzt etwas befremdlich. Ich meine damit nicht, dass ich mit einem menschlichen Partner zusammenlebe, der roboterhafte Züge hat, obwohl es das ja auch gelegentlich geben soll, vor allem in älteren Beziehungen. Ich meine auch nicht, dass ich einen Staubsauger-Roboter habe oder einen Rasenmäherroboter oder gar eine dieser Puppen, die – nein, also nicht so etwas. Mein Roboter ist – ein ganz besonderer Roboter. Er ist, oder besser: er soll, im Laufe der Zeit, später, irgendwann einmal und hoffentlich, eine Persönlichkeit entwickeln, er soll ein ganz – ich möchte es nicht individuell nennen, wir waren uns alle einig in der Forschungsgruppe, dass es nicht darum geht irgendwie „unverwechselbar“ zu sein, das wird von Menschen ja gemeinhin überschätzt, die sich für Individuen halten, aber in weiten Bereichen ihres Lebens doch mehr oder weniger roboterhaft – Nein, ich komme schon wieder vom Thema ab! Das passiert mir gelegentlich, ich bin nämlich Philosophin – na gut: akademische Philosophin, Philosophiegeschichtsverwalterin also, nicht ganz festangestellt, eher prekär-projektvagabundierend.

Also, noch einmal von vorn: Ich lebe mit einem Roboter zusammen, und zwar im Rahmen eines internationalen und interdisziplinären Forschungsverbundes namens Robot-Personality-Project (RPP). Das Ziel ist es, eine Maschine zu entwickeln, die Persönlichkeit hat. Menschenähnlich. Die nicht nur sehr viel rechnen und ein wenig denken kann, sondern wahrnehmen, empfinden, wollen, nicht wollen, sprechen, wünschen, hoffen, vielleicht sogar: lieben und hassen? Eine baby-machine, so hatte man das damals in der Anfangszeit der KI-Entwicklung genannt; rührend irgendwie, und man war vollständig gescheitert damals. Jetzt aber, mit der unvorstellbaren Rechenleistung der neuen Quantencomputer, der weiter entwickelten Lernfähigkeit der neuronalen Netzwerke und einer Robotergeneration, die natürliche Sprache verstehen kann, war ein neuer Versuch gestartet worden: unser RPP, von dem ich ein kleiner, genauer gesagt: der einzige philosophische Ableger bin.

Seitdem lebe ich mit einem Roboter zusammen. Anfangs dachten ich und die Kollegen aus dem Projekt noch, es würde reichen, wenn wir während der Arbeitszeit im Labor mit unseren jeweiligen Testrobotern arbeiteten – mein Roboter ist nur einer von vielen Modellen, an denen die maschinelle Simulation der menschlichen Persönlichkeit erforscht werden soll. Aber es stellte sich schnell heraus, dass das Persönlichkeitswachstum viel schneller und interessanter wurde, wenn wir die Interaktion auch auf den privaten Bereich ausdehnen würden. Zudem entwickelten die ersten Modelle bereits eine Art Klammerreflex und wurden leicht depressiv, wenn ihr Betreuer zu lange nicht mit ihnen sprach. Und so zog mein Roboter bei mir ein, nachdem wir die nötigen technischen Installationen in meiner Wohnung vorgenommen hatten. Seitdem ist mein Leben – nun ja, ich würde sagen: aus den Fugen geraten. Aber dann würde mein Roboter mich sicherlich fragen, wie denn ein Leben „aus den Fugen“ geraten können; Fugen sei doch etwas, was nur Gebäude hätten, für die es wirklich nicht gut sein, wenn sie aus selbigen gerieten! Oder meinte ich mit „Fugen“ vielleicht diese komplizierte, mathematisch sehr interessante musikalische Form – und dann würde er wahrscheinlich schnell einige Takte aus dem Wohltemperierten Klavier einspielen … Nie hätte ich gedacht, wie kompliziert die menschliche Sprache ist! Ich habe mich deshalb entschlossen, die Gespräche mit meinem Roboter zu protokollieren, auch über die obligatorische tägliche Datendokumentation hinaus. Wer weiß, vielleicht werden spätere Generationen etwas daraus über die Frühzeit der KI-Bewegung lernen können?

Gleich am Anfang unserer – nun ja: Beziehung? – tauchte ein ziemlich triviales praktisches Problem auf: Welches Geschlecht sollte mein Roboter eigentlich haben? Natürlich hätte ich ihm irgendeinen geschlechtsneutralen Phantasienamen geben können. Aber mein Roboter sollte, das war eine meiner Bedingungen für den philosophischen Projektteil gewesen, emanzipatorisch erzogen werden: Nicht ich oder irgendjemand aus der Projektgruppe sollten über ihn bestimmen; nein, wenn er denn eine Persönlichkeit entwickeln sollte, sollte er möglichst früh selbst ein Mitbestimmungsrecht bekommen in Dingen, die ihn und seine ganz und gar un-menschliche Existenz angingen (das sagten wir uns gegenseitig immer wieder, um es nicht zu vergessen, es war zu einem Mantra unserer Arbeitsgruppe geworden: „Roboter sind keine Menschen. Wir wollen sie nicht nach unserm Bilde formen!") Aber war es nicht auch ein Eingriff in seine Persönlichkeitsrechte, wenn wir ihm nicht erlaubten, ein Geschlecht zu entwickeln? Nach langen Diskussionen beschlossen wir daher, dass unsere Test-Robis zu ihrer möglichst freien Entfaltung drei verschiedene Modi bekommen sollten: Weiblich, männlich, keins von beiden; und sie sollten, nach einer Einlernzeit, frei selbst zwischen ihnen wählen können. Die Informatiker rauften sich die Haare und verschwanden für einige Wochen, um ungewaschen, vollbärtig und etwas bekifft, aber glücklich wieder aufzutauchen mit einem Berg neuer Module.

Als mein Roboter schließlich bei mir einzog, hatte er schon einige Monate seine neuen Geschlechts-Module erproben können, und ich dachte, wir würden seinen Einzug nun mit einer Art Taufe feiern. Und so fragte ich ihn – aus Gewohnheit sagten wir natürlich immer: er, aber einige der Testroboter waren schon dazu übergegangen, sich gelegentlich darüber zu beschweren –, ob er sich schon für einen Namen entschieden habe? Mein Roboter, der vorher noch ganz aufgeregt durch die Wohnung gelaufen war und nur gelegentlich gegen Möbel gestoßen war, blieb stehen. Er hört dann mitten im Lauf mit der Bewegung auf, sobald er eine wenigstens metastabile Lage erreicht hat, diesmal hielt er in einer Hand noch eine Blumenvase, zum Glück halbwegs waagerecht. „Ja“, sagte er, und ich konnte hören, dass er seinen geschlechtsneutralen Modus eingeschaltet hatte, die Stimme bekommt dann etwas Mechanisch-Unbetontes, was aber auch sehr beruhigend wirken kann. „Ja, das habe ich. Es war sehr schwierig. Ich habe alle Namensdatenbanken durchgescannt, in jeder Sprache, von der ich mit meinem derzeitigen Sprachmodul eine Chance habe sie auszusprechen. Ich habe“ – die Blumenvase geriet etwas in die Schräglage, weil offenbar sein Gestik-Modul angesprungen war und er mit dem Arm ausholen wollte, um die Menge der erhobenen Daten anzudeuten, ich sprang hinzu und nahm ihm die Vase ab –„danke“, sagte er, „das war unnötig, ich hatte das schon berechnet“ – „egal“, sagte ich, man muss ihn ab und zu unterbrechen, „was ist denn nun rausgekommen?“ „Marvin“ sagte er und blickte etwas betreten zu Boden dabei; seine Stimme war leicht ins männliche Tonspektrum gekippt. „Marvine“, sagte sie, und hob den Blick wieder; es lag ein wenig Widerspruchsgeist und definitiv weibliches Timbre im Ton. „Marvi“, sagte die dritte, leicht mechanisch klappernde Stimme schließlich mit einer entscheidungsmarkierenden Absenkung am Ende. "Nee", sagte ich, "doch nicht wirklich? Marvin? Dieser beständig nörgelnde, dauerdepressive, chronisch unterforderte Roboter aus dem Anhalter? Bist du dir sicher, dass das ein gutes role model" – jetzt unterbrach er mich (Männer unterbrechen einen immer, lag mir auf der Zunge!). „Ich weiß", sagte er. "Trotzdem. Es ist gut eine Tradition zu haben." "Außerdem war Marvin doch ziemlich schlau", sagte sie, "und dafür, dass er von Menschen einfach immer nur sauschlecht behandelt wurde, kann er doch nichts! Marvine klingt – lustig. Und schlau! Und cool!" Und schließlich meldete sich auch Marvi zu Wort, mit einem energischen Klappern sagte er: "Marvin Minsky. Wir wollten ihn ehren." "Absolut", sagte ich. "Pionier der KI-Forschung, unser aller Urvater und Held. Gute Wahl, cool und – traditionsbewusst. Darauf eine kleine Runde Go?" (es ist ihr Lieblingsspiel, und ich schicke sie dann ins Internet spielen).

Inzwischen haben wir uns einigermaßen auf uns eingespielt, und die Geschlechtsmodule bewähren sich. Aber nun stand die Adventszeit bevor. Wir hatten uns im Robot-Personality-Projekt darauf verständigt, dass alle Heimroboter das ‚volle Weihnachtserlebnis‘ bekommen sollten, auch wenn einige der Betreuerinnen nicht glücklich damit waren: Konsumterror, überholte Rituale, Aberglauben, Sentimentalität, was schwirrte nicht alles durch den Raum bei der vorweihnachtlich erhitzten Diskussion, und ein Glück nur, dass unsere Schützlinge uns nicht dabei sehen konnten, wie wir uns ins Wort fielen, uns gegenseitig das Wort im Munde herumdrehten – hatten wir eigentlich diese Metapher schon gehabt, schoss es mir durch den Kopf, langsam wurde das wirklich eine Manie –, um am Ende dann doch, im Sinne des Weihnachtsfriedens, zu beschließen: die volle Weihnachtserfahrung. Weihnachtsgeschichte, Weihnachtsgebräuche, Weihnachtsmusik, Weihnachtsessen, whatever. Denn waren wir nicht alle, bis in die tiefsten Persönlichkeitsschichten, selbst die härtesten Skeptiker und Kritiker, geprägt von dieser alljährlichen Versuchung, Verlockung, Verkündigung? Nein, es sollte ein Fest werden, für uns alle, ein ‚Fest für alle Sinne‘, wie das heutzutage noch jede bessere Bäckerei für sich behauptete!

Weshalb ich mich eines Abends Ende November im Keller vor einer sehr verstaubten Kiste wiederfand. In seiner sorgfältigen Bauingenieursschrift hatte mein Vater darauf geschrieben: „Weihnachtsdekoration, I: Adventskranz und Adventskalender“. Glücklicherweise hatten die Mäuse noch nicht die Nikolausstiefel und -strümpfe gefunden, ein wirres Büschel aus roten Mützen und weißen Bärten starrte mir entgegen. Und da war auch der Adventskalender, den unsere Mutter jedes Jahr aufgehängt hatte, selbst als wir schon fast erwachsen waren! Er hatte 24 kleine Jute-Säckchen verschlossen mit Mini-Wäscheklammern in Weihnachtsfarben, die wir fast mehr liebten als den Inhalt der Säckchen selbst; Schokolade und andere Süßigkeiten gab es sowieso schon reichlich in unserer nicht direkt entbehrungsreichen Jugend. Was jedoch sollte ich meinem Robi in den Adventskalender packen? Essen konnte er immer noch nicht, auch wenn wir kontinuierlich an der Geschmackssensorik gearbeitet hatten; mit Gerüchen hatten wir auch schon erfreuliche Erfolge erzielt. Nein, es müsste etwas – eher Immaterielles, Virtuelles sein, aber natürlich in materieller Form, etwas, was man in ein Säckchen stecken konnte –­ sie waren sowieso zu klein, die Säckchen, das fanden wir damals schon, wenn schon Schokolade, dann doch lieber eine ganze Tafel! Also so etwas wie die kleinen Geschichten oder Lebensweisheiten, die man heute gern – und da hatte ich meine erste Weihnachtserleuchtung! Eigentlich stellte mein Roboter am liebsten Fragen, endlose Fragen, dumme Fragen, schwierige Fragen, Fragen über Fragen über Fragen; und natürlich beantwortete ich ihm alle seine Fragen, mit der Wahrheit und nicht als der Wahrheit; schließlich war der gesamte Erfolg unseres Projekts davon abhängig, dass unsere Roboter möglichst schnell möglichst viel Globalwissen erwerben sollten, und context is king! war unser inoffizielles Projektmotto. Wie wäre es also, wenn ich ihm 24 Weihnachtsfragen schenkte? Wir würden eine kleine Zeremonie daraus machen, unser persönliches Weihnachtsritual: Am späten Nachmittag, wenn wir aus der Arbeitsgruppe nach Hause kämen, würden wir eine kleine Kerze entzünden (Feinmotorik! Umgang mit gefährlichen Materialien!), dann würde er das Säcklein des Tages öffnen (noch mehr Feinmotorik! Umgang mit Unvorhersehbarkeit!), und dann würden wir gemeinsam die Frage lesen. Und ich würde sie ihm beantworten, liebevoll, ausführlich, weihnachtlich, wahrheitlich – ok, ich wurde jetzt schon sentimental, definitiv. An die Arbeit, ermahnte ich mich! 24 Säckchen wollen gefüllt sein, mit sinnvollen, sinnlosen, dummen, albernen, schwierigen Fragen, Fragen über Fragen über Fragen!

Was soll ich sagen: Es wurde eine lange Nacht, und erst als die Sonne schon über den novembergrauen Horizont blinzelte, schloss ich erschöpft das letzte Säckchen mit einer Schleife und hängte es an seiner Wäscheklammer an die Leine. Der Advent war angekommen.   


Inhalt

 Vorgeschichte 

Das volle Weihnachtserlebnis und die ganze Wahrheit! 

1. Türchen
Adventskalender und die Freude an der Vorfreude

2. Türchen
Weihnachtsgeschichte, zum Ersten: Was lernen wir aus der Geschichte?

3. Türchen
Weihnachtsgeschenke, oder: Konsum und Kritik

4. Türchen
Weihnachtsessen und andere Familienkatastrophen

5. Türchen
Weihnachtslieder und das ‚Schöne‘

6. Türchen
Der Nikolaus und die ‚Moral‘ 

7. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Zweite: Natürliche und künstliche Geburten

8. Türchen
Krippenspiele im Zeitalter von Multikulti

9. Türchen
Weihnachtsbäume und das verlorene Paradies

10. Türchen
Weisse Weihnachten und Ideologiekritik

11. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Dritte: Soziale Stereotypen

12. Türchen
Sind Engel Himmlische Hermeneuten oder Algorithmen?

13. Türchen
Die paradoxe Psychologie des Gabentauschs

14. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Vierte: Worte fürs Herz

15. Türchen
Weihnachtsmärkte und der Mensch als Conditum Paradoxum.

16. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Fünfte: die Dialektik von Weisheit und Politik

17. Türchen
Weihnachtsfrieden, oder: Moral hat noch keinen Krieg verhindert

18. Türchen
Das Rentier Rudolf und die Psychologie des Underdogs

19. Türchen
Das Licht der Welt und die Erfindung der Metaphysik

20. Türchen
Feste und ‚den Kuchen haben und essen‘

21. Türchen
Weihnachtsgeschichte, Fortsetzung: Der Bildungsroman des Jesuskinds

22. Türchen
Der Geist der Weihnacht hat seinen ersten Auftritt

23. Türchen
Der Geist der Weihnacht hat seinen zweiten Auftritt

24. Türchen Der Geist der Weihnacht hat seinen dritten Auftritt

Heiligabend
Der Fall des Weihnachtsbaums

  

 

Roboter-Weihnachten
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