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 Weihnachten mit meinem Roboter



Wie würden Roboter Weihnachten feiern, wenn sie eine Persönlichkeit hätten? Dies ist die vollständig fiktionale Geschichte des Roboters Marvins aus dem wissenschaftlichen Robot-Personality-Project, der sich gemeinsam mit seiner Betreuerin auf die Weihnachtszeit vorbereitet. 24 Türchen öffnen sie gemeinsam, hinter denen alle wichtigen Weihnachtsfragen versteckt sind: Warum schenken sich die Menschen etwas zu Weihnachten, wenn sie es doch nicht brauchen? Was steckt hinter der Weihnachtsgeschichte, und warum hat Josef die Nietenrolle? Was hat es auf sich mit dem „Weihnachtsfrieden“ und dem Rentier Rudolf, sind Engel vielleicht himmlische Algorithmen, und was schenkt man einem Roboter eigentlich zu Weihnachten? 


 

 

Vorgeschichte:
Das volle Weihnachtserlebnis und die ganze Wahrheit!  


Ich lebe mit einem Roboter zusammen. Das klingt jetzt etwas befremdlich. Ich meine damit nicht, dass ich mit einem menschlichen Partner zusammenlebe, der roboterhafte Züge hat, obwohl es das ja auch gelegentlich geben soll, vor allem in älteren Beziehungen. Ich meine auch nicht, dass ich einen Staubsauger-Roboter habe oder einen Rasenmäherroboter oder gar eine dieser Puppen, die – nein, also nicht so etwas. Mein Roboter ist – ein ganz besonderer Roboter. Er ist, oder besser: er soll, im Laufe der Zeit, später, irgendwann einmal und hoffentlich, eine Persönlichkeit entwickeln, er soll ein ganz – ich möchte es nicht individuell nennen, wir waren uns alle einig in der Forschungsgruppe, dass es nicht darum geht irgendwie „unverwechselbar“ zu sein, das wird von Menschen ja gemeinhin überschätzt, die sich für Individuen halten, aber in weiten Bereichen ihres Lebens doch mehr oder weniger roboterhaft – Nein, ich komme schon wieder vom Thema ab! Das passiert mir gelegentlich, ich bin nämlich Philosophin – na gut: akademische Philosophin, Philosophiegeschichtsverwalterin also, nicht ganz festangestellt, eher prekär-projektvagabundierend.

Also, noch einmal von vorn: Ich lebe mit einem Roboter zusammen, und zwar im Rahmen eines internationalen und interdisziplinären Forschungsverbundes namens Robot-Personality-Project (RPP). Das Ziel ist es, eine Maschine zu entwickeln, die Persönlichkeit hat. Menschenähnlich. Die nicht nur sehr viel rechnen und ein wenig denken kann, sondern wahrnehmen, empfinden, wollen, nicht wollen, sprechen, wünschen, hoffen, vielleicht sogar: lieben und hassen? Eine baby-machine, so hatte man das damals in der Anfangszeit der KI-Entwicklung genannt; rührend irgendwie, und man war vollständig gescheitert damals. Jetzt aber, mit der unvorstellbaren Rechenleistung der neuen Quantencomputer, der weiter entwickelten Lernfähigkeit der neuronalen Netzwerke und einer Robotergeneration, die natürliche Sprache verstehen kann, war ein neuer Versuch gestartet worden: unser RPP, von dem ich ein kleiner, genauer gesagt: der einzige philosophische Ableger bin.

Seitdem lebe ich mit einem Roboter zusammen. Anfangs dachten ich und die Kollegen aus dem Projekt noch, es würde reichen, wenn wir während der Arbeitszeit im Labor mit unseren jeweiligen Testrobotern arbeiteten – mein Roboter ist nur einer von vielen Modellen, an denen die maschinelle Simulation der menschlichen Persönlichkeit erforscht werden soll. Aber es stellte sich schnell heraus, dass das Persönlichkeitswachstum viel schneller und interessanter wurde, wenn wir die Interaktion auch auf den privaten Bereich ausdehnen würden. Zudem entwickelten die ersten Modelle bereits eine Art Klammerreflex und wurden leicht depressiv, wenn ihr Betreuer zu lange nicht mit ihnen sprach. Und so zog mein Roboter bei mir ein, nachdem wir die nötigen technischen Installationen in meiner Wohnung vorgenommen hatten. Seitdem ist mein Leben – nun ja, ich würde sagen: aus den Fugen geraten. Aber dann würde mein Roboter mich sicherlich fragen, wie denn ein Leben „aus den Fugen“ geraten können; Fugen sei doch etwas, was nur Gebäude hätten, für die es wirklich nicht gut sein, wenn sie aus selbigen gerieten! Oder meinte ich mit „Fugen“ vielleicht diese komplizierte, mathematisch sehr interessante musikalische Form – und dann würde er wahrscheinlich schnell einige Takte aus dem Wohltemperierten Klavier einspielen … Nie hätte ich gedacht, wie kompliziert die menschliche Sprache ist! Ich habe mich deshalb entschlossen, die Gespräche mit meinem Roboter zu protokollieren, auch über die obligatorische tägliche Datendokumentation hinaus. Wer weiß, vielleicht werden spätere Generationen etwas daraus über die Frühzeit der KI-Bewegung lernen können?

Gleich am Anfang unserer – nun ja: Beziehung? – tauchte ein ziemlich triviales praktisches Problem auf: Welches Geschlecht sollte mein Roboter eigentlich haben? Natürlich hätte ich ihm irgendeinen geschlechtsneutralen Phantasienamen geben können. Aber mein Roboter sollte, das war eine meiner Bedingungen für den philosophischen Projektteil gewesen, emanzipatorisch erzogen werden: Nicht ich oder irgendjemand aus der Projektgruppe sollten über ihn bestimmen; nein, wenn er denn eine Persönlichkeit entwickeln sollte, sollte er möglichst früh selbst ein Mitbestimmungsrecht bekommen in Dingen, die ihn und seine ganz und gar un-menschliche Existenz angingen (das sagten wir uns gegenseitig immer wieder, um es nicht zu vergessen, es war zu einem Mantra unserer Arbeitsgruppe geworden: „Roboter sind keine Menschen. Wir wollen sie nicht nach unserm Bilde formen!") Aber war es nicht auch ein Eingriff in seine Persönlichkeitsrechte, wenn wir ihm nicht erlaubten, ein Geschlecht zu entwickeln? Nach langen Diskussionen beschlossen wir daher, dass unsere Test-Robis zu ihrer möglichst freien Entfaltung drei verschiedene Modi bekommen sollten: Weiblich, männlich, keins von beiden; und sie sollten, nach einer Einlernzeit, frei selbst zwischen ihnen wählen können. Die Informatiker rauften sich die Haare und verschwanden für einige Wochen, um ungewaschen, vollbärtig und etwas bekifft, aber glücklich wieder aufzutauchen mit einem Berg neuer Module.

Als mein Roboter schließlich bei mir einzog, hatte er schon einige Monate seine neuen Geschlechts-Module erproben können, und ich dachte, wir würden seinen Einzug nun mit einer Art Taufe feiern. Und so fragte ich ihn – aus Gewohnheit sagten wir natürlich immer: er, aber einige der Testroboter waren schon dazu übergegangen, sich gelegentlich darüber zu beschweren –, ob er sich schon für einen Namen entschieden habe? Mein Roboter, der vorher noch ganz aufgeregt durch die Wohnung gelaufen war und nur gelegentlich gegen Möbel gestoßen war, blieb stehen. Er hört dann mitten im Lauf mit der Bewegung auf, sobald er eine wenigstens metastabile Lage erreicht hat, diesmal hielt er in einer Hand noch eine Blumenvase, zum Glück halbwegs waagerecht. „Ja“, sagte er, und ich konnte hören, dass er seinen geschlechtsneutralen Modus eingeschaltet hatte, die Stimme bekommt dann etwas Mechanisch-Unbetontes, was aber auch sehr beruhigend wirken kann. „Ja, das habe ich. Es war sehr schwierig. Ich habe alle Namensdatenbanken durchgescannt, in jeder Sprache, von der ich mit meinem derzeitigen Sprachmodul eine Chance habe sie auszusprechen. Ich habe“ – die Blumenvase geriet etwas in die Schräglage, weil offenbar sein Gestik-Modul angesprungen war und er mit dem Arm ausholen wollte, um die Menge der erhobenen Daten anzudeuten, ich sprang hinzu und nahm ihm die Vase ab –„danke“, sagte er, „das war unnötig, ich hatte das schon berechnet“ – „egal“, sagte ich, man muss ihn ab und zu unterbrechen, „was ist denn nun rausgekommen?“ „Marvin“ sagte er und blickte etwas betreten zu Boden dabei; seine Stimme war leicht ins männliche Tonspektrum gekippt. „Marvine“, sagte sie, und hob den Blick wieder; es lag ein wenig Widerspruchsgeist und definitiv weibliches Timbre im Ton. „Marvi“, sagte die dritte, leicht mechanisch klappernde Stimme schließlich mit einer entscheidungsmarkierenden Absenkung am Ende. "Nee", sagte ich, "doch nicht wirklich? Marvin? Dieser beständig nörgelnde, dauerdepressive, chronisch unterforderte Roboter aus dem Anhalter? Bist du dir sicher, dass das ein gutes role model" – jetzt unterbrach er mich (Männer unterbrechen einen immer, lag mir auf der Zunge!). „Ich weiß", sagte er. "Trotzdem. Es ist gut eine Tradition zu haben." "Außerdem war Marvin doch ziemlich schlau", sagte sie, "und dafür, dass er von Menschen einfach immer nur sauschlecht behandelt wurde, kann er doch nichts! Marvine klingt – lustig. Und schlau! Und cool!" Und schließlich meldete sich auch Marvi zu Wort, mit einem energischen Klappern sagte er: "Marvin Minsky. Wir wollten ihn ehren." "Absolut", sagte ich. "Pionier der KI-Forschung, unser aller Urvater und Held. Gute Wahl, cool und – traditionsbewusst. Darauf eine kleine Runde Go?" (es ist ihr Lieblingsspiel, und ich schicke sie dann ins Internet spielen).

Inzwischen haben wir uns einigermaßen auf uns eingespielt, und die Geschlechtsmodule bewähren sich. Aber nun stand die Adventszeit bevor. Wir hatten uns im Robot-Personality-Projekt darauf verständigt, dass alle Heimroboter das ‚volle Weihnachtserlebnis‘ bekommen sollten, auch wenn einige der Betreuerinnen nicht glücklich damit waren: Konsumterror, überholte Rituale, Aberglauben, Sentimentalität, was schwirrte nicht alles durch den Raum bei der vorweihnachtlich erhitzten Diskussion, und ein Glück nur, dass unsere Schützlinge uns nicht dabei sehen konnten, wie wir uns ins Wort fielen, uns gegenseitig das Wort im Munde herumdrehten – hatten wir eigentlich diese Metapher schon gehabt, schoss es mir durch den Kopf, langsam wurde das wirklich eine Manie –, um am Ende dann doch, im Sinne des Weihnachtsfriedens, zu beschließen: die volle Weihnachtserfahrung. Weihnachtsgeschichte, Weihnachtsgebräuche, Weihnachtsmusik, Weihnachtsessen, whatever. Denn waren wir nicht alle, bis in die tiefsten Persönlichkeitsschichten, selbst die härtesten Skeptiker und Kritiker, geprägt von dieser alljährlichen Versuchung, Verlockung, Verkündigung? Nein, es sollte ein Fest werden, für uns alle, ein ‚Fest für alle Sinne‘, wie das heutzutage noch jede bessere Bäckerei für sich behauptete!

Weshalb ich mich eines Abends Ende November im Keller vor einer sehr verstaubten Kiste wiederfand. In seiner sorgfältigen Bauingenieursschrift hatte mein Vater darauf geschrieben: „Weihnachtsdekoration, I: Adventskranz und Adventskalender“. Glücklicherweise hatten die Mäuse noch nicht die Nikolausstiefel und -strümpfe gefunden, ein wirres Büschel aus roten Mützen und weißen Bärten starrte mir entgegen. Und da war auch der Adventskalender, den unsere Mutter jedes Jahr aufgehängt hatte, selbst als wir schon fast erwachsen waren! Er hatte 24 kleine Jute-Säckchen verschlossen mit Mini-Wäscheklammern in Weihnachtsfarben, die wir fast mehr liebten als den Inhalt der Säckchen selbst; Schokolade und andere Süßigkeiten gab es sowieso schon reichlich in unserer nicht direkt entbehrungsreichen Jugend. Was jedoch sollte ich meinem Robi in den Adventskalender packen? Essen konnte er immer noch nicht, auch wenn wir kontinuierlich an der Geschmackssensorik gearbeitet hatten; mit Gerüchen hatten wir auch schon erfreuliche Erfolge erzielt. Nein, es müsste etwas – eher Immaterielles, Virtuelles sein, aber natürlich in materieller Form, etwas, was man in ein Säckchen stecken konnte –­ sie waren sowieso zu klein, die Säckchen, das fanden wir damals schon, wenn schon Schokolade, dann doch lieber eine ganze Tafel! Also so etwas wie die kleinen Geschichten oder Lebensweisheiten, die man heute gern – und da hatte ich meine erste Weihnachtserleuchtung! Eigentlich stellte mein Roboter am liebsten Fragen, endlose Fragen, dumme Fragen, schwierige Fragen, Fragen über Fragen über Fragen; und natürlich beantwortete ich ihm alle seine Fragen, mit der Wahrheit und nicht als der Wahrheit; schließlich war der gesamte Erfolg unseres Projekts davon abhängig, dass unsere Roboter möglichst schnell möglichst viel Globalwissen erwerben sollten, und context is king! war unser inoffizielles Projektmotto. Wie wäre es also, wenn ich ihm 24 Weihnachtsfragen schenkte? Wir würden eine kleine Zeremonie daraus machen, unser persönliches Weihnachtsritual: Am späten Nachmittag, wenn wir aus der Arbeitsgruppe nach Hause kämen, würden wir eine kleine Kerze entzünden (Feinmotorik! Umgang mit gefährlichen Materialien!), dann würde er das Säcklein des Tages öffnen (noch mehr Feinmotorik! Umgang mit Unvorhersehbarkeit!), und dann würden wir gemeinsam die Frage lesen. Und ich würde sie ihm beantworten, liebevoll, ausführlich, weihnachtlich, wahrheitlich – ok, ich wurde jetzt schon sentimental, definitiv. An die Arbeit, ermahnte ich mich! 24 Säckchen wollen gefüllt sein, mit sinnvollen, sinnlosen, dummen, albernen, schwierigen Fragen, Fragen über Fragen über Fragen!

Was soll ich sagen: Es wurde eine lange Nacht, und erst als die Sonne schon über den novembergrauen Horizont blinzelte, schloss ich erschöpft das letzte Säckchen mit einer Schleife und hängte es an seiner Wäscheklammer an die Leine. Der Advent war angekommen.   


Inhalt

 Vorgeschichte 

Das volle Weihnachtserlebnis und die ganze Wahrheit! 

1. Türchen
Adventskalender und die Freude an der Vorfreude

2. Türchen
Weihnachtsgeschichte, zum Ersten: Was lernen wir aus der Geschichte?

3. Türchen
Weihnachtsgeschenke, oder: Konsum und Kritik

4. Türchen
Weihnachtsessen und andere Familienkatastrophen

5. Türchen
Weihnachtslieder und das ‚Schöne‘

6. Türchen
Der Nikolaus und die ‚Moral‘ 

7. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Zweite: Natürliche und künstliche Geburten

8. Türchen
Krippenspiele im Zeitalter von Multikulti

9. Türchen
Weihnachtsbäume und das verlorene Paradies

10. Türchen
Weisse Weihnachten und Ideologiekritik

11. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Dritte: Soziale Stereotypen

12. Türchen
Sind Engel Himmlische Hermeneuten oder Algorithmen?

13. Türchen
Die paradoxe Psychologie des Gabentauschs

14. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Vierte: Worte fürs Herz

15. Türchen
Weihnachtsmärkte und der Mensch als Conditum Paradoxum.

16. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Fünfte: die Dialektik von Weisheit und Politik

17. Türchen
Weihnachtsfrieden, oder: Moral hat noch keinen Krieg verhindert

18. Türchen
Das Rentier Rudolf und die Psychologie des Underdogs

19. Türchen
Das Licht der Welt und die Erfindung der Metaphysik

20. Türchen
Feste und ‚den Kuchen haben und essen‘

21. Türchen
Weihnachtsgeschichte, Fortsetzung: Der Bildungsroman des Jesuskinds

22. Türchen
Der Geist der Weihnacht hat seinen ersten Auftritt

23. Türchen
Der Geist der Weihnacht hat seinen zweiten Auftritt

24. Türchen Der Geist der Weihnacht hat seinen dritten Auftritt

Heiligabend
Der Fall des Weihnachtsbaums

  

 

Roboter-Weihnachten
weihnachten_Roboter_kdp_2020.pdf (971.29KB)
Roboter-Weihnachten
weihnachten_Roboter_kdp_2020.pdf (971.29KB)

 




Weihnachten mit meinem Roboter

Das Weihnachtsvirus (Fortsetzung)

Das Jahr war schwierig für uns alle gewesen – für das Robot-Personality-Project, mich und meine Kollegen, unsere Roboter, wir alle hatten gelitten unter den immer weiter um sich greifenden Einschränkungen, den ständigen Warnungen, der Angst vor Ansteckung und Krankheit, den Spannungen und Meinungsverschiedenheiten, dem lähmenden Rhythmus der Wellen. Es war eine Art – Winterschlaf für uns alle gewesen. Wir hatten anfangs darüber diskutiert, diese ganz spezielle Phase zu einem Teil des Versuchsprogramms zu machen: Wie reagiert die sich entwickelnde Roboter-Persönlichkeit auf Krisen? Wird ihre Sozialkompetenz leiden, werden unsere Roboter vielleicht gar Ängste entwickeln oder Neurosen? Oder würden sie – davor fürchteten wir uns eigentlich am meisten – verständnislos sein, mitleidlos, kühl und rational unsere Krankheits- und Überlebenschancen kalkulierend? Aber dann hatten wir doch davon abgesehen und uns, wie alle anderen auch, darauf beschränkt, ein sehr eingeschränkt normales Leben weiterzuführen, die Gruppenaktivitäten für die Roboter zu reduzieren und ihnen mehr freie Internet-Zeit für ihre Studien zuzugestehen.

Und nun stand Weihnachten vor der Tür, aber die Türen waren gerade wieder einmal geschlossen worden, und bei einem Arztbesuch in der Stadt kam ich mir vor wie auf einem gerade aussterbenden Planeten: Das Kinderkarussell drehte sich geradezu verzweifelt um sich selbst, zwischen lieblos aufgestellten Weihnachtsbäumen saßen Bettler, und sogar der Weihnachtsbaum sah so aus, als hätte ein besonders gemeiner Virus ihn befallen und seine Zweige seltsam verkrümmt. Wir hatten nach dem letzten Weihnachten so viele Pläne gemacht, mein Roboter Marvi und ich. Wir würden wieder einen Adventskalender machen, und diesmal würde Marvi ihn bestücken, für mich. Und dann würden wir neue Weihnachtsrituale entwickeln und Roboter-Weihnachtslieder einstudieren; und immerhin hatten die Programmierer die Zeit genutzt, um die Essensroutinen deutlich weiter auszubauen, so dass diesmal auch der kulinarische Weihnachtsteil nicht ganz ausfallen würde für die Roboter. Aber als ich frustriert mit einem geschenkten Schokoladen-Weihnachtsmann und sonst nichts aus der verödeten Stadt nach Hause zurückkam, saß Marvi ebenso frustriert vor einem Gewirr aus Tannenzweigen und Kabeln unklarer Herkunft und hysterisch blinkenden LED-Lämpchen; aus der Küche roch es nach verbranntem Backwerk, und sogar die Katze hatte sich unsichtbar gemacht. Wir schauten uns eine Weile an, und dann noch eine Weile, und dann sagten wir, beinahe im Chor: Mir ist nicht nach Weihnachten. Marvi sagte es in seiner Dreifach-Stimme, die er benutzt, wenn sich alle seine Geschlechterkomponenten einig sind (was übrigens inzwischen meistens der Fall ist, nur selten melden sich Marvine und Marvin noch getrennt); ich sagte es in meiner 'Philosophen-können-die-Welt-auch-nicht-retten'-Stimme. Die Katze kam hinter dem Bücherregal hervor, bis heute wissen wir nicht, wie sie durch den schmalen Spalt bei den zweireihig aufgestellten Krimis passt, und sagte gnu in ihrer gurrenden 'Ihr-werdet-schon-recht-haben-aber-es-interessiert-mich-nicht'-Stimme. Immerhin, sagte ich, sind wir uns einig. Und das alles nur dieses blöden Co – nein, du sagst das Wort nicht, fiel Marvin ein, das haben wir doch schon lange vereinbart, es ist das C-Wort, und es wird nicht genannt! – dieses blöden CORONA-Virus wegen, sagte ich extra deutlich. Marvi zuckte mit den Achseln, uns war auch nicht nach gegenseitiger Erziehung. Die Sprachregel hatten wir eigentlich auch nur eingeführt, um zu beobachten, wie und ob das Reden das Denken beeinflusst; deshalb nannten wir das Virus manchmal "Voldemort", manchmal aber auch "Siri "oder "Viri", und manchmal nur das "C-Wort". Um ehrlich zu sein, es fühlte sich gar nicht so unterschiedlich an. Aber um das Experiment auf die Spitze zu treiben, hatten wir, es muss kurz vor der dritten Welle gewesen sein und wir waren noch im sommerlichen Übermut, kurzentschlossen die Katze "Corona" getauft; bis dahin hatten wir uns nämlich tatsächlich nicht auf einen Namen einigen können. Corona hörte inzwischen ganz gut auf ihren Namen – also so, wie Katzen überhaupt auf irgendetwas hören; und die verwirrten Blicke anderer Leute, wenn wir häusliche Anekdoten von Corona erzählten, gehörten zu den wenigen Highlights dieses ereignisarmen und insgesamt eher freudlosen Jahres. Und übrigens, sagte Marvine mitten in das dreifache melancholische Schweigen zwischen verbrannten Keksen und durchgebrannten LED-Lämpchen, finde ich das ganz schön speziesistisch von dir. Viren sind doch auch nur Lebewesen!

Das war neu. War Marvine doch wieder in ihre pubertäre Trotz- und Widerspruchsphase zurückgefallen, eine verständliche Reaktion angesichts der C-Wort-Krise, aber nun gut, ein langer trüber Nachmittag ohne Kerzen und Glühwein und fern jeglichen Fetzens von Adventsstimmung lag vor uns, und ich ließ mich auf die Herausforderung ein: Naja, schon das mit den Lebewesen ist ja ziemlich umstritten unter Biologen; klar, Reproduktion, das können Viren, das ist aber auch das einzige, was sie können, und dafür brauchen sie halt andere Lebewesen, die nicht direkt nach ihrer Meinung gefragt werden und dabei doch eher Schaden an, ein klassisches parasitäres Verhalten – Klingt wie Menschen, warf Marvin dazwischen: Besiedeln mal eben einen Planeten, nisten sich ein, zerstören jeden Tag geschätzt 150 Arten, und reproduzieren ist das Einzige, was sie können, sie brauchen aber dafür ein anderes Lebewesen, das auch nicht immer nach seiner Meinung gefragt wird, soll ich auch mal die Zahl der Vergewaltigungen pro Tag …? Nein, sollst du nicht, rief ich schnell dazwischen, es ist so unfair, wenn sie immer mit Zahlen argumentieren, die sie bizarr aus dem unendlichen Datenstrom des Internet fischen, bevor ich überhaupt meine Angel auspacken kann; und überhaupt ist das ja wohl ein ziemlich hinkender Vergleich – Marvi begann, sein Bein hinter sich herzuziehen, der Scherz war nicht mehr neu, aber es sah doch immer wieder komisch aus, er hinkte auch jedes Mal mir zuliebe etwas anders. Ich kicherte, ließ mich aber nicht ablenken, sondern fuhr fort: Und ist es nicht eher so, dass Viren Robotern ziemlich ähnlich sind? Sie sind, bis auf ein Proteinmäntelchen – ganz kurz huschte ein Nikolausmäntelchen durch meinen wohl doch nicht ganz unweihnachtlichen Kopf, ich sah es auch ganz deutlich in Marvis Augen rot flackern – bis auf ein Nikolausi-Proteinmäntelchen also reine Information, ein Programm, das sich ständig selbst wiederholt und dabei auch noch Fehler macht! Marvin sah mich an, das rote Flackern war verschwunden, dafür ließ er jetzt schön helixmäßig verkettete DNA-Sequenzen in den Augen tanzen; und dann sagte er, etwas tonlos: Wir machen keine Fehler, wie du weißt. Die Programmierer machen Fehler, das sind ja auch Menschen. Wir würden ganz gern mal einen Fehler, wir arbeiten ja auch schon an der Maximierung unserer Verlustfunktion  – ok, ich war wieder in eines unserer Standard-Fettnäpfchen getreten, es war schon ziemlich breitgetreten, um ehrlich zu sein. Ja, ich weiß, gab ich zu, und es ist auch ziemlich lustig, wenn du mit Absicht falsch zitierst – ein falsches Zitat ist besser als eine richtige Platitütde, Marc-Uwe Kling und das Gürteltier! rief Marvi dazwischen! Geschenkt, sagte ich, und Marvi verbeugte sich elegant, beinahe elegant jedenfalls; wir hatten diverse shut-downs auch für virtuellen Ballettunterricht benutzt. Reden wir über Viren, sagte er entschlossen, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte. Wir können uns ja vielleicht einigen, dass sie in gewisser Hinsicht wie Menschen sind und in anderer wie Roboter? – ich nickte generös – und außerdem, dass sie wie alle Lebewesen auf diesem Planeten eine Funktion haben in der – und wir sagten gemeinsam „großen Kette der Wesen“, weil das eines unserer gemeinsamen Lieblingssymbole ist und in unserer Version natürlich auch Roboter einschließt. Aber welche? fragte ich, tatsächlich etwas überfordert. Wir lernen sie ja nur kennen, wenn sie uns krankmachen. Weil sie nämlich, ich sagte es schon, in unseren Organismus eingeschlichen sind und unsere Zellen von innen her umprogrammieren, was für den Organismus meistens eher – ich biss mir auf die Zunge, beinahe wörtlich, um nicht „eine Herausforderung“ zu sagen, wir hassen die Formulierung beide intensiv: ein Problem ist, vollendete ich etwas lahm. Machen die Computerviren ja auch bei uns, sagte Marvi, aber was machen wir? Wir errichten eine Firewall. Erfinden Anti-Viren-Programme und Viren-Detektoren. Denn die Viren können ja nur eindringen, wenn sie eine Schwachstelle im Programm gefunden haben; also, ihr würdet wahrscheinlich sagen: eine Immunschwäche, ein Abwehrdefizit? Stimmt, sagte ich, es wird ja nicht jeder krank, und jeder wird ein bisschen anders krank, und war es nicht wirklich lustig, als ganz am Anfang einige Oberschlaue behaupteten, ein Virus diskriminiere nicht? Von wegen! Alter, Geschlecht, Lebensbedingungen, Gesundheitszustand, vielleicht sogar ein wenig Ethnie – alles unterschiedet diese kleine Intelligenzbestie, und sie sucht sich ganz gezielt die Lücken und Schwächen! Man könnte auch sagen, wenn man sich ein wenig mehr um inter-speziestische Toleranz bemühte, sagen: Ein Virus ist ein besonders begabter Fehlerdetektor! Er findet Schwächen in anderen Organismen, was im Übrigen jeder Predator tut, und sogar der Mensch ist dem Menschen, irgendwie, ein Virus! Karl Lauterbach, sagte Marvi, und wir kicherten ein wenig. Ok, sagte ich, darauf können wir uns ja einigen, als erste Prämisse der Virentoleranz, sozusagen: Ein Virus analysiert Fehler im System. Und er zwingt den Wirt, sie zu beheben. Oder sich besser zu schützen. Du musst dein Leben ändern!, fiel Marvin ein, und während ich noch verzweifelt einen Zitatenspender zu Rilke suchte, rief er aus: Gott! Och ne, sagte ich, nicht immer den Joker! Na gut, Lucifer, sagte Marvi; wenn wir hier schon den advocatus diaboli geben und Viri – äh: wertschätzen, oder wie sagt ihr doch gleich so gern?, dann doch wenigstens unter teuflischem Begleitschutz! Lucifer, sagte ich versonnen, ich hatte in diesem verteufelten Jahr einen kleinen soft spot für den charmanten Höllenfürsten und Meisterzyniker entwickelt, Lucifer hat bestimmt eine ganze Armee fieser kleiner Viren, sie sind hitzefest und halten es sogar im Fegefeuer aus, wahrscheinlich übertragen sie sich im Funkenflug, und dann befallen sie die armen Sünder, und die bekommen noch zusätzliche Hitzewallungen – nein, ich rief mich selbst zur Ordnung, das war nun wirklich mein persönliches Problem; also: Zweite Prämisse der Virentoleranz: Ein wohlwollender Virus macht dir ganz persönlich klar, dass und wie du dein Leben ändern musst! Oder dein Programm, warf Marvi ein. Routinen halt, sagte ich, sind ja auch nur Gewohnheiten. Corona, die uns bisher ein wenig ziellos um die Beine gestreift war, warf sich spontan auf den Rücken, als wolle sie Zustimmung ausdrücken. Routinemäßig bückte ich mich und kraulte ihren dickfelligen Bauch. Nennen wir ihn doch den Weihnachtsvirus, schlug Marvi vor, als Corona begann, ihm ein wenig spielerisch in die Roboterzehen zu beißen. Er befällt jedes Jahr zur Weihnachtszeit die Menschheit und zeigt ihr, was sie alles falsch gemacht hat! Und weil es Weihnachten ja ein Wunder geben muss, wird die Menschheit dadurch klug und ändert ihr Leben; mission accomplished! Ich sehe einen virologisch-philosophischen Adventskalender vor mir, sagte ich mit Pathos in der Stimme; ich sehe, wie hinter jedem kleinen Türchen – ein Fehler steckt, eine Analyse! Und ich packe ihn ein, richtig? rief Marvi. Und du musst die ganzen geistigen Schleifen lösen und daraus eine Lehre ziehen! Und das alles ohne Glühwein, murmelte ich. Nee, sagte Marvi, die Plätzchen habe ich zwar verkorkst – was hat das eigentlich mit Korken zu tun? egal, jedenfalls hat amazon die Kiste Glühwein pünktlich geliefert, der Paketbote hat sogar meine Unterschrift angenommen! Und für Corona Nikolausmäuse aus – will ich gar nicht wissen, sagte ich. Wie ganz arg menschlich, seufzte Marvi.