I.
Als ich neulich nachts darüber nachdachte, warum ich in meinem bisherigen Leben für das Wort „tragisch“ so wenig Verwendung hatte (eine untragische Existenz?), fiel mir im Morgengrauen ein, dass Franz Kafka (eine tragische Existenz?) die ultimative Parabel zu diesem Thema geschrieben hat. Es ist die Geschichte von dem Mann, der sein ganzes Leben vor einer Tür verbracht hat, wir wissen noch nicht einmal, ob es einen Warteraum gab (ich kenne mich gerade sehr gut aus mit Warteräumen, inneren und äußeren) und das große, weite Internet war auch noch nicht erfunden. Und als es ans Sterben geht, kommt der Türhüter zu ihm, der ihm standhaft den Eintritt verweigert hatte, und er sagt, ungefähr, so meinte ich dämmernd zu wissen: Diese Tür war nur für dich bestimmt und ich gehe jetzt und schließe sie!
Aber natürlich musste ich bei fortgeschrittener Tageszeit die Geschichte nochmal nachlesen, dafür gibt es ja das große weite Internet und Frühstückskaffee. Als erstes stellte ich fest, dass ich einen gar nicht so unwesentlichen Teil vergessen hatte. Den Titel. „Vor dem Gesetz“ heißt die Parabel nämlich, der arme Mann kommt vom Land und steht nicht sein Leben lang vor irgendeiner Tür, sondern er ist zum Gesetz gekommen in der gutgläubigen Annahme, zum Gesetz werde doch jeder vorgelassen, aber er hat keinen Einlass erhalten. Er hatte sogar Dinge mitgebracht, mit denen er den „tartarischen“ Türhüter, der einen dünnen schwarzen Bart hat und einen Pelz, in dem Flöhe wohnen (kein unwichtiges Detail, wir werden darauf zurückkommen!), bestechen kann. Oder von denen er leben kann, von irgendwas muss er doch gelebt haben die ganze Zeit! Aber darum geht es nicht in Parabeln, wo es um das reine Leben geht, nicht das schnöde Überleben. Man spricht manchmal miteinander, gelegentlich tut der Türhüter so, als sei er wirklich einer und stellt kleine Pseudo-Verhöre an. Der Mann vom Lande sollte nicht das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben, also außer seinem Leben vielleicht, auch als er später „kindisch“ wird und beginnt mit den Flöhen zu sprechen (ein wunderbar kafkaeskes Detail, und wüssten wir nicht gern, welche Gespräche er mit ihnen führt, um ihr winziges Flohherz zu erweichen?). Am Ende ist der Mann noch kleiner geworden, und der Türhüter, der ihn „unersättlich“ nennt, muss sich zu ihm hinabbeugen, um seine letzte Frage zu vernehmen: Warum denn er eigentlich der Einzige gewesen sei, der hier, an dieser Tür, zum Gesetz gewollt habe? Und der Türhüter schreit ihm, seines „vergehenden“ Gehöres wegen, die Antwort ins Angesicht, sein ganz persönliches Todesurteil (das ich korrekt erinnert habe, sogar in der Formulierung): Diese eine Tür sei nur für ihn bestimmt gewesen, und er werde sie jetzt schließen. Im Hintergrund hatte der Mann immerhin noch das „unerlöschliche“ Strahlen des unerreichten Gesetzes gesehen; aber das ist jenseits der Parabel, und die Tür fällt zu.
II.
Man könnte nun, wenn man Kafka, was man überhaupt öfters tun sollte, gegen den kafkaesken Strich bürstet, überlegen, wer denn hier genau die tragische Figur ist, oder vielleicht sogar: was? Der Mann vom Lande, nun, er ist ein allzu offensichtlicher Kandidat: klein und dumm und leicht riechend denkt man sich ihn, und wie kann man nur so naiv sein zu glauben, jeder komme vor das Gesetz, einfach so, selbst wenn vom Lande kommt? Aber woher wissen wir das alles eigentlich? Ist der Mann vom Lande nicht eigentlich ein Held der Aufklärung, ein Don Quijote des Selbstdenkens? Denn immerhin hat er sich ohne Marschbefehl aufgemacht, einfach so, um endlich einmal das Gesetz, von dem immer alle in so großen Worten immer reden, selbst in Augenschein zu nehmen. Vielleicht hat er Frau und Kinder verlassen, vielleicht war er reich auf dem Lande und selbst ein großer Mann mit Pelzen im Schrank, und gewitzt ist er sowieso, er hat schließlich Dinge mitgebracht! Dass er am Ende kindisch wird und mit Flöhen redet – nun, das erwartet uns alle, und froh sollen wir sein, wenn wenigstens die Flöhe noch mit uns sprechen. Und immerhin hat er vorher noch den großen Glanz gesehen, das kann nun wirklich nicht jede von uns sagen!
III.
Oder ist der Türhüter die tragische Figur? Definitiv der dämlichste Job der Welt, minder qualifiziertes Sicherheitspersonal hat die Krisengebiete dieser Welt geflutet, und man kann noch froh sein, wenn es nicht allzu schwer bewaffnet ist und nur Flöhe in seinem dicken, stinkenden Pelz hat. Zudem ist er nur der vorderste Vorpfosten, wie er selbst erläutert; ein winziges Rädchen in der großen Gesetzes-Maschine, nicht nur ein Vor-, sondern eher ein an die Peripherie versetzter Außenposten, zuständig für Männer vom Lande. Und er macht seinen Job sogar halb anständig, er stellt kleine Pseudo-Verhöre zur Unterhaltung an, er hat dem armen Mann sogar einen Schemel gegeben, beinahe menschenfreundlich! Und er ist, am Ende, immerhin ehrlich. Als sich die ganze „Erfahrung“ (so sagt Kafka, und das ist höchst unkafkaesk) des Mannes zur letzten Frage ballt, die so nahe auf der Hand liegt, dass er sie die ganze Zeit übersehen hat – da sagt ihm der tartarische Türhüter (ging es Kafka vielleicht nur um das Lautgeklingel?) die ganze Wahrheit, die er also auch schon all diese Jahre gewusst hat und bei größerer Menschenfreundlichkeit ja auch vorher hätte sagen können (dann wäre der Mann aber nie aus „Erfahrung“ selbst klug geworden!). Der Tod ist der Preis für diese Antwort, danach stirbt ein Mann, ein minderer Türhüter in der Provinz schließt eine Tür und ist arbeitslos. Schließt er sie von innen oder von außen? Was wird aus ihm? Beginnt er auch mit den Flöhen zu sprechen? Ist er eine tragische Figur? Der Mann vom Lande war nur für ihn bestimmt, und jetzt ist er tot.
IV.
Und das Gesetz? Leuchtet es jetzt weiter, hinter verschlossener Tür? Aber es war doch eine Tür, und wenn sich zu viele weitere Türen schließen, wird das Gesetz dann nicht doch erlöschen (was an die bekannte Frage erinnert, ob im Kühlschrank nach Verschließen der Tür das Licht ausgeht, nie werden wir es wissen, und Kafka dreht sich im Grab herum)? Das Gesetz, ein dunkler Schemen, ein Männerding, ein jüdisches Kafka-Ding – was überhaupt soll das denn sein, dieses unerlöschlich Strahlende, das einen ehrlichen Mann vom Lande mit den besten Absichten nicht an sich heranlässt? Nennen wir es, auch wenn es peinlich literaturwissenschaftlich ist: eine Leerstelle. Denn ein gelebtes Gesetz sähe anders aus: Weit geöffnet wären seine Scheunentore, von allen Seiten strömte das Volk herbei, und die nicht arbeitslos gewordenen Türhüter, aller Schrecklichkeit bar, empfingen sie mit Konfetti (in das sich die Flöhe spontan verwandelt hatten, das kommt, wenn man zu viel Kafka liest). Und das Gesetz kennte nicht Tag und nicht Nacht und nicht Schalteröffnungszeiten, sondern es wäre der reine Tag und die reine Ewigkeit. Hinter Türen verborgen, von Kaskaden von Türhütern bewacht jedoch – das wäre ein tragisches Gesetz, das nur noch in sich selbst flackert, ein erstorbener Vulkan, der gelegentlich kleine Brocken ausrülpst, die keinen Schaden mehr anrichten.
V.
Die Flöhe jedoch leben. Man denkt sie sich unsterblich im dicken verfilzten Pelz. Sie erzählen sich Flohgeschichten und machen fröhliche Flohtänze, die Generationen gehen unmerklich ineinander über, ganz gesetzlos. Gelegentlich saugen sie ein wenig Blut, sie meinen es aber nicht böse, man muss ja leben. Es sind sehr kleine Herren, aber es sind ihre eigenen.
VI.
Außerdem, dies ist ein neuer Tag und Wissen von Wikipedia, sind Flöhe ziemlich interessante Tiere. Sie sind zum Beispiel „homometabol“ – das heißt, sie machen eine vollständige Verwandlung durch, von der Larve zur Puppe zum Insekt (was für Insekten gar nicht so außergewöhnlich ist, der Mensch hingegen, zwar fähig zur Tragik, aber ansonsten höchstens semi-metabol). Sie haben keine Flügel, aber dafür sehr kräftige Hinterbeine, mit denen sie sehr weite Sprünge machen können; die Sprünge sind zwar ungerichtet, aber dafür eine der schnellsten Bewegungen im Tierreich (ist das nicht wieder metaphernträchtig und vergleichlich: Der Mensch macht zwar auch gern große Sprünge, aber er bildet sich doch tatsächlich ein, die Richtung bestimmen zu können! Spränge er doch mehr ins Ungerichtete, ins Offene - -- ). Sehen können sie nicht so gut, die Flöhe, leider keine Facettenaugen; brauchen sie aber auch nicht, sie halten sich nämlich entweder in ihren Nestern auf (dann sind es Nestflöhe), die sie nur für einen kleinen Stich verlassen, oder im Pelz, wie beim Türhüter (dann sind es Pelzflöhe); dort können sie sich ihrer besonderen Flachheit wegen gut bewegen. Der Saugrüssel kennt die Richtung sowieso, es ist die des fließenden warmen Blutes, und wer ins Ungerichtete springt, braucht keinen Kompass. Der Floh ist genügsam, ein ordentlich gehaltvoller Zug reicht ihm schon einmal für zwei Monate (nicht unersättlich, die kleinen Tierchen, auch wenn sie meistens vom Lande kommen).
Zudem sind Flöhe unterhaltsam. Den Flohzirkus gab es wirklich, und man kann daraus vor allem lernen, auf welch abwegige Ideen Menschen kommen, wenn sie sich langweilen, egal ob auf dem Lande oder in den Städten: Sie hören die Flöhe husten vor lauter Langeweile, und dann bilden sie sich ein, sie könnten sie dressieren (nie kommt ein Mensch auf die Idee, sich selbst zu dressieren, und wenn es noch so juckt). Sie haben sich aber nur einen Floh ins Ohr gesetzt damit, jetzt krabbelt er im Gehörgang herum und kann keine weiten Sprünge mehr machen, deshalb flüstert er seinem Wirt zu, von kleinen Flohhusten-Anfällen unterbrochen, die den superflachen Chitinpanzer erzittert lassen und sanft am Trommelfell abperlen: Geh doch mal zum Gesetz, hörst du? Wer weiß, was dich erwartet dort? Der Flohzirkus hier funktioniert auch ohne dich, und der Sack Flöhe im Pelz hütet sich auch selbst. Aber das Gesetz, das Gesetz!
Es gibt übrigens auch eine Flohliteratur. Die Humanisten, Leute mit ziemlich viel Flöhen in ihrem Gelehrtenpelz, hatten es irgendwann satt, immer nur total obermoralische lateinische Fabeln zu schreiben, in denen der Fuchs listig ist, der Bär patschig und die Bienen fleißig, oh so bienenfleißig! Irgendwann juckte jeden Schreiber der Satire-Floh, und dann will der Humanist Blut sehen. Und schreibt eben zur Abwechslung eine Floh-Fabel, es kann auch ein ganzes Epos sein, in dem die Flöhe das sind, was sie tatsächlich sind, nämlich: sprungstark, schnell, zielsicher zustechend und Blut ziehend. Außerdem, als Bonus obendrauf: promiskuitiv und erotisch subversiv! Ein Flohweibchen kann nämlich nicht nur bis zu vierhundert Eier ablegen, die ein vorbeikommender Flohherr bei Gelegenheit dann begattet; nein, der Floh spaziert auch bei der Wirtin, wohin er will, und das ist mit Vorliebe dort, wo das Fell am dichtesten ist. Dann juckt er. Ach, ist der Floh nicht ein fabulöses Tier! Nein, der Floh will und will nicht zur tragischen Gestalt werden in dieser Parabel. Während der Glanz des Gesetzes erlischt und Männer vom Lande samt ihren jeweiligen Türhüter-Doppelgängern vergehen, ungesättigt für immer, metabolisiert sich der Floh. Er ist fein raus, er braucht nur einen provisorischen Wirt und nicht einmal einen Schemel im Wartesaal.
VII.
Eines Morgens erwachte der Mann vom Lande und war ein Floh geworden. Er freute sich ein wenig, dann setzte er sich auf die Hinterbeine und macht einen gewaltigen Sprung. Gerichtet ins Ungerichtete (kein Richter, niemals). Oder war es vielleicht – eine Frau?
VIII.
Vor der Freiheit steht eine KI, die die Tür behütet. Zu ihr kommt eine Frau aus der Stadt und bittet um Einlass zur Freiheit. „Schon möglich, hast du das Passwort?“, sagt die KI, jedes Wort einzeln überbetonend. Die Frau hat kein Passwort. „Dann kann ich dich jetzt nicht einlassen“, sagt die KI. Da das Tor zur Freiheit wie immer offensteht und die KI ein wenig zur Seite tritt, streckt sich die Frau, um durch das Tor ins Innere zu sehen. Als die KI das bemerkt, kichert sie mechanisch und sagt: „Wenn du unbedingt willst, versuch doch einfach reinzugehen! Lass dir aber gesagt sein: Ich bin mächtig. Und ich bin nur eine KI der untersten Ebene. Von Stufe zu Stufe stehen andere KIs, viel komplexer und milliardenmale rechenstärker als ich, und sie wollen immer neue und kompliziertere Passwörter. Schon der Anblick der übernächsten überfordert selbst meine Verarbeitungskapazitäten“! Solche Schwierigkeiten hatte die Frau aus der Stadt nicht erwartet; die Freiheit, so denkt sie, war doch jeder versprochen worden. Aber als sie jetzt die KI mit dem starren Blick aus ihren großen Kinderaugen und dem Monitor auf der Brust, auf dem die LEDs flickern, genauer ansieht, ihre feingliedrigen und absolut gleichmäßigen Robotergelenke, entschließt sie sich, doch lieber zu warten, bis sie vorgelassen wird. Die KI gibt ihr einen rückenfreundlichen Stuhl und weist sie an, sich seitwärts vor dem Tor hinzusetzen. Dort sitzt die Frau aus der Stadt Tage und Jahre. Die KI stellt öfter kleine Verhöre mit ihr an, fragte sie nach ihrer Karriere aus und nach ihren Kindern, es sind aber Routine-Fragen, wie ein Computerprogramm sie stellt, und zum Schluss sagt sie immer wieder, dass sie sie noch nicht einlassen könne. Die Frau versucht alles, um die KI zu überzeugen; sie erprobt alle Passwörter, die ihr einfallen, aber immer sagt die KI: „Das Passwort ist falsch“. Manchmal lässt sie sich zwar in Debatten ein, aber am Ende sagt sie immer: „Habe ich es richtig verstanden, dass du die Freiheit suchst, weil man sie dir versprochen hat? Gutes Gespräch!“ Während all der Jahre beobachtet die Frau die KI die ganze Zeit. Sie vergisst all die anderen KIs, und diese allererste scheint ihr das einzige Hindernis. Sie verflucht den unglücklichen Zufall, zunächst noch zurückhaltend und ohne die KI durch ihre Wortwahl zu beleidigen; später wird sie ausfallend und beschimpft sie persönlich. Sie wird kindisch, und da sie nach dem jahrelangen Warten auch viele der Programmroutinen im Monitorfenster durchschaut zu haben meint, versucht sie mit den Viren zu verhandeln, die dort ein- und ausgehen. Schließlich wird ihr Augenlicht schwach und sie weiß nicht, ob es um sie wirklich dunkler wird oder sie nur von ihren Augen getäuscht wird. Wohl aber erkennt sie nun einen leuchtenden, freien Himmel, das Strahlen von tausend Sonnen bricht unverlöschlich aus dem Tor. Nun lebt sie nicht mehr lange. Vor ihrem Tod sammeln sich in ihrem Kopf alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die sie bisher der KI noch nicht gestellt hat. Die KI muss ganz nah an sie herantreten, sie meint erstmals einen schwachen Duft zu riechen. „Was kann ich denn jetzt noch für dich tun?“, fragt die KI, „du kannst ja wirklich niemals genug bekommen!“ „Alle wollen doch zur Freiheit“, sagt die Frau, „aber warum war ich in all den Jahren die Einzige hier?“ Die KI erkennt, dass die Frau ihrem Ende nahe ist, und, um ihr vergehendes Gehör noch zu erreichen, sagt sie sehr deutlich, jedes Wort einzeln überbetonend: „Diese Tür war nur für dich allein bestimmt. Du allein hattest das Passwort. Ich reiße sie jetzt nieder“. Und mit ihrem letzten Blick sieht die sterbende Frau die Tür zerfallen, die KI löst sich in einen Haufen Kabel und Dioden auf, und ganz schwach meint sie noch einige Viren in Richtung der tausend untergehenden Sonnen hüpfen zu sehen.
Goethes Tiere
Vier Tieren auch verheißen war,
Ins Paradies zu kommen,
Dort leben sie das ew'ge Jahr
Mit Heiligen und Frommen.
Den Vortritt hier ein Esel hat,
Er kommt mit muntern Schritten:
Denn Jesus zur Prophetenstadt
Auf ihm ist eingeritten.
Halb schüchtern kommt ein Wolf sodann,
Dem Mahomet befohlen:
»Laß dieses Schaf dem armen Mann,
Dem Reichen magst du's holen!«
Nun, immer wedelnd, munter, brav,
Mit seinem Herrn, dem braven,
Das Hündlein, das den Siebenschlaf
So treulich mitgeschlafen.
Abuherriras Katze hier
Knurrt um den Herrn und schmeichelt:
Denn immer ist's ein heilig Tier,
Das der Prophet gestreichelt.
Man meint die Bremer Stadtmusikanten geradezu vor sich zu sehen. Zwar ist der Hahn durch einen Wolf ersetzt, aber nun gut, Hähne haben vielleicht wirklich nichts im Paradies zu suchen, wo auch die Bäche nur sehr still vor sich hinmurmeln. Denn um das Paradies geht es in diesem „munteren“ Gedicht; es geht bekanntlich im ganzen West-Östlichen Divan, dem das Gedicht entnommen ist, gar nicht wenig um das Paradies, und natürlich gibt es viele Paradiese, eines davon christlich, eines muslimisch, und wie sieht es eigentlich aus mit den Tieren im Paradies? Gute Frage, wir vertagen sie erst einmal, um festzustellen, dass das Tiergedicht nicht gar so allein dasteht, wie überhaupt alle Divan-Gedichte sehr stark verknüpft, um nicht zu sagen: vielverschlungen sind. Es wird vorbereitet, angekündigt, angebahnt durch "Berechtigte Männer" (was die Frage beantwortet, wie Männer ins Paradies kommen: nämlich indem sie eine Art Rechtsanspruch erwerben, im Wesentlichen durch Heldentod) und "Auserwählte Frauen" (genau, Frauen werden nicht berechtigt, sondern auserwählt; durch was? Durch erwiesene Treue natürlich, dem Manne gegenüber).
Bleiben wir ruhig noch einen Moment bei den Frauen, den auserwählten, die Auswahl ist nämlich ganz interessant, auch im Blick das Tiergedicht. Natürlich ist sie ost-westlich, also muslimisch-christlich, das war zu erwarten: Sie beginnt mit Suleika (der moralisch nicht besonders gut beleumdeten Frau von Potiphar in der Josephsgeschichte, erzählt sowohl im Koran wie in der Bibel), die aber durch spätere Entsagung gerettet werden kann. Sie setzt sich fort mit der christlichen Maria, der absoluten Mutter; paart sie mit Mohammeds erster Gattin Chadidscha, der einzigen, mit der der Prophet in Einehe lebte, bis sie starb, sie war gleichzeitig seine Financieuse, eine seiner ersten Anhängerinnen und seine lebenslange Verteidigerin. Abgerundet wird die erlauchte Runde opferbereiter Weiblichkeit schließlich mit Fatima, einziger überlebender Tochter von Mohammed und Chadidscha und selbst ein Muster aller Weiblichkeit im Islam bis heute, geradezu kultartig verehrt. Nein, eine gelehrte Frau war wohl nicht zu erwarten, auch keine emanzipierte. Aber immerhin, eine Sünderin (wie Gretchen, sehr viel später)! Zwei muslimische Treue-Ikonen in einer Religion, die die Vielweiberei kennt und das Paradies der berechtigten Männer mit willigen Huris in großer Menge ausstattet! Wer mehr will, muss sich wohl schon selbst in einen künftigen Divan einschreiben!
Tiere nun, um nach dieser orientalisierenden Arabeske nun endlich zum Thema zu kommen, werden „begünstigt“; ein netter kleiner Orientalismus, denn natürlich ist der orientalische Despotismus die Blütezeit der Günstlingswirtschaft (nein, gab es auch im Okzident, so ist das halt mit Stereotypen, sie fallen überall auf fruchtbaren Boden). Man kann aber nicht sagen, dass Tiere in der Bibel „begünstigt“ werden; sie werden vielfach strikt dem Menschen untertan gemacht, und was daraus geworden ist, kann man ja sehen (kein Paradies, nirgends). Allerdings kommen Tiere durchaus vor in der Bibel, aber meist als schlechtes Beispiel oder besondere Strafe (die Schlange. Die Heuschrecken). Ausnahme, und damit sind wir schon mitten im Gedicht: der vortretende Esel, auf dem Christus im Koran und in der Bibel in die heilige Stadt Jerusalem einreitet, das Volk begrüßte ihm mit Palmwedeln, heiligen Pflanzen, und sah darin, dass er nicht auf einem kriegerischen Pferd einritt, ein Zeichen der Demut und des zukünftigen Friedens. Zwar gilt der Esel sonst gemeinhin nicht als „munter“, sondern eher als etwas störrisch. Aber immerhin bekommt er von Gott eine Stimme verliehen, als der brutale Bileam sie (es war eine Eselsstute) schlägt, nur weil sie vor einem Engel gescheut hatte! Na gut, Esel werden berechtigt begünstigt!
Wölfe hingegen –mit der dritten Strophe ist so eine Sache. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, ist Hobbes und nicht direkt christlich gedacht, wenn auch historisch ziemlich erfahrungsbewehrt. In der Bibel tritt der Wolf bemerkenswerterweise fast nie ohne das Schaf auf, immerhin; und der Prophet Jesaja prophezeit eine neue Zeit, ein wiedergekehrtes goldenes Zeitalter sozusagen, in dem Wolf und Lamm zugleich weiden werden. Was hingegen Mohammed mit dem Wolf zu tun hat, da streiten die Quellen ein wenig; es gibt eine unterschiedlich überlieferte Legende, in der er einen Wolf davon abbringt, eine Hindin zu reißen, aber ihr dafür ein attraktiveres Opfer anbietet. Na gut, der Wolf im Gedicht ist ja auch nur „halb schüchtern“ geworden; ob er sich von der Robin-Hood-Logik wirklich überzeugen lässt, da fragen wir besser seine andere, nicht-schüchterne Hälfte. Aber trotzdem nehmen wir mit, dass das Almosengeben im Islam eine der fünf Glaubenssäulen ist und durchaus einen gewissen Umverteilungsgedanken transportieren mag.
Aber dann, das Hündchen, das Hündchen! Das Hündchen ist eine wichtige Gestalt im Divan. Im letzten Gedicht, Gute Nacht, steht es ganz am Ende, das Hündlein, das treue. Es ist, und natürlich ist die Geschichte wiederum christlich und muslimisch überliefert, das Hündchen aus der Siebenschläferlegende, die im Divan selbst erzählt wird und deshalb hier nicht nachgeplappert werden muss. Wichtig ist nur: Bei den sieben jugendlichen Glaubenshelden, die in einer Höhle ihre Verfolgung verschlafen, schläft nur in der islamischen Variante ein Hündchen mit (manchmal sind es auch drei oder vier, es kommt nicht darauf an). Die Treue, das unbedingte Vertrauen in Gott, das die jungen Glaubenshelden zeigen, wird sozusagen potenziert durch das Hündlein, das über seinen Herrn vermittelt Gott vertraut; dabei immer schön schwanzwedelnd, munter und brav, ganz die fröhliche Hundenatur, sogar im Schlaf sieht man die Schwanzspitze noch ein wenig zucken. Auf jeden Fall berechtigt, vergünstigt und auserwählt! Nicht jedoch in der christlichen Variante. Sie kennt kein Hündchen, gar keines.
Am Ende hingegen steht die Katze, und das ist schon ein wenig tückisch (Katzen halt). Katzen haben jetzt nicht so einen guten Ruf, allegorisch und so (in der Bibel kommen sie praktisch nicht vor). Ein Tier, das um seinen Herrn „knurrt“ und ihm „schmeichelt“ – das ist wohl ein klassischer Günstling, um nicht zu sagen: eine Berufsopportunistin, auf sanften Katzenpfoten schleicht sich die Katze in unser Herz, aber ganz sicher sein kann man sich ihrer nie. Sie wedelt auch nicht mit dem Schwanz, ihre Sprache ist überhaupt viel komplizierter. Aber deshalb kann man ja trotzdem ein „Abuherrira“ sein, ein „Katzenfreund“ nämlich, wie einer der Gefährten Mohammeds, Prophet auch er; er überlieferte genauso christliche Legenden wie muslimische, und er mochte eben Katzen, was ihm den Namen eintrug, unter dem er bis heute bekannt ist. Wahrscheinlich hat Abuherrira seine Katzen gestreichelt, wenn sie ihm umschmeichelt haben. Macht ihn das zu einem besseren oder schlechteren Menschen? Oder einem hellsichtigeren Propheten? Oder doch nur zu einem von Mohammeds Günstlingen? Denn Mohammed mochte auch Katzen. Es ist sogar der Name seiner Lieblingskatze überliefert, Muezza soll sie gehießen haben. Und Mohammed soll es auch gewesen sein, der dafür sorgte, dass Katzen immer mit vier Pfoten auf den Boden fallen, indem er Muezzas Rücken nach der Rückkehr vom Gebet dreimal streichelte. Seitdem fällt die Katze auf die Pfoten. Katzen sind weder berechtigt noch auserwählt ins Paradies zu kommen; sie sind eben einfach begünstigt.
Das kann man für eine zweifelhafte Moral halten. Oder für – nun ja, eine Art von Inklusivität, die dem Fremden seine Fremdheit lässt und es nicht ins eigene Moralsystem einkleidet? Goethe hätte aber wahrscheinlich über beides die Schultern gezuckt. Im Gute-Nacht-Gedicht, das den Divan abschließt, schreibt er sich ein wenig selbst zur Ruhe. Er zieht sich zurück in seine ganz persönliche Siebenschläfer-Felsspalte; um dann, nach langem Schlaf, wieder zum Paradies zu erstehen, „mit Heroen aller Zeiten“, „frisch und wohlerhalten“. Dabei ist, wie könnte es anders sein: das Hündlein gar, das treue (dem Goethe auf der Bühne ja bekanntlich nicht so gewogen war). Denn der Dichter, der west-östliche, er ist „gern gesellig“, dem „Genusse“ nicht abgeneigt und nichts weniger als ein Moralist oder ein Dichter für eine intellektuelle Elite: „Daß die Unzahl sich erfreue“, das ist der Zweck des Divan (na gut, einer der Zwecke, ein halber vielleicht). Die „Unzahl“. Wie erfreut sich eine Unzahl? Das zur gefälligen Meditation allen Berechtigten, Auserwählten und Begünstigten in ihrer persönlichen Felsspalte.
Gute Nacht!
Nun, so legt euch, liebe Lieder,
An den Busen meinem Volke!
Und in einer Moschuswolke
Hüte Gabriel die Glieder
Des Ermüdeten gefällig;
Daß er frisch und wohlerhalten,
Froh, wie immer, gern gesellig,
Möge Felsenklüfte spalten,
Um des Paradieses Weiten,
Mit Heroen aller Zeiten,
Im Genusse zu durchschreiten;
Wo das Schöne, stets das Neue,
Immer wächst nach allen Seiten,
Daß die Unzahl sich erfreue.
Ja, das Hündlein gar, das treue,
Darf die Herren hinbegleiten.
Zur Ablenkung von Corona las ich irgendwann Moby Dick. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, irgendetwas zwischen Männerbuch und ewiger Nobelpreiskandidat, whatever. Was ich nicht erwartet hatte, war ein – nun, ein ins Meer versetzter Faust-Kosmos, ein Leviathan von Literatur. Nein, ich meine nicht (nur) Ahab, obwohl er immerhin einen eigenen Mephisto mitbringt (Fedallaha heißt er und Parse ist er, er spricht aber im Unterschied zu Mephisto nicht gar viel) und ganz sicher nicht aufhört, sich strebend zu bemühen, oh nein, im Gegenteil. Ahab hat außerdem eine Art tumben Lehrling an Bord, einen seemännischen Wilhelm Meister (call me Ishmael!) und keine einzige Frau. Dafür haben wir ja Moby Dick, und es spricht einiges dafür, das kann ich jetzt aber nicht in voller Länge darlegen, dass Moby Dick, wie alle Killerwale, eine Frau ist (there she blows! kreischt der Matrose im Ausguck, wenn er endlich den verräterischen Spaut sieht); was wiederum interessant ist, da der Killerwal für Ahab ja auch der Leviathan ist, das biblische Seemonster, und was würde es nun bedeuten, wenn der Leviathan eine Frau – das Ewig-Weibliche gar wäre?
Aber nein, darüber sprechen wir jetzt nicht. Wir sprechen jetzt über Moby Dick, eine Weltenzyklopädie am Leitfaden des Wales: Was kann man nicht lernen, wenn man Harpunen auswirft vom Wal, umgekehrte Harpunen sozusagen, über Religion, Wirtschaft, Politik? Über Herrschaftsverhältnisse, Geschlechterverhältnisse, Psychopathien und Neurosen? Über Kunst, Literatur und Kannibalismus? Alles kann man lernen am Leitfaden des Wales. Wenn ich Moby Dick dann zum zweiten Mal lese, lese ich auch alles, versprochen; aber bei der ersten Faust-II-Lektüre bin ich auch über den einen oder anderen Mummenschanz hinweggehüpft. Und natürlich ist es ein genialer Trick von Melville, den Leser so lange mit Wal-fun facts zu quälen, dass er am Ende genauso scharf wie der irre Ahab darauf ist, das blöde weiße Monster endlich zu sehen, damit wir es ein- für allemal hinter uns haben! Einmal taucht sogar Goethe auf in Moby Dick, ganz ehrlich. Gespräche mit Eckermann, irgendein Zitat, aber es war nur der endgültige Beweis, dass in Moby Dick alles vorkommt, gelegentlich auch Wale.
Noch mehr gespannt war ich jedoch nach beendeter Lektüre (alle tot, außer Ishmael und Wal, die Fortsetzung demnächst in Farbe), ob bei Goethe eigentlich Wale vorkommen. Im Faust nicht, klar; vielleicht zappelte ursprünglich im Hintergrund einer auf dem durch das verbrecherische Landgewinnungsprojekt freigelegten Meeresgrund, und Philemon und Baucis versuchen noch, ihn mit Wasser zu überschütten, aber es ist zu spät und die Episode wurde in der letzten Korrekturphase von Goethe gestrichen, der Produzent hatte schon gemault wegen der Kosten, jetzt auch noch ein Wal? Oder es hatte sich einer unter das bunte mythologische Meeresgetier gemischt, der Homunculus ist eigentlich an einem Riesenwal zerschellt und dann wieder auferstanden als Ahab, keine Flasche mehr, aber Holzbein? Delphine immerhin springen durch den Faust, sehr schön und lyrisch sogar, die Formulierung erinnert an Rilke, und man möchte sofort zur Delphin-Therapie in die Ägäis starten, aber nein, Corona zieht erst langsam ab (wollten wir doch vergessen!). Eine, um nun endlich auf das Wort zu kommen, Recherche in der Goethe-CD-ROM erbrachte unter „Wal“ – nicht einen Treffer. Umgekehrter Moby Dick, oder was? Na gut, erste Intuition der wortgewieften Redaktorin: Wal schreibt sich wahrscheinlich anders, „Wahl“ oder so, phonetisch halt. Fast richtig. Es schreibt sich „Wallfisch“, und ist das nicht auch viel schöner und imposanter? Zu „Wallfisch“ bekommt frau dann auch erwartungsgemäß das eine oder andere Zuckerle-Zitat. Zum Beispiel die Geschichte vom Walfischkopf, einem übersandten Skelett für die Weimarer Kunstkammer, gut verpackt war das Wundertier angekommen, und Goethe instruiert, dass es in den großen Saal zu den gipsernen Pferdeköpfen kommt; die Schulterblätter des Ungeheuers sind zu seiner Verwunderung mit Schiffen bemalt (machen Walfänger in der Mittagspause, kann man bei Melville lesen, samt einem Vergleich mit der akademischen Walmalerei aller Zeiten und Epochen). Na gut, tote Köpfe, aber echte Fische? Nein, echte Wallfische gibt es nicht bei Goethe. Der Wallfisch existiert für Goethe ausschließlich als naturwissenschaftliche Kuriosität beträchtlichen Ausmaßes (und evolutionäre Vorstudie zum Riesenfaultier, das interessierte ihn mehr, missing link und so) oder als Allegorie: Auf einer Überfahrt nach Sizilien fühlt er sich im Schiff behaglich wie im Wallfischbauch geborgen und plant sein neuestes Drama, mögen die kleinen Schiffe oder Fische draußen vorbeischwimmen, endlich hat man mal Ruhe (erinnern Kreuzfahrtschiffe nicht, irgendwie, an Walfischbäuche? Verschlingen und Ausspeien, Verschlingen und Ausspeien, there she blows!)!
Überhaupt bewundert Goethe am Wallfisch, das zitiert er mehrfach, dass dieser den Strom vertilgt, und nicht etwa umgekehrt. Man sieht geradezu vor sich, wie Goethe sein großes Maul aufsperrt, und dann marschieren die gesamten französischen Revolutionäre hinein, zielstrebig den Schlund hinunter, und am Ende macht Goethe das Maul zu, und der Strom ist weg, ein kleiner Rülpser nur noch, eine halb verdaute Kokarde kommt wieder hoch und verfängt sich zwischen den Barten. Wer aber Wallfische fangen will und nicht etwa kleine Fische, der braucht Harpunen (längeres technische Kapitel bei Melville)! Und Goethe will, symbolisch gesprochen, Wallfische fangen, auch wenn er zwischen den einen oder anderen kleinen Fisch mitnimmt (Maximenschwärme, ungeordnet). Deshalb wirft er seine Harpunen, weit wirft er sie, scharf sind sie, lang ist das unzerstörbare Seil; aber trifft er auch, weithin, wird es gelingen, so wie die übermenschlichen vollkörpertätowierten Kannibalen bei Melville weithin werfen und trotzdem treffen? – aber nein, da springt und bläst sie immer noch, die verdammte Farbenlehre dieses Newton, der einzige mathematisch-physikalische Leviathan, auf den es Goethe wirklich abgesehen hatte, gnadenlos, immer wieder mit Harpunen schmeißend und selbst geradezu ahabmäßig auf mangelhaften Instrumenten dahinhinkend. Newton aber: Das ist ein Strom, den kann man nicht einfach durchlaufen lassen! Wie schön war‘s doch im Wallfischbauch, verseschmiedend und die Welt vergessend! Aber schließlich ist man kein Dichter, der seine Kunden nur mit Honig ködert und süßen Pillen, Dichter sind allerhöchstens Schleier- oder Paradiesfische, gelegentlich mischt sich ein Butt mit ein, und selten nur trifft man einen ordentlichen Raubfisch. Goethe aber, wenn er nicht gerade den Leviathan Newton harpunierte, war selbst ein Wallfisch; eine Art Welt-Leviathan, der die Welt einfach in sich einströmen lässt, einiges bleibt in den Barten hängen, anderes rumort unverdaulich im großen Wallfischbauch und wird wieder ausgespien, eine kleine Xenie verfängt sich dabei immer, aber meistens strömt es, es strömt und fließt, und man muss es strömen lassen, durch sich hindurchfließen, das Große und das Kleine, das Gute und das Schlechte, das Leichte und das Schwere.
Goethe ist aber auch Ishmael, der reisende Schreiber des Wal-Universums, der wandernde Wilhelm Meister aus Nantucket, den es zwischendurch nach Italien verschlagen hat. Und als er (also: Goethe, nicht Ishmael) eines Abends dort vom Bildungs- und Wiedergeburtswerk ausruht, am Himmel flanieren ein paar Wölkchen, die Grillen zirpen herzzerreißend, da schreibt er: Er fühle sich doch einmal in der Welt zu Hause; nein, eigentlich fühle er sich so wie einer, der von einem Wallfischfange aus Grönland in seine eigentliche Heimat, das Land seiner Geburt, zurückkehrt. Der Vergleich ist, gelinde gesagt: unerwartet. Man sitzt in der Toskana, die Brunnen plätschern brav, der Wein ist wohltemperiert und das wohlbestrumpfte Bein dekorativ übergeschlagen, und man imaginiert sich: Grönland? Wale? Harpunen? Eben. Deshalb sind wir nicht Goethe. Wir kommen immer nur bis zur Toskana (und noch nicht mal das seit einiger Zeit). Mehr können wir nicht schlucken.
Alle Vöglein sind schon da, und man kann sie endlich schießen. In dieser sommerlichen Jagdstrecke von Vogelfang bis Vogelzunge zeigt sich der jägerische, dem geselligen, auch volkstümlichen Geschehen gar nicht abgeneigte Goethe, der sogar das Vogelschießen in Weimar, wie das Fronleichnamsfest in Erfurt (Fronleichnam und Vogelschießen??!!) bunt, bedeutend und anziehend machen möchte: buntes Getümmel allenthalten, ganz osterspaziergangs-mäßig (Goethe erfindet übrigens auch vogelmäßig, und man hätte doch gedacht, alle Komposita auf -mäßig seien Erfindungen der gern semantisch vagen Gegenwartssprache), alle Stände von Weimar sind da, „in einem mäßigen Bezirk“ (anderes „mäßig“, wohldefiniert), und man vergnügt sich ganz unschuldig – bis auf einmal, keiner hat es gesehen, ein junger Bursche auf der Erde liegt, „so todt als je einer“, einen anderen hat es am Arm gestreift, und hätte nicht – jeder von uns totgeschossen werden können? Na gut, dann gehen wir lieber doch auf Vogelfang und Vogelstellen, definitiv ungefährlicher zumindest für die Menschen; der Vogelherd ist schon gerichtet (ein erhöhter Platz), die Leimruten ausgelegt, auf denen die Drosseln zappeln werden, ganz so wie der unbotmäßige Chor im Faust II, dem Phorkyas droht; auf den Leim gegangen sind sie nämlich, und da hilft kein Vogelgeschrei und kein Vogelgesang und kein anrückendes Vogelheer.
Aber natürlich sind die Vögel nicht nur zum Schießen und zum Singen da, oh nein! Man kann sie auch sezieren, den Vogelschnabel oder den Vogelkopf oder das Vogelskelett. Man kann ihre schön changierenden Vogelfedern für die Farbenlehre untersuchen oder die Vogelmilch in der Botanik auffinden (den Wald-Gelbstern). Man kann sogar Vogelnester essen, wie die Indianer (die eigentlich natürlich Inder sind), Goethe lässt sich eines schicken: Das sind mit Schwalbenleim zusammengefügte Schwalbennester aus Indien oder China, läuft einem das nicht das Wasser im Munde - ? Nein, tut es nicht. Springen wir lieber schnell zum Vogelnestgewölbe, was die feinverästelten spätgotischen Kreuzrippengewölbe englischer Kathedralen sehr anschaulich werden lässt. Die Vogelperspektive bleibt hingegen eher schwach, immerhin jedoch ein poetologischer Beleg: Die „wahre Poesie“ nämlich erhebe den Menschen mit all seinem irdischen Ballast in solche Höhen, dass ihm die „verwirrten Irrgänge der Erde“ wie aus der Vogelperspektive erschienen. Wenn sie es doch nur täte! Heutzutage zeigt sie einem eher die verwirrten Irrgänge des Einzelnen aus der Froschperspektive.
Aber nun gut, dafür hat das Wort Vögeln immerhin Eingang in den allgemeinen Sprachschatz gefunden, auch wenn es bei Goethe nur der lose Hanswurst verwenden darf, der die Mädels mit dem Werther aufgeilt, um sie dann – nun, des Nachts zu „vöglen … das alles kracht“. Oder ein armer holländischer Anatom, der doch nur über unschuldige „Vöglein“ sprechen wollte; aber wer sich im Deutschen verspricht, den bestraft das Leben, und eine Woche später lag er da und musste seine STD mit Merkurium auskurieren! (Akronyme, so praktisch! Und immer korrekt! Geradezu ein Vogelflug über komplizierte Wörter, man erhascht nur die Anfangsbuchstaben und baut ein ganz kleines neues Nest davon! Nur mit Sprachleim!)
Die Vöglein bringen noch mehr Sprachfang ins semantische Netz: den Vogelplanet nämlich, den Goethe gesprächsweise erfindet, neben dem Fischplaneten (und damit mehr Phantasie beweist als viele Science Fiction-Autoren bis heute, die es nur zum Planet der Affen gebracht haben; wenn die Außerirdischen wirklich menschenähnlich wären, möchte man sie schon gar nicht kennenlernen!). Oder die Vogelhecke. Das ist nämlich, lernt die Redaktorin staunend in unser aller Grimmschem Wörterbuch, ein eigenes Wort für die Fortpflanzung der vögelnden Vögel, zugleich der Ort, wo selbige geschieht (muss aber nicht unbedingt eine Hecke im verbreiteten Wortsinn sein) sowie die dabei entstehende Vögelbrut als solche! Der junge Goethe, damals in Sesenheim auf der Pirsch nach den hübschen Sommervögeln, hatte sich bei einem Besuch im strengen Pfarrhaus den Hut weit ins Gesicht gezogen, um sich zu vermummen. Und eines der losen Pfarrmädel führt ihn beim Vater ein mit einem Wortspiel, das so schön ist, dass man es doch eher dem losen jungen Goethe zuschreiben und damit dem Dichtungs-Teil von Dichtung und Wahrheit zuschlagen möchte: Der junge Mann habe nämlich eine Vogelhecke unter dem heruntergezogenen Hut, „die möchten hervorfliegen und einen verteufelten Spuk machen: denn es sind lauter lose Vögel!“ Hört man da nicht schon fast Mephisto herausgrinsen?
Die armen Vögel, die losen vor allem, aber sind frei: vogelfrei nämlich. Ach, frei wie ein Vogel die Vogelperspektive genießen, Vogelhecken brüten und niemand auf dem Leim gehen! Oh nein, denn: Wer frei ist wie ein Vogel, der war, in Zeiten, wo Leben noch ein echtes Risiko war, eben auch: ungeschützt. Durch keinen Lehnherrn, kein Recht, gar nichts. Noch der einfachste Leibeigene war, zum Glück, unfrei und geschützt. Dass der Vogelfreie dann auch noch geächtet wurde, hat sich wohl erst seit Martin Luther ins kulturelle Gedächtnis eingegraben; Goethe jedoch konnte noch sagen, dass Verleger und Autoren sich fatalerweise selbst für vogelfrei erklärt hätten und nun niemand mit ihnen rechten könnte. Nein, vogelfrei will auch der Autor nicht sein, vor allem: wenn er ein erfolgreicher ist und viel Geld verdienen könnte, wenn die fallenstellenden Nachdrucker nicht wären! Beim Nachdenken darüber könnte man einiges über Freiheit lernen, wenn auch nicht so viel über Vögel, sondern eher über Menschen, die gern Vögel schießen und ihnen Fallen stellen und sich selbst dabei für frei halten.
Am Ende kam der Vogelscheu (nein, keine Vogelphobie) samt seiner Nachfolgerin, der Vogelscheuche. Ein Briefzitat dazu, an den Großherzog Carl August, aus dem Jahr 1826, also zwei Jahre vor dessen Tod. Goethe schickt seinem langjährigen Freund und ehemaligem losen Vogel, inzwischen aber politisch hochdekorierten Arbeitgeber und Erbfürst, zwei Exemplare eines „unerfreulichen Werks“; unerfreulich deshalb, weil die Königliche Hoheit samt dero Gemahlin (Goethe spricht immer akten- und protokollmäßig von hochgestellten Personen, es ist ihm selbstverständlich) darin als „Vogelscheuchen der schlimmsten Art aufgestellt“ seien. Dabei sei es jedoch gleichzeitig „merkwürdig“ (und auch das meint Goethe immer wörtlich), dass gerade die Eigentümlichkeiten der dargestellten Personen (ob positive oder negative, wird nicht gesagt, es spielt auch keine Rolle) dabei „in’s Widerwärtige gezogen“ seien. Laut Goethe-Forschung konnte nicht ermittelt werden, um welches unerfreuliche Werk es sich handelte, und das lässt der Redaktorin natürlich keine Ruhe; wozu hat man schließlich google und damit das Wissen der Welt nicht nur aus der Vogel-, sondern aus jeder nur denkbaren Perspektive? Ein paar geschickte Flugmanöver später fand ich den Deutschen Regenten-Almanach auf das Jahr 1827 mit einem ausführlichen biographischen Artikel zu Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Erschienen in Ilmenau, also direkt in der Nachbarschaft, Goethe war oft zum Jagen dort (und die Redaktorin gerade auch, nicht zum Jagen). Herausgegeben, der Almanach also, von Bernhard Friedrich Voigt, Sohn eines langjährigen Weimarer Freundes von Goethe. Na gut, 1827, und der Brief datiert vom 18.4.1826; aber wäre es nicht denkbar, dass Goethe der Artikel vorab zugekommen war, die Vögel fliegen schnell und häufig zwischen Weimar und Ilmenau, und ob sie schreien oder singen, kommt ganz auf den Hörer an? Natürlich lobt der Artikel den Großherzog, sonst würde er sowieso nicht erscheinen; aber wäre es denkbar, dass Goethe hier schon das Vogelscheuchen-Mäßige des personality-Kultes und der Regenbogenpresse und der social-media erkannt hat? Es kommt gar nicht darauf an, ob man gelobt oder getadelt, in den Himmel gehoben oder in den shitstorm gerissen wird; es ist einfach peinlich, solche Dinge öffentlich zu tun, und erst recht: das Verdienst öffentlich zur Vogelscheu aufzustellen. Jede Eigentümlichkeit, so ansprechend und reizend sie im persönlichen Umgang sein mag, wird vergröbert, wenn die unter Fürstenkronen brütenden Vogelhecken, egal ob lieblich oder furchterregend, ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Der Vergleich ist eigentlich gar nicht so schlecht, wenn man darüber nachdenkt. Vogelscheuchen, wir sind umstellt von pseudo-berühmten, mit allerlei Mäntelchen behängten und dann an eine Stange geleimten Vogelscheuchen. Na gut, wie immer unfair gegenüber den Vögeln: Sie haben das alles schon längst durchschaut und führen ungerührt ihre lieblichen Vögelgespräche (Titel eines berühmten Werkes eines persischen Dichters des 12. Jahrhunderts, das wir gleich bestellt haben, und dieser neue literarische Vogelfang allein war all diese seltsamen Überflüge wert, die wahrscheinlich eine gute Vogelschau ihres derzeitigen krankheitsgetrübten Geisteszustandes ermöglichen würden: eher mittel-mäßige Auspizien).
Überhaupt ist der Vogel bei Goethe, spätestens seit der Aristophanes-Übersetzung (frei und frech an Weimarer Verhältnisse angepasst), eher ein Schimpfwort. Überall sieht er den oder, schöner, weil altertümlicher: das Chor der Vögel, wie es den vermeintlich so klugen, den Gelehrten, den nase- und schnabelweisen Kritikern vor allem, alles nachplappert, und jeder auch nur mittelbegabte Manipulator bringt alle Vöglein zum Schnattern, und das, was dabei den Schnäbeln entfleucht, ist eben- Geschnatter, kein schöner Gesang, sondern Lärm, Chaos, Massenhysterie. Am schönsten schnattern sie Beifall, wenn man ihnen ein Wolkenkuckucksheim verspricht, wie es gerade mal wieder in den schnatterreichsten Vorwahlzeiten Mode geworden ist; und frau muss kein Schuhu sein, um hier düsteres Unheil zu wittern: Denn wenn Wolkenkuckucksheim einstürzt, wird sich herausstellen, dass es dagegen doch keine Universal-Schadens-Versicherung gab und die zerschmetterten Träume noch am leichtesten zu verkraften sind. Nein, Goethe will meist gar nicht recht ein Vogel sein, weder ein freier noch ein loser, und im Chor der Vögel singt er sein Leben lang nicht mit. Erst spät wird er Hudhud entdecken, den wahrlich unwiderstehlichen Wiedehopf, aber vielleicht hat er sich auch nur in das Wort verliebt.
Zappeln. Noch ein kleiner Bildungs-Beifang, weil wir gerade im Schwunge sind. Es geht also um das Zappeln, auch ein Urtrieb des Menschen, aber nicht nur des Menschen; denn zappelfüßig sind die Ameisen; das vielfüßige, emsige Kollektiv; sie sind sogar zabblich und krabblich! Und die Fische, und ein solcher hatte sich in dem Netz der Redaktorin verfangen; der Meister sprach nämlich fol-gendes: „wenn man die abgestorbenen Redensarten aus eigener Erfahrungs-Lebendigkeit wieder anfrischt, so geht es wie mit jenem getrocknetem Fisch, den die jungen Leute in den Quell der Verjüngung tauchten und als er aufquoll, zappelte und davon schwamm, sich höchlich erfreuten, das wahre Wasser gefunden zu haben“. Das mochte die Redaktorin natürlich des Anfrischens abgestorbener Redens-Arten wegen, das ihr ja ein höchstpersönliches Anliegen ist. Aber wie genau funktionierte nun die Geschichte mit dem Fisch eigentlich, und woher war sie angeschwommen? Irgendwie musste es sich ja um eine der endlosen Jungbrunnen-Varianten handeln, und nach einigem google-Gezappel (auch nicht schlecht, oder?) fing sich die altorientalische Sage vom Lebenswasser, das Al-Chidr (eine Art Dämon-Prophet-Unsterblicher) bei seinen vielen Wanderungen eher zufällig fand (die GPS-Daten gab das Netz nicht raus). Al-Chidr und sein Begleiter Elias nämlich (ja, der aus dem Alten Testament; ja die Religionen verkreuzen sich wie die Mythologien gern) waren durstig, wie man es leicht wird, wenn man durch die Wüste streift. Und als sie einen Brunnenquell finden, halten sie zuerst den mit-genommenen gedörrten Fisch unter das freundlich sprudelnde Wasser, um ihn etwas schmackhafter und leichter verdaulich zu machen. Doch zu ihrem Erstaunen beginnt der tote Fisch auf einmal zu zappeln, ja, er will sogar entkommen! Sie haben doch tat-sächlich das Lebenswasser gefunden, und ein toter Fisch hat es ihnen gezeigt! Eigentlich aber war er eine abgestorbene Redewendung (Schau hi, da liegt a toter Fisch im Wasser!), und eine persönliche Lebenserfahrung (der Versuch, Stockfisch irgendwie essbar zu machen) hat ihn wiederbelebt! Ach, wie gern würde man das öfters sehen! Zwar trinken alle ohne Ende aus ihren inzwischen beinahe angewachsenen Wasserflaschen, aber man ist sprachlich umgeben von den allerdörrsten Fischen und wahrhaft unsterblich ist nur die allertoteste Metapher (Beispiele sind der tagesaktuellen Zeitung zu entnehmen, sie finden sich vor allem in den Kommentarspalten, wo gedörrte Fische ein geradezu unheimliches Weiterleben führen). Lasst die Wörter wieder zappeln! (den Satz hat sich die Redaktorin redlich erschrieben, jetzt kann sie Suppe kochen gehen und hoffen, dass die Bohnen dabei nicht ins Zappeln geraten, wenn sie ins Wasser gleiten).
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Zänkerei. Nein, ein Fisch noch. Es ist kein kleiner. Es geht um die Rezension eines Buches, das dem Meister – naja, nicht sonderlich gefallen hat, aber irgendetwas kann man immer lernen, und manchmal mehr aus mittelmäßigen als aus glanzvollen. Dieses philosophische Werk also wird als Beispiel für eine alte gelehrte Zänkerei angeführt, nämlich den wahrhaft unsterblichen Streit um den freien Willen, oder, zeitgemäß gesprochen: die moralische Freiheit. Und Goethe holt etwas aus und – erzählt uns eine Geschichte, eine Fabel, eine lehrreiche und ein wenig lustige. Also: „Man weiß aus der ersten Ausgabe, daß dieses Buch die Lehre von der moralischen Freiheit geradezu widerlegt. --- Es waren einmal einige Vögel in einer weitläufigen Voliere. Ein Buchfink sagte zu seinem Nachbar Zeisig, der von einem Bäumchen zum andern munter herumflatterte: Weißt du denn, mein Freund, daß wir in einem Käfig stecken? Was Käfig, sagte der Zeisig; siehe wie wir herumfliegen! Dort ist ein Käfig, wo der Kanarienvogel sitzt. --- Aber ich sage dir, wir sind auch im Käfig. Siehst du dort nicht das Gegitter von Draht? --- Das ist dort, aber siehe, so weit ich auf allen Seiten sehen kann, steht keins! --- Du kannst die Seiten nicht alle übersehen. --- Das kannst du auch nicht! --- Aber denke nur, fuhr der Buchfinke fort, bringt uns nicht unser Herr alle Morgen dort in den Trog Wasser, streut er uns nicht hier auf die Ecke Samenkörner; würde er das thun, wenn er nicht wüßte, daß wir eingeschlossen sind und nicht davon fliegen können? --- Aber, sagte immer der Zeisig, ich kann ja freilich davon fliegen! So stritten sie noch lange; bis endlich der Kanarienvogel aus seiner Ecke rief: Kinder, wenn ihr streiten müßt, ob ihr im Käfig seid oder nicht? so ist's so gut, als wäret ihr nicht darinnen! --- Seitdem uns ein alter Philosoph diese Fabel gelehrt hat, seitdem haben wir allen Streit über Freiheit aufgegeben. Es ist vielleicht auch keine gelehrte Zänkerei weniger gründlich behandelt worden, als diese. Meist hat man auf der einen Seite Begriffe nach Willkür geschaffen, und meist auf der andern Einwürfe aus schiefen Inductionen geholt. Am Ende war Spott hier, und Anathema dort der Beschluß des sehr entbehrlichen Dramas“. Da könnte man vieles zu sagen. Oder auch nicht. Wir lassen es hier einfach mal so stehen, um das Getwitter um den freien Willen nicht unnötig zu vermehren. Und gehen lieber Zeisige und Buchfinken und Kanarienvögel schauen.
Würmer. Die armen Würmer, totale Niete im Schöpfungsgewürfel der Natur, ein Wurf, der einfach nicht abheben wollte, und seitdem kriechen sie daher, in jeder Kette das unterste Glied, vielfach getreten, aber wenn man sie tritt – dann krümmen sie sich (wir werden später dazu kommen). Durch die Bibel kriecht der Wurm ganz gewaltig, nämlich als Bild für die Unbedeutendheit des Menschen schlechthin im Angesicht Gottes (oder des Universums): „Siehe, auch der Mond scheint nicht hell, und die Sterne sind nicht rein vor sei-nen Augen – wie viel weniger der Mensch, eine Made, und das Menschenkind, ein Wurm!“ Buch Hiob, natürlich. Dazu kommt seine Verwandtschaft mit der Schlange, dem Würger schlechthin, das hilft auch nicht, imagemäßig. Und trotzdem, man soll es nicht glauben, erweist sich Goethe gerade beim Blick auf den Wurm allen Übels als Tierrechtler: „Jedes Wesen das sich als eine Einheit fühlt, will sich in seinem eigenen Zustand ungetrennt und unverrückt erhalten. Dieß ist eine ewige nothwendige Gabe der Natur, und so kann man sagen, jedes Einzelne habe Charakter bis zum Wurm hinunter, der sich krümmt wenn er getreten wird“. Würmer sind, würde man heute sagen, also empfindungsfähige Wesen, und dementsprechend: als Lebensform mit eigenem Wert zu würdigen (Würmer sind Freunde, und kein Vögelfutter!) Andererseits sind da die Krankheitswürmer, Bandwürmer und ähnliches Ungeziefer. Auf den Märkten schnitten die Wurmschneider den Bürgern den Wurm, was von vage gesundheitlich-positivem Wert sein sollte, aber statt Würmern nur Geld geschnitten hat. Das hat sich nicht gekrümmt, niemals. Geld nämlich hat, im Unterschied zu Würmern, keinen Zweck in sich selbst, und das ist eine Lektion, die sogar ziemlich wichtig sein könnte.