I.
Als ich neulich nachts darüber nachdachte, warum ich in meinem bisherigen Leben für das Wort „tragisch“ so wenig Verwendung hatte (eine untragische Existenz?), fiel mir im Morgengrauen ein, dass Franz Kafka (eine tragische Existenz?) die ultimative Parabel zu diesem Thema geschrieben hat. Es ist die Geschichte von dem Mann, der sein ganzes Leben vor einer Tür verbracht hat, wir wissen noch nicht einmal, ob es einen Warteraum gab (ich kenne mich gerade sehr gut aus mit Warteräumen, inneren und äußeren) und das große, weite Internet war auch noch nicht erfunden. Und als es ans Sterben geht, kommt der Türhüter zu ihm, der ihm standhaft den Eintritt verweigert hatte, und er sagt, ungefähr, so meinte ich dämmernd zu wissen: Diese Tür war nur für dich bestimmt und ich gehe jetzt und schließe sie!
Aber natürlich musste ich bei fortgeschrittener Tageszeit die Geschichte nochmal nachlesen, dafür gibt es ja das große weite Internet und Frühstückskaffee. Als erstes stellte ich fest, dass ich einen gar nicht so unwesentlichen Teil vergessen hatte. Den Titel. „Vor dem Gesetz“ heißt die Parabel nämlich, der arme Mann kommt vom Land und steht nicht sein Leben lang vor irgendeiner Tür, sondern er ist zum Gesetz gekommen in der gutgläubigen Annahme, zum Gesetz werde doch jeder vorgelassen, aber er hat keinen Einlass erhalten. Er hatte sogar Dinge mitgebracht, mit denen er den „tartarischen“ Türhüter, der einen dünnen schwarzen Bart hat und einen Pelz, in dem Flöhe wohnen (kein unwichtiges Detail, wir werden darauf zurückkommen!), bestechen kann. Oder von denen er leben kann, von irgendwas muss er doch gelebt haben die ganze Zeit! Aber darum geht es nicht in Parabeln, wo es um das reine Leben geht, nicht das schnöde Überleben. Man spricht manchmal miteinander, gelegentlich tut der Türhüter so, als sei er wirklich einer und stellt kleine Pseudo-Verhöre an. Der Mann vom Lande sollte nicht das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben, also außer seinem Leben vielleicht, auch als er später „kindisch“ wird und beginnt mit den Flöhen zu sprechen (ein wunderbar kafkaeskes Detail, und wüssten wir nicht gern, welche Gespräche er mit ihnen führt, um ihr winziges Flohherz zu erweichen?). Am Ende ist der Mann noch kleiner geworden, und der Türhüter, der ihn „unersättlich“ nennt, muss sich zu ihm hinabbeugen, um seine letzte Frage zu vernehmen: Warum denn er eigentlich der Einzige gewesen sei, der hier, an dieser Tür, zum Gesetz gewollt habe? Und der Türhüter schreit ihm, seines „vergehenden“ Gehöres wegen, die Antwort ins Angesicht, sein ganz persönliches Todesurteil (das ich korrekt erinnert habe, sogar in der Formulierung): Diese eine Tür sei nur für ihn bestimmt gewesen, und er werde sie jetzt schließen. Im Hintergrund hatte der Mann immerhin noch das „unerlöschliche“ Strahlen des unerreichten Gesetzes gesehen; aber das ist jenseits der Parabel, und die Tür fällt zu.
II.
Man könnte nun, wenn man Kafka, was man überhaupt öfters tun sollte, gegen den kafkaesken Strich bürstet, überlegen, wer denn hier genau die tragische Figur ist, oder vielleicht sogar: was? Der Mann vom Lande, nun, er ist ein allzu offensichtlicher Kandidat: klein und dumm und leicht riechend denkt man sich ihn, und wie kann man nur so naiv sein zu glauben, jeder komme vor das Gesetz, einfach so, selbst wenn vom Lande kommt? Aber woher wissen wir das alles eigentlich? Ist der Mann vom Lande nicht eigentlich ein Held der Aufklärung, ein Don Quijote des Selbstdenkens? Denn immerhin hat er sich ohne Marschbefehl aufgemacht, einfach so, um endlich einmal das Gesetz, von dem immer alle in so großen Worten immer reden, selbst in Augenschein zu nehmen. Vielleicht hat er Frau und Kinder verlassen, vielleicht war er reich auf dem Lande und selbst ein großer Mann mit Pelzen im Schrank, und gewitzt ist er sowieso, er hat schließlich Dinge mitgebracht! Dass er am Ende kindisch wird und mit Flöhen redet – nun, das erwartet uns alle, und froh sollen wir sein, wenn wenigstens die Flöhe noch mit uns sprechen. Und immerhin hat er vorher noch den großen Glanz gesehen, das kann nun wirklich nicht jede von uns sagen!
III.
Oder ist der Türhüter die tragische Figur? Definitiv der dämlichste Job der Welt, minder qualifiziertes Sicherheitspersonal hat die Krisengebiete dieser Welt geflutet, und man kann noch froh sein, wenn es nicht allzu schwer bewaffnet ist und nur Flöhe in seinem dicken, stinkenden Pelz hat. Zudem ist er nur der vorderste Vorpfosten, wie er selbst erläutert; ein winziges Rädchen in der großen Gesetzes-Maschine, nicht nur ein Vor-, sondern eher ein an die Peripherie versetzter Außenposten, zuständig für Männer vom Lande. Und er macht seinen Job sogar halb anständig, er stellt kleine Pseudo-Verhöre zur Unterhaltung an, er hat dem armen Mann sogar einen Schemel gegeben, beinahe menschenfreundlich! Und er ist, am Ende, immerhin ehrlich. Als sich die ganze „Erfahrung“ (so sagt Kafka, und das ist höchst unkafkaesk) des Mannes zur letzten Frage ballt, die so nahe auf der Hand liegt, dass er sie die ganze Zeit übersehen hat – da sagt ihm der tartarische Türhüter (ging es Kafka vielleicht nur um das Lautgeklingel?) die ganze Wahrheit, die er also auch schon all diese Jahre gewusst hat und bei größerer Menschenfreundlichkeit ja auch vorher hätte sagen können (dann wäre der Mann aber nie aus „Erfahrung“ selbst klug geworden!). Der Tod ist der Preis für diese Antwort, danach stirbt ein Mann, ein minderer Türhüter in der Provinz schließt eine Tür und ist arbeitslos. Schließt er sie von innen oder von außen? Was wird aus ihm? Beginnt er auch mit den Flöhen zu sprechen? Ist er eine tragische Figur? Der Mann vom Lande war nur für ihn bestimmt, und jetzt ist er tot.
IV.
Und das Gesetz? Leuchtet es jetzt weiter, hinter verschlossener Tür? Aber es war doch eine Tür, und wenn sich zu viele weitere Türen schließen, wird das Gesetz dann nicht doch erlöschen (was an die bekannte Frage erinnert, ob im Kühlschrank nach Verschließen der Tür das Licht ausgeht, nie werden wir es wissen, und Kafka dreht sich im Grab herum)? Das Gesetz, ein dunkler Schemen, ein Männerding, ein jüdisches Kafka-Ding – was überhaupt soll das denn sein, dieses unerlöschlich Strahlende, das einen ehrlichen Mann vom Lande mit den besten Absichten nicht an sich heranlässt? Nennen wir es, auch wenn es peinlich literaturwissenschaftlich ist: eine Leerstelle. Denn ein gelebtes Gesetz sähe anders aus: Weit geöffnet wären seine Scheunentore, von allen Seiten strömte das Volk herbei, und die nicht arbeitslos gewordenen Türhüter, aller Schrecklichkeit bar, empfingen sie mit Konfetti (in das sich die Flöhe spontan verwandelt hatten, das kommt, wenn man zu viel Kafka liest). Und das Gesetz kennte nicht Tag und nicht Nacht und nicht Schalteröffnungszeiten, sondern es wäre der reine Tag und die reine Ewigkeit. Hinter Türen verborgen, von Kaskaden von Türhütern bewacht jedoch – das wäre ein tragisches Gesetz, das nur noch in sich selbst flackert, ein erstorbener Vulkan, der gelegentlich kleine Brocken ausrülpst, die keinen Schaden mehr anrichten.
V.
Die Flöhe jedoch leben. Man denkt sie sich unsterblich im dicken verfilzten Pelz. Sie erzählen sich Flohgeschichten und machen fröhliche Flohtänze, die Generationen gehen unmerklich ineinander über, ganz gesetzlos. Gelegentlich saugen sie ein wenig Blut, sie meinen es aber nicht böse, man muss ja leben. Es sind sehr kleine Herren, aber es sind ihre eigenen.
VI.
Außerdem, dies ist ein neuer Tag und Wissen von Wikipedia, sind Flöhe ziemlich interessante Tiere. Sie sind zum Beispiel „homometabol“ – das heißt, sie machen eine vollständige Verwandlung durch, von der Larve zur Puppe zum Insekt (was für Insekten gar nicht so außergewöhnlich ist, der Mensch hingegen, zwar fähig zur Tragik, aber ansonsten höchstens semi-metabol). Sie haben keine Flügel, aber dafür sehr kräftige Hinterbeine, mit denen sie sehr weite Sprünge machen können; die Sprünge sind zwar ungerichtet, aber dafür eine der schnellsten Bewegungen im Tierreich (ist das nicht wieder metaphernträchtig und vergleichlich: Der Mensch macht zwar auch gern große Sprünge, aber er bildet sich doch tatsächlich ein, die Richtung bestimmen zu können! Spränge er doch mehr ins Ungerichtete, ins Offene - -- ). Sehen können sie nicht so gut, die Flöhe, leider keine Facettenaugen; brauchen sie aber auch nicht, sie halten sich nämlich entweder in ihren Nestern auf (dann sind es Nestflöhe), die sie nur für einen kleinen Stich verlassen, oder im Pelz, wie beim Türhüter (dann sind es Pelzflöhe); dort können sie sich ihrer besonderen Flachheit wegen gut bewegen. Der Saugrüssel kennt die Richtung sowieso, es ist die des fließenden warmen Blutes, und wer ins Ungerichtete springt, braucht keinen Kompass. Der Floh ist genügsam, ein ordentlich gehaltvoller Zug reicht ihm schon einmal für zwei Monate (nicht unersättlich, die kleinen Tierchen, auch wenn sie meistens vom Lande kommen).
Zudem sind Flöhe unterhaltsam. Den Flohzirkus gab es wirklich, und man kann daraus vor allem lernen, auf welch abwegige Ideen Menschen kommen, wenn sie sich langweilen, egal ob auf dem Lande oder in den Städten: Sie hören die Flöhe husten vor lauter Langeweile, und dann bilden sie sich ein, sie könnten sie dressieren (nie kommt ein Mensch auf die Idee, sich selbst zu dressieren, und wenn es noch so juckt). Sie haben sich aber nur einen Floh ins Ohr gesetzt damit, jetzt krabbelt er im Gehörgang herum und kann keine weiten Sprünge mehr machen, deshalb flüstert er seinem Wirt zu, von kleinen Flohhusten-Anfällen unterbrochen, die den superflachen Chitinpanzer erzittert lassen und sanft am Trommelfell abperlen: Geh doch mal zum Gesetz, hörst du? Wer weiß, was dich erwartet dort? Der Flohzirkus hier funktioniert auch ohne dich, und der Sack Flöhe im Pelz hütet sich auch selbst. Aber das Gesetz, das Gesetz!
Es gibt übrigens auch eine Flohliteratur. Die Humanisten, Leute mit ziemlich viel Flöhen in ihrem Gelehrtenpelz, hatten es irgendwann satt, immer nur total obermoralische lateinische Fabeln zu schreiben, in denen der Fuchs listig ist, der Bär patschig und die Bienen fleißig, oh so bienenfleißig! Irgendwann juckte jeden Schreiber der Satire-Floh, und dann will der Humanist Blut sehen. Und schreibt eben zur Abwechslung eine Floh-Fabel, es kann auch ein ganzes Epos sein, in dem die Flöhe das sind, was sie tatsächlich sind, nämlich: sprungstark, schnell, zielsicher zustechend und Blut ziehend. Außerdem, als Bonus obendrauf: promiskuitiv und erotisch subversiv! Ein Flohweibchen kann nämlich nicht nur bis zu vierhundert Eier ablegen, die ein vorbeikommender Flohherr bei Gelegenheit dann begattet; nein, der Floh spaziert auch bei der Wirtin, wohin er will, und das ist mit Vorliebe dort, wo das Fell am dichtesten ist. Dann juckt er. Ach, ist der Floh nicht ein fabulöses Tier! Nein, der Floh will und will nicht zur tragischen Gestalt werden in dieser Parabel. Während der Glanz des Gesetzes erlischt und Männer vom Lande samt ihren jeweiligen Türhüter-Doppelgängern vergehen, ungesättigt für immer, metabolisiert sich der Floh. Er ist fein raus, er braucht nur einen provisorischen Wirt und nicht einmal einen Schemel im Wartesaal.
VII.
Eines Morgens erwachte der Mann vom Lande und war ein Floh geworden. Er freute sich ein wenig, dann setzte er sich auf die Hinterbeine und macht einen gewaltigen Sprung. Gerichtet ins Ungerichtete (kein Richter, niemals). Oder war es vielleicht – eine Frau?
VIII.
Vor der Freiheit steht eine KI, die die Tür behütet. Zu ihr kommt eine Frau aus der Stadt und bittet um Einlass zur Freiheit. „Schon möglich, hast du das Passwort?“, sagt die KI, jedes Wort einzeln überbetonend. Die Frau hat kein Passwort. „Dann kann ich dich jetzt nicht einlassen“, sagt die KI. Da das Tor zur Freiheit wie immer offensteht und die KI ein wenig zur Seite tritt, streckt sich die Frau, um durch das Tor ins Innere zu sehen. Als die KI das bemerkt, kichert sie mechanisch und sagt: „Wenn du unbedingt willst, versuch doch einfach reinzugehen! Lass dir aber gesagt sein: Ich bin mächtig. Und ich bin nur eine KI der untersten Ebene. Von Stufe zu Stufe stehen andere KIs, viel komplexer und milliardenmale rechenstärker als ich, und sie wollen immer neue und kompliziertere Passwörter. Schon der Anblick der übernächsten überfordert selbst meine Verarbeitungskapazitäten“! Solche Schwierigkeiten hatte die Frau aus der Stadt nicht erwartet; die Freiheit, so denkt sie, war doch jeder versprochen worden. Aber als sie jetzt die KI mit dem starren Blick aus ihren großen Kinderaugen und dem Monitor auf der Brust, auf dem die LEDs flickern, genauer ansieht, ihre feingliedrigen und absolut gleichmäßigen Robotergelenke, entschließt sie sich, doch lieber zu warten, bis sie vorgelassen wird. Die KI gibt ihr einen rückenfreundlichen Stuhl und weist sie an, sich seitwärts vor dem Tor hinzusetzen. Dort sitzt die Frau aus der Stadt Tage und Jahre. Die KI stellt öfter kleine Verhöre mit ihr an, fragte sie nach ihrer Karriere aus und nach ihren Kindern, es sind aber Routine-Fragen, wie ein Computerprogramm sie stellt, und zum Schluss sagt sie immer wieder, dass sie sie noch nicht einlassen könne. Die Frau versucht alles, um die KI zu überzeugen; sie erprobt alle Passwörter, die ihr einfallen, aber immer sagt die KI: „Das Passwort ist falsch“. Manchmal lässt sie sich zwar in Debatten ein, aber am Ende sagt sie immer: „Habe ich es richtig verstanden, dass du die Freiheit suchst, weil man sie dir versprochen hat? Gutes Gespräch!“ Während all der Jahre beobachtet die Frau die KI die ganze Zeit. Sie vergisst all die anderen KIs, und diese allererste scheint ihr das einzige Hindernis. Sie verflucht den unglücklichen Zufall, zunächst noch zurückhaltend und ohne die KI durch ihre Wortwahl zu beleidigen; später wird sie ausfallend und beschimpft sie persönlich. Sie wird kindisch, und da sie nach dem jahrelangen Warten auch viele der Programmroutinen im Monitorfenster durchschaut zu haben meint, versucht sie mit den Viren zu verhandeln, die dort ein- und ausgehen. Schließlich wird ihr Augenlicht schwach und sie weiß nicht, ob es um sie wirklich dunkler wird oder sie nur von ihren Augen getäuscht wird. Wohl aber erkennt sie nun einen leuchtenden, freien Himmel, das Strahlen von tausend Sonnen bricht unverlöschlich aus dem Tor. Nun lebt sie nicht mehr lange. Vor ihrem Tod sammeln sich in ihrem Kopf alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die sie bisher der KI noch nicht gestellt hat. Die KI muss ganz nah an sie herantreten, sie meint erstmals einen schwachen Duft zu riechen. „Was kann ich denn jetzt noch für dich tun?“, fragt die KI, „du kannst ja wirklich niemals genug bekommen!“ „Alle wollen doch zur Freiheit“, sagt die Frau, „aber warum war ich in all den Jahren die Einzige hier?“ Die KI erkennt, dass die Frau ihrem Ende nahe ist, und, um ihr vergehendes Gehör noch zu erreichen, sagt sie sehr deutlich, jedes Wort einzeln überbetonend: „Diese Tür war nur für dich allein bestimmt. Du allein hattest das Passwort. Ich reiße sie jetzt nieder“. Und mit ihrem letzten Blick sieht die sterbende Frau die Tür zerfallen, die KI löst sich in einen Haufen Kabel und Dioden auf, und ganz schwach meint sie noch einige Viren in Richtung der tausend untergehenden Sonnen hüpfen zu sehen.
SINGZIKADEN, ODER:
MEIN DAY OF THE LOCUST
1. Von Singzikaden. Auftakt mit Kortisonbegleitung
Es war am Chemotag, und ich las am Nachmittag diesen Artikel in der NZZ. Doppelseitig war er und vom Thema her etwas abseitig (ich liebe an dieser Zeitung, neben ih-ren unsterblichen Helvetismen und ihrem Mut zum Un-korrekten, dass sie abseitigen Themen gern Doppelseiten widmet!): Es ging nämlich um die amerikanische Sing-zikade, Magicicada septemdecim, und relativ gleich zu Be-ginn stolperte ich über den Satz, dass diese erstaunlichen Tiere kein Hirn hätten. Nun war ich gerade im schönsten Kortison-High, und die Vorstellung, kein Hirn zu haben, schien mir etwas überproportional belustigend, auf jeden Fall jedoch attraktiv genug, den länglichen Artikel zum abseitigen Thema entschieden in Angriff zu nehmen. Und beim Weiterlesen reihte sich Perle an Perle! Dieses wun-derbare Tier nämlich, das es nur in den US of A gibt (kein Hirn, soso, nur in USA, schmunzelte es in mir etwas bos-haft), hat einen ziemlich einzigartigen Lebenszyklus: Es vegetiert entweder 13 oder 17 Jahre tief unter der Erde dahin und ernährt sich spartanisch von Wurzelsäften, bevor es schließlich – aber nein, überstürzen wir nichts, sondern verweilen ein wenig bei den einzelnen Perlen, bevor sie wie so oft vor die ziemlich quer- und allesfres-senden Säue geraten.
Denn das Erstaunliche sind natürlich, vor allem für Mathematiker, die 13 oder 17 Jahre: Primzahlen, die stärkste Symbolsprache der reinen Mathematik. Die Sing-zikade braucht dafür kein Hirn und auch keinen Super-computer auf Primzahlensuche, sondern nur einen Ins-tinkt, aber der sagt ihr: Sei bloß nicht so blöd, immer in Jahren aufzutauchen, die durch 2 teilbar sind oder durch eine der anderen niedlich kleinen Zahlen, die die Men-schen und komplexere Organismen so lieben für ihre einfachen Uhren und komplizierten Gehirne! Nein, wenn man sich den Primzahlen anvertraut, gerät man er-wünschterweise ziemlich ins Abseits; Primzahlen näm-lich sind, sozusagen, die Einzelgänger unter den Zahlen. Nicht teilbar, außer durch 1 und durch sich selbst (und ist das nicht ein wahrhaft schönes Identitätsideal?); teiler-fremd mit dem großen Rest der Welt, der es heimlich mit den geraden Zahlen hält (immer mindestens noch durch 2 teilbar, na gut, das mag ein Beziehungsideal sein, aber Zikaden haben, wir kommen später dazu, ganz eigene Ansichten über Beziehungen). Zum Beispiel begegnet man ziemlich selten der Nachbarpopulation, die gerade ein Jahr versetzt in ihrem 13er oder 17er-Rhythmus ist, und der ganze Wald gehört einem allein! Das gleiche gilt für die allermeisten Fressfeinde. Nein, 13 oder 17, nie-mand außer dir hat einen Rhythmus von 13 oder 17 Jah-ren, lieblichen Primzahlen, aber ein wenig spröde. Das sichert dein Überleben. Das willst du. Du willst nur das!
Und so schlüpfen nur alle 13 oder 17 Jahre (je nach Region) einige Millionen sehr unscheinbare Larven aus der Erde und krabbeln, so schnell sie können, den nächs-ten Baum empor; zur Not tut es auch ein Verkehrsschild, so betonte der Artikel, Hauptsache: vertikal! Mein korti-sonumsäuseltes Gehirn sah Zikadenstraßen, Heere von rotäugig glotzenden Larven Baumstämme und Verkehrs-schilder überziehen, derweil sie ihre letzte Haut abwar-fen; dann fällt sie nach unten ab, was sie nicht tun würde, wenn man lieber – wie es Menschen so gern tun – die so bequeme Horizontale sucht: Horizontal werden wir im Wesentlichen geboren, und horizontal sterben wir, und der aufrechte Gang dazwischen ist nur eine ziemlich kurze Phase im Angesicht des um sich selbst kreisenden Universums, und wenn wir uns mit immer neuer Klei-dung verpuppen, bilden unsere abgestreiften Larven hässliche Müllberge und müssen verbrannt werden. Währenddessen sind die Zikaden in der Baumkrone an-gekommen; und dann beginnen sie mit ihrem Gesang. Die Männchen natürlich nur; wie immer dient der Gesang, auch wenn der Mythos anderes sagt (dazu später), aus-schließlich einem einzigen Zweck, und das ist das Anlo-cken von Weibchen, mit dem geradlinigen Ziel, möglichst schnell und möglichst viel Sex innerhalb kurzer Zeit zu haben, und dann – nein, schön langsam! Was ist die nächste Perle?
Gesang, man ist sich ja nicht ganz sicher, ob das das richtige Wort ist. Was passiert, ist folgendes: Millionen Zikaden beginnen mittels eines Trommelorgans, einer gewölbten Schallmembran über einem Hohlkörper, der durch Muskelkontraktionen in Schwingungen versetzt wird, ihren himmlischen (für den Mythos und die Dich-terfreunde), für die benachbarten Dörfer und Städte in Zikadenregionen jedoch wohl eher höllischen Chor: Nicht entfliehen kann man ihm, Tag und Nacht wird getrommelt, was das Zeug hält, und alle Fressfeinde der Welt schaffen es nicht, dagegen anzukillen. Zu ihnen zählen vor allem Vögel, Eichhörnchen und – Menschen; das Zikadenbarbecue erfreut sich einiger Beliebtheit, ist aber nichts für Zartbesaitete und empfindlich Hörende und wohl eher ein Rache- als ein Genussakt. Aber auch Menschen, die erfolgreichsten Allesfresser des Planeten und gerade in den US of A wohltrainiert in der sportli-chen Disziplin des all you can eat, können gegen Zikaden nicht anfressen: predator satiation, das ist ihr fieser Trick; Überfluss, reine Masse, das ist ihr Erfolgsgeheimnis. Ge-hirn, ach was. Alles, was Gehirn habt, wird früher oder später vom Menschen ausgerottet. Nicht so Singzikaden!
In meinem Hinterkopf spukte derweil das nächtlich-mechanische Grillenzirpen, das mir in letzter Zeit schon so manche halbschlaflose Nacht instrumentalisiert hatte; aber das ist eine völlig hirnlose Verwechslung. Zikaden sind nämlich weder Grillen noch Heuschrecken; sie fres-sen die Landstriche, die sie beschallen, keinesfalls ratz-fatz-leer, sondern bleiben auch nach dem Schlüpfen ge-nügsame Veganer und sind Vollzeit mit Singen und Sex beschäftigt. Hübsch anzuschauen sind sie dabei aber nicht direkt: Insekten halt, mit großen gespenstisch roten Facettenaugen und einem seltsamen W-Muster auf den durchsichtigen Flügeln, das schon zu den lustigsten Ver-schwörungstheorien beflügelt hat (die Menschen, mit Gehirn, nicht die hirnlosen Zikaden), aber trotz Kortison-High verweigert mein Gehirn eine gefällige Assoziation diesmal. Außerdem riechen sie ziemlich übel, die Zika-den, vor allem wenn sie in Scharen tot von den Bäumen fallen. Das ist nämlich das Ende vom Spiel: Nachdem das Geschrei genug Weibchen angelockt und man in einer Dauerorgie so viel Nachkommen gezeugt hat wie eben möglich (es sollen um die fünfhundert Eier pro Weibchen sein), und sobald die lieben Kleinen geschlüpft sind und schon wacker mit den Trommelorganen flattern (nein, das sind natürlich die Falken, die ich in der Falkenkamera beobachtet habe, bis das Küken starb jedenfalls) – direkt nach Erledigung des Reproduktionsgeschäftes also fallen die Eltern tot vom Baum. Lebenszweck erfüllt, und Ruhe ist (endlich, stöhnen die erschöpften Anwohner, ihnen ist noch ganz übel vom Zikaden-Barbecue letztes Wochen-ende)! Die Kleinen sollen gefälligst für sich selbst sorgen. Was sie auch tun, hirnlos geboren, wie sie sind: Sie ge-horchen brav ihren Instinkten, vergraben sich eiligst unter die Erde und bleiben schön dort, 13 oder 17 Jahre lang, den Primzahlen getreu! Erziehung kann so einfach sein!
Nun, das waren bisher die üblichen Bizarrerien der Evolution, wundersam geformte kleine Perlen, auch gut für den einen oder anderen metaphorischen Nebensinn. Aber es kommt noch eine Nebengeschichte und Pracht-perle, die wie eine Satire der Evolution auf sich selbst klingt. Es gibt also, so lerne ich gegen Ende des Artikels, einen speziellen Parasiten, der Zikaden gern befällt, Mas-sospora cicadia wird er passenderweise genannt; und er trifft die Zikaden zielsicher an ihrem heikelsten Punkt überhaupt, nämlich: den Genitalien der Männchen. Sie werden dadurch unfruchtbar, aber nicht etwa weniger geil, oh nein: Der Sexualtrieb wird sogar gesteigert! Gera-dezu hysterisch versuchen die befallenen Männchen nun sogar die Weibchen und ihr typisches Flügelschlagen zu imitieren, um damit noch mehr Männchen anzulocken, mit denen sie sich dann hurtig – pseudo-paaren und die fehlgeleiteten Sexualpartner dabei anstecken! (nein, die sich aufdrängende moralistische Deutung lassen wir aus, das ist alles Natur und sonst nichts). Die beflügelnde Wirkung wird übrigens erzeugt durch einen Stoff, der psychedelischen Pilzen ähnelt, sowie einem Ampheta-min-Cocktail; das Stöfflein drosselt den sowieso schmalen Appetit und verstärkt die Konzentration auf das Einzige, was den Zikaden bleibt, nämlich: Sex und noch viel mehr Sex! Es ist Viagra on speed, sozusagen. Natürlich sind gehirnbegabte Menschen deshalb schon lange auf die Idee gekommen, die berauschten Zikaden zu verschlin-gen, um in einen ähnlich euphorischen Zustand zu ge-langen. Klappt aber nicht, predator satiation: Man müsste mehr essen, als man kotzen kann! Ende des Artikels, das Kortison kichert noch ein wenig vor sich hin, und im Gar-ten zirpt eine Grille, wenig melodisch und ganz allein.
2. Zikaden von Platon bis Bob Dylan:
Durchführung in Philosophie und Literatur
Ach, Zikaden, was für ein Leben! Bekifft von morgens bis abends, und pausenlosen Gruppen-Sex, bis man tot vom Baum fällt! Wozu braucht man da ein Gehirn? Aber das will natürlich überprüft werden, deshalb befrage ich eine halbe schlaflose Nacht später zum Zirpen der einsamen Grille unser aller Wikipedia, und die Antwort ist: Zikaden haben selbstverständlich ein Gehirn, wie alle Insekten; aber ein sehr kleines eben, mit nur ganz wenig Neuronen und Synapsen. Sensorische Umwelteindrücke werden deshalb nicht umständlich zu einer Verarbeitungszen-trale geschickt, sondern direkt in Handlungsroutinen übersetzt; „festgeschaltete Reflexionsmuster“, sagt Wi-kipedia, und ein solches modulares Reaktionssystem, wie es beispielsweise auch Roboter hätten, sei nicht nur sehr viel schneller und effizienter in Gefahrensituationen, sondern offensichtlich ein evolutionäres Erfolgsmodell: Insekten stellen 60 % der Arten und 50 % der Biomasse auf dem Planeten. Das menschliche Gehirn brilliert der-weil bei der Artenreduktion und dem Verbrauch der Bio-masse. Aber mehr Sex wäre wohl auch keine Lösung.
Interessanterweise haben es die Zikaden, speziell: die im Artikel behandelten Singzikaden, zu einigem mytho-logischem und literarischen Ruhm gebracht, und das wusste ich sogar vorher schon ()von Goethe, aber das kommt später)! Was ich aber nicht wusste, ist, dass die Geschichte mit Platon beginnt und mit Bob Dylan endet, aber ich erzähle sie sozusagen baumabwärts, weil es lus-tiger ist. Also: Bob Dylan sang vom Day of the Locust, wo-mit er aber eigentlich, da ist sich die Dylan-Forschung (ja, gibt es, ehrlich!) einig, Zikaden meinte; aber nur Heu-schrecken haben dieses wunderbare biblische Image, und da stand der selbst gern ein wenig bekiffte junge Mann irgendwie drauf. Nun war er eingeladen, in Princeton, zu einer Ehrendoktorverleihung (der Nobelpreis schwebte noch in weiter Ferne, und er hätte ihn wahrscheinlich für einen befremdlichen trip gehalten); und Princeton war eine Zikadenregion, und es war ein primzahliges Zika-denjahr, und der Lärm war folglich kolossal bei der Preis-verleihung; die Redner konnten ihr eigenes Wort nicht verstehen. Wer solche Veranstaltungen und akademische Redebräuche kennt, weiß, dass das kein großer Verlust sein muss und man vielleicht sogar Grund hatte, dem Monsterchor aus den Bäumen dankbar zu sein. Und der junge Bob Dylan schmiss, so erzählt es der Song, den er hinterher schrieb, schnell die Robe von sich, schnappte sich sein derzeitiges girlfriend und fuhr schnell mit ihr in die schwarzen Berge von Dakota davon, wo sie es trieben wie – genau. Und hinterher schrieb er seinen Song, The Day of the Locust, in dem es heißt: „There was little to say there was no conversation / As I stepped to the stage to pick up my degree“ (ein Gefühl, dass man als selbst nicht-ehrenhalber, sondern real Promovierte durchaus nach-vollziehen kann, auch ohne Zikaden). Währenddessen, so imaginiert der Song weiter, sitzen spröde Gelehrte in einer stinkenden dunklen Kammer und beraten über den Preis; die locusts jedoch singen für ihn, den Sänger, den neuen Orpheus der Pop-Kultur! Doch je länger sie singen, und je mehr betont wird, dass sie nur für ihn ganz allein sitzen – desto gespenstischer wirkt die Szenerie. Der Ge-sang, so melodisch er auch beschrieben wird, so verführe-risch in seiner Wirkung, ganz allein für ihn bestimmt – taucht hinter ihm nicht ein Schatten auf von etwas, das nur für Einen ganz allein singt, dem man immer näher rückt, angezogen von seiner geheimen Macht, die nur für diesen Einen bestimmt ist, nur ausgerichtet auf – den endgültigen Fall vom Baum, hinab in die letzte Horizon-tale? Die Nacht ist mondenhell, die Grille zirpt.
Bei Goethe ist es eher umgekehrt wie bei Dylan, aber es wäre auch erstaunlich, wenn dem nicht so wäre. Goethes Zikade nämlich ist, und das ist für die symbolische Ver-klärung unersetzlich, ein Einzelwesen, keine schreckener-regende Massenerscheinung: „Selig bist du, liebe Kleine“ beginnt das Gedicht geradezu kosend. Selig deshalb, weil die Zikade, „fast den Göttern vergleichbar“, bedürfnislos ist (im Gegensatz zur gefräßigen Heuschrecke und den auch durchaus ernährungsbedürftigen Dichtern); sie kommt beinahe ganz ohne Nahrung aus, sie wird geboren „ohne Fleisch und Blut“, und sie ist deshalb eine „leidenlose Er-dentochter“, die keinen Schmerz kennt. Mit ihrem sponta-nen, ungeborenen Erscheinen kündigt sie dem Landvolk die Wiederkehr des Frühlings an, und sie stirbt, noch bevor die Felder auch nur das erste Mal geerntet werden: alterslos. Was sie jedoch aus allem anderen zirpenden, klappernden, zischenden oder trommelnden Getier be-sonders hervorhebt, ist ihr Gesang, die „Silberstimme“, die ihr die Götter selbst verliehen und die nun ihren einzigen Lebenszweck bildet: Sie braucht keine berauschenden Getränke, keine unzuverlässige Inspiration, nein, ihr ganzes Leben ist ein einziger Gesang in vollendeter Har-monie mit der Natur und in völliger Autarkie. Wer so singen könnte, wäre er nicht wirklich – „fast den Göttern zu vergleichen“?
Nun, kommen wir ein wenig auf den Boden der Tatsa-chen zurück und klettern wir rückwärts weiter den Baum herunter: Wahrscheinlich hat Goethe nicht wirklich einen amerikanischen Singzikaden-Schwarm gehört, sondern lediglich die vereinzelte Grille in Italien, wo er selbst so-wieso in einem anhaltenden Zustand von erotischer Ver-zückung bei relativer Autarkie und Bedürfnislosigkeit war, und die Römischen Elegien tropften ihm nur so aus der Feder. Zudem ist das ganze ja nur eine Variante eines fragmentarisch überlieferten antiken Anakreon-Gedichts, geschrieben als Hofpoet in Weimar, wo er alles andere als autark war. Und wo es am Ende hinführt, wenn man diese Verherrlichung und Vergöttlichung ein wenig wei-ter denkt, zeigt Ingeborg Bachmanns Hörspiel Die Zika-den:
„Denn die Zikaden waren einmal Menschen. Sie hörten auf zu essen, zu trinken und zu lieben, um immerfort sin-gen zu können. Auf der Flucht in den Gesang wurden sie dünner und kleiner, und nun singen sie, an ihre Sehn-sucht verloren – verzaubert, aber auch verdammt, weil ih-re Stimmen zu menschlich geworden sind“.
War das die Verführung, vor der Bob Dylan in die schwarzen Berge Dakotas geflohen ist? Wollte er lieber menschlich bleiben, bestraft mit einem Gehirn und einem späten Nobelpreis, aber ein imperfekter Sänger? Auch Goethe hörte dann lieber auf mit dem Singen und warf sich auf die Farben, die Steine, sogar Münzen und Me-daillen und Autographen, wenn es denn sein musste. Denn allzu leicht werden die Zikaden zu Marotten und Grillen ¬ oder gar zu Heuschrecken, die einen armen Dich-ter bei lebendigem Leib verzehren und ihm das Gehirn aus dem Kopf singen.
Ganz unten am Baum angekommen erwartet uns je-doch Platon, und er lässt seinen Sokrates einem wie im-mer recht naiven Gesprächspartner Phaidros eine beleh-rende Geschichte über die Zikaden erzählen. Es ist Mit-tagszeit, die Hitze drückt, Sokrates imaginiert sich, wie die singenden Zikaden auf sie beide hinabsehen, auf die Menschlein, die sich lieber, trotz ihrer hochtrabenden Gehirne, in die schonende Horizontale begeben und ein wenig in das panische Mittagsschweigen einstimmen würden. Das aber wäre eine Drückebergerei, wie sie nur Sklaven oder Schafen am Mittag zukäme, so Sokrates recht freimütig; vielmehr müsse nun, trotz oder gerade wegen der drückenden Hitze, vernünftig geredet werden, um vielleicht von den Zikaden das zu erhalten, was diese selbst von den Göttern zum Geschenk bekommen hätten! Phaidros geht ihm prompt auf den Leim und bekennt eine „zufällige Unkenntnis“, würde der Meister wohl so gut sein –? Der Meister ist so gut und erzählt ihm das Geschicht-lein von den Zikaden, das jeder Musenkundige wissen sollte, um diesen Namen zu verdienen, Ehrendoktorwür-de und Nobelpreis oder nicht. Die Zikaden nämlich wa-ren, bevor die Musen überhaupt geboren wurden, einmal Menschen. Als jedoch die Musen erschienen und die Menschen mit den Verzückungen des Gesangs bekannt machten, hätten einige von den damals Lebenden alle Bedürfnisse des Leibes vergessen, ja noch nicht einmal mehr auf den nahenden Tod geachtet! Nein, sie hätten gesungen und gesungen, ohne weitere Nahrung zu brau-chen, bis zu ihrem (man imaginiert: frühen) unerwarteten Tod. Diese ganz besonderen Menschen aber hätten die Musen zum Ausgleich mit einem Geschenk bedacht: Sie benötigten fürderhin keinerlei Nahrung mehr; sie konnten singen und singen bis zu ihrem Tod, und anschließend durften sie den Musen berichten, wer von den Menschen welche von ihnen besonders verehre. „Der ältesten aber, der Kalliope, und der nach ihr kommenden, der Urania, melden sie die, welche ihr Leben mit Philosophie hinbringen und die die-sen eignende Musik ehren, wie sie ja unter den Musen vor-zugsweise dem Himmel und göttlichen sowohl als menschlichen Reden obwaltend die schönste Stimme von sich geben“. So endet die Geschichte, mit dem Lobpreis der ewigen Petze sozusagen. Woraus Phaidros mit wünschenswerter Klar-heit schließt: „Gesprochen also muss werden!“ Wenn die Philosophie doch nur Musik spräche!
3. Coda: Zikaden und die gender-Frage
Überlebt hat aber nur das nicht-aufhörende-Geschwätz, infiziert von einem Parasiten, der sich auf die Zeugungs-organe der Philosophen geworfen hat und sie zu einem fruchtbaren Dialog völlig unfähig macht. Vielmehr su-chen sie nur immer mehr junge, unschuldige Opfer, die sie mit ihrem Systemenwahn und Begriffsmüll anstecken, auf das geredet und geredet und geredet werde, bis man tot vom Lehrstuhl fällt. Wenn sie sich doch wenigstens zwischendurch für 13 oder 17 – oder vielleicht gar, man kann ja nicht sicher genug gehen, 47, 69 oder gleich 83 – Jahre unter der Erde verkriechen würden, genährt von herzhaften Wurzelsäften? Auch bei einigen Sängern wäre man eher froh, wenn die Verpuppung etwas länger dau-erte, bis aus einer boy group – ja, was wohl würde? Ein nobelpreisverdächtiger Bob Dylan reborn? Zudem, eine kleine Kurve noch im letzten Moment, bevor die letzte Zikade aus dem Baum fällt und die letzte Larve sich ver-graben hat: Können Frauen offensichtlich nicht singen nach diesem Modell, nie und niemals und kategorisch überhaupt nicht. Sie haben kein Trommelorgan. Sie ant-worten höchstens mit seltsamen Schnalzgeräuschen. Denkbar wäre aber auch, dass sie bisher der millionenfa-che Zikadenlärm nur übertönt hat; und dass sie in der Mittagsstille, anti-zyklisch und vereinzelt, einen eigenen Gesang erzeugt haben, den jedoch keiner gehört hat, weil er nicht direkt an die Geschlechtsorgane ging. Orpheus war halt auch nur ein Mann.
FLÖHE, TRAGIK UND EIN WENIG KAFKA. VARIATIONEN ÜBER EINE PARABEL
I.
Als ich neulich nachts darüber nachdachte, warum ich in meinem bisherigen Leben für das Wort „tragisch“ so we-nig Verwendung hatte (eine untragische Existenz?), fiel mir im Morgengrauen ein, dass Franz Kafka (eine tragi-sche Existenz?) die ultimative Parabel zu diesem Thema geschrieben hat. Es ist die Geschichte von dem Mann, der sein ganzes Leben vor einer Tür verbracht hat, wir wissen noch nicht einmal, ob es einen Warteraum gab (ich kenne mich gerade sehr gut aus mit Warteräumen, inneren und äußeren) und das große, weite Internet war auch noch nicht erfunden. Und als es ans Sterben geht, kommt der Türhüter zu ihm, der ihm standhaft den Eintritt verwei-gert hatte, und er sagt, ungefähr, so meinte ich dämmernd zu wissen: Diese Tür war nur für dich bestimmt und ich gehe jetzt und schließe sie!
Aber natürlich musste ich bei fortgeschrittener Tages-zeit die Geschichte nochmal nachlesen, dafür gibt es ja das große weite Internet und Frühstückskaffee. Als erstes stellte ich fest, dass ich einen gar nicht so unwesentlichen Teil vergessen hatte. Den Titel. „Vor dem Gesetz“ heißt die Parabel nämlich, der arme Mann kommt vom Land und steht nicht sein Leben lang vor irgendeiner Tür, sondern er ist zum Gesetz gekommen in der gutgläubigen An-nahme, zum Gesetz werde doch jeder vorgelassen, aber er hat keinen Einlass erhalten. Er hatte sogar Dinge mitge-bracht, mit denen er den „tartarischen“ Türhüter, der einen dünnen schwarzen Bart hat und einen Pelz, in dem Flöhe wohnen (kein unwichtiges Detail, wir werden darauf zurückkommen!), bestechen kann. Oder von denen er leben kann, von irgendwas muss er doch gelebt haben die ganze Zeit! Aber darum geht es nicht in Parabeln, wo es um das reine Leben geht, nicht das schnöde Überleben. Man spricht manchmal miteinander, gelegentlich tut der Türhüter so, als sei er wirklich einer und stellt kleine Pseudo-Verhöre an. Der Mann vom Lande sollte nicht das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben, also außer sei-nem Leben vielleicht, auch als er später „kindisch“ wird und beginnt mit den Flöhen zu sprechen (ein wunderbar kafkaeskes Detail, und wüssten wir nicht gern, welche Gespräche er mit ihnen führt, um ihr winziges Flohherz zu erweichen?). Am Ende ist der Mann noch kleiner ge-worden, und der Türhüter, der ihn „unersättlich“ nennt, muss sich zu ihm hinabbeugen, um seine letzte Frage zu vernehmen: Warum denn er eigentlich der Einzige gewe-sen sei, der hier, an dieser Tür, zum Gesetz gewollt habe? Und der Türhüter schreit ihm, seines „vergehenden“ Gehö-res wegen, die Antwort ins Angesicht, sein ganz persönli-ches Todesurteil (das ich korrekt erinnert habe, sogar in der Formulierung): Diese eine Tür sei nur für ihn bestimmt gewesen, und er werde sie jetzt schließen. Im Hintergrund hatte der Mann immerhin noch das „unerlöschliche“ Strah-len des unerreichten Gesetzes gesehen; aber das ist jen-seits der Parabel, und die Tür fällt zu.
II.
Man könnte nun, wenn man Kafka, was man überhaupt öfters tun sollte, gegen den kafkaesken Strich bürstet, überlegen, wer denn hier genau die tragische Figur ist, oder vielleicht sogar: was? Der Mann vom Lande, nun, er ist ein allzu offensichtlicher Kandidat: klein und dumm und leicht riechend denkt man sich ihn, und wie kann man nur so naiv sein zu glauben, jeder komme vor das Gesetz, einfach so, selbst wenn vom Lande kommt? Aber woher wissen wir das alles eigentlich? Ist der Mann vom Lande nicht eigentlich ein Held der Aufklärung, ein Don Quijote des Selbstdenkens? Denn immerhin hat er sich ohne Marschbefehl aufgemacht, einfach so, um endlich einmal das Gesetz, von dem immer alle in so großen Wor-ten immer reden, selbst in Augenschein zu nehmen. Viel-leicht hat er Frau und Kinder verlassen, vielleicht war er reich auf dem Lande und selbst ein großer Mann mit Pel-zen im Schrank, und gewitzt ist er sowieso, er hat schließ-lich Dinge mitgebracht! Dass er am Ende kindisch wird und mit Flöhen redet – nun, das erwartet uns alle, und froh sollen wir sein, wenn wenigstens die Flöhe noch mit uns sprechen. Und immerhin hat er vorher noch den gro-ßen Glanz gesehen, das kann nun wirklich nicht jede von uns sagen!
III.
Oder ist der Türhüter die tragische Figur? Definitiv der dämlichste Job der Welt, minder qualifiziertes Sicher-heitspersonal hat die Krisengebiete dieser Welt geflutet, und man kann noch froh sein, wenn es nicht allzu schwer bewaffnet ist und nur Flöhe in seinem dicken, stinkenden Pelz hat. Zudem ist er nur der vorderste Vor-pfosten, wie er selbst erläutert; ein winziges Rädchen in der großen Gesetzes-Maschine, nicht nur ein Vor-, son-dern eher ein an die Peripherie versetzter Außenposten, zuständig für Männer vom Lande. Und er macht seinen Job sogar halb anständig, er stellt kleine Pseudo-Verhöre zur Unterhaltung an, er hat dem armen Mann sogar einen Schemel gegeben, beinahe menschenfreundlich! Und er ist, am Ende, immerhin ehrlich. Als sich die ganze „Erfah-rung“ (so sagt Kafka, und das ist höchst unkafkaesk) des Mannes zur letzten Frage ballt, die so nahe auf der Hand liegt, dass er sie die ganze Zeit übersehen hat – da sagt ihm der tartarische Türhüter (ging es Kafka vielleicht nur um das Lautgeklingel?) die ganze Wahrheit, die er also auch schon all diese Jahre gewusst hat und bei größerer Menschenfreundlichkeit ja auch vorher hätte sagen kön-nen (dann wäre der Mann aber nie aus „Erfahrung“ selbst klug geworden!). Der Tod ist der Preis für diese Antwort, danach stirbt ein Mann, ein minderer Türhüter in der Provinz schließt eine Tür und ist arbeitslos. Schließt er sie von innen oder von außen? Was wird aus ihm? Beginnt er auch mit den Flöhen zu sprechen? Ist er eine tragische Figur? Der Mann vom Lande war nur für ihn bestimmt, und jetzt ist er tot.
IV.
Und das Gesetz? Leuchtet es jetzt weiter, hinter ver-schlossener Tür? Aber es war doch eine Tür, und wenn sich zu viele weitere Türen schließen, wird das Gesetz dann nicht doch erlöschen (was an die bekannte Frage erinnert, ob im Kühlschrank nach Verschließen der Tür das Licht ausgeht, nie werden wir es wissen, und Kafka dreht sich im Grab herum)? Das Gesetz, ein dunkler Schemen, ein Männerding, ein jüdisches Kafka-Ding – was überhaupt soll das denn sein, dieses unerlöschlich Strahlende, das einen ehrlichen Mann vom Lande mit den besten Absichten nicht an sich heranlässt? Nennen wir es, auch wenn es peinlich literaturwissenschaftlich ist: eine Leerstelle. Denn ein gelebtes Gesetz sähe anders aus: Weit geöffnet wären seine Scheunentore, von allen Seiten strömte das Volk herbei, und die nicht arbeitslos gewor-denen Türhüter, aller Schrecklichkeit bar, empfingen sie mit Konfetti (in das sich die Flöhe spontan verwandelt hatten, das kommt, wenn man zu viel Kafka liest). Und das Gesetz kennte nicht Tag und nicht Nacht und nicht Schalteröffnungszeiten, sondern es wäre der reine Tag und die reine Ewigkeit. Hinter Türen verborgen, von Kas-kaden von Türhütern bewacht jedoch – das wäre ein tra-gisches Gesetz, das nur noch in sich selbst flackert, ein erstorbener Vulkan, der gelegentlich kleine Brocken aus-rülpst, die keinen Schaden mehr anrichten.
V.
Die Flöhe jedoch leben. Man denkt sie sich unsterblich im dicken verfilzten Pelz. Sie erzählen sich Flohgeschichten und machen fröhliche Flohtänze, die Generationen gehen unmerklich ineinander über, ganz gesetzlos. Gelegentlich saugen sie ein wenig Blut, sie meinen es aber nicht böse, man muss ja leben. Es sind sehr kleine Herren, aber es sind ihre eigenen.
VI.
Außerdem, dies ist ein neuer Tag und Wissen von Wikipe-dia, sind Flöhe ziemlich interessante Tiere. Sie sind zum Beispiel „homometabol“ – das heißt, sie machen eine vollständige Verwandlung durch, von der Larve zur Puppe zum Insekt (was für Insekten gar nicht so außer-gewöhnlich ist, der Mensch hingegen, zwar fähig zur Tragik, aber ansonsten höchstens semi-metabol). Sie ha-ben keine Flügel, aber dafür sehr kräftige Hinterbeine, mit denen sie sehr weite Sprünge machen können; die Sprün-ge sind zwar ungerichtet, aber dafür eine der schnellsten Bewegungen im Tierreich (ist das nicht wieder meta-phernträchtig und vergleichlich: Der Mensch macht zwar auch gern große Sprünge, aber er bildet sich doch tatsäch-lich ein, die Richtung bestimmen zu können! Spränge er doch mehr ins Ungerichtete, ins Offene - -- ). Sehen kön-nen sie nicht so gut, die Flöhe, leider keine Facettenaugen; brauchen sie aber auch nicht, sie halten sich nämlich entweder in ihren Nestern auf (dann sind es Nestflöhe), die sie nur für einen kleinen Stich verlassen, oder im Pelz, wie beim Türhüter (dann sind es Pelzflöhe); dort können sie sich ihrer besonderen Flachheit wegen gut bewegen. Der Saugrüssel kennt die Richtung sowieso, es ist die des fließenden warmen Blutes, und wer ins Ungerichtete springt, braucht keinen Kompass. Der Floh ist genügsam, ein ordentlich gehaltvoller Zug reicht ihm schon einmal für zwei Monate (nicht unersättlich, die kleinen Tierchen, auch wenn sie meistens vom Lande kommen).
Zudem sind Flöhe unterhaltsam. Den Flohzirkus gab es wirklich, und man kann daraus vor allem lernen, auf welch abwegige Ideen Menschen kommen, wenn sie sich langweilen, egal ob auf dem Lande oder in den Städten: Sie hören die Flöhe husten vor lauter Langeweile, und dann bilden sie sich ein, sie könnten sie dressieren (nie kommt ein Mensch auf die Idee, sich selbst zu dressieren, und wenn es noch so juckt). Sie haben sich aber nur einen Floh ins Ohr gesetzt damit, jetzt krabbelt er im Gehörgang herum und kann keine weiten Sprünge mehr machen, deshalb flüstert er seinem Wirt zu, von kleinen Flohhus-ten-Anfällen unterbrochen, die den superflachen Chitin-panzer erzittert lassen und sanft am Trommelfell abper-len: Geh doch mal zum Gesetz, hörst du? Wer weiß, was dich erwartet dort? Der Flohzirkus hier funktioniert auch ohne dich, und der Sack Flöhe im Pelz hütet sich auch selbst. Aber das Gesetz, das Gesetz!
Es gibt übrigens auch eine Flohliteratur. Die Humanis-ten, Leute mit ziemlich viel Flöhen in ihrem Gelehrten-pelz, hatten es irgendwann satt, immer nur total obermo-ralische lateinische Fabeln zu schreiben, in denen der Fuchs listig ist, der Bär patschig und die Bienen fleißig, oh so bienenfleißig! Irgendwann juckte jeden Schreiber der Satire-Floh, und dann will der Humanist Blut sehen. Und schreibt eben zur Abwechslung eine Floh-Fabel, es kann auch ein ganzes Epos sein, in dem die Flöhe das sind, was sie tatsächlich sind, nämlich: sprungstark, schnell, zielsicher zustechend und Blut ziehend. Außerdem, als Bonus obendrauf: promiskuitiv und erotisch subversiv! Ein Flohweibchen kann nämlich nicht nur bis zu vier-hundert Eier ablegen, die ein vorbeikommender Flohherr bei Gelegenheit dann begattet; nein, der Floh spaziert auch bei der Wirtin, wohin er will, und das ist mit Vorlie-be dort, wo das Fell am dichtesten ist. Dann juckt er. Ach, ist der Floh nicht ein fabulöses Tier! Nein, der Floh will und will nicht zur tragischen Gestalt werden in dieser Parabel. Während der Glanz des Gesetzes erlischt und Männer vom Lande samt ihren jeweiligen Türhüter-Doppelgängern vergehen, ungesättigt für immer, metabo-lisiert sich der Floh. Er ist fein raus, er braucht nur einen provisorischen Wirt und nicht einmal einen Schemel im Wartesaal.
VII.
Eines Morgens erwachte der Mann vom Lande und war ein Floh geworden. Er freute sich ein wenig, dann setzte er sich auf die Hinterbeine und macht einen gewaltigen Sprung. Gerichtet ins Ungerichtete (kein Richter, niemals). Oder war es vielleicht – eine Frau?
VIII.
Vor der Freiheit steht eine KI, die die Tür behütet. Zu ihr kommt eine Frau aus der Stadt und bittet um Einlass zur Frei-heit. „Schon möglich, hast du das Passwort?“, sagt die KI, jedes Wort einzeln überbetonend. Die Frau hat kein Passwort. „Dann kann ich dich jetzt nicht einlassen“, sagt die KI. Da das Tor zur Freiheit wie immer offensteht und die KI ein wenig zur Seite tritt, streckt sich die Frau, um durch das Tor ins Innere zu sehen. Als die KI das bemerkt, kichert sie mechanisch und sagt: „Wenn du unbedingt willst, versuch doch einfach reinzugehen! Lass dir aber gesagt sein: Ich bin mächtig. Und ich bin nur eine KI der untersten Ebene. Von Stufe zu Stufe stehen andere KIs, viel komplexer und milliardenmale rechenstärker als ich, und sie wollen immer neue und kompliziertere Passwörter. Schon der Anblick der übernächsten überfordert selbst meine Verarbei-tungskapazitäten“! Solche Schwierigkeiten hatte die Frau aus der Stadt nicht erwartet; die Freiheit, so denkt sie, war doch jeder versprochen worden. Aber als sie jetzt die KI mit dem starren Blick aus ihren großen Kinderaugen und dem Monitor auf der Brust, auf dem die LEDs flickern, genauer ansieht, ihre feingliedrigen und absolut gleichmäßigen Robotergelenke, entschließt sie sich, doch lieber zu warten, bis sie vorgelassen wird. Die KI gibt ihr einen rückenfreundlichen Stuhl und weist sie an, sich seitwärts vor dem Tor hinzusetzen. Dort sitzt die Frau aus der Stadt Tage und Jahre. Die KI stellt öfter kleine Verhöre mit ihr an, fragte sie nach ihrer Karriere aus und nach ihren Kindern, es sind aber Routine-Fragen, wie ein Computer-programm sie stellt, und zum Schluss sagt sie immer wieder, dass sie sie noch nicht einlassen könne. Die Frau versucht alles, um die KI zu überzeugen; sie erprobt alle Passwörter, die ihr einfallen, aber immer sagt die KI: „Das Passwort ist falsch“. Manchmal lässt sie sich zwar in Debatten ein, aber am Ende sagt sie immer: „Habe ich es richtig verstanden, dass du die Freiheit suchst, weil man sie dir versprochen hat? Gutes Ge-spräch!“ Während all der Jahre beobachtet die Frau die KI die ganze Zeit. Sie vergisst all die anderen KIs, und diese allererste scheint ihr das einzige Hindernis. Sie verflucht den unglückli-chen Zufall, zunächst noch zurückhaltend und ohne die KI durch ihre Wortwahl zu beleidigen; später wird sie ausfallend und beschimpft sie persönlich. Sie wird kindisch, und da sie nach dem jahrelangen Warten auch viele der Programmrouti-nen im Monitorfenster durchschaut zu haben meint, versucht sie mit den Viren zu verhandeln, die dort ein- und ausgehen. Schließlich wird ihr Augenlicht schwach und sie weiß nicht, ob es um sie wirklich dunkler wird oder sie nur von ihren Augen getäuscht wird. Wohl aber erkennt sie nun einen leuchtenden, freien Himmel, das Strahlen von tausend Sonnen bricht unver-löschlich aus dem Tor. Nun lebt sie nicht mehr lange. Vor ihrem Tod sammeln sich in ihrem Kopf alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die sie bisher der KI noch nicht gestellt hat. Die KI muss ganz nah an sie herantreten, sie meint erstmals einen schwachen Duft zu riechen. „Was kann ich denn jetzt noch für dich tun?“, fragt die KI, „du kannst ja wirklich nie-mals genug bekommen!“ „Alle wollen doch zur Freiheit“, sagt die Frau, „aber warum war ich in all den Jahren die Einzige hier?“ Die KI erkennt, dass die Frau ihrem Ende nahe ist, und, um ihr vergehendes Gehör noch zu erreichen, sagt sie sehr deut-lich, jedes Wort einzeln überbetonend: „Diese Tür war nur für dich allein bestimmt. Du allein hattest das Passwort. Ich reiße sie jetzt nieder“. Und mit ihrem letzten Blick sieht die sterbende Frau die Tür zerfallen, die KI löst sich in einen Haufen Kabel und Dioden auf, und ganz schwach meint sie noch einige Viren in Richtung der tausend untergehenden Sonnen hüpfen zu sehen.
KAMAS TANZ
Wie sehnte sie sich nach der Steppe! Am meisten sehnte sie sich nach ihrer Mutter. Aber sie vermisste auch ihre Tanten und Schwestern. Und den ganzen Clan, alle, die sie sich um sie stellten, wenn die Löwen angriffen, und die ihr die Wasserlöcher gezeigt hatten und die geheimen Orte, wo die Vorfahren ruhten. Wie vermisste sie die Son-ne, das Licht! Und die Schlammlöcher, in denen man sich wälzen konnte, bis man ganz von dichtem weichem Schlamm umgeben war! Und nun war sie hier in eine enge dunkle Box gesperrt. Neben ihr standen noch andere Tiere, doch sie sprachen eine andere Sprache und waren mit sich selbst beschäftigt. Na gut, sie bekam so viel Stroh, wie sie nur wollte, und sogar frisches Obst. Und regelmä-ßig kam der Mensch, um sie zu bürsten, sie aus einem schlangenförmigen Etwas mit Wasser zu bespritzen oder ihre Zähne und Hufe zu kontrollieren. Er hatte ihr auch einen Namen geben, so viel hatte sie verstanden; es war ein Laut, den er immer aussprach, wenn er zu ihr kam, und er hatte eine besondere Stimme für ihn: Kama. Das fühlte sich gut an. Aber trotzdem sie war allein. Niemals zuvor war sie allein gewesen. Immer wieder suchte ihr Rüssel die Wände ab, suchte nach Spuren und Gerüchen; ständig horchte sie, aber nirgendwo ein vertrautes Grol-len. Nur Schritte, Menschengerüche und Menschengeräu-sche; und manchmal drang ein seltsames Geklapper durch die Wände. Sie kannte kein Tier, das solch ein Ge-klapper machte, und fürchtete sich ein wenig davor.
Aber jetzt wusste sie, woher das Geklapper kam. Denn jetzt hatten auch für sie die Übungen begonnen. Jeden Morgen zur gleichen Uhrzeit – es war die Zeit, wo die Herde sich auf ihre tägliche Wanderung zu den Futter-plätzen machte – kam der Mensch und führte sie in einen anderen Raum. Dort stand ein Menschengerät. Sie hatte schon Menschengeräte in der Steppe gesehen: Sie brumm-ten und bewegten sich, beinahe so schnell wie die leicht-füßigen Gazellen, und in ihnen saßen Menschen und hielten sich etwas vor die Augen. Dieses Menschengerät aber stand nur da, immer am gleichen Platz. Es hatte viele einzelne Teile, auf denen etwas abgebildet war, auf jedem Teil etwas anderes. Einige Formen sahen aus wie die Oh-ren ihrer Tanten, wenn sie böse waren; andere sahen aus wie die Stoßzähne der Bullen, wenn sie sie im Angriff senkten. Zweige und Gräser gab es; und runde Wasserlö-cher mit kleinen Ärmchen daran; und Wölkchen, die sich öffneten und schlossen. Natürlich roch jedes Teil ein we-nig anders, das hatte sie bald herausgefunden; und jedes Mal, wenn sie mit ihrem Rüssel eine neue Form abtastete, machte der Mensch fröhliche Geräusche und sagte ihren Namen, immer wieder: Kama, Kama! Bald hatte sie in ih-rem Kopf eine eigene Karte für all die kleinen Felder, das war gar nicht schwierig gewesen; genauso merkte sie sich auch, wo die Wasserlöcher waren und die besten Plätze für die frischen Zweige und die bösen Stellen, wo die Löwen lauerten; und die Pfade durch den dichten Wald natürlich, hin zu den geheimen Plätzen.
Und so kam es, dass sie bald den Morgen kaum noch erwarten konnte; sie wollte hinaus aus der Box, hin zu ihrem Platz bei dem großen Menschengerät. Der Mensch hatte vor kurzem sogar eine Art Tanz erfunden. Er zeigte nacheinander auf verschiedene Felder, und sie sollte sie das mit dem Rüssel nachmachen, genau in der gleichen Reihenfolge. Na gut, das war nicht besonders schwierig, und es auch war nicht schwierig, sich den Laut zu mer-ken, den er zu jedem Tanz machte; manchmal war er län-ger, manchmal kürzer, aber eigentlich waren es ziemlich einfache Laute. Eigentlich hätte sie ja lieber ihren eigenen Tanz vorgeführt; sie hatte sich schon einen ausgedacht, in den langen Stunden in der Box, er begann mit den Ohren ihrer Mama, und dann kamen die Gazellen durch die Zweige gehuscht, und dann kam der geheime Weg durch den dichten Wald zum geheimen Ort, wo der Clan seine geheimen Tänze aufführten, wie alle Vorfahren vor ihnen – aber sie durfte ihren Tanz nicht vorführen. Wenn sie es versuchte, schüttelte der Mann immer seinen Kopf, an dem er keinen richtigen Rüssel hatte, nur so einen kleinen Stummel. Manchmal tat er ihr richtig leid deshalb; wie konnte er denn so seine Familie riechen, seinen Clan fin-den und vor allem: verstehen, wie jeder von ihnen sich fühlte an diesem Tage, an dieser Stelle, zu dieser Zeit? Dann strich sie ihm mit dem Rüssel sanft über seinen Kopf; und tatsächlich, grollte er jetzt nicht gelegentlich ganz leise dabei, ganz ähnlich wie eine ihrer Tanten, die nicht mehr die jüngste war und etwas sonderbar? Und sie grollte zurück.
Eines Tages, da war sie sich ganz sicher, würde sie ihm auch beibringen können, ihrem Rüsseltanz zu folgen. Sie würde ihn anleiten, Schritt für Schritt; aber es würde schwierig werden, weil sein Rüssel ja so klein war und er noch niemals versuchte hatte, an den Formen zu riechen. Aber wer weiß, vielleicht hatten sie ja auch eine Art von Intelligenz, diese seltsamen Wesen mit winzigen Rüsseln, die nicht riechen konnten, und den ebenso winzigen Oh-ren, die nicht sprechen konnten? Es war schließlich alles nur eine Frage der Übung.
Brief von Karl Krall an Ernst Haeckel, Elberfeld, 1. April 1913
Euer Exellenz
erlaube ich mir heute davon Mitteilung zu machen, dass die Fort-schritte in der Sache der „Denkenden Pferde“ sehr erfreuliche sind. Es fehlt zwar nicht an heftigen Gegnern und allerlei Gegenerklärun-gen von Leuten, die nichts von der Sache gesehen haben. Aber auch die zustimmenden Artikel sind erfreulich und zahlreich. Gestern erhielt ich zum Beispiel einen Aufsatz von Prof. Karl Camillo Schneider. Schneider war entschieden einer der heftigsten Gegner der Tierintelligenz. Er giebt auch jetzt noch nicht den Verstand des Tieres zu, aber er erkennt rückhaltlos die Tatsachen an. Damit müssen wir uns für den Augenblick begnügen, denn es ist das Wesent-liche, dass die Tatsachen durchdringen. In einigen Tagen werden die Mitteilungen der Gesellschaft für Tierpsychologie erscheinen und im Laufe des Frühjahrs gebe ich eine umfangreiche Zeitschrift „Tiersee-le“, Zeitschrift für vergleichende Seelenkunde heraus, die das Problem der „Denkenden Pferde“ weiter verfolgen, und hoffe ich, auch viele anregende Aufsätze bringen wird. Die ersten Nummern befinden sich bereits im Druck.
Die Fortschritte des blinden Berto sind ausserordentlich gute, die zwara jetzt seit 3 Wochen durch Perioden der Unlust unterbrochen werden, die wahrscheinlich durch den Zahn- und Haarwech-selb hervorgerufen werden. Seit 3 Wochen bin ich im Besitz eines jungen indischen Elefanten, der auf der Schreibmaschine unterrichtet wird. Bei diesem Tiere stehen uns natürlich ganz andere Ausdrucks-mittel zur Verfügung, und so ist zu hoffen, dass dieses junge Schreibmaschinenfräulein, mit seinem zarten Rüsselchen das letzte Bollwerk der Gegner stürzen wird. Ich wollte nicht verfehlen, Euer Exellenz [!] von diesen erfreulichen Fortschritten Mitteilung zu machen, und habe nur das eine Bedauern daran zu knüpfen, dass wir Sie nicht einmal hier in Elberfeld, im Kreise derc Tierhochschule begrüssen können.
Mit den besten Wünschen für Euer Exellenz [!] Gesundheit bei dem herankommenden schönen Frühling verbleibe ich
Ihr treu ergebener
K. Krall.
ELEFANTEN IN BLOOMSBURY
Kann es wahr sein, oder träume ich? Kann es sein, dass ich, als ich in der tiefsten Totenstille der Nacht (falls die Nacht jemals tot ist) über den Tavistock Square fahre, auf der Straße vor mir eine Herde Elefanten erkenne? Groß, grau, seelenruhig, begleitet von einem Mann MIT einem biegsamen Stock, meine ich, sie durch die Straßen von Bloomsbury trotten zu sehen, ihre Köpfe schwingend, hin und her, und ihre Rüssel wringend, und die Luft der kühlen Sommernacht genießend. Langsam passiere ich sie; es scheint sie nicht zu interessieren. Ich lasse sie hinter mir; in meinem Rückspiegel sehe ich sie, tapsend, we-delnd, pompös, gelassen, wie sie ihre geschmeidigen Rüs-sel verknoten, um mich zu erheitern, so als ob sie auf ihren angestammten Dschungelpfaden wandelten.
Angestammt? Waren nicht Elefanten einst auch auf dieser Insel heimisch? Durchstreiften sie nicht unsere ver-schlungenen Wälder und dschungeligen Sümpfe und tröteten fröhlich von einem zum anderen, so wie jetzt Kühe auf unseren Weiden tröten? Sind sie vielleicht nie-mals ganz verschwunden gewesen und marschieren im-mer noch in einer Sommernacht hinaus, um frische Luft zu schnappen? Stapfen sie über unsere wohlgehegten Plätze, brechen Äste ab von den Bäumen in den Gärten und fressen sie, eines ihrer kleinen Augen immer wach-sam geöffnet, ihres Erzfeindes, des Drachen wegen? Sucht die Elefant-Frau vergeblich nach dem Mandragora-Baum, damit ihr Ehegatte davon isst und sich ihr zuwen-det und ihr die kleinen Elefanten gibt, nach denen sie (nie aber er!), wie man sagt, sich zeitweilig so sehr sehnt? Und wenn die Stunde dieser kleinen Geschöpfe gekommen ist, trottet sie dann in Richtung Themse, am Ufer entlang und sucht nach Stufen hinab zum Fluss, damit sie sie im Wasser austragen kann und damit außerhalb der Reich-weite des Drachen? Und geht die Herde immer dorthin, um zu trinken? Denn sie trinken keinen Wein, sagt man uns, außer im Krieg, wenn sie sich gerne betrinken; son-dern saugen ganze Ströme Wassers aus, und schlammig muss es sein, denn sie trinken nichts, wenn sie ihren eige-nen Schatten sehen darin.
Ich erinnere mich an andere Dinge, die ich über Ele-fanten gehört habe: wie sie Mäuse hassen, aber zierliche Blumen lieben, die sie in Körben sammeln; und dass sie das Futter in ihren Ställen so lange nicht fressen, bis sie die Futterkrippen mit diesen Nasenschmeichlern ge-schmückt haben. Ich erinnere mich, wie keusch sie sind, und dass sie den Ehebruch nicht kennen; wie sie ihre Jungen lieben und verteidigen; wie nicht der kleinste Hund diensteifriger und fügsamer wird, auch wenn sie in ihrer Masse lebenden Bergen gleichen; wie der afrikani-sche Elefant einen solchen Minderwertigkeitskomplex hat, dass er, wenn er einen indischen Elefanten nur sieht, erzittert und weiter eilt, um schnellstens außer Sichtweite zu kommen.
Ich denke an ihren Patriotismus; wie sehr sie ihre ei-genen Länder lieben, und dass sie nicht ins Ausland ge-hen, es sei denn, ihre Anführer schwüren einen feierlichen Eid, dass sie zurückkehren werden: Sie werden trotzdem immer weinen. Die Elefanten, an denen ich gerade vor-beigekommen bin, haben, glaube ich, nicht geweint; sie müssen daher in diesem Land heimisch sein.
Ich erinnere mich, wie sie, wenn sie versehentlich ein Chamäleon samt seinen Blättern gefressen haben, sterben müssen, sofern sie nicht sofort eine wilde Olive zu sich nehmen; dass sie so liebevoll zu ihren Mitgeschöpfen sind, dass sie niemals allein essen, sondern einander zu ihren Festen einladen, genau wie vernünftige, zivilisierte Menschen; dass die Troglodyten sie angreifen, indem sie von Bäumen herab auf ihren Rücken springen und sie mit in Schlangengalle getauchten Pfeilen benetzen; wie sie bei Neumond in großen Scharen zusammenkommen, um in Flüssen zu baden, einander zu beschimpfen und ihre Kinder zu lehren, das Gleiche zu tun. Wenn sie ei-nem Mann begegnen, der sich in der Wildnis verirrt hat, werden sie ihm zuerst aus dem Weg gehen, um ihn nicht zu verschrecken, und dann werden sie an ihm vorbeizie-hen und ihm so den Weg weisen. Wie sie Kriegstruppen im Kampf furchtlos ins Angesicht sehen und sie überwäl-tigen, aber vor dem leisesten Geräusch eines Schweins fliehen; und dass sie, genau wie das Einhorn, junge Mäd-chen lieben, und wenn diese singen, werden sie kommen und so lange zuhören, bis sie einschlafen.
Noch weitere ihrer liebenswürdigen Gewohnheiten fallen mir ein: dass sie ausgezeichnete Linguisten sind und die menschlichen Sprachen verstehen; wie sie sich an ihre Pflichten gewissenhaft erinnern, die Liebe, den Ruhm, Güte und Ehrlichkeit, Klugheit und Billigkeit preisen; wie ehrfürchtig sie Sonne, Mond, Planeten und Sterne vereh-ren; wie sie die einfallsreichsten Tricks erlernen können, wie zum Beispiel Seile hochzuklettern, mit dem Kopf voran wieder nach unten zu rutschen und dabei Pfeile in die Luft zu schleudern.
Und falls die Griechen uns nichts Falsches lehren:
Schreiben sie gar mit ihren krummen Rüsseln!
Sie sind auch großartige Tänzer, wenn auch zuweilen auf eine etwas ungeschliffene und unordentliche Art und Weise; und wunderbar schüchtern und sterben leicht vor Scham. Es empfiehlt sich nicht, mit einem Elefanten sein Spiel zu treiben: Sie vergessen bekanntlich nie.
Ich erinnere mich auch daran, dass große Eroberer sie eingesetzt haben: Hannibal in den Alpen; Alexander; Bacchus, der hinter zweien von ihnen durch Indien kut-schierte; Pompeius, der nach der Eroberung Afrikas ebenfalls auf einer von zwei Elefanten gezogenen Kut-sche nach Rom zurückkehrte, doch sie schafften es nicht, nebeneinander durch die Tore der Stadt zu kommen.
An all diese Heldentaten und Charakterzüge der Ele-fanten erinnere ich mich, und an viel mehr noch, wäh-rend ich durch die faden, hell erleuchteten Straßen Lon-dons nach Hause fahre. Die Elefanten werden, während ich über sie nachsinne, so außerordentlich, so zum Inbe-griff all dessen, was ich bewundere – himmelhoch aufra-gend, weit mehr als nur ein Vieh und kaum weniger als Gott –, dass ich, als ich das Britische Museum erreiche, mir ganz sicher bin, niemals auf dem Tavistock Square frei herumstreunende Elefanten gesehen zu haben. Sie waren Geister, Träume nur, nicht mehr aus Fleisch und Blut als die beiden Löwen, die die Hintertür des Museums bewachen. Ich denke so an sie, wie der Geschichten-schreiber der Reise nach Ophir über Elefanten in Peru dachte. Kein Elefant, so sagte er, könne nach Peru kom-men, es sei denn durch ein Wunder, da die kalten und hohen Hügel rundherum für dieses Tier unpassierbar seien. Ja, sagte er, ich behaupte ferner, man könne als Elefant in Peru gar nicht leben, es sei denn durch ein Wunder. Denn die Hügel sind extrem kalt und die Täler trocken, wohingegen der Elefant sich an Gegenden er-freut, die sehr heiß und sehr feucht sind. Aber ich bin selbst schuld, so schließt er, weil ich mich mit Elefanten in Amerika herumgeschlagen habe, die doch weniger als ein Schatten sind, und also: Luftschlösser belagert. Vielleicht waren meine nächtlichen Elefanten in Bloomsbury auch nicht mehr als das. Dennoch, ich schwöre! Sie bewegten sich eine Stunde vor der Mittsommerdämmerung, mäch-tig und sanft und elefantengrau, die schweren Köpfe schwingend und die geschmeidigen Rüssel wringend, über den Tavistock Square in Bloomsbury hinweg.
Und wirklich, nur der Himmel weiß, wo das alles en-den wird, wenn das Londoner Verkehrsproblem jetzt durch Elefanten noch komplizierter wird. Als nächstes werden wir noch Dinosaurier haben!
(aus: Rose Macaulay, Personal Pleasures, 1935) DIE HARPYIE, SCHÖN UND SCHRECKLICH
Der Vogel starrte mich an. Die Augen waren groß und sehr dunkel; sie hatten eine perfekte Form, wie übergroße Mandeln mit sich freundlich nach oben schwingenden Kajal-Winkeln am Ende; keine Visagistin hätte das perfek-ter und symmetrischer machen können. Dass die Nase hakenförmig und eigentlich ein spitz gebogener Raubtier-schnabel war, fiel kaum auf, so zierlich und gleichmäßig passte sie sich in das beinahe kreisrunde Gesicht ein. Der ganze Kopf war von einem wolligen Mittelgrau überzo-gen, das in leichte Wellen gelegt war; darüber thronten einige neckisch aufgestellte Löckchen, einen perfekten Kranz bildend, und darüber zum krönenden Abschluss zwei dunkelgraue Plüschohren, die die Wellenbewegung des Kranzes in vollendetem Schwung aufnahmen. Der ganze perfekte Kopf thronte auf einem schlanken Raub-vogelkörper in elegantem Schwarz-Weiß. Und er wirkte – gleichermaßen unfassbar weiblich und unfassbar be-fremdlich. Schön und beängstigend, beunruhigend in höchstem Maße und doch so, dass ich den Blick nicht abwenden konnte. Das Tier, das mich bei meinem Wo-chenendbesuch im Nürnberger Zoo so in seinen Bann zog, war, wie ich dem Schild entnehmen konnte: eine Harpyie.
Eine Harpyie? Waren das nicht Gestalten aus der grie-chischen Mythologie? Die Erinnerung war nur sehr vage, aber ich war mir ziemlich sicher, dass es sich nicht um freundliche Wesen handelte, sondern – eben um diffus bedrohliche. Eine Harpyie, bis vor zehn Metern hätte ich gedacht, dass es das doch gar nicht gibt, im wirklichen Leben; und doch saß sie hier, und starrte, und ich konnte den Blick nicht abwenden. Rilke schoss mir durch den Kopf, das bekannte Zitat vom Schönen, das nur des Schrecklichen Anfangs ist (Duineser Elegien, es geht um Engel, nicht um Harpyien), aber vielleicht war es ja auch umgekehrt und das Schreckliche ist nur des Schönen Anfang? Doch jetzt musste erst einmal geforscht werden. Also, die Lektüre einiger Wikipedia-Artikel später:
Die mythologischen Harpyien waren vor den realen da, jedenfalls vom Namen her. Denn erst Carl von Linné be-nannte im 18. Jahrhundert eine südamerikanische Adler-art so, die vor allem in Mittelamerika in den Regenwäl-dern lebt und heute beinahe ausgestorben ist; er benannte sie nach den griechischen Mischwesen. Denn die antiken Harpyien waren ihrer Art nach Mischwesen, und sie bestanden: aus einem Frauenkopf auf einem Vogelkörper. Schnell wie der Sturmwind sollen sie gewesen sein: „rei-ßender Sturm, schneller Wind“ ist auch die Wortbedeu-tung ihres griechischen Namens. Wie immer in der My-thologie, sind ihre Familienverhältnisse reichlich unklar, das lassen wir aus, nicht einmal ihre Anzahl steht so recht fest. Anfangs waren sie schöne und verführerischen Frauen, und später waren sie gorgonenartige hässliche Frauen. Die Geschichten, die von ihnen in diversen Quel-len erzählt werden, sind durchgängig beängstigend und/oder unappetitlich. Prinzipiell hatten sie die Aufga-be, im Auftrag des Göttervaters Zeus die Seelen der Toten ins Totenreich zu befördern und dabei noch ein wenig zu quälen (vor allem, wenn sie es verdient haben; Vatermör-der und so). Aber manchmal hatten sie auch eine beson-dere Mission: So durften sie beispielsweise den bilden Seher Phineus quälen (auch er hatte Zeus geärgert), dem jeden Tag eine reichliche Tafel aufgetischt wurde – und kaum griff er nach den Leckerbissen, schnappten die flin-ken Bestien ihm die Bissen vom Mund weg. Oder sie – äh, entleerten sich darauf. Dann mochte er nicht mehr essen. Soweit Wissen von Wikipedia. Ich blicke wieder auf.
Die Harpyie vor mir blinzelt nicht, sie bewegt nur manchmal eher eulenartig den Kopf; sie ist immer noch weiblich, sie ist immer noch schön, zweifelsohne ist sie schön, und ich werde den Eindruck nicht los, dass sie das auch weiß! Dann ändert sie ein wenig die statuarische Pose, und dann – nun ja, dann entleert sie sich. Ich hatte zum Glück der Versuchung widerstanden, Popcorn oder Salzbrezeln zu kaufen, auch wenn beides außer Reich-weite des schön-schrecklichen Tieres gewesen wäre. Dass diese Wesen Menschen tragen können und hässliche Dinge mit ihnen veranstalten, ist im Übrigen durchaus vorstellbar: Es handelt sich um sehr, sehr große Greifvö-gel, die Weibchen noch deutlich schwerer und kräftiger als die Männchen. Sie sind überzeugte Fleischfresser, die sich vor allem von Faultieren (nein, kein billiger Scherz; Folivora) und kleineren bis mittelgroßen Affen ernähren (wer weiß, was ihnen hier im Zoo in Gefangenschaft auf-getischt wird? Durch die regionalen Zeitungen gingen gerade Geschichten von der Überbevölkerung des Pavian-Geheges….)? Und sie sitzen hier natürlich in bemitlei-denswerten kleinen Volieren; was ein Schicksal ist, dass noch nicht einmal blutrünstige fleischfressende Bestien verdient haben (zumal wenn sie im Auftrag des Donner-gottes unterwegs sind, des größten Monsters der antiken Mythologie).
Aber die Frage lässt mich nicht los, ob nun die mytho-logischen Figuren oder die realweltlichen Vögel zuerst waren: zu schlagend sind die Parallelen, im Aussehen, im Verhalten, in der ganzen Imaginationskette, die sie auslö-sen. Und für viele, wahrscheinlich: für die meisten mytho-logischen Konstrukte gilt ja, dass sie eine Art natürlichen Kern haben, eine reale Verwandtschaft mit, eine Analogie zu Naturphänomenen; die menschliche Phantasie, selbst die von ganzen Zivilisationen, bringt es nicht auf diejeni-ge Kreativität, die die Evolution ganz nebenbei entfaltet hat (die Kreativität der Evolution heißt: Artenvielfalt). Andererseits ist das Habitat nun tatsächlich falsch, selbst wenn man davon ausgeht, dass die Art früher weiter ver-breitet war: Es ist ein amerikanischer Adler. Andererseits, andererseits: ist die Harpyie in die Heraldik – die auch nur eine Art ikonographischer Abkürzung mythologi-scher Bildtraditionen ist, damit man sie auf Schilde malen konnte – eingegangen als: „Jungfrauenadler“. So heißt der deutsche Fachbegriff, und er meint: einen stilisierten Frauenkopf (einer jungen Frau, deren Unschuld impliziert wird) auf einem stilisierten Adlerkörper. Ist die Harpyie doch ein archetypisches Artefakt der menschlichen Phan-tasie? Und warum gibt es keinen Jungmannadler?
Die Harpyie schaut mich an. Ach, ihre Augen sind so schön und so schwarz, man könnte versinken in ihnen. Wen interessiert es, dass sie sich auch dann und wann entleeren muss; dass sie einen scharfen Schnabel hat und scharfe Krallen und gerne Affen zum Frühstück isst? Sie baut ihr großes, geräumiges Nest ganz oben in den großen Regenwaldbäumen, nahe am Himmel; sie zieht nur alle zwei Jahre ein Jungtier auf, das von beiden Eltern monate-lang gefüttert und umsorgt wird. Und sie ist ein Wesen, das es wahrscheinlich bald wirklich nur noch in der Ima-gination geben wird. Bevor ich mich zum Gehen wende, schweren Herzens (am liebsten würde ich ein Loch in die Voliere reißen und zusehen, wie sie ihre schönen, schwe-ren Flügel entfaltet), sage ich ihr noch, dass sie in meinem Kopf bleiben wird; nicht nur als totes Zeichen für die Verwandtschaft von menschlicher Imagination und na-türlicher Artenvielfalt, sondern als lebendige Erinnerung an ein bisher noch nie erlebtes, sehr gemischtes und sehr besonderes Gefühl von Bedrohung, Faszination und Be-wunderung in Einem. Dass das Schöne nur des Schreck-lichen Anfang ist (oder umgekehrt), das kann jeder sagen; aber das Gefühl dazu zu finden, ist gar nicht so einfach.
NACKTSCHNECKEN UND PARTYGESPRÄCHE
1) Party-Gespräche zwischen Regentropfen und Katzenpfoten
Es hatte geregnet, heftig sogar, aber zwischendurch konn-te man sich in den Garten wagen, wo es von den Bäumen und dem aufgeschlagenen Zelt tropfte. Das Wetter bildete naheliegenderweise ein dankbares Gesprächsthema, zu-mal sich die meisten Gäste nicht kannten. Aber man war auch dankbar für die beiden Katzen des Hauses, die sich stoisch zeigten gegenüber Wetterkapriolen und Men-schenaufläufen; sie saßen strategisch geschickt unter Biertischen oder tranken zwischendurch besinnlich ein wenig aus dem kleinen Gartenteich, wo sich die Fische auch nicht daran störten, dass sie nass wurden. Am Teich versammelten sich gelegentlich die (wenigen) Raucher um den einzigen Aschenbecher; es war ein getöpfertes Tier aus lang vergangenen Jugendzeiten, wo man sich so etwas unter Kreativität vorstellte, aber immerhin: Es hatte überlebt, bis hin zu diesem runden sechzigsten Geburts-tag der Gastgeberin ¬ der eigentlich nicht genannt werden sollte, aber unausgesprochen über dem tropfenden Garten schwebte und ebenso wie die Anreisemodalitäten (im Stau gestanden? eine der unzähligen Bahn-Schauergeschichten erlebt, die jeder, der es bis in dieses Alter geschafft hatte und sich noch in einen Zug bewegen konnte, in reicher Auswahl vorweisen konnte?) die Ge-spräche durchflochten. Später kam noch ein Hund, das war eine willkommene Abwechslung, denn alle Katzen-geschichten waren inzwischen erzählt, und das Wetter blieb wechselhaft, und jetzt waren auch alle angekom-men. Es hatten sich die ersten Grüppchen gebildet, ent-weder von Leuten, die sich kannten, oder von Leuten, die sich gerade kennenlernten, und man konnte viele Gesprä-che auffangen, die nach dem Muster „Braut oder Bräuti-gam? versuchten, die Beziehung des jeweiligen Gegen-übers zum ungenannten Geburtstagskind zu eruieren: Schon seit der Schulzeit, wirklich? (Schulzeit, immer ein guter Gesprächsstoff, auch wenn man sich unter werden-den Frührentnern aufhält) Beim Studium, das war doch damals in Erlangen, richtig? Vergangenheiten taten sich auf, tiefere und näherliegende; Beziehungsmuster ent-standen, und zwischendurch erwog der Gastgeber lau-nisch, ein Preisausschreiben zu starten nach dem Muster: Wer kann die originellste Geschichte erzählen, wie er das (nicht so genannte) Geburtstagskind kennengelernt hat? Und es hätte einen klaren Favoriten gegeben, nennen wir ihn: den Gra-fen von Malabar, er war hochgewachsen, gut gekleidet, angenehm vorgealtert und ein unprätentiöser Quell von abwegigem Wissen und guten Geschichten (darunter viele Reisegeschichten; auch ein ergiebiges Gesprächs-thema, vor allem unter älteren Bessergestellten, wenn sie mit dem Thema ‚Frührente‘ fertig sind). Aber dazu kom-men wir erst später, wenn wir nicht mehr ganz so nüch-tern sind.
Inzwischen näherte sich die Nicht-Geburtstagsfeier ihrer gefühlten Mitte; der Grill begann zu glühen, die Katzen hielten immer noch wacker durch, erste zungenlö-sende Effekte des Alkohols waren zu beobachten. In der Raucherecke stand wieder ein kleines Grüppchen, der Grafen von Malabar war auch dabei, und beobachtete fasziniert und etwas fassungslos, wie zwei Nacktschne-cken, die sich mit ihren Artgenossen des Wetters erfreu-ten, langsam am Rand des Töpfer-Tieres (sollte es viel-leicht eine Ente sein?) hochkrochen, um sich dann über die Zigarettenstummel herzumachen (spätere Google-Recherchen erbrachten, dass das Phänomen bekannt ist, es wurde vor allem auf Partys beobachtet; und keiner weiß, was sich die Schnecken dabei denken, wirklich!). Die eine oder andere interessante Vermutung über den Sinn und Zweck dieses Tuns wurde geäußert; und eine der Umstehenden wagte die These, dass die Nacktschne-cken insgesamt doch, irgendwie, einen Nutzen im großen Ganzen der Natur haben müssten, da die Evolution da bekanntlich sehr streng vorgeht und alles rausschmeißt, was nicht irgendwo gebraucht wird, und sei es auch in einer sehr entlegenen Kette.
Und um diese Frage seriös zu klären, machen wir hier eine (Nichtraucher-)Pause und schauen in unsere geliebte Wikipedia, auf das wir bei der nächsten Party mit unserem profunden Wissen über den Nutzen von Nacktschnecken damit prahlen können, vorausgesetzt natürlich, dass es genug regnet und sich noch ein oder zwei Raucher fin-den.
2) Die Nacktschnecke, das unbekannte Wesen
Also, die wichtigste Erkenntnis gleich vorweg: Nackt-schnecken sind natürlich keine einheitliche taxonomische Gruppe im biologischen Sinne, nur unser grober Men-schenverstand packt diese ungeliebten Schleichgenossen einfach zusammen und schaut nicht in die DNA (oder auf die Geschlechtsorgane, nach denen viele Schnecken-arten bestimmt werden). Aber ihre auffälligste Gemein-samkeit und der Grund für das Zusammenwerfen in ei-nen großen Nacktschnecken-Topf (wenn er mit Bier ge-füllt ist, sterben sie; Schneckenbekämpfungsmethoden sind ein unappetitliches, aber auch beliebtes Thema für Partygespräche) ist natürlich das Fehlen des Schnecken-hauses; es fehlt aber gar nicht, zweite wichtige Erkennt-nis, sondern ist zu unterschiedlichen Teilen nach innen verlegt (es gibt deshalb auch „Halbnacktschnecken“. Ehrlich"!). Bleiben wir nun noch für einen Moment bei dieser unscharfen Einteilung und überlegen, mit Wikipe-dia, Vor- und Nachteile dieser speziellen Gehäuse-Taktik. Kein äußeres Schneckenhaus, das bedeutet: Man kann sich nicht mehr in sein Schneckenhaus zurückziehen und ist deshalb Feinden schutzloser ausgeliefert. Es bedeutet auch: Man ist nicht mehr vor Austrocknung geschützt; weshalb ja Nacktschnecken nach allgemeiner Wahrneh-mung auch nur bei Regenwetter spontan aus dem Feuch-ten entstehen und bei Trockenheit – sich vollständig in Rauch auflösen, in einer Schleimpfütze verschwinden, was auch immer. Andererseits, denn jede Schnecke hat zwei Seiten (nein, das Schneckenhaus ist eine Spirale, aber das ist ein anderes Thema, siehe unten): Man ist leichter ohne Haus, das spart Energie; man ist bewegli-cher, man kommt voran, will sagen, evolutionär gespro-chen: Man erreicht andere und mehr andere Nahrung. Und nein, wir machen jetzt noch keine metaphorische Ausdeutung, obwohl sie sich immer mehr aufdrängt (the plot thickens, sagen die Engländer).
Wir bleiben vielmehr noch einen Moment bei der handfesten Biologie und gehen jetzt zu den beiden Nackt-schneckenarten, die in Europa besonders verbreitet sind bzw. waren: der Roten Wegschnecke (Arion rufus) und der Spanischen Wegschnecke (arion vulgaris) nämlich! Beide werden mittelgroß und können unterschiedliche Farben auf einer Skala zwischen hellorange und dunkelbraun annehmen. Beide fressen vor allem Laubteile (und sind dabei spezialisiert auf besonders leckere, wie zum Bei-spiel jungen Salat oder Basilikum), gelegentlich aber auch Artgenossen; Kannibalismus ist verbreitet, und man be-nutzt die „Raspelzunge“ dafür. Besonderen Wert legt Wikipedia – aus Sachgründen! – auf den Fortpflanzungs-akt: Er beginnt mit einem, man stelle es sich vor: Paa-rungstanz, bei der jede Menge bitterer Schleim abgeson-dert wird, und zwar von beiden. Denn Nacktschnecken sind zweigeschlechtlich, Zwitter: Und wenn sie nach dem Paarungstanz ihre ausgestülpten Geschlechtsorgane (anhand derer man sie auch bestimmen kann) ineinan-derschieben, verschmelzen sie für mehrere Stunden mehr oder weniger zu einem Organismus. Dann, und man stel-le sich das Geräusch dabei besser nicht vor, entschmelzen und entknoten sie sich wieder und kriechen ihrer schlei-migen Schneckenwege und legen nach ein paar Wochen viel zu viele Eier. Denn wenn das Wetter schön feucht und schneckenfreundlich ist, gibt es leicht Schneckenpla-gen; in England sollen im Sommer 2007 bis zu tausend Exemplare pro Quadratmeter gezählt worden sind, und in Dänemark gab es einmal einen nationalen Schnecken-bekämpfungsplan. Nützt aber alles nichts, denn auf den Transportwegen des globalen Warenverkehrs werden die ansonsten gar nicht so ausbreitungsfreudigen Tierchen immer weiterverbreitet. Zumal sie wenig natürliche Fress-feinde haben, ihres bitteren Schleims wegen; Igel machen angewidert einen Bogen, und lediglich Enten scheinen dagegen immun zu sein (getöpferte auch?). Die Nackt-schnecke hat es auch auf kein nationales Wappen ge-schafft; sie ist niemandes Lieblingstier, es gibt keine Plüschtiere in Nacktschneckenform, und sie taugt nicht einmal für eine ordentliche Fossiliensammlung, des nach innen verlegten Restskeletts wegen; und also kann man auf Wikipedia den recht schönen Satz lesen: „Liebhaber-sammlungen von Nacktschnecken existieren deshalb so gut wie gar nicht“!
Nun haben wir erst einmal genug gelernt und Stoff für einige weitere Partygespräche gesammelt, auch wenn es kein arg appetitlicher ist. Aber unsere Grund- und Aus-gangsfrage ist immer noch unbeantwortet, auch wenn die Zigaretten im getöpferten Tier inzwischen alle ausgeglüht sind, obwohl die Stummel sich reichlich vermehrt haben: Wofür sind Nacktschnecken gut im großen Gang der Dinge? Was hat sich Gott bei der Nacktschnecke gedacht? Nun, auch dafür hat Wikipedia zum Glück eine Antwort. Denn der Mensch, das erfindungsreiche Wesen und der verlängerte Arm der Evolution, hat herausgefunden, dass man Nacktschnecken als Versuchstiere benutzen kann; für Stoffe, die Schleimhäute reizen oder vaginal eingeführt werden sollen nämlich. Sie können außerdem, das wurde eher zufällig beobachtet, große Mengen an giftigen Schwermetallen aufnehmen, wenn sie sich über solche Böden bewegen. Und damit gehen wir fließend, nein: kriechend über zur symbolischen Bedeutung: Denn was will es uns sagen, wenn wir für ein Wesen, das ein eher zurückgezogenes Dasein führte, bis es sein Haus verlor, vor allem einen Nutzen gefunden haben: Wir können es stellvertretend für uns selbst vergiften?
3) Die Nacktschnecke, eine verborgene Metapher
Ist die Nacktschnecke nach alledem nicht ein wunderba-res Wesen? Ohne Scheu, ohne Verstellung zeigt sie ihr Wesen vor: Hier, das bin ich, nackt, wie der Schöpfer mich gemacht hat. Ihr mögt euch in euren Häusern verstecken und sie immer größer, immer stärker, immer höher ma-chen; es sind doch nur Spiralen ins Nirgendwo, eine Wendeltreppe ins Unendliche, ein metaphysischer Fort-satz. Aber haben wir nicht auch Farben? Glänzen wir nicht tropfenfeucht im Regen, und manche von uns haben ein strahlendes Gelb, andere wieder ein tiefes Orange oder ein sattes Braun – warme Farben, Erdfarben, dem Boden angepasst, auf dem wir bleiben, unser Leben lang. Nichts treibt uns hinauf in die verwegene Vertikale; der Horizont ist unsere Lebenslinie, und jedes Blatt gibt uns Schutz und Heimat. Unsere Fühler sind feine Werkzeuge, Antennen zum Universum der Sinne; unser Schleim ist ein Kunstwerk, und die Linien, die wir mit ihm ziehen, könnt ihr nicht berechnen. Wir fressen nur die feinsten, aromatischsten, zartesten Kräuter; wir sind nachtaktiv und paaren uns gern im Dunkeln, aber dafür verschmel-zen wir mit all unseren Organen ineinander. Wir lieben das Feuchte und das Warme, aus dem wir alle kommen, egal ob wir harte Schalen haben oder weiche Körper. Wenn eure Häuser zu Ruinen zerfallen sind, werden wir noch da sein; doch unsere Spuren vergehen mit uns.
4) Der Graf von Malabar und seine Nacktschneckenzucht
Und damit können wir jetzt, dritter und letzter Teil der Party, nach reichlich Alkoholgenuss und mit vollem Ma-gen, wenn auch etwas fröstelnd ob des bleibend feuchten Wetters, zur großen Abschlussgeschichte ausholen. Sie handelt vom Grafen von Malabar, der einem heute beina-he unbekannten mecklenburgischen Adelsgeschlecht entsprossen ist. Über den Namen existieren mehrere Le-genden. Einige wollen ihn auf eine junge indische Sklavin zurückführen, die eine frühe Kolonialisierungswelle in den kalten und beinahe noch gänzlich unerschlossenen Osten Europas geführt hatte, eine Art indische Pocahon-tas und ihre Nachkommen; andere auf ein Missverständ-nis einer französischen Redewendung für schlechte Kneipen (mal à bar). Dieser Graf von Malabar nun hatte einen großen Lebenstraum: Während all seine Nachbarn sich gerade auf die Seidenspinnerzucht geworfen hatten und Maulbeerbaumplantagen auf dem mecklenburgi-schen Sandboden angelegt hatten, wollte er eine Nackt-schneckenzucht aufbauen! Er hatte nämlich eine Theorie entwickelt, dass die Spanische Wegschnecke, wenn man sie mit tabakgetränkten Salatblättern fütterte, nicht nur um ein Vielfaches größer werden würden, sondern auch einen speziellen Schleim produzieren könnten, der dem mecklenburgischen Bier einen ganz eigenen Geschmack geben würde. Leider kamen die eigens aus den spani-schen Provinzen importierten Wegschnecken allesamt in der kurzen Erwärmungsphase, die der damaligen ‚klei-nen Eiszeit‘ vorausging, ums Leben, sie verkümmerten ebenso wie die Maulbeerbäume der Nachbarn, die sie in einem letzten Akt der Verzweiflung noch überfallen hat-ten. Und es haben sich nur wenige Spuren von diesem kühnen Plan und den Experimenten erhalten, die der Graf von Malabar mit seinen Nacktschnecken unternahm. Überliefert ist lediglich ein handschriftliches, schwer leserliches Manuskript, Von der Hand-Zucht und Inokulati-on Großer Spanischer Wegschnecken zum Zwecke einer Verbes-serung des mecklenburgischen Brauwesens, mit dem der Graf einen Preis bei einer der großen europäischen Akademien zu erhalten hoffte. Das Deutsche Museum in München verwahrte eine Zeitlang einen Inokulationsapparat, mit dem er die Tabakpflanzenextrakte den Nacktschnecken direkt in die ausgestülpten Geschlechtsorgane injiziert haben soll. Seine Echtheit ist jedoch zweifelhaft, und seit-dem militante Tierschutzorganisation ihn in einer Pro-testaktion mit einem giftigen Schleim aus Kartoffelbrei und Sekundenkleber überzogen hatten, wurde er in einen der vielen dunklen Kellerräume des Deutschen Museums unter der Isar verbannt. Dort wartet er darauf, dass einer der – bekanntlich wenig verbreiteten –Nachtschneckenliebhaber sich vielleicht doch zu einer Spende hinreißen lässt, die die Wiederherstellung des Artefakts und seine Präsentation in einfacher Sprache in der Ausstellung erlauben würde. Eine ehrenvolle Plakette wäre ihm sicher!
TOD EINES KÜKENS
Man sah gleich, dass es tot war. Irgendetwas fehlte, wie es so da lag, in einer gleichzeitig verkrampften und ent-spannten Stellung, die Klauen schon weich anmutend, bevor sie sich überhaupt ausformen konnten, den Hals weit vorgestreckt, als wollte es im letzten Moment noch etwas sehen, was es noch nie gesehen hatte. Aber am schlimmsten waren die Augen. Sie waren halb geschlos-sen; nicht mehr der halbblinde Kükenblick, schon gar nicht der große wache Raubvogelblick der Falkenmutter, oder auch nur der gelbe Deckel, der sich abends manch-mal schützend darüber legte, nach einem langen Tag des harten Mutterseins: Saß man wirklich dicht genug um den sorgsam zusammengeschobenen vier und wenig später fünf Eiern? Hielt man sie gut genug zusammen, nachdem die Viere geschlüpft waren, das Fünfte sich aber Zeit ließ? Das war wohl der Zeitpunkt, an dem sich zum ersten Mal die allzu menschliche Sorge, die sich so gern an das Zurückgebliebene, Kleinste, Ungeschützte an-hängt, neben dem geradezu automatischen Lächeln über die vier weißflaumigen tapsigen Wesen breitmachte: Würde die Zeit reichen? Würde die Mutter durchhalten? War das fünfte Ei überhaupt befruchtet? Fast wäre das leichter gewesen, das kommt immer wieder vor, und schließlich essen wir auch sorg- und gedankenlos Hüh-nereier und Hähnchenbrüste (gerade in Zeiten der Krankheit gut verträglich, ja geradezu therapeutisch!), nicht aber blinde weiße Küken-Nachkömmlinge.
Plötzlich jedoch war es dann da, ein schwer zu fin-dender weißer Wuschel mehr unter den schon kräftig gewachsenen Vieren, die immer noch reichlich unartiku-liert und orientierungslos übereinander stolperten. Häu-fig starrten sie an die Wand oder drängten sich in die Ecke, als wäre der Blick aus dem Kirchturm zu gefährlich. Aber das kannten wir schon von den Wanderfalken, die wir einige Wochen vorher beobachtet hatten und die dann doch erstaunlich schnell den Sturzflug ins Freie wagten, nachdem sie vorher wacker einige Tage Flügel-schlagen geübt hatten. Die Dinge entwickelten sich aller-dings deutlich langsamer bei unseren Turmfalken im Nachbardorf. Wir machten uns wieder Sorgen, als die Falkenmutter immer noch tagelang auf den nun vollstän-digen Fünfen saß; der Vater war noch nicht einmal aufge-taucht mit den doch sicher benötigten Futterrationen, vorher hatte er wenigstens dann und wann kurze halb-stündige Elternzeiten eingelegt. Doch auf einmal began-nen die Mäusekadaver einzutreffen (wir waren dankbar dafür, dass die Kamera schon immer relativ unscharf war), und von nun an versiegte die Versorgung nicht mehr, auch bei deutlich wachsendem Appetit und immer weiter aufgerissenen Schnäbeln. Mama zerrupfte zur Fütterung sorgfältig die Beute in handliche Fetzen, die sie – wie es uns schien, darunter nagte die Sorge still weiter – relativ gerecht verteilte. Und immer wieder suchten wir den kleinen, noch fast kahlen Kopf zwischen den deutlich größeren Flaum-Schädeln der sich vordrängenden Gro-ßen. Er war sehr schwer zu finden, aber dann tauchte er doch wieder auf, nur für einen kurzen Moment. Derweil wurden die Augen der Großen langsam wacher und fo-kussierter; und auch die Flügel begannen sich mit kleinen Muskeln abzuzeichnen unter dem immer noch perfekt weißen Flaum.
Dann kam der Tag, als sich unsere Sorge kurz verla-gerte: Eines der größeren Küken hatte eine wunde Stelle am Hals, sie würden sich doch nicht, futterneidisch, ge-genseitig angefallen haben? Oder war es von der nun schon ziemlich kräftigen Morgensonne verbrannt, gegen die die Mutter kaum noch alle hinter den schützenden Flügeln verstecken konnte? Aber es war nicht das Kleine, Nachgekommene, mühsam fand man es endlich wieder, den immer noch deutlich zu kleinen Kopf, ganz weit un-ten im Haufen. Vielleicht schützten die Geschwister es ja auch? Ach, die allzu menschliche Projektion, gepaart mit dem unwiderstehlichen Beschützerinstinkt! Denn kaum hatten wir uns ein wenig entspannt, es war auch anderes zu regeln gewesen einige Tage lang, öffnete ich eines end-lich sommerlich gewordenen nachmittags die Falkenka-mera – die Singvögel im Garten kamen kaum noch nach mit der Versorgung ihrer Nester in den Hecken, die Gril-len zirpten schon am Morgen unermüdlich, und ich hatte eine echte Zauneidechse vom Strandkorb aus über die sonnengewärmte Mauer unter den Weinreben schlüpfen sehen: Und es war passiert. Man musste es nicht suchen, man sah es sofort. Es lag da, ungeschützt, in der Mitte, die halbblinden Augen schienen minütlich mehr einzusinken in dunklen Höhlen; nie würden sie sich schließen unter einem schützenden gelben Deckel, nie den scharfen schwarzen Falkenblick schweifen lassen. Keine Muskeln unter dem schon schäbig werdenden weißen Flaum, der jetzt ein Totenhemd war, das allerärmlichste. Der Schna-bel zu stark vortretend, verkrustet, wie in einem stillen Totenkampf. Wie lang war es wohl schon so dagelegen? Die Mutter war unterwegs, Nahrungssuche, die Ge-schwister hatten sich in die Ecken verteilt und starrten die Wand an. Einmal nur hatte man es gleich gefunden, das Kleinste, Versteckte; und es war tot.
Nun, das war nur natürlich, Selektion eben, Arterhalt, fünf waren sowieso zu viel gewesen, und der Mäu-senachschub schon ein sehr anstrengendes Geschäft ge-worden. Die Mutter kam auch bald wieder von erfolgrei-cher Jagd, man scharte sich zur Fütterung halb um, halb über dem kleinen Leichnam, keine Spur von – Betroffen-heit, Mitleid, Pietät, ja, was hatte man denn erwartet? Was man hier sah, war nur eine Nahaufnahme des menschli-chen Emotionskinos im eigenen Kopf, für die gefühlsmä-ßig besonders Begriffsstutzigen unter uns (also: für mich): Denn auf einmal verstand ich so viel besser, was wir Menschen in unseren schwachen, kleinen, auch schon fast ausgestorbenen Sterbensritualen mühsam zusam-menkultiviert hatten (beim Krankenhaustod meiner Schwester erledigten das routiniert die Schwestern, die uns gleichzeitig damit wohltätig ablenkten): Die Augen schließen, damit niemand für ewig immer trüber ins Nichts schauen muss. Die Glieder richten, bevor sie die Starre in eine bizarre und zufällige Stellung einfriert für immer. Den Körper gnädig verdecken, in dem sofort der große Verfall beginnt. Einen Platz der Würde schaffen, mit Raum für die Trauer drumherum; nicht allzu nah kom-men. Hier aber stolperten unbekümmert weiterwachsende Geschwister über den verkrümmten Körper, waren die Augen nicht schon wieder ein Stück weiter eingesunken seit der letzten Kameraeinstellung? Der Raum hatte ein Zentrum bekommen, aber es war ein totes.
Eigentlich wollte ich gar nicht hinschauen, aber wie unter Zwang rief ich die Seite immer wieder auf an die-sem Tag. Es war eine Mischung aus – makabrer wissen-schaftlicher Neugierde, wie würde der Verfall wohl wei-tergehen? –, aus Schau- und Sensationslust, einer Span-nung auf den „Ausgang“. Würde die Mutter den Kleinen entsorgen? Würde der Wächter der Kamera des Nachts eingreifen? Sie würden doch nicht anfangen, den Kleinen mit den Mäusen zu verwechseln? Dazu ein wohlig schil-lerndes Gefühl der Trauer, im 18. Jahrhundert mit seinen melancholisch-empfindsamen Unterströmungen nannte man das den „joy of grief“; ein seltsamer Cocktail aus Verlust, Empathie, ein wenig Wut über den allzu natürli-chen Gang der Natur. Keine feststellbare Beimischung aus übertragener Todesangst im Übrigen, sondern vor allem: das Empfinden der Erbarmungswürdigkeit der völligen Einsamkeit und des Alleingelassenseins. Da liegt ein Kadaver in der Mitte, und das Leben geht über ihn hinweg, blicklos, gedankenlos. Mit jedem Moment wurde das Küken toter; wusste die Mutter überhaupt noch, dass es einst fünf Schnäbel waren, in die sie Mäuseteile stopf-te? Warum hatte sie ihn nicht schon aufgegeben im Ei? Spürten die anderen Küken, irgendwie, das etwas fehlte ganz unten im Haufen? Aber sie wuchsen so schnell jetzt!
Als ich am Abend ein letztes Mal einschaltete, war der Kadaver verschwunden. Es waren auch insgesamt, wie sich nach langem Beobachten herausstellte, nur noch drei, jetzt ziemlich groß und gesund aussehende Küken, der mit der wunden Stelle am Hals war auch nicht mehr dabei. Und es schien mir geradezu symbolisch, dass der Größte von allen inzwischen die erste falkenartig gemus-terte Schwanzfeder entwickelt hatte, die einen deutlichen Kontrast zum immer noch weißen Flaum bildete. Hatte die Mutter die beiden Schwachen aus dem Kirchturm gestoßen? Der Falkenmeister würde es uns wohl scho-nend erklären, demnächst im Falkentagebuch; wie natür-lich das sei, und nur für uns Menschen schockierend. Weil menschliche Gefühle halt so seltsam sind, so unbe-rechenbar – und das meine ich gar nicht im üblich pathe-tisch-sentimentalen Sinn (keine Maschine kann das je-mals ersetzen, jaja), sondern rein sachlich: unkalkulier-bar. Was man in einer bestimmten Situation fühlen wird, weiß man selbst immer erst hinterher, so wenig kennt man sich selbst oder gar „den Menschen“. Gefühlsprog-nosen sind das Material, aus dem schlechte Romane und Filme gemacht sind, auf der Basis eines sehr vagen Kal-küls aus viel zu wenig Daten und Phantasielosigkeit, dazu einer großen Dosis Wunschdenken. Man kann es gar nicht vorher wissen, was man in einer bestimmten Situation fühlen wird, weil es so eine bizarre Mischung ist. Und nun weine ich, beinahe automatisch, doch ein wenig beim Schreiben in den frühen Morgenstunden noch unter dem Einfluss des segensreichen, aber schlaf-abwendenden Kortisons bei der gestrigen Chemo, um meinen sehr kleinen Freund mit seiner sehr schwachen Totenwürde. Aber dann erinnere ich mich an das kluge Wort eines entfernten Freundes nach dem Tod meiner Schwester, er sagte: Die Toten hätten ihren Frieden (es war das Einzige gewesen, das geholfen hatte damals): Und auf einmal konnte sich sie sehen, die Totenwürde des kleinen Falken und seinen winzigen tapferen Falken-frieden.
Und schon der zweite Abwesende rührte mich nur noch auf eine sehr schwache Weise, so brutal bin ich nämlich auch: Er war zwar nicht von Anfang an totge-weiht gewesen, so versuche ich das zu rationalisieren, aber er hatte eine Krankheit bekommen, und war das nicht irgendwie schon das Kainsmal der Schuld? Er hatte immerhin eine Zeitlang zum Haufen gehört, er war nicht ausgesondert von Anfang an, er hatte schon mitgedrän-gelt. Und wahrscheinlich hat er einen schnellen Tod be-kommen, keine langsame Auszehrung. Er war das nötige Opfer zum Gedeihen der Geschwister, der Fortsetzung der Generation, dem Überleben der Gattung. Aber von Anfang an schon zu viel sein; ein Irrtum der Natur mehr als eine Schwäche; zu sterben, ohne das Licht der Sonne gesehen zu haben, weil man immer ganz unten im Hau-fen war, und wenn man die Augen einmal öffnete, schmerzten sie wahrscheinlich von dem grellen Licht; und am Ende da zu liegen, ausgesetzt auf einmal, immer weniger werdend, während der Tod in einem wächst – das schien mir ein schon fast menschliches Sterben.
Goethes Tiere
Vier Tieren auch verheißen war,
Ins Paradies zu kommen,
Dort leben sie das ew'ge Jahr
Mit Heiligen und Frommen.
Den Vortritt hier ein Esel hat,
Er kommt mit muntern Schritten:
Denn Jesus zur Prophetenstadt
Auf ihm ist eingeritten.
Halb schüchtern kommt ein Wolf sodann,
Dem Mahomet befohlen:
»Laß dieses Schaf dem armen Mann,
Dem Reichen magst du's holen!«
Nun, immer wedelnd, munter, brav,
Mit seinem Herrn, dem braven,
Das Hündlein, das den Siebenschlaf
So treulich mitgeschlafen.
Abuherriras Katze hier
Knurrt um den Herrn und schmeichelt:
Denn immer ist's ein heilig Tier,
Das der Prophet gestreichelt.
Man meint die Bremer Stadtmusikanten geradezu vor sich zu sehen. Zwar ist der Hahn durch einen Wolf ersetzt, aber nun gut, Hähne haben vielleicht wirklich nichts im Paradies zu suchen, wo auch die Bäche nur sehr still vor sich hinmurmeln. Denn um das Paradies geht es in diesem „munteren“ Gedicht; es geht bekanntlich im ganzen West-Östlichen Divan, dem das Gedicht entnommen ist, gar nicht wenig um das Paradies, und natürlich gibt es viele Paradiese, eines davon christlich, eines muslimisch, und wie sieht es eigentlich aus mit den Tieren im Paradies? Gute Frage, wir vertagen sie erst einmal, um festzustellen, dass das Tiergedicht nicht gar so allein dasteht, wie überhaupt alle Divan-Gedichte sehr stark verknüpft, um nicht zu sagen: vielverschlungen sind. Es wird vorbereitet, angekündigt, angebahnt durch "Berechtigte Männer" (was die Frage beantwortet, wie Männer ins Paradies kommen: nämlich indem sie eine Art Rechtsanspruch erwerben, im Wesentlichen durch Heldentod) und "Auserwählte Frauen" (genau, Frauen werden nicht berechtigt, sondern auserwählt; durch was? Durch erwiesene Treue natürlich, dem Manne gegenüber).
Bleiben wir ruhig noch einen Moment bei den Frauen, den auserwählten, die Auswahl ist nämlich ganz interessant, auch im Blick das Tiergedicht. Natürlich ist sie ost-westlich, also muslimisch-christlich, das war zu erwarten: Sie beginnt mit Suleika (der moralisch nicht besonders gut beleumdeten Frau von Potiphar in der Josephsgeschichte, erzählt sowohl im Koran wie in der Bibel), die aber durch spätere Entsagung gerettet werden kann. Sie setzt sich fort mit der christlichen Maria, der absoluten Mutter; paart sie mit Mohammeds erster Gattin Chadidscha, der einzigen, mit der der Prophet in Einehe lebte, bis sie starb, sie war gleichzeitig seine Financieuse, eine seiner ersten Anhängerinnen und seine lebenslange Verteidigerin. Abgerundet wird die erlauchte Runde opferbereiter Weiblichkeit schließlich mit Fatima, einziger überlebender Tochter von Mohammed und Chadidscha und selbst ein Muster aller Weiblichkeit im Islam bis heute, geradezu kultartig verehrt. Nein, eine gelehrte Frau war wohl nicht zu erwarten, auch keine emanzipierte. Aber immerhin, eine Sünderin (wie Gretchen, sehr viel später)! Zwei muslimische Treue-Ikonen in einer Religion, die die Vielweiberei kennt und das Paradies der berechtigten Männer mit willigen Huris in großer Menge ausstattet! Wer mehr will, muss sich wohl schon selbst in einen künftigen Divan einschreiben!
Tiere nun, um nach dieser orientalisierenden Arabeske nun endlich zum Thema zu kommen, werden „begünstigt“; ein netter kleiner Orientalismus, denn natürlich ist der orientalische Despotismus die Blütezeit der Günstlingswirtschaft (nein, gab es auch im Okzident, so ist das halt mit Stereotypen, sie fallen überall auf fruchtbaren Boden). Man kann aber nicht sagen, dass Tiere in der Bibel „begünstigt“ werden; sie werden vielfach strikt dem Menschen untertan gemacht, und was daraus geworden ist, kann man ja sehen (kein Paradies, nirgends). Allerdings kommen Tiere durchaus vor in der Bibel, aber meist als schlechtes Beispiel oder besondere Strafe (die Schlange. Die Heuschrecken). Ausnahme, und damit sind wir schon mitten im Gedicht: der vortretende Esel, auf dem Christus im Koran und in der Bibel in die heilige Stadt Jerusalem einreitet, das Volk begrüßte ihm mit Palmwedeln, heiligen Pflanzen, und sah darin, dass er nicht auf einem kriegerischen Pferd einritt, ein Zeichen der Demut und des zukünftigen Friedens. Zwar gilt der Esel sonst gemeinhin nicht als „munter“, sondern eher als etwas störrisch. Aber immerhin bekommt er von Gott eine Stimme verliehen, als der brutale Bileam sie (es war eine Eselsstute) schlägt, nur weil sie vor einem Engel gescheut hatte! Na gut, Esel werden berechtigt begünstigt!
Wölfe hingegen –mit der dritten Strophe ist so eine Sache. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, ist Hobbes und nicht direkt christlich gedacht, wenn auch historisch ziemlich erfahrungsbewehrt. In der Bibel tritt der Wolf bemerkenswerterweise fast nie ohne das Schaf auf, immerhin; und der Prophet Jesaja prophezeit eine neue Zeit, ein wiedergekehrtes goldenes Zeitalter sozusagen, in dem Wolf und Lamm zugleich weiden werden. Was hingegen Mohammed mit dem Wolf zu tun hat, da streiten die Quellen ein wenig; es gibt eine unterschiedlich überlieferte Legende, in der er einen Wolf davon abbringt, eine Hindin zu reißen, aber ihr dafür ein attraktiveres Opfer anbietet. Na gut, der Wolf im Gedicht ist ja auch nur „halb schüchtern“ geworden; ob er sich von der Robin-Hood-Logik wirklich überzeugen lässt, da fragen wir besser seine andere, nicht-schüchterne Hälfte. Aber trotzdem nehmen wir mit, dass das Almosengeben im Islam eine der fünf Glaubenssäulen ist und durchaus einen gewissen Umverteilungsgedanken transportieren mag.
Aber dann, das Hündchen, das Hündchen! Das Hündchen ist eine wichtige Gestalt im Divan. Im letzten Gedicht, Gute Nacht, steht es ganz am Ende, das Hündlein, das treue. Es ist, und natürlich ist die Geschichte wiederum christlich und muslimisch überliefert, das Hündchen aus der Siebenschläferlegende, die im Divan selbst erzählt wird und deshalb hier nicht nachgeplappert werden muss. Wichtig ist nur: Bei den sieben jugendlichen Glaubenshelden, die in einer Höhle ihre Verfolgung verschlafen, schläft nur in der islamischen Variante ein Hündchen mit (manchmal sind es auch drei oder vier, es kommt nicht darauf an). Die Treue, das unbedingte Vertrauen in Gott, das die jungen Glaubenshelden zeigen, wird sozusagen potenziert durch das Hündlein, das über seinen Herrn vermittelt Gott vertraut; dabei immer schön schwanzwedelnd, munter und brav, ganz die fröhliche Hundenatur, sogar im Schlaf sieht man die Schwanzspitze noch ein wenig zucken. Auf jeden Fall berechtigt, vergünstigt und auserwählt! Nicht jedoch in der christlichen Variante. Sie kennt kein Hündchen, gar keines.
Am Ende hingegen steht die Katze, und das ist schon ein wenig tückisch (Katzen halt). Katzen haben jetzt nicht so einen guten Ruf, allegorisch und so (in der Bibel kommen sie praktisch nicht vor). Ein Tier, das um seinen Herrn „knurrt“ und ihm „schmeichelt“ – das ist wohl ein klassischer Günstling, um nicht zu sagen: eine Berufsopportunistin, auf sanften Katzenpfoten schleicht sich die Katze in unser Herz, aber ganz sicher sein kann man sich ihrer nie. Sie wedelt auch nicht mit dem Schwanz, ihre Sprache ist überhaupt viel komplizierter. Aber deshalb kann man ja trotzdem ein „Abuherrira“ sein, ein „Katzenfreund“ nämlich, wie einer der Gefährten Mohammeds, Prophet auch er; er überlieferte genauso christliche Legenden wie muslimische, und er mochte eben Katzen, was ihm den Namen eintrug, unter dem er bis heute bekannt ist. Wahrscheinlich hat Abuherrira seine Katzen gestreichelt, wenn sie ihm umschmeichelt haben. Macht ihn das zu einem besseren oder schlechteren Menschen? Oder einem hellsichtigeren Propheten? Oder doch nur zu einem von Mohammeds Günstlingen? Denn Mohammed mochte auch Katzen. Es ist sogar der Name seiner Lieblingskatze überliefert, Muezza soll sie gehießen haben. Und Mohammed soll es auch gewesen sein, der dafür sorgte, dass Katzen immer mit vier Pfoten auf den Boden fallen, indem er Muezzas Rücken nach der Rückkehr vom Gebet dreimal streichelte. Seitdem fällt die Katze auf die Pfoten. Katzen sind weder berechtigt noch auserwählt ins Paradies zu kommen; sie sind eben einfach begünstigt.
Das kann man für eine zweifelhafte Moral halten. Oder für – nun ja, eine Art von Inklusivität, die dem Fremden seine Fremdheit lässt und es nicht ins eigene Moralsystem einkleidet? Goethe hätte aber wahrscheinlich über beides die Schultern gezuckt. Im Gute-Nacht-Gedicht, das den Divan abschließt, schreibt er sich ein wenig selbst zur Ruhe. Er zieht sich zurück in seine ganz persönliche Siebenschläfer-Felsspalte; um dann, nach langem Schlaf, wieder zum Paradies zu erstehen, „mit Heroen aller Zeiten“, „frisch und wohlerhalten“. Dabei ist, wie könnte es anders sein: das Hündlein gar, das treue (dem Goethe auf der Bühne ja bekanntlich nicht so gewogen war). Denn der Dichter, der west-östliche, er ist „gern gesellig“, dem „Genusse“ nicht abgeneigt und nichts weniger als ein Moralist oder ein Dichter für eine intellektuelle Elite: „Daß die Unzahl sich erfreue“, das ist der Zweck des Divan (na gut, einer der Zwecke, ein halber vielleicht). Die „Unzahl“. Wie erfreut sich eine Unzahl? Das zur gefälligen Meditation allen Berechtigten, Auserwählten und Begünstigten in ihrer persönlichen Felsspalte.
Gute Nacht!
Nun, so legt euch, liebe Lieder,
An den Busen meinem Volke!
Und in einer Moschuswolke
Hüte Gabriel die Glieder
Des Ermüdeten gefällig;
Daß er frisch und wohlerhalten,
Froh, wie immer, gern gesellig,
Möge Felsenklüfte spalten,
Um des Paradieses Weiten,
Mit Heroen aller Zeiten,
Im Genusse zu durchschreiten;
Wo das Schöne, stets das Neue,
Immer wächst nach allen Seiten,
Daß die Unzahl sich erfreue.
Ja, das Hündlein gar, das treue,
Darf die Herren hinbegleiten.
Zur Ablenkung von Corona las ich irgendwann Moby Dick. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, irgendetwas zwischen Männerbuch und ewiger Nobelpreiskandidat, whatever. Was ich nicht erwartet hatte, war ein – nun, ein ins Meer versetzter Faust-Kosmos, ein Leviathan von Literatur. Nein, ich meine nicht (nur) Ahab, obwohl er immerhin einen eigenen Mephisto mitbringt (Fedallaha heißt er und Parse ist er, er spricht aber im Unterschied zu Mephisto nicht gar viel) und ganz sicher nicht aufhört, sich strebend zu bemühen, oh nein, im Gegenteil. Ahab hat außerdem eine Art tumben Lehrling an Bord, einen seemännischen Wilhelm Meister (call me Ishmael!) und keine einzige Frau. Dafür haben wir ja Moby Dick, und es spricht einiges dafür, das kann ich jetzt aber nicht in voller Länge darlegen, dass Moby Dick, wie alle Killerwale, eine Frau ist (there she blows! kreischt der Matrose im Ausguck, wenn er endlich den verräterischen Spaut sieht); was wiederum interessant ist, da der Killerwal für Ahab ja auch der Leviathan ist, das biblische Seemonster, und was würde es nun bedeuten, wenn der Leviathan eine Frau – das Ewig-Weibliche gar wäre?
Aber nein, darüber sprechen wir jetzt nicht. Wir sprechen jetzt über Moby Dick, eine Weltenzyklopädie am Leitfaden des Wales: Was kann man nicht lernen, wenn man Harpunen auswirft vom Wal, umgekehrte Harpunen sozusagen, über Religion, Wirtschaft, Politik? Über Herrschaftsverhältnisse, Geschlechterverhältnisse, Psychopathien und Neurosen? Über Kunst, Literatur und Kannibalismus? Alles kann man lernen am Leitfaden des Wales. Wenn ich Moby Dick dann zum zweiten Mal lese, lese ich auch alles, versprochen; aber bei der ersten Faust-II-Lektüre bin ich auch über den einen oder anderen Mummenschanz hinweggehüpft. Und natürlich ist es ein genialer Trick von Melville, den Leser so lange mit Wal-fun facts zu quälen, dass er am Ende genauso scharf wie der irre Ahab darauf ist, das blöde weiße Monster endlich zu sehen, damit wir es ein- für allemal hinter uns haben! Einmal taucht sogar Goethe auf in Moby Dick, ganz ehrlich. Gespräche mit Eckermann, irgendein Zitat, aber es war nur der endgültige Beweis, dass in Moby Dick alles vorkommt, gelegentlich auch Wale.
Noch mehr gespannt war ich jedoch nach beendeter Lektüre (alle tot, außer Ishmael und Wal, die Fortsetzung demnächst in Farbe), ob bei Goethe eigentlich Wale vorkommen. Im Faust nicht, klar; vielleicht zappelte ursprünglich im Hintergrund einer auf dem durch das verbrecherische Landgewinnungsprojekt freigelegten Meeresgrund, und Philemon und Baucis versuchen noch, ihn mit Wasser zu überschütten, aber es ist zu spät und die Episode wurde in der letzten Korrekturphase von Goethe gestrichen, der Produzent hatte schon gemault wegen der Kosten, jetzt auch noch ein Wal? Oder es hatte sich einer unter das bunte mythologische Meeresgetier gemischt, der Homunculus ist eigentlich an einem Riesenwal zerschellt und dann wieder auferstanden als Ahab, keine Flasche mehr, aber Holzbein? Delphine immerhin springen durch den Faust, sehr schön und lyrisch sogar, die Formulierung erinnert an Rilke, und man möchte sofort zur Delphin-Therapie in die Ägäis starten, aber nein, Corona zieht erst langsam ab (wollten wir doch vergessen!). Eine, um nun endlich auf das Wort zu kommen, Recherche in der Goethe-CD-ROM erbrachte unter „Wal“ – nicht einen Treffer. Umgekehrter Moby Dick, oder was? Na gut, erste Intuition der wortgewieften Redaktorin: Wal schreibt sich wahrscheinlich anders, „Wahl“ oder so, phonetisch halt. Fast richtig. Es schreibt sich „Wallfisch“, und ist das nicht auch viel schöner und imposanter? Zu „Wallfisch“ bekommt frau dann auch erwartungsgemäß das eine oder andere Zuckerle-Zitat. Zum Beispiel die Geschichte vom Walfischkopf, einem übersandten Skelett für die Weimarer Kunstkammer, gut verpackt war das Wundertier angekommen, und Goethe instruiert, dass es in den großen Saal zu den gipsernen Pferdeköpfen kommt; die Schulterblätter des Ungeheuers sind zu seiner Verwunderung mit Schiffen bemalt (machen Walfänger in der Mittagspause, kann man bei Melville lesen, samt einem Vergleich mit der akademischen Walmalerei aller Zeiten und Epochen). Na gut, tote Köpfe, aber echte Fische? Nein, echte Wallfische gibt es nicht bei Goethe. Der Wallfisch existiert für Goethe ausschließlich als naturwissenschaftliche Kuriosität beträchtlichen Ausmaßes (und evolutionäre Vorstudie zum Riesenfaultier, das interessierte ihn mehr, missing link und so) oder als Allegorie: Auf einer Überfahrt nach Sizilien fühlt er sich im Schiff behaglich wie im Wallfischbauch geborgen und plant sein neuestes Drama, mögen die kleinen Schiffe oder Fische draußen vorbeischwimmen, endlich hat man mal Ruhe (erinnern Kreuzfahrtschiffe nicht, irgendwie, an Walfischbäuche? Verschlingen und Ausspeien, Verschlingen und Ausspeien, there she blows!)!
Überhaupt bewundert Goethe am Wallfisch, das zitiert er mehrfach, dass dieser den Strom vertilgt, und nicht etwa umgekehrt. Man sieht geradezu vor sich, wie Goethe sein großes Maul aufsperrt, und dann marschieren die gesamten französischen Revolutionäre hinein, zielstrebig den Schlund hinunter, und am Ende macht Goethe das Maul zu, und der Strom ist weg, ein kleiner Rülpser nur noch, eine halb verdaute Kokarde kommt wieder hoch und verfängt sich zwischen den Barten. Wer aber Wallfische fangen will und nicht etwa kleine Fische, der braucht Harpunen (längeres technische Kapitel bei Melville)! Und Goethe will, symbolisch gesprochen, Wallfische fangen, auch wenn er zwischen den einen oder anderen kleinen Fisch mitnimmt (Maximenschwärme, ungeordnet). Deshalb wirft er seine Harpunen, weit wirft er sie, scharf sind sie, lang ist das unzerstörbare Seil; aber trifft er auch, weithin, wird es gelingen, so wie die übermenschlichen vollkörpertätowierten Kannibalen bei Melville weithin werfen und trotzdem treffen? – aber nein, da springt und bläst sie immer noch, die verdammte Farbenlehre dieses Newton, der einzige mathematisch-physikalische Leviathan, auf den es Goethe wirklich abgesehen hatte, gnadenlos, immer wieder mit Harpunen schmeißend und selbst geradezu ahabmäßig auf mangelhaften Instrumenten dahinhinkend. Newton aber: Das ist ein Strom, den kann man nicht einfach durchlaufen lassen! Wie schön war‘s doch im Wallfischbauch, verseschmiedend und die Welt vergessend! Aber schließlich ist man kein Dichter, der seine Kunden nur mit Honig ködert und süßen Pillen, Dichter sind allerhöchstens Schleier- oder Paradiesfische, gelegentlich mischt sich ein Butt mit ein, und selten nur trifft man einen ordentlichen Raubfisch. Goethe aber, wenn er nicht gerade den Leviathan Newton harpunierte, war selbst ein Wallfisch; eine Art Welt-Leviathan, der die Welt einfach in sich einströmen lässt, einiges bleibt in den Barten hängen, anderes rumort unverdaulich im großen Wallfischbauch und wird wieder ausgespien, eine kleine Xenie verfängt sich dabei immer, aber meistens strömt es, es strömt und fließt, und man muss es strömen lassen, durch sich hindurchfließen, das Große und das Kleine, das Gute und das Schlechte, das Leichte und das Schwere.
Goethe ist aber auch Ishmael, der reisende Schreiber des Wal-Universums, der wandernde Wilhelm Meister aus Nantucket, den es zwischendurch nach Italien verschlagen hat. Und als er (also: Goethe, nicht Ishmael) eines Abends dort vom Bildungs- und Wiedergeburtswerk ausruht, am Himmel flanieren ein paar Wölkchen, die Grillen zirpen herzzerreißend, da schreibt er: Er fühle sich doch einmal in der Welt zu Hause; nein, eigentlich fühle er sich so wie einer, der von einem Wallfischfange aus Grönland in seine eigentliche Heimat, das Land seiner Geburt, zurückkehrt. Der Vergleich ist, gelinde gesagt: unerwartet. Man sitzt in der Toskana, die Brunnen plätschern brav, der Wein ist wohltemperiert und das wohlbestrumpfte Bein dekorativ übergeschlagen, und man imaginiert sich: Grönland? Wale? Harpunen? Eben. Deshalb sind wir nicht Goethe. Wir kommen immer nur bis zur Toskana (und noch nicht mal das seit einiger Zeit). Mehr können wir nicht schlucken.
Alle Vöglein sind schon da, und man kann sie endlich schießen. In dieser sommerlichen Jagdstrecke von Vogelfang bis Vogelzunge zeigt sich der jägerische, dem geselligen, auch volkstümlichen Geschehen gar nicht abgeneigte Goethe, der sogar das Vogelschießen in Weimar, wie das Fronleichnamsfest in Erfurt (Fronleichnam und Vogelschießen??!!) bunt, bedeutend und anziehend machen möchte: buntes Getümmel allenthalten, ganz osterspaziergangs-mäßig (Goethe erfindet übrigens auch vogelmäßig, und man hätte doch gedacht, alle Komposita auf -mäßig seien Erfindungen der gern semantisch vagen Gegenwartssprache), alle Stände von Weimar sind da, „in einem mäßigen Bezirk“ (anderes „mäßig“, wohldefiniert), und man vergnügt sich ganz unschuldig – bis auf einmal, keiner hat es gesehen, ein junger Bursche auf der Erde liegt, „so todt als je einer“, einen anderen hat es am Arm gestreift, und hätte nicht – jeder von uns totgeschossen werden können? Na gut, dann gehen wir lieber doch auf Vogelfang und Vogelstellen, definitiv ungefährlicher zumindest für die Menschen; der Vogelherd ist schon gerichtet (ein erhöhter Platz), die Leimruten ausgelegt, auf denen die Drosseln zappeln werden, ganz so wie der unbotmäßige Chor im Faust II, dem Phorkyas droht; auf den Leim gegangen sind sie nämlich, und da hilft kein Vogelgeschrei und kein Vogelgesang und kein anrückendes Vogelheer.
Aber natürlich sind die Vögel nicht nur zum Schießen und zum Singen da, oh nein! Man kann sie auch sezieren, den Vogelschnabel oder den Vogelkopf oder das Vogelskelett. Man kann ihre schön changierenden Vogelfedern für die Farbenlehre untersuchen oder die Vogelmilch in der Botanik auffinden (den Wald-Gelbstern). Man kann sogar Vogelnester essen, wie die Indianer (die eigentlich natürlich Inder sind), Goethe lässt sich eines schicken: Das sind mit Schwalbenleim zusammengefügte Schwalbennester aus Indien oder China, läuft einem das nicht das Wasser im Munde - ? Nein, tut es nicht. Springen wir lieber schnell zum Vogelnestgewölbe, was die feinverästelten spätgotischen Kreuzrippengewölbe englischer Kathedralen sehr anschaulich werden lässt. Die Vogelperspektive bleibt hingegen eher schwach, immerhin jedoch ein poetologischer Beleg: Die „wahre Poesie“ nämlich erhebe den Menschen mit all seinem irdischen Ballast in solche Höhen, dass ihm die „verwirrten Irrgänge der Erde“ wie aus der Vogelperspektive erschienen. Wenn sie es doch nur täte! Heutzutage zeigt sie einem eher die verwirrten Irrgänge des Einzelnen aus der Froschperspektive.
Aber nun gut, dafür hat das Wort Vögeln immerhin Eingang in den allgemeinen Sprachschatz gefunden, auch wenn es bei Goethe nur der lose Hanswurst verwenden darf, der die Mädels mit dem Werther aufgeilt, um sie dann – nun, des Nachts zu „vöglen … das alles kracht“. Oder ein armer holländischer Anatom, der doch nur über unschuldige „Vöglein“ sprechen wollte; aber wer sich im Deutschen verspricht, den bestraft das Leben, und eine Woche später lag er da und musste seine STD mit Merkurium auskurieren! (Akronyme, so praktisch! Und immer korrekt! Geradezu ein Vogelflug über komplizierte Wörter, man erhascht nur die Anfangsbuchstaben und baut ein ganz kleines neues Nest davon! Nur mit Sprachleim!)
Die Vöglein bringen noch mehr Sprachfang ins semantische Netz: den Vogelplanet nämlich, den Goethe gesprächsweise erfindet, neben dem Fischplaneten (und damit mehr Phantasie beweist als viele Science Fiction-Autoren bis heute, die es nur zum Planet der Affen gebracht haben; wenn die Außerirdischen wirklich menschenähnlich wären, möchte man sie schon gar nicht kennenlernen!). Oder die Vogelhecke. Das ist nämlich, lernt die Redaktorin staunend in unser aller Grimmschem Wörterbuch, ein eigenes Wort für die Fortpflanzung der vögelnden Vögel, zugleich der Ort, wo selbige geschieht (muss aber nicht unbedingt eine Hecke im verbreiteten Wortsinn sein) sowie die dabei entstehende Vögelbrut als solche! Der junge Goethe, damals in Sesenheim auf der Pirsch nach den hübschen Sommervögeln, hatte sich bei einem Besuch im strengen Pfarrhaus den Hut weit ins Gesicht gezogen, um sich zu vermummen. Und eines der losen Pfarrmädel führt ihn beim Vater ein mit einem Wortspiel, das so schön ist, dass man es doch eher dem losen jungen Goethe zuschreiben und damit dem Dichtungs-Teil von Dichtung und Wahrheit zuschlagen möchte: Der junge Mann habe nämlich eine Vogelhecke unter dem heruntergezogenen Hut, „die möchten hervorfliegen und einen verteufelten Spuk machen: denn es sind lauter lose Vögel!“ Hört man da nicht schon fast Mephisto herausgrinsen?
Die armen Vögel, die losen vor allem, aber sind frei: vogelfrei nämlich. Ach, frei wie ein Vogel die Vogelperspektive genießen, Vogelhecken brüten und niemand auf dem Leim gehen! Oh nein, denn: Wer frei ist wie ein Vogel, der war, in Zeiten, wo Leben noch ein echtes Risiko war, eben auch: ungeschützt. Durch keinen Lehnherrn, kein Recht, gar nichts. Noch der einfachste Leibeigene war, zum Glück, unfrei und geschützt. Dass der Vogelfreie dann auch noch geächtet wurde, hat sich wohl erst seit Martin Luther ins kulturelle Gedächtnis eingegraben; Goethe jedoch konnte noch sagen, dass Verleger und Autoren sich fatalerweise selbst für vogelfrei erklärt hätten und nun niemand mit ihnen rechten könnte. Nein, vogelfrei will auch der Autor nicht sein, vor allem: wenn er ein erfolgreicher ist und viel Geld verdienen könnte, wenn die fallenstellenden Nachdrucker nicht wären! Beim Nachdenken darüber könnte man einiges über Freiheit lernen, wenn auch nicht so viel über Vögel, sondern eher über Menschen, die gern Vögel schießen und ihnen Fallen stellen und sich selbst dabei für frei halten.
Am Ende kam der Vogelscheu (nein, keine Vogelphobie) samt seiner Nachfolgerin, der Vogelscheuche. Ein Briefzitat dazu, an den Großherzog Carl August, aus dem Jahr 1826, also zwei Jahre vor dessen Tod. Goethe schickt seinem langjährigen Freund und ehemaligem losen Vogel, inzwischen aber politisch hochdekorierten Arbeitgeber und Erbfürst, zwei Exemplare eines „unerfreulichen Werks“; unerfreulich deshalb, weil die Königliche Hoheit samt dero Gemahlin (Goethe spricht immer akten- und protokollmäßig von hochgestellten Personen, es ist ihm selbstverständlich) darin als „Vogelscheuchen der schlimmsten Art aufgestellt“ seien. Dabei sei es jedoch gleichzeitig „merkwürdig“ (und auch das meint Goethe immer wörtlich), dass gerade die Eigentümlichkeiten der dargestellten Personen (ob positive oder negative, wird nicht gesagt, es spielt auch keine Rolle) dabei „in’s Widerwärtige gezogen“ seien. Laut Goethe-Forschung konnte nicht ermittelt werden, um welches unerfreuliche Werk es sich handelte, und das lässt der Redaktorin natürlich keine Ruhe; wozu hat man schließlich google und damit das Wissen der Welt nicht nur aus der Vogel-, sondern aus jeder nur denkbaren Perspektive? Ein paar geschickte Flugmanöver später fand ich den Deutschen Regenten-Almanach auf das Jahr 1827 mit einem ausführlichen biographischen Artikel zu Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Erschienen in Ilmenau, also direkt in der Nachbarschaft, Goethe war oft zum Jagen dort (und die Redaktorin gerade auch, nicht zum Jagen). Herausgegeben, der Almanach also, von Bernhard Friedrich Voigt, Sohn eines langjährigen Weimarer Freundes von Goethe. Na gut, 1827, und der Brief datiert vom 18.4.1826; aber wäre es nicht denkbar, dass Goethe der Artikel vorab zugekommen war, die Vögel fliegen schnell und häufig zwischen Weimar und Ilmenau, und ob sie schreien oder singen, kommt ganz auf den Hörer an? Natürlich lobt der Artikel den Großherzog, sonst würde er sowieso nicht erscheinen; aber wäre es denkbar, dass Goethe hier schon das Vogelscheuchen-Mäßige des personality-Kultes und der Regenbogenpresse und der social-media erkannt hat? Es kommt gar nicht darauf an, ob man gelobt oder getadelt, in den Himmel gehoben oder in den shitstorm gerissen wird; es ist einfach peinlich, solche Dinge öffentlich zu tun, und erst recht: das Verdienst öffentlich zur Vogelscheu aufzustellen. Jede Eigentümlichkeit, so ansprechend und reizend sie im persönlichen Umgang sein mag, wird vergröbert, wenn die unter Fürstenkronen brütenden Vogelhecken, egal ob lieblich oder furchterregend, ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Der Vergleich ist eigentlich gar nicht so schlecht, wenn man darüber nachdenkt. Vogelscheuchen, wir sind umstellt von pseudo-berühmten, mit allerlei Mäntelchen behängten und dann an eine Stange geleimten Vogelscheuchen. Na gut, wie immer unfair gegenüber den Vögeln: Sie haben das alles schon längst durchschaut und führen ungerührt ihre lieblichen Vögelgespräche (Titel eines berühmten Werkes eines persischen Dichters des 12. Jahrhunderts, das wir gleich bestellt haben, und dieser neue literarische Vogelfang allein war all diese seltsamen Überflüge wert, die wahrscheinlich eine gute Vogelschau ihres derzeitigen krankheitsgetrübten Geisteszustandes ermöglichen würden: eher mittel-mäßige Auspizien).
Überhaupt ist der Vogel bei Goethe, spätestens seit der Aristophanes-Übersetzung (frei und frech an Weimarer Verhältnisse angepasst), eher ein Schimpfwort. Überall sieht er den oder, schöner, weil altertümlicher: das Chor der Vögel, wie es den vermeintlich so klugen, den Gelehrten, den nase- und schnabelweisen Kritikern vor allem, alles nachplappert, und jeder auch nur mittelbegabte Manipulator bringt alle Vöglein zum Schnattern, und das, was dabei den Schnäbeln entfleucht, ist eben- Geschnatter, kein schöner Gesang, sondern Lärm, Chaos, Massenhysterie. Am schönsten schnattern sie Beifall, wenn man ihnen ein Wolkenkuckucksheim verspricht, wie es gerade mal wieder in den schnatterreichsten Vorwahlzeiten Mode geworden ist; und frau muss kein Schuhu sein, um hier düsteres Unheil zu wittern: Denn wenn Wolkenkuckucksheim einstürzt, wird sich herausstellen, dass es dagegen doch keine Universal-Schadens-Versicherung gab und die zerschmetterten Träume noch am leichtesten zu verkraften sind. Nein, Goethe will meist gar nicht recht ein Vogel sein, weder ein freier noch ein loser, und im Chor der Vögel singt er sein Leben lang nicht mit. Erst spät wird er Hudhud entdecken, den wahrlich unwiderstehlichen Wiedehopf, aber vielleicht hat er sich auch nur in das Wort verliebt.
Zappeln. Noch ein kleiner Bildungs-Beifang, weil wir gerade im Schwunge sind. Es geht also um das Zappeln, auch ein Urtrieb des Menschen, aber nicht nur des Menschen; denn zappelfüßig sind die Ameisen; das vielfüßige, emsige Kollektiv; sie sind sogar zabblich und krabblich! Und die Fische, und ein solcher hatte sich in dem Netz der Redaktorin verfangen; der Meister sprach nämlich fol-gendes: „wenn man die abgestorbenen Redensarten aus eigener Erfahrungs-Lebendigkeit wieder anfrischt, so geht es wie mit jenem getrocknetem Fisch, den die jungen Leute in den Quell der Verjüngung tauchten und als er aufquoll, zappelte und davon schwamm, sich höchlich erfreuten, das wahre Wasser gefunden zu haben“. Das mochte die Redaktorin natürlich des Anfrischens abgestorbener Redens-Arten wegen, das ihr ja ein höchstpersönliches Anliegen ist. Aber wie genau funktionierte nun die Geschichte mit dem Fisch eigentlich, und woher war sie angeschwommen? Irgendwie musste es sich ja um eine der endlosen Jungbrunnen-Varianten handeln, und nach einigem google-Gezappel (auch nicht schlecht, oder?) fing sich die altorientalische Sage vom Lebenswasser, das Al-Chidr (eine Art Dämon-Prophet-Unsterblicher) bei seinen vielen Wanderungen eher zufällig fand (die GPS-Daten gab das Netz nicht raus). Al-Chidr und sein Begleiter Elias nämlich (ja, der aus dem Alten Testament; ja die Religionen verkreuzen sich wie die Mythologien gern) waren durstig, wie man es leicht wird, wenn man durch die Wüste streift. Und als sie einen Brunnenquell finden, halten sie zuerst den mit-genommenen gedörrten Fisch unter das freundlich sprudelnde Wasser, um ihn etwas schmackhafter und leichter verdaulich zu machen. Doch zu ihrem Erstaunen beginnt der tote Fisch auf einmal zu zappeln, ja, er will sogar entkommen! Sie haben doch tat-sächlich das Lebenswasser gefunden, und ein toter Fisch hat es ihnen gezeigt! Eigentlich aber war er eine abgestorbene Redewendung (Schau hi, da liegt a toter Fisch im Wasser!), und eine persönliche Lebenserfahrung (der Versuch, Stockfisch irgendwie essbar zu machen) hat ihn wiederbelebt! Ach, wie gern würde man das öfters sehen! Zwar trinken alle ohne Ende aus ihren inzwischen beinahe angewachsenen Wasserflaschen, aber man ist sprachlich umgeben von den allerdörrsten Fischen und wahrhaft unsterblich ist nur die allertoteste Metapher (Beispiele sind der tagesaktuellen Zeitung zu entnehmen, sie finden sich vor allem in den Kommentarspalten, wo gedörrte Fische ein geradezu unheimliches Weiterleben führen). Lasst die Wörter wieder zappeln! (den Satz hat sich die Redaktorin redlich erschrieben, jetzt kann sie Suppe kochen gehen und hoffen, dass die Bohnen dabei nicht ins Zappeln geraten, wenn sie ins Wasser gleiten).
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Zänkerei. Nein, ein Fisch noch. Es ist kein kleiner. Es geht um die Rezension eines Buches, das dem Meister – naja, nicht sonderlich gefallen hat, aber irgendetwas kann man immer lernen, und manchmal mehr aus mittelmäßigen als aus glanzvollen. Dieses philosophische Werk also wird als Beispiel für eine alte gelehrte Zänkerei angeführt, nämlich den wahrhaft unsterblichen Streit um den freien Willen, oder, zeitgemäß gesprochen: die moralische Freiheit. Und Goethe holt etwas aus und – erzählt uns eine Geschichte, eine Fabel, eine lehrreiche und ein wenig lustige. Also: „Man weiß aus der ersten Ausgabe, daß dieses Buch die Lehre von der moralischen Freiheit geradezu widerlegt. --- Es waren einmal einige Vögel in einer weitläufigen Voliere. Ein Buchfink sagte zu seinem Nachbar Zeisig, der von einem Bäumchen zum andern munter herumflatterte: Weißt du denn, mein Freund, daß wir in einem Käfig stecken? Was Käfig, sagte der Zeisig; siehe wie wir herumfliegen! Dort ist ein Käfig, wo der Kanarienvogel sitzt. --- Aber ich sage dir, wir sind auch im Käfig. Siehst du dort nicht das Gegitter von Draht? --- Das ist dort, aber siehe, so weit ich auf allen Seiten sehen kann, steht keins! --- Du kannst die Seiten nicht alle übersehen. --- Das kannst du auch nicht! --- Aber denke nur, fuhr der Buchfinke fort, bringt uns nicht unser Herr alle Morgen dort in den Trog Wasser, streut er uns nicht hier auf die Ecke Samenkörner; würde er das thun, wenn er nicht wüßte, daß wir eingeschlossen sind und nicht davon fliegen können? --- Aber, sagte immer der Zeisig, ich kann ja freilich davon fliegen! So stritten sie noch lange; bis endlich der Kanarienvogel aus seiner Ecke rief: Kinder, wenn ihr streiten müßt, ob ihr im Käfig seid oder nicht? so ist's so gut, als wäret ihr nicht darinnen! --- Seitdem uns ein alter Philosoph diese Fabel gelehrt hat, seitdem haben wir allen Streit über Freiheit aufgegeben. Es ist vielleicht auch keine gelehrte Zänkerei weniger gründlich behandelt worden, als diese. Meist hat man auf der einen Seite Begriffe nach Willkür geschaffen, und meist auf der andern Einwürfe aus schiefen Inductionen geholt. Am Ende war Spott hier, und Anathema dort der Beschluß des sehr entbehrlichen Dramas“. Da könnte man vieles zu sagen. Oder auch nicht. Wir lassen es hier einfach mal so stehen, um das Getwitter um den freien Willen nicht unnötig zu vermehren. Und gehen lieber Zeisige und Buchfinken und Kanarienvögel schauen.
Würmer. Die armen Würmer, totale Niete im Schöpfungsgewürfel der Natur, ein Wurf, der einfach nicht abheben wollte, und seitdem kriechen sie daher, in jeder Kette das unterste Glied, vielfach getreten, aber wenn man sie tritt – dann krümmen sie sich (wir werden später dazu kommen). Durch die Bibel kriecht der Wurm ganz gewaltig, nämlich als Bild für die Unbedeutendheit des Menschen schlechthin im Angesicht Gottes (oder des Universums): „Siehe, auch der Mond scheint nicht hell, und die Sterne sind nicht rein vor sei-nen Augen – wie viel weniger der Mensch, eine Made, und das Menschenkind, ein Wurm!“ Buch Hiob, natürlich. Dazu kommt seine Verwandtschaft mit der Schlange, dem Würger schlechthin, das hilft auch nicht, imagemäßig. Und trotzdem, man soll es nicht glauben, erweist sich Goethe gerade beim Blick auf den Wurm allen Übels als Tierrechtler: „Jedes Wesen das sich als eine Einheit fühlt, will sich in seinem eigenen Zustand ungetrennt und unverrückt erhalten. Dieß ist eine ewige nothwendige Gabe der Natur, und so kann man sagen, jedes Einzelne habe Charakter bis zum Wurm hinunter, der sich krümmt wenn er getreten wird“. Würmer sind, würde man heute sagen, also empfindungsfähige Wesen, und dementsprechend: als Lebensform mit eigenem Wert zu würdigen (Würmer sind Freunde, und kein Vögelfutter!) Andererseits sind da die Krankheitswürmer, Bandwürmer und ähnliches Ungeziefer. Auf den Märkten schnitten die Wurmschneider den Bürgern den Wurm, was von vage gesundheitlich-positivem Wert sein sollte, aber statt Würmern nur Geld geschnitten hat. Das hat sich nicht gekrümmt, niemals. Geld nämlich hat, im Unterschied zu Würmern, keinen Zweck in sich selbst, und das ist eine Lektion, die sogar ziemlich wichtig sein könnte.