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Lese-Essays

  • Plädoyer für den Allesleser
  • Abgetaucht oder versunken? Kritik des Leselobs 
  • "Es ist, als ob es tausend Bücher gebe" - Porträt des Lesekritikers als alter Mann
  • Es lebe das Leseerlebnis, oder: Abgesang auf die Literaturkritik


Plädoyer für den Allesleser

Evolutionär scheint erwiesen, dass ein wesentlicher Bestandteil des Erfolges der Spezies homo sapiens seine Fähigkeit war, buchstäblich alles zu essen: Sie gehört zu den Omnivoren, und vor allem der Fleischverzehr brachte ihr die nötige Energie, um ein so überflüssiges, aber energetisch hoch anspruchsvolles Organ wie das menschliche Gehirn zu weiteren Höchstleistungen auszubilden. Der Herrscher über die Schöpfung konnte nicht nur alle anderen Arten töten; er konnte sie auch essen. Sich einverleiben. Verwerten. (Sorry an alle Vegetarier, aber die Evolution war nicht politisch korrekt!)

Was das mit Lesen zu tun hat? Seit ich lesen konnte, habe ich alles gelesen. Es war mir einfach egal. Kinderbücher und Erwachsenenliteratur, E und U, dicke und dünne Bücher, Bücher aus allen Sprachen, Ländern, Köpfen, Genres, ich habe sie alle verschlungen. Ich bin mit Mördern schlafen gegangen und mit Drachen aufgewacht, bin mit den Hobbits nach Mordor gezogen und mit Hans Castorp auf den Zauberberg, habe mit Hesse Glasperlenspiele gespielt und mit Faust Teufelspakte geschlossen. Manches war leichter verdaulich, manches schwerer. Nur weniges habe ich als unverdaulich vorläufig aus der Hand gelegt, aber eigentlich nur beiseite, mit einem inneren Vermerk: "Wiederlesen, später". Heute lese ich an einem durchschnittlichen Tag, in no particular order, den Teckboten (das lokale Printmedium), die NZZ, einen schweren Brocken hohe Literatur für die Seminarvorbereitung oder den nächsten wissenschaftlichen Aufsatz, einen leichten Zwischenimbiss Krimi für die Ablenkung von der Seminararbeit (englisch, nur englisch, damit mein Gehirn erkennt, dass es auf Sparstufe fahren kann und nicht analysieren muss), einen Reiseführer für den nächsten Urlaub und, wenn ich mir etwas gönnen möchte, ein wenig Friedrich Nietzsche oder Terry Pratchett am Abend (ja, das ist eine echte Alternative, denn beide sind wahre Omnivoren unter den Autoren). Es gibt nichts, was ich nicht lesen kann.

Nun mag das an meiner durchaus mangelhaft ausgebildeten Persönlichkeit liegen, meiner blatanten Ich-Schwäche (dass ich hier die ganze Zeit "Ich" sage, hat damit überhaupt nichts zu tun, "Ich" ist einfach ein Name, den alle tragen, wenn sie von sich selbst sprechen, keine Persönlichkeit), meiner geradezu chamäleonhaften Offenheit für alle Farben des Spektrums. Whatever. Lieber aber stelle ich mir vor, ich hätte mindestens sieben Lesemägen, mehr noch als die Kühe. Und nachts, wenn der Kopf endlich schläft und das energiezehrende Gehirn abgeschaltet ist (oder wenigstens in einen temporären Ruhezustand versetzt, es kann zwischendurch wirklich anstrengend sein), wiederkäuen die Mägen friedlich vor sich hin; gelegentlich entfährt ihnen ein Rülpser, zu viele heiße Luft, oder einer der Mägen grummelt vor sich hin: Wieder einmal nicht ordentlich gekaut, runtergeschlungen, viel zu große Brocken! Manches liegt einem lange im Magen, anderes – nein, wir wollen das Bild lieber nicht allzu anschaulich ausbauen, es könnte unappetitlich werden. Am Morgen jedenfalls ist das meiste ordentlich verdaut und kann wieder in Energie umgesetzt werden, Muskeln antreiben, Gedankengebäude bauen, Ideen auswerfen. Neue Bücher lesen. Vielleicht die Beiseitegelegten?

Deshalb ist es mir auch nie eingefallen, Bücher nach "gut" und "schlecht" zu sortieren. Bücher sind doch auch nur Menschen, würde ich sagen; und wie soll man die Abermillionen Bücher, die seit der mehr oder weniger erfolgreichen Alphabetisierung der Menschheit (einem durchaus zweifelhaften Schritt in der Evolution des Geistes, dessen Nebenwirkungen noch nicht endgültig evaluiert wurden) geschrieben wurden und ebenso unterschiedlich sind wie die Abermillionen Schreiber und Leser, in zwei Schubladen packen, gute Literatur hier, schlechte da, Schublade zu, Affe tot? (dummer Spruch, aber nicht unpassend) Sollte man nicht stattdessen versuchen, die verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass der richtige Leser auf das richtige Buch trifft, und das noch im richtigen Moment (und darauf kommt es an!), so dass eine kleine Singularität sich öffnet: Ein Buch und ein Kopf prallen aufeinander, und es klingt nicht hohl (Georg Lichtenberg), sondern es entsteht eine Schwingung, eine Überlagerung, ein sich ausbreitendes Muster nach allen Seiten, ein wenig aufregend, ein wenig beruhigend, und definitiv ein neues Element in der Evolution des Geistes, real wie nur je ein passendes Wort, ein erhellendes Bild, eine zündende Idee?

Gut, schlecht, das sind doch bürgerliche Kategorien, das würde ein weises Känguru sagen, nicht aber der ewige Literaturkritiker (der, seien wir ehrlich, in allen Lesern wohnt, gleich neben dem ewigen Fußball-Nationaltrainer in allen Männern; ich habe ihn aber in den Keller verbannt, wo er zur Strafe Trivialliteratur lesen muss, tagein, tagaus). Und gut für ihn ist, was sein Magen fasst, schlecht aber, was ihm Schluckauf, Sodbrennen, schlimmstenfalls gar eine Gallenkolik verursacht; und er regt sich so leicht auf, der Gute! Aber in einer der diabolisch-dialektischen Volten, die die Evolution des Geistes gern schlägt (das hat sie von ihrer weisen Mutter, der Evolution in der Natur, gelernt), verschreibt der ewige Kritiker dem gemeinen Leser meist genau das, was diesem nicht bekommt: Er nämlich soll nur das lesen, was aufwühlt, erschreckt, verstört, schockiert, entsetzt! Denn der Gott des Kritikers (es ist der große Gott der Avantgarde überhaupt) ist besessen vom Geist des kritischen Bewusstseins und fährt als Klischeezertrümmerer und Stereotypenaufspießer auf die Literatur darnieder. Schwerbeweglich und leicht cholerisch thront er in den Feuilletons und wird angebetet in den Akademien, die ihm unverständliche, gelegentlich hysterisch anschwellende Gesänge widmen; von dort schleudert er seine Donnerpfeile gegen die leichte, die populäre, die unterhaltende Literatur, die Schönschreiber und Anpasser, die Bestseller-Autoren und die Dilettanten, und vor allem: den gemeinen Leser, der einfach kauft, was ihm gefällt, und liest, was ihm schmeckt: Verflucht seien sie in alle Ewigkeit, schlecht, schlecht, schlecht, ur- und grottenschlecht! Hinter dem breiten Rücken des Gottes aber, wenn die Kritiker den Schlaf des Allzu-Gerechten schlafen, vereinen sich die gute und die schlechte Literatur jede Nacht aufs Neue, damit die Welt wieder eins wird. Unbeschwert, ungesehen paaren sie sich, die Muse küsst sie alle, sie ist eine Hure und eine Heilige, und am Morgen schwärmen ihre Kinder aus in die Welt, dick und dünn, tiefsinnig und oberflächlich, phantastisch und wirklich, urkomisch und sterbenstraurig, und manchmal all das durcheinander. Und sie suchen sich ihre Leser, wie und wo sie sie finden, große und kleine, alte und junge, weibliche und männliche, gelehrte und ungebildete, urkomische und sterbenstraurige, und manchmal all das durcheinander. Gut oder schlecht? Who cares?

Die Moral? Nicht jeder verträgt alles, einiges macht süchtig, anderes macht dumm, und manches sollte der Arzt verbieten, gewiss. Aber Omnilegen sind wichtig für die freie Evolution des Geistes (in den Grenzen von Mutter Natur, natürlich) – eine vielseitige Ernährung ist die beste überhaupt, und ein guter Magen wächst an seinen Aufgaben!

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Abgetaucht oder versunken?
Eine Kritik des Leselobs

Zu den großen Stereotypen des Leselobs gehört die Versunkenheit in die fremde Welt des Buches. Sie kommt gleich vor (oder nach?) dem angeblich so anheimelnden Geruch bedruckter Blätter (keine Ahnung, wann das jemand das letzte Mal gerochen hat, nicht jedenfalls im Zeitalter des digitalisierten Buchdrucks), dem magischen Knistern der Seiten beim Umdrehen (ich schneide mir höchstens in die Finger, ziemlich miese, feine, schmerzhafte Schnitte) und dem haptischen Gesamteindruck überhaupt (wahrscheinlich wäre das Wort ‚haptisch‘ sonst auch schon längst in Vergessenheit geraten). Nun gut, Nebensächlichkeiten von Nostalgikern, es gibt Schlimmeres. Die Versunkenheit hingegen in die Welt des Buches, die ja auch unabhängig ist von technischen und sinnlichen Petitessen, dagegen traut man sich kam etwas zu sagen: Zu verlockend ist die Vorstellung, dass man den ganzen Alltag, all das Graue, Langweilige, Bekannte um einen herum vergessen könnte und einmal nur – ganz woanders sein. Die Entgrenzung gehört dazu, der Verlust des Zeitgefühls und des Ortsinnes, das Vergessen der eigenen pickligen Person (im übertragenen Sinne natürlich). Die Welt des Buches übernimmt die Macht, und wir lassen es willig gewähren (und sollte uns nicht schon diese Formulierung nachdenklich werden lassen?).

Es gibt Illusionen, die sollte man nicht zerstören – und doch, und doch. Denn jede schillernde Illusion hat ihren Preis: Sie wird bezahlt im Verlust an Alltagssinn. Eskapismus ist schon ok, aber am Ende muss man halt wieder zurückkommen. Das Buch ist aus, alle Seiten umgeblättert, der imaginierte Duft nach Druckerschwärze ist schon längst verflogen, aber der Schnitt im Finger tut immer noch weh. Man schaut hoch und – ach ja, da ist sie wieder, die alte, vertraute Alltagswelt. Kein Grund genauer hinzusehen, sie ist ja jeden Tag da und morgen und übermorgen immer noch die gleiche wie gestern und vorgestern. Wie sie riecht, keine Ahnung, genauso wie immer halt, morgens mehr nach Kaffee und abends mehr nach Pizza, oder? Und die Leute in ihr, ach, sie geben nicht immer eine gute Figur ab, weder ordentliche Schurken noch wahre Prinzessinnen, und einen Drachen hat man auch noch nie gesehen im Vorgarten. Und was lesen wir jetzt als nächstes?

Denn niemals, niemals hat man sich je in seine Alltagswelt vertieft. Man wird es auch nicht tun, für Versenkung und Vertiefung gibt es ja Bücher, andere Welten. Aber wenn man mal nicht nur oberflächlich hingucken würde, sondern sich nur ein wenig versenken, könnte man feststellen, dass die vorhandene Welt so schlecht gar nicht ist. Sie hat nur eine schlechte Presse, ein Imageproblem, und vielleicht sollten wir ihr einfach mal einen anderen Namen geben - obwohl Alltag noch nicht einmal ein schlechter Name war: Er paart das All und den Tag, und alle Tage zusammen ergeben ein Leben, nicht einfach schlechten Alltag. Oder: Gewohnheit, war das nicht das, in dem man wohnen konnte, zuhause sein, Heimat im täglichen Handeln? Oder: Wirklichkeit, eine Umgebung, in der gewirkt wird, tagaus tagein, von Kräften, die sehr real sind und die wir doch bei weitem noch nicht verstanden haben, wir verstehen sie ja nicht einmal in Büchern, wo sie schon sehr schematisch reduziert daherkommen! Man wünschte sich - eine eine Art Virtual-Reality-Brille, die man aufsetzen könnte, und auf einmal würde man den Alltag neu sehen, vertieft, ein wenig verfremdet und ein wenig vertraut! Was könnte man nicht alles entdecken, wenn man nicht schon meinte, alles gesehen zu haben!

Aber nein, um sich zu versenken, benutzt man Bücher. Um gesteigerte Realität zu erleben, blättert man staubige Seiten und berauscht sich an Phantasmen im Kopfkino. Künstliche Welten sind halt immer bunter. Aber wann hat man den letzten Sonnenuntergang gesehen, vor der Haustür, diese unendliche, sich ständig verändernde Farbenexplosion in den tiefsten denkbaren Rot- und Gelbtönen bis hin zum dunklen Blau und tiefen Schwarz? Wann hat man, statt den vermeintlichen Duft von Druckerschwärze zu inhalieren, eine Wiese gerochen, im Frühling, wenn jede Biene klüger ist und nicht auf die Idee kommt, den Rüssel in ein Buch zu versenken? Wann ist man einfach nur durch die Stadt gegangen, versunken in das wogende Leben der Straßen, die heimlichen Beziehungen der alten Häuser erahnend, eingebettet in den Strom des Menschlichen, und da, da, sieh nur, das steht immer noch das Münster, die steingewordene Erhebung, mitten in dieser Welt, und die Augen können sich gar nicht genug tun an der steinernen Figurenvielfalt? Und ist diese Welt nicht genauso vielfach und wandelbar, je nach Lichteinfall, Stimmungstönung, Perspektive? Und ist man nicht sogar selbst die Hauptfigur im eigenen Leben, und es wäre wirklich schön, wenn man eine gute Geschichte daraus machen würde, aus diesem ja gelegentlich zähen, widerständigen, aber insgesamt doch sehr naheliegenden Stoff?

Nichts gegen Bücher, ich liebe sie. Wenn ich nicht lesen könnte, wäre ich wahrscheinlich tot. Eskapismus ist eine Disziplin, in der ich seit langem exzelliere. Aber ich habe nie verstanden, warum man einen Wettbewerb zwischen der Welt und den Büchern veranstalten muss; und wenn man es schon tun muss (weil Menschen offenbar Wesen sind, die in Wettbewerben denken), warum sein Ausgang immer schon vorprogrammiert ist: Volle Punktzahl für die Phantasie, höchstens ein Trostpreis für das reale Leben in realen Welten! Zumal all das vermeintlich Phantastische ja doch nicht loskommt vom Wirklichen, es ist seine verleugnete Mutter, sein verhöhnter Vater, und nur weil man gegen die Götter rebelliert, hören sie nicht auf zu sein. Sie lächeln nur milde. Am Ende, so scheinen sie zu sagen, am Ende kommst du doch zu uns zurück. Jeder muss irgendwann wirklich werden, ob er will oder nicht. Der Schein ernährt seine Kinder nicht, und irgendwann haben alle das Manna über und wollen mal wieder ordentliches Schwarzbrot. Aber vielleicht, es könnte ja sein, habt ihr wenigstens in euren Büchern gelernt, wie Versunkenheit geht, Selbstvergessenheit, von sich Absehen – lauter tüchtige Fähigkeiten! Und dann versenkt ihr euch zur Abwechslung mal in die wirkliche Welt. Ihr werdet staunen, was ihr findet!

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"Es ist, als ob es tausend Bücher gebe" - 
Porträt des Kritikers als alter Mann

 Gelegentlich kommt er sich vor wie der Panther in Rilkes berühmten Gedicht: „Sein Blick ist vom Vorübergehen der Seiten / so trüb geworden, dass er nichts mehr hält. / Es ist als ob es tausend Bücher gebe / unter hinter lauter Büchern keine Welt“. Bücher, immer nur Bücher; er ist umgeben von Büchern, er lebt unter Büchern, die Regale biegen sich, die Tische sind voll davon, überall machen sie sich breit, sie haben schon längst die Küche erobert – obwohl er niemals, das hat er sich geschworen, Kochbücher rezensieren würde, niemals! -, sind von da aus über den Flur gewandert, die Toilette ist längst zum belesenen Örtchen geworden und im Schlafzimmer lauern die Schwergewichte, dicke Bild- und Prachtbände, von denen er einmal dachte, dass sie ein gutes Schlafmittel wären. Aber er schläft nur noch schwer ein, obwohl ihm am Tag häufig die Seiten vor den Augen verschwimmen, die Augen fallen ihm sanft zu, das Buch entgleitet ihm und fällt, und er möchte so gern auch fallen – aber dann schreckt er doch wieder schmerzvoll hoch, die Buchkante hat ihn auf dem Mittelfuß getroffen, wie so oft schon, die Bücher machen ihn fußkrank, das ist es, sie fesseln ihn an den Sessel, an den Schreibtisch, und je weniger er sich bewegt, desto mehr übernehmen sie die Herrschaft über sein Leben. Wenn er doch einmal träumt, dann träumt er schwere Literatenträume. Meistens beginnen sie damit, dass er ein Käfer ist, ein unförmiges Insekt, das auf dem Rücken liegt und hilflos mit den Beinen strampelt; umgeben aber ist er von Büchern, in ihnen sind alle Arten von Kreaturen abgebildet, aber keines sieht so aus wie er. Da kommt urplötzlich ein eifriger junger Autor auf ihn zu gerannt, man erkennt schon an dem etwas starren Blick, dass er sich wie ein junger Kafka vorkommt, aber seine Ohren sind nicht groß genug, er versucht sich selbst an den Ohren immer wieder größer zu ziehen, aber es sprießen nur Schreibfedern aus ihnen heraus, mit denen er jetzt auf den Käfer losstürzt, der mit seinen dürren Beinchen strampelt, aber nun sprießen auch Schreibfedern aus den Insektenfüsschen, und es hilft nichts, er muss, während ihn der junge Möchtegern-Kafka mit seinen literarischen Versuchen traktiert - abgerissene Satzfetzen schweben durch den Raum und mutieren zu krebsartigen Gebilden, einzelne Wörter fliegen klagend vorbei, Schmetterlinge mit eingerissenen Flügeln - er muss, es ist die einzige Rettung, Sätze schreiben, die er schon tausendmal geschrieben hat, Floskeln, die ihm im wachen Zustand die Schamröte ins Gesicht treiben und im Traum zu Schlingpflanzen werden, „ein Jahrhundertwerk“, „ein Triumph des Erzählens“, „nobelpreisverdächtig“, „Bestsellermaterial“. Sie kringeln sich um die Satzkrebse und senken sich dann schwer auf die dünne Käferbrust, wo schon all die Bücher liegen, die gelesenen und ungelesenen; sie schreien nach seiner Aufmerksamkeit, in jämmerlichen Tönen, wie von ihrem Schöpfer achtlos in irgendeiner Klappe abgelegte Säuglinge, lies mich! schreien sie, und „liebe mich!“, und er schüttelt sie alle von sich und flieht im Käfergalopp. Aber dann ist er schon die riesenhafte Bibliothek geraten, oh, wie gut kennt er seine Traumbibliothek, dort sitzt auf jedem Buch ein Autor, den er verrissen hat, den er missverstanden hat, den er gedemütigt hat, oder, am schlimmsten: den er gelobt hat! Und alle stürzen sich auf ihn, den Kritiker, gemeinsam mit einer unübersehbaren Horde wütender, enttäuschter, begeisterter Leser, und er rennt, weiter und weiter, die Regale entlang, sind es denn immer noch nicht genug Wörter, er schreibt doch schon seit Ewigkeiten, gab es überhaupt einmal eine Zeit, in der er nicht geschrieben hat? Aufwachen, ach, wenn man doch aufwachen könnte – aber wenn er aufwacht, sind die Bücher immer noch da, sie umlagern ihn, sie ersticken ihn und der Paketbote hat schon eine neuen Stapel Rezensionsexemplare abgegeben.

Eine Zeitlang war er dazu übergegangen, die Bücher gar nicht mehr zu lesen, die er besprach. Er besah ein wenig meditativ das Titelblatt, las den Klappentext, dem jeder nur halbwegs begabte Leser ja entnehmen konnte, wie der Autor das Buch verstanden und der Verlag das Buch besprochen haben wollte, und ließ schließlich das Buch – das war der Höhepunkt des Vorgangs, er war immer noch ein klein wenig aufgeregt dabei! – spielerisch auseinanderfallen, auf irgendeine Seite. Dann las er zwei, drei Sätze, mehr brauchte er nicht – und schon formten sich in seinem Kopf die ihm zur zweiten Natur gewordenen Kritikerformeln, er musste nur noch entscheiden, ob es eine Lobeshymne oder ein Verriss werden sollte. Dafür würfelte er auch gelegentlich, wenn er übermütig war und die Träume ihn nicht allzu sehr gequält hatten; oder er fragte seinen Papagei, er hieß Gottsched: Gottsched, sprich, sollen wir ihn krönen oder köpfen, den Poeten? Und der Papagei schrie, je nach Laune: Kopf ab! Oder: Es lebe der Dichterkönig! Dann schrieb er, die erforderliche Anzahl Wörter, auf den Punkt: es war sein besonderer Ehrgeiz, nie ein Wort zu viel oder zu wenig auf ein Buch zu verschwenden, und sein Redakteur liebte ihn dafür – auch wenn er ihm sonst eher unheimlich war, mit seinem stumpfen Pantherblick und seiner papiernen Blässe und den vielen Schnittwunden in den hageren Fingern, vom Schneiden der Blätter; einmal nur, so hatte er früher gehofft, werde ihn ein Satz, eine Geschichte, eine Figur, ein Gedanke so tief schneiden, wie das immer stumpfer werdende Druckpapier es immer noch konnte; aber es blieb bei oberflächlichen Schnitten, die das Blut nicht wert waren, seines nicht und das des Autors. Ausgeblutet, so fühlte er sich; in seinen Adern floss nun Druckerschwärze, sein Herz schlug in einem stumpfsinnig-gleichmäßigen Jambus: „Der weiche Gang geschmeidig leerer Floskeln / der sich im allerkleinsten Kreise dreht, / ist wie ein Tanz um eine hohle Mitte / in der betäubt ein großer Autor steht“, so flüsterte er sich selbst gelegentlich zu. Denn natürlich hatte er eigentlich, wie alle seine Kritikerkollegen, mit denen er aber schon lange nicht mehr sprach, Bücher schreiben wollen, etwas schaffen, das ein eigenes Leben hatte, und nicht nur das Leben anderer sezieren, Tag für Tag. Und wie gut kannte er inzwischen das Innenleben der Bücher, die Mechanik der Romane, ihre Triebfedern und ihre knirschenden Zahnräder; wie konnte er selbst durch die tiefste und hermetischsten Gedichte hindurchschauen bis in ihren tiefen Grund, und wie oft sah er dort nur ein armes zitterndes Wesen sitzen, Wörter zerkauend, bis sie kaum einen Sinn mehr ergaben und Unverständliches erbrechend. Wenige Hausheilige hielt er sich. Aber er las sie niemals mehr, er hatte sogar ihre Bücher weggegeben, um nicht in Versuchung zu geraten; er hätte sie ja doch nur seziert, weil er nicht mehr anders konnte, und am Ende, wer weiß, wären sie vielleicht auch in Fetzen dagelegen, weil sie seinem spitzen Messer nicht standhielten, und dann wäre es Mord gewesen. Nur der Papagei erinnerte sich noch an sie und warf gelegentlich einen Satz heraus, der sich direkt in sein Herz bohrte, weil er ihn vergessen hatte und weil er ihn immer noch traf. Um die Wunde zu schließen, musste er dann Rilke zu Ende zitieren: „Nur manchmal schiebt der Vorhang des Gehöres / sich lautlos auf. Dann geht ein Wort hinein / geht durch des Geistes angespannte Stille / und hört im Herzen auf zu sein“.

 


Abgesang auf die Literaturkritik

Die Literaturkritik ist tot. Und nein, sie kann nicht wiederbelebt werden. Lassen wir sie in Frieden ruhen, neben der Gelehrsamkeit, ihrer Großmutter, und der Bildung, ihrer jüngeren Schwester. Denn die Zeiten sind zwar kritisch geworden, kritisch sogar im Übermaß; Kritik ist ein Imperativ, nein, schlimmer: ein moralischer Imperativ der Moderne. Aber sie möge bitte konstruktiv sein, so heißt es allenthalben, und das ist, wie wenn man einer boa constrictor ihren Zahn zieht: Sie ist dann nur noch gut dafür, sie sich schmückend um den Hals zu legen und mit dem eigenen, leider aber zahnlos gewordenen Mut zu prahlen. Denn was heißt konstruktive Kritik eigentlich? Ein schwacher Einwand, verpackt in Zuckerwatteweiche Berge von Schmeichelei: Ich finde es ja so gut, dass du – aber! Das Aber aber fällt dann meistens aus. Wenn es wahrhaft konstruktiv sein sollte, müsste es zudem nicht nur sagen, was falsch ist (destruktiv, pfui!), sondern wie man es besser machen sollte; eine Konstruktion ist eine diffizile Arbeit, wenn sie denn halten soll und nicht nur Luftschlösser wohnlich ausstatten. Dann aber wäre der Kritiker endgültig und offiziell der universale Oberlehrer geworden, der er inoffiziell schon immer war: Er kann alles am besten, ohne es jemals selbst gemacht zu haben (siehe Fußballtrainer, Stammtisch). 

Die Literaturkritik ist tot. Sie ist erstickt an einem Übermaß an Feedback, das früher, in technisch-eindeutigeren Zeiten, noch ein fancy word für Rückkopplung war: Ein Ausgangssignal wird wieder in den Eingang eingespeist, so einfach ist das. Das führt nicht nur zu den schönsten Schleifen, sondern auch, wie jeder Hörende weiß, zum durchaus unangenehmen Phänomen der akustischen Rückkopplung: ein schrilles Pfeifen, das jedes sinnvolle Geräusch übertönt. Heute jedoch wird solange gefeedbackt, dass man sich vorkommen könnte wie eine polnische Weihnachtsgans, immer mehr und mehr bekommt man in den Hals zurückgestopft, und am Ende ist man fett und unverträglich und reif für den Schlachthof. Genau das ist der Literaturkritiker: die Weihnachtsgans des Literaturbetriebs. Zeit für eine Weihnachts-Diät!

Die Literaturkritik ist tot. Die chinesische Sprache hat, man höre und staune, fünfzig verschiedenen Wörter für Kritik, und jeder Mandarin, der seine Drachenrobe wert ist, kann sie in allen möglichen und unmöglichen Formen deklinieren. Die westliche Kultur hingegen hat es geschafft, das Wort auf einen eher entfernten Nebensinn zu reduzieren: Gesellschaftskritik. Was nicht „die Gesellschaft“ kritisiert, ist sein kritisches Schrot und Korn nicht wert. Deshalb ist auch Literaturkritik zu einer eher unbedeutenden Filiale von Gesellschaftskritik geworden, die im Übrigen mit den gleichen Phrasen handelt wie alle anderen Kritik-Filialen auch, ein Euro das Stück. Schließen wir sie, keiner wird sie vermissen. Das Personal wird umgeschult auf Blog oder amazon-Kundenrezension.

Die Literaturkritik ist tot. Es lebe das Leseerlebnis! Denn wenn irgendetwas gerettet werden kann vom Lesen, diesem persönlichsten aller Buchstabenakte, dann das Persönliche. Jede gelungene Lektüre (what the hell, auch jede misslungene!) birgt eine Geschichte. Sie bringt zwei Dinge zusammen, ein Buch und einen Leser, und je nachdem, was beide zu dieser Begegnung mitbringen, entsteht daraus ein hohles Echo oder eine Symphonie. Nur so pflanzen sich Bücher fort: durch Leser. Die ganze Welt hat inzwischen erkannt, dass die ganze Welt nicht Gesetzen oder Regeln folgt, sondern Narrativen: Wenn die Geschichte gut ist, ist uns die Logik schnuppe, die Rationalität ein abgelegtes Wintermäntelchen, die Wahrheit ein Wechselbalg. Erzählen wir, vom Lesen. Uns. Gegenseitig. Werden wir nicht konstruktiv (das können sowieso nur die großen Baumeister, und sie kennen sich aus), werden wir: produktiv! Die Welt ist ein Textgewebe, an dem jeder mitstrickt.

  

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