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Goethe und die Frauen

  • "Vertrautinnen" und "Männinnen". Genderfragen bei Goethe, I
  • Wahrsagerinnen und Weissager. Genderfragen bei Goethe, II
  • Die Nicht-Familie auf der Nicht-Insel. Zur Emanzipation der schönen Helena in Goethes 'Faust II'
  • Die Gretchen-Tragödie ist der wahre Sündenfall. Frauendrama und Männerhochmut in Goethes 'Faust I'



„Vertrautinnen“ und „Männinnen“.
Geschlechterfragen bei Goethe

Am 2. Mai 1777 schickte Goethe seiner Seelen- und Herzensfreundin Charlotte von Stein ein kleines Briefchen. Das war nichts Besonderes, das tat er zu diesem Zeitpunkt eigentlich an jedem Tag, und manchmal auch mehrere, und zwar unabhängig davon, ob man sich an dem gleichen Tag auch persönlich sah oder sehen würde; es gehörte einfach zu der ziemlich komplizierten Beziehungspflege, die er mit Charlotte jahrelang betrieb. Auf diesem besonderen Briefchen steht (und zwar genau in dieser Schreibung, die man heute kaum als „recht“ zu bezeichnen wagen würde): „Dancke für Ihr Zettelgen. Ich erhielts als der Herzog und noch iemand und ein Paar Vertrautinnen [….] viel Lärmten und Unordnung machten“. Zur Erläuterung: Der „Herzog“ ist Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, Goethes Arbeitgeber wie Intimfreund, Sauf- und Jagdgenosse im Weimar; „iemand“ ist eine Chiffre für die schöne Corona Schröter, Kammersängerin alldorten; Goethe fand sie genauso wie der Herzog ziemlich sexy. Aber wer sind die „paar Vertrautinnen“, und, interessanter neben all diesem Sex-and-the-City-Hofklatsch: Was ist das für ein außerordentlich interessantes Wort?

Die ‚Vertrautinnen‘ oder Sex and the City in Weimar

Wenn man wissen will, was Goethe mit einem Wort genau meinte, kann man das Goethe-Wörterbuch konsultieren (Disclaimer: die Autorin arbeitete für selbiges und betreibt im Folgenden Produktwerbung!) Das Goethe-Wörterbuch verzeichnet alle Wörter, die Goethe jemals benutzt hat, genauer: alle, von denen schriftlich (oder in Gesprächsnotaten) dokumentiert ist, dass er sie jemals benutzt hat. Es sind insgesamt um die 93.000, die genaue Zahl steht noch aus, das Projekt ist nämlich nicht beendet. Das ist ziemlich sicher der umfangreichste Wortschatz, über den jemals ein Sprecher oder eine Sprecherin deutscher Sprache verfügt hat, und wird es wohl auch bleiben.

Wozu genau nun so ein Goethe-Wörterbuch gut ist, erschließt sich nicht gleich jeder. Oder jedem, aber es gibt viele Dinge im großen Reich der Wissenschaften, deren Nutzen sich nicht jedem gleich erschließt. Oder jeder. Deshalb ein Beispiel: Man kann damit die große Goethe-Frage schlechthin untersuchen, nämlich: Wie hält es der Weimarer Olympier eigentlich mit der Geschlechtergerechtigkeit? Immerhin hat er ein Wort wie „Vertrautin“ erfunden, das deshalb auch einen eigenen Lexikoneintrag im Goethe-Wärterbuch bekommen wird: Eine „Vertrautin“ ist nämlich etwas anderes als ein „Vertrauter“!

Das hat die Verfasserin dieses Blogs und des entsprechenden Artikels im Goethe-Wörterbuch dadurch entdeckt, dass sie ihrer lexikalischen Sorgfaltspflicht nachkam und überprüfte, um wen es sich bei den „Vertrautinnen“ eigentlich handelt (gelobt sei die Literaturwissenschaft, die alles, was über drei Schritte mit Goethe verbunden werden kann, erforscht hat! Na gut, google hilft auch ziemlich gut). Es handelt sich bei ihnen um: Wilhelmine Probst und Marie Salome Philippine Neuhaus. Erstere ist in die Geistesgeschichte eingegangen als – genau: lebenslange Freundin von Corona Schröter, die sie aus der Provinz mit nach Weimar brachte, wo sie die hübsche Sängerin angeblich vor den Avancen der Männerwelt beschützt hat; sie blieb ihr treu ergeben bis an Coronas (tragisch frühes) Sterbebett. Die zweite war ebenfalls Hofsängerin in Weimar, und wir nehmen an: auch eine BFF? Die allerbeste Freundin ist nämlich etwas anderes als der allerbeste Freund (grammatisch männlich oder biologisch männlich, in diesem Fall: egal). Und das hat Goethe schon gewusst, und mit seiner allgegenwärtigen Bemühung um sprachliche Präzision selbst in orthographisch und auch sonst ziemlich verlotterten „Zettelgen“ benannt!

‚Putzmacherin‘‚ Oberförsterin‘, ‚Abgöttin‘, ‚Bürger und Bürgerinnen – feminines Genus und Inklusion

Frau kann, auf die sprachpolitische Fährte gesetzt, nun im Goethe-Wörterbuch nach ‚Anverwandtinnen‘ (ja, gibt es auch als Artikel) dieser Wortbildung suchen. Dabei findet man eine Reihe klassischer weiblicher Berufe, die quasi-natürlich im Femininum stehen: Es gab damals wie heute nur ganz wenig Putzmacher, und die ‚Näherinnen‘ waren wie die ‚Spinnerinnen‘ überwiegend weiblich in der ganz korrektheitsresistenten Realität. Hingegen waren ‚Oberförsterinnen‘, ‚‘Professorinnen‘ und ‚Oberkammerherrinnen‘ bei Goethe nicht besonders emanzipierte working girls, sondern die Ehegattinnen ebensolcher Herren; und bei Titeln war Goethe geradezu überkorrekt. Zudem beachtete er das grammatische Geschlecht (genus) sehr korrekt bei einer Reihe recht schöner weiblicher Worte: So gibt es (samt Lexikoneintrag) die ‘Abgöttin‘ – natürlich die Natur, was sonst, die eben weiblich ist, vom Genus her und auch sonst mindestens zur Hälfte; oder die ‚Allbeherrscherin‘ – in einem Fall, eher ironisch, die „Ehre“, im anderen gar nicht so ironisch, wie es klingen mag, die „Geometrie“, die streng die Kreise der Natur regelt.

Es gibt aber auch eine Reihe von Fällen, in denen Goethe beide Geschlechter gleichberechtigt nebeneinanderstellt. Das muss nicht immer nett sein (insofern schwache Triggerwarnung für sensible Gemüter): „Bei den Deutschen wird das Ideelle gleich sentimental, zumal bei dem Troß der ordinären Autoren und Autorinnen“ (das Verfassen schlechter Literatur war schon immer kein Männer-Vorrecht). Und im Lesen herrscht Geschlechtergerechtigkeit wie im Schreiben: „Tagtäglich sehen wir, daß ein Theaterstück, ein Roman  ohne die mindeste Rücksicht auf Recensionen von Lesern  und Leserinnen nach individuell eigenster Weise aufgenommen, gelobt, gescholten, an’s Herz geschlossen oder vom Herzen ausgeschlossen werde, je nachdem das  Kunstwerk mit irgend einer Persönlichkeit zufällig zusammentreffen  mag“. In gebildeten geselligen Kreisen ist die Genus-Doppelung ebenfalls sprachlicher Standard: „Ich habe selten einen Cirkel so aufmerksam und die Seelenkräfte so thätig gesehen, als wenn irgend etwas Neues, das einen Mitbürger oder eine Mitbürgerin heruntersetzt, vorgetragen wurde“ (aus den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten; es spricht ein lebensweiser „Alter“, er darf das; und nein, es gibt keine „Altinnen“, nur „Altistinnen“).

Die ‚Männin‘ – ein aufschlussreiches Missverständnis

Am schönsten aber sind und bleiben Goethes Hapaxlegomena (das Wort kommt aus dem Griechischen, und es bedeutet: „nur einmal gesagt“; es sind also Worte, die nur einmal vorkommen im Textbestand), wie eben die „Vertrautinnen“. Zu ihnen gesellt sich freundschaftlich die ‚Männin‘, die zudem das Thema ‚weibliches Schreiben‘ berührt und ein wenig schon im Geschlechter-Spektrum zu schillern beginnt. Also, längere Geschichte: Es geht um einen Roman, der unter dem Titel Bekenntnisse einer schönen Seele 1806 erschienen ist, und von dem Goethe in einer Mini-Rezension schreibt: „Wir hätten aber doch dieses Werk lieber ‚Bekenntnisse einer schönen Amazone‘ überschrieben, theils um nicht an eine frühere Schrift zu erinnern [einen gleichnamigen Teil seines eigenen Bildungsromans Wilhelm Meisters Lehrjahre], theils weil diese Benennung charakteristischer wäre. Denn es zeigt sich uns wirklich hier eine Männin, ein Mädchen wie es ein Mann gedacht hat“. Goethe geht offensichtlich davon aus, dass der Verfasser des anonym erschienenen Romans ein Mann ist, detektiert aber eine geschlechtliche Grauzone im Dargestellten selbst, die er im Begriff „Männin“ aufs schönste grammatisch fasst. Weiter unten in der Rezension führt er dazu aus: „Die Hauptfrage, die das Buch behandelt, ist: wie kann ein Frauenzimmer seinen Charakter, seine Individualität, gegen die Umgebung retten? Hier beantwortet ein Mann die Frage durch eine Männin. Ganz anders würde eine geist- und gefühlvolle Frau sie durch ein Weib beantworten lassen“. Das ist ziemlich lustig, weil tatsächlich wohl eine geist- und gefühlvolle Frau den Roman geschrieben hat, nämlich Friederike Helene Unger (1741-1813): abenteuerlicher Lebenslauf, eine Reihe erfolgreicher Romane, nicht immer eine unbedingte Verfechterin von Frauenemanzipation.

Hätte man all das vermutet hinter dem unscheinbaren Hapaxlegomenon ‚Männin‘? Vielleicht hätte die Bezeichnung auch Friederike Unger gefallen; und Goethe endet die Rezension, die ziemlich auf dem falschen Fuß begonnen hatte, auf jeden Fall mit einem ganz richtigen und energischen Schritt: in die richtige: „Jeder Mensch, das Weib so gut als der Mann, will seine Individualität behaupten, und behauptet sie auch zuletzt, nur jedes auf seine Weise. Wie die Frauen ihre Individualität behaupten können, wissen sie selbst am besten, und wir brauchen sie es nicht zu lehren“. Außerdem gibt es dafür ­- Vertrautinnen.

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Wahrsagerinnen und Weissager

Wahrsagung und Weissagung: Man könnte meinen, die wesentliche Verbindung zwischen beiden Wörtern (außer dem willig wiederklingenden W) sei ihr Ausgestorbensein: Außer Wetterpropheten – na gut, und Zukunftsforschern und Trendspürern; und Zeitschriftenastrologen und Epidemiologen – na gut, genauer besehen ist weder das Wahrsagen noch das Weissagen ausgestorben; man nett es nur schicker. Es gibt jedoch einen interessanten Unterschied zwischen beiden Worten und den ihnen korrelierten Phänomenen: Weissagende nämlich sind bei Goethe (und vielleicht ja auch anderswo?) weise Männer, Philosophen, Propheten, berühmte Astrologen, die antiken Leber- und Vogelbeschauer, notfalls auch: begnadete Prognostiker und Menschenkenner (sogar den Dichtern traut er ein wenig Wahrsagerei zu!). Wahrsagerinnen hingegen sind – Frauen. Sie sind nicht weise, sondern sagen nur die Wahrheit (und das ist natürlich irgendwie komisch in seiner Ambivalenz).

Wahrsagerinnen treten dabei in zwei Formen auf, nämlich als Hellseherinnen und als Zigeunerinnen (sorry, heißt so bei Goethe und in der Literatur seiner Zeit), oft genug auch beides zusammen (na gut, eine Ausnahme: Kassandra. “Leider muss man nur meistenteils verstummen, um nicht, wie Cassandra, für wahnsinnig gehalten zu werden, wenn man das weissagt, was schon vor der Tür ist“; Goethe meint die Französische Revolution, nicht ein Pferd). Warum kein einziger männlicher Zigeuner in der Weltliteratur eine Gabe zur Hellseherei hatte – ich weiß es nicht, es ist einfach so. Hellsehende Zigeunerinnen hingegen findet man in jedem romantischen Text, der nur halb auf sich hält (der Unterschied zu Goethe jedoch ist, dass der Weimarer Meister gleichzeitig romantisch und realistisch sein kann!)

Dazu eine Geschichte, die sogar ein klein wenig österlich ist. Also: Es tritt in einem realen Festzug vor dem Hof im Jahr 1819 in Weimar eine Zigeunertochter auf (es ist eine Zigeunertochter, weil die sich hübscher machen in einem öffentlichen Festzug als die urromantische Figur der „alten Zigeunerin“). Der später veröffentlichte Text Goethes dazu liefert eine Art laufende Untertitel samt Interpretationsangebot:

Und fernerhin Zigeuner zeigen an/ Es sei um Ordnung im Reich getan./ Denn wie die Schwalbe Sommer deutend schwebt, /So melden sie, daß man im Düstern lebt, / sind räuberisch, entführen oft zum Scherz, /Wahrsagerinnen, Menschen Geist und Herz“. 

Volles Klischee, keine Frage! Aber da drängt sich auf einmal besagte hübsche Zigeunertochter vor und erhebt im Auftrag ihrer „Schwestern“ das Wort zu ihrer Verteidigung; „nicht ungehört“ solle man sie verdammen! Und dann kommt ein ziemlich kompliziertes Argument, wir versuchen uns an einer möglichst textnahen Zeichendeutung. Denn nicht etwa kennten die Zigeunerinnen auf irgendeine magisch-abergläubische Weise die Zukunft! Vielmehr brennten ihre Augen „lichterloh in Finsternissen / Und erhellen uns die Nächte“. Ist das eine Art Katzen-Nachtsichtigkeit? Nein, wohl eher: eine brennende Leidenschaft, die die Zigeuner-Schwestern in der Nacht, der Stunde der Liebe und der Finsternis, erfasst und sie im wahrsten wörtlichsten Sinne des Wortes: hell-sichtig macht.

Dasjenige aber, was ihre Augen auf eine überirdisch scheinende Weise leuchten und brennen macht, sind nicht „Gold und Perlen und Juwelen“ (das Räuberei-Stereotyp schwebt noch im Raum); nein, es ist etwas halb-Menschliches, Halb-Göttliches, auf jeden Fall jedoch Geschlechtliches: Es ist die „Mutterlieb, so süß vom Throne, / Zu der Tochter, zu dem Sohne“.
Jetzt wird es doch wieder ein wenig dunkel beim Deuten: Die Mutter auf dem Thron ist natürlich die Gottesmutter Maria, die traditionell von den Zigeunerinnen wie Zigeunern besonders verehrt wird, beispielsweise in den berühmten schwarzen Madonnen (das hätte Goethe sicherlich auch gefallen, dem Farbenlehrer). Aber wie kommt Maria zu einer Tochter? Aber warum sollte sie eigentlich keine Tochter haben? Vielleicht starb Marias Tochter ja nicht in Golgatha am Kreuz, sondern nahm das Kreuz der meisten Frauen der meisten (historischen) Zeiten auf sich, nämlich: wurde jung verheiratet, und wenig wurde fortan mehr von ihr gehört? Und vielleicht ist die Mutterliebe insgesamt einfach eine „Gegengabe Gottes“ (so immer noch in den Goethe’schen Untertiteln zum Festzug) speziell für die Frauen, die Schwestern, diejenigen, die immer im Dunkeln stehen und die man nicht sieht? Die Zigeunerinnen aber sehen ins Helle, sie sehen das Helle; sie wenden sich zuerst geblendet ab, und dann wenden sie sich wieder hin, angelockt von der süßen Mutterlieb, die nicht nur auf „Thronen“ wohnt, sondern auch in der „niedren Hütte“.

Der Festzug übrigens, das wurde bisher verdunkelnd verschwiegen, fand nicht nur vor dem Fürsten samt Hof und Landeskindern statt, sondern zu Ehren eines hohen Ehrengastes, der dem Hofe verwandtschaftlich verbundenen Zarin Maria Fjodorowna nämlich (und Goethe war Hofdichter genug, um für diesen würdigen Anlass auch erwartungsgemäß zu liefern). Maria Fjodorowna (und das sei nicht nur nebenbei gesagt, sondern führt zum Kern der Sache) hatte ihrem verstorbenen Zaren-Ehemann  acht Kinder geboren, sie war eine der mächtigsten Frauen ihrer Zeit, und sie war berühmt für ihr karitatives Engagement. Es gibt also tatsächlich auch in Goethes Gegenwart hellsehende Frauen in niederen Hütten und in Palästen, die nicht nur weise reden, sondern das Gute tun? Da sieht man, wo man hinkommt, wenn man ausgestorbene Wörter wiederbelebt und Frauen die Wahrheit sagen lässt!

Die Gretchentragödie ist das wahre Trauerspiel.
Frauendrama und Männerhochmut 

in Goethes ‚Faust I‘


Gretchen ist, aus moderner Perspektive, nicht direkt eine emanzipierte Frau, sie ist eher das Gegenteil. In Goethes Faust, wohl dem berühmtesten Trauerspiel deutscher Sprache, wird die Minderjährige von dem reichlich älteren Faust verführt, und zwar ziemlich rasant: Er schenkt ihr einen netten Schmuck, besorgt ihr (assistiert von Mephisto) ein Schlafmittel für die Mutter, die daran prompt für immer entschläft; Gretchen wird nach erfolgter Verführung ebenso prompt schwanger, ertränkt das Kind aus Scham in einem Teich, wird dafür zum Tode verurteilt wurde und gibt sich am Ende willig dem Gericht Gottes anheim. Die sogenannte ‚Gretchen-Tragödie‘ nennt man das, aber im Mittelpunkt des Interesses an Goethes Hauptwerk stand eigentlich immer nur einer: Faust, der große Mann, der sich dem Teufel verschworen hat, um endlich nicht mehr nur noch griesgrämig in seiner Stube über das Leben nachzudenken, sondern es zu erleben; dieser Faust, National- und Identifikationsfigur seit Jahrhunderten, der als erstes ein unschuldiges Mädchen verführen muss, das ihm zufällig im falschen Moment über den Weg gelaufen ist. Gretchen hingegen, eine maximal nicht-emanzipierte Frau, ist das perfekte Opfer. Sie ist aufgewachsen ohne Vater und hat ihre kleine Schwester erzogen, als ihre Mutter schwer erkrankt war. Sie himmelt Faust großäugig an: „Du lieber Gott! was so ein Mann / Nicht alles, alles denken kann! /Beschämt nur steh ich vor ihm da / Und sag zu allen Sachen ja. /Bin doch ein arm unwissend Kind, /Begreife nicht, was er an mir findt“. Sie ist tiefgläubig und denkt immer nur das Beste von den Menschen. Als man am Dorfbrunnen mal wieder darüber herzieht, dass ein Bärbelchen nun auch gefallen ist, verteidigt Gretchen sie: Der Verführer nehme sie doch gewiss zur Frau! Ja, Pustekuchen. Natürlich nimmt Faust sie genauso wenig zur Frau. Er hat ja schon alles bekommen, was er wollte, und die Gewissensnöte, die ihn am Ende ein wenig drücken, sind ungefähr so lästig wie ein neuer und noch nicht eingelaufener Schuh. Sie verschwinden auch so schnell wieder, wie sie gekommen sind, als Gretchen im Kerker zum ersten Mal ihr eigenes Schicksal in die Hand nimmt und seinen Vorschlag, mit ihm zu fliehen energisch abweist: Sie ist längst so gut wie tot, gesellschaftlich tot, moralisch tot und psychisch massiv traumatisiert. Vielleicht ist es die rührendste Stelle dieser ganzen Gretchen-Tragödie, die so selten gegenüber der Faust-Tragödie zu ihrem Recht kam, weil der Schatten der Tragödie des ‚großen Mannes‘ sie bis in den Kerker hinein erstickte; vielleicht ist es die rührendste Stelle, als Gretchen am Schluss, im Angesicht des Todes, Faust eine Grabordnung anweist: Der Mutter solle er den besten Platz geben (der Mutter! sagt die „Kindsmörderin“; zu den „Müttern“ müsse man gehen, orakelt es im zweiten Teil des Fausts); den Bruder, den der Verführer getötet hat, weil er die Ehre der Schwester verteidigen wollte, gleich daneben. Und sie selbst, doch, sie bittet sehr herzlich, „ein wenig bei Seit, nur nicht gar zu weit“. Sie möchte dabei sein, im Tod noch, aber sie weiß, dass sie es nicht darf. Das Kind jedoch, das tote, möge man ihr an die rechte Brust legen. Man stelle sich die Szene vor, bildlich, der Kerker kann gar nicht düster und kalt und unmenschlich genug sein. Das geht über alle Worte! 


„Wurde ihr durch einen Streich der Kopf glücklich abgesetzt“ – die Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt als Vorbild für Gretchen

Der junge Goethe hat die Figur und Geschichte seines Gretchens nach einer realen Kindsmörderin modelliert: Susanne Margaretha Brandt, eine Soldatentochter und Waise, verdiente sich ihren Lebensunterhalt in einer Frankfurter Wirtschaft, wo sie – vielleicht kommt daher die Idee mit dem Schmuck? – von einem durchziehenden holländischen Goldschmiedegesellen verführt wurde. Es besteht der begründete Verdacht, dass er dabei ein date rape drug verwendet hat; sie berichtete später bei der Vernehmung, sie habe sich nach dem getrunkenen Wein sehr seltsam gefühlt, so, als habe der Teufel seine Hand im Spiel gehabt (sehen wir Mephisto vor uns, wie er Gretchen das Pülverchen für ihre Mutter unterschiebt?). Die Schwangerschaft blieb unbemerkt, trotz mehrerer Arztbesuche, vielleicht wollten sie ja das Allzu-Sichtbare nicht sehen. Das Kind brachte sie in der Waschküche zur Welt, allein, wie die meisten ‚Kindsmörderinnen‘, so weit jenseits einer ärztlichen Betreuung oder eines freundlichen Gebärhauses, wie man nur sein kann. Sie sagte aus, das Kind sei mit dem Kopf voran auf den Steinboden gefallen. Sie habe in Panik nach seinem Hals gegriffen, danach wird die Aussage etwas unklar, am Ende jedenfalls war das Kind tot und Susanne versteckte es an einer Mauer hinter dem Haus und floh. Ihr Geld reichte aber nicht aus, sie musste zurückkehren nach Frankfurt, krank, verzweifelt, ohne jeden Ausweg. Dort war das Kind inzwischen schon begraben worden, man grub es wieder aus und angesichts des winzigen Leichnams brach sie zusammen und gestand. Das Verfahren war kurz, das in solchen Fällen übliche Todesurteil erging, und ein halbes Jahr nach der Geburt bestieg Susanna Margaretha Brandt das Schafott auf der Frankfurter Hauptwache: „Der Nachrichter führte die Maleficantin mit der Hand nach dem Stuhl, setzte sie darauf nieder, band sie in zweyen Ort am Stuhl fest, entblößte den Hals und kopf, und unter beständigem zurufen der Herren Geistlichen wurde ihr durch einen Streich der Kopf glücklich abgesetzt.“ Und Glück hat sie noch gehabt! Es war noch gar nicht allzu lange her, dass die ‚menschenfreundliche‘ Aufklärung die vorher in Kindsmord-Fällen übliche Todesstrafe durch Steinigen, Pfählen, lebendig Begraben (nacheinander, manchmal auch noch ergänzt um Zwicken mit glühenden Zangen)–  durch das einfache Köpfen ersetzt hatte (es war aber technisch gar nicht so einfach vor der Erfindung der Guillotine, aber hier wird die Geschichte einfach zu schauerlich).

Kindsmord, Hurenstrafe und ewige Verdammung? – das unlösbar Dilemma der „Kindsmörderinnen“

Der junge Goethe, selbst Jurist und gut vernetzt in Frankfurter Juristen- und Ärztekreisen, ließ sich die Prozessakten zukommen; der Fall interessierte ihn. In dieser Zeit entstand sein Urfaust, der erstmals die alt hergebrachte Faust-Geschichte um eine Gretchen-Tragödie ergänzt. Und das ist nun eine wirklich bemerkenswerte Kombination. Sie stellt die Urtragödie um den allzu intellektuellen, an allem zweifelnden Mann der der allzu liebenden, bedingungslos vertrauenden Frau gegenüber. Der Gedanke, die Geschlechterrollen umzukehren, ist heute verlockend, war aber selbst für Goethe, der später durchaus kluge und emanzipierte Frauen gestalten konnte, nicht denkbar. Nein, hier kam es auf Extreme an, auf Typen, auf maximale Zuspitzung zu dramatischen Zwecken! Und das Aufgreifen der Kindsmord-Geschichte ist in diesem Zusammenhang eine geradezu geniale, wenn auch ein wenig skrupellose Idee: Denn der Kindsmord ist das archetypische Frauendrama schlechthin. Eine Straftat, die – in der engeren Form des Neonatizids, also der Tötung direkt im Anschluss an die Geburt – beinahe nur Frauen begehen. Eine Straftat, bei der die mildernden Umstände und die mangelnde Einsichts- und Urteilsfähigkeit der Täterinnen direkt ins Auge springen: Die meisten Kindsmörderinnen im 17. und 18. Jahrhundert waren wie Susanne Margaretha Brand von niederem gesellschaftlichen Stand, unausgebildet, unwissend, abhängig im höchstem Maße, immer bedroht von Armut und Elend. Ist es ein Wunder, dass ihnen selbst ein Goldschmiedegeselle das Blaue vom Himmel herunter versprechen konnte, um sie wenigstens für diese eine Nacht – und dann natürlich für die spätere Ehe, versprochen! – zu erlösen? Ja, Pustekuchen. Und niemals wird der Mann bestraft, der zur Zeit der Geburt meist lange schon das Weite gesucht hat. Alle Handlungsalternativen jedoch – sind versperrt, durch die Gesetzgebung selbst. Würde die schwangere Frau nämlich ihren Zustand einem Familienmitglied, einem Beichtvater, wem auch immer enthüllen – würde sie angezeigt werden, ‚Unzuchtsstrafe‘ oder ‚Hurenstrafe‘ nannte man das, und sie bestand in öffentlicher Schande, Auspeitschen, an den Pranger stellen – was war schlimmer, der Tod oder diese Tortur? Nein, die ‚Unzuchtsstrafe‘ trieb die Mädchen direkt dem Kindsmord in die Arme; wenn das sichtbare Zeugnis verschwinden würde, würde auch das Vergehen verschwinden. 

Ach, es verschwand allzu oft nicht. Kann man sich vorstellen, in welcher Situation diese Frauen waren? Arm, ungebildet, sexuell unaufgeklärt, mutter-seelen-allein, wahrscheinlich auch mitgenommen von der Schwangerschaft (schließlich mussten sie weiterarbeiten, auf dem Land, in der Wirtschaft). Für viele mag sogar, wie für Gretchen, die erlebte Schande das Schlimmste gewesen sein: Denn natürlich waren diese Frauen tiefgläubig, und für ihren Fall würden sie ganz gewiss auf ewig in der Hölle schmoren! Schließlich, das Kind – ach, an das Kind durfte man gar nicht denken. Daran, dass etwas in einem wuchs, was man nicht verstand. Daran, dass es das einzige war, was der Verführer zurückgelassen hatte, und vielleicht – hatte man ihn ja für eine Nacht geliebt, selbst wenn er ein komischer alter Mann war wie dieser Faust, bei dessen optischer Verjüngung der Teufel die Hand im Spiel gehabt hatte. Gretchen ist die andere Seite von Faust; sie ist das Elend der Welt, konzentriert in einem Schicksal – keinem von übermütigen jungen Dramatikern ausgedachten Sensationsstück, sondern einem realen, fatalen, ausweglosen Schicksal. „Heinrich, mir graut‘s vor dir!“, das sind Gretchens letzte Worte an Heinrich Faust, und sie sind sehr, sehr nachvollziehbar.

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Zur Emanzipation der schönen Helena in Goethes ‚Faust II‘

Zwischendurch las irgendwann Faust II, zum ungefähr vierten Mal. Dieses Mal ging es mir eigentlich um Fausts Verbrechertum, aber abgelenkt wurde ich noch einmal durch die Geschichte mit Helena (die Handlung kann man bei Wikipedia nachlesen, oder unten nach dem Beitrag). Bei der Drittlektüre war mir schon auf einmal der Gedanke in den Kopf gesprungen, dass Helena eigentlich (fast) eine emanzipierte Frau ist, ausgerechnet die achso schöne Helena! Nee, eigentlich ganz klug. Sie hat nämlich durchschaut, dass die Männer – die schon die Zehnjährige, schlank wie ein Reh, schreibt Goethe, mit den Augen vernaschten, dass es einem ganz anders wird beim Lesen (and not in a good sense) – sie zu einem Idol gemacht haben; einer Sex-Ikone, so würden wir heute sagen und die traurige Marilyn mit dem Glockenrock und dem Schmollmund vor uns sehen, es macht aber keinen Unterschied: einem Abziehbild von Frau, vielleicht trifft es das Pin-up-Girl sogar am besten. Helena hatte nie eine Wahl. Sie wurde begehrt, verheiratet, begehrt, verschachert, begehrt, vergöttlicht, verwettet, ja, begehrt; und sie hat es, in einer sehr höflichen und weiblich zurückhaltenden Weise, ziemlich über mit den Kerlen (das Personal ist aber auch nicht viel besser).

Wovon ich aber eigentlich reden wollte, war die Nicht-Insel. Faust nämlich, nachdem er Helena aus der Unterwelt geholt hat, auf Befehl des Kaisers natürlich, zieht sich mit ihr zurück in eine Art zeitloses Paradies, was schon ein ziemliches Zugeständnis ist; die ganzen Kerle vor ihm hatten Helena immer umstandslos ins Eigene verpflanzt, aber Faust, immerhin, findet einen Zwischenraum (interessantes Wort, kannte es Goethe?). Besagtes zeitloses Paradies ähnelt natürlich Arkadien: murmelnde Bäche, idyllische Natur, den einen oder anderen Schäfer als Deko, aber Faust nennt es nicht Arkadien (et in arcadia ego, murmelte der melancholische Goethe auf dem Tischbein-Bild mit dem entzückend bestrumpften Bein, aber wahrscheinlich meinte er auch das ganz anders). Er nennt es auch nicht etwa U-topia, kein Ort, also die uralte Menschheitsphantasie, dass Milch und Honig fließen und die Leute auf einmal freundlich zueinander sind, was wirklich un-gesehen, un-erhört, un-denkbar, eben: utopisch ist. Nein, er nennt es: „Nichtinsel“. Das ist, so schreiben beflissene Kommentatoren, und es ist auch wichtig, das zu wissen, eine Art freie Übersetzung von Pelo-ponnes, der Fast-, nämlich: Halbinsel. „Nichtinsel“ aber – ist ein geradezu geniales Un-Wort. Es schwingt mit, dass man sich gerade nicht im Abgeschlossenen befindet (der Insel), aber auch nicht im Unmöglichen (der Utopie); es suggeriert, zart, ganz zart, dass es einen Zustand geben könnte, in dem festes Land und flottierende Insel freundlich nebeneinander her fluktuieren, in einer Art Quanten-Gravitation: Unter einem bestimmten Blickwinkel ist es das Land, unter einem anderen eine andere Art Insel, eine sozusagen bisher un-gesehene, in ihren Möglichkeiten noch nicht einmal andeutend ausgedachte Land- und Lebensform, die aber nicht, darauf kommt es an: nicht ein Kein-Ort ist. Nur eine Nicht-Insel (vielleicht doch: ein Zwischenraum?)

Im Übrigen, auch das hatte ich bisher geradezu herzlos überlesen, ist die Geschichte von Faust und Helena sehr, sehr traurig. Denn eigentlich werden sie sofort eine idyllische Kernfamilie, das Söhnchen wächst sozusagen in Sekundenschnelle zu einem blühenden Jüngling heran, dessen zweiter Name aber offensichtlich, nach Euphorion, Ikarus ist: Denn er will, er will hoch hinaus, er will viel zu schnell und viel zu weit, und während die besorgten Eltern noch besorgte elterliche Ausrufe ausstoßen – fällt er auch schon, und nur noch eine winzige Sekunde bleibt ihm, seiner Mutter zuzurufen, er möge sie nicht alleinlassen im dunklen Reich. Helena zögert nicht eine Sekunde. Sie, das Idol, die viel zu oft und immer völlig falsch Begehrte, folgt ihrem Sohn anstandslos ins Totenreich. Zu den Müttern, den vielgestaltigen, den un-heimlichen, nicht zu fassenden, die Faust Helena verschafft hatten. Sie hat ihn kaum gekannt, ihren Sohn (um ehrlich zu sein: Sie hatte auch keine Zeit Faust kennenzulernen). Aber sie tut, was Mütter tun. Mit einem kaum merkbaren Schulterzucken legt sie das Idol-Kostüm ab und nimmt den Mantel ihrer dunklen Mutterpflichten an. Helena ist eine geradezu vorbildlich emanzipierte Frau!

Faust aber, das nur im Nachsatz, hat schon eine Menge Pech. Der un-eheliche, mit Gretchen gezeugte Sohn – kaum hat er das vermeintliche „Licht“ der Welt erblickt, wird er getötet von der eigenen Mutter, in der tiefsten denkbaren Verzweiflung. Homunculus, das lustige Flaschenkindlein vom Gehilfen Wagner, ach, irgendwie ist er auch eine Art Patenkind von Faust; aber was tut er, kaum kommt er ans Meer und sieht Frauen? Zerschellen, die Flasche zerstören an den Felsen, und frei aufsteigen in den Äther, ganz lebendig nun: weil er sterben konnte. Euphorion entschwebt nach kürzester Bekanntschaft, gefallen ins Bodenlose. Vielleicht wird Faust deshalb – denn das hat mich immer bekümmert und bekümmert mich noch, nach der Viertlektüre; vielleicht wird Faust deshalb am Ende, in den Bergschluchten, doch erlöst? „Wer immer strebend sich bemüht“, das fand ich schon immer eine ziemlich schwache Begründung (und vielleicht hat Goethe ja ganz etwas Anderes gemeint, als er die Worte in die bekannten Anführungszeichen setzte?), da könnte ja jeder kommen, der eine Ice-Bucket-Challenge überstanden hat! Und dass Gretchen für Faust bittet, und dass die Gottesmutter bekanntermaßen ein un-ausschöpfliches Potential an Vergebung hat – nun ja, ziemlich katholisch und un-katholisch zugleich. Dass aber Faust am Ende von den Mitternachtskindern begrüßt wird (und ja, ich denke, nein, ich bin ganz sicher, Salman Rushdie kennt die Stelle, und seine Midnight’s Children sind definitiv faustisch-mephistophelisch verwirbelt); dass die früh verstorbenen Knaben ihn, den dreifach beraubten Vater, zu ihrem neuen Lehrer in den himmlischen Sphären wählen – da kann ich, immerhin, eine schöne Gerechtigkeit erkennen (eine gesteigerte Kernfamilie?). Na gut, auch eine ironische.

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