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Goethe, Wörter und Weisheiten




Glück

Keine seiner Fähigkeiten ist dem Menschen werter als die Einbildungskraft. Das menschliche Leben scheint so wenig auf Glück berechnet, daß man nur mit Hilfe einiger Schöpfungen und gewisser Bilder, nur durch glückliche Wahl unserer Erinnerungen die verteilten Freuden der Erde sammeln, und, nicht durch die Kraft der Philosophie, sondern durch die weit mächtigere Wirkung der Zerstreuungen gegen die Leiden zu kämpfen vermag, die uns das Schicksal auferlegt.


Tätigkeit

Meine Tage waren von morgens bis in die Nacht besetzt. Man könnte noch mehr, ja das unglaubliche thun, wenn man mäßiger wäre. das geht nun nicht. Wenn nur jeder den Stein hübe, der vor ihm liegt. Doch sind wir hier sehr gut dran. Alles muss zuletzt auf einen Punkt, aber eherne Geduld, ein steinern Aushalten. Wenns nur immer schön Wetter wäre. Wenn die Menschen nur nicht so pover innerlich wären. und die reichen so unbehülflich. Wenn pppp. Ordnung hab ich nun in allen meinen Sachen, nun mag Erfahrenheit, Gewandtheit auch an kommen. Wie weit ists im kleinsten zum höchsten 
(Tagebuch)

Gott helfe weiter, und gebe Lichter, daß wir uns nicht selbst so viel im Weg stehn. Lasse uns von Morgen zum Abend das gehörige tun und gebe uns klare Begriffe von den Folgen der Dinge. 

(Goethe, Tagebuch)

möge ich immer vernehmen, daß Sie in behaglicher Thätigkeit fortfahren, sich und andern zu genügen 
(an P.A. Wolff, 4.7.1819) 

Ich bin recht wohl überzeugt, daß durch That, Kunst, Liebe die größten Widersprüche gehoben werden; wie es aber der Wissenschaft gelingen wird, lasse ich dahin gestellt seyn. 

(Goethe an Humboldt, 22.08.1806


Revolutionäres

Die christliche Religion ist eine intentionierte politische Revolution, die, verfehlt, nachher moralisch geworden ist. 

Gesetzgeber oder Revolutionärs, die Gleichsein und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Charlatans.

Eingebildete Gleichheit: das erste Mittel, die Ungleichheit zu zeigen.

Jede Revolution geht auf Naturzustand hinaus, Gesetz- und Schamlosigkeit. (Pikarden, Wiedertäufer, Sansculotten.)

Vor der Revolution war alles Bestreben; nachher verwandelte sich alles in Forderung.

(Maximen und Reflexionen)


Bücher und Meinungen  

Erste Epistel

Reden schwanken so leicht herüber hinüber, wenn viele
Sprechen und jeder nur sich im eigenen Worte, sogar auch
Nur sich selbst im Worte vernimmt, das der andere sagte.
Mit den Büchern ist es nicht anders. Liest doch nur jeder
Aus dem Buch sich heraus, und ist er gewaltig, so liest er
In das Buch sich hinein, amalgamirt sich das Fremde.
Ganz vergebens strebst du daher durch Schriften des Menschen
Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden;
Aber bestärken kannst du ihn wohl in seiner Gesinnung,
Oder wär' er noch neu, in dieses ihn tauchen und jenes.

Sag' ich, wie ich es denke, so scheint durchaus mir, es bildet
Nur das Leben den Mann und wenig bedeuten die Worte.
Denn zwar hören wir gern, was unsre Meinung bestätigt,
Aber das Hören bestimmt nicht die Meinung; was uns zuwider
Wäre, glaubten wir wohl dem künstlichen Redner; doch eilet
Unser befreites Gemüth, gewohnte Bahnen zu suchen.
Sollen wir freudig horchen und willig gehorchen, so mußt du
Schmeicheln. Sprichst du zum Volke, zu Fürsten und Königen, allen
Magst du Geschichten erzählen, worin als wirklich erscheinet,
Was sie wünschen, und was sie selber zu leben begehrten. 




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