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Gedankenpalast

Philosophisches


Appetithäppchen

 

Denken leicht gemacht!

Zur geistigen Fitness in fünf Schritten

 

 

1) Aufwärmübung

Man sollte nie unaufgewärmt mit Denken beginnen! Strecken und dehnen Sie Ihre Denkmuskeln zu Beginn jeder Übungseinheit! Beginnen Sie mit kleinen Gedanken: Wählen Sie sich einen anschaulichen Gegenstand, der nur oberflächliches Nachdenken erfordert, am besten etwas aus ihrer eigenen Erfahrung. Oder benutzen Sie eine beliebige öffentliche Meinung, die gerade en vogue ist. Sie finden sie haufenweise in jeder Tageszeitung, vor allem in den Kommentarspalten: Irgendjemand fordert etwas oder ist gegen etwas oder fordert einen Aufschrei oder will mal wieder ein Zeichen setzen. Überlegen Sie sich eine Begründung dafür! (meistens wird in den Kommentaren keine Begründung mitgeliefert, weil sie sich ja angeblich von selbst versteht). Es reichen Gedankenansätze, flüchtige Ideen, die Sie im Moment nicht weiter verfolgen müssen. Wenn sich dabei ein „Aber“ bemerkbar macht – unterdrücken Sie es zunächst, Sie sollen sich nicht gleich überfordern!

2) Kräftigung

Wenn Sie sich ein wenig warmgedacht haben, beginnen Sie mit den Basisübungen. Einige davon mögen Ihnen zunächst anstrengend und ermüdend erscheinen, aber Sie werden bei regelmäßigem Training bald erstaunliche Fortschritte erkennen!      

Übung zur Identität: das A und O aller Logik. A ist identisch mit O, wenn zwischen beiden keinerlei Unterschied besteht, genauer: wenn alle Eigenschaften, die A hat, O auch hat. Wenn O nur ein klein wenig anders ist, ist es nicht identisch mit A. Klingt banal, ist es meistens auch, aber schult trotzdem den Verstand, schon weil er dabei zwei Dinge vergleichen und über ihre Eigenschaften nachdenken muss. Sie werden merken, wie Ihnen diese Übung allmählich in Fleisch und Blut übergeht, wie Sie auf einmal in Ihrem Alltag Identitäten, vor allem aber: Nicht-Identitäten erkennen werden, wo vorher alles ein mehr oder weniger ununterscheidbarer Brei von „Keine Ahnung, ich weiß auch nicht, ist doch alles egal“-Ahnungslosigkeit war. Alles Denken ist Unterscheiden, je feiner, desto besser. 

Für Fortgeschrittene: Identität hin und zurück – wenn A identisch mit B ist, ist B auch identisch mit A. Und was ist, wenn C mit A identisch ist (oder nicht)? 

Übung zur Kausalität: Erkennen Sie Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge! Wir sind von ihnen umgeben, sie sind das tägliche Brot des Philosophen, der feste Grund der Naturgesetze, die Rettungsleine für unseren ansonsten völlig unbeherrschbaren Alltag: Nur wenn auf A, erfahrungsgemäß und beliebig wiederholbar, B folgt, können wir Voraussagen machen, uns orientieren, verantwortungsbewusst handeln, vielleicht sogar: einen Sinn erkennen. Nichts schult die moralische Selbstreflexion so sehr wie die Frage nach den Ursachen und Folgen unseres eigenen Handelns! (Vorsicht, Nebenwirkungen: Man kann sich hinterher verantwortlich fühlen!) 

Für Fortgeschrittene: Bezweifeln Sie scheinbar offensichtliche kausale Zusammenhänge; vielleicht handelt es sich doch nur um Zufälle, Denkgewohnheiten, oder, am gefährlichsten: Ideologien? 

Für ganz Fortgeschrittene: Denken Sie Wechselwirkung – was passiert, wenn A nicht nur B zur Folge hat, sondern B dann wieder auf A zurückwirkt, und immer weiter und weiter? 

Übung zum Syllogismus: Das Glanzstückchen aller Philosophen, da nun schon drei Aussagen miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Beispiel:

A) Philosophie ist Übung im Denken.

B) Jeder kann Denken üben.

C) Jeder kann Philosoph werden.

Aber Vorsicht, nicht übertreiben bei dieser Übung! Sie führt nur zu einer formal korrekten Gedankenführung, nicht jedoch automatisch zur Wahrheit. Beide Vordersätze könnten falsch sein: Philosophie ist beispielsweise eigentlich ganz was anderes, nicht jeder kann denken üben (weil er keine Zeit, keine Lust, kein Geld, kein Gehirn hat), und schon ist C zum Teufel!      

Für Fortgeschrittene: Konstruieren Sie einen absurden Syllogismus!     

Für ganz Fortgeschrittene: Paradoxie. Schicken Sie die Logik zum Teufel und experimentieren Sie mit Ihren neuen Fähigkeiten! Versuchen Sie eine Paradoxie nachzuvollziehen, ohne dass sich Ihre Gedanken verknoten (Alle Kreter lügen. Alles hat einen Anfang. Weniger ist mehr. Gott ist allmächtig, allgütig, allweise). Die Wahrheit hält sich nicht immer an die Logik. 

3) Ausdauer

Nun beherrschen Sie schon eine Reihe grundlegender Denktechniken. Das allein ist jedoch nicht genug: Wie bei jeder sportlichen Betätigung kommt es auch hier auf das Durchhaltevermögen an; einen flüchtigen Gedanken erhaschen kann mit ein wenig Übung jeder, einen Gedanken jedoch in die Tiefe verfolgen, all seine Konsequenzen bedenken, ihn mit anderen Gedanken zu verbinden, eine Argumentation daraus zu entwickeln – das alles erfordert einen langen Atem und trainierte Gehirnmuskeln. Nur so jedoch kommen Sie irgendwann zu einer ersten fundierten Erkenntnis; sie muss noch nicht groß sein, nicht weltbewegend, aber es ist Ihre, Ihre erste eigene Erkenntnis, und sie wird wachsen und gedeihen und viele weitere Brüder und Schwester im Geiste bekommen, wenn Sie durchhalten und bei der Sache bleiben!    

Für Fortgeschrittene: Wir bauen ein System. Wir tragen die bisher gewonnenen Erkenntnisse zusammen und versuchen, sie in einen konstruktiven Zusammenhang zu bringen – wie stützen sie sich gegenseitig, wo ist noch eine Lücke, wie kann man den Bau noch höher machen, ohne dass er zusammenbricht? 

Für ganz Fortgeschrittene: Stürzen Sie ein System! Graben Sie ihm eine seiner lebenswichtigen (aber meist verheimlichten) Prämissen ab! Sägen Sie an den höchsten Türmen!

4) Ausgleichsübung

Wir wechseln die Perspektive und behaupten das Gegenteil. Was spricht dagegen, was dafür? Es ist wichtig, dass Sie in diese Ausgleichsübung genauso viel Energie und Einsatz stecken wie in die anderen Übungen, auch wenn es gelegentlich besonders wehtun mag! Aber nur so bleiben Sie mobil und erhalten sich Ihre geistige Beweglichkeit!   

(Vorsicht, Nebenwirkungen: Weltanschaulich ungefestigte Personen könnten dabei in Gefahr kommen, lieb gewonnene Gewissheiten zu verlieren! Kann bis zur völligen psychischen Destabilisierung führen!) 

5) Entspannung

Wir schließen die Übungseinheit ab, indem wir die gedankliche Anspannung langsam auflösen: Kleine, alltägliche Gedanken treten wieder in den Vordergrund, wir überlassen uns ihnen. Wir konzentrieren uns nicht mehr auf das Große und Ganze, sondern schauen auf das Naheliegende, Bekannte, Vertraute; vielleicht schaut es auf eine neue Weise auf uns zurück. Wir spielen noch mit den letzten Ideen, aber ohne sie in Argumente und Begriffe zwingen zu wollen; wir überlassen uns wilden Assoziationen, ohne sie festhalten zu wollen; wir machen noch den einen oder anderen vorsichtigen Gedankensprung. Gegen Muskelkater hilft eine kleine ästhetische Dusche zum Abschluss, die die Denkmuskeln lockert.

Und morgen wieder!    

 

Ausgedacht. Archetypen des Denkers

Der Wunschdenker

Die verbreitetste Spezies überhaupt. Funktioniert im Standard-Modus jedes Menschengehirns: Denke nur das, was gut für dich ist! Jeder Gedanke muss dich persönlich im allerbesten Lichte zeigen und die Welt als beste aller möglichen Welten erweisen! Ignoriere alles, was dagegen spricht, mit etwas mehr Übung nimmst du es gar nicht mehr wahr! Denke positiv, positiver, am positivsten! Das Sollen bestimmt das Sein, was nicht sein darf, kann auch nicht sein! Wunsch-Denker sind unausrottbar, da ständig neue nachwachsen. Erst die Klimakatastrophe erwischt sie (sie war ein uneinsichtiger naturalistischer Fehlschluss).

Der Einbahndenker

Einmal auf die Spur gesetzt, läuft er unbeirrbar in eine Richtung los. Gegenargumente lässt er nicht gelten. Die Straße wird enger und enger, Wenden ist unmöglich, ist ja eine Einbahnstraße! Am Ende ist er gefangen und stirbt aus reiner Prinzipientreue.

Der Langstreckendenker

Denkt ausdauernd, aber deutlich langsamer. Ist zu großen persönlichen Opfern bereit. Seine Gedanken zeigen Spuren von Schweiß, es wird ihnen auch nur wenig Nahrung unterwegs zugeführt. Tendiert zu langatmigen Werken. Ist viel allein, außer er bekommt Follower. Stirbt den plötzlichen Herztod, irgendwo ganz weit draußen, und keiner schaut zu.

Der Second-Hand-Denker

Sammelt gebrauchte Gedanken und präsentiert sie als neue. Vorteil: niedrige Investitionskosten, sie müssen nur etwas aufgearbeitet werden, dann sind sie fast wie neu, und nur der Kenner sieht den Unterschied. Hinkt immer etwas hinter der gerade angesagten philosophischen Mode hinterher, betont deshalb die gute Tragbarkeit und das „Klassisch-Zeitlose“ seiner Fasson. Wird schrullig im Alter und verliert die Kontrolle über seinen geistigen Kleiderschrank.

Der Schnäppchendenker

Verwandt mit dem Second-Hand-Denker. Ist immer auf der Jagd nach einer Theorie, die ihn nichts kostet. Lebt von veralteten Systemen, die im Ramschladen der Geschichte gelandet sind, und überholten Meinungen (one size fits all). Betätigt sich vor allem in der Metaphysik, da metaphysische Theorien nie Folgekosten in der Realität haben. Stirbt auf der Suche nach dem ultimativen Ideen-Schnäppchen im hintersten Winkel einer Bibliothek, die vor zehn Jahren aus Spargründen geschlossen wurde.

Der Gelegenheitsdenker

Eng verwandt mit dem Hobbydenker. Beschränkt seinen geistigen Aktivitäten auf die Freizeit, während er sonst den wirklich ernsthaften Dingen im Leben nachgeht. Wenn er in Übung bleibt, kann er zu schönen Ergebnissen kommen, auch wenn die Profis immer auf herabsehen werden. Will sich im Alter ganz seiner Passion widmen und stirbt vorher an einem Herzinfarkt.

Der Hochleistungsdenker

Ist das Gegenteil des Gelegenheitsdenkers, der Profi schlechthin. Tut es nicht unter Systemen und mehrbändigen Standardwerken. Verlangt von seinen Anhängern regelmäßiges Gedankentraining und viel Aufopferungsbereitschaft. Produziert schneller, als die Druckerpressen drucken und die Rezensenten rezensieren und die Leser lesen können. Betont gern, dass er auf den Schultern von Riesen steht, um dann nachzuschieben: Es müssen aber schon ziemlich kräftige Riesen sein! Wird mitten aus dem Denken gerissen, kurz bevor er seine endgültige Erleuchtung hatte.

Der Vollkaskodenker

Hat alle Risiken des Denkens genau kalkuliert, von der leichten Gehirnerschütterung über die Gedankenlähmung bis zum Todesurteil. Greift gern frontal an, den Schaden trägt ja die Versicherung. Hat aber das Kleingedruckte nicht gelesen und verschluckt sich an einer ungeklärten Prämisse.

Der Weichspüldenker

Hat es gern konfliktarm und kuschelig. Klopft so lange auf große Gedanken ein, bis sie erweichen und massentauglich werden. Vertritt nur menschenfreundliche und sozialverträgliche Thesen, auf Politische Korrektheit amtlich lizenziert. Stirbt an Verweichlichung auf dem Sofa des Philosophischen Quartetts, wo er nicht mehr von den Kissen zu unterscheiden ist.

Der Lightdenker

Verwandt mit dem Weichspüldenker. Lehnt schwere Gedanken aus Prinzip ab; Philosophie muss leicht verdaulich und gesundheitsorientiert sein, am besten auch bio-öko-super-nachhaltig-zertifiziert. Produziert selbst nur leichte Gedanken, am liebsten Aphorismen. Aber recyclebar! Stirbt an einem Zuckerschock nach der Lektüre von Kant.

Der Scherzdenker

Eng verwandt mit dem allgegenwärtigen Spaßdenker. Denkt nach der Devise: Aus einem Gag hat man noch immer mehr gelernt als aus einem Beweis! Kennt alle Anekdoten der Philosophiegeschichte und produziert gern neue. Leider wiederholt er seine Scherze zu oft, vor allem, wenn er älter wird. Stirbt, als er zum hundertsten Mal ausprobiert, wie viele Philosophen man braucht, um eine Glühlampe zu wechseln, an einem Sturz von der Leiter und geht damit endlich selbst in die Philosophie-Anekdotengeschichte ein.

Der Gewohnheitsdenker

Hat schon immer gedacht und kann es einfach nicht lassen. Muss über alles nachdenken, ständig, sein Gehirn kennt keinen Leerlauf. Leider neigt er dazu, auch immer genauso zu denken und zu den gleichen Ergebnissen zu kommen, weil er es sich eben so angewöhnt hat und weil es ja auch viel bequemer ist. Stirbt aus Schrecken über eine neue Idee, die sich von hinten angeschlichen und ihn in einem schwachen Moment überfallen hat.

Der Wiederholungsdenker

Verwandt mit dem Gewohnheitsdenker. Wenn er mal einen Gedanken hat, kann er ihn nicht oft genug wiederholen. Man muss ihn notfalls ein bisschen strecken, dann reicht er länger. Von einer anderen Seite betrachtet sieht er wieder ein bisschen anders aus. Ist aber der gleiche. Wiederholung macht wahr, was man lange genug sagt, glauben irgendwann alle. Derweil stirbt der Wiederholungs-Denker an einem wiedergekauten Gedanken, der gar nicht von ihm war (allergische Abstoßungsreaktion!).

Der Schnellschussdenker

Liebt die logische Kurzstrecke. Der Gedanke muss sofort sitzen, das Urteil ist hochscharf, wir machen keine Gefangenen! Kann notfalls unbegrenzt nachladen, zielt aber nicht so gut und trifft deshalb nicht immer besonders genau (Vorsicht, Kollateralschäden!). Schießt sich irgendwann aus Versehen beim Nachladen ins Knie und stirbt vor Scham.

Der Schwarmdenker

Fühlt sich am sichersten in der Menge. Folgt deshalb immer dem angesagten Alpha-Philosophen, jedenfalls so lange, bis dieser vom nächsten gekillt wird. Benutzt gern Verallgemeinerungen und Vereinfachungen. Weiß nicht genau, was er ist und wenn ja, wie viele. Geht so in der Masse unter, dass man seinen Tod nicht bemerkt.

Der Überzeugungsdenker

Die gefährlichsten aller Denker! Bauen gerne Systeme und verteidigen sie gegen jeden unschuldig Vorbeidenkenden mit den allerschwersten Waffen. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. Die Wahrheit ergibt sich sofort, weil sie klüger ist. Überzeugungs-Denker sterben gern; ihr System, ihre Wahrheit, ihr letztes Dogma wird sie unsterblich machen!

Der Tiefdenker

Im Gegensatz zu seinem weiter verbreitetem Gegenpol, dem Flach-Denker, eher selten. Das mag damit zusammenhängen, dass sein natürliches Habitat die Tiefe ist und man ihn deshalb auch mit dem Licht der Aufklärung schwer findet. Zudem ist er meist ein wenig schwerverständlich, viele würden auch sagen: unverständlich. In Universitäten verstecken sich einige wenige lichtscheue Exemplare, die vom Blut ihrer unschuldigen Studenten leben. Sterben meist an Auszehrung, während sie zu tief über den Tod nachdenken.

Der Schöndenker

Eng verwandt mit dem Weichspüldenker und dem Wunschdenker, aber der Ästhet unter ihnen. Glaubt daran, dass Wahrheit und Schönheit das Gleiche sind und zieht daraus den Schluss: je schöner, desto wahrer! Leider ist sein persönliches Schönheitsgefühl häufig nicht besonders ausgeprägt oder allzu avantgardistisch. Stirbt beim Versuch, den schönen Tod zu finden, an einer Lebkuchenallergie.

Der Schwarz-Weiß-Denker

Eng verwandt mit dem Überzeugungsdenker und dem Schnellschuss-Denker. Ist der festen Überzeugung, dass alles in der Welt in genau zwei Kategorien fällt, entweder-oder, gut-böse, kariert-geblümt. Was kariert ist, darf nicht geblümt sein. Er steht natürlich immer auf der richtigen Seite, und wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Stirbt an einem Schlaganfall, als er eine kariert-geblümte Bluse sieht.

Der Beiseitedenker

Sagt nie direkt, was er denkt, sondern etwas verblümt, wenn keiner genau hinhört, mit leiser Stimme und einem basso continuo: „Mir hört doch keiner zu!“ Scheut das direkte Gespräch, die starke These, das aktuelle Thema. Ist eine Nebenfigur auf Nebenkriegsschauplätzen, wo er den Tod aller Nebenfiguren stirbt: unbeachtet, zufällig, ein Opfer größerer Dinge.

Der Kreuz- und Quer-Denker

Kennt die Philosophiegeschichte wie seine Hosentasche (nein, besser, in eine Hosentasche passt nicht genug), verläuft sich aber gern in ihr (der Philosophiegeschichte, nicht der Hosentasche). Springbockartig bewegt er sich von Epoche zu Epoche, hüpft über Systeme und Ideologien, nascht hier und dort ein wenig und bringt unfehlbar all das zusammen, was wirklich nicht zusammengehört. Das letzte Mal gesehen wurde er, als er sich in Hegels Phänomenologie des Geistes verlaufen hatte; er bewegte sich in einem seltsamen Dreischritt und war einem schwer zu fassenden Begriff auf der Spur.

Der Kampfdenker

Die Elitegruppe der Philosophie, ausgebildet im philosophischen Nahkampf wie im Untergrund-Systemen-Kampf. Ihre beliebtesten Waffen sind die massive Unterstellung und die gemeine Denunziation, der verkleidete Fehlschluss und die unbegründete Behauptung, vor allem aber der Spin-Generator, der es ermöglicht, jedem unschuldigen Begriff die philosophiepolitisch gerade gewollte Richtung zu geben. Sich mit einem geschulten Kampf-Denker anzulegen, kann lebensgefährlich sein; bei Gefangennahme droht Gehirnwäsche! Kampfdenker sind nur mit ihren eigenen Waffen zu besiegen (Umprogrammierung des Spin-Generators, nur für Fortgeschrittene!) Sie versterben versehentlich bei der Überquerung eines Flusses, weil ihre Waffen zu schwer waren.

Der Chefdenker

Auch gern Vordenker genannt. Ernennt sich meistens selbst zu selbigem. Im Gegensatz zum Nachdenker versteht er sich selbst als Avantgarde des philosophischen Fortschritts und lehnt es aus Prinzip ab, sich mit seinen Vorgängern zu beschäftigen, die er als "endgültig überholt" bezeichnet. Er denkt immer auf der Überholspur; dabei gelegentlich unterlaufende Reifenpannen nimmt er ebenso wenig wie kleinere Verkehrsunfälle zur Kenntnis. Der Vordenker ist immer als erster da, und wenn eine Schildkröte ihn am Ziel erwartet, überfährt er sie. Irgendwann schießt er über das Ziel hinaus und ward fortan nicht mehr gesehen.

Der Andenker

Der Zögerer und Zauderer unter den Denkern. Er berührt einen neuen Gedanken immer nur mit geistigen Handschuhen und nur, wenn er ihn vorher desinfiziert hat; er könnte ja gefährlich oder schmutzig sein oder gar unerwünschte Folgen haben! Hält sich aber für progressiv, weil er schließlich Denk-Anstöße gibt, auch wenn sie eher kleinen Schubsern ähneln und leider häufig in die falsche Richtung schubsen. Stirbt an Verstopfung durch all die nicht weitergedachten An-Gedanken.

Der Freidenker

Sehr selten, eigentlich so gut wie ausgestorben. Seine Vorfahren wurden von den Kirchen seit jeher gejagt und häufig genug zur Strecke gebracht; sie sind im philosophischen Märtyrermuseum als Wachsfiguren zu bewundern. Nachzucht-Versuche waren bisher weitgehend erfolglos; wahre Freidenker paaren sich ungern. Die wenigen Exemplare haben die derzeitige political correctness-Welle nicht überlebt, weil sie sich innerhalb kürzester Zeit umgebracht haben.

Der Verschwörungsdenker

Dünkt sich immer verfolgt. Von den Kollegen, von den Medien, von der Welt schlechthin. Dabei ist er der Einzige, absolut der Einzige, der die große philosophische Weltverschwörung aufdecken könnten, die sich von Aristoteles über Thomas von Aquin und Leibniz bis hin zu – nein, das können wir jetzt nicht öffentlich sagen, der Feind hört mit! Verschwörungsdenker verschwinden aus dunklen Ursachen, natürlich. Aus dem Verkehr gezogen, sogar ihre Werke sind mysteriöserweise verschwunden, gelöscht, verleugnet. Quod erat demonstrandum!

Der Feld-, Wald- und Wiesen-Denker

Sprießen in freier Wildbahn, jedenfalls, wo es so etwas noch gibt; also außerhalb der Städte und Autobahnen und Hochlager-Regale, die die Landschaft verpesten. Sind ihrem Habitat verbunden und lieben die frische Luft und die kleinen, bunten, blühenden Gedanken, die jeder finden kann, wenn er einmal den Bildschirm ausschaltet und an die frische Luft geht und sein Handy zuhause lässt und nicht nur über den nächsten Karriereschachzug nachdenkt. Kommen zwar nicht über mittelgroße philosophische Blumensträuße hinaus, aber die sind echt schön und werden auch gern verschenkt! Sterben fällt ihnen leicht. Man sieht die Blumen dann von unten an.

Die Denkerin

Ist weiblich und deshalb der größte Exot unter all den Denkertypen. Wird von ihnen nicht ernst genommen oder in das Reservat „Emotionale Intelligenz“ abgeschoben. Darf gelegentlich an einer kleinen These stricken (niedlich!) oder einen großen Denker unterstützen (heroisch!). Philo-Sophia als Frau kann jedoch nur von Männern verstanden werden; mit Frauen bleibt sie angeblich unfruchtbar (Ausnahmen bestätigen die Regel, stoßen sie aber nicht um). Philosophiert trotzdem weiter in Heimarbeit und stirbt unerkannt.   


Tabula rasa

Ein weißes Blatt.
Ein leerer Tisch.
Tabula rasa.
Ein Neuanfang.
Das wäre schön.
Man wäre unbelastet
von all den Fehlern der Vergangenheit,
reingewaschen
von aller Schuld der Ahnen.
Aufnahmebereit
für alles, was da kommen mag.
Ein jeder gleich.
Ein weißes Blatt.
Ein leerer Tisch.

Doch ähneln sich zwei Blätter je? Ist
ihr Weiß nicht unterschiedlich, so wie
Schnee von Staub?
Sind sie nicht unterschiedlich groß,
und von verschiednem Stoff?
Ähnelt denn je ein Blatt
in der Natur dem anderen?
Gleicht eine Schneeflocke dem Nachbarn?
Sogar das Staubkorn ist einmalig.
Es vergeht nicht.
Es verweht nur.

Schon lang vor unserer Geburt
wird unser Tisch gedeckt,
wird unser Blatt beschrieben.
Vom Urknall an, von allem Anfang an,
mit dem Beginn der Zeit war diese Welt komplett.
Nichts Neues in der Schöpfung, nichts
was dort nicht schon geboren ward.
Die Ursuppe war unser Urahn.
Ungefragt entstand das Leben.
Unvordenklich. Ungeheuer. Unerschöpflich.
Wir selbst sind das Gedächtnis der Atome.

Unser Leben ist eine Fortsetzung.
Gestaltenwandel,
Wiedergeburt, Metempsychose.
Wie man es nennen mag.
Individualität
ist eine Phase.
(Nicht die beste)
Der Tisch war immer schon gedeckt;
nicht immer reichlich, nahrhaft,
(Tischtücher erfand erst der Mensch).
Wir decken ihn nur ab,
damit wir glauben können,
wir seien neu. Ein jeder könne
den eignen Tisch so decken, wie er wolle,
das Blatt beschreiben mit ganz eignen Zeichen.
Ein Irrtum. Geschrieben hat
Evolution, das ganze Buch,
und selten nur war es idyllisch.
Wir schreiben ab und machen Fehler.
Das ist unser Verdienst.

Wenn wir geboren werden,
sind wir uns alle ähnlich.
Sind kleine Monster mit zu großen Augen,
kahlen Köpfen, noch bedeckt vom Schlamm
unserer Geburt, gebunden mit der Nabelschnur
an die, die uns gebar. Uns trug. Uns nährte.
Das eigen Fleisch und Blut.
Wir sind gemacht
aus anderen, aus Eltern, Ahnen,
ob wir es wollen oder nicht.
Wir tragen ihre Fehler, ihre Sünden,
ihr Verdienst. Oft bleibt es lang verdeckt,
und eines Tages schaut man in den Spiegel und erkennt:
Ich bin ja doch die Mutter. Meine Mutter.
Nie wollte ich es sein, habe versucht,
andere Zeichen aufschreiben
auf anderem Papier. Den Tisch zu decken
mit eignem Porzellan, mit andern Speisen.
Und hab es nicht verhindern können.
Nicht nur die Mutter, nein, in diesem
Winkel des Gesichtes, diesen Gesten
wohnt auch mein Vater. Meine Oma,
die ich schon fast vergaß, hat so geschaut,
den strengen Blick, der sich mir eingebohrt hat
damals, als ich noch ein Kind war.
An meinem eigenen Kind seh‘ ich es schon:
Er wird so werden, wie ich war. Keine Kopie,
(noch nicht einmal Kopien sind identisch)
aber ähnlich. Ein wenig Neues
fügt man selbst hinzu. Manchmal nur Flicken.
Variationen. Shades of White.
Der Tisch ist immer schon gedeckt.

Die Philosophen, früher, wenn sie
Tabula rasa sagten, meinten
einen andern Tisch: Er stand im Kopf.
Von Gott gezimmert.
Beschrieben mit ehernen Gesetzen, Tafeln:
Gott ist groß. Der Herrscher kommt von Gott.
Der Mensch ist klein. Ein Sünder, immerdar.
Erlösungsbedürftig.
Die Religion war fest verdrahtet. Anders
konnte man nicht denken.
Gott war ein Fakt; wer ihn nicht glaubt,
ein Monster. Freak of nature.

Die Tafeln sind zerbrochen, es war mühsam.
Doch ist der Tisch deshalb nun gänzlich ungedeckt?
Werden uns nicht
Ideen aufgetischt, kaum dass wir laufen können?
Wir glauben sie, was bleibt uns übrig,
wir würden sonst verhungern:
Der Mensch ist frei.
Alle haben die gleichen Rechte.
Wir leben selbstbestimmt. Individualität
ist machbar. Du bist einzigartig.
Was immer du auch tust, sei ganz du selbst.
Wer liebt, der wird geliebt.
Liebe ist einzigartig. Menschlich.
Kein andres Wesen hat sie.
Wir wählen unsre Herrscher selbst.
Der Mensch ist frei. Er kann sich entscheiden
zum Guten und zum Bösen.
Das nennt man Moral.
Kein andres Wesen hat sie.
Wir haben Verantwortung
für unsre Welt. Der Mensch beherrscht die Welt.
Mit Wissenschaft, mit Technik.
Alles wird gut.
Denn alles andere
wäre undenkbar.

Schau nur, der Tisch ist reich gedeckt,
weil du ein Mensch bist.
Greif nur zu!
Und man greift zu.
Man deckt sich seinen Tisch,
beschreibt sein Blatt, greift wieder zu,
und glaubt daran: Alles wird gut.
Doch wenn wir glauben: Jetzt,
endlich, ist es mein eigner Tisch, mein eignes Blatt –
fällt etwas um. Unter den Tisch.
Die Suppe schmeckt heute nicht.
Der Fisch ist schon verdorben.
Die Schokolade, es ist viel zu viel,
schnell, räumt ihn ab, den Tisch.
Ich kann es nicht mehr sehen!
Gebt mir einfache Kost. Diät.
Einfache Früchte, selbstgezogen.
(Doch sogar sie sind schon verdorben,
mit synthetischen Geschmacksverstärkern)

Warum habt ihr mich überfüllt
mit Dingen und Ideen, die nicht halten,
was sie versprochen haben?
Warum habt ihr mich vollgestopft
mit Geschichten, Märchen, Utopien,
die nicht von dieser Welt sind
und den Blick verstellen,
auf sie, auf diese Welt?
Jetzt gehen die Geschichten nicht mehr auf.
Waren sie von Anfang an schon falsch erzählt?
(Sie wollten nur dein Bestes)
Dein Bestes? Wessen Bestes?
Zwangsbeschriftung,
Zwangsbeglückung,
Zwangsernährung.

Der Tisch ist niemals ungedeckt.
Tabula rasa: Deck ihn ab.
Mach den Tisch ungedeckt.
Zerreiß das Tischtuch.
Und wenn du kannst, dann zeig es deinem Kinde:
Wie man den Tisch selbst deckt.
(nicht, was darauf gehört)
Wie man Geschichten selbst schreibt.
(nicht, was darin steht)
Lass es frei.
Gebunden bleibt es sowieso.



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