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Kammer-Musik


Über Jazz, Tischtennis und die Schwierigkeiten
menschlicher Kommunikation

Irgendwann vor langer Zeit sagte ich einmal (und ich kam mir sehr klug dabei vor), dass Jazz wie ein Gespräch sei. Das war nun weder ein besonders neuer noch ein besonders origineller Vergleich, wie mir heute klar ist. Aber man halte mir zugute: Ich hatte damals (und habe leider immer noch) keine Ahnung von Musik im Allgemeinen und von Jazz insbesondere. Ich habe stattdessen eine riesige Wissenslücke und einen kleinen Satz von Vorurteilen; was einen immer dazu verleitet, klug zu schwätzen, wenn man sich irgendwo halbwegs auskennt, ist man vorsichtiger. Doch ich wusste immerhin, was ich musikalisch eher mochte und was eher nicht, und das konnten ganz verschiedene Stile und Genres sein. Jazz jedoch, wenn er nicht allzu kompliziert und aufregend war, mochte ich, seit man erster Freund mich spätabends in ein dunkles Jazz-Lokal (es war wahrscheinlich sogar noch verraucht!)geführt hatte, das in meiner Erinnerung inzwischen geradezu mythische Züge angenommen hat: Es war mehr eine Initiation als ein Kneipenbesuch! (tatsächlich, so erbringt eine Internet-Recherche eben, war es in gewissem Sinne ein Kultort: Das Bluenote in Göttingen gilt heute als „Denkmal der Jazzgeschichte“!)

Heute könnte ich immerhin meinen altklug dahingesagten Satz ein wenig präzisieren – nicht weil ich mehr von Musik weiß, sondern weil ich mehr von der Welt und den Gesprächen in ihr weiß. Ich würde heute also sagen: Jazz ist ein besonders gutes Gespräch, weil er viele Freiheitsgrade hat. Er verfolgt ein Thema – das beliebig klein und alltäglich sein kann, wenn auch meist schon mit einen kleinen Hüpfer darin; und er tut das mehr assoziativ als systematisch. Er gerät dabei unter Umständen auf vielen, vielen Umwegen bis dorthin, wo das Anfangs-Thema in sein Gegen-Thema umschlägt; oder auch in ganz etwas Anderes, völlig Neues. Und wenn man, im Leben, genug Gespräche geführt hat, die sehr geringe Freiheitsgrade hatten und stattdessen eine ermüdende Wiederholung immergleicher Floskeln zelebrierten, die alle daherkamen, als seien es ewige Weisheiten, und immer weiß man schon vorher, wer was zu wem mit welchem Unterton sagen wird – dann schätzt man es sehr, wenn ein Gespräch Freiheitsgrade hat; in Thema, Tonart, Rhythmus, Instrumentierung und Durchführung!

Das als etwas gedankenlastiges Vorspiel zu dem Jazz-Konzert, das wir besucht haben. Das Trio heißt Tingvall nach dem Pianisten Martin Tingvall, einem Schweden, der die Songs komponiert und überhaupt ganz offensichtlich Kopf und Herz der Dreiergruppe ist. Dazu kommen der kubanische Kontrabassist Omar Rodriguez Calvo und der deutsche Drummer Jürgen Spiegel – eine Gruppe, die von Herkunft und Temperament her angenehm gemischt ist, nicht jedoch vom Geschlecht. Dass Jazz bis heute eine eher männliche Angelegenheit ist, demonstrierte nicht nur das überwiegend männliche Publikum, sondern auch Fachleute (wie eine weitere Internet-Recherche soeben ergab) bestätigen diesen Verdacht, ich zitiere kurz aus einer Fachtagung zum Thema ‚Gender Identity‘ im Jazz (auch, weil der Satz so schön ist…): „Konsens war, dass Ursprünge und gesellschaftlicher Ort des Jazz männlich dominiert sind und daher ein großer Teil dessen, was Jazzmusiker und ihr Publikum an der Musik und den um sie herum stattfindenden Interaktionen schätzen, maskulin geprägten Verhaltensmustern folgt. Die Modelle vom Jazzclub als konspirativer Katakombe zur Ausübung individualistisch geprägter Improvisationsexkurse bis hin zur hierarchisch orientierten Rangfolge solistischer Leistungen in Bands sind alt und reichen zum Teil bis zu Ursprüngen des Jazz in den 1920er-Jahren zurück. Zugleich scheint es einen szeneinternen Konsens zu geben, Gender-Fragen an sich nicht besonders wichtig zu finden“.

Aber das nur als Nebenthema, ich finde es in diesem Zusammenhang nämlich auch nicht besonders wichtig: Denn ganz unabhängig von allen Gender-Fragen spielte das rein männliche Trio großartige Musik. Die Vorstellung im kleinstädtischen Nürtingen steigerte sich von einem eher verhaltenen Beginn hin zu artistischen Duellen zwischen Flügel und Percussions, und die langen gelenkigen Finger des Bassisten tanzten so virtuos über den Kontrabass, dass man sich zwischendurch eher an Ballett erinnert fühlte. Es entwickelte sich also, um meinen naiven Anfangsvergleich aufzugreifen, ein sehr persönliches, sehr emotionales Gespräch zwischen alten Bekannten, nein: besten Freunden auf der Bühne. Vielleicht kann man in der Musik noch mehr als in allen anderen Künsten sehen (auch dieser Gedanke kam mir erst bei dieser Gelegenheit), dass es immer ein „Ich“ gibt in einem Kunstwerk. Und dieses „Ich“ muss sich öffnen, und gerade im Jazz tut es das oft bis zu einer Art von emotionaler Nacktheit, die gleichzeitig anrührend und beängstigend ist. Das jedoch passierte nun also direkt vor mir (wir saßen in der ersten Reihe), und das zwar schwäbisch verhaltene Publikum vibrierte für seine Verhältnisse deutlich mit. Und während sich die Musiker gegenseitig steigerten und das Gespräch immer leidenschaftlicher wurde und alle ihre Instrumente mit deutlichem Krafteinsatz bearbeiteten und sich herausfordernde Blicke zuwarfen – hatte ich erneut eine etwas abwegige Assoziation. Ich muss sie aber genau deshalb erzählen –weil sie eine etwas abwegige Assoziation ist, die das Kunst-Gesprächs-Thema versuchsweise in eine bestimmte Richtung weiterentwickelt, wenn auch vielleicht in eine sehr andere Tonart transponiert.

Ich schaue also gerade, wenn ich nicht abends in Jazz-Konzerte gehe (also: an den allermeisten Abenden) eine amerikanische sit-com, die ziemlich berühmt, aber auch ziemlich amerikanisch ist, geradezu bis an die Grenzen des Erträglichen amerikanisch. Sie heißt The Nanny und lebt vom sozio-kulturellen Kontrast zwischen einer reichen mutterlosen altenglischen Familie – attraktiver Vater mittleren Alters, drei Kinder, ein Butler – und einer eher bildungsfernen, mittellosen und aus Verzweiflung eingestellten Nanny namens Fran (na gut, sie lebt auch von der makellosen Figur von Fran und ihren nicht immer geschmackssicheren, aber garantiert immer aufsehenerregenden Outfits). Und mit großem Einfallsreichtum schaffen es die Drehbuchschreiber, die offensichtlich ziemlich stark knisternde erotische Spannung zwischen Daddy und Nanny immer weiter zu steigern, ohne dass es jedoch zum Letzten kommt. In der Episode, die ich gerade am Vorabend gesehen hatte, gab es nun eine besonders hinreißende Szene, in der beide ihre sexuelle Frustration ausgerechnet im Ping-Pong auslebten: nämlich in einem Ballwechsel, der sich von einem anfänglichen freundschaftlichen „Ping“ und „Pong“ hin zu einem immer rasanteren, von intensivem Gestöhne begleiteten rhythmischen Schlagabtausch steigerte, um dann – ja, genau. Wussten wir vorher, wie erotisch Tischtennis sein kann? Und genauso, so dachte ich, agierten jetzt eigentlich diese Männer auf der Bühne: ein gegenseitiges Herausfordern, ein sich zu immer neuen rhythmischen Höchstleistungen Anspornen, mit immer stärker anschwellender Lautstärke, mit einem sich zum Crescendo steigernden Rhythmus, begleitet von physischem Krafteinsatz, kleineren Stöhnern, sichtlicher psychischer Lusterfahrung und endend – in einer kleinen Ironie, wie übrigens dann auch die Tischtennis-Szene. Jazz also ist nicht nur ein freundschaftliches Gespräch; nein, es kann auch eine – natürlich künstlerisch sublimierte, aber dann doch noch ziemlich explizite Form von Sex sein (es macht auch nichts, dass es nur Männer waren)! Aber auf der anderen Seite ist Sex ja vielleicht auch, jedenfalls manchmal und in seinen gelingenderen Varianten – eine Form von Gespräch?

Zwischendurch gab es dann, zum Herunterkühlen, kurze humorvolle Moderationen mit liebenswertem skandinavischen Dialekt. Und eine von ihnen brachte mich auf meine zweite Erleuchtung (ich suche noch nach einer eher akustischen Metapher dafür; und diese Erleuchtung kam mir auch eher im Nachhinein, im Konzert selbst war ich mehr mit Hören als mit Denken beschäftigt). Martin Tingvall nämlich kündigte seinen Titel „S.O.S.“ an; das sei ein Song über den beklagenswerten Zustand der Welt, ganz im Allgemeinen – und er sagte dazu den schönen, sehr nachdenkenswerten Satz: Er würde jetzt nicht ein Beispiel nennen, weil dann würde er hundert andere nicht nennen; und sie würden diesen Titel eigentlich lieber gar nicht mehr spielen (müssen), aber, frei referiert: Nie war er so nötig wie heute! Und dann spielten sie „S.O.S.“, und man konnte sich etwas dazu denken, was wie ein Notruf klang – aber es war vor allem ein etwas nachdenklicheres, ein wenig mehr verzweifeltes, im Ganzen jedoch wieder großartig klingendes und gelegentlich natürlich auch verspieltes Stück Musik, die von Herzen kam. Das aber ist, wiederum: für mich als musikalische Laiin, einer der ganzen großen Vorzüge von Musik generell: Sie steht niemals im Verdacht, eine Aussage machen zu wollen, womöglich gar eine politische oder eine kritische! Das erwartet niemand von Musik, zum Glück. Sie muss sich nicht rechtfertigen gegen Vorwürfe, affirmativ zu sein (na gut, gelegentlich vielleicht eskapistisch, aber eigentlich ist noch nicht mal das besonders schlimm). Nein, der Komponist wollte uns nicht „etwas sagen“, als er die Musik aus seinem Kopf aufs Papier übertrug; er wollte uns etwas zum Hören geben. Am besten hört man deshalb, wenn man es schafft, die Sprache dabei abzuschalten. Rilke schreibt einmal, es ist in den Sonetten an Orpheus, vom „hohen Baum im Ohr“, wenn Orpheus singt. Der Satz ist mir im Ohr geblieben, weil ich ihn nicht verstanden habe. Aber das habe ich bei diesem Konzert nun zum ersten Mal gespürt: wie das Hörwerk direkt im Ohr gewachsen ist, fern von der Sprache.

Und es ist ein Gespräch, trotzdem. Das macht den Vergleich nämlich nur besser. Guter Jazz ist ein körperliches, ein sprachloses Gespräch. Ach, es könnte so viele bessere Gespräche geben, wenn man nur lernen würde, sie (auch) in anderen Arten von Sprachen zu führen (schon konventionelle Mehrsprachigkeit hilft manchmal ein wenig)! Denn die gewöhnliche, also: die Wort-Sprache führt im Regelfall zu Missverständnissen. Verstehen ist eine rare Ausnahme und erfordert große Disziplin und viel Übung von allen Beteiligten. Was man also beim Miteinandersprechen tun müsste – um nun eine Lehre aus meiner kleinen musikalischen Lektion zu ziehen und das Thema vom Anfang wieder aufzunehmen –, wäre vielleicht: die Sprache als ein Instrument benutzen, nicht als ein Werkzeug? Und Verständigung wäre dann – ein zuhörendes Zusammenspiel, von Körpern mit unterschiedlichen Erfahrungen, in einem übersichtlichen Raum, mit einem vorgegebenen Thema und sehr vielen improvisatorischen Freiheitsgraden in der Ausführung?

Trommelwirbel, und ein letztes, leise verperlendes Verklingen des Klaviers. Der Bass schweigt.