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Reisegeschichten

Landkarten:

 

Im Zug


SIE SIND JA DERART ASOZIAL!

Eigentlich hatte ich mich auf die Fahrt gefreut. Schön ruhig auf einem reservierten Fensterplatz sitzen, ein wenig hinausschauen, ein wenig lesen, ein wenig schreiben, ein wenig schlafen, während die schönen deutschen Landschaften an einem vorbeiziehen und man keine Pflichten hat. Seit es mir nämlich einmal passiert ist, dass ich nach einem etwas anstrengenden Kindergeburtstag (gibt es überhaupt andere?) die wöchentliche Fahrt nach Jena wie einen Erholungsurlaub empfunden hatte, kann mein Gehirn in diesen speziellen Bahnfahrtmodus fallen. enn einen die Deutsche Bahn nur ließe, jedenfalls. Und die Mitreisenden, ach ja.

Das war dann eine Zeitlang immer weniger der Fall, weshalb ich auch immer weniger gefahren bin. Aber nun hatte ich mich mal wieder gefreut. Noch beim Frühstück sah alles rosig aus, die Züge schienen zu fahren, die Sonne schien und der Koffer war fertig gepackt. Aber bei einem Routine-Blick auf den Fahrtplan im Nahverkehrszug zwischen Plochingen und Esslingen sah ich, dass der gebuchte ICE von Stuttgart aus nicht fahren würde. Technische Störung am Zug, was auch immer, Totalausfall. Hektisches Googeln erbrachte, da ich ja zum Glück früher dran war wie immer, dass eine frühere Verbindung funktionieren könnte, mit immerhin nur einmal Umsteigen in Frankfurt Flughafen und auch halbwegs genug Zeit dafür.

Klappte soweit auch. Der frühere ICE fuhr pünktlich ein in Stuttgart, und ich dachte noch, ich könnte die Mengen von durch ihre T-Shirts als Handballmannschaften aus dem weiteren Stuttgarter Umkreis erkennbaren Jungmänner vermeiden. Ging also vor zu einem der vorderen Wägen, wo erfreulich wenig ältere Menschen einstiegen; nur um dann in dem ausgesuchten Wagen zu entdecken, dass er praktisch vollständig durchreserviert war für – Düsseldorf, wo offenbar das Handball-Event, was immer es war, stattfinden würde; aber umkehren war jetzt nicht mehr möglich, da massive Mengen von blauen Trikots auf massiven Schultern den Weg versperrten. Ich fand immerhin einen freien Platz an einem Vierertisch direkt vor dem Reservierungsblock. Auf den beiden Plätzen gegenüber hatte sich schon eine andere Frau eingerichtet, sie sah vage linksintellektuell-alternativ aus, schaute noch nicht einmal hoch auf mein zaghaftes „Hallo!“ und begann damit, sich von der Welt abzuwenden.

Die Welt jedoch hatte ihre Plätze gefunden, samt einer erstaunlichen Menge an Bierkästen und geräucherten Würstchen dazu. Und die gutwilligeren unter uns schauten eher belustigt zu, wie sie gleichzeitig versuchten, halbwegs wohlerzogen und rücksichtsvoll zu sein – und doch immer wieder gar nicht anders konnten, als ihren jungmännlichen, schon leicht alkoholgetriebenen Übermut in der großen Freiheit einer Mannschaftsreise mit dem Zug auszuleben. Ich habe schon schlimmere Gruppen gehabt, um ehrlich zu sein. Und es war ja auch nur bei Frankfurt Flughafen, auch wenn aus meinem erträumten stillen, einsamen Plätzchen am Fenster nun nichts geworden war. Die Frau mir gegenüber hatte sich zum Schlafen weggekuschelt und reagierte konfus und unwillig, als der recht hübsche und höfliche und zielstrebige Zugbegleiter sie rücksichtsvoll weckte und um ein Ticket bat. Aber sie meisterte schließlich die Herausforderung mit einem zerkrumpelten ausgedruckten Papier-Ticket. Um dann mit ihrem Handy zu telefonieren zu beginnen, sehr leise, immerhin. Die Handballer schwankten derweil weiterhin zwischen Ausbrüchen von Frohsinn und Warnungen zum Leisesein, also jetzt bitte!

So weit und so wenig erzählenswert. Bis wir in Mannheim hielten und eine ziemliche Menge an Menschen zustiegen; der Waggon geriet sofort in einen deadlock, da auch noch ein Kinderwagen dabei war. Nun waren ja an unserem Vierertisch tatsächlich noch zwei Plätze frei bei Frankfurt Flughafen; und als die junge Mutter, die samt jungem Vater zum Kinderwagen gehörte, sehr freundlich fragte, ob sie sich denn hier hinsetzen könnten, es sei auch nur bis Flughafen, und sie hätten kurzfristig zu einer Beerdigung gemusst und es sei alles ein wenig anstrengend – ich hatte derweil schon meine Taschen weggeräumt, das war angesichts des Ansturms zu erwarten gewesen, und ich war ja selbst dankbar für den Glücksfall dieses Sitzplatzes, Handballtruppen hin oder her. Aber die junge Familie brauchte natürlich noch einen zweiten Platz, und der gegenüber war ja auch noch frei, und deshalb weckten sie, wiederum außerordentlich vorsichtig und rücksichtsvoll, die schwierige Dame und baten um einen Platz, es sei ja nur bis….. – die Dame war ungehalten, deutlich. Aber es war nun schlechthin nicht möglich, einer Mutter mit Kind einen ja faktisch freien Sitzplatz zu verweigern, und so packte sie sichtlich unwirsch ihre Tasche zusammen und räumte gleich beide Plätze, um samt Handgepäck durch die Handballtruppe hindurch hinfortzufegen.

Die junge Mutter schüttelte etwas verwundert den Kopf, ich auch, aber eigentlich war es uns recht; die Dame hatte irgendwie einen derartig konzentrierten Vibe von generellem Unwillen, nein: Widerwillen gegen die gesamte Welt ausgestrahlt, dass man ihm selbst in einem gut gelüfteten ICE-Großraumwagen kaum entkommen konnte, auch nicht mit der massiven Gegenstrahlung der immer blauer werdenden Junghandballer.

Was aber der ganzen Geschichte ein kleines Krönchen aufsetzte und sie zu einer netten Fingerübung im zweiten, deutlich ruhigeren ICE aufwertete: War, dass nach dem Abgang auf einmal einer der Handballer deutlich vernehmbar rief: Jetzt hätte doch jemand ihn tatsächlich angefaucht, wie absolut asozial sie seien! Allgemeines Gekicher, niemand regte sich auf oder empörte sich gar; die Beleidigung prallte einfach so ab, wie alle Beleidigungen abprallen sollten, die eigentlich nur den Beleidiger beleidigen. Was diese perfekt getan hatte, ausgesprochen von einer Person, die soeben nur mit äußerstem, sichtbaren Widerwillen einen freien Platz für eine junge Mutter mit Kind freigegeben hatte. Es war eine Art Katharsis, eigentlich.

LEIDENSGESCHICHTEN

Die beiden Männer im morgendlichen Pendlerzug nach Stuttgart hätten man auf den ersten Blick für Schwaben halten können. Sie wirkten wohlgepflegt und bodenständig, der eine war etwas jünger, der andere schon über das mittlere Alter heraus. Beim zweiten Blick waren ihre Gesten allerdings zu lebhaft; und natürlich sprachen sie, wenn man genau hinhörte, kein vernuscheltes Schwäbisch, sondern ein guttural rollendes Arabisch. Aber nur zwischendurch, denn die meiste Zeit wiederholten sie sich gegen-seitig Floskeln in kaum akzentuiertem Deutsch: »Wie geht es Ihnen heute?« »Was fehlt Ihnen?« »Wie kann ich Ihnen helfen?« »Was hat Ihr Hausarzt gesagt?« Ich schaute derweil in mein Smartphone und las auf Al Jazeera die neuesten Katastrophennachrichten aus der arabischen Welt. Plötzlich wendet sich der jüngere von beiden sehr freundlich an mich, »Entschuldigung«, sagt er, »ich habe eine Frage, vielleicht können Sie uns helfen?« Ich hoffe inständig, dass es nicht um eine medizinische Fachfrage handelt; aber nein, es geht um eine grammatische Frage, und woher soll er wissen, dass er sie sogar einer Fachfrau vorlegte, einer Germanistin nämlich, auch wenn sie es eher mit der deutschen Literatur als der Sprache zu tun hat, aber diese Feinheiten verstehen schließlich auch die wenigsten Deutschen. Die Frage ist, wie er nun sehr kompakt erläutert: Sage man richtig, man leide ›unter‹ oder man leide ›an‹ Kopfschmerzen? Bekanntlich führen gerade die einfachsten grammatischen Fragen dazu, dass sich im Gehirn ein großes Loch statt einer Antwort bildet, sobald man anfängt darüber nachzudenken. »Gute Frage«, sage ich also, auf Zeit spielend, und gebe dann die wenig hilfreiche Antwort: »Ich glaube, es geht beides!« Beide gucken unglücklich und murmeln, Deutsch sei aber wirklich schwierig. Der Jüngere jedoch lässt nicht nach, sondern sucht und findet sehr schnell ein zweites Beispiel: Ob man auch ›an‹ oder ›unter‹ Diabetes leiden könnte? »Nee«, sage ich, »eher nicht; man leidet eher an Diabetes«. Und dann, nach einer bemerkenswert kurzen Denkpause, sagen wir beide das Gleiche, wenn auch in etwas unterschiedlicher Formulierung: »Also leidet man ›an‹ einer Krankheit, aber ›unter‹ Schmerzen!« »Ja!«, sage ich, und wir freuen uns beide spontan: Wir haben zusammen nachgedacht und sind zu einem übereinstimmenden Ergebnis gekommen, das nicht wenig Sprachgefühl und Verständnis demonstriert, und wann passiert das schon, selbst unter Sprach- und Bundesgenossen. Er sah auch nicht so aus, als ob er an einem Flüchtlingsschicksal leide, auf den ersten Blick jedenfalls; aber wahrscheinlich leidet er, wenn keiner schaut, unter ihm.


DIE STIMME DER VERNUNFT

Der Regionalexpress war wieder einmal viel zu voll, und nur wenige Gespräche stachen aus dem grimmig schweigenden Pendler-Unmut hervor. In einer Vierer-Sitzgruppe am Fenster saß ein junger Mann, man war sich nicht ganz sicher, ob er noch Gymnasiast oder schon Student war. Er trug ein kariertes Hemd und Jeans, seine Haltung war etwas ungelenk, und er zappelte ganz leicht mit einem Bein – kein Tick, nur eine Spur zu viel Anspannung und Ungeduld, und bevor er noch den Mund öffnete, hätte man wetten könne, dass er ein wenig zu klug war, als für ihn gut sein konnte. Als er dann unvermittelt in eine Tirade über die Fehler beim Bau des Hauptstadtflughafens ausbrach, zu der sein Zuhörer schräg gegenüber nur dann und wann zustimmend nicken konnte, fielen oft Formulierungen wie: Man hätte! Man sollte wirklich! Die einzig vernünftige Lösung wäre gewesen! Ja, das wäre wirklich das einzig Vernünftige gewesen, echote sein Zuhörer etwas hilflos. In Cannstatt stiegen die beiden dann aus, und bevor sich die grimmige Stille wieder über das Großraumabteil senken konnte, platzte es aus einer lebenslustig aussehenden Rothaarigen mittleren Alters mit gelbem Reisekoffer heraus: Das glaube sie einfach nicht! Das könne doch nicht wahr sein! Offenbar wisse der junge Mann ja alles besser. Na, da könne man dem späteren Arbeitgeber ja nur viel Spaß wünschen mit so einem! Könne man denn nicht einfach über ganz normale Themen reden, so im Zug, wenn alle zuhören, ob sie wollen oder nicht? Alle hörten zu, der Nachbar nickte verständnisvoll. Sie war ja nicht böse dabei, sondern eben eine lustige Person, die sicher gern über ganz normale Themen mit ihren gelegentlichen Mitreisenden sprach, wenn die Stimmung besser war als heute. Sie konnte nur offensichtlich diesen altklugen Typ nicht ab, der sich einfach so zur Stimme der Vernunft gemacht hatte und mit der ganzen Weisheit seiner achtzehneinhalb Jahre die Architekten, Bauherren und Politiker der Hauptstadt abkanzelte. Allerdings war das, was er gesagt hatte, bei näherem Nachdenken ganz vernünftig gewesen; sicherlich, ein wenig jugendlicher Größenwahn klang mit, aber er hatte die verfahrene Situation selbst ana-lysiert und sich ein Urteil gebildet, das nach gesundem common sense klang. Eigentlich war sogar ein origineller Gedanke dabei gewesen: Man solle doch, so meinte er, diejenigen, die es beim ersten Mal verbockt hätten, durchaus noch ein zweites Mal zum Zuge kommen lassen; die wüssten wenigstens schon, welche Fehler man wirklich vermeiden sollte! Das war viel Weisheit für achtzehneinhalb Jahre – aber dann doch nicht genug, um zu wissen, dass man die Stimme der Vernunft nicht ungestraft erheben soll in einem überfüllten Regionalexpress, ohne gefragt worden zu sein.


DIE FAHRT NACH HIMMELSLEITER

Es war am nicht mehr ganz frühen Morgen, die Pendlerwelle war schon durch, und der Fahrkartenautomat verlangte wieder ein-mal, man solle passend bezahlen. Während ich noch das Kleingeld für das Ticket nach Stuttgart zusammensuche, kriecht mir von links hinten ein dezenter Alkoholgeruch über die Schulter. Er gehört zu einem nicht unsympathisch wirkenden älteren Mann mit einem lustigen Vollbart, er sieht etwas obdachlos aus, und er fragt mich freundlich, wie der Automat denn funktioniere. Wo er denn hinwolle, frage ich zurück, und er antwortet: »nach Himmelsleiter«. Es ist nur ein dezenter Alkoholgeruch, also gebe ich folgsam auf der Tastatur ein: H - I - M -, und schon erscheint ›Himmelsleiter‹. »Wo ist das denn?«, frage ich belustigt und werde belehrt, es sei bei Zuffenhausen. Und er habe nur 2,80 Euro, aber das würde doch sicherlich reichen? »Sicherlich nicht«, sage ich, drücke auf die Taste und als Fahrpreis erscheinen 5,80 Euro. »Oh«, sagt er betreten. Wie weit käme er denn wohl mit 2,80 Euro? Bis Esslingen vielleicht, schätze ich; auch ganz schön, aber natürlich nicht Himmelsleiter. Da könne er ja von hier aus hinlaufen, sagt er empört. Ich kratze weiter mein Kleingeld zusammen, wundersamer Weise sind es gerade drei Euro, die ich ihm in die Hand drücke und sage: »Für eine Fahrkarte. Nach Himmelsleiter. Gute Fahrt!« Er schaut gerührt, faltet sanft die Hände vor der Brust, verbeugt sich leicht und sagt ganz leise: »Danke, Schwester!« Ich habe nicht zurückgeschaut, ob er die Fahrkarte gekauft hat, der verspätete Regionalexpress fuhr auch gerade ein. Aber jeder sollte sich eine Fahrkarte nach Himmelsleiter kaufen können. Nach Esslingen kann man immer noch zu Fuß gehen.


ZIVILISATION IST NICHT IMMER NETT

Der ICE war ziemlich voll, obwohl es Mittwoch war. Schulklassen nach Berlin, wagenweise durchnummeriert. In einem Abteil waren noch zwei freie Plätze; vier Frauen saßen dort, mittleren Alters, gut gepflegt, zurückhaltend gekleidet, zwei waren Ärztinnen auf einem Weg zu einer großen Fachtagung in Berlin, eine Lehrerin, noch eine Wissenschaftlerin. Sie lasen, unterhielten sich leise und schoben rücksichtsvoll ihre Sachen zusammen und ihre Beine unter die Sessel, als die ältere Frau, leicht schnaufend unter ihrer Korpulenz, mit ihrer abgeschabten Reisetasche sich hineindrängte: Sie habe den Platz reserviert, den freien dort am Fenster, es klang berlinerisch gefärbt. Sie stand ein wenig zu lange im Weg, während eine der anderen Frauen einen Platz für die alte Reisetasche auf der Gepäckablage freimachte und sie hinauf bugsierte. Als sie dann endlich auf ihrem reservierten Platz saß, sagte sie in die Runde: »Sie wissen ja nicht, was ich erlebt habe, auf der Herfahrt, fragen sie bloß nicht!« Die vier jüngeren Frauen guckten flüchtig hoch, um sich dann umso tiefer in ihre Bücher und Unterlagen zu verkriechen, in der sehr richtigen Befürchtung, auch ohne Frage würden sie wohl eine Antwort bekommen. Tatsächlich, nach einer etwas zu langen Pause, kam die Geschichte: Sie sei ja nicht der Typ, der sich aufregte und beschwerte, nee, sie janz jewiss nicht! (in immer energischerem Berlinerisch), aber da sei doch eine Mutter gewesen, mit drei Kindern, die habe das ganze Abteil für sich haben wollen! Und dabei habe sie selbst doch schon Monate, Mo-na-te! vorher reserviert gehabt. Niemand sah hoch. Natürlich hörten alle zu, was sollte man denn tun? Aber sie habe einen Schaffner geholt, der habe die Frau mit den Kindern dann weggeschickt, noch nicht einmal einen richtigen Fahrschein habe die gehabt! Nach einer weiteren viel zu langen Pause murmelte die Lehrerin, die es als erste nicht mehr aushielt: Ja, so etwas kommt vor. Die anderen hielten sich an ihren Büchern und Tagungsprogrammen fest, sehr zivilisiert, und schwiegen hochdeutsch. Sie waren kluge Frauen und wussten, dass jede Antwort mit Sicherheit einen weiteren berlinerischen Redeschwall ausgelöst hätte, und für einige von ihnen war die Fahrt noch lang. Natürlich hatte die Frau Recht, was sollte man schon sagen; und natürlich sind Bahnfahrten mit drei Kindern, ob mit oder ohne Fahrkarte, für keinen ein Vergnügen. Aber auch nicht mit korpulenten Berlinerinnen, die sich ja nicht beschweren wollen. Das Schweigen wurde schwer und lastete auf dem Abteil bis zur nächsten Station, als die ersten erleichtert ausstiegen. Zivilisation ist nicht immer nett.

VON VÄTERN, MÜTTERN UND PATZIGEN PATENTANTEN

Der ICE war, mal wieder, vor der Einfahrt nach Stuttgart stehengeblieben. Die Menschen stauten sich schon mit ihrem Gepäck in den Gängen, etwas ungeduldig von einem Fuß auf den anderen tretend, und aus dem Familienabteil quollen Kleinkinder, vier Stück, mit zwei Müttern dazu. Und irgendwie war man nun ausgerechnet in dieser Warteposition vor aller Ohren auf die Frage gekommen, warum die zwei Kinder, die zu der einen, jün-geren Mutter gehörten, verschiedene Väter hätten. Denn das hätten sie, gab sie fröhlich zu, das eine sei der Uwe und das andere der Klaus, und die beiden Blondschöpfe nickten von unten dazu. Eines der Kinder aus der anderen Familie fragt leicht verunsichert, wie das denn möglich sei, man könne doch nicht zwei Papas haben! Oh doch, erläuterte die junge Mutter leichtherzig, das sei sozusagen das normalste der Welt. Erst habe sie nämlich den Uwe gemocht und mit ihm den einen Blondschopf bekommen, und dann sei sie mit dem Uwe nicht mehr so gut klarge-kommen, man habe sich einfach nicht mehr richtig verstanden, und dann sei eben der Klaus gekommen und sie habe mit ihm das zweite Kind gemacht, beide Blondschöpfe nickten wieder cool dazu. Ach so, sagte das andere Kind, etwas verunsichert, und man konnte sehen, wie es in seinem unschuldigen Kopf arbeitete: Das Ganze war also in etwa so, wie wenn man sich ein falsches Kleid kaufte, und dann trug man es einen Tag, und am nächsten mochte man es halt nicht mehr und kaufte sich ein neues. Oder ein neues Spiel, heute noch das Tollste für immer und morgen der Schrott von gestern. So war das also mit den Vätern auch, heute hießen sie Uwe, und morgen Klaus, und wie es im Einzelnen dabei zugehen mochte, darüber dachte man besser nicht lange nach; man hatte ja auch gerade selbst die BFF gewechselt, es hatte kurz ein wenig weh getan, und dann war es vorbei. Wer brauchte schon Väter, wenn man heute einen Uwe und morgen einen Klaus (und übermorgen eine Samenbank) haben konnte? Väter, waren das nicht sowieso diese Männer-Monster (die man neuerdings auch ›toxisch‹ nannte), die seit Anfang der Dinge meinten, über Frauen und Kinder herrschen zu können? Die ewig zu viel arbeiteten, ihre eigene Familie überhaupt nicht kannten und die man eigentlich nur brauchte, wenn die Mama meinte, allein nicht energisch schimpfen zu können: Das sag ich aber deinem Vater, du! Ach, wenn das alles nur so einfach wäre. Ist es aber nicht. Selten hatte mir das Patriarchat so leidgetan.

Im Regionalexpress eine Stunde später saß ein Mädchen in einem orangefarbenen Tüllkleid, sie mochte etwa neun oder zehn Jahre alt sein. Sie war mit zwei anderen Frauen zusammen unterwegs. Neben ihr saß ein gefühlt 17jähriges Mädchen, wohl ihre Schwester, die dritte im Bunde war eine etwas fülligere Frau mittleren Alters, eine Art Patentante, und man war in Stuttgart zusammen shoppen gewesen. Die Mutter war jedenfalls nicht dabei, das ergab sich aus dem Handy-Gespräch, das die Kleine mit dem Tüllkleid den Tränen nah gerade führte: Sie sei nämlich in Stuttgart mit dem neuen Kleid in einen Brunnen gefallen, berichtete sie, alles sei pietschnass, auch die Schuhe, und sie fühle sich so – die Patin nahm ihr das Handy ruppig aus der Hand. Sie solle nicht so heulen, das interessiere die Mama doch gar nicht, schließlich sei man zusammen in Stuttgart gewesen und habe ein tolles Kleid gekauft, sie persönlich habe es ihr gekauft, es sei ein sehr ordentliches Kleid und nicht billig gewesen, da gebe es doch wohl keinen Grund zum Heulen? Das Tüllkleid schluchzte trotzdem noch ein wenig. Es sah, um ehrlich zu sein, nicht so aus, als wollte es ein Tüllkleid tragen; bei genauerem Hinsehen sah man vielmehr, dass die Patin schon immer von genau diesem Tüllkleid geträumt hatte, schon seit sie ein Kind war, und es hatte sich niemals ergeben, sie war wahrscheinlich schon damals auf der pummeligen und burschikosen Seite gewesen, keine Traumprinzessin. Das Kleid war aber wirklich feucht, die Schuhe auch, es fühlte sich wahrscheinlich einfach Scheiße an, damit jetzt in einem überhitzten Regionalexpress zu sitzen, und nachher würde noch die Mama schimpfen … Jetzt begann auf einmal auch noch die ältere Schwester zu heulen, entweder es waren Hormone oder das Elend der Welt in überhitzten Regionalzügen oder Neid auf das Tüllkleid, wer weiß das schon! (die Schwester übrigens hätte das Tüllkleid tragen können und wollen, ganz sicher, sie war der Typ Märchenprinzessin mit Wespentaille, wenn auch vielleicht etwas erbsenhaft). Jedenfalls saß sie nun still schluchzend neben dem Tüllkleid. Das Tüllkleid hinge-gen hatte aufgehört zu schluchzen, und dann sagte es ganz sanft und sehr erwachsen und nicht ein Spürchen patzig zu seiner großen Schwester: »Es tut mir ganz arg leid, wenn ich etwas gesagt habe, dass dich verletzt hat« (sie sagte es wirklich hochdeutsch und ausformuliert und völlig dialektfrei und noch nicht einmal wehleidig)! »Sag mir doch bitte, was habe ich denn Falsches gesagt?« Die ältere Schwester schluchzte in ihr perfektes Dekolleté über dem engen ärmellosen T-Shirt. Vorher hatte man übrigens darüber diskutiert, dass sie nun bald von zuhause wegziehen würde, und das Tüllkleid hatte erstaunt gefragt, warum die Schwester denn von der Mama weggehen wolle? Daraufhin hatte sie einen vereinten Vortrag von Schwester und Patin darüber erhalten, dass das der natürliche Gang der Dinge sei und dass ganz sicher auch sie selbst, wenn sie denn alt genug sei – wie alt, fragte das Tüllkleid wieder sehr sachlich? – ach, alt genug eben, dann würde auch sie ausziehen wollen, und ganz bestimmt, wenn sie erst einmal einen Mann habe, der wolle doch sicher nicht mit ihr bei ihrer Mama wohnen! Das Tüllkleid versuchte sich das wohl vorzustellen, fragte auch noch mal wegen des Alters und des Mannes nach, aber irgendwie schien es ihr nicht recht einzuleuchten; der Eindruck verdichtete sich, dass sie jetzt wirklich sehr gern zu ihrer Mama zurück nach Hause wollte, Tüllkleid hin oder her, und ein Tag war genau das Maß Trennung von der Mama gewesen, das sie sich vorstellen konnte. Vielleicht war das auch eher der Grund für das leise Weinen gewesen, und das Tüllkleid und die Brunnenkatastrophe waren nur ein Auslöser? Und konnte es denn wirklich sein, dass die Schwester und die Tante gar nichts davon verstanden hatten, sondern immer nur von tollen Kleidern und dem nächsten Shopping und Ausziehen und Selbständig-Sein und einen Mann finden redeten, Dinge, die so weit an ihr vorbeigingen wie der Mond und orangefarbene Tüllkleider? Sie wollte zu ihrer Mama und ein trockenes Kleid, das hätte sie sehr schön gefunden, sie hatte auch ein wenig Hunger. Aber nun weinte die ältere Schwester immer noch, sie hatte kein Wort auf die doch sehr höfliche und mitfühlende Frage gesagt, sondern nur still weiter geweint. Da griff das Tüllkleid zur letzten Waffe: »Soll ich mal einen Witz erzählen«, fragte sie? Und als sie, wie zu erwarten, keine Antwort bekam, begann sie Witze zu erzählen. Sie konnte das nicht besonders gut, es waren auch keine besonders guten Witze, die Pointen waren entweder schwerverständlich oder unterwegs verlorengegangen, und niemand lachte. Was nur dazu führte, dass sie immer mehr, immer schneller Witze erzählte, sie kullerten geradezu aus ihr heraus. Man musste doch auf die Großen aufpassen, mit ihren komischen Ideen und ihren komischen Problemen, dachte sie wahrscheinlich, sie sah ein wenig klüger aus als die Erbenprinzessin und die Möchtegern-Prinzessinnen-Tante. Man musste sie halt ein Kleid für einen kaufen lassen, auch wenn man es wirklich nicht mochte und es kratzte, vor allem, wenn es nass war. Und dann wollte man eigentlich nur noch heim und seine Ruhe, aber dann musste man sie auch noch trösten für irgendetwas, das offensichtlich ganz grundlegend falsch gelaufen war. Wahrscheinlich war man halt schuld, was sollte man schon machen, einer musste ja schuld sein, einer musste die Verantwortung übernehmen über einen so gut gemeinten und am Ende völlig verkorksten Tag (dabei waren sie doch gar nicht in den Brunnen gefallen, sie, das Kind, war in den Brunnen gefallen!). Also wer, wenn nicht sie? War sie nicht immer schuld, wenn die Großen mal wieder ein Problem hatten? Und schnell erzählte sie noch einen Witz.

ERZIEHUNG IN ZÜGEN. VON RÜLPSERN, MEHDORN UND HARTZ IV

Nun bin ich schon ziemlich lang nicht mehr Zug gefahren, aber eines zumindest ist genauso geblieben: Man kann immer noch die wunderbarsten Erziehungsstudien in Zügen machen; noch dazu in überfüllten Zügen an überhitzten Wochenenden, wo die Nerven noch etwas blanker liegen als sonst schon.

Der erste Teil dieser Geschichte spielt in einer S-Bahn im Großraum Frankfurt; sie war gestapelt voll, unter anderem mit Fahr-rädern, Kinderwägen und sonstigen Gefährten, die das Ein- und Aussteigen wirklich nicht einfacher machen. Mir war gerade noch rechtzeitig eingefallen, dass mein Erste-Klasse-Upgrade für den ICE logischerweise das – einzige, winzige – Erste-Klasse-Abteil in S-Bahnen umfasst, das wie gewöhnlich vorn an der Zugspitze zu finden war. Dort also glücklich angekommen, teilte ich mir den sparsam bemessenen Platz mit zwei weiteren Früh- oder Schon-Rentnerinnen, jedenfalls solange, bis sich die Tür öffnete und ein Mann mittleren Alters, leger, aber nicht ungepflegt im Äußeren, hineinstürmte mit seinem Sohn; einem niedlichen Knaben mit einer Struwwelmähne und einem schelmischen Blick. Der Vater stieß als erstes einen laut vernehmlichen Stoßseufzer, zudem in unverkennbar österreichischem Dialekt aus, und zwar ungefähr so lautend, dass wenn jetzt jemand von diesen Deutschen Bahn – und das „Deutschen“ betont er sehr – ein Problem damit hätte, dass sie sich in die Erste Klasse setzten, nach all dem, was man heute mal wieder erlebt hätte, dann – der Satz blieb unausge-sprochen, aber der Tenor war klar. Nun teilten wir alle das Gefühl und sympathisierten durchaus; und obwohl der Mann ein T-Shirt mit einem dummen Spruch bedruckt trug, wirkte er zivilisiert genug, dass er wir ihm – und vor allem dem niedlichen Söhnlein – das Eindringen in unsere Frührentnerinnen-Enklave vergönnten. Sie ließen sich also nieder, und der Vater äußerte mehrfach gegenüber Sohni, dass er jetzt einfach fertig mit den Nerven sei, hier seit etwas zum Trinken (offenbar selbstgebrauter Früchtetee, den er selbst für außerordentlich wohlgeraten erklär-te), und nun – nun, fragte Sohni durchaus interessiert, warum das denn nun alles so schlimm sei mit der Deutschen Bahn, und in Österreich sei das doch irgendwie anders? Vater beschied ihn, dass es in Österreich die ÖBB gebe und noch diese oder jene Privatbahn, wie auch immer, aber eigentlich würde die ÖBB im Großen und Ganzen wirklich gut funktionierten; ja, das könne man durchaus so sagen! Auch damit hatte er, meiner Erfahrung nach, durchaus Recht; die grenznahen österreichischen Züge fuhren meist sauber, pünktlich und irgendwie auch mit einem angenehmen Vibe. Woraufhin Sohni mit einer gewissen Pfiffigkeit fragte, warum denn dann die österreichische Bahn nicht einfach die deutsche kaufte? Nun, das war eine Idee, die man auch hätte diskutieren können, und nicht ohne Verdienst; aber der Vater wollte lieber eine Schulddebatte führen. Er setzte nämlich zu einem längeren Vortrag darüber an, wie ein gewisser Herr Mehdorn – der danach auch noch den Berliner Flughafen ruiniert habe! – die Deutsche Bahn, einst ein stolzes und ebenfalls durch-aus funktionierendes Unternehmen, vor die Wand gefahren habe, über Jahrzehnte hinweg, indem man an allem gespart habe, um das Unternehmen an die Börse bringen zu können, und das würde sich nun rächen; nun habe man weder ein privatwirtschaftliches Unternehmen noch ein Staatsunternehmen, sondern eine Mischung mit jeweils dem schlechtesten beider Welten. In dem Vortrag – den ich hier gerafft wiedergebe, er wurde auch mehrmals mit kleinere Variationen wiederholt, und er ist ja nicht ganz falsch – kamen viele schwierige Wörter vor, und ich war mir auch nicht sicher, ob Sohni schon eine präzisere Idee von „Börse“ hatte; oder ob jetzt ein "Mehdorn" für immer als eine Art besonderer Dämon in seinem Kindergedächtnis wohnen sollte, der blühende Unternehmen zerstört. Aber dass Eltern über die Köpfe ihrer Kinder hinweg reden, ist nun nicht direkt neu, immerhin redete er überhaupt mit seinem Sohn – und zum restlichen Abteil, das zum Mithören verurteilt war, – und er gab auch insgesamt ziemlich wörtlich die medial abgesegnete Erklärung wieder für die Katastrophe, die seit einiger Zeit über Deutschlands Gleisanlagen und Bahnhöfe hereingebrochen ist (das Ganze ist allerdings doch ein wenig komplizierter). Nein, was ich besonders lustig fand, war, dass ihm dann immer wieder auffiel, dass er etwas gesagt haben könnte, was Sohni irgendwie – nun, nicht etwa nicht hätte verstehen können, sondern, viel schlimmer: hätte politisch falsch auffassen können! Deshalb schloss er jeweils nach Abschluss der Mehdorn-Tirade und einer kleinen, nicht unsympathischen Denkpause in deutlich gemäßigterem Ton einige Sätze darüber an, dass er durchaus der Ansicht sei, dass die Öffentliche Hand die Aufgaben der Daseinsvorsorge wie den Öffentlichen Nahverkehr bezahlen sollte, und zwar ordentlich; nein, das gehöre geradezu zu ihren Kernaufgaben. Auch das nicht falsch, im Gegenteil, aber woher sollte das arme Kind eigentlich wissen, was eine „Öffentliche Hand“ ist? Vor meinem inneren Auge sah ich eine gespenstische Hand, wie sie immer tiefer und tiefer in einen Säckel greift, ganz öffentlich, und alle schauen zu, und dann flugs! fahren die Busse und Züge wieder pünktlich und sauber und mit einem netten Vibe, ganz wie in Österreich! Also jedenfalls dann, wenn man auch – das war das zweite Credo, was an dieser Stelle mehrfach, ich bin geneigt eine Plattitüde zu benutzen: gebetsmühlenartig wiederholt wurde: endlich kompetente Leute einstellen würde! Nun ist der Wunderglaube an „kompetente Leute“ zwar genau das, was Mehdorn und Konsorten hervorgebracht hat, aber wie auch immer – was würde das Kind nun von dieser Lektion mitnehmen?

Diese Frage beschäftigte mich, während wir in Bad Vilbel stehen blieben, weil ein anderer Zug überholen sollte; offensichtlich war es der Zug, in dem Vater und Sohn eigentlich hätten sitzen sollen, aber jemand in Frankfurt hatte ihnen wohl unsinnigerweise geraten, die S-Bahn zu nehmen. Das verbesserte Vaters Laune nicht direkt, Sohni aber hatte inzwischen Spaß daran gefunden, zu rülpsen (hatte der Früchtetee aus dunklen Gründen Kohlen-säure?). Vater verbot ihm zu rülpsen und wies anschließend da-rauf hin, dass er soeben ganz leise gerülpst habe, das gehe doch; Sohni rülpste laut, um zu zeigen, dass es auch anders gehe, und Vater bat recht herzlich darum, jetzt nicht alle Rülpsvarianten vorzuführen, er sagte es aber so, dass das Wort „rülpsen“ gefühlt zehnmal im Satz vorkam, weil es nämlich großen Spaß macht das Wort „rülpsen“ zu sagen. Sohni rülpste ganz leise und schlug dann vor, Karten zu spielen. Sie spielten eine Art Auto-Quartett, das haben wir damals beim Bahn- oder Autofahren auch häufig gemacht; aber Vater musste aus lauter schlechter Laune gnadenlos gewinnen, was nicht so schwer war, weil Sohni wohl noch nicht recht verstanden hatte, wann ein Auto eher schwer ist oder her schnell oder viel Hubraum hat, sondern eher willkürlich etwas erbärmliche Zahlen nannte und immer verlor. Aber dafür hatte er ja gelernt, dass es eine Öffentliche Hand gab, und eine Börse, an die man „gehen“ konnte, und dass die Österreichische Bundesbahn einfach besser ist als die Deutsche Bahn; vielleicht würde man ja demnächst mal eine Art Bahn-Weltmeisterschaft machen, und dann würden die Österreicher aber gewinnen!

Der zweite Teil der Geschichte ist ganz kurz. Es war in Stuttgart, ich musste umsteigen, auf dem überfüllten und sowieso chronisch baustellengeschädigten Hauptbahnhof war ein Wolkenbruch niedergegangen, überall standen tiefe Pfützen, und die Leute drängten sich noch mehr als in Frankfurt vor dem Regionalexpress nach Tübingen, der mal wieder eher als Viertel- denn als Vollzug einfuhr. Ich ging schnurstracks in die – ebenso sparsam bemessene – Erste Klasse, der ganze Zug war aus dunklen Gründen auf Kühltruhe eingestellt, und holte meinen Pullover raus. Erst blieb ich allein, dann kam eine Durchsage einer freundlichen Zugbegleiterin, die angesichts der außergewöhnlich hohen Zahl von Passagieren die Erste Klasse für alle freigab. Natürlich kamen nur die durch, die sowieso schon ganz vorn standen, und das war nun eine Hartz-IV-Familie wie aus dem Bilderbuch; zwei Genera-tionen, es war nicht genau klar, welche der kleineren Kinder zu welchen Vätern oder Müttern gehörten; aber das Zentrum waren Mutter und Tochter, beide ziemlich jung, schwarz gekleidet, durchnässt und ausgiebig tätowiert. Die Kinder benahmen sich eigentlich fast ordentlich dafür, wie elend das Wetter war und dass sie wahrscheinlich einen anstrengenden Shopping-Tag hinter sich hatten; aber die Unterhaltung war doch etwas befremdlich darauf ausgerichtet, wie man die zukünftige Wohnsituation am besten darauf einrichten sollte, um möglichst viel Geld vom Staat zu bekommen. Zum Glück habe ich ja keine Vorurteile, sonst hätte ich aus ihnen womöglich mal wieder Urteile machen können. Und immerhin musste ich mir hier keine väterlichen Vorträge über das unternehmerische Versagen der Deutschen Bahn anhören. Ein kleines Rülpskonzert zwischendurch wäre aber eigentlich ganz lustig gewesen.

ODE AN DIE ROLLTREPPE

Seit ungefähr einem Jahr ist die Rolltreppe an Gleis 2 im Freiburger Hauptbahnhof kaputt. Das klingt nun wie ein völlig belangloses Detail, oder die Einleitung zu einer Jammertirade über den beklagenswerten Infrastruktur-Zustand der reichen Republik. Aber ich finde es wirklich, wirklich blöd, dass die Rolltreppe an Gleis 2 kaputt ist. Neulich habe ich an einer der sich virusartig in Bahnhöfen ausbreitenden Infoscreens mit Pseudo-Informationen gelesen, dass es – nun, ich glaube es waren um die 35.000 Rolltreppen in der Republik gibt, und ich habe spontan gedacht: Wie uninteressant, von mildem Interesse wäre es allenfalls, wie viele von ihnen kaputt sind, und von unvergleichlich größerem, warum die in Freiburg an Gleis 2 nicht endlich repariert wird!

Nun mag die kaputte Rolltreppe an Gleis 2 im Freiburger Hauptbahnhof (der im Übrigen lieblich auf den Schwarzwald schauen lässt und schon ein wenig in die Schweiz hinein und nach Frankreich hinüber winkt) tatsächlich ein Symptom für ein tieferliegendes technisches oder monetäres Problem sein, das will ich gar nicht verleugnen. Meine persönliche Trauer hängt aber damit zusammen, dass ich so schrecklich gern Rolltreppe fahre. Schon als Kind bin ich schrecklich gern Rolltreppe gefahren, ich habe mich zwar davor gefürchtet (ja, ich war eine Memme. Ja, ich bin immer noch eine Memme, aber zum Glück nur in wirklich unwichtigen Dingen!), man musste ja die richtige Stufe erwischen beim Draufsteigen und dann, viel schwieriger noch, rechtzeitig einen großen Schritt machen, um heil wieder auf festen, sicheren Boden zu kommen – und einmal habe ich, in meiner großen, großen Ängstlichkeit, mich an dem Mantel meiner Mama festgeklammert auf der Treppe, und als ich oben heil gelandet war, stellte es sich heraus, dass es gar nicht meine Mama war, aber das ist eine völlig andere und unkorrelierte Geschichte – jedenfalls: Rolltreppe fahren ist einfach wunderbar! Aufzüge, ach, Aufzüge sind total blöd, enge, abgeschlossene Kästen, keine Luft bekommt man, sie ruckeln beim Anfahren, nichts sieht man, außer es sind Glaskabinen, dann sieht man zu viel und bekommt Angst – nein, Aufzüge mögen eine praktische Notwendigkeit haben, aber keinen Lustgewinn. Rolltreppen hingegen – das sanfte Dahingetragenwerden, leise und langsam gleitet die Welt vorbei, wie auf Kufen (vor allem bei waagerechten Rolltreppen in Flughäfen, die wahre fliegende Teppiche sind), und man fühlt sich so getragen, so verwöhnt, so milde befördert, es ist eine wahre Lust. Und dann ist sie schon wieder vorbei. Genau so muss das sein.

Und so konnte man früher in Freiburg aus einem ICE fallen, der mäßig bequeme Sitzplätze hat und manchmal sogar eine halbwegs erträgliche Raumtemperatur, aber man ist so froh, endlich wieder aus einem dieser Käfige zu sein, die unser modernes Leben bestimmen, und frische Luft zu atmen, und es war so ein erhebendes Gefühl, sich dann nicht mühsam mit Gepäck beladen eine Treppe hinaufquälen zu müssen, sondern – ein kleiner Schritt, und die Rolltreppe nahm einen auf und surrte sanft, und oben blickte man auf den leicht im Nebel versinkenden Schwarzwald hinter der Stadt. Seit einem Jahr aber nicht mehr, mühsam muss man Stufe um Stufe ersteigen, während die Rolltreppe neben einem geradezu jungfräulich unbewegt daliegt, als sei sie nur ein Versprechen, das niemals eingelöst werden wird. Vielleicht ist das doch eine Metapher für unsere Zeit? Wenn ich das nächste Mal Rolltreppe fahre, werde ich darüber nachdenken. Im Aufzug reicht es höchstens für einen kargen Aphorismus (Das Leben ist wie ein Aufzug. Zuviel Zwischenhalte und immer wieder bleibt man stecken).

PAUSENLOS

Erst dachte ich mir nichts dabei. Vor mir in der etwas länglichen Schlange bei Coffee Friends stand ein Mann, ziemlich robuster Typ, groß und breitschultrig, nicht direkt die geschniegelte Business-Variante, eher ehemaliger Boxer und nun Promoter, und er sprach in sein Handy (also, nicht in sein Handy, sondern ins Nichts vor seinem Mund, was ich immer noch, nach all den Jahren, verwirrend finde, dass man einfach vor sich hinblabbernd über die Straße läuft, vorzugsweise aber durch Bahnhöfe, und Selbstgespräche führt). Nach einer Minute fiel mir auf, dass er relativ laut und sehr schnell sprach, auch ohne jedes Zögern oder »Äh« und »Mmh«; es war, als würde er einen inneren Monolog ablesen, der vorformuliert in seiner Kehle lag und sich nun in einer nicht enden wollenden Schlange aus seinem Mund hinaus abwickelte. Nach zwei Minuten fiel mir auf, dass der Monolog keinerlei Pausen hatte; er sprach und sprach, immer im gleichen, äußerst selbstgewissen, geradezu geglätteten Tonfall, der über-haupt keinen Raum ließ für eine Pause oder einen winzigen Einspruch; die Worte plätscherten ganz dicht hinaus, eines am anderen, und manchmal ließ eines aufhorchen, KI kam vor – bitte? dieser Typ sprach über KI? –, dann seltsame Zahlen, die jemand investieren sollten, es waren, ich schwankte ein wenig angesichts der Größenordnung gegen das Kuchenbufett, in dem sehr still und verlockend kleine wohlgeformte Törtchen saßen und warteten, neben wohlgerundeten Cookies und fettig-gekrümmten Croissants, aber alle ganz still und in sich gekehrt – also es waren Milliarden. Keine Ahnung, um was es ging. Die Kaffeeschlange bewegte sich nur langsam, und der Wortausbruch nahm kein Ende. Ich hatte genug Zeit zum Nachdenken. Erst dachte ich, bösartige Krypto-Feministin, die ich bin: Das machen echt nur Männer. Empathiegeschädigt, konstitutionell; die einfache Überlegung, dass die ganze Welt im Pseudo-Geplapper versinken würde, wenn jeder seine Umgebung derart ungefiltert und lautstark verpestete, geht einfach völlig über ihren Horizont, der genau so weit reicht wie ein gewisser Körperteil – aber an dieser Stelle rief ich mich, mildherzige Überzeugungs-Aufklärerin, die ich auch bin, zur Ordnung: Bleiben wir mal sachlich. Entweder also, dachte ich, sagt er etwas Wichtiges, immerhin benutzt er große Wörter und Zahlen, und sie fallen gar nicht auf im Strom; aber dann, so dachte ich, wie sollte denn der arme Gesprächspartner damit umgehen, wenn lauter wichtige Dinge so ungebremst und ungefiltert auf ihn einströmten, kein einziges »Äh« oder »Mmh«, nicht einmal ein: »Verstehst du?« Oder gar: »Meinst du nicht auch?« Nein, es war gar nicht vorstellbar, dass am anderen Ende der viel zu geduldigen Leitung ein armer Mensch saß (eine Frau gar?) und diese Informationsmasse verarbeiten konnte. Oder, dachte ich weiter, er plappert einfach nur Blödsinn, nicht gedacht, ungefiltert, einen endlosen Plattitüdenstrom, der sich nur um sich selbst drehte und gelegentlich kleine eddies bildet, vielleicht aber auch am Ende einen riesigen Mahlstrom, in dem der Redende selbst samt all dem abgesonderten bullshit – aber jetzt war er immerhin an der Reihe zu bestellen, und ich war schon ganz gespannt. Er holte er einen Moment Luft – und ich dachte, jetzt bestellt er bestimmt irgendetwas ganz Tolles, nicht einen kleinen Cappuccino wie all wir Normal-Kaffeetrinker hier, vielleicht mit einem Croissant dazu, wenn es hoch kam, und natürlich hatte ich recht, klischeehörig und vorurteilsbeladen wie ich bin: Es wurde ein Karamell-Latte mit irgendwas, ein kleines Kunstwerk, das die arme Barista beinahe zwei Minuten kostete, aber während er nun wieder ungebremst sich in seinen Redestrom stürzte, malte sie Schoko-Kringel auf das süße Kunstwerk, das war schön anzusehen, geradezu besinnlich. Dann wanderte der Redestrom auf seinen zwei robusten Beinen samt Karamell-Latte zu seinen Koffern am anderen Ende des Coffee-Shops, und nun hörte man es ein wenig aus der Ferne weiter strömen, in völlig ungebremstem Tempo und mit der gleichen Intonationsin-tensität. Als er endlich sein Zeug zusammenpackte und ging (das Tablett aber natürlich auf dem Tisch stehen ließ), immer noch sprechend, hatte ich eine Vision: Urplötzlich würde ein gerechter und strafender Gottes (es täte auch einer der unteren in der Götterhierarchie, eigentlich wäre mir das sogar lieber gewesen) einen Blitzschlag auf ihn abfeuern; und er würde, endlich, verstummen und dann, ganz langsam, zerbröseln. Aus seinem plötzlich still-stehenden Mund würde nur noch Staub herauskommen, und dann würde der Staub sein Gesicht überziehen und von da aus dann nach unten wandern, und am Ende würde ein einsames Häuflein Asche auf dem recht sauberen Bahnhofsboden in Karlsruhe liegen, ein dunkelhäutiger Arbeiter würde in seiner orangen Leuchtweste auftauchen und die Asche sehr langsam auffegen, und er würde ein Liedchen dabei pfeifen, vielleicht: ›Wenn ich einmal reich wär‹? Aber die Welt ist nicht gerecht, und wenn sie es jemals war, hat irgendjemand so lange dahergeplappert, bis es alle vergessen hatten und eigentlich nur noch einen kleinen Cappuccino wollten und himmlische Ruhe (bis auf ein gelegentlich knisterndes Croissant).

TALKING TO A STRANGER

Es ist eine dieser Situation, die man in unregelmäßigen Abständen erlebt und die schon kurz danach die seltsam diaphane Struktur eines Traumes bekommen: Man hat, ganz zufällig, irgendwo einen fremden Menschen getroffen. Man ist ein Gespräch geraten, kaum weiß man wie, und plötzlich schüttet einem dieser fremde Mensch sein Herz aus. Das ist gar nicht so sentimental gemeint, wie es sich anhört; die Geschichte selbst wird oft, obwohl sie von Tränen und Schluchzen begleitet sein kann, beinahe sachlich wiedergegeben. Es ist, als ob das fremde Gegenüber den Erzählenden auf einmal gerecht werden lässt, weil er ja nicht Position beziehen muss, Stellung nehmen, Partei ergreifen, sich verteidigen, wie vor einem vertrauten Menschen: Einer ist dem Fremden wie die andere, wer wen verlassen oder verraten hat, und vor allem: wer schuld war, kann ihm egal sein – und endlich, endlich, kann man die Geschichte einmal so erzählen, wie sie vielleicht gewesen ist vor der inneren Zensur und der Notwendigkeit zur Selbstverteidigung; so roh, wie man sie erlebt hat und nicht verstanden hat, vielleicht niemals verstehen wird. Und es ist auch gar nicht nötig, dass das fremde Gegenüber irgendetwas sagt, um Gottes willen, es reicht wirklich ein gelegentliches Nicken oder ein behutsames: »ach, das ist aber wirklich schlimm!« Der Redestrom ist sowieso nicht aufzuhalten, wichtig ist nur, dass man ihn nicht unterbricht, eindämmt, lenken, trös-ten will, raten will. Man lässt ihn einfach laufen bis zu seinem bitteren Ende, wenn keine Tränen mehr kommen und der Erzählende verschnieft das angebotene Taschentuch nehmen kann, sich räuspern und sagen: »Danke, entschuldigen Sie, ach, wir sind ja schon da, ich steige dann jetzt aus!« Und man verabschiedet sich kaum, man wird sich nie wiedersehen, aber es ist ein seltsames Band entstanden; es war ganz egal, wer man war, man war ein Mit-Mensch und hatte die Geduld zuzuhören und die Dezenz nicht mitzufühlen und den Takt nicht nachzufragen. Vielleicht war es einfach das, was ein guter Beichtvater früher tat, tun sollte jedenfalls, oder was die moderne Psychotherapie von den Beichtvätern übernommen hat – aber dann doch nicht ganz, denn das Gespräch endet weder mit Bußübungen noch mit Lebenshilferatschlägen. Es endet so abrupt, wie es begonnen hat, zwei Fremde gehen auseinander, einer hat sein Herz ausgeschüttet, und der andere hat es aufgefangen, ein williges Behältnis, mehr nicht. Und später, wenn man die Geschichte längst vergessen hat – man vergisst sie eigentlich sofort wieder, sie ist immer die gleiche und doch immer anders –, erinnert man sich nur noch an das eigentümlich surreale Gefühl eines geliehenen Vertrauens zwischen völlig Fremden; vielleicht noch an den Ort, an einen Geruch, an das Taschentuch, das verschämt den Besitzer wechselte. Wirklich reden, die Wahrheit sagen, kann man nur mit Fremden.

WIR SEHEN UNS BEIM FUSSBALL!

Ganz anders und doch ein wenig ähnlich war es heute Morgen im ICE. Im Speisewagen rotierte ein sehr zuvorkommender Kellner, der sich immer mit »bis gleich« verabschiedete und tatsächlich auch gleich wieder mit dem bestellten Cappuccino dastand und dann gleich wieder mit dem dazu georderten Croissant, er hatte es sogar in Rekordzeit warm gemacht. Am Nebentisch saßen schräg einander gegenüber zwei junge Männer, Anfang 30, smarte Typen, jeder so schlank wie das Notebook auf dem Tisch vor ihm, und sie gerieten irgendwie in ein Gespräch. Es begann ganz unverbindlich damit, dass der eine fragte, wohin der andere dann fahre, und man fand heraus, dass beide in Frankfurt wohnten, aber hier und dort und in Zürich und in Freiburg arbeiteten. Denn eigentlich waren sie beide völlig weltläufig und kamen sehr schnell auf das Thema, wie man am besten sein Geld für sich arbeiten ließe, am Aktienmarkt sowieso, aber nicht in altertümlichen Fonds, sondern in den neuesten Finanzprodukten, die Namen habe ich vergessen, ich war noch ein wenig verblüfft, wie schnell man von einer Standardfrage über das Reiseziel zu Feinheiten der modernen Finanzwelten und ihren ausgetüftelteren Spekulationsobjekten kommen konnte; oh ja, über Geld spricht man offensichtlich in bestimmten Kreisen! Das Gespräch profitierte im Folgenden sehr davon, dass man sich überhaupt in den meisten Dingen einig war, sogar was Frauen anging oder Autos. Man duzte sich inzwischen, der Schwarzwald zog draußen vorbei, reine Spätherbst-Idylle, gelegentlich pickten Störche auf den Feldern. Der eine kam sogar aus dem Schwarzwald, aber natürlich konnte man dorthin nicht zurück, wenn man einmal in Frankfurt lebte und die Welt kannte. Und man geriet, der Cappuccino war kaum angetrunken und die Finanzmärkte durchbewertet, schon auf noch tiefere Lebensfragen: wie man sich sein Leben so einrichte, dass man flexibel bleibe, schließlich könne man ja heute nicht sagen, worauf man in fünf Jahren so Lust habe – was ja alles völlig richtig war, nur etwas atemberaubend beim Zuhören. Der Kellner schwebte vorbei, nahm den krümeligen Croissant-Teller mit, erkundigte sich besorgt, ob man noch etwas brauchte, und sagte nett »bis gleich«. Gleich war aber schon fast in Freiburg, und während ich noch verstohlen überlegte, wie dieses Traumpaar es nun anstellen würden in Kontakt zu bleiben, hörte ich den einen sagen, während er seinen schlanken Koffer hervor-holte: Wir bleiben dann in Kontakt über Whatsapp, und, Fußballgucken, gell? Offensichtlich hatte man noch ein gemeinsames Interesse entdeckt, und zum gemeinsamen Fußballgucken ist niemand zu hip, noch nicht mal junge Börsianer-cum akademischer-Seitenlaufbahn. Ich hätte gern »bis gleich« zu dem Kellner gesagt, aber er war schon wieder unterwegs, abräumen. Wahrscheinlich hatte er auch kein Aktien-Portfolio und lebte nicht in Frankfurt-City in einem Loft, sondern – anderswo, es gibt ja viele Orte, an denen man nicht leben möchte, aber aus irgendeinem Grund muss, und ich möchte jetzt nicht Wanne-Eickel sagen. Aber bestimmt schaut er auch Fußball.

NATÜRLICH IST HEUTE GAR NICHTS MEHR

Der alte Mann steigt am Nachmittag in Gotha ein. Sein schütteres graues Haar ist zu lang und er wirkt unsicher beim Gehen durch den Speisewagen. Als er sich an einen Fensterplatz setzt, scheint es, als habe er sich verirrt oder könne nicht mehr weiter. Die kleine Kellnerin, die heute allein den ICE bewirtschaften muss, kommt erst spät. Ob es die Sauerkrautsuppe noch gebe, will er wissen; sie sagt in ihrem freundlichen ostdeutschen Ton-fall: ja, natürlich. Natürlich, so antwortet er darauf, spontan, aber ohne jede Eile, sei heute gar nichts mehr. Draußen zieht die thüringische Hochebene vorbei, im Spätherbst noch ein wenig trister als sonst. Einzelne Windräder überragen die Dörfer, höher als die alten Dorfkirchen. Einen Tisch weiter diktiert ein anderer, nicht ganz so alter Herr seiner Sekretärin übers Handy ein An-schreiben: »der guten Ordnung halber teilen wir mit, dass die Türen, wie vereinbart, am nächsten Freitag ausgetauscht werden, mit freundlichen Grüßen undsoweiter, Sie wissen schon«. Der Zug ist zehn Minuten zu spät, wie immer. Die Sonne geht unter. Natürlich ist heute gar nichts mehr.

BEDEUTUNGSSCHWERE

Man hört es schon am Tonfall. Er ist immer gleichzeitig ein wenig weichgespült und bedeutungsschwer-tremulierend, er beschaut sich selbst die ganze Zeit beim Reden in einem unsichtbaren Spiegel, der ihm zuflüstert: Oh, wie schön ich reden kann, am liebsten hörte ich mir selbst den ganzen Tag zu, wie ich bedeutungsschwere und tiefsinnige und immer ganz richtige und total super einfühlsame Sachen sage! Es ist eine Form von Feelgood-Bullshit, die man sogar relativ genau beschreiben kann. Jedes einzelne Wort hat einen Index in diesen Gesprächen, der mitgesprochen werden muss: Es ist entweder sentimental-affirmativ oder hypermoralisch-kritisch aufgeladen, und es gibt wenig dazwischen. Jeder einzelne Mensch, der erwähnt wird, wird sorgfältig ins Freund-Feind-Schema eingepasst: ein guter Typ, sie ist echt in Ordnung, ich finde sie/ihn/es ja so spannend! Aber total unmöglich, der Typ. Ich meine, ich habe ja Verständnis, sowieso, für alles, ich urteile ja nicht, aber der/die/das – nee. Geht gar nicht. Die erzählten Geschichten tendieren immer zur Tragik: Ein guter Mensch ist an bösen Menschen, der bösen Gesellschaft, einem ultrabösen Schicksal gescheitert, das besonders die guten und unschuldigen Menschen verfolgt und heimsucht. Es geht viel um Krankheiten, Psychokrisen, Verirrungen in der Liebe; manchmal sogar um Geld. Häufig zehren die Geschichten vom fortgesetzten Hörensagen: Also, ein Freund von mir, du weißt schon, der kennt diese Frau, die jetzt Coaching macht, ja, auch Yoga, so eine Art Coaching-Guru, und die war mit einem zusammen, von dem hat sie sich aber schon lange getrennt, hab ich gehört jedenfalls, aber erzähl es nicht weiter --- Was hingegen nie vorkommt im Feelgood-Bullshit (das teilt es mit dem neuen deutschen Pop seit Nena): Humor; Humor, wenn nicht gar Ironie (allerdings läuft Häme mit unter), erforderte irgendeine Art von Distanz zu sich selbst und ist deshalb völlig ausgeschlossen, wenn man wie fixiert auf den eigenen Bauchnabel starrt, um den sich die ganze Welt dreht. Die Welt ist offensichtlich bevölkert mit dicht vernetzten therapiebedürftigen Mitleidsgestalten und Vollzeit dienstbereiten Therapeuten, und immer sitzen sie im Zug hinter einem. Und leider, leider kann man nicht einfach nicht zuhören. Denn selbst ein wohltrainiertes Gehirn reagiert instinktiv auf den Betroffenheitstonfall, mit dem ja auch ein ernstes Problem signalisiert werden könnte; man kann den Instinkt nicht einfach abschalten, ohne ein wenig mehr zum Unmenschen zu werden.

DAS GULASCH IST WIRKLICH VORZÜGLICH DIESMAL

Ganz anders war es auf der Hinfahrt gewesen. Im Speisesaal am Nebentisch saß dieser Junge, vielleicht war er zwölf oder dreizehn Jahre alt, und er unterhielt sich mit einer Frau mittleren Alters, zu der er offensichtlich nicht gehörte. Er betrieb vielmehr Konversation, das konnte man deutlich sehen, und er machte das geradezu souverän. Er erzählte, dass er zu seinem Vater fahre, nach Wien, und er erwarte sich viel von diesem Besuch; er stelle es sich schön vor dort in Wien. Dann tauchte seine Mutter auf, sie hatte wohl telefoniert, und sie bekamen ein Essen serviert. Der Junge lobt es, sehr wohlwollend: Besonders das Fleisch sei außerordentlich wohlgeraten, besonders das Fleisch; es sei auf jeden Fall viel besser als früher, da habe man ja überhaupt nicht im Speisewagen essen können (man fragte sich unwillkürlich, wann genau ›früher‹ gewesen sein sollte, direkt nach der Einschulung?), ja er würde geradezu sagen, es sei vorzüglich. Er sagte das alles gar nicht altklug oder prahlerisch, das war das Besondere daran; zwar sprach er offensichtlich gern und war die Konversation mit Erwachsenen gewöhnt, aber es hatte etwas Verzweifeltes, was man anfangs eher spürte als verstand. Ich weiß auch nicht mehr genau, wie es geschah, aber man kann darauf zu sprechen am Nachbartisch, dass vor einiger Zeit ein Freund von ihm – nein, ein Bekannter, korrigierte er sich nach einer kurzen Pause – gestorben sei. Die andere Dame schwieg einen Moment pietätvoll, wagte dann aber doch zu fragen, was denn passiert sei? (und man hörte mit: er muss doch jung gewesen sein, ein Kind wie du, wie konnte das passieren?) Er kaute einen Moment länger an seinem Gulaschstück herum, und dann sagte er, sehr sachlich: »Man denkt wohl, dass es ein Suizid war«. Alle, die zufällig zuhörten, also ich auf jeden Fall, verschluckten sich an ihrem Kaffee. Die Mutter kam zur Hilfe, nachdem das Thema nun einmal auf dem Tisch war, gleich neben dem vorzüglichen Gulasch, und berichtete von der Krebserkrankung des Freundes, nein: Bekannten, und seinem längeren Leiden und der Hoffnung auf Besserung und der kurzen Erholung und der Vergeblichkeit. Der Junge kaute weiter an seinem Gulasch und machte kleine sachliche Bemerkungen, dann kam man zum Glück wieder auf Wien zurück und auf die Frage, was man dort machen wollte. Er lobte das Gulasch, als der Kellner den Teller abräumte und beklagte, es seien vielleicht zu wenig Nudeln gewesen. Und aus irgendeinem Grund nahm ihn niemand in den Arm, und man dachte, welch hoher Preis für so viel Sachlichkeit und Vernunft, und hoffentlich findest du in Wien alles, was du dir versprichst. Aber es besteht eine gewisse Gefahr, dass du weiterhin mit Erwachsenen Konversation machen musst, aus schierer Verzweiflung, weil sonst überhaupt niemand hinhört oder gar versteht, und es ist wenigstens ein kleiner Trost, dass du das so gut kannst.

MANCHE LEUTE MÖGEN HALT KEINE KINDER

Der kleine Junge im Regionalexpress will nicht stillsitzen. Er turnt auf seinem Sitz herum, guckt über die Rückenlehne und schmettert den dort Sitzenden ein lautes »Hallo« ins Gesicht. Keine Reaktion. Die Mutter sagt, nicht gerade leise: »Manche Leute mögen halt keine Kinder«. Zwei Minuten später – der Junge will immer noch nicht stillsitzen und turnt auf ihr herum – schnauzt sie ihn an: »Sei endlich still und lass mich in Ruhe!« Er wird still und holt seinen Gameboy heraus. Manche Leute mögen halt keine Kinder. Vor allem die eigenen.

LETZTENS SAH ICH EINEN FISCHREIHER

Das Kind, es war ein Junge von ungefähr sieben oder acht Jahren, sagte »Wie bitte?« Kurz zuvor hatte es schon einen Satz gesagt, der mich aufhorchen ließ, nämlich: »Letztens habe ich einen Fischreiher gesehen«. Seine Mutter ermahnte ihn, nicht so laut zu sprechen, es war aber gar nicht besonders laut gewesen, sondern eben der etwas aufgeregte Tonfall eines sieben- oder achtjährigen Jungen, der immerhin weiß, was ein Fischreiher ist und wie er aussieht und dass es ihn tatsächlich gibt (na gut, er meinte einen Graureiher, aber das lernte ich selbst erst später!). Sonst sagte die Mutter nichts zu dem Fischreiher. Sie sagte auch nichts, als der Junge später, weil er durchaus interessiert zum Zugfenster hinausschaute, sechs Störche sah, einen ganzen Schwarm, oder waren es sogar sieben gewesen? Nicht so laut, mahnte sie wieder. Dass die Mutter reden konnte, und durchaus schnell und viel und nicht besonders leise, zeigte sich, als sie wenig später telefonierte, die Geschichte war im etwas aufgeregten Tonfall einer zu jungen Mutter vorgetragen, die irgendwie nicht Recht bekommen hatte, und sie war ziemlich lang. Danach verfiel sie wieder in tiefes Schweigen und schaute auf ihr Handy, sie schaute sozusagen laut auf ihr Handy, wenn man das sagen kann. Draußen hätten Löwen vorbeiziehen können oder Giraffen, und ihr offensichtlich neugieriger und, wer weiß von wem, wohlerzogener Sohn wäre vor Begeisterung übergelaufen, aber sie hätte ihn wahrscheinlich nur ermahnt, nicht so laut zu sein.

Und ich weiß, dass ich diese Geschichte schon mehrmals erzählt habe, aber sie passiert immer weiter, und es ist ein Wunder, dass Kinder überhaupt noch sprechen lernen, da ihre Eltern offenbar niemals mit ihnen sprechen. Sie haben ja schon alles, was sie zu sagen haben, ihrem Handy gesagt.

BITTE ALLES AUSSTEIGEN!

So schallte es schon aus den Lautsprechern der Deutsche Bahn AG, als sie noch einfach Deutsche Bundesbahn hieß und keiner an Börsengänge dachte, als man die Fenster in den Abteilen noch öffnen konnte und die dunkelgrünen abgewetzten Ledersitze heimelig nach Rauch und Schweißfüßen rochen. Das war eine erstaunlich inklusive Ansage, und man imaginierte kleinere Hau-stiere, vielleicht das eine oder andere Huhn oder sogar ein niedliches Ferkel auf der Fahrt zum Markt (vielleicht erklärte das auch den Geruch). An englischsprachige Durchsagen dachte noch kein Mensch, und dass man sich bei seinen Fahrgästen bedanken sollte, wäre dem guten alten Staatsunternehmen auch nicht in den Sinn gekommen; schließlich brachte man die Leute von A nach B, und das mit heutzutage ebenfalls vergessener Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, sollten sie sich doch bedanken! Heute muss nicht mehr »alles« aussteigen (nur dann und wann macht ein älterer Zugbegleiter noch diese Durchsage, und man wird gleich nostalgisch), aber der gute alte Befehlston ist erhalten geblieben: »Fahrgäste alle aussteigen!« ist der Standardtext im Regionalverkehr, das Ausrufungszeichen spricht die Computerstimme durchaus mit. Ab und zu regt sich dann in einem ein kleiner Widerstandsteufel und sagt: Steig doch mal nicht aus! Sei kein Befehlsempfänger! Zeig dem doofen Automaten, dass du einen freien Willen hast, und bleib sitzen! Schließlich sind wenigstens die Sitze viel bequemer geworden, und manchmal funktioniert die Klimaanlage ja auch im mittleren Bereich zwischen Kühlschrank und Sauna. Aber schon steigt alles um einen herum aus, noch nicht einmal ein vergessener Regenschirm bleibt zurück, nur McDonalds-Verpackungen und Bierdosen und Bananenschalen, und der Geruchs-Mix ist auch nicht viel besser.


PERSONALISIERTES VERBITTERUNGSSYNDROM

Es war der Abend des zweiten WM-Auftritts der deutschen Nationalmannschaft, aber irgendwie lag gar nicht so viel Dramatik in der Luft, wie man es hätte erwarten können angesichts des drohenden Ausscheidens des Sommermärchen-Weltmeisters in der Vorrunde. Im Gegenteil, die aufgekratzten Hen Parties in Tüll-Tütüs mischten sich fröhlich mit den Trägern diverser Nationaltrikots, den üblichen Samstagsshoppern und all dem bunten Volk, das eine S-Bahn-Fahrt im Großraum Stuttgart immer wie-der zu einem multikulturellen Erlebnis macht. Das ältere Ehe-paar stach etwas heraus; sie sahen so aus, als wären sie gerade von einem hochkulturellen Ereignis auf der Rückfahrt, nicht einer schnöden Shopping-Tour durch Milaneo und Co., und sie bildeten einen kleinen Ruhepunkt im aufgekratzten Fahrrad-Abteil. Auffällig war nun, dass auf einmal, es waren einige Sitze in der Umgebung frei geworden, die ältere Dame um einen Klappsitz aufrückte, so dass nun ein freier Sitz zwischen ihr und dem Mann war; natürlich verstand man das gut, es ging ein wenig eng zu auf den Klappsitzen, und man konnte die Beine besser ausstrecken, wenn man rechts und links einen freien Platz hatte. Doch offen-sichtlich trieb der Spalt – eine Art Spalt in die Paarkommunikation, oder machte einen sichtbar, der schon länger dagewesen war; denn der ältere Heer, wirklich sehr distinguiert und gut gekleidet, machte eine etwas resignierte Bemerkung darüber, dass er ja eigentlich zwei wichtige Geschichten zu erzählen habe, aber vielleicht sei es ja doch nicht der rechte Zeitpunkt – und quer durch das Abteil kommunizierte sich zu mir herüber, klar und deutlich: Frag doch endlich, jetzt frag doch endlich! Nun gut, mit einiger Verspätung schien diese unausgesprochene Aufforderung auch die ältere Dame zu erreichen, von der man schon irgendwie geahnt hatte, dass es nicht die Ehefrau war, irgendwas in der Körpersprache war nicht die eines alten Ehepaares, jedes Pferd konnte das merken – sie nahm sich also zusammen, rückte wieder zurück und sagte, ja, wenn er vielleicht etwas stärker zur Seite rücken könnte, und sie ihre Beine – ja, so sei es schon viel besser, und er solle doch bitte erzählen! 

Und der ältere Herr begann seine Geschichte. Es war eine gute Geschichte, und er erzählte sie gut, und ich ertappte mich dabei, dass ich dachte, erzähl doch ein bisschen schneller, ich will den Schluss noch mitkriegen, bevor ich aussteige. Die Geschichte hatte aber einige Umwege, und das erst machte sie zu einer guten Geschichte, denn man sah das Ende gar nicht von weitem schon kommen, sondern sie schlug einige unerwartete Haken. Es begann also damit, dass er, aus welchen Gründen auch immer, ich konnte auch nicht alles verstehen von meinem Lauschposten und über das S-Bahn-Vorspiel-Handy-Gebrabbel hinweg, bei einer Gerichtsverhandlung gewesen war. Verhandelt wurde irgendein tragisches Schicksal, jemand hatte ungerechtfertigterweise einige Jahre im Gefängnis verbringen müssen für etwas, was er nicht getan hatte, aufgrund einer Aussage von einer Frau, die sich als nicht ganz richtig herausgestellt hatte, wie auch immer: Darum ging es gar nicht. Die ältere Frau neben ihm schaute ihn nicht an, während er erzählte, sie schaute hierhin und dorthin, wie jemand halt schaut, wenn man eine Geschichte wirklich nicht interessant findet und hofft, es möge bald vorbeigehen. Ihr Nicht-Ehemann war jetzt gerade bei dem Teil, wo der beauftragte psychiatrische Gutachter auftrat, der nun dem zu Unrecht Verurteilten ein – und das erst ließ mich endgültig aufhorchen, vorher hatte ich auch nur etwas konfus gelauscht – ›personalisiertes Verbitterungssyndrom‹ bescheinigte. Verstehst du, sagte der Mann, das ist eine – Art Krankheit, das hat der Psychiater gesagt, eine ganz natürliche Reaktion eigentlich, man fixiert all das Unrecht, das man erlebt hat, auf diese eine Person, die ganz allein und für immer und in alle Ewigkeit daran schuld ist! Ich fand das span-nend, neue Wörter finde ich sowieso spannend, und wenn sie noch so lang und kompliziert sind, umso mehr!

Personalisiertes Verbitterungssyndrom, ich ließ es mir im Geiste auf der Zunge zergehen; seine Nicht-Ehefrau aber blickte auf den träge dahin-fließenden Neckar, die satt grünenden Esslinger Weinberge vor dem Hengstenberg-Neubau, die Türme des Altbacher Kraftwerks im klaren Abendhimmel; gelegentlich nickte sie etwas mit dem Kopfe, wie ein gutes Pferd. Nun habe er aber, und hier nahm die Geschichte in geradezu eleganter Parallele zur Altbacher Kurve die unerwartete Wende, beschlossen, sich sein Leben nicht von einem personalisierten Verbitterungssyndrom vermiesen zu lassen. Und er sagte, das erst machte die Geschichte gut, das ganz ohne empörtes Ausrufungszeichen, er sagte es ganz sachlich, als würde er gutachterlich vor einem Gericht sprechen; das Gericht schaute aber hierhin und dorthin und auf die Plochinger Vororte in ihrer ganzen bürgerlichen Langweiligkeit. Er sei deshalb weiterhin nicht einverstanden mit dem, was ihm passiert sei (und ich liebte ihn in diesem Moment geradezu dafür, dass er nicht sagte, welch schreckliches Unrecht ihm, ihm ganz allein widerfahren war; denn wer kann dieser Versuchung schon widerstehen, die Geschichte seines Unrechts immer und immer wieder zu erzählen, das Unrecht ist schon lange begraben und vermodert, aber wird erzählerisch einbalsamiert wie eine ägyptische Mumie, für alle Ewigkeit). Aber er habe beschlossen, kein personalisiertes Verbitterungssyndrom zu entwickeln; er wolle nämlich frei sein für sein Leben, sein eigenes Leben, mit – und nun schaute er zu seiner Nicht-Ehefrau hinüber, die jedoch immer noch geistig abwesend schien, mit ihr, natürlich, worauf er immerhin ein schwaches Kopfnicken erntete, – aber in diesem Moment fuhr die S-Bahn endgültig in Plochingen ein, und ich konnte nur noch darüber spekulieren, ob er sich nicht sein ganz persönliches personifiziertes Verbitterungssyndrom schon eingehandelt hatte, es saß nämlich neben ihm in der S-Bahn und hörte nicht zu, wie er ihm sein Leben und seine Liebe erklärte, auf eine rührend sachliche, ziemlich kluge und gar nicht verbitterte Art und Weise.

DAS BÖSE UNTER DER KAPUZE

Es war am Nachmittag nach einem gewöhnlichen Arbeitstag, der Herbst war trüb eingetroffen und die Gesichter in der Regionalbahn schauten – auch trübe irgendwie, ermattet, viele wirkten sogar zu müde, um in ihr Handy zu schauen. Wir fuhren durch das, was früher einmal Mitteldeutschland hieß und heute eine Art mit Windparks übersäte und mit Dörfern verstreut besiedelte große Ebene in der Mitte von Deutschland ist, da, wo früher einmal die Mauer entlanglief. In der Ferne stieg der Harz auf, der beinahe wie ein ordentliches Gebirge wirkte, wir fuhren an einem verwilderten Flusstal entlang, unbegradigt, das mit seinen kleinen Sümpfen und den gelben Weiden beinahe romantisch hätte sein können, es war uns aber nicht nach Romantik, eher nach Alkohol. An einer der viel zu vielen Stationen mit den seltsamen Namen stieg eine Gruppe männlicher Jugendlicher ein, drei waren es. Sie hatten diesen komischen, Lässigkeit und Männlichkeit simulierenden wollenden Gang, der sehr befördert wird durch zerfetzte Jeans, die in den Kniekehlen hängen. Sie heißen, das habe ich soeben recherchiert, weil ich es schon immer mal wissen wollte, Baggy oder auch Saggy Pants; die Mode geht, so belehrt uns Wikipedia, auf die Praxis in amerikanischen Gefängnissen zurück, Inhaftierten die Hosengürtel abzunehmen, da sie sich mit diesen entweder bei Schlägereien gegenseitig verletzen oder in der Zelle aufhängen können. Wie man aus dieser doch ein wenig menschenunwürdigen Behandlungsweise eine Mode machen konnte – nun, dafür muss man wohl ein amerikanischer Gangsta-Rapper sein, also wenigstens innerlich, und keine deutsche sehr in die Jahre gekommene höhere Tochter.

Das lenkt aber nur von der Geschichte ab, die ich eigentlich erzählen will und die ein wenig – Widerstand leistet. Es ist keine schöne Geschichte, es ist keine traurige Geschichte, es ist eine – aber ich rede weiter drumherum. Es ist eine Geschichte. Also, aus irgendeinem Grund blickte ich genauer auf das Trio, das jetzt vor der Toilette herumlümmelte, ich hatte auch keine Lust mehr, auf mein Handy zu schauen und die Romantik vor dem Fenster war wieder durch weite leere Felder mit Windradparks ersetzt worden. Und ich bekam einen kleinen Schock. Bis jetzt kann ich nicht erklären, was genau passiert war, nur vage beschreiben, was ich sah: Das war vor allem der eine Jugendliche, er war offensichtlich der Anführer, um ihn kreisten die beiden anderen in einer deutlich unterwürfigen Körpersprache. Er hatte Krücken bei sich – aber irgendwie verstand man nicht genau, wofür, es sah irgendwie falsch aus, und die Krücken wirkten beinahe wie – Waffen? Dann aber wurde der Blick nach oben gezogen, dort, wo sich unter dem genre-typischen Hoodie ein Gesicht befinden sollte, wie abgeschirmt auch immer – aber es war irgendwie kein richtiges Gesicht, es hatte wohl alles, was da sein sollte, aber irgendwie falsch und verzerrt; es wirkte eher wie eine tiefe Höhle, in die man dunkel gezogen wurde und dahinter – Nein, ich verstand es nicht. Ich versuchte noch einmal zu schauen, aber es war immer noch genauso falsch und bedrohlich und schockierend, und ich weiß nicht, ob mir an dieser Stelle der ziemlich plakative, aber leider vollständig so empfundene Satz durch den Kopf schoss: So sieht das Böse also aus! Ich guckte weg. Ich guckte aus Verzweiflung auf mein Handy und auf die Windparks, auf die müden Mitreisenden, die noch nichts gemerkt hatten von der Gefahr – oder hatten sie doch? War es nicht merklich stiller geworden, oder hatte ich mir das nur eingebildet? Das Trio begann durch den Zug zu streifen, das hatte ich erwartet, und ich war erleichtert, dass ich die Höhle unter dem Hoodie nicht mehr sehen musste, die Krücken nicht mehr, die sinnlos daneben schlenkerten, als würden sie sich über das echte Leid der Welt nur lustig machen, die ganze, seltsam schiefe Gestalt in den schlackernden Hosen und mit dem schlürfenden Gang.

Dann passierte etwas, und bis jetzt weiß ich nicht, wie das alles zusammenhing. Der Zug machte nämlich, mitten auf der Strecke, einen lauten Schlag; es hörte sich an, als hätten wir etwas überfahren, ich hatte einmal in einer Regionalbahn gesessen, die eine Kuh überfahren hatte, das war ganz ähnlich gewesen. Alle guckten befremdet auf, aber der Zug fuhr weiter. Wird schon nichts gewesen sein! Dachte ich auch, und war eher froh, dass es nicht eine der vielen anderen möglichen Krisenszenarios im Zuginneren war, die ich mir in meinem verwirrten Kopf schon ausgedacht hatte. Das Trio war weiter hinten geblieben, kam dann irgendwann wieder vor und lagerte sich wieder vor der Toilette ab. Ich musste eigentlich aufs Klo, traute mich aber nicht hinzugehen. Zwischendurch versuchte ich mehrere Male einen genaueren Blick unter das Hoodie zu werfen, weil ich mir dumm und hysterisch vorkam, aber es war immer das Gleiche: ein schiefer Ausdruck von Falschheit und Verkehrtheit, über den ich nicht hinwegkam, mit allem Verstand und aller Reflexion nicht.

Dann blieb die Regionalbahn an einem Vorortbahnhof von Halle, unserem Zielbahnhof, stehen, und erfahrene Bahnfahrer wissen, dass das kein gutes Zeichen ist; wir waren bisher auch bedenklich pünktlich gewesen. Nach einigen Minuten kam der Zugführer, öffnete sich eine der Türen und ging draußen an dem Zug entlang. Hatten wir vielleicht doch – etwas überfahren, weiter wollte ich auch nicht denken? Aber der Zugführer kehrte zurück, und nichts passierte. Nach einigen weiteren Minuten kam eine Durchsage, wegen einer Weichenstörung hätten wir keine Ein-fahrt in den Hauptbahnhof, die Weiterfahrt würde sich deshalb etwas verzögern. Nach gar nicht so langer Zeit ging es tatsächlich weiter, wir fuhren mit der üblichen Verspätung in Halle ein, und der Anschluss war natürlich weg. In dem Ärger darüber hatte ich das Trio schon ganz vergessen, aber dann sah ich die gut ausgerüsteten Polizisten am Bahnhof stehen. Ein junger Mann, der kurz vor mir ausgestiegen war, unterhielt sich aufgeregt mit ihnen und zeigte dann auf das Trio, das schon die Treppe hinunterschlurfte; die Polizisten forderten sie energisch zum Stehenbleiben auf und liefen ihnen hinterher. Ich weiß nicht, was dann passiert ist, ich musste nach dem nächsten Anschlusszug schauen und noch ein kleines Abendessen kaufen. Und schließlich würde sich die Polizei um das Böse kümmern, das war irgendwie beruhigend. 

Was genau das Böse nun war, welches Ungemach es über die Regionalbahn gebracht hatte, ich weiß ich bis heute nicht. Aber ich weiß, dass ich mein persönliches Böses getroffen habe, in einer Regionalbahn zwischen Halberstadt und Halle, es trug Baggy/Saggy-pants und ein Hoodie und fake-Krücken, es hatte ein Loch da, wo ein Gesicht hätte sein sollen, und mein Körper reagierte ohne jede Kontrolle des Verstandes darauf. Ich kam mich darüber schämen, aber das ändert nichts. Das Böse ist real, und es hat kein Gesicht.

DIE WEISSE STRASSENBAHN

Ich habe heute eine weiße Straßenbahn gesehen. Sie war nur weiß, ohne jeden Aufdruck, keine schreienden Aufschriften, keine grellbunten Bilder. Sie war so schön, mir blieb der Atem einen Moment stehen. Beinahe elegant bewegte sie sich durch den um sie her wuselnden Verkehr und erzeugte eine Art Lücke in der Wahrnehmung, so als habe man einen schwarzen Schwan gesehen oder ein weißes Reh: Und auf einmal sieht man viel besser, was das eigentlich ist, ein Schwan, ein Reh, oder eben: eine Straßenbahn. Und dann hatte ich eine Vision: Auf einmal verschwindet alle Werbung, überall. Zuerst lösen sich die großen Werbetafeln an den Straßen auf, zurück bleiben nur Rahmen, durch die man beim Vorbeifahren in die Landschaft schauen kann; lauter kleine Gemälde ziehen nun vorbei, und sie sehen anders aus je nach Wetter und Stimmung und Licht. Dann ver-schwinden die Schilder auf den Läden und von den Kaufhäusern, und ihre Schaufenster leeren sich von Geisterhand. Sie werden jetzt für Ausstellungen benutzt, für kleine oder große Kunstwerke von jedermann; Kindergartengruppen gestalten sie abwechselnd mit Seniorenkränzchen, manchmal wird auch spontan ein Thea-terstück aufgeführt. Im gleichen Moment sind auch alle Markenlogos auf Pullovern, Schuhen und Handtaschen weg, und man fragt sich verwundert, wie es eigentlich passieren konnte, dass man sich selbst zu einer wandelnden Plakatsäule gemacht hat und das auch noch schön fand? Die großen shopping malls werden zu Tauschbörsen, jeder bringt das mit, was er nicht mehr brauchen kann oder woran er sich satt gesehen hat, und jeder kann mit-nehmen, was er mag oder braucht oder einfach haben möchte. Es gibt dort auch gemütliche Ecken, wo man lesen oder Musik hören oder einfach nur ausruhen kann, unbelästigt vom ständigen Terror des Kaufmich-Kaufmich-Kaufmich! Im Fernsehen werden in den Werbepausen wieder die Mainzelmännchen gesendet, abwechselnd mit dem Sandmännchen und der Sendung mit der Maus. Im Radio gibt es vor den Nachrichten eine Besinnungs-pause, in der einfache Geräusche zu hören sind – ein Windesrauschen, ein Regengetröpfel, ein Glockenklang, sie reinigen das Ohr vom universalen Geplapper des Größer-Billiger-Mehr, damit es wieder hören kann, ohne ständig weghören zu müssen. Ja, sogar das große weite Internet ist von einer Minute auf die andere zu einer werbefreien Zone geworden; niemand bombardiert einen mehr mit Spam, niemand macht einem unaufgefordert Vorschläge, was man noch alles kaufen könnte, weil andere Leute es auch gekauft haben und damit achso glücklich sind, Autos, Fernreisen, Frauen, Nachthemden, Hundefutter - - - da fährt die nächste Straßenbahn vorbei. Sie wirbt für den Europapark Rust, mit kreischenden Menschen in seltsamen Schleudermaschinen und einem viel zu blauen Himmel über künstlichen Landschaften und Sonderpreisen und Sensationen in reißerischen Wortblasen. Der Traum ist aus.


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