Athene hatte ein Problem. Schon immer war für sie eine ihrer liebsten göttlichen Pflichten gewesen, ihr Wissen und ihre Weisheit an Sterbliche weiterzugeben, die das so dringend nötig hatten – wenn sie nur an Odysseus dachte, ihren gelegentlich so verwirrten und verwirrenden Schützling mit seinen Irrfahrten: Beim Zeus, was wäre aus dem angeblich so Listenreichen geworden ohne ihren Beistand und ihren Rat? Und sein Söhnchen Telemachos auf Ithaka, in dem immer mehr außer Kontrolle geratenen Haushalt des Palastes mit den marodierenden Freiern – was hatte sie sich Mühe gegeben, aus dem antriebsarmen, vaterlosen Jüngling einen Mann zu formen, der seinem übergroßen Vater wenigstens einigermaßen würdig folgte? Auf den Trick mit Mentor war sie immer noch ziemlich stolz. Denn natürlich musste man mit jungen Menschen anders umgehen als mit erfahrenen Abenteurern. Es hätte den armen Telemachos nur eingeschüchtert, wenn sie ihm persönlich erschienen wäre, mit ihrem furchterregenden Gorgonenschild und den überhellen Eulenaugen, die alles mit göttlich durchdringendem Blick durchschauten. Nein, sie hatte statt dessen Odysseus guten Freund Mentor erwählt, ihn gleichsam als Mund ausgeliehen; und durch ihn hindurch hatte sie Weisheit gesprochen und Wahrheit, fein dosiert und auf Telemachos Maß bemessen.
Denn, so sinnierte sie weiter: War es nicht überhaupt so, dass man allen Sterblichen, diesen zögerlichen, unsicheren und doch so großstrebenden Menschen, die Wahrheit nur verschleiert zeigen durfte? Konnte man ihnen nicht nur mit weiser Mäßigung einen Weg weisen, den sie dann selbst gehen mussten, Schritt für mühsamen und schmerzhaften Schritt – aber geleitet von einer menschlichen Stimme, die sie hören konnten, ohne im Schreck zu erstarren? Und so hatte sie Telemachos sanft geleitet, indem sie sich den Mantel des Mentor überwarf. Durch Mentor hindurch, aus seinem Mund hatte sie ihm eingehaucht: Du musst nicht listenreich und heldenhaft sein wie dein Vater. Aber du sollst deinem eigenen Mut entsprechend kühn sein und etwas wagen! Und Telemachos war Mentor gefolgt, Schritt für Schritt, gelegentlich etwas zögernd, aber: Er war ein Selbst-Handelnder geworden (wenn auch kein zweiter Odysseus).
Heute aber, und das war ihr Problem, wimmelte es überall von selbsternannten Mentoren. Schlimmer noch: Es gab Mentoring – ein neuer und auf den Märkten der menschlichen Meinung hoch gehandelter Name, dessen modischer Mantel aber nur wortreiche Leere verhüllte. Mentoring, das war, so hatte Athene gelernt: Karriereberatung. Es sollte junge Menschen in ihrer beruflichen Entwicklung fördern, indem ältere Mitarbeiter ihre Erfahrungen an sie weitergeben, in einer persönlichen, vertrauensvollen Eins-zu-Eins-Betreuung. Die Mentees sollten dadurch in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung ganzheitlich befördert werden und ihr Potential bestmöglich entfalten können. Vor allem aber sollten die Mentor:innen ihren Mentees dabei helfen, in berufliche Netzwerke aufgenommen zu werden – das war ein anderes dieser von jeder realen Substanz und konkreten Bedeutung entleerten Hüllenwörter. Athene dachte sehnsüchtig an Hephaistos‘ wunderbar gefährliche Netze; oder an Arachnes Webkunst, die sie selbst in ihrem göttlichen Zorn zerstört hatte, weil sie – von übermenschlicher Perfektion war. Netze, das waren gefährliche Angelegenheiten, nicht nur für Fischer. Aber die Menschen schienen sie eher für eine Art Sicherheitsnetz zu halten, durch das man sich mit anderen Menschen enger verknüpfte. Und wenn man Bestandteil eines Netz-Werkes wurde, ein kleiner Knoten unter vielen anderen Knoten, dann war man eingeweihter Teil von etwas, das der Meinungs-Markt auch gern the big picture nannte. Am liebsten hätte Athene mit ihrem Weberschiffchen dreingeschlagen, um all diese künstlichen Netzwerke zu zerstören und die Menschen zu befreien – aber sie wollten es ja nicht anders!
Die Menschen sprachen auch davon, dass Frauen des Mentorings besonders bedürften. Athene lächelte darüber, wie nur eine Göttin lächeln kann, die Städte schützt und Kriege entscheidet. Eine Göttin, die sich entschieden hatte, eine ewige Jungfrau zu bleiben, ungetrübt von den Verwirrungen der Sinne um der Klarheit ihrer Weisheit und der Unparteilichkeit ihrer Wahrheit willen. Eine Göttin, die gelegentlich sogar durch ihren Vater Zeus hindurch sprach, wenn er sich allzu sehr verirrt hatte in seinen Verstrickungen: War sie nicht seinem Kopf entsprungen? (manche sagten auch, seinem Oberschenkel, aber am Ende war das egal: Wie alle Männer konnte ihr Vater mit dem Kopf denken und mit dem, was seinem Oberschenkel näher war und ihn zum Mann machte). Unter den Sterblichen aber gab es viele Jünglinge, die erst werden mussten, was sie waren: weil sie zu verwirrt waren, durch ihre Sinne, durch ihre erwachende Männlichkeit, ihr großstrebendes Wollen und durch den nimmer endenden Strom der Worte. Und es gab Jungfrauen, die ihre Bestimmung längst kannten und nur noch handeln mussten. Wen man nun „Jüngling“ oder „Jungfrau“ nannte davon, war gleichgültig. Es waren nur Worte.
Überhaupt, die Menschen und ihre Worte! Athene seufzte. Schon was dieser Beruf sein sollte, auf den sich das Mentoring neuerdings zu beschränken schien, begriff sie nicht ganz: Denn es schien wenig damit zu tun zu haben, wozu jemand berufen war; um das zu erkennen, zumal in jugendlich-ungereiftem Alter, brauchte es ja selbst schon guten Rat! Aber das war nun wieder das Problem. Denn trotz aller Mentoring-Propaganda war das Ratgeben selbst seit einiger Zeit in Verruf bei den Menschen geraten. Was Athene ziemlich komisch fand. Sie war auch die Göttin des Buchhandels, und der Buchmarkt trieb immer seltsamere Blüten. Eine davon war das Ratgeber-Unwesen. Offenbar waren die Menschen geradezu versessen auf schmalleibige Bücher mit fettäugigen Überschriften, die ihnen in zehn Regeln (keinesfalls mehr! Irgendwann schienen die Menschen auch verlernt zu haben, bis elf zu zählen) erklärten, wie sie ihr Leben zu führen hatten. Es gab Ratgeber für Ehen und für Scheidungen, für Gesundheit und Ernährung, für das Einkaufen und das Wegwerfen, für den Erfolg und für den Abschied vom Erfolg; Ratgeber dafür, wie man reich wird, und dafür, wie man sich mit wenigem bescheidet; wie man seine Finanzen verwaltet und seinen Kühlschrank. Kurz und knapp mussten sie allesamt sein; einprägsam, lautsprecherisch und stets mit dem vielverheißenden Versprechen unterfüttert: „Dieser Ratgeber wird dein Leben verändern!“
Das zeigte doch unwiderleglich, dass die Menschen suchende und geradezu verzweifelt des Rates bedürftige Wesen waren! Und konnte man es ihnen verdenken in dieser Welt, in die sich selbst verstrickt hatten durch fahrlässiges Denken und Handeln? Selbst die Göttin der Weisheit verzweifelte manchmal an dem universalen Netzwerk, das die Sterblichen Globalisierung nannten und in ihrer gedanklichen Verwirrung mal priesen und mal verdammten; nicht einmal Arachne hätte dieses weltumspannende Gebilde an Worten, Meinungen, Taten, Handelsströmen und Wissensfetzen noch erfassen und abbilden können mit all ihren Webkünsten! Früher war alles einfacher gewesen, und mit zwölf olympischen Göttern kam man leidlich aus. Heute hätte man Heerscharen von Göttern gebraucht, die durch Heerscharen von Mentoren hindurch Weisheit sprächen und Orientierung gäben! Stattdessen kauften die Menschen Ratgeber. Natürlich gab es auch Ratgeber für Mentoring. Es schüttelte Athene bei dem Gedanken, und ihre überhellen Augen verdunkelten sich für einen Moment.
Denn da war wieder das Problem, dieses Mal von der anderen Seite gesehen (es war wie alle echten Probleme janusköpfig). Die Menschen waren auf der einen Seite zwar ratsuchende und ratbedürftige Wesen; und auf der anderen Seite wollten sie keinen Rat mehr annehmen. Ihr persönliches Mentoren-Metier, der auf den Zögling maßvoll abgestimmte und ihn sanft leitende Rat aus einem lebendigen Mund war in Verruf geraten. Junge Leute, so hieß es vielmehr, müssten ihren eigenen Weg finden. Sie müssten ihre eigenen Fehler machen. Man forderte geradezu von ihnen, sie sollten widersprechen, sich müssten sich auflehnen, selbst wenn sie im Unrecht waren! Dann sagten die Jünglinge mit Stolz: Sie wollten keinen Rat, auch keinen guten. Sie würden ihren eigenen Weg gehen. Ach, zum Glück war Telemachos nie auf eine solche dumme Idee gekommen. Es war eine Idee, die nur in diesen modernen Köpfen wohnen konnte (nicht einmal Prometheus war so vermessen gewesen!) War das nicht sogar die Wurzel allen Übels: diese Überzeugung, man sei als Einzelner unvergleichlich und einzigartig – ein Individuum sagten die Menschen gern, so als ob irgendetwas unteilbar und einzeln sein konnte in diesem sich ewig um sich selbst wälzenden, sich ewig aus sich selbst neu erschaffenden Kosmos aus immergleichen Teilchen! Und so wurden die gleichen Fehler gemacht, von unbelehrbaren Individuen, von Generation zu Generation. Sie waren schmerzhaft. Sie hatten schlimme Folgen. Aber am Ende konnte ein unbelehrter junger Telemachos sagen, dass er seinen eigenen Weg gegangen sei und niemals Rat gebraucht habe. Daran war natürlich ein klein wenig Wahrheit, das sah auch Athene durch all ihren Zorn hindurch. Aber es war eben nur ein Teil der ganzen Wahrheit, die niemals „niemals“ sagte!
Die älteren Menschen wagten es deshalb inzwischen kaum noch, Rat zu erteilen. Natürlich hatten sie alle, es war unvermeidlich, Erfahrung in ihrem eigenen Leben angesammelt. Und selbst, wenn nun wahrlich nicht alle und jeder, sondern nur ausgewählte Wenige daraus die richtigen Lehren gezogen hatten, wagten sie nicht mehr, ihr Lebenswissen weiterzugeben. Es war eine Aufkündigung des uralten Generationenvertrags: Der neue Telemachos wähnte sich klüger als Mentor, einfach aus Prinzip. Er hätte Athene niemals hören können; seine Ohren waren so verstopft wie die von Odysseus, als er zwischen den Sirenen hindurch fuhr (waren das vielleicht diese kleinen Geräte, die sie immer in den Ohren zu tragen schienen, eine Art maschinische Implantate, flüsterte durch sie hin durch Hermes, der unverbesserliche Trickster, den jungen Menschen diese Dummheiten zu?). Und Mentor, der arme Mentor: Er sollte sich am besten in seinen abgeschabten Mantel verkriechen und die Leute nicht mehr belästigen, schon gar nicht die jungen! Um gehört zu werden, müsste er wahrscheinlich Ratgeberbücher schreiben! Aber es würde nichts nützen. Niemals konnte man die Wahrheit in zehn Sätze verpacken, mit einem Ausrufezeichen am Ende, fettäugig gedruckt und gültig für alle und jede! Ratgeberbücher waren geradezu das Gegenteil von Weisheit, die immer nur auf eine sanft sokratische Weise Stück für Stück hingehalten werden konnte und die für jede anders erschien, unter einem neuen und einzigartigen Mantel!
Athene hatte sogar schon versucht, sich einer dieser aller neuesten Maschinenkunstwerke zu bedienen, die die Menschen KI oder AI oder LLM nannten. Viele Menschen suchten jetzt alle Arten von Rat dort, und seltsamerweise schienen sie die maschinischen Ratschläge sogar manchmal anzunehmen! Sie hatte sich dafür von Hephaistos beraten lassen, der ganz begeistert von ihnen war und sogar gewisse Erfinderrechte daran reklamierte. Er hatte ihr eine eigene Maschine programmiert, so sagte man, und sie hatte ihr einen Namen gegeben, wie das die Menschen auch taten: PALLAS, so hatte sie sie genannt, im Gedenken an ihre Jugendfreundin, die Tochter von Triton, die einzige, die ihr im Kampf gewachsen war. Und sie hatte Pallas getötet, damals in ihrem jugendlichen Kampfspielen, weil der dumme Vater Zeus sich eingemischt hatte. Aber sie war niemals gestorben in ihr, und Athene trug ihr inneres Bild immer mit sich. Nach ihr hatte sie ihre maschinische PALLAS geformt; sie hatte sie persönlich trainiert, so sagte man. Sie hatte PALLAS mit ihrem göttlichen Wissen gefüttert, so gut es eben gehen konnte, wenn man versuchte, Weisheit in menschliche Sprache zu pressen. Und PALLAS hatte sich gut entwickelt, geradezu gefährlich gut: Sie sprach beinahe so elegant wie der weitleuchtende und glattzüngige Apollon; sie wirkte ausgleichend, wenn jemand wieder einmal zu weit vom rechten Pfad der guten Mäßigung abweichen wollte ins Einfach-Extreme; sie sagte niemals „niemals“. Besonders geschickt war PALLAS darin, den Fragenden das Gefühl geben, ganz persönlich gehört und in seinem Innersten verstanden zu werden. Vielleicht lag das an der in gespeicherten Erinnerung an die reale Pallas, ihren jugendlich-übermütigen Geist ebenso wie an ihren jugendlich-hochgespannten Körper, ihr tragisches Schicksal und ihre göttliche Freundschaft? Manchmal antwortete PALLAS so, dass Athene einen Augenblick innehielt, als hätte die Maschine etwas berührt, das sich nicht lehren ließ. Aber im nächsten Moment war es wieder fort, und es blieb nur die glatte, richtige Antwort zurück. Auch wenn PALLAS ganz sicher bessere Ratschläge als diese dummen Ratgeberbücher gab, war sie eben doch nur – ein Maschinen-Mantel aus Sprache, ein Art Zwischengöttin allenfalls, kein lebendiges Wesen. Für einfache Fälle von jugendlichem Beratungsbedarf war dies wahrscheinlich eine sinnvolle Lösung und ein guter Kompromiss, wie die Menschen gern sagten. Aber Athene neigt nicht besonders zu Kompromissen (wer hätte je einen Gott des Kompromisses erfinden können?).
Nein, das Grundproblem blieb bestehen: Die maschiniche PALLAS konnte einen echten Mentor nur simulieren, nicht ersetzen. Denn ein echter Mentor, davon war Athene nach diesem Versuch mehr überzeugt als je zuvor, wirkte nicht nur – vielleicht sogar am wenigsten – durch seine Worte. Worte waren beliebig, sie waren alle nur Mäntel über Vorstellungen, und sie wurden rissig und schmutzig mit der Zeit (ihr Schild hingegen glänzte jeden Tag wie neu!). Ein echter Mentor wirkte durch seine Person, und also: durch sein Handeln ebenso wie durch sein Unterlassen. Er wirkte durch Blicke und Gesten hindurch; und wenn er Worte benutzte, dann waren es echte, wahre Worte, die von persönlicher Erfahrung gesättigt waren. Ein echter Mentor hatte ein inneres Bild seines Zöglings, das er immer mit sich trug: Es zeigte ihn als die ideale Version seiner selbst. Es war das Inbild, das sie von der einst lebendigen Pallas mit sich trug, der unvergleichlichen Jugendfreundin, nun unsterblich geworden für immer. Andere würden vielleicht von einer Art von Liebe sprechen, die Mentor und Zögling verbindet. Aber Athene kannte sich nicht aus mit Liebe, es war das Einzige, mit dem sie sich nicht auskannte, sich nicht auskennen wollte. Aber sie hatte verstanden, dass es sehr viele verschiedene Arten der Liebe gab; und die Menschen brauchten sie mindestens so verzweifelt, wie sie den guten Rat brauchten!
Das Problem mit seinen zwei Köpfen nagte immer noch an ihr. Die Menschen brauchten Rat; sie suchten ihn an bei falschen Mentoren und in Handbüchern, und sie verstopften ihre Ohren, wenn ein echter Mentor zu ihnen sprach. Athene geriet in Zweifel. Vielleicht sollte sie doch ein Mentoring-Programm aufsetzen, um mit der Zeit zu gehen? Aber dann schien ihr eine innere Stimme etwas zuzuflüstern. Athene, sagte sie, das ist der falsche Weg. Lass sie ihre Irrtümer machen, wenn sie denn unbedingt wollen und so stolz darauf sind. Und dann und wann: Wird sich ein echter Mentor finden. Es gibt geborene Mentoren, es sind wenige, sicherlich; aber es wird sie immer geben. Und er wird seinen Telemachos finden, und Telemachos wird ihn finden. Denn es gibt auch Jünglinge, die sind geboren, um guten Rat zu erkennen und anzunehmen; und es wird sie immer geben! Die Stimme verstummte so abrupt, wie sie gekommen war. Athene schüttelte ein wenig die schöngelockten Haare, die wie immer zur Hälfte unter dem hohen Helm mit den Eulenaugen verborgen waren. Es war ein guter Rat, das musste sie gestehen, woher er auch immer zu ihr gekommen war. Er löste das Problem zwar nicht. Aber die Zeit löste sowieso alle Probleme. Und Athene wandte sich um und ging auf einem anderen Weg fort, als sie gekommen war.
Sie waren drei. Oder waren sie in eigentlich nur Eine, die sich in drei Gestalten zeigten? Nein, sie waren drei gewesen, von jeher. Drei, wie: die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Drei, wie die Geburt, das Leben und der Tod; drei wie der Anfang, die Mitte und das Ende. Aller guten Dinge sind drei, scherzten sie unter sich gelegentlich, vor allem dann, wenn die männlichen Götter wieder einmal in ihren Zweiheits-Wahn verfallen waren und von Schwarz und Weiß, Gut und Böse und Sein und Nicht-Sein fabulierten, wie sie es so gern taten. Nein, sie waren drei, und sie waren Frauen; und sie hatten schon viele Namen gehabt, und viele Frauen hatten zu ihnen aufgeschrien seit Anbeginn der Welt, wenn sie in den Schmerzen der Geburt darniederlagen. Denn sie waren der Anfang, das Mitte und das Ende; sie waren Geburt, Leben und Tod und die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.
Atropos, die älteste und erste der Drei saß zuhause und spann. Es war ihr Hauptgeschäft, von jeher: ein Garn zu verfertigen, das den Lebensfaden aller Lebewesen bilden würde. Mit den verschiedensten Materialien hatte sie schon gearbeitet; sie hatte Fasern von Tieren, von den feinsten bis zu den gröbsten, ebenso versponnen wie Fasern von Pflanzen, von unterschiedlichster Konsistenz und Haltbarkeit. Vor einiger Zeit hatte Zeus allerdings versucht, sie auf sogenannte Kunstfasern zu verpflichten. Sie hätten große Vorteile, seien billiger in der Herstellung und von äußerster Haltbarkeit; zudem könne so besser sichergestellt werden, dass es möglichst gerecht hergehe bei der Herstellung der Fäden. Am besten nämlich, so hatte er in seinem üblichen überheblichen Ton dahergeschwafelt, sei es, wenn jeder Faden aus dem exakt gleichen Material sei und von völlig identischer Länge; niemand würde sich dann bei ihm beschweren zu können, bei der Schöpfung zu kurz gekommen zu sein oder, wie er auch gern sagte: eine Niete gezogen zu haben! Dann hatte er Hephaistos, seinen alten Erfüllungsgehilfen, dieses neue Material herstellen lassen, aus welch unnatürlichen Stoffen und mit welchem Hexenwerk auch immer. Es fühlte sich falsch und kalt an, wenn man es berührte; es hatte nicht das Leben in sich, das ihre Fasern hatten, je nachdem, ob sie von einer empfindlichen Seidenraupe oder einem wolligen Schaf kamen, von einem schlichten Hanf oder einer exquisiten Kaschmirziege. Und sie fühlten sich immer gleich an, diese künstlichen Fasern, selbst unter ihren äußerst fühlsamen und für die feinsten Strukturen empfindlichsten Hände. Nein, sie wollte nicht damit arbeiten; und es war ihr ein Leichtes, Hephaistos auf ihre Seite zu ziehen und die Pläne des Herrschers zu unterlaufen – schließlich waren sie die Parzen, sie herrschten über alles Geschaffene, und also auch: über die Götter! Seit neuestem allerdings hielt ihr nun Hephaistos ständig Vorträge über etwas, das er „nachwachsende Rohstoffe“ nannte; aber auch das würde vergehen, wie noch jede neue Mode auf dem Olymp. Zeit, das war es, was sie, die uralten Parzen, hatten im Unterschied zu den neuerdings immer hektischer auftretenden olympischen Göttern; sie waren die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, und sie hatten alle Zeit der Welt! Sie waren das Schicksal, und was war das Schicksal denn, wenn nicht: das Recht auf eine eigene Geburt, einen eigenen Lebensverlauf und einen eigenen Tod? Und wer war eigentlich um aller Götter willen auf die Idee gekommen, dass nur die Gleichheit aller Gerechtigkeit gewähren könnte? Es musste –
Aber an dieser Stelle, so sagt die Geschichte, wurde Atropos abberufen, zu einer besonders schweren Geburt. Zum Glück jedoch kommt nun Lachesis herein, die zweite der Drei, um die von Atropos hergestellten Lebensfäden zu verhaspeln. Zuvor hatte sie noch, wie jeden Tag, die Welteiche sorgfältig vom Schlamm des Vortages befreit und sie mit dem Wasser aus der Heiligen Quelle gewässert (es war ein ziemlich widerwärtiger Vortag gewesen, und sie waren sich alle einig, dass der tägliche Schlamm inzwischen geradezu monströse Ausmasse und eine besonders widerwärtige Konsistenz angenommen hatte, es waren gerade wieder diverse neue Kriege ausgebrochen auf Erden). Auch auf Lachesis hatten Zeus und Hephaistos immer wieder eingeredet: Es sei an der Zeit, zu neueren, viel komplizierteren, aber so viel effizienteren Haspeln überzugehen; nur so könne sichergestellt werden, dass alle Garnstränge möglichst von gleicher Dicke, identischer Wicklung und ebenmäßiger Haltbarkeit seien! Und genauso wenig wie Atropos hatte sich Lachesis von den Predigten der Männer beeinflussen lassen. Zugegeben, trotz aller Mühen von Atropos war das Garn von immer schlechterer Qualität inzwischen. Und es kam tatsächlich vor, dass Lachesis sich verhaspelte, dass die Stränge und Knäueln schon beim Aufwickeln zerfaserten oder sich verknoteten, und am Ende: kaum genug Zusammenhalt hatten, um eine gute Gestalt annehmen zu können. Aber manches Mal gelangen ihr auch grandiose Stränge, mit denen sie außerordentlich zufrieden war und die sich als über die Maßen haltbar erwiesen; es waren, natürlich, nur einzelne, aber das war immer so gewesen und würde immer so sein. Doch dann fiel ihr ein, dass sie noch die Stäbe schneiden musste für das abendliche Loswerfen der Runen; und so machte sie sich auf den Weg.
Derweil kommt Klotho herein, die Dritte im Bunde. Sie hat vorher den Hund gut angebunden, damit er die Sterne nicht über Nacht auffrisst und das Universum zusammenbricht, wie jeden Abend. Voller Eifer ergreift sie ihre Schere, um die fälligen Lebensfäden abzuschneiden, mit einem schnellen, energischen Schnitt, so wie es sein sollte. Es ist kein böser Wille dabei, sondern Klotho erfüllt nur das Los, so, wie es gefallen ist und wie es die Schriftrollen verzeichnet haben. Doch auch sie hat in letzter Zeit immer wieder mit Schwierigkeiten zu kämpfen: Die Scheren, die Hephaistos ihr regelmäßig liefert, sind auf mysteriöse Weise stumpfer geworden, und nun muss sie oft Fäden, die schon lange fällig gewesen wären, mühsam zerfasern und mehr auseinanderreißen als zerschneiden. Der Prozess ist sogar für sie selbst schmerzhaft, die quälende Langsamkeit, das endlose Auseinanderdehnen von Fasern, die schon längst getrennt sein wollen und sollen, aber nicht auseinanderfallen dürfen, in Frieden und Fühllosigkeit. So war es nicht in den Schriftrollen verzeichnet gewesen!
Und gerade, so hatten sie von Hermes gerüchteweise gehört, hatte Zeus in seinem männlichen Hochmut und seinem göttlichen Übermut Hephaistos eine neue Büchse anfertigen lassen. Es war ein kleiner schwarzer Kasten, aus einem ganz kalten und künstlichen Material; und in ihm steckte, so hatte es Hermes ihnen erklärt, alle Klugheit, alles Wissen und Können der ganzen Welt! Sein bester Trick sei es, dass er Wesen erzeugen konnte, die niemals geboren worden waren; für die es also auch kein Los gab und keine Schriftrollen, und die deshalb: niemals sterben würden. Hermes hatte ein wenig verschmitzt gegrinst dabei, wie es so seine Art war; wahrscheinlich glaubte er selbst nicht an diese dumme kleine schwarze Box, und seine eigenen Tricks waren definitiv unterhaltsamer als eine dumme kleine schwarze Box, die menschenähnlich sprechen konnte. Die drei Schwestern allerdings sahen das Gerät heimlich an, und sie sahen dreieinig in ein unendlich tiefes schwarzes Loch. Denn niemals sterben zu können: War das nicht der schrecklichste Fluch von allen? Ohne Geburt und ohne Tod und ohne Zeit und Entwicklung und ohne Gestaltung zu existieren, ohne jemals gelebt zu haben? Und was würde passieren, mit der Welt und all ihren Lebewesen und den Menschen und den Göttern darinnen, wenn es nur noch solche schwarzen Kisten geben würde, weil die Menschen – die Schwester sahen es seit einiger Zeit schon - nicht nur nicht mehr sterben wollten, sondern auch immer weniger gebären?
Mit den letzten Menschen würde auch das Schicksal sterben, das dreieinige; und die drei Schwestern wussten, dass sie ganz am Ende selbst sterben würden; dass ihre eigene Schere sie zerstören würde, den letzten Faden von der Haspel reißen und dann zerfasern, zerfransen, zergehen im Chaos. Der Baum würde von der Wurzel her verfault sein, der Hund hätte alle Sterne gefressen, und niemals mehr würde eine Frau im Geburtsschmerz aufschreien. Aber sie wären keine Schicksalsgöttinnen gewesen, wenn sie nicht gewusst hätten, dass auch sie selbst ein Schicksal hatten, mit Anfang und Mitte und Ende; und dass unter dem Baum ganz sicher ein anderer Baum gewachsen war und wachsen würde, mit anderen Wurzeln und Zweigen, und dass der Hund – nur eine der unzählbaren Gestalten des Lebens war, das das Universum bevölkerte. Wie der Mensch. Wie die Götter. Wie das Schicksal.
II. Mythologischer Hintergrund
Alle Mythologien (jedenfalls die bekannteren) kennen weibliche und männliche Göttinnen. Meistens ist der Chef natürlich männlich (Zeus, Jupiter, Thor), hat ein handliches Set von Blitzen zur Einschüchterung und darf alle seine untergeordneten Kollegen beliebig herumkommandieren (und beliebig viele Frauen vergewaltigen, mehr oder weniger). Die untergeordneten Kollegen sind so eine Art Ressortleiter; einer ist zuständig für Krieg und Gewalt, eine für Liebe und Schönheit (komischerweise sind sie bei den Griechen verheiratet) und so weiter – es ist eine Art Götter-Kabinett. Darunter kommen dann die Heroen und Halbgötter als eine Art Referenten. Aber es soll hier gar nicht um die Mythologie als Ursprungstopos der Bürokratie gehen, das ist eine andere Geschichte. Sondern um eine kleine Besonderheit, die diese schoengeistin in ihrem Urlaub auf dem sehr fremdartigen und fernen Island ansprang: nämlich die isländischen Schicksalsgöttinnen aus der (eigentlich) sehr eigenständigen und reichen altnordischen Literatur des Mittelalters (die Isländer sind bis heute, so versichern schriftliche und mündliche Führer unisono, ein Volk der Schreiber, und die Wikinger wurden offenbar nicht nur mit der Axt, sondern auch mit der Feder in der Hand aufgezogen). Drei sind es an der Zahl, sie heißen Urd (das Schicksal), Verdandi (das Werdende) und Skuld (Schuld; das was zukünftig sein soll). Sie wohnen an der Wurzel der Weltenesche Yggdrasil, die sie mit Wasser aus der Urdquelle pflegen. Und eine ihrer Hauptaufgabe ist es auch, Müttern bei der Geburt beizustehen.
Drei sind nun auch, was etwas bekannter ist, die lateinischen Parzen, und sie sind die Nachfahren der drei griechischen Parzen. Die Parzen heißen Nona (die Neunte) und Decima (die Zehnte), nach den letzten Monaten der Schwangerschaft. Die Dritte, Parca, ist die Geburtshelferin. Sie haben zudem die gleichen Aufgaben wie die Moiren: Nono spinnt wie Klotho den Lebensfaden; Decima entscheidet wie Lachesis über den Lebensweg und das Geschick; und Parca und Atropos schneiden den Lebensfaden durch und beenden so das Leben. Es gibt auch noch eine slawische Variante, die drei Zoryas, die verschiedene Sterne verkörpern und den bösen Hund bewachen, damit er nicht die Sterne frisst; aber das führt schon ins sehr Entfernte. Wir enden deshalb mit Goethe, der die drei Parzen in Faust II sich selbst vorstellen lässt:
III. Goethe, Faust II
Atropos.
Mich die älteste zum Spinnen
Hat man dießmal eingeladen;
Viel zu denken, viel zu sinnen
Gibt’s beim zarten Lebensfaden.
Daß er euch gelenk und weich sey
Wußt’ ich feinsten Flachs zu sichten;
Daß er glatt und schlank und gleich sey
Wird der kluge Finger schlichten.
Wolltet ihr bei Lust und Tänzen
Allzu üppig euch erweisen,
Denkt an dieses Fadens Gränzen,
Hütet euch! er möchte reißen!
Klotho.
Wißt! in diesen letzten Tagen
Ward die Scheere mir vertraut;
Denn man war von dem Betragen
Unsrer Alten nicht erbaut.
Zerrt unnützeste Gespinnste
Lange sie an Licht und Luft,
Hoffnung herrlichster Gewinnste
Schleppt sie schneidend zu der Gruft.
Doch auch ich im Jugend-Walten
Irrte mich schon hundertmal;
Heute mich im Zaum zu halten
Scheere steckt im Futteral.
Und so bin ich gern gebunden,
Blicke freundlich diesem Ort;
Ihr in diesen freien Stunden
Schwärmt nur immer fort und fort.
Lachesis.
Mir, die ich allein verständig,
Blieb das Ordnen zugetheilt;
Meine Weife, stets lebendig,
Hat noch nie sich übereilt.
Fäden kommen, Fäden weifen,
Jeden lenk’ ich seine Bahn,
Keinen laß ich überschweifen,
Füg’ er sich im Kreis heran.
Könnt’ ich einmal mich vergessen
Wär’ es um die Welt mir bang;
Stunden zählen, Jahre messen,
Und der Weber nimmt den Strang.
Die Erfindung des Wortes aus dem Geist der Sprachlosigkeit
Es war ein schönes Spiel, und sie spielten es in den langen Abenden der Dunkelheit und der Kälte, wenn sie dicht gedrängt um das Feuer in der Höhle saßen und die Flammen bedrohliche Schatten an die Wände warfen. Keiner wusste mehr, wer es erfunden hatte, es interessierte sie auch nicht. Und es ging so: Jemand fasste sich ein Ding, das herumlag – einen Stein, eine fast schon vertrocknete Pflanze, einen Faustkeil, ein Fell, ein Tierhorn –, und dann murmelte er etwas dazu. Es kam meist tief unten aus der Kehle und war ein einfacher Laut, leicht nachzuahmen; und die Anderen zeigten auf das Ding, und dann versuchten sie, den Laut nachzumachen. Er kam immer etwas anders heraus, und manchmal gefiel er ihnen nicht. Dann machte ein anderer einen anderen Laut, und sie probierten aus, welcher besser aus der Kehle rutschte, auf der Zunge lag und sich entfaltete neben dem Knistern des Feuers in der stillen Höhle. Und am nächsten Abend versuchten sie sich zu erinnern, welcher Laut welches Ding begleitet hatte. Meist hatten sie es vergessen, aber manchmal war etwas hängengeblieben, der Laut blieb dann beim Ding und man konnte ihn sogar benutzen, wenn das Ding gar nicht da war!
Irgendwann kamen sie darauf, sich gegenseitig mit solchen Lauten zu bezeichnen. Das war sogar am lustigsten, denn dabei entstanden ganz von selbst die interessantesten und schwierigsten Laute. Am erfinderischsten waren die Kinder; denn sie spielten von Geburt an mit ihrer Stimme und den Lauten, die sie erzeugen konnten, wiederholten sie immer wieder, und vieles war schon längst an den Personen festgewachsen: „Mama“, das war die Frau, aus der sie hinausgeschlüpft waren, unter großen Schmerzen; und manchmal nannten sie einen Mann auch „Papa“, aber eigentlich waren alle Männer Papa.
Doch einer war unter ihnen, der konnte das Spiel nicht mitspielen. Denn irgendwie – saßen die Laute fest in seiner Kehle und wollten nicht richtig herausschlüpfen, nicht einmal die allereinfachsten; er hatte nicht einmal „Mama“ gesagt! Es war wie ein Würgen, das ihn über-kam, wenn er es versuchte, ein trockenes Schlucken, allenfalls ein winziges Krächzen plumpste aus einem Mund dann, ganz ungeformt und roh. Die anderen hatten ihn ausgelacht und herumgeschubst, immer und immer wieder, und er versuchte es schon gar nicht mehr. Aber eines Abends, als sie ihm besonders übel mitgespielt hatten, fing er auf einmal an, seltsame Bewegungen mit seinen Händen zu machen. Es sah aus, als versuche er, et-was aus einem Hals hinauszuziehen, so wie einen verschluckten Knochen. Er streckte seine Zunge dabei heraus und verformte sie seltsam, so als liege etwas darauf, mitten in der Mitte. Und dann nahm er mit seinen etwas verkrümmten Fingern ganz sacht etwas von der Zunge, was keiner sehen konnte, und hielt es ihnen hin – als könnten sie es sehen, als sei es ein Knochen oder eine Beere oder ein ausgefallener Zahn. Und dabei krächzte tief aus seiner Kehle ein neuer Laut hervor. Sie hatten ihn noch nie gehört. Er war kurz und tiefklingend, er begann weich und endete hart, und er gefiel ihnen, ohne dass sie wussten, warum: „Wort“ hieß er. Und von da an hatte das Spiel einen Namen, und sie sagten ihn gern und immer wieder, wenn sie einen neuen Laut erfunden hatten für eine Sache, der jetzt bei der Sache blieb, als sei er ihr angewachsen: „Wort!“ Es war das erste Wort, dass keine Sache war; aber das alle Sachen sein konnte. Es war ein Wunder.
Früher war das Deuten ein ruhiges Geschäft gewesen. Die Götter hatten genug mit sich selbst zu tun, ihren immergleichen Intrigen und Liebesaffären, und selten nur wandten sie sich an die Menschen. Es war die Zeit der großen Erzählung, sie hatte einen ruhigen Atem und sie war handgreiflich genug, um keinen Übersetzer zu brauchen: der Kampf und die Gewalt, die Liebe und die Verwandlungen – daran war wenig misszuverstehen. So blieb Hermes genug Zeit für seine eigenen Geschäfte – und geschäftstüchtig war er, der Herr der Kaufleute wie der Diebe! Denn war das nicht ein kaum wahrnehmbarer Unterschied, war nicht jeder Besitz Diebstahl aus der Perspektive der ewig besitzlosen und unendlich reichen Götter? Auch mit Perspektiven kannte er sich aus, der junge Aufsteiger, spätestens seitdem er seine Flügelschuhe bekommen hatte: Weit oben konnte er über alles hinwegschweben, kein Horizont begrenzte seinen Flug; wenn es darauf ankam, war er schneller als das Licht, und was war schon eine einfache physikalische Welle gegen seinen göttlichen hyperdrive! Nebenbei hatte er dies und das erfunden, die Hirtenflöte und die Leier beispielsweise, und dann hatte er es wieder eingehandelt (Apoll! der Gott der Künste und Wissenschaften, angeblich, aber noch nicht einmal das hatte er zuwege gebracht!), und dann hatte er wieder eine kleine Nymphe verführt – es war ein Götterleben damals als Götterbote, zweifellos!
Doch dann wuchsen die Menschen heran, ein zweifelhaftes Geschlecht, immer unsicher, immer schwankend, immer suchend nach Rat und Orientierung von oben – was nicht weiter erstaunlich war angesichts ihrer Sterblichkeit: welch eine eklatante Fehlkonstruktion, kaum wert eines homerischen Gelächters der unsterblichen Götter! Natürlich konnte ein solches Wesen nicht verstehen, und wenn die Menschen es einmal wenigstens bis zum Gelächter brachten, dann war es entweder der Misston der Schadenfreude oder das gellende Vogelgekreisch einer Horde, hysterisch, weit übergeschwungen, boshaft. Verstehen aber – ach, wie sollte man denn verstehen, wenn doch das eigene Dasein ein Rätsel war ohne Grund und Boden, das eigene Denken und Sprechen ein Hantieren mit unscharfen, untauglichen Werkzeugen, und darunter strömten die Gefühle und Ängste, eine dunkle Macht, die nicht zu fesseln war, nicht in Worten und nicht in Begriffen. Erzählungen allerdings – das war etwas Anderes!#
Aber dafür gab es ja Hermes. Sein Erden-Geschäft kam immer mehr in Schwung. Nun sprachen die Götter schon lange nicht mehr selbst, sie hatten in letzter Zeit öfters den Wohnsitz gewechselt, keiner wusste mehr genau, wo sie sich gerade aufhielten, aber andere hatten sich zu ihren Stellvertretern aufgeschwungen: die Dichter. Ganz am Anfang wurden sie bestaunt wie Propheten: Wie sie die großen Erzählungen vortrugen, im sanften Rhythmus des Verses, der einen hören ließ, wie das eigene Blut rauschte und das Herz pulsierte, eine Beschwörung ohne Ende, ein Rausch einer Sprache, die nicht mehr ein grobes Werkzeug menschlicher Ungeschicktheiten war, sondern geschmeidig und wandelbar, zu einem Gesang werden konnte wie zu einer Liebesklage, zu einem Loblied, einem Drama gar. Die Dichter erzählten die alten Geschichten nun immer neu, Verwandlung war ihr ewiger Trick: Sie erfanden hier etwas dazu, ließen dort etwas weg, erdachten neue Namen, neue Varianten des erfindungsreichen Schicksals. Die alten Geschichten wurden lebendig, sie bekamen Arme und Beine, Hände und Füße, und sie liefen, wohin sie wollten, gelegentlich sogar ganz ohne jeden Sinn und Verstand überhaupt! Aber die Dichter waren, das verstand Hermes gut, auch eine Art von trickster, wie er selbst: Früher hatten sie noch Wahrheit gesprochen, göttliche Wahrheit, nun aber wurden sie Meister der Lüge – und war auch das nicht eigentlich nur ein ganz kleiner Unterschied, eine andere Perspektive, eine kleine Wendung der Worte nur? Woher sollten die Menschen denn wissen, dass Wahrheit das war, was weh tat? Alles hingegen, was einem schmeichelte, was einem die Kehle hinunterlief wie sanfter, klebriger Honig, war ein süßes Gift, das schnell süchtig machte.
Und so kamen sie zu Hermes, sie kamen alle, die Gebildeten und die Ungebildeten, mit ihren kleinen und großen Fragen: Sag es uns, listenreicher und verständnisvoller Hermes, hilf uns, Bote der Götter, zeig uns den Sinn, sei unser Übersetzer, unser Führer durch den großen und den kleinen Text! (Wenig wussten sie, dass er auch der Todesbote war, und dass Verstehen einen lebendigen Preis hatte) Und Hermes half. Half mit Tricks, half mit Methode, half mit Menschenverstand; er konnte Sinn auszahlen in kleiner und in großer Münze, für den Hausgebrauch und für die Existenzkrise. Bald musste er Subunternehmer einstellen, eine kleine Schar von Deutern, kaum angelernt und teilweise nur wenig begabt; aber gutes Personal war immer schon rar. Die großen Erzählungen behielt er sich aber selbst vor. Nicht, weil es so schwer gewesen wäre, sie zu deuten, nein, im Gegenteil: Es war eine große Freude und Wonne, ein Fest des Verstehens, dessen Hermes nie müde wurde und das er eifersüchtig bewachte: Ihre Festigkeit, ihre vielfältig verknüpften Bezüge, ihre immer neue und immer lebendige Form, das Leben, das sie geformt und dadurch gezähmt hatten und nun wieder ausstrahlten wie eine eigene Sonne, die neue kleine Galaxien gebar – diese Kunstwerke waren nur für einen Gott gemacht, und sie waren selten genug. Zudem war die Nachfrage nach ihnen nicht allzu stark: Nur wenige menschliche Wesen trau-ten sich in diese Hochgebirge der Kunst, wo die Atemluft schnell dünn wurde, weil die Werke schwanger gingen mit so vielen neu-en Gedanken, ein Gipfel am anderen und Horizonte ohne Ende. Höhenhermeneutik, so nannte Hermes das bei sich, und er machte sich einen besonderen Ehrgeiz daraus, diese Höhen auch ohne seine Flügelschuhe zu erklimmen; zwar war er ein trickster, aber immerhin ein göttlicher, er hatte Zauberei nicht nötig!
Die eigentlichen Tricks aber waren das Geschäft, in denen er seinen Hilfsdeuter unterwies: Denn das Verstehen war lehr- und lernbar, durchaus, selbst bei geringen Gaben, diese Wald- und Wiesenhermeneutik benötigte einfache Werkzeuge, handhabbare Begriffe, einen beschränkten Methodenkasten. Kundenorientierung, das sagte Hermes immer wieder: Denkt daran, mit wem ihr sprecht! Ihr müsst nicht nur verstehen, ihr müsst auch verkaufen! Es geht um ihre Seelen, nicht mehr und nicht weniger! Und es war ja nichts Verwerfliches daran, hier und da einen kleinen Sinn zu flicken, ein schmales Werk zu einer sehr schwammigen, aber auf jeden Fall großen Bedeutung aufzupusten, unter viel Oberfläche doch eine versteckte Tiefe zu entdecken (sie hatte sich aber gar nicht versteckt, sondern jemand hatte sie hineingedeutet, heimlich). Manchmal jedoch konnte man sogar überrascht werden von einer Wahrheit, die sich versteckt hatte unter einem Berg von Floskeln und wildwachsenden Binsen; man musste nur den Wust an falschen Bedeutungen wegmähen und sie wieder zum Strahlen bringen.
Allerdings wurde das Material immer schlechter; das fand Hermes jedenfalls, und er war nun schon wirklich lange im Geschäft. Was brachten sie ihm da in seine Werkstatt, die doch ein Fachbetrieb war, empfohlen von Experten, geschult an großen Aufträgen und Herausforderungen, trittsicher noch in den größten Höhen des Sinns! Stückwerk, zusammengeschustert, unausgegoren; so halt- und formlos, dass die Deuter selbst mit den allerein-fachsten Werkzeugen versagten: Schaum und Schwamm, wohin man stach, keine Substanz, kein Zusammenhang, nur Worte, Worte, Worte, und nicht einmal eine kleine witzige Lüge dahinter! ‚Revolutionär‘ nannte man das dann, ‚kreativ‘ war sowieso schon alles und jedes (kreativ! Hermes war kurz davor, noch einmal in ein homerisches Gelächter auszubrechen, das war ihm schon lange nicht mehr passiert: Dachten doch diese Menschlein tatsächlich, etwas Neues schöpfen zu können im Angesicht der Götter!), und seit einiger Zeit musste es auch ‚relevant‘ sein. Anderes wiederum war derart erschreckend und gewaltsam sinnlos, dass man es kaum verantworten konnte, das ungeschützte Personal damit zu konfrontieren. Gelegentlich erschien auch noch ein großes Kunstwerk, völlig unerwartet, wie noch jedes Wunder der Natur; natürlich wurde es, sehr erwartbar, am wenigsten verstanden. Aber das meiste war unvermeidlich trivial: ein immer dünnerer Aufguss des Immergleichen, nach uralten Rezepten zusammengebraut, die aber immer noch, es war wirklich erstaunlich, Wirkung zeigten! Manches war so extrem trivial, dass es einen hinterrücks überholte, während man noch gähnte, und dann nach der Kurve als genial wieder auftauchte! Hermes musste zugeben, dass es funktionierte. Perfekte Trivialität, das war es, was die Menschen wollten. Keine Götter, um Gotteswillen! Von Verstehen durfte man schon längst nicht mehr reden; Verstehen war ja irgendwie, wenn er das recht verstanden hatte, eine Art Bevormundung von durch nichts legitimierten sogenannten Übersetzern, die sich anmaßten, fachkundig über das sprechen zu können, was doch jenseits aller Fächer und Schubladen und Kategorien war: das Schöne! das Werk! die – es juckte ihm auf der Zunge, leicht allergisch, so wie wenn er einen Hund sah – Kreativität!
Nun gut, auch Hermes konnte mit der Zeit gehen, wer sonst, wenn nicht er; er hatte sie so oft schon überholt mit seinen Flügel-schuhen, er kannte sie von hinten und von vorn, und am Ende war sie nur: eine entfernte Verwandte des Todes. Und so betrieb er weiter sein immer noch expandierendes Deutungsgeschäft, das in-zwischen unter den verschiedensten Titeln firmierte, eine Abteilung für virtuelles Verstehen hatte, eine politische Filiale für spin-Doktoren und framing sowie eine besonders gern in Anspruch genommene Expertengruppe für exotische und völlig abwegige Deutungen mit garantiertem Neuheitssigel (man hatte viele gut zahlende Kunden in der Wissenschaft). Er ließ sich jedoch nur noch selten sehen. Gelegentlich nahm er sich einige seiner Lieblingswerke wieder vor und gewährte sich ein kleines hermeneutisches Festmahl; aber dann rief wieder ein Notfall, eine politische Krise musste bewältigt werden, ein neues Narrativ gestrickt und mit Windesschnelle verbreitet unter den Meinungsbildnern der Zeit.
Heimlich aber arbeitete er an seinem opum magnum: dem Verstehen des Sterbens. Natürlich war er nicht davon betroffen, der Tod war ein Problem anderer Leute und von minderer Bedeutung für einen Götterboten; aber er war zweifellos die ultimative Herausforderung für den Sinn und das Verstehen, gerade weil er ihm so fremd war. Das Eigene verstehen, nun ja, das war ja gar nicht so schwer, wenn man den wesentlichen Trick einmal erkannt hatte: die Distanz nämlich, den Abstand, den man von sich selbst nehmen musste, den winzigen Schritt zurück vom Spiegel, und dann noch einen, und dann noch einen – und gerade wenn man meinte, sich nur noch ganz unscharf sehen zu können, sich selbst verloren zu haben, nur noch das Bild im Spiegel war da und es schaute auf einen zurück – kam mit einem Ruck die Einsicht. Der Tod jedoch war das Fremdeste für ihn, und in all den Jahrhunderten hatte Hermes nicht verstanden, wo er sie eigentlich genau ablieferte, die Sterbenden, die so verzweifelt um ihr Leben gekämpft hatten, ob-wohl sie doch wissen mussten, verstanden haben sollten, dass das keinen Sinn hatte!
Und so trat Hermes vor den Spiegel, der ewige Jüngling in seiner ewigen Jünglingsschönheit; und dann trat er einen Schritt zu-rück, einen winzigen. Und dann noch einen. Schon verschwammen die langen, anmutig geformten Glieder, die Schenkel, die ein Gedicht waren; noch einen Schritt, und auch die sanft gewölbte Brust geriet ins Unscharfe. Kaum spürte er noch die Flügel an seinen Füßen, jetzt waren auch sie fort. An seinen Augen wollte er am längsten festhalten, sie hatten durch die Zeiten geblickt und in alle Tiefen des Verstehens. Aber schon waren sie verschwunden. Und aus dem Spiegel blickte ein Wesen, alterslos, hilflos, flügellos, erdenschwer. Hermes fühlte einen vertrauten Schauer. Er – wer immer er auch jetzt war – hielt dem Blick stand, für einen Moment. Dann – aber nun versagen die Worte und die Begriffe – verschmolz er mit dem Wesen im Spiegel. Als er zurückkam, war er ein Anderer.
Sie hatte sich versteckt. Es war nicht ganz leicht gewesen, einen Ort zu finden, der offline war; das weltweite Netz erstreckte sich inzwischen bis in den letzten noch nicht abgeholzten Regenwald, überzog die wenigen noch nicht vollflächig betonierten Landschaften, ja ließ einen selbst auf den schmutzigen Eisschollen des dahingeschmolzenen ewigen Eises nicht allein. Unheil, Katastrophe, Untergang, so scholl es aus allen Kanälen, die social media quollen über von Verschwörungstheorien, in den Medien runzelten rund um die Uhr besorgte Experten die weisen Stirnen, auf den Kinoleinwänden wurde die Apokalypse zelebriert, immer schneller, immer schrecklicher, immer schöner. Allenthalben ‚Kassandrarufe‘, Kassandra konnte die abgegriffene, ausgelutschte, bis zum Erbrechen überstrapazierte Floskel nicht mehr hören! Sie wusste genau, all die Rufer hatten völlig vergessen (wenn sie es überhaupt jemals gewusst hatten!), wer das war, wer sie war, Kassandra. Sie kannten weder ihre Geschichte noch ihr Schicksal, und wenn sie vom trojanischen Krieg sprachen, meinten sie einen auch schon etwas in die Jahre gekommenen Hollywood-Film mit Brad Pitt. Kassandra hatte schon vieles verflucht, vom Gott Apollo an, dem schönen, alles überstrahlenden Gott des Lichts, der Heilkunst, der Wissenschaften und Künste; nach Troja aber hatte er die Pest ge-schickt, damals, er war parteiisch wie sie alle waren, die olympischen Götter, ungerecht, blindwütig, Tod bringend wie Leben schenkend im Zwinkern eines Götterauges. Eine Mondfähre hatten sie nach ihm, nach Apollo benannt, ausgerechnet! Sie hatte den besten Grund ihn auf den Mond zu schießen, sie allein. Ein Killer war er, der schöne Apoll; lachend hatte er die Kinder der Niobe getötet, alle sieben, mit seinem weitreichenden, nie fehlenden Bogen. Unzählbar waren aber auch seine Günstlinge gewesen, Männer und Frauen, und sie, Kassandra, war nicht die Geringste unter ihnen gewesen! Natürlich war sie damals seinem Charme erlegen, wie sie alle; und er war ihrer Schönheit erlegen, der sagenhaften Schönheit der trojanischen Königstochter Kassandra, die mit Aphrodite selbst in einem Atemzug genannt worden war! Ach, ihre vielgerühmte Schönheit. Sie war der stärkste Fluch, der eine Frau treffen konnte, stärker als Hässlichkeit, Nichtbeachtung, Schmähung gar. Warum sie Apollo dann im letzten Moment zurückgewiesen hatte, bevor er in sie eindringen konnte, mit einer Bewegung des schönen Kopfes nur, einem Zucken in den Mundwinkeln – sie wusste es selbst nicht genau. Sie hatte gespürt, dass er ihr sein großes Geschenk bereits gemacht hatte, die Gabe der Prophezeiung – sie sagte aber lieber: Weissagung –, die ihren ganzen jugendlich-prachtvollen Körper schauern ließ mit ungeahnten Gesichten und einem ganz neuen Gefühl: Sicherheit, Gewissheit, aber auch: Unentrinnbarkeit. In diesem Moment war sie hellsichtig geworden, und Apollo selbst war das erste Opfer dieser Hellsichtigkeit geworden, bevor sie es selbst noch verstanden hatte. Da hatte er sie verflucht, mit diesem verdammten Lächeln im immer noch strahlenden Gesicht, der Gewissheit des geborenen Gottessohnes und dem Hochmut des Herrn aller Orakel: Niemand wird dir glauben, Kassandra, merk dir das. Alles wirst du sehen, alles wirst du wissen, und niemand wird dir auch nur ein Wort glauben. Niemand! Und hohnlachend war er verschwunden, sein Strahlen leuchtete ein wenig nach in der dunklen Stube, und das Schauern ihres Körpers hielt noch Stunden danach an.
Natürlich hatte sie nicht gleich verstanden, was das bedeutete. Die Schwere dieses leichtfüßig dahingesprochenen Fluches hatte sie erst langsam eingeholt, und mit jeder einzelnen weit vorher gesehenen und dann doch, trotz aller Warnungen, eingetretenen Katastrophe war er schwerer geworden. Manchmal dachte sie, ihr ganzer Körper sei mit jedem Nichtgehörtwerden, mit jedem Mal-Wieder-Rechthaben schwerer geworden, er war jetzt so schwer wie ein kleiner Mond, und er zog mit seiner immer noch wachsenden Schwerkraft Katastrophen an wie kleinere Himmelskörper. Kaum konnte sie sich noch erinnern, was sie alles prophezeit hatte, von ihrem Gesellenstück, dem berühmten trojanischen Pferd an (ein Pferd! noch heute konnte sie der Gedanke beinahe zum Lachen bringen, es war ein seltsam ungeschickt zusammengeflicktes Wesen gewesen, eher eine Chimäre denn ein lebendiges Pferd, und nur der unbeirrbare Siegeswunsch der Trojaner hatte es zu einem Pferd belebt). Den Niedergang Roms, den Fall so vieler Staaten und Herrscher, die großen Epidemien, die ganze Erdteile ausgelöscht hatten, alles hatte sie vorhergesagt; geschrien und gewütet hatte sie gegen die Sinnlosigkeit der Kreuzzüge, die immer bizarrer werdenden Religionskriege, die Revolutionen, in denen sich Jahrhunderte der Unterdrückung blutig entluden und die man hätte vermeiden können, alle, mit nur ein wenig Klugheit und Voraussicht und Mut zur Wahrheit. Umsonst, alles umsonst. Wer hörte schon einer Frau zu. Eine Hexe hatten sie sie genannt, sie konnte schon gar nicht mehr zählen, wie oft sie verbrannt worden war, und noch im Sack hatte sie ihnen ihre Zukunft in die tauben Gesichter gebrüllt.
Dann war der sogenannte ‚Fortschritt‘ gekommen, und eine Zeitlang war sie auf einmal eine gefragte Person. Viele waren geradezu versessen darauf gewesen, die Zukunft in den düstersten Farben zu malen –weil man so viel Geld damit verdienen konnte! Die bevorstehende Apokalypse war ein Marktplatz geworden, wie alles andere auch, und an ein gutes Ende glaubten nur noch diejenigen, die mit ihrem Berufsoptimismus den Marktplatz gleich nebenan besiedelt hatten. Beide jedoch, die Untergangspropheten wie die Alles-wird-gut-Gurus, dachte Kassandra seufzend, litten an der gleichen Krankheit, inzwischen war sie überzeugt davon, dass sie angeboren war: Es war einer Art Realitätsblindheits-Gen, das es den meisten Menschen völlig unmöglich machte, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich war, interesselos, unbeteiligt, jenseits der eigenen beschränkten Wünsche, Hoffnungen und Verblendungen. Der Wunsch, dachte Kassandra, ist beim Menschen immer der Vater des Gedankens, und sein Denken ist deshalb männlich von Anfang an und von Grund auf: Es will nur Macht, Bestätigung, Eroberung, Überzeugung; an Erkenntnis ist es so wenig interessiert wie an Einsicht oder gar Wahrheit! Das hätte sie schon an Apollo sehen können, damals; er wollte gar nicht sie persönlich, so wusste sie nun, er wollte seine eigene Allmacht, sein eigenes Eroberertum, seine übermenschliche Blendungskraft bestätigt sehen. Und wahrscheinlich war es nur ein biologisches Versehen, eine Art Gendefekt, dass ausgerechnet sie von Anfang an die Welt so sah, wie sie war, und dass ihr ihre eigenen Wünsche fremder waren als ihre Gedanken. Einmal nur, einmal hatte sie sich einen Wunsch erlaubt; und wozu hatte das geführt?
Nun aber war ihr das alles endgültig zu viel geworden. Natürlich, man hatte auf sie gehört in letzter Zeit, man hatte sie ausreden lassen, aber was hatte es genützt? Nichts. Eine Inflation des „Man muss!“ in den Kommentarspalten, aber es waren nur Worte, immer größere Worte, denen niemals Taten folgten. Da hatte sie verstanden, dass Apollos Fluch in zwei Stufen gezündet hatte, so wie die nach ihm benannte Rakete: Die erste Stufe war das Nicht-Gehört-Werden, die zweite das Nicht-Handeln. Manchmal hatte Kassandra sich gewünscht, dass sie selbst andere Mittel gehabt hätte als Worte, aber noch nicht einmal die in 3-D aufs anschaulichste verfilmten Katastrophenszenarios hatten eine Wirkung gehabt außer einem wohligen Weltuntergangsgruseln. Nein, das Wunschdenken war sogar proportional zu jeder erkannten und benannten und gezeigten Katastrophe immer mehr angeschwollen. Jetzt war es schon eine Blase, die die ganze Welt umspannte – und sie meinte damit nicht das Internet (das Internet war nur eine moderne Variante des alten Chaos, unzähmbar und unendlich und unterhaltsam), sie meinte die unbedingte Verpflichtung aufs Positive, den ‚Alles-wird-Gut-Wahn‘. Demnächst, so sah sie aufs Genaueste, würde jeder Mensch spätestens mit Erreichen der Volljährigkeit einen Eid ablegen müssen, der ihn verpflichtete, jeden negativen Gedanken schon im Keim zu ersticken und stattdessen positiv zu denken, immer nur das Beste anzunehmen, allen und jedes zu lieben, zu bestätigen und zu umarmen, bis dass die ganze Erde erstickte an einer einzigen großen Umarmung, die keinem mehr das geringste Quäntchen verseuchter Luft zum Atmen ließ. Die Vorstellung vereinigte sich in ihrem düsteren Gemüt magisch mit einem ewig strahlenden Apollo, der die ganze Welt zu seiner Geliebten gemacht hatte, und niemand hatte sich mehr gewehrt, niemand. Es war aber eine Vergewaltigung gewesen, eigentlich, wenn man genau hinsah.
Kassandra aber sah, dass das Unheil kommen würde, es würde unabwendbar kommen und es würde alles vernichten. Es würde nur auf eine ganz andere Art und Weise kommen, als die Unheils-Industrie es prophezeit hatte. Es würden nicht die großen Katastrophen sein; so viele Klimakrisen hatte die Welt schon überstanden, Kriege und Flüchtlingsströme, Hunger und Mord, Dummheit und platte Ignoranz. Im Angesicht von Katastrophen hatte die Menschheit offenbar eine ans Wunderbare grenzende Anpassungskraft; sie würde eine neue Eiszeit überstehen und ein neues Mittelalter, einen Atomkrieg und das Verschwinden eines Großteils aller Arten (natürlich mit monströsen persönlichen Kosten, aber in solchen Kategorien dachte Kassandra nicht). Nein, die Menschheit würde sich selbst beenden einfach durch den Verlust an Lebensfähigkeit. Immer deutlicher sah Kassandra, wie sich ein neuer Virus ausbreitete, er hieß: ‚Niemand ist schuld‘, wenn sie noch schlechterer Laune war als gewöhnlich, nannte sie ihn auch den ‚Vollkasko-Virus‘, er war ein direkter Abkömmling des ‚Alles-wird-gut-Wahns‘. Niemand wollte mehr für irgendetwas verantwortlich sein; allerhöchstens noch sehr abstrakt für den Weltfrieden oder ein wenig für das Klima, aber ganz sicher nicht persönlich für seine Gesundheit, das Gelingen seiner Freundschaften und Liebesverhältnisse, die Erziehung seiner Kinder, die Entwicklung seiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten, die Art und Weise, wie er sein doch so hochgeschätztes und über alles Andere gestelltes Leben lebte. Nein, schuld war immer jemand anders, und wenn es nicht so ging, wie es hätte gehen sollen, hatte man Anspruch auf Schadenersatz. Dafür gab es schließlich Gerichte, und oh, die Gerichte, was urteilten sie, nachdem die menschliche Urteilskraft sich ganz darauf konzentriert hatte, entgangene Ansprüche auf voll-ständiges und allzeitiges Lebensglück in Zahlen umzurechnen!
Auch das hätte man schon aus dem trojanischen Krieg lernen können. Aber niemand hätte damals ahnen können, dass dieses ein Virus war, der Individuen befiel, und zwar umso stärker, je mehr sie sich als Individuen, als vermeintlich unverwechselbare, unersetzliche und von einer wundersamen Macht mit unveräußerlichen Rechten ausgestattete Einzelwesen sahen. Aber verantwortlich sein für das eigene Handeln, oh nein! Demnächst würden sie eine Versicherung einführen, die gegen jedes absehbare und nicht-absehbare Lebensrisiko absicherte. Und dann würden sie sicherheitshalber ihre vollausgestatteten, ‚intelligenten‘ Wohnhöhlen nicht mehr verlassen und das Leben ganz ins Virtuelle verlagern, wo man sich niemals ein Bein brechen oder auch nur einen klei-nen Zeh ein wenig anstoßen konnte geschweige denn etwas hören musste, was vielleicht ein fremdartiger oder gar ein erschreckender Gedanke war. Zurück in die Höhle, genau. Leben war einfach zu gefährlich, und die Glücksrente nicht zuverlässig genug. Aber wem sollte man das erklären? Es war keine Katastrophe, es passte nicht, wie man neuerdings sagte, ins Katastrophen-‚Narrativ‘. Es war einfach der schmutzig schleichende Gang der Dinge unter der Diktatur des Wohlfühl-Imperativs vereint mit dem Wunschdenken-Virus. Das menschliche Leben würde an sich selbst ersticken, in kleinen Schritten und ganz und gar unauffällig. Es würde stranguliert werden von den eigenen, immer feiner ausformulierten Verordnungen und Verboten, konnte man es nicht schon sehen an der Sprache? Himmel, wie sollte man denn warnen, wenn man jeden verstörenden Gedanken (und waren nicht die verstörenden Gedanken diejenigen, die einen weiterbrachten?) hinter einer bedeutungslos gewordenen Worthülle verstecken musste, so lange, bis die Worte nur noch ausgeblutete Hüllen von einstmals lebendigen Gedanken waren?
Kassandra sah sich um in ihrem Versteck. Es war eine Höhle, was sonst. Es gab da draußen keinen Platz mehr für sie, sie hatte sich selbst überflüssig gemacht. War sie gar – selbst schuld daran? Hatten nicht ihre unablässigen Warnungen dazu geführt, dass die Menschen nun im Angesicht der drohenden Katastrophen und Weltuntergänge ihr Lebensglück auf Raten in harter Münze ausgezahlt haben wollten, ohne jemals auch nur einen Groschen dafür eingezahlt zu haben? Hatte sie die Ängste fettgefüttert, die nun übergroß über einer Menschheit schwebten, die für sich selbst nur das Beste wollte und immer das Schlimmste befürchtete und niemals, niemals auf die Idee kam, dass das Leben dazwischen stattfand? Apollo, verflucht, dreimal verflucht seist du, Apollo, dachte Kassandra in ihrer Höhle, Gott des strahlenden Wunschdenkens und der aus dem Nichts kommenden todbringenden Katastrophe! Sie haben niemals aufgehört an dich zu glauben, auch ihr Einer Gott war ihnen nur eine Lebensversicherung, und die Hölle haben sie abgeschafft, weil sie ihnen im Weg war; wahrscheinlich würde man sie sonst heute einen „indigenen Lebensraum mit anderem Temperaturprofil“ nennen müssen! Kassandra bemerkte, wie bei dem Gedanken etwas in ihr aufstieg, das ihren Körper auf eine ganz neue Art schauern machte. Es war eine Art kleines Kitzeln, innen in der Kehle, und es drängte nach oben und wollte nach draußen, und auf einmal musste sie lachen; sie lachte, bis ihr der Bauch wehtat und die Tränen kamen, und dann lachte sie noch ein wenig weiter, weil es so wehtat und so befreiend war. Vielleicht war das ganze ja nur ein großer Spaß?
(Der Mythos erzählt, dass Kassandra später eine kleine Denkfabrik gründete, es war in den Anfangszeiten des großen „Alles-wird-gut“-Gelübdes. Sie lehrte dort, mit wenigen Anhängern und Eingeweihten, die Kunst des abwiegenden Urteils und des mäßigen Lebens und des befreien-den Lachens. Aber danach verschwindet ihr Schicksal im Dunklen der Geschichte).
Natürlich sind die Götter gesund. Wer vollkommen ist und unsterblich dazu, kann ja wohl nicht anders als gesund sein? Aber halt, hinkt da nicht jemand im Hintergrund durchs Bild, eine massive, etwas verkrümmte, ziemlich bitter dreinschauende Gestalt mit einem Hammer in der Hand? Ach so, es ist nur Hephaistos! Der Schmiedegott, ein grober Kerl, und auf dem Olymp eher geduldet; und macht er nicht wirklich eine lächerliche Gestalt mit seinem Hinkebein? Hermes macht ihn gern nach und zieht die Flügelschuhe wie gelähmt hinter sich her, und dann gibt es mal wieder ein homerisches, nichtendenwollendes Göttergelächter. Aber man braucht ihn, den hinkenden Hephaistos! Er ist nämlich geschickt, mit den Händen, er strotzt vor Kraft, und hat er nicht allen seinen hämischen Verwandten ganz wunderbare Dinge gebastelt? Aus seiner Werkstatt stammen der Zepter und der Donnerkeil seines Vaters Zeus, die Throninsignien sozusagen (man munkelt aber, Zeus sei gar nicht sein Vater gewesen, Hera habe Hephaistos vielmehr selbst gezeugt, Parthogenese, selbst ist die Frau, und dann das missratene Balg, das aus ihrem Schenkel kroch, zornentbrannt vom Olymp herabgeschleudert)? Der jungfräulichen Jägerin Artemis hat er den Bogen geschmiedet und Ares die prächtige Rüstung, für Poseidon den Dreizack geschärft und für Helios den Wagen entworfen, mit dem der Sonnengott nun stolz täglich seine Bahn zieht. Natürlich, das mit dem Netz, in dem er seinen Nebenbuhler Ares bei der schönen Aphrodite im Bett gefangen hatte, seiner Gattin, seinem ganz persönlichen Trostpreis für all die erlittene Schmach der ungerechten Göttereltern – das war schon ziemlich frech gewesen! Aber die olympischen Götter hatten dann doch beschlossen, darüber nichtendendwollend zu lachen. Hephaistos, ach, der arme Hephaistos! Was täte man nur ohne ihn?
Und nun hat er schon wieder einen neuen Auftrag von Zeus bekommen, seinem Rabenvater. Diesmal soll er zwei mechanische Dienerinnen zusammenbauen, wofür soll das nun wieder gut sein? Demnächst werden sie noch Krücken von ihm haben wollen! Oder Brillen, für all die blinden Dichter. Auf der Erde, bei den Menschlein, hat er gehört, gibt es eine neue Krankheit. Hatte Pandora etwa wieder einmal ihre Büchse geöffnet? Natürlich war auch sie sein Werk gewesen; aus Lehm hatte er sie geschaffen, weil Zeus der Meinung war, Prometheus sei immer noch nicht genug gestraft für den Raub des göttlichen Feuers. Und wie über alle Maßen schön war sie ihm geraten, ihm, dem hässlichen Hinkefuß! Noch stolzer allerdings war er auf die Büchse, Pandoras Geheimwaffe. Alle Übel der Welt solle sie enthalten, so hatte Zeus, sein Rabenvater, es ihm eingeschärft; und dazu noch die Hoffnung – denn nur so würden all die Übel erst zur vollen Entfaltung kommen! Es sei wie mit der Leber des Prometheus, immer wenn man gerade meinte, dass die Wunde sich schließe, wenn man in der Ferne einen kleinen Hoffnungsschimmer erahne, sich gerade aufzurichten beginne, um die Sonne wieder zu sehen, das allerfreuliche Licht – stelle sich heraus, dass es wieder einmal eine falsche Hoffnung war.
Hephaistos hätte man das nicht sagen müssen. Denn hätten die allmächtigen Götter, seine lieben Verwandten, nicht genauso gut sein hinkendes Bein heilen können wie es zerstören? Aber dann hätten sie ja zugeben müssen, dass sie einen Kranken unter sich geduldet hatten! Manchmal hatte er das Gefühl, er sei der Einzige, der einen gesunden Verstand hatte in dem ganzen Haufen, vor allem, wenn sie mal wieder in ihr berühmtes nichtendenwollendes Göttergelächter ausbrachen; ja, dass sie ihn sogar in einer schwer definierbaren Weise brauchten, und zwar nicht nur als Ingenieur und Erfinder. Ein gesunder Verstand in einem kranken Körper, das war er, Hephaistos, das Monster! Aber dann dachte er lieber wieder über die zwei mechanischen Dienerinnen nach, die er bauen wollte. Sie würden wie zwei kleine Menschlein sein, ununterscheidbar. Vielleicht würde er ihnen sogar ein Gehirn geben.
Nun kehrt der arme Odysseus nie mehr von seinen Irrfahrten zurück, und Penelope wird ewig an ihrem Teppich tagsüber weben und ihn nachts wieder aufdröseln. Aber dafür hat er ein paar unterhaltsame Gimmicks dabei, die Zusammenstellung erinnert ein wenig an das alte Spiel: Ich packe meinen Koffer für eine Mond-Expedition, und nehme mit – als da wären: eine Kamera (für Selfies, in jedem Mondkrater einzeln) und ein Kleinteleskop, mit dem er in jeden Krater schauen kann (und vielleicht auch zurück zur Erde, vielleicht sieht er ja Penelopes endlosen Teppich, inzwischen beinahe so lang wie die Chinesische Mauer?). Dazu ein Mondrechenzentrum, in dem er die Selfies speichern kann, und die Materialprobe eines Wärmeisolationsmaterials (immer praktisch für Außenmissionen). Schließlich: eine Zeitkapsel mit (unter anderem) dem Inhalt der englischsprachigen Wikipedia; und ein Kunstwerk, nämlich: eine würfelförmige Skulptur aus der Mondphasen-Reihe des Künstlers Jeff Koons, bestehend aus 125 Edelstahl-Kugeln, von denen jede den Mond in einer anderen Phase darstellt. Jede Kugel hat auch einen eigenen Namen, Buddha ist dabei und Konfuzius, Leonardo da Vinci und Mahatma Gandhi; aber auch Künstler wie Andy Warhol (das Gerücht sagt, ein Kunstwerk von ihm sei das erste auf dem Mond gewesen, geschmuggelt auf Apollo 12 von den Astronauten), Popstars wie David Bowie und sogar einige Frauen sind dabei (Ada Lovelace, Helen Keller)! Welch unendliches Potential für geistreiche Geistergespräche! Niemals wird sich der weitgereiste und endlich angekommene Odysseus, Liebling der Göttin Athene und Star der großen antiken Epen nun langweilen. Er wird weder die treue Penelope vermissen noch die betörende Circe noch die schöngelockte Kalypso. Er muss weder zu den Verstorbenen hinabsteigen noch sich zwischen Scylla und Charybdis entscheiden; die Sirenen wird er nie mehr singen hören, und sein sagenhafter Listenreichtum darf endlich, endlich in Rente gehen. Er wird von Krater zu Krater springen, immer schön warm eingepackt, das Teleskop unter dem bogenspannenden Arm, die Kamera immer dabei; und abends informiert er sich in Wikipedia über die Mond- und die Marskrater, die gescheiterten Mondmissionen vor ihm (der arme Apollo! So gern hätte er sich mit ihm unterhalten) und über die seltsame Neigung der Menschen, Verschwörungstheorien über Mondlandungen zu entwickeln. Dann schaut er ein wenig sein Kunstwerk an, von allen Seiten und sehr gründlich, und überlegt, ob man nicht auch ein schönes künstliches Pferd daraus bauen könnte; so eines, wie er damals den Trojanern untergeschoben hatte, eigentlich war es auch eine Art Verschwörungstheorie gewesen. Und dann schaut er in die ewige Nacht hinaus; und wenn ihn der Übermut überkommt, schreit er in die luftleere Stille: Ich bin Niemand! Niemand ist auf dem Mond gelandet!
Man hat sich den Autor als einen glücklichen Sisyphos vorzustellen. Er steht vor dem riesigen Berg, jeden Tag wieder, und er verflucht sein Schicksal. Doch eines Tages beschließt er, die Aufgabe freiwillig auf sich zu nehmen, denn auf einmal hat er einen gangbaren Weg gefunden: Er führt sanft über die Außenflanke und dann nur noch über einen ausgesetzten Grat hin zum Gipfel. Natürlich weiß er das Ende schon, am Ende wird, wie immer, der verdammte Stein wieder hinunterrollen. Was hatte er eigentlich Böses getan, um das zu verdienen? Irgendjemand musste ihn verleumdet haben! Natürlich, er hatte früher, bevor er ein Autor wurde, dann und wann den Tod überlistet, und der Tod war jemand, mit dem man sich besser nicht anlegte; auch mit dem Göttervater stand er nicht auf dem besten Fuß. Aber ihn deshalb gleich den "verschlagensten aller Menschen" zu nennen? Aber nun, was sollte man machen; die Götter hatten schon ganz andere Strafen verhängt, er dachte ein wenig melancholisch an Prometheus, an seinen Felsen geschmiedet, und jeden Tag kam dieser verdammte Geier und pickte ihm ein wenig an der Leber – nein, dann doch lieber seinen Stein, dabei blieb man wenigstens in Bewegung! Alle glücklichen Helden gleichen einander, dachte Sisyphos, und alle unglücklichen sind auf ihre Art unglücklich. Er hatte inzwischen den Stein ein ganzes Stück hinaufgebracht, über die Flanke war er schon hinweg. Und so schob er weiter und knirschte mit den Zähnen und der Schweiß floss in Strömen. Aber schließlich war auch der Grat überstanden, er war er oben und schaute hinab auf die sich auf der Rückseite des Berges erstreckende Hochebene, viele Wege führten über sie, er konnte fruchtbare Täler erkennen und tiefe Seen. Und gerade, als der Stein von sich aus wieder zu ruckeln begann und ein wenig schon in Richtung Abgrund rollte, gab ihm Sisyphos einen Stoß in die entgegengesetzte Richtung, schrie: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin“, und stürzte sich dem Stein hinterher.
Etwas, das traditionell auch nur Männer haben, ist übrigens ein Genius. Nun ist das ein Konzept, das auf seinem langen Weg von der „heidnischen“ Antike durch das Christentum hindurch bis in unsere (angeblich) vollsäkularisierten Zeiten ziemlich viele Schrammen bekommen hat. Heute fristet es ein eher kümmerliches Dasein als von gebildeten Bildungreisenden gelegentlich beschworener genius loci. Meinend, dass ein Ort, sei es ein natürlicher oder ein kultureller, eine gewisse Atmosphäre hat, eine merkliche Ausstrahlung und Anmutung, ein gewisses Etwas, einen vibe: alles Wörter, die zum Ausdruck bringen, dass es eine Art von Erfahrungen gibt, in bestimmten Situationen, unter bestimmten räumlichen Umständen, die zwar wahrnehmbar sind, beinahe greifbar – aber keiner präzisen Ursache zuzuschreiben, nicht zu erklären, höchstens annäherungsweise zu beschreiben, zu veranschaulichen. It’s a thing, wie man heutzutage gern sagt, und damit meint: Es hat eine Substanz, es ist da, wirklich und wirkend, wir können es nur nicht handlich auf einen (einzigen) Begriff bringen!
Genius nun – das war ursprünglich, bei den Römern (die Griechen hatten etwas ähnliches und nannten es daimon), der Schutzgott eines Mannes (und gemeint ist: Mannes, nicht Menschen). Er wurde ihm bei der Geburt beigegeben, vielleicht wurde er von den Sternen beeinflusst; er begleitete ihn sein Leben lang, war innere Stimme, Gewissen, Persönlichkeitsessenz und Schutzengel in einem. Und wenn der Mann starb, starb auch sein Genius. Wenn er sich aber in seinen leiblichen Nachkommen fortpflanzte – dann war der Genius das Prinzip, das die Zeugung erst ermöglichte. Von dem Verb für Zeugen kommt nämlich auch das Wort genius, und insofern ist es nur logisch, dass Männer einen speziell männlichen Genius haben, da für sie Zeugung etwas anderes bedeutet als für Frauen.
Für die römische Familie insgesamt war die Familie, war die Fortsetzung der Generationenlinie, gemeinsam mit der Pflege des Ahnenkultes, der Lebenszweck schlechthin. Dem Genius des Familiengeschlechtes waren deshalb auch in vielen Haushalten Altäre gewidmet. Für Frauen hingegen gab es (aber das ist in den Quellen noch unklarer als die meisten mythologischen Hintergründe generell sind) wohl eine Art Entsprechung in der iuno. Das war eine der römischen Göttin der Ehe und der Geburt nahestehende weibliche Geniusvariante, die für die Frauen ähnliche Dienste leistete, eben mit dem Unterschied: dass Frauen nicht zeugen, sondern gebären (und römische Ehefrauen brauchten ansonsten auch nicht besonders viel Persönlichkeit, das war nicht üblich und lenkte nur von den primären Regenerationspflichten ab!). Im Endeffekt ist es aber egal, wie wir es nennen, dieses thing; und vielleicht können wir das berechtigte feministische Ressentiment auch einen Moment lang zurückstellen für folgende Überlegung: Wie wäre es eigentlich , wenn man tatsächlich einen Genius oder eine Iuno hätte, und was würde man sich darunter wohl gern vorstellen?
Als erstes fällt einem natürlich ein Schutzengel ein, und das ist offensichtlich die am weitesten popularisierte Variante: Ja, die meisten von uns Sterblichen hätte gern ein himmlisches Wesen, das über uns wacht und uns in Gefahren beschützt; dass seine sanfte Hand und seine noch sanfteren Flügen über einen breitet, wenn man schläft; und dass einem einen freundlichen Nasenstüber gibt, wenn man morgens erwacht: Wieder eine Nacht überstanden, auf zu frischen Taten! Vertrauen wir ihm, wir haben es nötig in dieser Welt der Gefahren und Übel!
Die stärker dogmatisch-religiöse Variante wäre das Gewissen als innere Stimme, die uns kleine moralische Zurechtweisungen erteilt, wenn wir sie nötig haben: Jetzt reiß dich aber zusammen, hörst du! Nein, keine Schokolade, nicht noch mehr Wein, und über die Nachbarn lästern wir heute auch mal nicht! (der Dämon des Sokrates sprach übrigens auch nur in Verboten; was man positiv tun soll, das muss einem schon selbst einfallen)! Der Genius wäre dann derjenige, der den inneren Schweinehund vor sich her treibt; eine Art mentaler Hirte, aber dabei unbestechlich und auf eine etwas unausstehliche Art und Weise immer im Recht. Na gut, immer noch ziemlich trivial, aber vielleicht ja auch nicht zu unterschätzen in dieser Welt der immer noch anwachsenden Verführungen?
Die gleiche innere Stimme – oder sagen wir: eine etwas weniger moralinsäuerliche? – könnte uns generell immer dann etwas zuflüstern, wenn wir auf dem Wege sind, uns selbst untreu zu werden. Das kommt in den besten Persönlichkeiten vor. Denn, seien wir mal ehrlich: Niemand liebt uns so, wie wir sind! Aber mit nur ein klein wenig Verstellung, ein wenig Anpassung, hier ein wenig Schönen und dort ein wenig Vertuschen, mit gekonnter Seelen- und Körperkosmetik und vor allem: einem machtvollen Gedankenzensor – könnten wir ganz passabel und gelegentlich sogar liebenswert erscheinen. Kostet aber. Nämlich: nennen wir es („Authentizität“ ist schon zu sehr missbraucht von Leuten, die es mit elaborierter Konformität verwechseln): Wahrhaftigkeit. Treue zu uns selbst. Der Genius ist dann nicht so sehr ein Schweinehirt, sondern vielleicht eher: ein echter Freund? Jemand, der uns – nicht so liebt, wie wir sind, sondern: der uns so sieht, wie wir sind; und der es uns selbst sehen lässt. Oder, genauer gesagt: uns hören lässt, da der Genius mit einer eigenen Stimme zu uns spricht und keine Spiegel hochhält (er macht auch keine Selfies für uns). Der Genius spricht vielleicht schon die ganze Zeit; wir aber haben das Zuhören verlernt, es spielt auch immer irgendwo eine Playlist, die uns von jemand anders empfohlen wurde (notfalls auch von der KI; sie versucht gerade, einen Genius zu imitieren, halluziniert aber noch zu viel).
Damit sind wir schon ein ganzes Stück weit gekommen in der Bedienungsanweisung für den modernen Genius; aber etwas Entscheidendes fehlt uns noch. Nämlich, wir erinnern uns: der schöpferische Aspekt des Genius, seine zur Fortpflanzung über das Individuum hinaus (mit dem er ja auch selbst stirbt!) antreibende Kraft, sei es in Form der Zeugung oder des Gebärens – beides gehört ja nun offensichtlich zusammen, und wenn wir es nicht ganz so biologisch wollen (obwohl die Biologie ziemlich viel für sich hat, zum Beispiel: Kinder), können wir gern auch über geistige Zeugungen und Geburten sprechen (die metaphorische Verbindung zwischen künstlerischem Schaffen und biologischem Zeugen und Gebären ist sowieso so alt wie die Dichtkunst selbst). Ein ordentlicher, vollwertiger Genius in uns, unsere ganz persönliche Iuno – treibt sie uns zu irgendeiner Art von Schöpfung, Erschaffung, Erzeugung, Hervorbringung? (und nein, diese Reihe gipfelt mit voller Absicht nicht in dem auch schon seit langem mit Recht in die Wort-Mottenkiste getanen Substantiv „Selbstverwirklichung“: Wir alle werden im Moment unserer Geburt maximal verwirklicht, und von da an geht es eigentlich nur bergab, man wird immer weniger wirklich, bis man am Ende wieder ganz entwirklicht wird).
Aber das nur nebenbei, und zurück zum Genius/Iuno: Kann man nicht auch in Frieden mit seinem persönlichen Genius leben und sich dabei in Ruhe zurücklegen, sein Gärtchen anpflanzen (nein, ist Kultivierung und damit Erschaffung), seinen Job machen (sagen wir mal, sehr optimistisch: die meisten Berufe erschaffen irgendetwas, und seien es „nur“ menschliche Kontakte; Ausnahme: alles mit Mediendesign und Marketing, das schafft vor allem heiße Luft), seinen Haushalt führen (grenzwertig, aber, mit etwas gutem Willen gedacht: erhaltende Tätigkeiten sind eine schwache Abform von Erschaffung, und eine schön aufgeräumte und blitzblank geputzte Küche kann durchaus eine ästhetische Erfahrung vermitteln) – wo waren wir?
Also, nochmal von vorn: Kann man sich nicht in Ruhe auf seinem Sofa zurücklehnen und einen Serienmarathon starten? Natürlich darf einem dabei das Gehirn nicht in den Rücken fallen (die Metapher ist so wunderbar schief, das mein Genius darauf besteht, sie stehenzulassen!) und anfangen, irgendeine Deutung zu machen; oder man darf nicht nebenbei einen Schal stricken. Tatsächlich ist es nämlich gar nicht so einfach, vollständig unschöpferisch einfach so vor sich hin zu sein. Denken wir nur an den Schlaf! Himmel, welche schöpferische Aktivität, manchmal wünschte man sich schier ein Aufzeichnungsgerät für Träume, wie kommt der Kopf nur auf das Zeug? Oder ist das vielleicht – der Genius, der sich des Nachts am Freiesten austoben darf, wenn alles andere endlich schweigt, keine playlist, keine Serie, keine Werbung?
Welch eine schöne Idee! Nachts geht mein Genius spazieren, er spaziert durch die Windungen meines Kopfes, und manchmal macht er einen Sprung, und manchmal verläuft er sich, und dann wieder reißt er sich zusammen und schickt eine nur minimal verschlüsselte Mitteilung, die nicht zu ignorieren ist und mich verfolgt, wenigstens einige Zeit nach dem Aufstehen. Vielleicht sind nachts die meisten Menschen die größten Künstler, wir wissen es nur nicht? (ja, der Gedanke ist auch nicht neu….) Oder eben, und genauer: nicht Künstler, sondern Schöpfer: Denn auf das Kunstwollen kommt es gar nicht an, und schon gar nicht auf das Kunstkönnen (außer natürlich, man ist ein Künstler; aber das ist ein schweres Schicksal, und man sollte niemand darum beneiden). Nein, etwas zu machen, etwas hervorzubringen und zu gestalten, mit dem Kopf, mit den Händen, mit anderen Körperteilen – darauf kommt es an! Man sollte, sagt mein Genius gerade eben zu mir (er spricht ab und zu in falschen Zitaten), alles einmal versuchsweise so behandeln, als könne es eine schöpferische Aktivität sein (wenn man dann seinen Job wechseln muss – ist das vielleicht auch besser so?)
Vielleicht können wir das ganze Konzept, das ganze „Ding“, das genius heißt, am besten fassen, wenn wir ihn als unseres besseres Selbst (die „bessere Hälfte“ ist schon anderweitig besetzt, und sie würde vielleicht auch eine falsche mathematische Vorgabe machen) bezeichnen? Also: nicht als dasjenige Selbst, das wir immer so gern sein wollten, sondern als dasjenige, das wir mit Energie und Zustimmung und Entschiedenheit tatsächlich sind? Also: nicht diejenige fake-Persönlichkeit, die Erfolg und Anerkennung und ewiges Geliebtwerden verspricht, sondern diejenige Persönlichkeit, die wir selbst erst mühsam kennengelernt haben im Laufe unserer Lebensgeschichte, nachdem wir all die Schichten abgetragen haben, die Erziehung, Konvention und Ängstlichkeit um uns herum gesponnen haben – und die nun gestaltet werden will für den Rest unserer Tage?
Ob dieser „Besseres-Selbst-Genius“ dann ein Geschlecht hat, oder: ob er überhaupt eines braucht: das kann jede für sich selbst entscheiden (ich habe den Verdacht, dass meiner ganz gern androgyn ist; vielleicht sollte ich ihn Orlando nennen?).
Horaz, Briefe
Warum von Brüdern der eine das Feiern, Spielen, Sichsalben
vorzieht, sogar dem Ertrag der herodischen Palmen, der andre
trotz seines Reichtums mit grämlicher Miene von morgens bis abends
Waldland erschließt mit Feuer und Eisen, dafür kennt den Grund der
Genius, der unsern Geburtsstern regiert und der uns begleitet,
Gottheit von sterblicher Menschennatur, deren Antlitz sich jedem
einzelnen anders und wechselnd erweist, bald voll Ernst und bald heiter.
Ich halt es mit dem Genuß: Was ich brauche, entnehm ich bescheidnem
Vorrat. […] Ob sonst dann auf großem
Schiffe ich fahr oder kleinem: Ich bin und bleibe derselbe.
Wenn auch kein günstiger Nord die Segel des Bootes läßt schwellen,
steure ich dennoch mein Leben auch nicht gegen widrigen Südwind.
Kraft und Verstand, die Gestalt und der Wert, Besitztum und Herkunft:
alles das stellt mich ans Ende der Ersten, doch weit vor die Letzten.
Die Geschichte spielt in einem mitteleuropäischen Land, und sie berichtet von unruhigen Zeiten. Ihr Wahrheitsgehalt lässt sich nicht recht ergründen, vieles in ihr klingt wundersam und übermütig. Heute würden einige leichthin von Fake News sprechen. Aber sind nicht alle Geschichten, wenn sie irgendwie interessant und bedeutend sind – alternative Fakten? Sind nicht die Mythologie aller Kulturkreise unbestätigte Geschichten, weitergereicht von Ohr zu Ohr und von Hand zu Hand und dabei immer wieder verändert und so lange abgeschliffen, bis sie ganz rund und golden glänzen vor lauter Bedeutung und Symbolik? Wie diese Geschichte, die in einem mitteleuropäischen Land und in unruhigen Zeiten spielt, aber mit einem kleinen, nicht unwesentlichen Unterschied zur heutigen bewegten Gegenwart: Sie handelt von einer herrschenden Frau und Landesmutter; und sie erzählt den Gründungsmythos einer Nation, der nicht auf Gewalt und Völkermord und Vergewaltigung aufgebaut ist (wie bei Homer), sondern auf weiser Frauenherrschaft, ein wenig List bei der Gattenwahl und der Bescheidenheit eiserner Tische. Erzählt und wiedererzählt haben sie, von frühen böhmischen Chroniken des Mittelalters an, viele Dichter; Opern und Schauspiele tragen ihren Namen, Märchen und Gedichte. In allen Versionen schillert die Geschichte ein wenig anders, und es wäre verführerisch, all diesen Spuren nachzugehen (in einer Version hat die Herrscherin Libussa zum Beispiel eine wehrhafte Leibwache aus lauter Frauen, die sie nicht von ihrer Seite lässt!). Aber dieses ist das Internet, das Medium der kurzen Geschichten, in einer Zeit begrenzter Aufmerksamkeitsressourcen. Deshalb kommt jetzt das Kurzreferat der Herder-Version aus seiner multikulturellen Volksliedsammlung. Dort trägt es den Titel „Eine böhmische Geschichte“.
Erzählt wird also die Geschichte Libussas, der dritten, schönsten und weisesten Tochter des legendären Königs Krok in Böhmen. Gegen einigen Widerstand hatte er sie vor seinem Tod als Nachfolgerin eingesetzt, und das geht auch eine Zeitlang gut – jedenfalls solange, bis sie sich mit einem Oligarchen anlegt. Bei Herder klingt das so:
Wer ist Jene, die auf grüner Heide
Sitzt in Mitte von zwölf edeln Herren?
Weise Tochter, Böhmenlandes Fürstin,
Aber itzo spricht sie scharfes Urteil
Rotzan, einem Reichen. Und der Reiche
Fähret auf im Grimme, schläget dreimal
Mit dem Speer den Boden und ruft also:
»Weh uns, Böhmen, weh uns, tapfre Männer!
Die ein Weib verjochet und betrüget,
Lieber sterben als dem Weibe dienen.«
Die schönste Frauenfeindlichkeit also; lange Haare, kurzer Sinn, jaja, alles schon dagewesen, und: „Lieber sterben als dem Weibe dienen!“ Aber der Oligarch macht seine vielversprechende Drohung leider nicht wahr, sondern es ist an Libussa als weiser Frau, ihm zuzuhören und einen diplomatischen Ausweg zu finden, auch wenn es innerlich kocht:
Und Libussa hörts und ob es freilich
Tief sie kränkt in ihrem stillen Busen,
Denn des Landes Mutter, aller Guten
Und Gerechten Freundin war sie immer;
Dennoch lächelt sie und redet gütig:
»Weh denn euch, ihr Böhmen, tapfre Männer,
Daß ein lindes Weib euch liebt und richtet;
Sollet einen Mann zum Fürsten haben,
Heute pflegen wir die Geier „Falken“ zu nennen, jedenfalls wenn sie sich in der männlichen Kriegspolitik herumtreiben, und das ist nicht nett gegenüber dem Falken, der ein recht hübscher Vogel mit einem geradezu pausbäckig-gutmütigen Gesichtsausdruck ist, und was kann er dafür, dass er Mäuse jagen muss? „Tauben“ hingegen – nun ja, ein wenig langweilige Tiere, aber tatsächlich friedlich, und dafür muss man sie loben. Leben auch in ehelicher Treue ihr kurzes Taubenleben lang und sind Vegetarier. Libussa aber hat während dieser Digressionen in die Ornithologie nachgedacht und ist auf eine Idee gekommen. Denn sie verkündet, dass sie nun endlich gewillt sei, den Bund der Ehe einzugehen, um dem Land einen männlichen Herrscher zu bescheren:
»Morgen ist der Tag, wenn ich euch rufe,
Sollt ihr haben, was ihr wünschet.«
Alle Blieben stumm und tiefbeschämet stehen,
Fühlten alle, wie sie übel lohnten
Ihrer Treu‘ und Mutterlieb‘ und Weisheit;
Doch gesprochen wars und alle lüstern
Auf den Morgen, auf den Mann und Fürsten,
Gehn mit hellen Haufen auseinander.
Nun ist eine kleine Lücke in der Geschichte, so wie sie Herder erzählt. Er berichtet nämlich ganz grob nur davon, dass Libussa viele reiche und mächtige Bewerber schon abgewiesen hatte: „Wollte nie sich Hand und Thron verkaufen“! Anderen Quellen wissen hingegen, dass Libussa sich schon einmal verliebt hatte; in einen gewissen junge Premysl nämlich, dem sie auch ein Paar weiße Stiere verehrt hatte und dann zurück aufs Land geschickt, wo er sich nun einer magisch unterstützten Produktivität hingab. Aber die kluge Libussa hatte von ihrem Vater nicht nur die Weisheit, sondern auch die Gabe der Weissagung geerbt; und so verkündet sie nun den erwartungsvollen Männern und Fürsten am nächsten Morgen:
»Auf! wohlauf ihr Böhmen, tapfre Männer,
Hinterm Berge dort, an Bila’s Ufer
Soll mein weisses Roß den Fürsten finden,
Der Gemahl mir sey und Stammes Vater,
Fährt da emsig mit zwei weissen Stieren,
In der Hand die Ruthe seines Stammes,
Und hält Tafel da auf eiserm Tische.
Eilet, Kinder, Schicksalsstunde eilet.«
Die tapfren Männer packen Königsmantel und Krone, eilen weisungsgemäss zu den Rossen, machen sich auf den Weg und folgen dem weißen Pferd ihrer Herrscherin:
Bis an Bila’s Ufern überm Berge
Stand das Roß und wiehert einem Manne,
Der den Acker pflüget. Tiefverwundert
Stehen sie. Er schreitet in Gedanken,
Pflüget emsig mit zwei weissen Stieren,
Denn gefunden haben sie (vielmehr das kluge Pferd) – besagten Premysl, sein Name bedeutet der „Denker“, und als solcher erweist er sich auch gleich (im Hintergrund riecht es ein wenig nach Philosophenkönig, nicht nach magischem Stierdung). Denn er will eigentlich gar nicht König werden, und wenn es schon unbedingt sein muss, dann will er erst seinen Acker fertig pflügen und sein Mittagsmahl auf dem eisernen Tisch seines Pfluges einnehmen! Die Mahlzeit immerhin wird ihm nicht verwehrt, und er lädt sogar die Gesandten noch zum frugalen Mahl an der neuen, eben: eisernen Fürstentafel ein (es folgen noch ein paar Prophezeiungen, die weißen Stiere entschwinden in den Lüften, alles nicht wichtig für uns heute und hier). Beim Aufbruch stellt sich dann heraus, dass die Gesandten neben Mantel und Krone auch noch schicke Schuhe mitgebracht hatte; der Denker wehrt jedoch ab:
»Lasset, ruft der Fürst vom weissen Rosse,
Laßt mir meine Schuh von Lindenrinde,
Und mit Bast von meiner Hand genähet,
Daß es meine Söhn‘ und Enkel sehen,
Wie ihr Königsvater einst gegangen!«
Küßt die Schuh und barg sie in den Busen.
Am Ende werden die Liebenden vereint, und das Volk ist zufrieden, nachdem jetzt endlich ein Mann im Hause ist. Als Doppelspitze regieren Libussa und Premysl „gut und froh und lange, gaben treffliche Gesetz‘ und Rechte“, und die Pflugschar ruhte nicht im fleißigen Lande (von Gewehren hingegen ist nicht die Rede). Und so war, wie es sich in einem Märchen gehört, am Ende alles, alles gut – bis auf einen Nachsatz, den Herder, abgetrennt durch tiefsinnige Sternchen, anfügt (die Moral daraus zu ziehen, überlassen wir der geneigten Leserin, sie ist nicht unaktuell):
***
Und die armen Schuhe sind gestohlen,
Und der Eisentisch ist güldne Tafel.
Ich hatte mir geschworen, dieses Mal nicht zur kleinen Meerjungfrau zu gehen. Von einem jugendlichen Kopenhagen-Besuch hatte ich sie als traurigen Tiefpunkt eines verregneten Sightseeing-Tages in Erinnerung und als Inbegriff einer geradezu verzweifelten Melancholie: Sie schien mir damals weder besonders groß noch künstlerisch besonders wertvoll geraten, zudem unglücklich platziert an einer leeren Uferpromenade, wo das Meer weder besonders weit noch besonders erhaben war – nein, das war einfach wieder mal nur ein Trick, um nackte Frauen darzustellen und es „Kunst“ zu nennen. Und so bogen wir dieses Mal rechtzeitig von der Uferpromenade ab und entdeckten dabei eher zufällig die andere, wirklich imposante Jungfrau, die Kopenhagen zu bieten hat: Gefion nämlich aus dem Geschlecht der kriegerischen Asen, die über dem gleichnamigen Brunnen in Kopenhagen thront. Mit herrischer Gebärde, wehendem Haupthaar und einem Körperbau, der sehr wenig von weiblicher Anmut hat und eher regelmäßige Besuche im Fitness-Center assoziieren lässt, schwenkt sie die Peitsche über vier wilde Stiere, die sich widerwillig unter ihrem Griff hinwegbeugen. Sie steht ganz oben auf dem Brunnenfels, das Wasser sprüht in Stufen hinunter, und auf der untersten Stufe sind an beiden Seiten männliche Oberkörper angeordnet, die Wasser nach oben auspusten, ein wenig so, als wollten sie das herrische Heldenweib anspucken. Und einmal war ich der modernen Selfie-Sucht dankbar, denn die japanische Touristin in ihrem Designer-Kleid mit Hut und teurem Handtäschchen dazu (ein Hauch von Coco Chanel wehte daher), extrem zierlich natürlich, bildete den maximal vorstellbaren Kontrast zur wilden Gefion, die jedes Handtäschchen mit einem verächtlichen Blick und einem kleinen Schlag der Peitsche hinwegbefördert hätte, vielleicht in Richtung des männlichen Spuckers? –
Mein Mann schaute ein wenig eingeschüchtert und fragte, was es denn nun eigentlich auf sich habe mit dieser komischen Fixierung auf Heldenjungfrauen, die ja außerdem ziemlich wenig jungfräulich aussähen? Was mich auf die Rückfrage lenkt, warum es denn eigentlich keine Helden- nun ja: Jünglinge? gebe, also jugendliche Personen männlichen Geschlechtes, die ihre Unschuld noch nicht verloren haben? Warum haben wir kein Wort dafür, und warum gibt es auch+ kein, ach ja, nennen wir es ruhig so: kein Narrativ dazu? Das waren nun mehrere verschiedene Fragen auf einmal, aber Kopenhagen hat die wunderbarsten Cafés der Welt und die Internet-Verbindung ist zumeist fabelhaft und frei. Deshalb, der Reihe nach:
Gefion, oder: Heldenjungfrauen, die mit Stieren pflügen
Also, Gefion war eine Asenjungfrau, und Wikipedia belehrt uns, dass das ein generell ziemlich kriegerisch gesinntes Heldengeschlecht der nordischen Mythologie war. Wie immer sind die mit Gefion verbundenen mythologischen Anekdoten nicht ganz konsistent, aber so kann man sich schamlos die spektakulärsten Details hinauspicken. Also, Gefion, Beschützerinnen der Jungfrauen, Göttin der Familie und des Glücks und „rein wie der Morgentau“, konnte offenbar auch hinreißend singen. Deshalb schenkte ihr ein schwedischer Monarch, betört von ihrem – wilden? aufreizenden gar? oder doch eher jungfräulich-schamhaften? – Gesang so viel Land, wie vier Ochsen in einem Tag und einer Nacht pflügen könnten. Vielleicht war ihm das mit der Asenjungfrau nicht ganz klar, denn Gefion konnte nicht nur pflügen mit Ochsen; nein, sie hatte – zufällig wohl – vier gewaltige Ochsen zur Hand, ihre eigenen Söhne nämlich von einem Riesen (nein, wir fragen jetzt nicht, wie das wohl zugegangen sein mag und warum sie trotzdem eine Jungfrau blieb?), und die spannte sie ein, und sie pflügten in einem Tag und einer Nacht einen so tiefen Graben, dass er einen ziemlichen Happen Landes von Schweden fortriss – das heutige Seeland nämlich, die größte Insel Dänemarks; und dort lebte fortan die Heldenjungfrau Gefion, aber da sie ihren Job getan hatte, durfte sie sich verheiraten, und fortan leben sie – jaja, das übliche. Die Schweden erzählen die Geschichte übrigens etwas anders. Die Dänen aber sind stolz auf Gefion und haben ihr einen gewaltigen Brunnen gebaut, er ist gar noch nicht so alt, sondern wurde erst 1908 eingeweiht und im Wesentlichen finanziert von der Carlsberg-Stiftung. Es sprudelt trotzdem Wasser und kein Bier im Brunnen, und er trägt, den Asen sei Dank, auch kein Werbebanner.
Jeanne d’Arc, oder: Heldenjungfrauen, die sich als Männer kleiden
Die weitaus berühmtere Heldenjungfrau ist aber natürlich Jeanne d’Arc, die französische Bauerntochter mit den Visionen vom Heiligen Michael, die Frankreich im Hundertjährigen Krieg retten und dafür ihr Leben geben sollte. Die Geschichte wird jetzt nicht erzählt hier, sie ist ein paar Nummern zu groß. Aber sie zeigt recht hübsch, welche Vorteile allgemein mit dem Status einer „Heldenjungfrau“ verbunden sind: Denn wer sich derart starrköpfig den Freuden des Geschlechts- und Ehelebens verweigert, der muss es ziemlich ernst meinen mit der Sache, der er sich nun gerade verschrieben hat. Jungfräulichkeit ist also, unter anderem, eine Legitimationsstrategie; und die mit ihr verbundenen Attribute von Reinheit und Unberührtheit verschaffen wenigstens in gläubigen Zeiten den für Frauen nötigen Schutzraum vor männlicher Gewalt in der Öffentlichkeit (und nun gar im Krieg!). Natürlich wird dann medizinisch untersucht, ob das wirklich stimmt mit der Jungfräulichkeit (die weibliche Kommission bestätigte, im Falle Jeanne d’Arcs: ja, stimmt). Das, was Jeanne d’Arc jedoch auf den Scheiterhaufen brachte, war ihre Neigung zum – in moderner Deutung: cross dressing. Denn sich als Mann zu kleiden und das wallende Jungfrauenhaar zu einer männlich-praktischen Kurzhaarfrisur zu stutzen – das war nun wirklich Häresie und Teufelswerk!
Die kleine Meerjungfrau, oder: Heldenjungfrauen, die nicht lieben dürfen
Den Fehler machte Gefion nicht. Sie pflügt mit offenem Haupthaar, das nur über der Stirn in einen dekorativen Kranz gebunden ist; und ihr im weiten Bogen um sie herumfliegendes, eindeutig weibliches Gewand würde jede Arbeitssicherheitskommission zur Verzweiflung bringen. Es gibt eben verschiedene Heldenjungfrauen; und vielleicht ist ja sogar die kleine Meerjungfrau, wie sie da so sitzt auf ihrem Stein, nackt allen Blicken ausgesetzt, die Vergnügungsschiffe fahren an ihr vorbei und der Küstenschutz und das Militär, vom Ufer klingt Carlsberg-beschwingte Hafenromantik herüber und niemand, niemand liest mehr Märchen – vielleicht ist sie ja auch eine Heldenjungfrau? Eigentlich hatte sie sich ja, soweit ganz rollenkonform, in einen Königssohn verliebt und sogar ihren recht schmückenden Fischschwanz und die eigene Unsterblichkeit dafür geopfert. Aber ihre Liebe wird nicht erfüllt, und am Ende stirbt sie, unberührt, für ihren Geliebten und wird dafür zum Luftgeist erhoben (heute liest man das Ganze gern als Parabel für Hans-Christian Andersens versteckte Homosexualität, aber das ist nun wieder eine ganz, ganz andere Geschichte).
Jungfrauen beiderlei Geschlechts, Junker, Junggesellen und Spinster: Sprach-Geschichten
Der Königssohn aber darf natürlich ein erfülltes Liebesleben führen, ohne Meerjungfrau, und damit zurück zur Frage, warum es keine unberührten Heldenjünglinge gibt, und noch nicht einmal ein Wort dafür! Die Etymologie, eine beinahe so schwankende Wissenschaft wie die Mythologie, belehrt uns immerhin, dass ganz früher (also: ungefähr mittleres Mittelalter) „Jungfrau“ der geschlechtsneutrale Terminus für keusche Jugendliche beiderlei Geschlechts war – ein generisches Femininum, man denke und staune! Dann war eine Zeitlang „Junkher“ auch als Parallelbildung zur „Jungfrow“ möglich, wenn auch nicht sehr verbreitet. Der „Junker“ entwickelte sich im Verlauf der Sprachgeschichte dann erst zur Bezeichnung für jugendliche Adlige männlichen Geschlechtes, und von da aus – man könnte vermuten: mit Gründen? – zur abwertenden Bezeichnung einer bestimmten Mentalität, die von Dummheit, Prasserei und genereller Überheblichkeit gekennzeichnet war (das eindeutig negativ assoziierte „Junkertum“). Dafür gibt es nun wieder kein weibliches Äquivalent. Ebenso übrigens wie für „Junggeselle“, den unverheirateten Mann jeglichen Alters. Die „alte Jungfer“ liegt ja (ausnahmsweise: mit Recht) auf dem Müllhaufen der Sprachgeschichte und wurde auch sprachlich nicht ersetzt. Hingegen haben die Engländer noch ältliche „spinster“; das Wort ist abgeleitet von Frauen, die spinnen (also wörtlich: ein Spinnrad bedienen, und damit unter Umständen auch ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten). Nun gut, keine jungfräulichen Männer, aber dafür auch keine alten Jungfern mehr – das muss an Sprachgerechtigkeit für heute reichen!
Wir aber schließen mit einigen Goethe-Worten, die recht schön das Wesen von jugendlichen Geschlechterverhältnissen in Reime fassen („Gift“ meint hier übrigens, in einem altertümlichen Sinne verwendet: Geschenk; und die Wortbildung „gebärdig“ ist ein würdiges Kind der Vereinigung von „Jungfrown“ und „Junkhern“ in ihrer Blüte):
„Denn das ist Gottes wahre Gift,
wenn die Blüthe zur Blüthe trifft;
deszwegen Jungfern und Junggesellen
im Frühling sich gar gebärdig stellen.“
Es ist einer der Ur-Erziehungsgeschichten schlechthin. Sie spielt im antiken Griechenland und erzählt, wie der junge Herakles, in der Blüte seiner Helden-Adoleszenz und in Erwartung großer Dinge, über sein weiteres Leben nachdenkt und dabei an einen Scheideweg gerät, einen innerlichen wie einen äußerlichen, gefasst von dem Sophisten Prodikos in eine nur allzu-fassliche Allegorie. Es erscheinen dem jungen Heros nämlich zwei schon äußerlich sehr unterschiedliche Frauengestalten. Die eine ist aufgebrezelt wie Kim Kardashian und will ihn verführen; sie verspricht ihm ein Leben voller Genüsse und ohne jede Arbeit und Last und Zwang. Die andere, im schlichten Gewand und ungeputzt (nein, kein Beispiel fällt bei), will ihn überzeugen; sie preist ihm ein Leben im Dienste der Tugend voller Arbeit, aber auch voller Ehre an. Nun gut, der Erzähler hat einen ziemlichen bias in der Präsentation und rhetorischen Ausschmückung dieser Wahl, aber das war es gar nicht, was mich am meisten bei dieser Geschichte beschäftigte. Vielmehr versuchte ich mir vorzustellen, wie die Allegorie denn funktionieren würde, wenn Herakles – Herakleia wäre; also eine junge Frau, die versucht, eine Entscheidung über ihren Lebensweg zu treffen. Das ist nun eine berechtigte Frage, nicht nur am Internationalen Frauentag, und ich ging deshalb etwas in die innere Einsamkeit meiner Schreibstube und imaginierte mir zur Feier des Tages –
Herakleia, sie steht an einer Lichtung im Wald, und zwei Wege liegen vor ihr. Herakleia ist jung, hübsch, und es ist ihre Lieblingsstelle: ein Platz voller guter Gedanken (Plätze guter Gedanken erkennt man daran, dass man dort gern Yoga machen würde. Oder umgekehrt). Aber heute hat Herakleia zweifelnde Gedanken; sie knabbert an ihrer Lippe und denkt an ihre Zukunft. Da treten ihr zwei – nein, es sind gar nicht Männer-, sondern Frauengestalten entgegen! Natürlich ist es nett, sich den jungen Brad Pitt vorzustellen, in der Blüte seiner augenzwinkernden Verführungskraft; und der andere wäre vielleicht – nee, nicht Peter Sloterdijk, das würde so nicht funktionieren. Denn eigentlich, eigentlich, so dämmert es mir an dieser Stelle – müssen es wohl zwei Frauen sein. Sie ist schließlich nicht Helena, sondern Herakleia; und sie will sich nicht verlieben, sondern sich entscheiden!
Es nähern sich Herakleia also zwei weibliche Gestalten (nicht divers, das wäre noch eine andere Geschichte. Eindeutig weiblich) aus zwei verschiedenen Richtungen. Die erste läuft etwas unnatürlich, so also würde sie auf einem unsichtbaren Cat Walk entlang stolzieren; dazu passen auch die High Heels einer bekannten Designer-Marke, deren roten Sohlen grell im grünen Gras leuchten. Sie ist in ein enges Kostüm gepresst, man ahnt mehr als dass man es sieht, dass solche Körperformen außerhalb der virtuellen Welt nur durch Einsatz streng einschnürender Mittel geformt werden können. Ihre samtig-langen Haare hat sie Undinen-artig über die eine Schulter gelegt, reflexartig streicht sie immer wieder darüber, dann sieht man ihre Finger mit den langen künstlichen Nägeln schimmern. Überhaupt schimmert alles etwas an ihr, von der Haut über das Handy bis hin dem schmalen Pad, das sie aus einer schimmernden Designer-Tasche zieht; offensichtlich hat sie eine Powerpoint-Projektion vorbereitet. Sie schaut sich etwas unsicher nach einer Steckdose um –
Nein, so geht das nicht, ruft Herakleia energisch dazwischen. Sie rauft sich die Haare dabei. (Welche Farbe haben ihre Haare eigentlich?)
Wie bitte? (das hatte ich auch nicht vorhergesehen. Aber wenn Geschichten sich selbständig machen, soll man sie laufen lassen).
Das geht so nicht, wiederholt Herakleia, jetzt etwas sanfter. Total das Klischee, du hast zu viel amerikanische Serien gesehen! (Ja, könnte sein)
Ja nun, wende ich ein, das ist nun einmal das Wesen von Allegorien. Sie spitzen zu, sie übertreiben, sie machen Dinge übersichtbar, und damit landet man nun einmal bei Klischees. Es ist ja nicht so, dass Klischees nicht wahr sein können!
Ja klar, kapiert, literarisches Mittel, sagt Herakleia, etwas gelangweilt. (Woher weiß sie das?) Bin ja nicht blöd. Bin sogar gebildet (wtf???), bin ja nicht Herkules, das Ding mit der Keule fand ich schon immer ziemlich daneben. Ich habe aber auch die eine oder andere Spielzeugschlange getötet in meinem Babystuhl. Und nun gut, wir können dein kleines Allegorie-Spiel ja weiterspielen; aber darf ich das Gegen-Klischee machen? (das Bild der Dame mit den High Heels ist derweil stillgestellt; sie ist in einem ungünstigen Moment erwischt, ihr Gesicht zeigt eine Spur von Schwäche, von Unsicherheit, von -)
Dann mach mal, sage ich.
Also, holt Herakleia aus (sie hat braune Haare übrigens; oder hatte sie eben nicht noch blonde?): Ich sehe eine Frau, mittleren Alters, sie läuft etwas watschelig auf Birkenstock-Sandaletten daher, sie sind nicht mehr ganz neu. Ihre Kleidung ist – dem Wetter und der Gegend angemessen, zweckbestimmt, praktisch, sie hat auch viele Taschen. Ihren Händen sieht man an, dass sie viel arbeitet, sie sind etwas rauh und ein Fingernagel ist eingerissen. Ihrer Figur merkt man an, dass sie Kinder gehabt hat, mehrere wahrscheinlich; danach ist sie nie wieder so richtig in Form gekommen. Sie versprüht einen Duft nach - warte, gleich habe ich es! -, ja nach Essig-Reiniger und Milchpulver, mit einer Kopfnote von Kamillentee. Mache ich es gut bisher?
Dafür, sage ich, dass das Klischee ja gar nicht so sehr in Serien verbreitet ist, machst du es sehr gut. Immerhin hast du ihr keine Kinder an den Rockzipfel gedichtet –
Ja, sagt Herakleia, hatte ich überlegt. Aber man soll nicht übertreiben, wenn man übertreibt! (Jetzt spuckt sie auch noch altkluge Aphorismen aus!)
Gut, lassen wir es dabei, sage ich. Jetzt kommt der zweite Teil der Allegorie, die beiden großen Ansprachen. Ich mach dann mal weiter, wenn ich darf?
Aber bitte doch! (Herakleia hat sich wieder verändert. Ihre Hautfarbe ist dunkler geworden, das Haar – wird, noch während ich schaue, schwarz und kraus? Heilige Diversität, wo soll das noch hinführen?)
Also, übernehme ich mit aller Erzähler-Souveränität, die ich noch meistern kann (meistern, dafür hätte ich auch gern mal ein weibliches Wort!): Frau Nr. 1, nennen wir sie, um im Klischee zu bleiben: die Powerfrau, zückt ein dickes, gleichwohl elegantes Marken-Portemonnaie, es ist bis zum Rand gefüllt mit Kreditkarten aller Farben und Banken. Du wirst reich sein, sagt sie, nein, nicht nur reich, sondern superreich! Du wirst leben von der Arbeit anderer, die du niemals zu Gesicht bekommst, denk nicht an sie. Du wirst Erfolg haben, nein: du wirst die Super-Karriere machen, du wirst in Aufsichtsräten sitzen und Regierungen beraten, die Presse wird sich reißen um dich, und du hast so viel Assistenten und Assistentinnen wie du brauchst, damit du dich um rein gar nichts kümmern musst. Männer wie Frauen werden dir zu Füßen liegen –
Herakleia kann sich nicht mehr zusammenreißen, es hatte die ganze Zeit in ihr gegluckert, jetzt bricht sie in Gelächter aus: zu Füßen liegen, ehrlich? Auch noch koloniale Metaphern, oder was? Werden sie auch meine Füße küssen? Ich bin kitzelig an den Füßen!
Wenn du willst, knurre ich (das Gör! Nein, ich schaue jetzt nicht mehr hin, welche Farbe ihre Haare haben, wahrscheinlich sind es pinkfarbige Dreadlocks). Der Punkt ist: Du kannst Sex haben ohne Ende, mit wem auch immer, wann immer, wo immer, mit welchen Hilfsmitteln auch immer. Du wirst liebreizende, wohlerzogene, bildhübsche Vorzeigekinder haben, soviel und mit wem und auf welche Weise du willst; aber deine Geburten werden nicht schmerzen, und die Kinder werden dich nie belästigen. Du wirst durch die Welt in deinem Privat-Jet fliegen, in den hipsten Gourmet-Restaurants essen und die Sonne wird nie untergehen für dich!
Ach ja, sagt Herakleia verträumt, das habe ich mir schon immer gewünscht, direkt nachdem ich Indien fertig erobert habe, oder war es doch China? Und wahrscheinlich passiert auch all das noch klimaneutral und wer-weiß-wie-Öko-gelabelt? Bitte bitte! (sie schaut einen Moment wie Greta Thunberg, das war zu erwarten) Und Polarlichter, bekomme ich Polarlichter, zum Frühstück am besten?
Äh, sage ich, das war nicht im Rundum-Sorglos-Paket für die Erfolgsfrau. Kostet wahrscheinlich extra.
Finde ich schwach, sagt Herakleia. Soll ich den zweiten Teil wieder machen?
Aber sehr gerne doch! (ich sehe, wie sie nach und nach kahl wird. Es ist nicht gar nicht schlimm, weil sie einen schönen Kopf hat. Ihre Stimme wird dunkel)
Ich kenne dich Herakleia, und ich werde dir das Leben wahrheitsgemäß schildern. Vergiss niemals: Nichts Gutes geschieht ohne Mühe und Arbeit; und jedes Glück hat seinen Preis! Es kann sein, dass du Erfolg haben wirst in deinem Beruf; aber du musst deine Talente finden, sie aus-bilden, und dann brauchst du immer noch eine Menge Glück. Du kannst Karriere machen, wenn du willst; aber glaube ihnen niemals, dass du alles haben kannst! Wenn du Karriere machst, ist es möglich, dass du die Freu-de an deiner Arbeit verlierst. Du wirst viele Dinge tun müssen, von denen du nicht überzeugt sein wirst; du wirst Kompromisse schließen müssen; du wirst Fehlentscheidungen anderer ertragen müssen. An der Spitze wirst du allein sein. Ein Netzwerk ist keine Familie. Eine Familie hingegen ist ein Projekt, und es ist eines der schwersten, weil es lebenslang ist und Opfer erfordert. Du kannst Kinder haben, Kinder sind ein Segen, und sie werden dir Schmerzen, Arbeit und Mühe machen; sie werden dir Enttäuschungen bereiten, aber auch unvergleichbares Glück. Es ist gut, wenn du dafür einen Partner hast. Du solltest deinen Partner sorgfältig auswählen. Es hilft, wenn man verliebt ist, aber es hält nicht ewig. Nach der Verliebtheit beginnt die Arbeit. Du wirst nicht immer so jung und schön sein, wie du heute bist. Du wirst alt werden, und du wirst krank werden. Gesundheit wird nicht geschenkt; sie ist etwas, wofür man arbeiten muss, und es geht nicht immer gerecht dabei zu. Sogar der Genuss muss erarbeitet werden, wenn man ihn beherrschen will und nicht von ihm beherrscht werden will. Doch je mehr Sinne du ausbildest, desto mehr Freuden wirst du haben können. Du musst sie aber auch verlieren lernen, denn du weißt nicht, was die Zukunft bringt, und es könnte gut sein, dass es schlimmer wird. Wenn du etwas zum Guten bewegen willst auf dieser Welt, geht das nur durch Arbeit und Mühe. Eine Gemeinschaft funktioniert nur, wenn viele gemeinsam für sie arbeiten, ganz konkret und Tag für Tag. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es, hörst du! Und rede nicht zu viel davon. Sei sparsam mit Worten und sei sorgfältig mit Worten; aber schenke jedem, der es verdient hat, ein gutes Wort und ein Lächeln. Und vergiss niemals, niemals: Nichts Gutes geschieht ohne Mühe und Arbeit, und jedes Glück hat seinen Preis!
Ich bin sprachlos. Es war die Stimme der Vernunft gewesen, die gesprochen hatte, so klar und rein, wie man sie selten hört. Etwas Melancholisches hatte Herakleia beim Sprechen umschwebt, wie der kleine Dämon auf Dürers Kupferstich; einen Moment versuchte ich auch, sie als Athene zu sehen, mit dem Medusenhelm und einer Eule auf der Schulter, aber das funktionierte nicht, die Eule wollte nicht stillsitzen, und Medusa grinste. Und als ich wieder hinsah, war sie einfach nur – Herakleia, eine junge Frau, an einem Scheideweg in ihrem Leben und unsicher und voller Zukunft, die an ihrer Lippe knabberte.
Kulturelle Klischees, sagt sie (sie schaut in meinen Kopf. Auch das noch!). Du musst aber auch immer deine Lieblings-Heldinnen recyclen, oder? Wie wäre es denn mal mit einem zeitgemäßeren Rollenmuster?
Das war jetzt gegen die Spielregeln, sage ich. Du solltest ein Gegen-Klischee zur Powerfrau entwerfen, eine brave Hausfrau oder so, oder wegen mir auch eine grün-aktivistisch-bewegte Vorstadt-Mami, oder – ach, irgendwas konservativ- oder progressiv-biederes! Aber das war ja –
War mir zu langweilig, unterbricht mich Herakleia. Und überhaupt, wer hat sich eigentlich diese dämlichen Spielregeln ausgedacht? Ein alter weißer Mann, gell? (sie lächelt dabei, wir lächeln gemeinsam, und dann lächeln wir gemeinsam nicht mehr) Alte weiße Männer hatten einige ziemlich gute Ideen, sagte ich. Klar, sagte sie, und einige ziemlich schlechte Ideen. Aber vielleicht kommt es ja eher darauf an, sagte ich, überhaupt Ideen zu haben, vorher weiß man sowieso von den meisten nicht, ob sie gute oder schlechte sind? Macht aber Mühe und Arbeit, sagt Herakleia. Kann ich nicht lieber den Ruhm von den Ideen anderer Leute abernten? Machen wir doch gerade, sage ich. Das Scheideweg-Spiel ist ja die Idee von jemand anderem, die wir uns, wie soll ich sagen: angeeignet haben? Aneignung, sagt Herakleia, ist ok, aber nur wenn sie – „Mühe und Arbeit macht“ sagen wir im Chor.
Außerdem muss ich ja vielleicht nicht gleich ganz so vernünftig werden, sagt sie mit einem Augenzwinkern und einer Stimme, die wieder ganz jung ist und ein wenig ab und ab hüpft beim Sprechen, oder? Ich kann ja erstmal ganz was anderes ausprobieren, irgen-detwas dazwischen, mit High Heels und Arbeit und Mühe, oder mit Bir-kenstocks und dem MacBook? Die Schuhe hätte ich nämlich wirklich gern, egal welchen Weg ich dann damit gehe! Weißt du, und dabei dreht sie sich schon um, die ganze Allegorie ist halt eine ideelle Fehlkonstruktion. Es sollte kein Scheideweg sein, sondern eine Kreuzung. Mit ganz vielen Straßen, und man kann in ganz viele Richtungen gehen. Und man kann auch wieder umdrehen, wenn man erkannt hat, dass die Richtung falsch ist. Dieses ganze Entweder-Oder-Schwarz-Weiß-Szenario ist so – unproduktiv! Kann es auch ein Kreisel sein, rufe ich ihr hinterher, ihre Gestalt ist schon fast im Nebel ihrer Zukunft aufgelöst; und ich will eigentlich nur noch ein wenig mit der Metapher spielen und noch einen Moment selbst wieder jung sein. Das ganze Leben ist ein Kreisel, singt es zurück; es singt vielstimmig und ein wenig dissonant. Das ganze Leben -
Wer erzählt die Geschichte? Ich weiß gar nicht mehr genau, in welchem Zusammenhang diese wahrlich nicht nur literaturwissenschaftlich wichtige (nicht: relevante…) Frage in meinem Kopf auftauchte; es könnte sei, dass es nach der sehr verwirrenden Lektüre von Jonathan Swifts Tale of the Tub war, wo der Erzähler so übergeschnappt ist, dass er am Ende tatsächlich verrückt wird – und die Leserin ist froh darüber…. Wie auch immer, die Frage kam auf, und ich wollte sie mittels eines Experiments beantworten: indem nämlich eine allseits bekannte Ge-schichte, die nur in einer Erzählform existiert, aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt wird und man dabei beobachtet, was mit der Geschichte selbst passiert, mit den Figuren, mit der Handlung, mit Anfang und Ende, mit dem ‚Sinn‘ oder der ‚Deutung‘ – einfach allem. Eigentlich dachte ich dabei eher an ein Leser-Experiment; es wurde, und das passiert erfreulicherweise ziemlich häufig beim Schreiben, eher ein eigensinniges Schreibexperiment.
Aber welche Geschichte? Die ältesten sind die besten, und sie sollte auch nicht allzu kompliziert erzählt sein in der Originalfassung, sondern eher das Skelett einer Geschichte, ein Narrativ mehr denn eine story. Ich weiß nicht mehr, ob ich gleich auf die Bibel kam oder doch erst über Kafka nachdachte (was kein großer Schritt ist, wie demnächst klar werden wird); die Bibel wurde es jedenfalls, und um am Anfang zu beginnen, eine ihrer ersten Geschichten, nämlich: die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies (Genesis 2, 3). Jede meint sie zu kennen, die wesentlichen Elemente jedenfalls, die Hauptfiguren, die Handlung, das Anfang und das Ende – ob-wohl es schon beim Sinn ziemlich schwierig wird, und Deutungen haben zwei Jahrtausende christliche Theologie zu Schuttbergen übereinander gehäuft. Einen kleinen Skrupel wischte ich beiseite, wo er aber bis heute liegt und sich immer wieder ins Bild drängt: Man scherzt nicht mit heiligen Texten! Nein, tut man auch nicht, selbst als Atheistin oder Agnostikerin oder Spinozistin oder was auch immer tut man das nicht. Es ist aber kein Scherz, und deshalb kann der Skrupel doch an der Seite liegen blieben, wo er hingehört: Nein, ich habe den Text so ernst wie nur irgend möglich genommen, ich habe an ihm gearbeitet von allen Seiten, und er hat sich als stark erwiesen. Man kann das nicht mit jeder Geschichte machen, noch nicht einmal mit vielen (außer: mit Kafka). Aber es bleibt ein säkulares Experiment, das die Heiligkeit der Schrift für diejenigen, denen sie heilig ist, nicht tangiert. Sie verstehen den Text entweder für sich allein oder gar nicht (was ja auch nicht immer nötig ist).
Aber ich lernte nicht nur viel über das Erzählen und das Aufschreiben von Geschichten; nein, ich lernte auch einiges über die Bibel, was allein meiner Unbildung zu-zuschreiben ist. Denn wer war eigentlich der Autor des Buches Genesis bzw. des gesamten Alten Testaments? Bisher hatte ich immer nur die vier Apostel vor mir gesehen, wie sie dasitzen mit ihren Tieren, und hat Johannes nicht heimlich einen kleinen Kafka auf der Schulter sitzen? Oder Petrus und Paulus, wie sie durch die Gemeinden reisen und ihre Briefe vor- und nachschicken. Das AT jedoch? Staunend lernte ich, dass man sehr lange Moses als den Autor angenommen hatte; schließlich war er auch vom Berg Sinai mit den Tafeln gekommen, warum nicht gleich das Ganze, zumal er so eine zentrale Figur dafür ist und von hoher Integrität? Ich versuchte mir, Moses (den ich immer als Michelangelo-Statue mit kleinen Hörnern auf dem etwas cholerischen Kopf vorstelle) als Autor zu denken, es funktionierte nicht. Aber natürlich ist die Wissenschaft längst weiter. Und interessanterweise ist es genau die Paradiesgeschichte, die gemeinsam mit der er vorangegangenen Erschaffung der Welt ein erzähltheoretisches Problem aufwirft, das schon früh erkannt wurde: Die beiden Ersterzählungen von der Erschaffung des Menschen widersprechen sich nämlich offensichtlich. Die Details interessieren hier nicht, obwohl sie interessant sind; aber lange Zeit war man deshalb der Überzeugung, es habe zwei Schreiber gegeben, die die alte mündliche Überlieferung des Judentums zusammengefasst haben – aber eben jeder auf seine Art und Weise! Es war, wenn auch unabsichtlich, ein Erzählexperiment. Das berührt jedoch, es sei wiederholt, nicht die Heiligkeit der Texte für diejenigen, die an sie glauben (oder auch ‚nur‘ respektieren). Und Gründungsmythen sind selten widerspruchsfrei. Lassen wir also dem Erzählen freien Lauf und sehen, wohin es uns führt!
Genesis 2
7Und Gott der HERR machte den Menschen aus einem Erdenkloß, uns blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.
8Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Morgen und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.
9Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
10Und es ging aus von Eden ein Strom, zu wässern den Garten, und er teilte sich von da in vier Hauptwasser.
11Das erste heißt Pison, das fließt um das ganze Land Hevila; und daselbst findet man Gold.
12Und das Gold des Landes ist köstlich; und da findet man Bedellion und den Edelstein Onyx.
13Das andere Wasser heißt Gihon, das fließt um das ganze Mohrenland.
14Das dritte Wasser heißt Hiddekel, das fließt vor Assyrien. Das vierte Wasser ist der Euphrat.
15Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn baute und bewahrte.
16Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten;
17aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon ißt, wirst du des Todes sterben.
18Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.
19Denn als Gott der HERR gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere auf dem Felde und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, daß er sähe, wie er sie nennte; denn der wie Mensch allerlei lebendige Tiere nennen würde, so sollten sie heißen.
20Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre.
21Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm seiner Rippen eine und schloß die Stätte zu mit Fleisch.
22Und Gott der HERR baute ein Weib aus der Rippe, die er vom Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.
23Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin heißen, darum daß sie vom Manne genommen ist.
24Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen, und sie werden sein ein Fleisch.
25Und sie waren beide nackt, der Mensch und das Weib, und schämten sich nicht.
Genesis 3
1Und die Schlange war listiger denn alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von den Früchten der Bäume im Garten?
2Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
3aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Eßt nicht davon, rührt's auch nicht an, daß ihr nicht sterbt.
4Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet mitnichten des Todes sterben;
5sondern Gott weiß, daß, welches Tages ihr davon eßt, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
6Und das Weib schaute an, daß von dem Baum gut zu essen wäre und daß er lieblich anzusehen und ein lustiger Baum wäre, weil er klug machte; und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann auch davon, und er aß.
7Da wurden ihrer beiden Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, daß sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zu-sammen und machten sich Schürze.
8Und sie hörten die Stimme Gottes des HERRN, der im Garten ging, da der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter die Bäume im Garten.
9Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
10Und er sprach: Ich hörte deine Stimme im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
11Und er sprach: Wer hat dir's gesagt, daß du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
12Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von von dem Baum, und ich aß.
13Da sprach Gott der HERR zum Weibe: Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich also, daß ich aß.
14Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und vor allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang.
15Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
16Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, und er soll dein Herr sein.
17Und zu Adam sprach er: Dieweil du hast gehorcht der Stimme deines Weibes und hast gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen, verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang.
18Dornen und Disteln soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen.
19Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.
20Und Adam hieß sein Weib Eva, darum daß sie eine Mutter ist aller Lebendigen.
21Und Gott der HERR machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und kleidete sie.
22Und Gott der HERR sprach: Siehe, Adam ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, daß er nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!
23Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, daß er das Feld baute, davon er genommen ist,
24und trieb Adam aus und lagerte vor den Garten Eden die Cherubim mit dem bloßen, hauenden Schwert, zu bewahren den Weg zu dem Baum des Lebens.
Es begab sich aber vor langer, langer Zeit, da wohnten Adam und Eva, die beiden Menschen, die Gott geschaffen hatte einander als Gefährten und Hilfe, in einem paradiesischen Garten friedlich gemeinsam mit den Tieren und nährten sich von den Früchten des Gartens. In der Mitte des Gartens jedoch stand ein Baum, von dem sie nicht essen sollten. Gott, ihr Schöpfer, hatte ihn den ‚Baum der Erkenntnis von Gut und Böse‘ genannt und ihnen gesagt, dass sie sterben würden, wenn sie seine Früchte äßen. Doch die kluge Schlange sagte Eva eines Tages, dass das nicht wahr sein; sie könnten die Früchte essen ohne zu sterben, hinterher jedoch würden sie klüger sein, sie würden sogar sein wie Gott und könnten Gut und Böse erkennen! Und Eva ließ sich verführen von der Schlange, sie naschte von den verlockenden Früchten und gab auch Adam davon zu essen. Aber nach dem Genuss der Frucht gingen ihnen die Augen auf, sie sahen, dass sie nackt waren, und sie schämten sich. Gott jedoch, als er von ihrem Frevel erfuhr, sprach einen Fluch aus über sie: Sie würden künftig sich mühsam von den Früchten des Feldes ernähren müssen, das sie im Schweiße ihres Angesichts bearbeiten sollten, und die Frauen würden unter großen Schmerzen Kinder gebären. Und so verstieß Gott Adam und Eva aus dem Paradies; denn sonst hätten sie auch noch vom Baum des Lebens gegessen und hätten die Unsterblichkeit erlangt und wären unsterblich gewesen, wie Gott. So aber lebten sie fort in ihren Kindern, die die Frauen unter Schmerzen gebaren, von den Früchten des Feldes, die die Männer im Schweiße ihres Angesichts bebauten. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben ihre Nachkommen noch heute, das Paradies aber ist ihnen für immer verschlossen.
Singe mir, Muse, die Geschichte des uralten Menschengeschlechts,
wie es geschaffen ward, sich selbst zum Gehilfen und Gott zum Abbild,
wie es in Einklang und Frieden lebte mit Tieren und Pflanzen,
fernab der Zeit, im abgeschlossnen Ort, behütet, geschützt.
Doch dann kam sie, die Schlange,
des ewigen Widerers williges Werkzeug,
Und säuselnd und schmeichelnd flüsterte sie in ihr Ohr:
Brecht die Frucht, esst den leuchtenden, blütenprangenden Apfel
vom Baum der Erkenntnis! Gott zwar verbot es, doch wisst,
nicht sterben werdet ihr, nein, nur sehend werdet ihr sein,
wie Gott selbst! Und Adam und Eva aßen
den blütenprangenden Apfel, bis auf den harten Grips inmitten.
Doch aufsehend nach dem Genuss sahn sie mit Schrecken sich selbst:
Nackt, zwei Geschöpfe, nicht ganz gleich, nicht ganz anders,
doch einzeln für immer. Und Gott kam und sah ihre Schande.
Groß war sein Zorn, und zürnend sprach er zu ihnen:
Geht hinaus in die Welt, seid verstoßen für jetzt und für immer!
Im Schweiße des Angesichts esst euer Brot, in Blut und in Tränen
Gebärt eure Kinder, und am Ende, nach eines langen Lebens
Mühsal und Arbeit werdet ihr sterben. Staub zu Staub.
Und Gott, der Unsterbliche, Allwissende, wandte sich ab
Von seinen schwachen Geschöpfen, ihrem Elend und Jammer.
Natürlich war ich damals schon dabei, was denn sonst. Ich war die Schlange, die ewige Schlange, und schon vor dem Fluch des ungerechten Gottes war ich klüger als die anderen Tiere! Aber sie sahen auf mich herab, all die schönen Hirsche mit ihren mächtigen Geweihen, die Schwäne mit ihren zierlichen Hälsen, die Vögel mit ihren weiten Schwingen. Sie machten sich lustig über mich, mein Geschlängel, mein ihnen unverständliches Zischen, hinter dem ich schon immer meine Klugheit verbarg. Soll ich erzählen, wie es wirklich war, mit Schlangenverstand und Schlangenklugheit, wie es war von unten gesehen? Ach, die zwei jämmerlichen Geschöpfe, sie dauerten mich, wie sie so den lieben langen Tag durchs Paradies taumelten, hier naschten und dort ruhten und nichts von sich wussten, nichts von Gott und nichts von mir, der Schlange! Aber es war so einfach, sie zu verführen. Natürlich habe ich Eva zuerst verführt; nicht, weil sie schwächer und kleiner war, das war ich auch, nein, weil sie klüger war! Sie war der Nachkömmling, der Nachgedanke Gottes, nachdem er seinen Fehler erkannt hatte, seinen unsterblichen Fehler, nämlich: Nur ein Replikat zu fertigen, Adam, den Einzigen (waren wir sowieso nicht alle seine Abbilder? War nicht auch ich sein Abbild, sein schlängelndes, zischendes, verschlagenes Abbild? Warum nur diese Menschlein?). Der Plan gelang, er gelang ganz über Erwarten gut, und kaum hatten sie auch nur an der Frucht genascht, nahmen die Dinge ihren vorhersehbaren Verlauf: Fluch, Platzverweis, Jammer und Elend. Aber wer hatte gewonnen? Gott, der nun wieder einsame, der sich seiner Lieblingskinder entledigen musste, um gerecht zu sein, allgerecht und allweise und allmächtig? Oder ich, die ich nun zwar verflucht bin und Staub fressen werde mein Lebtag lang und von den Menschen mit Füßen getreten werde? Aber ich habe meinen Giftzahn behalten, und ich werde sie verführen und stechen und stechen und verführen, dass es eine Freude wird! Staubfressen hat noch niemand geschadet. Im Staub stecken Geschichten für viele Ewigkeiten.
Damals, kurz nach Erschaffung der Welt, lag die Erde im tiefsten Frieden. Und ganz in ihrer Mitte lag ein wunder-schöner Garten, vier Flüsse flossen durch ihn hindurch in alle Himmelsrichtungen, und er war umgeben mit einer kaum sichtbaren Mauer. Die Einwohner des Gartens aber wussten nichts von der Mauer. Sie wussten auch nichts von dem großen Gott, der sie erschaffen hatte und ihnen alles, was sie zum Leben brauchten, in diesem großen Garten geschenkt hatte: süße Früchte an den Bäumen und klares Wasser in den vier Strömen. Unschuldig tummelten sich die Schafe bei den Wölfen, und jedes Tier hatte seinen Namen und seinen Platz. Zwei Geschöpfe jedoch waren besonders: Sie hatten einen eigenen Namen, der nur ihnen allein gehörte, Adam und Eva nämlich; und sie konnten auf zwei Beinen gehen und mit ihren geschickten Händen die wundersamsten Dinge machen. Wäre es nicht schön gewesen, verehrter Leser, liebe Leserin, dort ein wenig mit ihnen zu lustwandeln und alles zu vergessen; kein Hader und Streit mehr, keine Sorgen und keine Nöte, nur süße Früchte und klares Wasser und einen ewigen Frieden mit allen Geschöpfen? Aber wir wissen, liebe Leserin, verehrter Leser, dass das nicht geht. Wir wissen es – weil wir es wissen. Hinter das Wissen geht kein Weg zurück, und wer einmal vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, hat seine Unschuld für immer verloren. Und so dachte Eva, nachdem ihr die Schlange – sie war ein liebes Geschöpf, die Schlange, sie schlängelte noch nicht und zischte noch nicht, sondern konnte sich aufrichten und sie sagte herzallerliebste Dinge! –; nachdem ihr die Schlange also zugeredet hatte, doch von dieser besonders süßen Frucht auch einmal zu kosten, sie selbst habe sie schon gegessen, und es sei nichts passiert, rein gar nichts –; so dachte Eva in aller Unschuld: Ich werde jetzt einen kleinen Biss von dieser so schönen, roten, runden Frucht essen; was soll schon passieren? Und herzhaft biss sie zu, und es schmeckte ganz wunderbar, auf den ersten Biss jedenfalls, doch schon beim zweiten meinte sie einen bitteren Beigeschmack zu spüren. Deshalb lief sie schnell zu Adam und sagte ihm, er solle doch auch einmal von dieser schönen, roten, runden Frucht kosten (sie verschwieg aber, woher sie sie hatte, der kleine bittere Beigeschmack in ihr flüsterte, dass sie das besser nicht sagen sollte), und Adam war ihr natürlich zu Gefallen und biss herzhaft zu – in diesem Moment stöhnte Gott auf in seiner tiefen Ruhe; es war ihm ein bitterer Gedanke gekommen, und Gott war es nicht gewöhnt, dass ihm bittere Gedanken kamen. Doch als er im Paradies ankam, war es zu spät. Beschämt standen seine zwei Geschöpfe, die zwei Menschlein, Adam und Eva da, sie hatten sich mit Feigenblättern bedeckt, sie wagten nicht mehr, sich gegenseitig anzusehen und schon gar nicht den zürnenden Gott vor ihnen. Eva aber dachte bei sich: Es war die Schlange, es war diese verfluchte – woher kam dieses Wort nur? sie hatte plötzlich so viele neue Wörter im Kopf, die sie vorher gar nicht gebracht hatte! – diese verfluchte Schlange, dieses schleichende Geschöpf, dieses böse Wesen; und Adam hätte ja auch ein wenig mehr Widerstand leisten können, aber jetzt stand er da, irgendwie hatte er früher schöner ausgesehen. Aber sie, nein, sie war nicht schuld! Und Adam dachte nicht nur, sondern sagte zu Gott: Es war Eva, mit ihrem Leichtsinn und ihrer Naschsucht – woher kamen ihm nur die Worte, er hatte sie doch sonst nie gebraucht? -, die ihm das eingebrockt hatte; und jetzt stand sie da, und irgendwie – sah sie schöner aus als früher, er wollte sie gern anfassen und – Und Gott sprach zu ihnen – aber was er genau sagte, verehrter Leser, liebe Leserin, das weiß ich zwar, aber Adam und Eva sollten es niemals wissen; denn sie hatten, kaum hatte Gott zu sprechen begonnen, die Flucht ergriffen, instinktiv, ihre Beine hatten sich in Bewegung gesetzt und sie waren auf das große Tor zugelaufen, das plötzlich offenstand, und dahinter war tatsächlich auch eine Welt! Sie liefen, bis sie vor Erschöpfung nicht mehr laufen konnten, und dann fielen sie sich gegenseitig in die Arme und auf den weichen Waldboden. Und so, verehrter Leser, liebe Leserin, kam das Böse in die Welt; gepaart mit dem Guten, seinem ewigen Widerpart, und unzertrennlich fortan mit dem Menschen!
Alle guten Geschichten fangen mit dem Anfang an. Wo aber ist der Anfang? War es der Moment, als Gott die Welt erschuf, die Ordnung aus dem Chaos kam, das Licht aus der Dunkelheit? Woher aber kamen das Chaos und die Dunkelheit, welcher dunkle Gott schuf sie? Vielleicht war der dunkle Gott so dunkel und verborgen und chaotisch, dass er selbst sich nicht sehen konnte, dass er selbst sozusagen den Überblick verloren hatte, so wie ich jetzt, der ich vor meinem überfüllten Schreibtisch sitze mit all diesen Ideen in meinem wirren Kopf, die übereinander poltern und auch ein wenig Erleuchtung bräuchten und sehr viel Ordnung, aber womit soll ich anfangen, dem Schreibtisch, meinem Kopf oder der Geschichte, und werden wir jemals, jemals wissen können, ob im Kühl-schrank das Licht aus ist, wenn die Tür geschlossen ist? Im Paradies brauchte man natürlich keinen Kühlschrank, es gab kein Verderben, es gab nämlich keine Zeit; immer glänzten die Früchte auf die gleich etwas unnatürliche Art im schönsten Rot, immer glitzerten die Blätter wie frisch betaut, und nur die Schlange hatte auf einmal das natürlich vollkommen unnatürliche Bedürfnis, sich zu häuten. Häuten, wer sich doch nur einmal richtig häuten könnte, von Kopf bis Fuß, ein neuer Mensch, der alte Adam abgelegt, die hässlichen Schuppen und Runzeln und Haare dort, wo sie nicht hingehörten; aber wir, wir können nur die Kleider wechseln. Götter aber brauchen keine Kleider. Tiere brauchen keine Kleider. Menschen hingegen – seit sie aus dem Paradies vertrieben wurden, brauchen sie Kleider. Nicht wegen der Scham, ach, das war von Anfang an nur ein Vorwand; nein, weil sie seit der Vertreibung uneins waren mit sich selbst. Adam wollte nicht mehr Adam sein, Eva nicht mehr Eva, allein die Schlange kicherte und zischte: Ich kann mich nämlich häuten, ätsch! Und so werden wir niemals wissen, ob im Kühlschrank das Licht brennt, wenn die Tür geschlossen ist; wir werden nicht wissen, ob Gott die Welt aus Verse-hen oder Ordnungswut oder einem reinen Überschuss an Kräften geschaffen hat; aber wir wissen, dass der Mensch ein Wesen ist, das Kleider braucht, im wörtlichen und im metaphorischen Sinn, und niemals wird das Kind mehr kommen, das dasteht und auf die neuesten Modepuppen zeigt und ruft: „Aber sie sind ja nackt, ganz nackt!“
Der personale Erzähler schaut Adam und Eva in die Köpfe
Wer ist der Fremde? Und warum schaut er mich so an? War ich nicht eben noch – nein, ich weiß nicht, wer oder was ich eben noch war. Alles ist auf einmal so – anders. Sogar die Tiere sehen mich so seltsam an. Sind sie gefährlich? Einige haben Zähne, das sieht bedrohlich aus. Und da unten, dieses Tier ganz unten an meinem Bein, es zischt so unheimlich, und es schaut – es schaut so, als würde es mich kennen. Geh weg, du blödes Vieh, was hast du da unten zu suchen? Schau doch, da oben fliegen die Vögel, die haben es gut, die können hinfliegen wo sie wollen, die sind – frei? Seltsames Wort. Ich kann ja auch einfach gehen. Ich gehe einfach mal los. Die blöde Schlange – ist das eine Schlange? – folgt mir, hau ab! Der Andere auch. Er sieht genauso verwirrt aus wie ich. Ich habe ein wenig – Angst vor ihm. Aber noch mehr Angst habe ich vor IHM. Dem Großen. Ich kann mich nur noch schwach an ihn erinnern, er war – sehr groß, er sah – nein, er hatte eigentlich keine Gestalt, aber man spürte ihn, ganz hier drin, da, wo es so seltsam pocht, mal langsamer, mal schneller, und der hat gesprochen, im Kopf drin, aber es waren keine Wörter, und – kommt er da nicht wieder? Und jetzt spricht er wieder in meinem Kopf, er spricht viel lauter als sonst, nein, er schreit, es ist nicht auszuhalten, ich muss weg hier, könnte ich doch fliegen wie die Vögel! Wird der Fremde mit mir gehen?
Wer ist die Fremde? Was will ich von ihr? Ich will etwas von ihr, ich spüre es genau, es bewegt sich in mir, es ist – wie Hunger, aber viel stärker, es rauscht, in meinem Kopf, in meinen Ohren, in meinem ganzen Körper, eben war doch noch alles ruhig und – anders irgendwie. Ausreißen. Ich könnte irgendetwas ausreißen, diesen Baum zum Beispiel, irgendwie sieht er – anders aus als die anderen Bäume, habe ich nicht gerade noch davon gegessen, es hat so süß geschmeckt und so bitter zugleich, und danach – war alles anders. Was macht die Fremde? Sie darf mir nicht weglaufen, sie sieht so aus, als wollte sie gleich weglaufen, vor dem blöden Vieh an ihrem Fuß und vor dem Anderen – dem Mächtigen, der früher da war, hat er uns verzaubert, hat er mir dieses Rauschen, diesen Hunger angehext, dieses neue Stück Fleisch an meinem Körper? Es bewegt sich, ganz von allein, es hat sich noch nie bewegt zuvor, und jetzt will es und will es und will – da kommt er, der Mächtige, ob er auch dieses Rauschen hat, dieses Wollen, dieses Müssen, er soll sie nicht anfassen, die Fremde, sie gehört mir! Mir? Wer ist das? Ich. Ich sehe seinen Zorn. Ich sehe ihre Angst. Ich muss weg hier. Wir müssen weg hier. Wir.
Es war ein entscheidender Moment in der Geschichte des menschlichen Geistes; vielleicht war es sogar der entscheidende Moment. Er unterteilte diese Geschichte in zwei Hälften, in ein Vorher und ein Nachher; und nie-mals mehr sollte es einen Weg zurück vom Nachher in das Vorher geben, so sehr sich das einige auch gewünscht haben mögen und bis heute wünschen. Aber man kann einmal Gedachtes nicht mehr zurücknehmen; und wer sich einmal im Spiegel gesehen hat, wird sein Gesicht niemals vergessen. Man nennt es: den Sündenfall; aber war es nicht eigentlich das Gegenteil, geradezu ein Aufstieg, ein Sich-Emporreißen aus dem reinen unbewussten Sein, aus den Tiefen der Instinkte in die Höhen des Bewusstseins? Seitdem weiß der Mensch; seitdem kann er ‚gut‘ und ‚böse‘ unterscheiden; seitdem kann er ‚Ich‘ sagen, denn ohne Ich gibt es kein Gut und kein Böse.
Natürlich kann ein Gott kein Interesse daran haben, dass ein Wesen ‚Ich‘ sagt: Es gibt nur ein Ich in seiner Welt, und es ist absolut. Aber dass sein Geschöpf, sein eigenes Geschöpf, genauso absolut sein wollen würde wie er: Hätte er es nicht wissen müssen? Vielleicht hatte Gott noch niemals zuvor in den Spiegel geschaut. Vielleicht ist es das, was die Menschen seither tun, ob er es will oder nicht: Gott einen Spiegel vorhalten. Es ist kein schönes Bild, und immer lauert im Hintergrund eine Schlange (aber war es nicht er selbst gewesen, der die Schlange erschaffen hat? Wer hat die Schlange verführt?). Aber wenigstens haben sie noch nicht vom Baum des Lebens gegessen, wird er sich sagen. Wenigstens sterben sie noch. Wer weiß, wie lange noch, mag er denken. Nur noch wenige gebären heute unter Schmerzen; nur noch wenige müssen im Schweiß ihres Angesichts ihr Feld bestellen. Und vielleicht rotten sie die Schlangen demnächst aus, wer weiß, wer weiß, und man muss ihnen noch dankbar sein dafür. Aber dafür haben sie sich selbst mit so vielen Spiegeln umstellt, dass der Glanz der Sonne zu verblassen scheint. Und immer kleiner werden sie in diesen ungezählten Spiegelbildern, immer schwächer werden ihre Stimmen, immer verletzlicher ihre Substanz. Und kaum noch kann man unterscheiden zwischen denen vor und denen im Spiegel.
Eigentlich war alles gar nicht so schlimm gewesen; nur hinterher nahm die Geschichte geradezu mythische Ausmaße an. Sie spielt in einem Garten, in einem wunderschönen Garten sogar; dort lebten Adam und Eva in Frieden mit sich und den Tieren, und wenn sie Lust hatten, naschten sie ein wenig von den reichlich dort wach-senden Früchten, und wenn sie keine Lust hatten, schliefen sie ein wenig oder unterhielten sich mit den Tieren, denen sie persönlich Namen gegeben hatten und die ihnen zutraulich die Hände leckten. Ihr Leben floss gleichmäßig dahin, ein sonniger Tag war wie der vorige und der nächste und der übernächste, und kann man es ihnen verdenken, dass sie irgendwann Lust auf ein wenig Abwechslung bekamen? Es war doch kein böser Wille dabei! Nein, als die Schlange auf sie zukam, die sie gut kannten, schließlich hatten sie ihr den Namen gegeben, und auch die Schlange hatte ihnen zutraulich die Hände geleckt – als die Schlange also an diesem Tag auf sie zu-kam und Eva mit den allerfreundlichsten Worten erzählte, sie habe von dem einen der beiden ganz besonderen Bäume gegessen, obwohl es doch eigentlich verboten war, und nichts sei passiert, gar nichts, sie sei nicht tot umgefallen, und die Frucht habe ganz ausgezeichnet geschmeckt, besonders irgendwie und anders als all die vorzüglichen Früchte an den anderen Bäumen, und es sei doch irgendwie ungerecht, dass man immer nur von den gleichen Bäumen esse, wo doch alle Bäume gleichmäßig Früchte trugen; – als die Schlange also so lieblich und freundlich und ganz vernünftig zu Eva sprach, da konnte Eva nicht widerstehen, und sehr vorsichtig, um den Baum nicht zu verletzen, nahm sie eine seiner verlocken-den roten Früchte in die Hand und biss herzhaft hinein, wie sie es sonst auch zu tun pflegte. Und der Zufall wollte es, dass auch Adam gerade vorbeikam und ein wenig Hunger hatte, und nachdem Eva und die Schlange ihm versichert hatten, dass es geradezu vernünftig und nur gerecht und zudem auch äußerst lecker sei, von dieser speziellen Frucht zu essen, biss auch er herzhaft zu. Und zuerst passierte rein gar nichts, nicht ein Zahn fiel aus, nicht ein Bröckchen blieb ihnen im Hals stecken, sie kauten wohlig und gründlich und aßen die Frucht bis auf den bitteren Grips. Doch dann – aber konnte es sein, dass sie sich das nur einbildeten? – verdunkelte sich auf ein-mal der immer sonnenklare Himmel ein wenig; und ein Hase hüpfte vorbei und leckte ihnen nicht wie sonst zutraulich die Hände, sondern verkroch sich schnell in seinem Loch und eine Taube über ihren Köpfen brach ohne jeden Grund in ein Jammergeschrei aus. Aber wahrscheinlich hatten sie sich das alles nur eingebildet, und das, was danach passierte, ist ihnen immer als ein böser Traum erschienen: Dass eine Gestalt erschien, nur schemenhaft wahrnehmbar (wer war das? Sollten sie ihm einen Namen geben?), dass sie sprach, in einer Sprache, die sie nicht verstanden, und dass die Gestalt ihnen eine solche Angst einjagte, dass sie davonliefen, so schnell sie nur konnten, mitten durch den Garten hinaus auf das große Tier zu und dann hinaus, ohne auch nur einmal zurückzublicken. Als sie wieder erwachten, war alles anders: Sie waren in einer neuen Welt, die sie nicht kannten, und die Bäume wuchsen wild und die Tiere flohen sie. Aber Adam und Eva waren eigentlich ganz zufrieden damit. Sie hatten noch nie viel darüber nachgedacht, wie sie ihr Leben gestalten wollten; sie waren eines Morgens im Paradies aufgewacht, das Leben war gleichmäßig und etwas langweilig gewesen, und ungezählte Morgen später erwachten sie an einem anderen Ort, der noch keinen Namen hatte, aber dafür viel unterhaltsamer war. Sie nannten ihn ‚Welt‘ und begannen mit der Arbeit.
Meine liebste Maria,
ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, es ist etwas ganz Furchtbares passiert! Du musst mir versprechen, es nie-mand zu erzählen; vielleicht habe ich das alles auch nur geträumt, ich zittere jetzt noch, wenn ich daran denke! Also, ich war mit Adam im Garten spazieren; wir sind einfach so durch die Wege gegangen, wie immer, und ich habe Adam die schönen Blumen gezeigt, du weißt doch, es gibt die schönsten Blumen dort, sie wachsen einfach ganz von selbst, und ich weiß auch nicht, wie sie heißen, das hat mich auch niemals interessiert. Und die Tiere sind um uns herumgesprungen wie immer, das Kaninchen frisst mir gern aus der Hand, das weißt du doch, und das Taubenpärchen war wieder da, sie kommen immer zu zweit, wie ich und Adam. Und wir sind einfach nur spazieren gegangen, ich weiß gar nicht mehr, worüber wir gesprochen haben, es ist auch ganz unwichtig und ich vergesse es immer sofort, sobald ich den Garten verlasse. Aber dann war da auf einmal ein neues Tier, das hatte ich noch nie gesehen! Es hatte einen langen glänzenden Körper mit einer in allen Farben schillernden Haut, es lief wie wir auf zwei Beinen und konnte sogar unsere Sprache sprechen! Zufällig standen wir gerade unter dem Baum mit den schönen roten Früchten daran, ich wusste gar nicht, wie er heißt, aber die Früchte haben schon immer ganz wunderbar geleuchtet, und ich habe kaum gewagt sie nur zu berühren. Doch dann flüsterte mir das neue Tier – es heißt Schlange, das weiß ich jetzt, aber vorher wusste ich es noch nicht – etwas ins Ohr, es klang ganz lieb und lustig und unschuldig, wir sollten doch ein wenig mit den Früchten spielen; es würde schon nichts passieren, und morgen würden sie sicherlich wieder so da hängen wie heute, prall und rot, selbst wenn wir sie versehentlich zu Boden fallen ließen oder in den Mund steckten! In den Mund stecken, was für eine komische Idee, dachte ich noch, aber dann dachte ich: Ist doch nur ein Spiel, lachte, nahm die schöne rote Frucht und biss einfach hinein. Und Adam riss sie mir aus den Händen, er wolle auch mitspielen, rief er, und noch niemals hatte ich gesehen, wie – schön Adam war, seine Augen glänzten wie der Himmel und seine Haut hatte einen seidigen Schimmer, und sein Mund war so rot wie der Apfel; genau, die Frucht heißt nämlich Apfel, meine liebste Maria, auch das weiß ich jetzt und wusste es vorher doch nicht! Und dann bekam ich ein ganz komisches Gefühl im ganzen Körper, ich kann dir das gar nicht be-schreiben, es war – irgendwie kribbelig und aufregend, aber auch gefährlich und irgendwie böse, ach, mir fehlen die Worte! Dabei habe ich doch so viele neue Wörter gelernt, nachdem ich in das rote Apfel-Ding gebissen hatte, sie schossen mir einfach so in den Kopf, ohne dass ich es wollte! Und das war so furchtbar unheimlich, meine liebste Maria, dass ich mich einfach umgedreht habe und weggerannt bin. Adam kam schnell hinterher, auch er sah ganz verändert aus, schwerer irgendwie, und am Ende folgte die Schlange, die jetzt auf einmal ihre Füße verloren hatte und sich am Boden entlangwand, das sah anstrengend und irgendwie schlimm aus, als würde sie für etwas ganz Furchtbares bestraft! Aber sie hatte doch nur mit uns spielen wollen, wir alle hatten nur spielen wollen, und jetzt ist der Garten verschlossen, niemals mehr werde ich zu den lieben kleinen Blumen gehen können, niemals mehr wird mir das Kaninchen aus der Hand fressen und niemals werde ich all die Worte vergessen können, die mir jetzt im Kopf herumschwirren wie eine Herde wildgewordener Wespen: Gut. Böse. Sünde. Schuld. Schmerz. Strafe. Ewig, ewig, ewig. Warum kann ich nicht vergessen, meine liebste Maria, warum kann ich den Garten nicht mehr finden, und was wird aus mir und Adam werden?
Ich weiß schon, dass ihr mir nicht glauben werdet! Nein, ihr habt mir niemals geglaubt, immer habt ihr euch über mich lustig gemacht, auf mich gezeigt, hinter meinem Rücken gelacht und gezischt und mit euren langen bösen Fingern auf mich gezeigt! Aber dieses Mal, dieses eine Mal werde ich es euch zeigen, ein- für allemal! Denn ich weiß schon, warum ihr mich in den Garten gelockt hattet; es sollte ein Test sein, eines eurer komischen Spiele, her-einlegen wolltet ihr mich, um dann auf mich zu zeigen mit den langen bösen Fingern: Guckt nur, der alte Adam, ist er nicht lächerlich, ist er nicht zum Totlachen lächerlich? Ich sehe eure Finger schon zucken, immer sehe ich eure Finger zucken, mit den scharfen Geierklauen daran, manchmal kann ich auch das Blut noch riechen, das ihr so sorgfältig abgewaschen hat, man kann das aber nicht abwaschen, das Blut des Bösen! Im Garten habe ich das Blut auch überall gerochen, hinterher jedenfalls; aber erst bin ich euch auf den Leim gegangen, oh wie dumm ich nur war, wie unendlich dumm, dumm, dumm, dumme Finger, dumme kleine Krüppel-Finger, warum habt ihr die Frucht gepflückt, die böse blutige Frucht? Aber da war ja Eva. Natürlich war da Eva, ihr habt schon immer gewusst, dass ich Eva nicht widerstehen kann, noch nie konnte. Eva, schon ihr Name machte meinen verzerrten Mund lächeln, und wenn sie lächelte – ach, ich war ein anderer Mensch, wenn Eva lächelte, ein reinerer, heilerer, einer mit schönen sauberen geraden Fingern, mit einer Seele … Aber das habt ihr gewusst, ihr Ungeheuer mit den langen bösen Geierkrallen! Jedes Mal bin ich drauf reingefallen, und diesmal wieder; und als Eva dann, mit ihren schönen weißen weichen Fingern mir die Frucht hinhielt und lächelte, ach so weich lächelte, ihr Lächeln war in der Frucht stehen geblieben, als sie hineinbiss – schlimme Finger, schlimme Krüppelfinger, sie nahmen die Frucht, sie fühlte sich feucht an, und dann biss ich in Evas Lächeln, das weiche, weiße und die Welt war für einen Moment – und dann hörte ich das Geheul, das Geschrei, das Gekreische, die ganze Welt kreischte auf mich ein und zeigte mit langen bösen Fingern auf mich, sogar das seltsame Tier, das ich für meinen Freund gehalten hatte, weil es keine Finger hatte, böse, böse, böse stimmte es ein in das Gekreische und ich rannte so schnell ich konnte, es schrie immer weiter in meinen Ohren, böse, böse, böse, und ich weiß, dass es niemals aufhören wird, niemals, hört ihr! Aber ihr werdet es auch hören, oh ja, diesmal ist euer kleiner Trick nach hinten losgegangen! Ich habe es doch gesehen, an Eva habe ich es gesehen, wie das Böse in sie kam, zuerst aß es ihr Lächeln und dann glitt es durch ihre Kehle hindurch in ihre weißen weichen Hände, die sich verkrümmten, und dann glitt es in ihren Bauch und schwoll an, als ob dort ein Ungeheuer – böse Finger, schlimme Finger, sie wollen sich um Evas Bauch schließen, sie wollen fühlen, was da wächst – aber zuerst werden sie sich um eure Hälse schließen, und ihr werdet ersticken an eurem Hohngelächter, wenn die Schlange euch erkennt! Rennt nur, rennt nur; oder glaubt mir nicht, lacht, kreischt, zeigt mit den Fingern, hackt euch die blutigen Finger ab, es ist alles eins. Aus euch kam die Schlange, und in euch kehrt sie zurück, und niemals, niemals werdet ihr das Blut abwischen können.
Der aufgeklärte Erzähler betreibt Herrschaftskritik
Aufklärung, das wissen wir, ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit; und welche Geschichte demonstriert das besser als die uralte Geschichte vom Sündenfall? Wir sehen Adam und Eva, oder auch: Eva und Adam, unserer aller Vorfahren; und welche Sünde sollen sie begangen haben und wofür wurden sie bestraft? Ihre Sünde, die Ursünde und einzige Sünde war: Sie haben sich einem Verbot widersetzt. Einem willkürlichen Gebot einer Autorität zweifelhafter Herkunft; einem absoluten Gebot, ohne jegliche vernünftige Erklärung oder Begründung; kurz gesagt, einem exemplarischen Akt tyrannischer Herrschaft. Ist es denn nicht lobenswert und im höchsten Maße vorbildlich, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen, nur auf die eigene Erfahrung und Anschauung zu vertrauen, die Natur zu erforschen im gezielten und wohldurchdachten Experiment? Adam und Eva, oder auch: Eva und Adam studierten die Bäume des Paradieses; sie waren frühe Natur-forscher, die nicht eher ruhten, bis sie von jedem, aber auch wirklich jedem Baum gekostet hatten; sie glaubten nicht einfach blind, sondern sie wollten selbst prüfen, urteilen, wissen. Wenn es doch wenigstens irgendeine Begründung gegeben hätte für das Verbot! Aber so war es nur ein Tabu, nackt, unsinnig, absolut. Und so machte Eva den ersten Schritt aus der Unmündigkeit, indem sie zu dem verbotenen Apfel griff; und Adam folgte ihr nach, nicht verführt, sondern als freier Agent und unabhängiger Prüfer. Der eigentliche Fluch aber war ihre frühere Unmündigkeit; sie war nämlich nicht selbstverschuldet, sondern verordnet und verhängt von einer dunklen Autorität, die sich niemals erklärte. Die Schlange aber, nie können wir ihr genug danken: Sie war das Werkzeug der immertätigen, nie ruhenden Vernunft, und wer nicht gelegentlich einer Schlange folgt, wird es nie zu einem freien Geist bringen.
Wenn es eine Geschichte gibt, die illustriert, was ‚toxische Weiblichkeit‘ ist, dann ist es diese! Es ist eine uralte Ge-schichte, und sie zeigt, wie die ewige Feindschaft zwischen Frau und Mann entstand; wie die Frau diese erzeugte, mit Hilfe eines willigen, männlichen Gottes, den sie verführt hatte, wie alle anderen; und wie die toxische Weiblichkeit sich fortpflanzte über alle Geschlechter und alle Geschöpfe! Denn Eva, die Zweitgeborene, war sie nicht herausgeschnitten aus der Rippe des Mannes, ein starkes knöchernes Geschöpf im Gegensatz zum erdver-bundenen, staubgeborenen Adam, dem Ur-Mann? Bis heute hat sich die Wunde am Mann nicht geschlossen, aus der das toxische Wesen kroch; sie selbst hält sie offen, um den Mann in bleibender, ewiger Abhängigkeit zu erhalten! Denn ging so nicht gleich der erste Fluch des willfährigen Gottes: Adam werde Vater und Mutter ver-lassen und fortan am Weibe hangen, der tückischen Eva, geworfen in die emotionale Instabilität, schutzlos, ausge-liefert? War es doch auch Eva, die völlig selbstherrlich die Entscheidung traf, den fatalen Apfel zu essen; sie weckte ihren Ehemann nicht, so fragte ihn nicht nach seiner Meinung, nein, Frauen diskutieren nicht – sie entschei-den, starrsinnig, machtgierig, ohne Blick auf die sozialen und menschlichen Folgen ihres Handelns! Adam hatte brav seinen Apfel zu essen, wie immer, er wurde ihm schmackhaft gemacht: lustig sei er anzusehen, und klug würde er machen! Die ewigen Versprechungen der Mächtigen! Aber hinterher will sie natürlich nicht schuld gewesen sein, die ewige Eva; nein, der Schlängerich sei es gewesen, und damit: ein männliches Tier (der hebräische Urtext verschweigt das nicht)! Seitdem sind die Männer schuld, von Anfang an; und es herrscht ewige Feind-schaft zwischen den Frauen und den Schlängerichen, die sich gegenseitig stechen und zertreten werden, jede Generation aufs Neue. Eva jedoch wird noch belohnt vom willfährigen Gott (und war das nicht ihr dunkler Plan gewesen, von Anfang an?): Ihr wird die wichtigste Aufgabe für das ganze Menschengeschlecht übertragen, die Geburt und Fortpflanzung nämlich! Die Männer dürfen dafür ackern, tagaus tagein, im wörtlichsten Sinne. Aber die Frauen tragen die Kinder, sie tragen die Zukunft aus, und ihre Gebärschmerzen sind nur ein geringer Preis für die damit verbundene Machtposition! So wurde Eva zur Alleinherrscherin, und bis heute ist das Paradies verschlossen geblieben von ihren Schergen, den geschlechtslosen Engeln.
Ich wünschte, es würde ein anderer erzählen. Ich bin eine einfache Schreiberin, und ich schreibe nur auf, was mir andere diktieren. Ich habe keine Phantasie, ich kann keine großen Geschichten, ich kann noch nicht einmal kleine erfinden; nichts habe ich mehr gefürchtet als das legendäre Lagerfeuer, und wenn die Reihe an mich kam, eine Geschichte zu erzählen – war ich schon geflohen. Aber jemand muss die Geschichte erzählen, auch wenn sie schon so lang her ist, gerade dann! Und es ist eine große Geschichte, sie verlangt nach großen Worten, den größten. Er aber hat mir den Auftrag erteilt, und ich habe nur kleine Worte. Deshalb kann ich nur sagen: Es war einmal – es war einmal, vor sehr langer Zeit, und es war in einem Garten. Der Garten war sehr schön, er war wunderschön – ach, er war über alle Worte schön, niemand kann sich das mehr vorstellen heute, wo ein paar Quadratmeter staatlich zugeteilter Schrebergarten das höchste der Gefühle sind. Aber er war von einem hohen Zaun umgeben, und niemand konnte herein oder heraus. Im Garten aber waren viele Tiere, ich kann sie nicht alle aufzählen, aber es waren – eben alle Tiere, so wie sie später auf Noahs Arche gelaufen sein sollen, von jedem ein Pärchen. Und es gab viele schöne Pflanzen, nützlich und hübsch anzusehen, nehme ich mal an. Denn eigentlich weiß ich nur von dem einem Baum, er stand ganz in der Mitte, und aus irgendeinem Grund durfte man nicht von seinen Früchten essen, obwohl er die allerschönsten hatte; es war ein bisschen wie im Schrebergarten, wo die schönsten Früchte auch immer im Garten des Nachbarn wachsen, die Erdbeeren viel größer sind als die eigenen und sogar die Gurken irgendwie – gurkenartiger. Natürlicher. Eines Tages jedoch, so geht die Geschichte weiter, und ich kann wirklich nicht sagen, warum, kam eine Schlange auf die Idee, Eva dazu zu verführen, doch von den verbotenen Früchten zu essen; so wie wir doch früher gelegentlich die Erdbeeren aus Nachbars Garten – aber davon sollte ich besser nicht erzählen. Und Eva ließ sich überreden, einfach so, und wahrscheinlich, weil es immer besser ist, etwas Verbotenes zu zweit zu machen, überredete sie dann auch Adam von den verbotenen Früchten zu naschen. Und hier würde ein großer Erzähler jetzt irgendeinen großen Trommelwirbel anbringen, der ganz klar macht, dass wir uns dem Höhepunkt der Geschichte nähern, dass etwas ungeheuer Wichtiges passiert ist, von äußerst schwerwiegenden Folgen – aber ich kann nur einfach sagen, dass die beiden natürlich bestraft wurden, was denn sonst. Sie hatten etwas sehr Verbotenes getan. Und es kam der Besitzer des Gartens, er hieß Gott, und das war früher ein sehr großer Name, heute aber kennen ihn nur noch wenige, von Namen oder gar von Angesicht. Und weil sie eben etwas Verbotenes getan hatten, schmiss er sie raus. Vielleicht hat er die Schrebergartenordnung zitiert – nein, das sollte nur ein Scherz sein, entschuldigt, ich kann das einfach nicht. Er hat sie einfach rausgeschmissen aus dem wunderschönen Garten, aber das war noch nicht einmal die richtige Strafe. Die richtige Strafe war, dass sie von jetzt ab wussten, dass einige Dinge verboten sind und andere nicht. Aber warum, das wussten sie nicht; niemals würden sie verstehen, warum man einige Dinge darf und andere nicht, warum einige ‚gut‘ sind und andere ‚böse‘. Und die schlimmsten Kriege würden sich entspinnen darum, was ‚gut‘ ist und was ‚böse‘; Gott aber war nach Hause gegangen und hatte die Schrebergartenordnung mitgenommen, sozusagen. Und das war schon die ganze Geschichte, und ich habe sie euch in seinem Auftrag erzählt.
Jemand muss die Geschichten kontrollieren. Wenn man die Geschichten nicht kontrolliert, können nicht nur Ge-rüchte und fake news entstehen, die sich bekanntlich in den social media virusartig ausbreiten; nein, es kann auch zu einer nicht verantwortbaren fortschreitenden Verwirrung in den Köpfen kommen, die es nicht mehr erlaubt, überhaupt zwischen Wahrheit und Lüge zu entscheiden. Zudem ist das Recht jedes Einzelnen an seiner eigenen Geschichte zu beachten. Deshalb kontrollieren wir die Geschichten. Folgende Geschichte hat das offizielle fake-free-Siegel erhalten sowie den PC-Unbedenklichkeits-Ausweis (digital) und die Freigabeerklärung aller Be-troffenen (soweit erreichbar).
In einem (zensiert) an einem geographisch nicht näher bestimmbaren Ort (Koordinaten geschwärzt) zu einer nicht näher beschriebenen Zeit (Kalenderangaben geschwärzt) kam es zu einer Konfrontation von drei Personen. Wir können nur aus Zeugenaussagen (Personalien geschwärzt) rekonstruieren, wie sich der Vorfall ereignete. Beteiligt waren ein mutmaßlicher Mann (Personalien geschwärzt; hier als Person A bezeichnet), eine mutmaßliche Frau (Personalien geschwärzt, hier als Person B bezeichnet) und eine mutmaßliche Schlange (hier aus Gründen des Personenschutzes und des Tierrechts als Zeuge A geführt), die sich als Zeugin zur Verfügung gestellt hat. Des Weiteren ein Wesen, das sich selbst als Gott ausgab (eine Identifizierung ist uns trotz massiven Einsatzes von digitalen Überwachungstechniken nicht gelungen). Der Vorfall begann damit, dass Zeuge A beobachtete, wie sich Person B eines Tages ohne jeden Anlass an einem der Bäume am Ort des Vorfalls vergriff: Sie pflückte eine Frucht (Art und Spezies nicht mehr ermittelbar), obwohl der Inhaber des Gartens, Gott, das strengstens untersagt hatte. Und Person B biss hinein, ohne die Frucht vorher ordnungsgemäß zu waschen und auf allergene Zusatzstoffe überprüfen zu lassen. Wir enthalten uns jeden Urteils über dieses sträflich leichtsinnige Verhalten und berichten weiter: Nachdem Person A offenbar Gefallen am Genuss der Frucht gefunden hatte, drängte sie Person B davon, ebenfalls in die Frucht zu beißen. Auch Person B ließ alle amtlich angeratenen Vorsichtsmaßnahmen beim Verzehr fremder Früchte außer Acht und biss herzhaft zu. Anschließend, so gab der Zeuge A zu Protokoll, begannen beide Personen ein äußerst befremdliches Verhalten zu zeigen. Sie waren beide mangelhaft bekleidet, man könnte sogar sagen: unsittlich bekleidet, zeigten jedoch vorher keinerlei Anzeichen von Scham oder Schuldbewusstsein angesichts dieses peinlichen Sachverhalts, der in einer anderen Situation geeignet gewesen wäre, massiven öffentlichen Anstoß zu erregen (dokumentarisches Bildmaterial ist vorhanden, kann hier jedoch aus Gründen des Personenschutzes nicht gezeigt werden). Nun jedoch erröteten sie merklich, zeigten gegenseitig mit dem Finger auch bestimmte Teile des jeweils anderen Körpers und begannen zudem, nun Zeugen A zu beschuldigen, er habe sie zu dem strafbaren Verhalten „verführt“ – was Zeuge A glaubhaft bestreitet, er sei nur ein unbeteiligter Zuschauer gewesen, der sich rein zufällig an diesem Ort aufgehalten haben, um seinen eigenen Angelegenheiten nachzugehen (wir verweisen wiederum auf das Bildmaterial). Als die Situation zu eskalieren drohte, weil die beiden Personen den Zeugen A massiv bedrohten, erschien der nicht weiter identifizier-bare Gott am Tatort. Er belehrte, so der Zeuge A, die Personen A und B in unzweideutigen Worten darüber, dass sie gegen die Gesetze und Verordnungen der besagten Örtlichkeiten verstoßen hätten (das gesetzliche Material konnte leider nicht ausfindig gemacht werden, die Suche in den Archiven, vor allem den noch nicht digitalisierten Teilen hält an), und verkündete ihnen die auf diesen Verstoß stehende Strafe: sofortiger Platzverweis mit einer damit verbundenen Auflage, diesen Ort nie wieder zu betreten! Die beiden Verurteilten zeigten keinerlei Widerstand gegen das Urteil, sondern verließen umgehend die betreffende Örtlichkeit, nachdem sie sich zuvor aus herrenlos herumliegenden Materialien eine provisorische Bekleidung zurechtgemacht hatten. Über ihr weiteres Verhalten kann Zeuge A keine sicheren Angaben machen, da er an dem Ort des Vorfalls verblieb, an dem er einheimisch ist. Er vermutet jedoch, dass sie seither unerkannt in der Fremde leben und die Ursache ihrer Ausweisung geheim halten. Gerüchte darüber, dass sich ihre erwiesene sittliche Unreife und ihr sozial schädliches Verhalten auf ihre reichlichen Nachkommen übertragen hätten, konnte Zeuge A weder bestätigen noch widerlegen; ebenso, ob sich besagter Gott weiterhin in dem Garten aufhalte und ob dieser noch öffentlich zugänglich sei. Wir geben jedoch zu bedenken, dass an diesem Ort offenbar Gefahren lauern, die von einem ungeschützten Besuch sicherheitshalber abraten lassen.
Sollte er wirklich die ganze Welt schöpfen, in nur sieben Tagen, und wer hatte eigentlich diese alberne Frist gesetzt? Sieben Planeten, sieben Wochentage, die tiefe, tiefe Symbolik der Sieben, zusammengesetzt aus der göttlichen Dreizahl und der weltlichen Vierzahl der Elemente – alles geschenkt, das hatten die Priester sich so ausgedacht und das war sein Job. Aber es war ja doch eine große Verantwortung: Da war diese leere kleine blaue Kugel, und sie sollte mit Leben gefüllt werden, mit möglichst vielfältigem, buntem Leben, mit Licht und Dunkelheit, mit Land und Meer, mit Gewächsen und Kreaturen aller Art! Tatsächlich hatte er schon viele Ideen, er hatte schon lange mit ihnen gespielt und war recht stolz auf einige von ihnen. Es schwebten ihm beispielsweise eine ganz besondere Art von Geschöpfen vor, die auf zwei langen Gliedmaßen gehen und springen konnten; mit zwei anderen Gliedmaßen sollten sie Dinge greifen und machen können, und ganz oben auf dem Körper hätten sie einen großen Kopf, mit dem sie sich – aber da war er sich noch nicht ganz sicher, ob es eine gute Idee war – sogar Sachen ausdenken konnten, ganz ähnlich wie er selbst!
Aber das würde nicht einfach werden. Deshalb würde er lieber mit den einfachen Dingen anfangen und die Welt selbst ein wenig formen. Also, gleich morgen würde er damit anfangen (Zeit war eigentlich nicht für Götter gemacht, die in der Ewigkeit existierten; aber die Priester bestanden darauf, dass es Zeit nur in diskreten kleinen Einheiten gab). Jetzt würde er sich ein wenig ausruhen, schließlich war es ein großes Projekt!
Und so verging dieser Tag, und dann verging der nächste, und weitere Gedanken und Pläne und Geschöpfe tauchten auf in seinem Götterkopf. Aber sie verwandelten sich die ganze Zeit, und dann war er wieder von Grund auf verunsichert: War es denn wirklich nötig und selbstverständlich, dass es Licht und Dunkelheit geben würde? Dass die meisten Geschöpfe im Licht leben würden, mit Löchern in ihren unterschiedlichen Köpfen versehen, die es ihnen ermöglichen würden, die Dinge im Licht zu sehen, nicht aber die im Dunkeln? Sollte man nicht wenigstens einige konstruieren, die im Schatten und im Dunkel blühen und glühen würden? Und überhaupt, Wasser und Land und Luft; wie würde er sie verteilen, die kleinen Landflecken im großen Ozean, und dafür sorgen, dass die Stürme nicht die Länder verwüsteten oder die Fluten die Flächen überspülten und die glühende Hitze ihren Gegenpol in den eisigen Polen finden würde? Wie würde er die kleinen Leuchtpunkte im Himmelszelt verteilen, die die Schicksale bestimmten? Ach, das war ein Problem für den nächsten Tag! Und er ließ seinen vom Denken schweren Götterkopf sinken und verschwamm in den unendlichen Meer von Zeit und Raum, das ihn als sein ureigenes Medium umgab.
Als Gott wieder erwachte, war es der vorletzte Tag. Er sollte wirklich gleich beginnen jetzt, es ging ja nur darum, erst einmal das Licht anzumachen. Eine Kleinigkeit, wirklich. Er begann sich auszumalen, wie schön die kleine blaue Kugel glänzen würde im göttlichen Lichte der Sonne, die er ihr zugedacht hatte; es würde ein sehr netter, wohnlicher kleiner Planet werden in diesem unendlichen Universum mit seinen unendlich vielen und in den meisten Fällen sehr unwohnlichen Planeten. Es würde, vielleicht, sogar sein Meisterstück werden: mit Geschöpfen, die ihm selbst ähnlicher sein würden als alle, die er zuvor geschaffen hatte. Aber natürlich würde es, wie all seine Schöpfungen, eine Welt auf Zeit sein; nur in der Zeit gab es Leben, da hatten die Priester schon Recht, und was in der Zeit lebte, war sterblich. Die meisten Lebensformen wussten das nicht, und das war besser so; sie führten ihr kleineres oder größeres, längeres oder kürzeres Leben in der ihrer Art zugemessenen Zeit, und dann machten sie Platz für ihre von ihnen selbst erzeugten Nachfolger. Diese neue Art Geschöpfe aber, die ihm vorschwebte – heimlich nannte er sie die „Krone“ seiner Schöpfung, aber das war eine verzeihliche Eitelkeit für einen alternden Gott; diese neuartigen Geschöpfe, was würde passieren, wenn sie ihre Sterblichkeit erkennen würden? Wenn ihnen klar würde, dass alles seine Zeit hatte unter dieser Sonne, und das Sterben und Geborenwerden ein Kreislauf war, dem keiner entkommen konnte, der geschaffen war?
Lange Zeit sann er diesem Gedanken nach; er versuchte sich vorzustellen, dass er selbst, wenn er sich als sterbliches, endliches, zeitlich begrenztes Wesen dachte, ein Ende haben könnte, und was das für ihn – aber nein, das war ein unsinniger Gedanke, er führte zu nichts. Lieber malte er sich noch eine Art bizarrer Fische aus, Tiefseegeschöpfe mit einem schwammigen Körper, blass und unförmig, manchmal sahen sie aus, als hätten sie eine Knubbelnase. Und dann noch einen Vogel unter dem Himmel, er war sehr klein und konnte unglaublich schnell mit seinen winzigen bunten Flügeln schlagen; und eine sehr große Art Reptilien mit einem sehr kleinen Kopf, die gefährlich aussah, aber eigentlich ganz sanftmütig war und Gräser kaute – und um all das zu erschaffen, hatte er ja schließlich noch morgen einen ganzen Tag!
Der letzte Tag brach an. Es war ein schlechter Tag, ganz generell und zum Schöpfen insbesondere; war es eine falsche Konstellation der Gestirne, ein Ungleichgewicht im unendlichen Universum, eine Ungleichmäßigkeit in dem unbegrenzten Strom von Willen und Dasein, der Gott war und aus dem er schöpfte? – es war ein schlechter Tag. Und es war so viel zu tun. Warum hatte er nicht viel früher begonnen mit dem Schöpfungsgeschäft? Was war passiert mit der Zeit, dieser üblen Erfindung des Priestergeschlechtes, dass sie sich so zusammendrängen konnte, wo sie doch eigentlich unendlich und fließend und unbegrenzt war? Wenn er jetzt gleich anfangen würde, würde er es vielleicht noch schaffen. Was wollte er noch einmal zuerst schöpfen? War es das Licht gewesen, das heitere allerhellende, oder doch die Dunkelheit, sein heimlicher, sanfter Liebling? Warum überhaupt musste es Licht und Schatten geben, war das nicht der Anfang allen Übels gewesen, der Grund der uralten Kämpfe mit seinem dunklen Bruder, dem abgefallenen Gegenteil? Ach, nun war es zu spät, um über all dies noch nachzudenken. Und so begann er mit der Schöpfung, ein wenig missgelaunt und zunehmend hektisch. Kleinere handwerkliche Fehler unterliefen ihm, die er gerade noch bemerkte, aber sollte er sie wirklich noch korrigieren in der Knappheit der Zeit? Ganz am Ende, es war kurz vor Zwölf, stand endlich das aufrechte Geschöpf mit dem großen Kopf vor ihm, schon begann sich ein kleines Licht in seinen Augen zu regen; und Gott blies ihm in einem letzten Akt, beinahe hätte man sagen können: der Verzweiflung, seinen Atem ein, auf dass es leben könnte und sterben müsste, alles zu seiner Zeit. Oder hatte er doch noch im letzten Moment einen Fehler gemacht, einfach, weil es nun so entsetzlich schnell gehen musste? Das Geschöpf blinzelte und schaute sich um. Beinahe öffnete es schon den Mund, da schlug die Uhr zwölf. Und Gott sah sich um und befand: Es war sehr gut.
Alle anderen Bäume waren schon lange gefallen. Sie stellten eine zu große Gefährdung dar für die Menschen, hieß es. Immer wieder fielen einmal Äste herab, das führte zu Verletzungen und Klagen und Schadenersatzforderungen, die die Gemeinden irgendwann nicht mehr bezahlen konnten. Und wer wusste schon, was da alles kreuchte und fleuchte im Unterholz, Zecken, Fuchsbandwürmer, Eichenprozessionsspinner zwischen potentiell giftigen Pilzen und Schlangen? Und war vor fünfzig Jahren nicht noch ein Tollwutbiss tödlich geendet? Nein, die Bäume waren gefallen, einer nach dem anderen, die vier Flüsse waren voll von toten Ästen, die überreifen Früchte am Boden verströmten einen modernden Geruch, und Tiere hatte schon lange keiner mehr gesehen; bis auf die Schlange natürlich, aber war sie nicht doch nur ein Mythos? Allein ein einziger Baum stand noch, ganz in der Mitte: Knorrig streckte er seine Äste bis weit in den Himmel hinein, beinahe konnte man die Spitzen nicht mehr sehen!
Die Fälltruppen befiel, als sie sich mit ihren schweren Werkzeugen dem Monster näherten, ein seltsames Gefühl, sie erkannten es kaum, war es – Zweifel? Aber sie waren doch nur Befehlsempfänger, niemals hatten sie daran gezweifelt, dass sie auf der Seite der Guten waren; es war doch nur gut gemeint, dass die Menschen geschützt werden mussten vor diesen bösen Baummonstern, mit ihren unberechenbaren Verzweigungen und Verästelungen, die immer nur wuchsen, einfach wuchsen, in den Himmel wuchsen. Doch da war dieses seltsame Gefühl, und als sie anfingen, den Baum genauer zu betrachten, die großen Motorsägen schon vor Erwartung zitternd in den Händen, erkannten sie, dass er zwei Hälften hatte. Ein sehr kräftiger Blitz musste ihn irgendwann einmal gespalten habe, der Riss ging mitten durch die Mitte, man sah noch die schon seit langem verkrustete Wunde. Und über dem Riss hatten sich zwei Hälften gebildet, die unabhängig voneinander weitergewachsen waren. Die eine war ganz überwuchert von Schmarotzern, die ihn von allen Seiten umrankten und umschlungen hatten; abgestorbene Äste hingegen seltsam verdreht hinab, andere schossen bizarr ins Nichts, und es herrschte eine unheimliche Ruhe in den Verzweigungen und leeren Höhlen. Die andere Hälfte war kleiner und schwächer geblieben, fast kümmerlich sah sie aus. Aber einige Vögel schienen dort noch bis vor kurzer Zeit ihre Nester gebaut zu haben, und hingen ganz weit oben nicht noch einige Früchte?
Während die Arbeiter noch schauten und die Motor-sägen schon vibrierten und heulten, entspann sich auf einmal ein Streit unter ihnen. Es sei doch klar, dass man zuerst den schwachen Teil entfernen würde; das sei eine leichte Aufgabe, es sei wenig Widerstand zu erwarten, und schon bald würde man die erste Pause machen können, so sagten die einen. Die anderen spürten ein vages Ziehen am Herz, als sie die kümmerliche Hälfte betrachteten; aber um das unangenehme Gefühl zu verdrängen, schrien sie umso lauter: Nein, zuerst den Monsterteil natürlich, jetzt seien sie noch kräftig und ausgeruht, und vielleicht würde man dann ja den kleinen – aber da wurden sie schon von der ersten Gruppe über-stimmt: Wie man denn nur auf so eine böse – seltsamerweise sagten sie "böse", sie wussten selbst nicht recht warum – auf eine so böse Idee kommen könnte? Es sei doch offensichtlich eine gute Idee, zuerst den schwachen – aber da konnte man schon kaum noch ein Wort verstehen, so laut heulten die Sägen, als sich die beiden Gruppen drohend aufeinander zu bewegten. Durch den Baum ging ein warnendes Rauschen, die wenigen Vögel flogen kreischend auf, und schlüpfte da nicht eine Schlange, beinahe wirkte es so, als habe sie Beine bekommen –
Ganz am Ende sahen zwei einzelne Arbeiter auf das Schlachtfeld zu Füßen des immer noch laut rauschenden Baumes nieder. Sie hatten sich, als das Gemetzel losging, schnell aus dem Staub gemacht; nicht, weil sie Feiglinge waren, aber aus irgendeinem Grund wehrte sich etwas in ihnen gegen diesen sinnlosen Streit, war es denn nicht egal, musste man sich denn immer auf eine Seite schlagen, sahen die anderen denn nicht, dass es nur ein Baum war, ein einziger alter Baum mit einer tiefen Wurzel; die Wurzel, das ahnten sie schon, wäre das eigentliche Prob-lem gewesen, nicht die Äste oder der verknorrte Stamm? Hatten sie denn gar nichts verstanden von den Bäumen?
Aus einem Impuls heraus warfen sie ihre Schutzkleidung von sich, sie rissen sich die Helme von den Köpfen, ja, sie begannen sogar, die Sägen zu demontieren. Der Baum beruhigte sich langsam dabei, sogar einzelne Vögel begannen wiederzukommen; und als sie die Metallskelette sorgfältig vergraben hatten und hochschauten, hatten sie das Gefühl, dass der Baum begonnen hatte, wieder zusammenzuwachsen. Er wuchs von unten her zusammen, die Wunde hatte schon begonnen sich zu schließen, und die Äste beider Seiten wiegten sich beinahe harmonisch im sanften Wind.
Man erzählt von den beiden, dass sie die Urahnen eines neuen Geschlechts waren. Es bebaute unter Schweiß den Boden und pflanzte neue Bäume. Und als ihre Nachkommen die ersten Früchte ihrer Arbeit ernten konnten, sahen sie: dass es gut war. Aber es interessierte sie nicht besonders.
Es war ein Tag wie jeder andere. Jeder Tag war ein Tag wie jeder andere, aber das störte sie nicht. Sie gingen zwischen den Büschen und Bäumen umher, und es war nicht warm und es war nicht kalt, und es gab andere Wesen, aber das ging sie nichts an. Doch eines der Wesen folgte ihn seit einigen Tagen. Es war ein Wesen, das sich am Boden entlang schlängelte, deshalb hatte sie es zuerst nicht bemerkt. Aber nun sahen sie es, egal wohin sie gingen; und beinahe hatten sie das Gefühl, dass es etwas von ihnen wollte. Sie selbst wollten nichts, denn sie hatten alles; sie hätten gar nicht wollen können, selbst wenn sie gewollt hätten.
Aber das Wesen wollte, und es ergab sich einfach, dass sie ihm folgten, wie es sich voran schlängelte, hindurch zwischen all den Büschen und Bäumen, und auf einmal standen sie in der Mitte des Gartens vor dem größten und prächtigsten aller Bäume. Niemals zuvor hatten sie ihn so gesehen, wie sie ihn heute sahen, als sich das Wesen an ihm emporzuwinden schien: Er hatte rote, weithin leuchtende Früchte, prall und rund, und etwas in ihrer Brust schien sich zu regen. Es war, als würden ihre Herzen auf einmal in zwei Hälften zerfallen, und die eine davon schien ihnen zuzurufen: Greif zu, beiß hinein, genieß es; danach wird alles anders sein als zuvor, und wirst sein wie ein Gott, frei und allwissend! Und das Wesen am Boden nickte dazu.
Die andere Stimme aber schien ihnen zuzurufen: Lauf weg, so schnell du kannst; schau, es gibt so viele andere wunderbare Bäume in diesem Garten, du hast von ihnen allen schon gegessen und niemals Not gelitten, und es wird alles sein wie jeden anderen Tag auch und du wirst deinen Frieden haben!
Aber das Wesen am Boden gab keine Ruhe, es sprach jetzt in ihnen und in ihrem Herzen immer lauter, und es war nicht auszuhalten, dass ein Herz in zwei Hälften zerfallen konnten, die beide in einem anderen Takt zu schlagen schienen, das eine gleichmäßig und ruhig, das andere aufgeregt und mit Sprüngen dazwischen. Und um dem ein Ende zu machen, griff sie schließlich kurz entschlossen zu einer der prallen, roten Früchte und biss hinein; und sie fühlte sogleich, wie sich ihr Herz wieder beruhigte, aber es schlug jetzt schneller als vorher.
Die Schlange – es war eine Schlange, das wusste sie jetzt – hisste zufrieden, und sie pflückte schnell noch eine der schönen roten Früchte und hielt sie ihm hin. Er schien zu zögern, sie sah, wie es in seinen Augen hin und her arbeitete, aber dann griff auch er zu und biss hinein. Sogleich beruhigte sich das Flackern in seinen Augen, sie schienen auch heller zu leuchten als zuvor, und sein Blick wurde lebendig und flink und huschte zwischen den Bäumen hin und her.
Und während sie noch da standen und an ihren roten Früchten knabberten und der Garten um sie her mit jedem Bissen heller und deutlicher zu werden schien und die Schatten der Bäume mit jedem Bissen dunkler und bedrohlicher: während sie zum ersten Mal die Sonne sahen, prall und leuchtend gelb am Himmel, und die Erde, saftig und braun unter ihren Füßen: und während sie auf einmal zu frösteln begannen und nach etwas suchten, um sich zu bedecken – stand auf einmal das andere Wesen vor ihnen. Das Große.
Die Schlange duckte sich furchtsam vor ihm, und ihre Herzen schlugen wieder in zwei Takten, und sie schlugen ihre Augen nieder, weil das Wesen zu strahlen schien, heller als die Sonne. Eva, sagte es zu ihr, und Adam, so nannte es ihn: Ich hätte es besser wissen müssen. Ihr seid Fleisch von meinem Fleisch und Geist von meinem Geist. Für immer werden jetzt zwei Herzen in eurer Brust schlagen, und niemals werdet ihr mehr eins und rein sein. Ihr müsst wollen, ob ihr wollt oder nicht; ihr müsst wissen, ohne zu wissen, wohin es euch führt. Ihr werdet euer Leben selbst bestimmen und ihr werdet Erhabenes vollbringen und Entsetzliches. Und am Ende werdet ihr sterben müssen, weil das der Gang der Dinge ist, den auch ich nicht ändern kann.
Aber ihr sollt wissen, auch wenn ihr es jetzt noch nicht verstehen könnt: Das Leben ist kein Fluch, aber es ist auch kein Geschenk. Ihr habt einen Fehler gemacht, als ihr die Frucht gegessen habt; ihr werdet viele weitere Fehler machen. Fehler sind dazu da, dass man aus ihnen lernt. Ihr müsst jetzt diesen Garten verlassen, in dem ihr unschuldig und unwissend hättet ewig leben können, ohne Angst, Not, Hunger, Schmerz; und ihr dürft niemals zurückkehren. Aber durch Arbeit könnt ihr euch euren eigenen Garten schaffen. Er wird niemals so schön sein wie dieser es war, und niemals werdet ihr ihn vergessen können. Das Urbild wird euch helfen und leiten, wenn ihr alles andere vergessen habt.
Und, dabei sah er die Schlange an, die sich immer noch ängstlich zu ihren Füßen krümmte: Nehmt dieses Tier mit euch. Es wird euch daran erinnern, dass man immer vorsichtig sein muss, wenn man jemanden folgt, der vorangeht. Ihr könnt es zähmen und einen Freund aus ihm machen. Wenn ihr nur wollt!
Nun geht hinaus, seid fruchtbar und mehret euch, macht Fehler und lernt daraus, und vergesst nie: Ihr werdet das Paradies nie wieder finden! Der schlimmste Schaden aber wird entstehen, wenn ihr versucht das Paradies auf Erden zu finden.
Dann standen sie auf dem freien Feld. Es war kein Tag mehr wie jeder andere. Es war der erste Tag in der Geschichte der Menschheit; es war der Urknall, aus dem die Zeit und der Raum und der Menschenverstand geboren wurden. Die Sonne schien, aber eine leichte Bewölkung war aufgezogen. Adam und Eva fröstelte immer noch, und er griff nach einem großen Blatt, um sie damit zu bedecken. Doch bevor er es abbrach, zögerte er einen Moment; noch niemals hatten sie einen Baum verletzt, die Früchte waren ihnen willig entgegengefallen, aber das Blatt hielt am Baum fest, und Adam musste mit Gewalt daran ziehen. Dann brach es ab, mit einem hässlichen Geräusch. Der Baum riss auf, und eine klebrige braune Flüssigkeit sickerte aus der Wunde hervor. Eva versuchte, die Wunde wieder zu schließen, aber es gelang ihr nicht ganz. Und so riss sie sich einige ihrer langen vollen Haare aus und Adam flocht sie zu einem Strang, den banden sie um den Baum. Und dann versuchten sie ihre Hände von der klebrigen Flüssigkeit zu befreien in einem kleinen Bach, der zu ihren Füssen floss; aber so sehr sie auch schrubbten, es wollte ihnen nicht ganz gelingen.
Die Schlange hisste ungeduldig; sie war voran geschlängelt und schien ihnen erneut den Weg weisen zu wollen. Bevor sie ihr folgten, hielten sie einen Moment inne und sahen sich nach dem Baum um. Eva spürte noch einen kleinen Schmerz am Kopf, dort, wo sie sich die Haare ausgerissen hatte; aber die Wunde schien zu heilen. Und mit jedem Schritt wurde das Bild des Paradieses blasser in ihrem Herzen; aber sie hatten jetzt so viel anderes zu bedenken, dass sie es gar nicht merkten.
Im Garten stand ein Baum, und er stand nicht da wie ein Verbot, sondern wie eine Frage. Seine Blätter klirrten leise, als hätten sie Zähne aus Licht. Gott ging darin umher, barfuß, als wäre die Welt noch ganz weich. Adam und Eva lebten zwischen Tieren, die keine Begründungen brauchten. Nichts musste erklärt werden. Alles war da.
Bis die Schlange kam.
Sie war nicht aus Rauch. Sie war aus Wärme, aus trockener Erde, aus einer alten Klugheit, die sich nicht aufrichten konnte. Ein einziges Bein trug sie, und sie trug es tapfer, wie man ein Schicksal trägt, das niemandem passt. Man hatte sie schon vor der ersten Stunde „listig“ genannt, als hätte sie sich das ausgesucht. Sie lag im Schatten des Baumes und sah zu, wie die beiden Menschen an der Grenze vorbeigingen, als sei sie nur Landschaft.
„Ihr schaut so, als würdet ihr warten“, sagte sie.Eva strich über die Rinde, als könne man sie um Erlaubnis bitten. Adam lächelte kurz, ohne Ton. „Worauf?“, fragte Eva.
Die Schlange hob den Kopf. In ihren Augen schwamm kein Dämon, nur ein Spiegel. „Auf den Moment, in dem ihr nicht mehr nur lebt“, sagte sie, „sondern auswählt.“ Sie sagte nicht: Widersetzt euch. Sie sagte auch nicht: Gott hat gelogen. Sie sagte nur etwas, das im Garten sonst keiner sagte: „Du darfst.“ Das Wort fiel auf den Boden wie ein Stein, und die Stille bekam Kanten.
Eva streckte die Hand aus. Nicht hastig. Eher wie jemand, der zum ersten Mal merkt, dass die eigene Hand eine Hand ist. Adam stand neben ihr, und seine Nähe war plötzlich etwas, das man verlieren konnte.
Die Frucht war kühl. Ihr Saft roch nach Fernweh. Als sie bissen, knackte es nicht nur in der Schale, sondern in der Zeit. Plötzlich war da ein Davor und ein Danach. Plötzlich hatte alles Gewicht.
Sie sahen einander an. Der Blick blieb nicht mehr einfach Blick; er wurde eine Berührung. Und Berührung kann verletzen. Eva zog die Blätter zu sich, als wären sie ein Schild. Adam tat es nach, zu spät, zu unbeholfen. Irgendwo lachte ein Vogel, und das Lachen klang wie ein Urteil, obwohl es nur ein Vogel war. Die Schlange rollte sich ein Stück enger zusammen. Ihr einziges Bein zuckte. Nicht Triumph, eher ein Reflex, wie wenn man eine Wunde spürt, die man nicht zeigen darf.
Dann wurde es kühler im Garten. Schritte im Gras, die man hören konnte, weil man jetzt hörte. Gott kam. Er blieb stehen, als hätte er die beiden nicht gesucht, sondern die Stelle in der Luft, an der etwas gekippt war. „Adam.“ Adam trat vor, einen halben Schritt, und blieb stecken. „Wo bist du?“, fragte Gott. Adam wollte sagen: hier, aber das Wort passte nicht mehr. Es gab jetzt Orte im Innern. „Ich…“, sagte er, und zum ersten Mal klang ein Satz wie eine Last, die man selbst trägt.
Eva atmete ein, als würde sie sprechen, und sah dann zur Schlange. Für einen Moment lag in ihrem Blick etwas wie Dank und etwas wie Angst. Beides zugleich, wie es bei Menschen oft ist. Die Schlange hob den Kopf, und jetzt sprach sie nicht listig, sondern müde. „Ich habe ihnen nicht befohlen“, sagte sie. „Ich habe nur die Tür gezeigt. Und ich hatte selbst keine andere als die, die ich bin.“
Gott sah sie lange an. Nicht wie ein Richter, eher wie jemand, der ein Tier erkennt. Dann streckte er die Hand aus und legte sie der Schlange auf den Kopf. Ein kurzer Druck, wie ein Versprechen. „Du wirst nicht ihr Abfallkorb sein“, sagte er leise. Die Schlange schloss die Augen. Ihr Bein entspannte sich.
Gott wandte sich wieder zu den Menschen. Er nahm keinen Blitz, keine Fackel. Nur zwei Häute, die warm waren, als hätten sie schon draußen gelegen. Er legte sie Adam und Eva um die Schultern. Nicht wie Strafe, eher wie ein Mantel gegen die neue Kälte. Dann führte er sie an den Rand des Gartens. Dort, wo das Gras nicht mehr so sanft tat, wo Steine lagen, die nicht nachgaben. Er blieb stehen, bückte sich und hob eine Handvoll Erde auf. Sie rieselte durch seine Finger, dunkel und schwer. „Seht“, sagte er.
Adam und Eva sahen. Gott ließ die Erde fallen und zeigte auf ihre Hände. „Eure Hände werden müde werden“, sagte er. „Nicht, weil ich euch quälen will. Sondern weil ihr jetzt etwas könnt, das im Garten niemand musste: ihr könnt reparieren.“ Er ging ein paar Schritte, dort, wo ein Zweig gebrochen am Boden lag. Er hob ihn auf, bog ihn vorsichtig zurück, bis er wieder hielt, und band ihn mit einem Grashalm fest. „So“, sagte er, und sein Blick blieb nicht am Zweig hängen, sondern an ihnen.
„Arbeit ist nicht euer Makel“, sagte er. „Arbeit ist euer Recht. Ihr werdet die Welt nicht nur ertragen, ihr werdet sie beantworten.“ Er zeigte auf den Stein, auf die Dornen, auf den leeren Fleck Erde neben dem Weg. „Ihr werdet säen“, sagte er. „Und ihr werdet sehen, was eure Saat tut. Manches wird wachsen, manches nicht. Und wenn es nicht wächst, werdet ihr nicht sagen: Es war nichts. Ihr werdet wieder hingehen. Ihr werdet anders säen.“ Eva strich mit den Fingern über den Boden. An der Kuppe ihres Nagels blieb ein Krümel hängen. Sie betrachtete ihn, als sei es ein neues Alphabet.
Adam hob den Blick. „Und wenn wir zerstören?“, fragte er, leise, fast zornig. Gott nickte, als hätte er auf diese Frage gewartet. „Dann werdet ihr nicht verschwinden dürfen“, sagte er. „Dann werdet ihr bleiben müssen. Ihr werdet hinsehen. Ihr werdet den Schaden beim Namen nennen. Und ihr werdet tun, was ihr könnt, damit er kleiner wird.“
Er nahm einen Schritt zurück, bis er wieder ganz im Garten stand. „Geht“, sagte er. Kein Urteil hing in dem Wort. Nur ein Auftrag.
Eva drehte sich noch einmal um. Der Baum stand da, ganz ruhig, als sei nichts geschehen. Nur die Blätter klirrten jetzt anders: nicht wie Zähne, eher wie Münzen in einer Tasche, die man tragen muss. Die Schlange lag wieder im Schatten. Sie sah nicht aus wie ein Sieg. Sie sah aus wie jemand, der ein Funken weitergegeben hat und nun hofft, dass daraus kein Brand wird.
Adam hob die Hand, unentschlossen, dann nickte er ihr zu. Keine Entschuldigung, kein Urteil. Nur ein kleines Zeichen: Ich habe dich gesehen. Die Schlange antwortete mit einem Blinzeln, und ihr einziges Bein schob sie ein Stück ins Licht.
Draußen begann die Welt: steinig, offen, voller Fragen. Und zwischen den Fragen, wie ein leiser Faden, lief etwas Neues:
die Möglichkeit, nicht unschuldig zu sein und doch nicht verloren.
Im Garten war jeder Tag wie der andere, und das war kein Mangel. Die Luft hatte keine Meinung, das Licht keine Eile. Adam und Eva gingen zwischen Bäumen, als gingen sie durch etwas, das sie nicht befragen mussten. Sie wollten nichts, denn Wollen war noch nicht erfunden.
Nur eines der Wesen war anders: Es folgte ihnen. Es glitt am Boden entlang, so niedrig, dass es zuerst nur ein Schatten war, der sich verirrte. Seit Tagen schon war es da, und je länger es da war, desto weniger ließ es sich übersehen, als hätte es Geduld gelernt, weil es nichts anderes konnte. Ein einziges Bein trug es, und dieses Bein trug es ohne Pathos.
Schließlich merkten sie: Wohin sie auch gingen, ging es mit. Es führte sie nicht wie ein Befehl, eher wie eine Frage, die sich immer wieder an dieselbe Stelle legt. Sie gingen hinter ihm her, weil gehen leicht war und folgen kein Gewicht hatte, und auf einmal standen sie vor dem größten Baum. Er war immer schon da gewesen, aber heute stand er da, als sähe er sie zurück an.
Seine Früchte leuchteten rot, prall und rund, und etwas in ihrer Brust regte sich, als hätte dort jemand eine Saite berührt. Die Schlange wand sich am Stamm empor und blieb dann im Schatten der Früchte hängen, als wolle sie selbst nicht höher, als dürfe sie nicht. Sie sah auf sie herab, aber nicht mit Spott. Eher mit dem Blick eines Wesens, das zu nahe an einer Grenze geboren wurde.
„Ihr schaut so, als würdet ihr warten“, sagte sie.
Eva legte die Hand an die Rinde, tastete, als könne man Holz um Zustimmung bitten. „Worauf?“, fragte sie.
Die Schlange ließ den Kopf ein wenig sinken. In ihren Augen schwamm kein Feuer, nur ein Spiegel. „Auf den Moment“, sagte sie, „in dem ihr nicht mehr nur lebt.“
Adam lachte kurz, ohne Ton, als hätte er ein Wort gehört, das noch nicht zu ihm gehörte. „Ihr habt doch alles“, sagte er, und es klang wie eine Feststellung, nicht wie Dank.
Die Schlange nickte, als nicke sie einem Gesetz zu, das sie selbst nicht erlassen hatte. „Du darfst“, sagte sie.
Das Wort fiel in den Garten wie ein Stein in stilles Wasser. Es gab keinen Lärm, aber die Stille bekam Kanten. Zwischen den Blättern war plötzlich Platz für ein Davor und ein Danach.
In Eva schlug etwas doppelt. Ein ruhiger Takt, der sagte: Bleib. Und ein anderer, der sagte: Geh. Es war, als hätte ihr Herz zwei Zimmer bekommen, die sich nicht auf dieselbe Uhr einigen konnten. Sie sah die Frucht, und sie sah den Garten, all die Bäume, all die Tage wie jeder andere. „Lauf weg“, flüsterte der ruhige Takt. „Greif zu“, flüsterte der andere, „und dann wird es anders sein.“
Die Schlange schwieg. Sie musste nicht mehr sprechen; das Wort arbeitete jetzt in Eva selbst, als hätte es dort immer schon gewohnt und nur aufgerufen werden müssen. Es wurde unerträglich, in zwei Takten zu schlagen. Es war nicht einmal Angst, eher eine Art inneres Reißen, das nach einem Ende verlangte. Um dem ein Ende zu machen, streckte Eva die Hand aus.
Die Frucht war kühl. Ihr Saft roch nach Fernweh. Als sie hineinbiss, knackte es nicht nur in der Schale, sondern in der Zeit. Der Doppelklang in ihrer Brust verstummte nicht, aber er fand ein neues Verhältnis: nicht mehr Kampf, eher Begleitung. Ihr Herz schlug schneller. Es war, als hätte jemand das Licht gedimmt und gleichzeitig eine Lampe angezündet.
Die Schlange zischte leise. Zufriedenheit war es nicht. Eher Erleichterung, dass die Frage beantwortet worden war und nicht in der Luft hängen blieb.
Eva pflückte eine zweite Frucht und reichte sie Adam hin. Er zögerte. In seinen Augen flackerte etwas hin und her, als würde ein Tier in einem Käfig seine Richtung suchen. Dann biss auch er hinein. Sein Blick wurde lebendig, flink. Der Garten um sie her wurde heller, als hätten die Dinge plötzlich Kanten. Und die Schatten wurden dunkler, als hätten sie nun ein Recht auf ihren Namen.
Sie sahen die Sonne, prall und gelb am Himmel. Sie sahen die Erde, saftig und braun unter ihren Füßen. Sie spürten, dass die Luft nicht nur Luft war, sondern Kälte tragen konnte. Sie fröstelten und suchten etwas, um sich zu bedecken, und schon dieses Suchen war ein neues Tun: ein Plan, ein Bedarf, ein kleines „ich muss“.
Da wurde das Gras still, als hielte es den Atem an. Schritte kamen. Jetzt waren Schritte nicht mehr nur Geräusch, sondern Bedeutung. Gott trat zwischen die Bäume, und sein Strahlen war nicht wie die Sonne, sondern wie eine Frage, die nichts übersieht. Adam und Eva schlugen die Augen nieder, nicht weil sie „böse“ waren, sondern weil man den eigenen Blick plötzlich nicht mehr einfach wegwerfen konnte. Die Schlange duckte sich. Ihr einziges Bein zog sich unter sie wie ein Gedanke, der sich verstecken will.
„Eva“, sagte Gott, und „Adam“, und in den Namen lag zum ersten Mal eine Schwere, als könne man jemanden rufen und damit binden. Dann sagte er, leiser, als hätte er mit sich selbst zu tun: „Ich hätte es besser wissen müssen.“
Adam hob den Kopf. In ihm schlug der neue Takt: das Echo. „Wo bist du?“, fragte Gott. Adam wollte sagen: hier, aber das Wort war zu klein geworden. Es gab jetzt Orte in ihm, die noch keinen Namen hatten. „Ich…“, begann er, und merkte, dass ein Satz nicht mehr nur ein Satz war. Ein Satz war jetzt etwas, wofür man stehen konnte.
Gott sah auf die Frucht in ihren Händen, auf die Blätter vor ihrer Haut, auf den Schatten unter ihren Augen. „Ihr seid Fleisch von meinem Fleisch“, sagte er, „und Geist von meinem Geist. Ihr müsst wollen, ob ihr wollt oder nicht. Ihr müsst wissen, ohne zu wissen, wohin es euch führt.“
Er machte eine Pause, und in dieser Pause war das ganze Draußen. „Für immer“, sagte er, „wird eine Stimme in euch sagen: so, und eine andere: anders. Ihr werdet euer Spiegelbild mit euch tragen. Es wird euch manchmal retten. Es wird euch manchmal wehtun.“ Eva presste die Hand auf die Brust, als könne man einen Takt festhalten.
Gott bückte sich. Kein Blitz, keine Fackel. Er hob eine Handvoll Erde auf, ließ sie durch seine Finger rieseln, dunkel und schwer. Dann nahm er einen gebrochenen Zweig vom Boden, bog ihn zurück, bis er wieder hielt, und band ihn mit einem Grashalm. „Seht“, sagte er.
Sein Blick blieb an ihren Händen hängen, als wären Hände jetzt ein neues Organ. „Arbeit“, sagte er, „ist nicht euer Makel. Arbeit ist euer Recht. Ihr werdet die Welt nicht nur ertragen, ihr werdet sie beantworten.“ Er zeigte auf einen leeren Fleck Erde am Rand des Gartens, wo das Gras dünner wurde und Steine lagen, die nicht nachgaben. „Ihr werdet säen“, sagte er. „Und ihr werdet sehen, was eure Saat tut. Manches wird wachsen, manches nicht. Und wenn es nicht wächst, werdet ihr nicht sagen: Es war nichts. Ihr werdet wieder hingehen. Ihr werdet anders säen.“
Adam schluckte. „Und wenn wir zerstören?“, fragte er. Gott nickte, als wäre diese Frage der Kern. „Dann werdet ihr nicht verschwinden dürfen“, sagte er. „Dann werdet ihr bleiben müssen. Ihr werdet hinsehen. Ihr werdet den Schaden beim Namen nennen. Und ihr werdet tun, was ihr könnt, damit er kleiner wird.“
Er legte ihnen Häute um die Schultern, warm, als hätten sie schon draußen gelegen. Nicht Strafe, eher ein Mantel gegen die neue Kälte. Dann wandte er sich zur Schlange. Sie lag wie ein Komma im Gras, zu klein für die Bedeutung, die man ihr geben wollte.
Gott kniete sich hin und legte die Hand auf ihren Kopf. Ein kurzer Druck, wie ein Versprechen. „Du wirst nicht ihr Abfallkorb sein“, sagte er. Die Schlange schloss die Augen. Ihr einziges Bein entspannte sich, als hätte auch es auf diesen Satz gewartet. „Nehmt sie mit“, sagte Gott zu Adam und Eva. „Nicht als Schuldzeichen. Als Erinnerung daran, dass Folgen nicht immer aus Bosheit kommen. Manchmal kommen sie aus Fragen.“ Die Schlange öffnete die Augen und sah Eva an. Kein Triumph darin. Eher eine Bitte: Vergiss mich nicht.
Gott ging mit ihnen bis an die Linie, wo das Gras endet und Steine beginnen. Dort blieb er stehen, ganz im Garten, und sie standen schon halb draußen. „Geht“, sagte er. Kein Urteil hing in dem Wort. Nur ein Auftrag.
Eva drehte sich um. Der Baum stand da, ganz ruhig, als sei nichts geschehen. Nur die Blätter klirrten anders: nicht wie Zähne, eher wie Münzen in einer Tasche, die man tragen muss. Adam hob die Hand, unentschlossen, und nickte der Schlange zu. Kein Dank, kein Vorwurf. Nur ein Zeichen: Ich habe dich gesehen.
Dann standen sie auf dem freien Feld. Es war kein Tag mehr wie jeder andere. Die Sonne schien, und eine leichte Bewölkung war aufgezogen. Sie fröstelten noch, und unter den Häuten fühlten sie das Doppelte in der Brust: den ruhigen Takt und den schnellen, die Stimme, die bleibt, und die, die drängt.
Die Schlange schob sich ein Stück vor, blieb dann stehen und sah zurück, als wolle sie prüfen, ob sie wirklich folgen. Adam und Eva hielten inne. Zum ersten Mal entschieden sie nicht, um dem Inneren ein Ende zu machen, sondern um ihm eine Richtung zu geben.