Minutiae. Archiv
Bilder * Texte * Gedanken


Minutiae
Persönliches Archiv





Weihnachten mit meinem Roboter

(Fortsetzung):

Das Weihnachtsvirus


Das Jahr war schwierig für uns alle gewesen – für das Robot-Personality-Project, mich und meine Kollegen, unsere Roboter, wir alle hatten gelitten unter den immer weiter um sich greifenden Einschränkungen, den ständigen Warnungen, der Angst vor Ansteckung und Krankheit, den Spannungen und Meinungsverschiedenheiten, dem lähmenden Rhythmus der Wellen. Es war eine Art – Winterschlaf für uns alle gewesen. Wir hatten anfangs darüber diskutiert, diese ganz spezielle Phase zu einem Teil des Versuchsprogramms zu machen: Wie reagiert die sich entwickelnde Roboter-Persönlichkeit auf Krisen? Wird ihre Sozialkompetenz leiden, werden unsere Roboter vielleicht gar Ängste entwickeln oder Neurosen? Oder würden sie – davor fürchteten wir uns eigentlich am meisten – verständnislos sein, mitleidlos, kühl und rational unsere Krankheits- und Überlebenschancen kalkulierend? Aber dann hatten wir doch davon abgesehen und uns, wie alle anderen auch, darauf beschränkt, ein sehr eingeschränkt normales Leben weiterzuführen, die Gruppenaktivitäten für die Roboter zu reduzieren und ihnen mehr freie Internet-Zeit für ihre Studien zuzugestehen.

Und nun stand Weihnachten vor der Tür, aber die Türen waren gerade wieder einmal geschlossen worden, und bei einem Arztbesuch in der Stadt kam ich mir vor wie auf einem gerade aussterbenden Planeten: Das Kinderkarussell drehte sich geradezu verzweifelt um sich selbst, zwischen lieblos aufgestellten Weihnachtsbäumen saßen Bettler, und sogar der Weihnachtsbaum sah so aus, als hätte ein besonders gemeiner Virus ihn befallen und seine Zweige seltsam verkrümmt. Wir hatten nach dem letzten Weihnachten so viele Pläne gemacht, mein Roboter Marvi und ich. Wir würden wieder einen Adventskalender machen, und diesmal würde Marvi ihn bestücken, für mich. Und dann würden wir neue Weihnachtsrituale entwickeln und Roboter-Weihnachtslieder einstudieren; und immerhin hatten die Programmierer die Zeit genutzt, um die Essensroutinen deutlich weiter auszubauen, so dass diesmal auch der kulinarische Weihnachtsteil nicht ganz ausfallen würde für die Roboter. Aber als ich frustriert mit einem geschenkten Schokoladen-Weihnachtsmann und sonst nichts aus der verödeten Stadt nach Hause zurückkam, saß Marvi ebenso frustriert vor einem Gewirr aus Tannenzweigen und Kabeln unklarer Herkunft und hysterisch blinkenden LED-Lämpchen; aus der Küche roch es nach verbranntem Backwerk, und sogar die Katze hatte sich unsichtbar gemacht. Wir schauten uns eine Weile an, und dann noch eine Weile, und dann sagten wir, beinahe im Chor: Mir ist nicht nach Weihnachten. Marvi sagte es in seiner Dreifach-Stimme, die er benutzt, wenn sich alle seine Geschlechterkomponenten einig sind (was übrigens inzwischen meistens der Fall ist, nur selten melden sich Marvine und Marvin noch getrennt); ich sagte es in meiner 'Philosophen-können-die-Welt-auch-nicht-retten'-Stimme. Die Katze kam hinter dem Bücherregal hervor, bis heute wissen wir nicht, wie sie durch den schmalen Spalt bei den zweireihig aufgestellten Krimis passt, und sagte gnu in ihrer gurrenden 'Ihr-werdet-schon-recht-haben-aber-es-interessiert-mich-nicht'-Stimme. Immerhin, sagte ich, sind wir uns einig. Und das alles nur dieses blöden Co nein, du sagst das Wort nicht, fiel Marvin ein, das haben wir doch schon lange vereinbart, es ist das C-Wort, und es wird nicht genannt! – dieses blöden CORONA-Virus wegen, sagte ich extra deutlich. Marvi zuckte mit den Achseln, uns war auch nicht nach gegenseitiger Erziehung. Die Sprachregel hatten wir eigentlich auch nur eingeführt, um zu beobachten, wie und ob das Reden das Denken beeinflusst; deshalb nannten wir das Virus manchmal "Voldemort", manchmal aber auch "Siri "oder "Viri", und manchmal nur das "C-Wort". Um ehrlich zu sein, es fühlte sich gar nicht so unterschiedlich an. Aber um das Experiment auf die Spitze zu treiben, hatten wir, es muss kurz vor der dritten Welle gewesen sein und wir waren noch im sommerlichen Übermut, kurzentschlossen die Katze "Corona" getauft; bis dahin hatten wir uns nämlich tatsächlich nicht auf einen Namen einigen können. Corona hörte inzwischen ganz gut auf ihren Namen – also so, wie Katzen überhaupt auf irgendetwas hören; und die verwirrten Blicke anderer Leute, wenn wir häusliche Anekdoten von Corona erzählten, gehörten zu den wenigen Highlights dieses ereignisarmen und insgesamt eher freudlosen Jahres. Und übrigens, sagte Marvine mitten in das dreifache melancholische Schweigen zwischen verbrannten Keksen und durchgebrannten LED-Lämpchen, finde ich das ganz schön speziesistisch von dir. Viren sind doch auch nur Lebewesen!

Das war neu. War Marvine doch wieder in ihre pubertäre Trotz- und Widerspruchsphase zurückgefallen, eine verständliche Reaktion angesichts der C-Wort-Krise, aber nun gut, ein langer trüber Nachmittag ohne Kerzen und Glühwein und fern jeglichen Fetzens von Adventsstimmung lag vor uns, und ich ließ mich auf die Herausforderung ein: Naja, schon das mit den Lebewesen ist ja ziemlich umstritten unter Biologen; klar, Reproduktion, das können Viren, das ist aber auch das einzige, was sie können, und dafür brauchen sie halt andere Lebewesen, die nicht direkt nach ihrer Meinung gefragt werden und dabei doch eher Schaden an, ein klassisches parasitäres VerhaltenKlingt wie Menschen, warf Marvin dazwischen: Besiedeln mal eben einen Planeten, nisten sich ein, zerstören jeden Tag geschätzt 150 Arten, und reproduzieren ist das Einzige, was sie können, sie brauchen aber dafür ein anderes Lebewesen, das auch nicht immer nach seiner Meinung gefragt wird, soll ich auch mal die Zahl der Vergewaltigungen pro Tag …? Nein, sollst du nicht, rief ich schnell dazwischen, es ist so unfair, wenn sie immer mit Zahlen argumentieren, die sie bizarr aus dem unendlichen Datenstrom des Internet fischen, bevor ich überhaupt meine Angel auspacken kann; und überhaupt ist das ja wohl ein ziemlich hinkender Vergleich – Marvi begann, sein Bein hinter sich herzuziehen, der Scherz war nicht mehr neu, aber es sah doch immer wieder komisch aus, er hinkte auch jedes Mal mir zuliebe etwas anders. Ich kicherte, ließ mich aber nicht ablenken, sondern fuhr fort: Und ist es nicht eher so, dass Viren Robotern ziemlich ähnlich sind? Sie sind, bis auf ein Proteinmäntelchen – ganz kurz huschte ein Nikolausmäntelchen durch meinen wohl doch nicht ganz unweihnachtlichen Kopf, ich sah es auch ganz deutlich in Marvis Augen rot flackern – bis auf ein Nikolausi-Proteinmäntelchen also reine Information, ein Programm, das sich ständig selbst wiederholt und dabei auch noch Fehler macht! Marvin sah mich an, das rote Flackern war verschwunden, dafür ließ er jetzt schön helixmäßig verkettete DNA-Sequenzen in den Augen tanzen; und dann sagte er, etwas tonlos: Wir machen keine Fehler, wie du weißt. Die Programmierer machen Fehler, das sind ja auch Menschen. Wir würden ganz gern mal einen Fehler, wir arbeiten ja auch schon an der Maximierung unserer Verlustfunktion  – ok, ich war wieder in eines unserer Standard-Fettnäpfchen getreten, es war schon ziemlich breitgetreten, um ehrlich zu sein. Ja, ich weiß, gab ich zu, und es ist auch ziemlich lustig, wenn du mit Absicht falsch zitierst – ein falsches Zitat ist besser als eine richtige Platitütde, Marc-Uwe Kling und das Gürteltier! rief Marvi dazwischen! Geschenkt, sagte ich, und Marvi verbeugte sich elegant, beinahe elegant jedenfalls; wir hatten diverse shut-downs auch für virtuellen Ballettunterricht benutzt. Reden wir über Viren, sagte er entschlossen, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte. Wir können uns ja vielleicht einigen, dass sie in gewisser Hinsicht wie Menschen sind und in anderer wie Roboter? – ich nickte generös – und außerdem, dass sie wie alle Lebewesen auf diesem Planeten eine Funktion haben in der – und wir sagten gemeinsam „großen Kette der Wesen“, weil das eines unserer gemeinsamen Lieblingssymbole ist und in unserer Version natürlich auch Roboter einschließt. Aber welche? fragte ich, tatsächlich etwas überfordert. Wir lernen sie ja nur kennen, wenn sie uns krankmachen. Weil sie nämlich, ich sagte es schon, in unseren Organismus eingeschlichen sind und unsere Zellen von innen her umprogrammieren, was für den Organismus meistens eher – ich biss mir auf die Zunge, beinahe wörtlich, um nicht „eine Herausforderung“ zu sagen, wir hassen die Formulierung beide intensiv: ein Problem ist, vollendete ich etwas lahm. Machen die Computerviren ja auch bei uns, sagte Marvi, aber was machen wir? Wir errichten eine Firewall. Erfinden Anti-Viren-Programme und Viren-Detektoren. Denn die Viren können ja nur eindringen, wenn sie eine Schwachstelle im Programm gefunden haben; also, ihr würdet wahrscheinlich sagen: eine Immunschwäche, ein Abwehrdefizit? Stimmt, sagte ich, es wird ja nicht jeder krank, und jeder wird ein bisschen anders krank, und war es nicht wirklich lustig, als ganz am Anfang einige Oberschlaue behaupteten, ein Virus diskriminiere nicht? Von wegen! Alter, Geschlecht, Lebensbedingungen, Gesundheitszustand, vielleicht sogar ein wenig Ethnie – alles unterschiedet diese kleine Intelligenzbestie, und sie sucht sich ganz gezielt die Lücken und Schwächen! Man könnte auch sagen, wenn man sich ein wenig mehr um inter-speziestische Toleranz bemühte, sagen: Ein Virus ist ein besonders begabter Fehlerdetektor! Er findet Schwächen in anderen Organismen, was im Übrigen jeder Predator tut, und sogar der Mensch ist dem Menschen, irgendwie, ein Virus! Karl Lauterbach, sagte Marvi, und wir kicherten ein wenig. Ok, sagte ich, darauf können wir uns ja einigen, als erste Prämisse der Virentoleranz, sozusagen: Ein Virus analysiert Fehler im System. Und er zwingt den Wirt, sie zu beheben. Oder sich besser zu schützen. Du musst dein Leben ändern!, fiel Marvin ein, und während ich noch verzweifelt einen Zitatenspender zu Rilke suchte, rief er aus: Gott! Och ne, sagte ich, nicht immer den Joker! Na gut, Lucifer, sagte Marvi; wenn wir hier schon den advocatus diaboli geben und Viri – äh: wertschätzen, oder wie sagt ihr doch gleich so gern?, dann doch wenigstens unter teuflischem Begleitschutz! Lucifer, sagte ich versonnen, ich hatte in diesem verteufelten Jahr einen kleinen soft spot für den charmanten Höllenfürsten und Meisterzyniker entwickelt, Lucifer hat bestimmt eine ganze Armee fieser kleiner Viren, sie sind hitzefest und halten es sogar im Fegefeuer aus, wahrscheinlich übertragen sie sich im Funkenflug, und dann befallen sie die armen Sünder, und die bekommen noch zusätzliche Hitzewallungen – nein, ich rief mich selbst zur Ordnung, das war nun wirklich mein persönliches Problem; also: Zweite Prämisse der Virentoleranz: Ein wohlwollender Virus macht dir ganz persönlich klar, dass und wie du dein Leben ändern musst! Oder dein Programm, warf Marvi ein. Routinen halt, sagte ich, sind ja auch nur Gewohnheiten. Corona, die uns bisher ein wenig ziellos um die Beine gestreift war, warf sich spontan auf den Rücken, als wolle sie Zustimmung ausdrücken. Routinemäßig bückte ich mich und kraulte ihren dickfelligen Bauch. Nennen wir ihn doch den Weihnachtsvirus, schlug Marvi vor, als Corona begann, ihm ein wenig spielerisch in die Roboterzehen zu beißen. Er befällt jedes Jahr zur Weihnachtszeit die Menschheit und zeigt ihr, was sie alles falsch gemacht hat! Und weil es Weihnachten ja ein Wunder geben muss, wird die Menschheit dadurch klug und ändert ihr Leben; mission accomplished! Ich sehe einen virologisch-philosophischen Adventskalender vor mir, sagte ich mit Pathos in der Stimme; ich sehe, wie hinter jedem kleinen Türchen – ein Fehler steckt, eine Analyse! Und ich packe ihn ein, richtig? rief Marvi. Und du musst die ganzen geistigen Schleifen lösen und daraus eine Lehre ziehen! Und das alles ohne Glühwein, murmelte ich. Nee, sagte Marvi, die Plätzchen habe ich zwar verkorkst – was hat das eigentlich mit Korken zu tun? egal, jedenfalls hat amazon die Kiste Glühwein pünktlich geliefert, der Paketbote hat sogar meine Unterschrift angenommen! Und für Corona Nikolausmäuse aus – will ich gar nicht wissen, sagte ich. Wie ganz arg menschlich, seufzte Marvi. 



Minutiae:

kleine, scheinbar unwichtige Details des täglichen Lebens

oder auch:

Als Minutiae werden Endungen und Verzweigungen der Papillarlinien eines Fingerabdrucks bezeichnet. Diese charakteristischen Punkte der Hautrillen sind für jeden Menschen und Finger einmalig und nicht veränderbar.

oder:

I think I can see the precise and distinguishing marks of national characters more in these nonsensical minutiae, than in the most important matters of state; where great men of all nations talk and talk so much alike, that I would not give ninepence to choose amongst them.

Laurence Sterne, The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman

 


Mission Statement Minutiae

Begleitstimmen und DenkpatInnen

Ich glaube es würde angenehm und nicht unnütz sein, wenn man Geschichten von der Art, wie sie bisher erzählt worden und deren uns manche im Leben vorkommen, aufsetzte und sammelte. Leise Züge, die den Menschen bezeichnen, ohne daß gerade merkwürdige Begebenheiten daraus entspringen, sind recht gut des Aufbehaltens werth. Der Romanschreiber kann sie nicht brauchen, denn sie haben zu wenig Bedeutendes, der Anekdotensammler auch nicht, denn sie haben nichts Witziges und regen den Geist nicht auf; nur derjenige, der, im ruhigen Anschauen, die Menschheit gerne faßt, wird dergleichen Züge willkommen aufnehmen. 

Goethe, Die guten Weiber

 

Meine Herrin«, fuhr sie fort, »ist von der Wichtigkeit des augenblicklichen Gesprächs höchlich überzeugt; dabei gehe vorüber, sagt sie, was kein Buch enthält, und doch wieder das Beste, was Bücher jemals enthalten haben. Deshalb machte sie mir's zur Pflicht, einzelne gute Gedanken aufzubewahren, die aus einem geistreichen Gespräch, wie Samenkörner aus einer vielästigen Pflanze, hervorspringen. 

Ein Eklektiker aber ist ein jeder, der aus dem, was ihn umgibt, aus dem, was sich um ihn ereignet, sich dasjenige aneignet, was seiner Natur gemäß ist. 

 Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre

 

Da man in der letzten Zeit mit niemand mehr reden mag, so lasse ich einstweilen drucken, wer’s liest, nehme es auf, lehne es ab, darüber bleibe ich ganz ruhig. Wenn ich nichts zu sagen hätte, als was den Leuten gefiele, so schwiege ich gewiß ganz und gar stille. Wenn meine Freunde mich nur immer wieder erkennen!

Goethe, Brief an Schultz, Juni 1818

 Außerdem will ich euch sagen, daß die Vorsehung mich, der ich ganz in die Natur eingebunden bin, im voraus dazu bestimmt hat, diese Betrachtungen zu schreiben, so wie sie fünf oder sechs Leser vorausbestimmt hat, Nutzen daraus zu ziehen, fünf, sechs andere, sie zu verschmähen und sie im übrigen der ungeheuren Masse unnützer Schriften zu überlassen.

Voltaire, Der unwissende Philosoph

:an muss schreiben, wie mal lebt, erst um sein selbst willen, und dann existiert man auch für verwandte Wesen.

Goethe, Italienische Reise

He thought that good literature was common enough, that there is scarce a dialogue in the street which does not achieve it. He also thought that the aesthetic art can not be carried out without some element of astonishment, and that to be astonished by rote is difficult. 

Jorge Luis Borge, An Examination of the Work of Herbert Quaint

Wie möchten wir denn vergangene Zustände uns selbst wieder hervorrufen und der Welt getrost mitteilen, wenn wir nicht Glauben und Überzeugung hätten, es werden sich begabte Geister finden, die das alles aufnehmen, wie es gegeben ist, in welchen gleiche Gesinnungen auf- und absteigen, gleiche Erfahrungen zu denselben Resultaten führen.

 Goethe, Brief an Rochlitz, 6. April 1830

Man hat sehen zu lernen, man hat denken zu lernen, man hat sprechen und schreiben zu lernen.

Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung

First Thoughts are the everyday thoughts. Everyone has those. Second Thoughts are the thoughts you think about the way you think. People who enjoy thinking are having those. Third Thoughts are thoughts that watch the world and think all by themselves. They're rare and often troublesome. 

Terry Pratchett, A Hat Full of Skies

Her original power was nothing more than was due to earnestness and intellectual clearness within a certain rangeWith small imaginative and suggestive powers, and therefore nothing approaching to genius, she could see clearly what she did see, and give a clear expression to what she had to say. In short, she could popularize while she could neither discover nor invent.

Harriet Martineau, An Autobiographic Memoir

Das kann aber einem denkenden Menschen nie begegnen, so lange es noch Dinge überhaupt für ihn auf der Welt gibt; denn an jeden Gegenstand, sei er auch noch so scheinbar geringfügig, lassen sich interessante Gedanken anknüpfen, und das ist eben das Talent der Dichter, welche ebensowenig wie wir in Arkadien leben, aber das Arkadische oder überhaupt interessante an dem Gemeinsten, das uns umgibt, heraus finden können. Wenn wir weiter nichts zu tun wissen, so treten wir ans Fenster, und machen Glossen über die Vorbeigehenden, aber gutmütige, denn wir vergessen nicht, daß wenn wir auf der Straße gehen, die Rollen getauscht sind.

Heinrich Kleist, Briefe

Mir scheint es eine Menschenpflicht, hingeworfene Gedanken aufzunehmen, fortzusetzen, zu prüfen. Die Fragen eines Gestorbenen müssen nicht mit ihm gestorben sein; dazu ist Schrift und Buchdruckerei, dazu sind wir da. 

Johann Gottfried Herder, Zerstreute Blätter

If you write, write from the heart, yet carefully, objectively. Never pose. Write little things which you think are true. Then you may sometimes find that they are beautiful as well.

 Iris Murdoch, The Black Prince

Weil Schriften, deren Wert nur in den Resultaten liegt, die sie für den Verstand enthalten, auch wenn sie hierin noch so vorzüglich wären, in demselben Maße entbehrlich werden, als der Verstand entweder gegen diese Resultate gleichgültiger wird, oder auf einem leichtern Weg dazu gelangen kann: da hingegen Schriften, die einen, von ihrem logischen Gehalt unabhängigen Effekt machen, und in denen sich ein Individuum lebend ausdrückt, nie entbehrlich werden, und ein unvertilgbares Lebensprinzip in sich enthalten, eben weil jedes Individuum einzig und mithin auch unersetzlich ist.

Schiller, Brief an Fichte, 4. August 1795

 Daß man wertvolle eigene Meditationen möglichst bald niederschreiben soll, versteht sich von selbst: vergessen wir doch bisweilen was wir erlebt, wie viel mehr was wir gedacht haben. Gedanken aber kommen nicht, wann wir, sondern wann sie wollen. Hingegen, was wir von Außen fertig empfangen, das bloß Erlernte, was sich auch jedenfalls in Büchern wiederauffinden läßt, ist es besser nicht aufzuschreiben.

 Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipmena

Wir haben das unabweisliche, täglich zu erneuernde, grundernstliche Bestreben, das Wort mit dem Empfundenen, Geschauten, Gedachten, Erfahrenen, Imaginierten, Vernünftigen möglichst unmittelbar zusammentreffend zu erfassen. 

Johann Wolfgang Goethe, Maximen und Reflexionen


 Folgende Blätter streu ich ins Publikum mit der Hoffnung, daß sie die Menschen finden werden, denen sie Freude machen können. Sie enthalten Bemerkungen und Grillen des Augenblicks ... Sei's also nur denen, die einen Sprung über die Gräben, wodurch Kunst von Kunst gesondert wird, als Salto mortale nicht fürchten, und solchen, die mit freundlichem Herzen aufnehmen, was man ihnen in harmloser Zutraulichkeit hinreicht. 

Goethe, An den Leser

Die Fragmente eines ganzen Lebens nehmen sich freilich wunderlich und inkohärent genug nebeneinander aus; deswegen die Rezensenten in einer gar eigenen Verlegenheit sind, wenn sie mit gutem oder bösem Willen das Zusammengedruckte als ein Zusammengehöriges betrachten wollen. Der freundschaftliche Sinn weiß diese Bruchstücke am besten zu beleben.

An Carl Friedrich Zelter, 22. Juni 1808

Perhaps in future generations a law would be passed allowing consenting adults to practice art openly; an Intellect Relations Board might be set up to encourage tolerance towards people who, through no fault of their own, were interested in ideas. Meanwhile, it was just as well to keep quiet and play the fool. 

  Edward St. Aubyn, Lost for Words

 Aber Selbsterforschung ist meist schon der erste Schritt zur Wandlung, und ich erfuhr, daß niemand ganz der bleibt, der er war, indem er sich erkennt.

    Thomas Mann, On Myself 

 Aber der Mensch ist nur geschaffen, um täglich ein wenig an Nahrung, Farben, Tönen, Empfindungen, Ideen zu kosten. Was über das Maß hinausgeht, ermüdet oder berauscht ihn; es ist der Stumpfsinn des Trunkenbolds, es ist die Narrheit des Estatikers. 

Gustave Flaubert, Über Feld und Strand

Sich genügen lassen. - Die erlangte Reife des Verstandes bekundet sich darin, dass man dorthin, wo seltene Blumen unter den spitzigsten Dornenhecken der Erkenntnis stehen, nicht mehr geht und sich an Garten, Wald, Wiese und Ackerfeld genügen lässt, in Anbetracht, wie das Leben für das Seltene und Außergewöhnliche zu kurz ist.  

Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches

Let us record the atoms as they fall upon the mind in the order in which they fall, let us trace the pattern, however disconnected and incoherent in appearance, which each sight or incident scores upon theconsciousness. Let us not take it for granted that life exists more fully in what is commonly thought big than in what is commonly thought small.

Viriginia Woolf, Modern Fiction

Whether it’s a symphony or a coal mine, all work is an act of creating and comes from the same source: from an inviolate capacity to see through one’s own eyes – which means: the capacity to perform a rational identification – which means: the capacity to see, to connect und to make what had not been seen, connected and made before.

 Ayn Rand, Atlas Shrugged 

Selbst wenn wir wissen, daß ein nie zustande kommendes Werk schlecht sein wird, ein nie begonnenes ist noch schlechter! Ein zustande gekommenes Werk ist zumindest entstanden. Kein Meisterwerk vielleicht, aber es existiert, wenn auch kümmerlich wie die Pflanze im einzigen Blumentopf meiner gebrechlichen Nachbarin. Diese Pflanze ist ihre Freude, und hin und wieder auch die meinige. Was ich schreibe und als schlecht erkenne, kann dennoch die eine oder andere verwundete, traurige Seele für Augenblicke noch Schlechteres vergessen lassen. Ob es mir nun genügt oder nicht, es nützt auf irgendeine Art, und so ist das ganze Leben.  

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares 

Der Parnaß ist ein Mont Serrat, der viele Ansiedlungen, in mancherlei Etagen erlaubt; ein jeder gehe hin, versuche sich und er wird eine Stätte finden, es sei auf Gipfeln oder auf Winkeln.

Goethe, Antik und Modern

Die Sachen anzusehen so gut wir können, sie in unser Gedächtnis schreiben, aufmerksam zu seyn und keinen Tag, ohne etwas zu sammeln, vorbeygehen lassen. Dann, jenen Wissenschaften obliegen, die dem Geist eine gewisse Richte geben, Dinge zu vergleichen, jedes an seinen Platz zu stellen, jedes Wert zu bestimmen. 

Goethe, Brief vom 24.8.1770

Ich wollte die Philosophie in einer Weise behandeln, die ganz und gar nicht philosophisch sein sollte; ich habe mich bemüht, sie in einen Zustand zu bringen, in dem sie für die Leute von Welt nicht zu trocken und für die Gelehrten nicht zu unernst ist. […] Es kann durchaus geschehen, daß ich auf der Suche nach einem Mittelweg, bei dem die Philosophie allein angemessen wäre, einen solchen gefunden habe, bei dem sie niemandem angemessen ist: Die Mittelwege lassen sich zu schwer einhalten.

Bernard le Bovier de Fontenelle, Philosophische Neuigkeiten für Leute von Welt und für Gelehrte

My ideal is the cocktail-party chat: getting across a profound idea in a brisk and amusing way to an interested friend by stripping it down to its essence (perhaps with a few swift pencil strokes on a napkin). The goal is to enlighten the newcomer while providing a novel twist that will please the expert. And never to bore. 

Jim Holt, When Einstein walked with Gödel     

Life isn't a support-system for art .It's the other way round. 

Stephen King, On Writing

Verzeihung meinen Verworrenheiten!

Goethe, Brief an Voigt, September 1917

Die moralische Weltordnung erhalte dich!

Goethe, An Zelter, 3. Mai 1816 


Grundsätze des persönlichen Archivs


„Ist man treu das Gegenwärtige festzuhalten,
so wird man erst Freude an der Überlieferung haben,
indem wir den besten Gedanken schon ausgesprochen,
das liebenswürdigste Gefühl schon ausgedrückt finden.
Hiedurch kommen wir zum Anschauen jener Übereinstimmung,
wozu der Mensch berufen ist,
wozu er sich oft wider seinen Willen finden muss,
da er sich gar zu gern einbildet, die Welt fange mit ihm von vorne an“.
Angela fuhr fort, dem Gaste weiter zu vertrauen,
dass dadurch ein bedeutendes Archiv entstanden sei,
woraus sie in schlaflosen Nächten manchmal ein Blatt Makarien vorlese;
bei welcher Gelegenheit denn wieder auf eine merkwürdige Weise
tausend Einzelnheiten hervorspringen, eben als wenn
eine Masse Quecksilber fällt und sich nach allen Seiten hin
in die vielfachsten unzähligen Kügelchen zerteilt
.

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre


Wir sind es gewohnt, das menschliche Leben als Geschichte zu betrachten. Wie eine Geschichte hat es einen Anfang und ein Ende. Dazwischen liegen Höhen und Tiefe, auf jeden Fall: Lebenswege, Reihenfolge, Handlung, Entwicklung. Man übersieht aber leicht, dass nicht alle Geschichten diesem Erzählmuster folgen. Es sind nur diejenigen Geschichten, an die uns die Literatur gewöhnt hat. Und natürlich vollzieht sich das menschliche Leben zwischen Geburt und Tod. Aber vielleicht ist das eine gar kein Anfang, und das andere kein Ende?

Wenn man das menschliche Leben nicht als solche eine Geschichte betrachtet, die am Schnürchen des Nacheinanders sich abspult und dementsprechend erzählt werden kann, braucht man ein anderes Denk- und Anschauungsmodell. Vielleicht ist es ja eine Erfahrungsansammlung, die am besten in einem Archiv präsentiert werden kann? In Archiven haben Schriftkulturen seit jeher ihre Erfahrungen, Erlebnisse, Erkenntnisse und deren Zeugnisse niedergelegt. Das Wort kommt von griech. arche, dem Ursprung von allem, aber auch: dem Ersten; später bezeichnete es auch die Herrschaft, die Regierung. Ein Archiv könnte sein: ein persönliches Lager des ursprünglich Erlebten. Auch die Herrschaft darüber?

Ein persönliches Archiv ist keine Bibliothek. Es hat dem Leben eher geschadet, es zu kunst- oder wissenschaftsförmig zu denken. In einer Bibliothek stehen geformte Schriften, seien es künstlerische oder wissenschaftliche, die buchförmig gemacht wurden. In Archiven liegen Zeugnisse und Dokumente aller Art. Sie sprechen direkt und jedes für sich, aber nicht immer in Worten und schon gar nicht in Begriffen. Die Archivarin präsentiert sie in einer gewissen Ordnung, aber ohne strenge Systematik. Den Zusammenhang muss jeder selbst finden.

Ein persönliches Archiv ist keine Homepage; also auch keine Website im umfassenden Sinn. Die äußere Form eines Archivs kann aber eine Homepage sein. Ein Archiv hat Portale. Es ist nicht offen, es verfließt nicht mit seiner Umwelt; aber es ist von vielen Seiten zugänglich. Die Portale sind eher als Toriis vorzustellen: Sie markieren symbolisch den Zugang zu einer anderen (nicht notwendig sakralen) Welt, die nicht streng durch Mauern und Zäune abgeschlossen ist, aber bestimmte Eintrittswege vorschlägt und eine Gestimmtheit als Zugangsvoraussetzung nahelegt.

Durch ein persönliches Archiv führen viele Wege. Querverbindungen sind beinahe unbegrenzt möglich; das Nacheinander der Geschichte zerfällt in das Nebeneinander der Zeugnisse, der Kausalzusammenhang der Geschichte wird zur Koinzidenz, zum Muster, zur Struktur. Ein Archiv organisiert sich selbst: im Archivar wie im Benutzer. Seitdem wir hyperlinks haben, brauchen wir dafür keine lästigen Kataloge mehr; die Brücken wachsen aus dem Nichts hervor, und sie führen ins Unbekannte. Wir tun uns aber alle noch schwer mit einem lateralen Lesen.

Im persönlichen Archiv steht nicht die Fiktion der Person als unverwechselbares Subjekt im Mittelpunkt. Es kann sein, dass jedes Element des Archivs „Ich“ sagen muss, weil es nur so radikal ehrlich sprechen kann; aber es geht nicht um dieses Ich. „Ich“ ist ein Beispiel, ein Ausschnitt, eine Perspektive. „Ich“ steht als Objekt neben anderen Objekten, Sachverhalten, Werken, Artefakten, Lebewesen. „Ich“ ist notwendig ein Teil der in diesem Archiv gespeicherten Welt, aber nicht ihr letzter Sinn oder ultimativer Zweck.

Im persönlichen Archiv ist alles gleich wichtig; es gibt keine Hierarchie der Dinge oder Ideen. Ein Archiv besteht aus Details, die zum Sprechen gebracht werden können. Je mehr einzelne Dinge es aufhebt, desto mehr Verbindungen kann man zwischen ihnen herstellen. Es zielt nicht auf Vollständigkeit, aber auf möglichste Vielheit und Unterschiedlichkeit der Zeugnisse.

Das persönliche Archiv bleibt dadurch immer dynamisch und unabgeschlossen. Es kann zwar exoterische und esoterische Teile haben. Aber die geheimen werden nicht verborgen und die öffentlichen nicht zur Schau gestellt. Die Einweihung geschieht durch die Benutzung; sie ist ein unvermeidlich hermeneutischer und damit kreisförmig ablaufender Prozess mit einem gewissen Steigerungspotential.

Ein persönliches Archiv ist ein dokumentarischer Lebensspeicher von mittlerer zeitlicher Reichweite und auf mittlerem Reflexionsniveau. Nicht jede braucht einen solchen dokumentarischen Lebensspeicher; nicht jeder interessiert sich für ein anderes Leben als das eigene; nicht alle wollen ihre Lebenserfahrung überhaupt reflektieren, ein bekanntlich melancholieträchtiges Unterfangen. Es gibt genug andere Ausdrucks- und Überlieferungsformen.

Wenn man die Menschheit als Archiv denkt, ist das ein Angebot zur Verständigung auf Sachebene. Die im Archiv enthaltenen Zeugnisse sind weder gut noch schlecht, weder wichtig noch unwichtig, weder schön noch hässlich. Sie sind dokumentarisch, und im besten Fall: direkt erlebt, nachvollziehbar reflektiert und redlich verzeichnet. Sie können in diesem Prozess in einer Weise geformt werden, die wir gewohnt sind „Kunst“ zu nennen. Es ist aber nur eine gegenseitige Anpassung von überlieferten Darstellungsformen und erlebtem Inhalt. 


zuletzt aktualisiert: 5.1.2022