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Evolutionär scheint erwiesen, dass ein wesentlicher Bestandteil des Erfolges der Spezies homo sapiens seine Fähigkeit war, buchstäblich alles zu essen: Sie gehört zu den Omnivoren, und vor allem der Fleischverzehr brachte ihr die nötige Energie, um ein so überflüssiges, aber energetisch hoch anspruchsvolles Organ wie das menschliche Gehirn zu weiteren Höchstleistungen auszubilden. Der Herrscher über die Schöpfung konnte nicht nur alle anderen Arten töten; er konnte sie auch essen. Sich einverleiben. Verwerten. (Sorry an alle Vegetarier, aber die Evolution war nicht politisch korrekt!)
Was das mit Lesen zu tun hat? Seit ich lesen konnte, habe ich alles gelesen. Es war mir einfach egal. Kinderbücher und Erwachsenenliteratur, E und U, dicke und dünne Bücher, Bücher aus allen Sprachen, Ländern, Köpfen, Genres, ich habe sie alle verschlungen. Ich bin mit Mördern schlafen gegangen und mit Drachen aufgewacht, bin mit den Hobbits nach Mordor gezogen und mit Hans Castorp auf den Zauberberg, habe mit Hesse Glasperlenspiele gespielt und mit Faust Teufelspakte geschlossen. Manches war leichter verdaulich, manches schwerer. Nur weniges habe ich als unverdaulich vorläufig aus der Hand gelegt, aber eigentlich nur beiseite, mit einem inneren Vermerk: "Wiederlesen, später". Heute lese ich an einem durchschnittlichen Tag, in no particular order, den Teckboten (das lokale Printmedium), die NZZ, einen schweren Brocken hohe Literatur für die Seminarvorbereitung oder den nächsten wissenschaftlichen Aufsatz, einen leichten Zwischenimbiss Krimi für die Ablenkung von der Seminararbeit (englisch, nur englisch, damit mein Gehirn erkennt, dass es auf Sparstufe fahren kann und nicht analysieren muss), einen Reiseführer für den nächsten Urlaub und, wenn ich mir etwas gönnen möchte, ein wenig Friedrich Nietzsche oder Terry Pratchett am Abend (ja, das ist eine echte Alternative, denn beide sind wahre Omnivoren unter den Autoren). Es gibt nichts, was ich nicht lesen kann.
Nun mag das an meiner durchaus mangelhaft ausgebildeten Persönlichkeit liegen, meiner blatanten Ich-Schwäche (dass ich hier die ganze Zeit "Ich" sage, hat damit überhaupt nichts zu tun, "Ich" ist einfach ein Name, den alle tragen, wenn sie von sich selbst sprechen, keine Persönlichkeit), meiner geradezu chamäleonhaften Offenheit für alle Farben des Spektrums. Whatever. Lieber aber stelle ich mir vor, ich hätte mindestens sieben Lesemägen, mehr noch als die Kühe. Und nachts, wenn der Kopf endlich schläft und das energiezehrende Gehirn abgeschaltet ist (oder wenigstens in einen temporären Ruhezustand versetzt, es kann zwischendurch wirklich anstrengend sein), wiederkäuen die Mägen friedlich vor sich hin; gelegentlich entfährt ihnen ein Rülpser, zu viele heiße Luft, oder einer der Mägen grummelt vor sich hin: Wieder einmal nicht ordentlich gekaut, runtergeschlungen, viel zu große Brocken! Manches liegt einem lange im Magen, anderes – nein, wir wollen das Bild lieber nicht allzu anschaulich ausbauen, es könnte unappetitlich werden. Am Morgen jedenfalls ist das meiste ordentlich verdaut und kann wieder in Energie umgesetzt werden, Muskeln antreiben, Gedankengebäude bauen, Ideen auswerfen. Neue Bücher lesen. Vielleicht die Beiseitegelegten?
Deshalb ist es mir auch nie eingefallen, Bücher nach "gut" und "schlecht" zu sortieren. Bücher sind doch auch nur Menschen, würde ich sagen; und wie soll man die Abermillionen Bücher, die seit der mehr oder weniger erfolgreichen Alphabetisierung der Menschheit (einem durchaus zweifelhaften Schritt in der Evolution des Geistes, dessen Nebenwirkungen noch nicht endgültig evaluiert wurden) geschrieben wurden und ebenso unterschiedlich sind wie die Abermillionen Schreiber und Leser, in zwei Schubladen packen, gute Literatur hier, schlechte da, Schublade zu, Affe tot? (dummer Spruch, aber nicht unpassend) Sollte man nicht stattdessen versuchen, die verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass der richtige Leser auf das richtige Buch trifft, und das noch im richtigen Moment (und darauf kommt es an!), so dass eine kleine Singularität sich öffnet: Ein Buch und ein Kopf prallen aufeinander, und es klingt nicht hohl (Georg Lichtenberg), sondern es entsteht eine Schwingung, eine Überlagerung, ein sich ausbreitendes Muster nach allen Seiten, ein wenig aufregend, ein wenig beruhigend, und definitiv ein neues Element in der Evolution des Geistes, real wie nur je ein passendes Wort, ein erhellendes Bild, eine zündende Idee?
Gut, schlecht, das sind doch bürgerliche Kategorien, das würde ein weises Känguru sagen, nicht aber der ewige Literaturkritiker (der, seien wir ehrlich, in allen Lesern wohnt, gleich neben dem ewigen Fußball-Nationaltrainer in allen Männern; ich habe ihn aber in den Keller verbannt, wo er zur Strafe Trivialliteratur lesen muss, tagein, tagaus). Und gut für ihn ist, was sein Magen fasst, schlecht aber, was ihm Schluckauf, Sodbrennen, schlimmstenfalls gar eine Gallenkolik verursacht; und er regt sich so leicht auf, der Gute! Aber in einer der diabolisch-dialektischen Volten, die die Evolution des Geistes gern schlägt (das hat sie von ihrer weisen Mutter, der Evolution in der Natur, gelernt), verschreibt der ewige Kritiker dem gemeinen Leser meist genau das, was diesem nicht bekommt: Er nämlich soll nur das lesen, was aufwühlt, erschreckt, verstört, schockiert, entsetzt! Denn der Gott des Kritikers (es ist der große Gott der Avantgarde überhaupt) ist besessen vom Geist des kritischen Bewusstseins und fährt als Klischeezertrümmerer und Stereotypenaufspießer auf die Literatur darnieder. Schwerbeweglich und leicht cholerisch thront er in den Feuilletons und wird angebetet in den Akademien, die ihm unverständliche, gelegentlich hysterisch anschwellende Gesänge widmen; von dort schleudert er seine Donnerpfeile gegen die leichte, die populäre, die unterhaltende Literatur, die Schönschreiber und Anpasser, die Bestseller-Autoren und die Dilettanten, und vor allem: den gemeinen Leser, der einfach kauft, was ihm gefällt, und liest, was ihm schmeckt: Verflucht seien sie in alle Ewigkeit, schlecht, schlecht, schlecht, ur- und grottenschlecht! Hinter dem breiten Rücken des Gottes aber, wenn die Kritiker den Schlaf des Allzu-Gerechten schlafen, vereinen sich die gute und die schlechte Literatur jede Nacht aufs Neue, damit die Welt wieder eins wird. Unbeschwert, ungesehen paaren sie sich, die Muse küsst sie alle, sie ist eine Hure und eine Heilige, und am Morgen schwärmen ihre Kinder aus in die Welt, dick und dünn, tiefsinnig und oberflächlich, phantastisch und wirklich, urkomisch und sterbenstraurig, und manchmal all das durcheinander. Und sie suchen sich ihre Leser, wie und wo sie sie finden, große und kleine, alte und junge, weibliche und männliche, gelehrte und ungebildete, urkomische und sterbenstraurige, und manchmal all das durcheinander. Gut oder schlecht? Who cares?
Die Moral? Nicht jeder verträgt alles, einiges macht süchtig, anderes macht dumm, und manches sollte der Arzt verbieten, gewiss. Aber Omnilegen sind wichtig für die freie Evolution des Geistes (in den Grenzen von Mutter Natur, natürlich) – eine vielseitige Ernährung ist die beste überhaupt, und ein guter Magen wächst an seinen Aufgaben!
Inzwischen bin ich eigentlich davon überzeugt, dass die Literaturwissenschaft, wie die meisten anderen Geisteswissenschaften auch, zum Aussterben verdammt ist. Sie hat es, um ehrlich zu sein, auch nicht besser verdient; sie hat sich so weit ins Haltlose verklettert, dass es einfach nicht lohnt, sie auf den Boden der Texte zurückzuholen, und eigentlich war sie sowieso nie eine Wissenschaft, sondern, im besten Falle: eine Lesens-Lehre. Durchaus persönlich, und gar nicht pseudo-wissenschaftlich-objektiv. Genauso, das sehen wir auch schon seit einiger Zeit, sind Institutionen zum Aussterben verdammt, die die Literatur vergangener Zeit irgendwie pflegen und dadurch am Leben erhalten wollen. Das ging schon seit geraumer Zeit nur noch, in dem man sie an den Tropf der Aktualität hängte; irgendetwas musste doch „anschlussfähig“ sein und relevant, „relevant“, für was auch immer! Ach ja, es blieb eine ziemlich blasse und verkrampfte Angelegenheit; auf dem Bett lag die arme Literatur, lagen die schönen alten Texte, und sie durften nicht mehr alt und gereift und eben ganz anders sein, sondern mussten Luftsprünge mit ihren Krücken machen. Lasst sie endlich sterben, war ich schon versucht zu bitten (im Gedenken an ihre Mutter, die man jahrelang nicht sterben ließ)!
Aber heute hatte ich, beim Bügeln, einen ganz neuen und revolutionären Gedanken. Er ging so: Warum eigentlich nicht Literaturwissenschaft als archäologische Wissenschaft betreiben? Texte ab einem gewissen Alter – sagen wir: die komischen 70er Jahre des Copyrights, nach deren Ablauf sie vermeintlich Allgemeingut werden, frei verfügbar, am besten geschützt sind sie sowieso durch das Vergessen –; also, was ich sagen wollte: Solche Texte könnte man ja als Artefakte aus einer fernen Vergangenheit betrachten, entstanden in einer fremden Kultur. Lasst sie so fremd sein, wie nur irgend möglich, dachte ich; lasst sie schwerverständlich sein, verschlungen formuliert in einer komplizierten Grammatik, gespickt mit ausgestorbenen Worten, mit Anspielungen, von denen allerhöchstens noch ein Hauch herbeiweht, eine Ahnung, es könnte noch mehr und anderes gemeint sein! Es macht doch gar kein Unterschied, ob ein literarischer Text in der Antike geschrieben ist oder im 18. Jahrhundert im kleinstädtischen Weimar; er ist so fremd geworden wie der Mond. Und wir wollen deshalb an ihm lesend erfahren, wie man mit Fremdheit umgeht. Wie man Artefakte aufschlüsselt, um ihre ursprüngliche Bedeutung zu verstehen. Niemand untersucht den Stein von Rosette darauf hin, ob die Hieroglyphen eine relevante Bedeutung verbergen. Homer liest sich auch ganz schlecht unter einer aktualisierenden Prämisse (frauenfeindlich und gewaltverherrlichend, um das Mindeste zu sagen). Klappt noch nicht einmal bei Shakespeare so richtig, obwohl ein gebildeter Engländer für jede Gelegenheit das passende Zitat parat hat; aber das geht eben nur mit Textfetzen, schön säuberlich abgetrennt von einem meist problematischen Kontext.
Nennen wir es „archäologisches Lesen“? Vielleicht zu schwer zu verstehen (was auch dafür sprechen könnte). Nicht „anderes Lesen“; alles ist heutzutage „anders“, vor allem, wenn es eigentlich das Gleiche ist. Lieber „alternatives Lesen“, das hat einen schönen Anklang an „alternative Fakten“, und es soll ja ein wenig skandalös sein. Lesen ist und war schon immer – also: für echte Leser – Alteritätstraining; häufig ist es aber nur intellektuelle (oder auch: gefühlige) Selbstbefriedigung (guck mal, denkt wieder jemand das Gleiche wie ich!). Ich würde am liebsten gleich ein paar Aufsätze schreiben, darüber, wie fremd Wieland zum Beispiel ist; was für seltsame Ideen er hat, und was für wunderschön altmodische Wörter (heute sprang mich zum Beispiel „unauslöschlich“ an, das sagt heute auch keiner mehr, seitdem wir dafür Delete-Tasten haben). Was er wichtig findet, und was er nicht. Wo er am meisten abweicht von all dem, was wir heute für selbstverständlich und „unhintergehbar“ (das neue „unauslöschlich“?) halten. Ach, ich würde gar keine Ende finden vor Begeisterung! Aber dafür reicht das Rest-Leben auch nicht mehr.