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Essays

  • Denken Frauen anders?
  • Die Schule von Athen und die verborgene Welt der Athene
  • Wer inspiriert die Dichterin? Musenküsse, Dichterrösser und Ariel
  • Kein Ort, nirgends. Die Günderode und Heinrich von Kleist reden über Männer und Frauen 
  • Orlando (Virginia Woolf). Eine summa litteraria
  • Undine geht (Ingeborg Bachmann), oder: Von der Schuld weiblichen Schreibens


Denken Frauen anders?

Denken Frauen anders? Wenn man es doch nur wüsste! Denn historisch, das steht fest, haben Männer zumindest mehr, wenn nicht: beinahe ausschließlich gedacht, falls man darunter ein öffentliches oder veröffentlichtes Denken versteht. Männer haben Bibliotheken voller philosophischer Grundlagenwerke gefüllt, haben Systeme errichtet, turmhoch für die Ewigkeit, haben die großen Fragen gewälzt, immer wieder die gleichen Begriffsberge hinauf, haben die großen Ideen gepredigt, wenn auch selten mit ebenso großen Folgen. Frauen existieren in der Philosophiegeschichte ebenso wenig als Subjekte des Denkens wie als Objekte: Der Mensch ist, seit Anfang aller Philosophie, ein Mann, wie der monotheistische Gott, sein Ebenbild; und wenn Frauen darüber anders gedacht haben, haben sie es nicht aufgeschrieben.

Sie hatten, das muss man zugeben, auch kaum Chancen das zu tun, und zwar aus einer Vielzahl von Gründen. Der erste ist zum Gähnen langweilig und zum Abwinken trivial; trotzdem muss es gesagt werden, weil es wahr ist und die Wurzel aller intellektuellen Benachteiligung und Unterdrückung schlechthin: Lesen und Schreiben waren bis vor sehr kurzer Zeit sehr rare Bildungsgüter für Frauen und sind es in Teilen der Welt bis heute. Ohne Lesen und Schreiben jedoch kann Frau denken, wie und was sie will – es wird keinerlei bleibende Spuren hinterlassen, und wir werden niemals wissen, ob Xanthippe vielleicht eine noch ausgeklügeltere geistige Hebammenkunst entwickelt hatte als ihr hakennasiger Gatte, oder ob Descartes‘ Lebenspartnerin dem „cogito ergo sum“ ein energisches „ich gebäre, also bin ich“ entgegen geschleudert hat.

Dazu kommt: Philosophisches Denken ist, wie jeder Leistungssport, anstrengend und will trainiert sein – am besten von früh an, unter fachkundiger Anleitung, mit erprobten Trainingsmethoden, in einer anregenden Umgebung und, wenn es eben geht, mit Aussicht auf eine würdige Belohnung für all die Strapazen. Philosophische Naturtalente sind zwar sicherlich, ebenso wie mathematische Genies, musikalische Wunderkinder oder sportliche Naturbegabungen, vorstellbar – einfach, weil das menschliche Gehirn aufgrund des segensreichen Würfelspiels der Evolution offensichtlich zu jeder noch so bizarren Form von Hochleistung rein zufällig in der Lage sein kann. Sie sind nur etwas schwerer zu finden, da wohl die Weisheiten eines frühkindlichen Hegel eher unter die Kategorie „altkluges Balg“ verbucht worden wären („ist er nicht niedlich? Heute hat er schon wieder vom Weltgeist gebabbelt, ich weiß wirklich nicht, woher er das hat!“). Kleine Mädchen nun gar, die ihre Puppen zum philosophischen Symposion gruppiert hätten anstelle an ihnen neue Frisuren auszuprobieren, wären sicherlich ernsthaft von ihren besorgten Müttern zurechtgewiesen worden („niemand wird die Prinzessin wachküssen, weil sie so klug aussieht!").

Insofern wird der traditionelle Königsweg zum philosophischen Denken mangels Anerkennung als mentaler und geschlechterübergreifender Leistungssport samt entsprechender Förderkultur wohl weiterhin die ganz alltägliche Praxis sein: Üben, üben, üben – an verschiedenen Objekten, mit verschiedenen Sparrings-Partnern, in verschiedenen Techniken, vom allseits beliebten Syllogismus als Anfängerübung, über die Regeln der formalen Logik und den konsistenten Aufbau von Argumentationen bis hin zur Architektur von umfassenden Beweisführungen – oder gar, Krönung des philosophischen Denkens im akademischen Sinne, von Systemen. Das ist nicht nur entbehrungsreich – wer denkt, darf nicht spielen, essen, lieben, faulenzen, plappern, ganz zu schweigen von den vielfältigen medialen Unterhaltungs- und Ablenkungstechniken des digitalen Jahrtausends, die dem Denken sicherlich langfristig den Garaus machen werden, falls es nicht endlich Playstation-kompatibel wird. Es ist auch anstrengend, und jeder, der sich nach einer gedanklichen Verausgabung heißhungrig auf das nächste Stückchen Schokolade stützt, weiß ein Lied vom Energieverbrauch des Gehirns zu singen. Vielleicht wäre die beste Strategie zur Verweiblichung der Philosophie deshalb ein Diätprogramm nach dem Motto „Denken macht schlank!“ – jedenfalls, wenn man es irgendwie schafft, den Heißhungeranfall danach unter Kontrolle zu bekommen und gedankliche Jo-Jo-Effekte zu vermeiden!

Während bei Männern aber solche Denkübungen zumindest als Sekundärtugend für den späteren wirtschaftlichen Erfolg akzeptiert und deshalb als Ausbildungsgegenstand praktiziert wurden, auch wenn es gefährlich ist und eigentlich mit einem seitenlangen Nebenwirkungskatalog versehen werden sollte („fragen Sie Ihren Priester oder Arbeitgeber!“), ist die Gefahr für Frauen offensichtlich viel größer. Kluge Frauen werden nicht nur bis heute, wie alle einschlägigen Umfragen zeigen, nicht geheiratet (und wahrscheinlich auch eher selten geliebt) und reproduzieren deshalb auch keine gleichermaßen klug veranlagten weiblichen Nachkommen; sie werden auch nicht geschätzt, sondern als „Blaustrumpf“ bespöttelt und als unweiblich diffamiert. Besonders kluge Frauen stellen sich deshalb gern besonders dumm – was ihre Attraktivität zwar erhöhen mag, zumal wenn sie blond sind, aber nicht hilfreich bei der Suche nach der weiblichen Philosophie ist. Mangelnde Gleichverteilung der Bildungschancen wird somit ergänzt durch mangelnde Einübung der Bildungspraxis: Es denkt sich halt einfach nicht allein und von selbst, und die Belohnungen für einen auch nur zufällig gefassten und geäußerten eigenen Gedanken stellen sich auch nicht automatisch ein: Wer denkt, erntet Widerspruch, je eigener desto mehr, ist man als Faustregel zu sagen versucht. Widerspruchsgeist jedoch gilt, auch das ist zu bedenken, nicht direkt als Schlüsselqualifikation zum erfolgreichen Frausein.

Aber ist das nicht alles überholt und aus der gender-Mottenkiste hervorgekramt, versehen mit reichlich historischem Feinstaub und den Abnutzungserscheinungen allzu häufig gebrauchter Argumente? Frauen sind heutzutage emanzipiert, überholen die Männer mit inzwischen als erschreckend empfundener Geschwindigkeit in allen Bildungsstufen und -abschlüssen; kein kleines Mädchen muss mehr leiden, weil es lieber Philosophen-Quartett als Puppenküche spielt, und seine Gedanken (oder das, was sie/er dafür hält) darf sowieso jeder öffentlich kundtun, je weniger Substanz, desto lauter (auch wenn „Deutschland sucht den Superdenker“ kaum jemals quotenfähig werden wird). Trotzdem hat frau nicht das Gefühl, dass die Philosophie weiblicher wird, ja noch nicht einmal, dass das Denken weiblicher wird. Frauen, die Erfolg haben wollen in der Philosophie, setzen wie in der Wirtschaft nämlich besser darauf, sich zumindest männlich zu präsentieren, in Kleidung und Habitus ebenso wie in Sozialverhalten und Denkstil. Haben Frauen als Frauen also nichts zu denken bzw. zu sagen? Oder warum tun sie es jetzt nicht endlich?

Hier ist nun der Platz für ein Zugeständnis an den Mann: Männer sind (und alle Political-Correctness-Junkies mögen weghören, da es nun zur Sache geht und nicht um wohlfeiles Abnicken von gedankenpolizeilich genehmigten Floskeln), bei all ihren Fehlern, häufig hartnäckiger, ausdauernder, zielbewusster – eben auch im Denken, wo es genau darauf leider ab und zu ankommt: einen Gedanken nicht nur zu fassen – das gelingt beinahe jedem oder jeder irgendwann –, sondern ihn am Schopf zu packen, festzuhalten, ihn zu verfolgen, ihn gegen innere Widerstände („bin müde! Habe keine Lust mehr! Muss noch einkaufen!“) durchzuboxen, ihn, und das ist jetzt durchaus so ambivalent gemeint wie es klingt, zu unterwerfen, ihn einzubinden in einen größeren Zusammenhang und ihn bei all dem mit der unverwechselbaren geistigen Duftmarke seines Bezwingers zu versehen. Das tut dem Gedanken vielleicht nicht immer gut, der in diesem kämpferischen Prozess zu einer Härte und Festigkeit geschmiedet wird, die ihn (sagen wir es weiblich-vorsichtig) nicht immer kompatibel zu einer flexiblen, weichen, eher chaotischen denn zweiwertig-logischen strukturierten Lebenswirklichkeit macht. Aber es formt ihn zu etwas, mit dem fortan nicht nur zu denken, sondern zu argumentieren und kämpfen ist. (Männliches) Denken ist Machtausübung in einer sehr konzentrierten Form; und es belohnt sich im Übrigen nicht nur mit dem Gefühl geistiger Überlegenheit, sondern auch mit handgreiflichen Tatsachen in Form von Traktaten, Büchern, wissenschaftlichen Preisen vielleicht gar, und langfristig, für ein paar wenige: Unsterblichkeit.

Für seine Ideen zu kämpfen, galt deshalb seit alters her als Merkmal des wahren Helden des Geistes (auch wenn Philosophen nur sehr selten den sokratischen Beweis antreten mussten, für ihre Ideen auch, lächelnden Angesichtes, sterben zu können); und das, wie gesagt, nicht ganz zu Unrecht. Heldinnen des Geistes jedoch – wären sie wirklich als solche anerkannt worden? Selbst wenn sie es geschafft hätten, ihr Talent zum Denken zu entdecken, es zu trainieren, gefördert zu werden, angeregt zu werden, durch Gespräche, durch Lektüre, durch intellektuelle Herausforderungen, jawohl: auch durch Männer! – es wäre trotzdem ein schwerer und entbehrungsreicher Weg geworden. In Zeiten vor Erfindung einer halbwegs zuverlässig funktionierenden Geburtenkontrolle wären sie philosophisch sozusagen ungefähr gleichzeitig geschlechtsreif geworden wie biologisch; statt eines Traktats hätten sie ein Baby geboren, und dann noch eines, und dann noch eines, und wenn sie nicht bei einer der Geburten oder kurz danach am Kindbettfieber gestorben wären, wäre dies über eine relativ lange Spanne ihrer Lebenszeit hin so weiter gegangen. Und Geburten sowie ihre Folgen haben leider – oder Gottseidank? – die Eigenschaft, die geistigen Energien der an ihnen Beteiligten vollständig zu absorbieren; wer angesichts eines schreienden Babys oder eines die ersten Worte stammelnden Kleinkindes noch über die Windungen des Weltgeistes nachdenken kann, der mag zwar ein wahrer Philosoph sein, aber ist leider auch ein ziemlich herzloser.

Natürlich hätten unsere potentiellen Philosophinnen sich auch den Mühen des institutionalisierten Geschlechtsverkehrs und der biologischen Zwangsreproduktion entziehen können und, eben heldinnenhaft, ein Leben des Geistes wählen – allerdings ohne Aussicht auf finanzielle Versorgung und mit einer herben Einbuße an menschlicher Lebens- und Liebeserfahrung sowie allen daraus resultierenden, an der männlichen Geschichte der Philosophie so deutlich ablesbaren Einschränkungen. Und im Gegensatz zu ihren männlichen Heldenkollegen wären sie nicht dafür gefeiert, sondern als alte Jungfern und Blaustrümpfe verspottet worden. Das ist ein hoher Preis, und er wird bis heute von einigen wenigen bezahlt. Sollte es aber nicht möglich sein, in unseren achso emanzipierten modernen Zeiten, denken zu dürfen ohne das Leben dafür zu vernachlässigen? Wäre das nicht der wahre Beitrag der Frauen zur Philosophie (und selbstverständlich auch derjenigen Männer, die sich dazu berufen und qualifiziert fühlen): zu zeigen, wie das Denken im Leben wurzelt? Nicht irgendwie allgemein oder ontologisch überhöht (das Sein des Seienden), sondern zwischen Windeln, Kartoffelbrei und dem freiwillig gewählten, da man für professionelles Denken nämlich leider Zeit braucht, wie für jede anstrengende Arbeit, Halbtagsjob?

Ein solches Denken existiert im Übrigen tatsächlich; es nennt sich verschämt „Lebens“- oder Popular“-Philosophie und ist das notorisch schwarze Schaf in der weißgespülten akademischen Philosophenherde. Es bekommt deshalb keine Lehrstühle, sondern nur abseitige Nischen im allgemeinen Publikationsbetrieb; es wird nicht zu Philosophentagen und Kongressen eingeladen, sondern allerhöchstens – wenn es denn genügend skandalträchtig ist, eine fotogene Lockenpracht trägt und wenigstens ab und zu einen halbwegs verständlichen Satz produzieren kann – zu Talk-Shows. Es bekommt auch keine historisch-kritische Werkausgabe, wird aber vielleicht gelesen, von beinahe normalen Menschen – solchen nämlich, die sich für Philosophie als Lebenskunst interessieren und nicht für Philosophie als Rentenversicherungspolice. Es ist deshalb wenig attraktiv für den Mann als akademischer Leitwolf – und eine Chance für die Philosophin des Alltags, für die Denkerin zwischen Windeln, Kartoffelbrei und Halbtagsjob.

Denn diese Philosophin des Alltags weiß, im Gegensatz zum über den Dingen stehenden Systemphilosophen und dem ins akademische Zwangsrad eingespannten Dienstphilosophen, dass es im Leben und dem ganzen Rest nur sehr wenige Dinge gibt, die sich einer zweiwertigen Schwarz-Weiß-Logik, einer durchgängig kausalen Argumentationskette oder einem streng definierten Begriffskorsett unterwerfen lassen, und das ohne erhebliche Kollateralschäden an Realitätsnähe und Bezug zur Lebenserfahrung. Sie geht jeden Tag um mit Dingen, die nicht eindeutig sind, die sich verändern, deren Bewertung schwankt wie ihre Erscheinung; sie hat Erfahrungen mit der begrenzten Wirkung von Vernunft-Argumenten auf Lebendiges; sie ist vorsichtig geworden mit Verallgemeinerungen und Generalurteilen. Sie hat es auch, und zwar gar nicht zuletzt, häufig mit Körperlichem zu tun und weiß deshalb, dass man Körper und Geist nur sehr gewaltsam und künstlich voneinander trennen kann. Sie geht nicht mit Gedanken schwanger, sondern mit Embryonen, sie gebiert keine Theorien, sondern lebendige Menschen, sie versorgt nicht einen unersättlichen akademischen Betrieb mit Publikationen, sondern eine Familie mit Essen, Zuwendung und einem Zuhause. Wobei der Punkt nicht ist, dass das nur Frauen können oder gar sollten (von Geburten einmal abgesehen); der Punkt ist, dass sie es historisch getan haben und immer noch mehrheitlich tun, und dass es eine spezifische Lebenserfahrung prägt, die anders ist als die dominant berufliche oder politische oder ökonomische – die aber gerade dort, wo es um Menschlichkeit geht (und worum soll es eigentlich in der Philosophie gehen, wenn nicht darum?), auf keinen Fall abzuwerten oder zu vernachlässigen ist, sondern vielmehr einzubeziehen und zu bedenken.

Unsere weibliche Philosophin des Alltags formuliert deshalb nur sehr vorsichtige Einsichten, mit begrenzter Geltungsbreite und einem historischen Mindesthaltbarkeitsdatum. Und sie tut das in einer Form, die eher den zurückgelegten Denkweg als dessen Ergebnis spiegelt. Denn erzieht man so nicht auch Kinder? Nicht, indem man ihnen Weisheiten von oben herab verkündet, sondern indem man sie mitnimmt auf dem Weg der Erkenntnis, sich an ihrer Auffassungsgabe orientiert und versucht, ihnen die Sache schmackhaft zu machen, wenn es sein muss: in kleinen Portionen und mit handgeschnitzten Gurkengesichtern? Und hält man so nicht seinen Haushalt in Ordnung? Nicht, indem man perfektionistisch poliert von morgens bis in die Nacht und jedem Stäubchen den Krieg erklärt, aber auch nicht, indem man Faulheit und Verwahrlosung als kreatives Chaos verkauft, sondern indem man Routinen entwickelt und erprobt; indem man versucht, neben dem Nützlichen und Notwendigen das Unnütze und Schöne nicht zu vergessen; und indem man sich schließlich moralisch zusammenreißt, wenn es nun einmal sein muss, dass jemand den Müll wegbringt, auch wenn man dafür wieder einmal keinen Orden bekommt.

Geht man so schließlich nicht sogar mit Männern um, diesen seltsamen Wesen, die jeden Tag kämpfen und gewinnen wollen, aber so viel Bestätigung dafür brauchen; die die größten Heldentaten vollbracht haben und die furchtbarsten Verbrechen begangen; die so wenig Halt haben im Leben, dass sie verzweifelt versuchen müssen im Geist Wurzeln zu schlagen; und die schließlich, seit jeher, Frauen genauso in den Himmel gehoben und idealisiert wie unterdrückt und marginalisiert haben? Männer – man versucht sie zu verstehen als Frau, man versucht einigen von ihnen zu gefallen; man geht ihnen auf die Nerven oder aus dem Weg, aber niemals wird es ganz gelingen. Man bekommt Männer ebenso wenig in den Griff wie Gedanken und Ideen; und wenn man es täte, wäre es wie Systemphilosophie: ein Herrschaftssystem, rigide und abgehoben, manipulativ und arrogant, unter Ausschluss all dessen, was den einzelnen Mann/die einzelne Frau/den einzelnen Gedanken lebendig und produktiv macht. Denn darum geht es doch am Ende, unabhängig von gender-Stereotypen und real existierenden Unterschieden: dass man sich im Denken befruchtet – wofür zwei verschiedene Geschlechter, wie auch immer man sie nennt und wer auch immer sich zu welchem für zugehörig erklärt, vielleicht nicht der schlechteste Weg sein könnten: gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit.

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Die Schule von Athen und die verborgene
Schule der Athene.
Eine Welt voller Gegensätze



Das ist kein einfaches Gemälde. Es ist selbst eine Welt, und es ist die Geschichte einer Welt, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft. Es ist aber auch eine Geschichte der Farben und der Bilder, der Wissenschaften und der Künste, und schließlich: die Geschichte der Menschen. Man möchte mitten hineinspazieren und sich unter die vielen Gestalten mischen; man möchte hören, worüber die beiden zentralen Figuren, nennen wir sie ruhig Platon und Aristoteles, streiten, man möchte wissen, was der alte Mann mit der Glatze und dem wolligen Bart in sein großes Buch schreibt, man möchte sich von den Weisen mit der Erdkugel und der Himmelskugel den Kosmos erklären lassen, und dann möchte man sich ein kleines Weilchen zu dem einsamen Mann in der Mitte setzen, der ganz für sich lässig auf den Stufen herumlümmelt, die Toga nur locker über die Schulter geworden und den Blick auf ein Blatt gerichtet. Und schließlich möchte man in dem Bild verschwinden, ganz im Hintergrund, wo der Himmel durch einen Torbogen scheint; denn dahinter ist ganz sicher das Paradies.

Die Szene ist sorgfältig gewählt für dieses große Panorama des Geistes und des Wissens: Es ist eine antike Prachtarchitektur, monumental und gleichzeitig einfach, mit perfekten Kreisen zum Himmel hin und perfekten Quadraten zum Boden. Man ist verleitet zu vermuten, dass das Muster des Gangs, auf dem die Hauptfiguren würdevoll daherschreiten, eine Art Quadratur des Kreises aufweist: Denn kann man, gleichzeitig, dem alten Platon vertrauen, der so gewiss zum Himmel hinauf weist, und dem in der Blüte seiner Jahre stehenden stattlichen Aristoteles, der energisch auf dem Boden bleiben will? Zwischen beiden, ganz genau zwischen ihnen, ist der Mittel- und Fluchtpunkt der perfekten Zentralperspektive; tatsächlich ist er, wenn man ganz genau schaut, in der kleinen leeren Stelle zwischen der blauen und der roten Toga. Und über ihnen, durch die runden Bogen, schaut der Himmel hinein, und das Gemälde wäre ein klaustrophobischer Alptraum, wenn er es nicht täte: Nur so können die Gedanken frei bleiben, können ausschweifen, können über all die Menschen hinweg sich auflösen in blauen Äther. Die Natur ist immer dabei, und wäre sie es nicht, wäre einfach nur eine „Schule“ dargestellt, dann wäre sie eine Zwangsanstalt, wie so viele Schulen. Hier aber herrscht Bewegung, man philosophiert im Gehen, und man geht vom Freien herein ins Gebäude; aber man kann auch wieder herumdrehen und hinausgehen ins Freie.

Der Raum jedoch ist nicht nur eine perfekte Architekturkulisse, er ist auch geschmückt mit Figuren. Man übersieht sie leicht, marmorblass stehen sie in ihren Nischen und werden in den Hintergrund gerückt von all dem bunten Gewimmel im Vordergrund. Lässt man sich davon, vor der Hand, nicht ablenken, und das erfordert schon einen ziemlichen Akt des Willens, sieht man auf der Seite von Aristoteles eine weibliche Gestalt in der Nische. Ihr Helm und ihr Schild weisen sie als Athene aus, die Göttin der Weisheit, der Künste und der Wissenschaften; die kluge Athene, die in voller Rüstung dem Haupt des Zeus entsprang und die die leichtlebige Medusa dazu verdammte, dass kein Mann sie anschauen konnte ohne zu versteinern: Klugheit und Begehren paaren sich nicht gut. Ihr zu Füssen aber ist eine mütterliche Szene abgebildet: Denn Frauen sind klug und mütterlich, hart und sanft. Ihr gegenüber, auf der Seite von Platon, steht Apollo, der schöne jugendliche Apollo, der Gott des Lichts und der Künste, mit seiner Leier; und ihm zu Füßen ist eine Kampfszene abgebildet, denn Männer sind sanft und kämpferisch.

Aber nun geben wir der Verlockung nach und stürzen wir uns endlich ins Getümmel, zwischen all die Figuren; und als erstes sind es die Farben, die den Blick leiten und reizen. Sie sind von einer geradezu überdeutlichen Klarheit, sie sind Inbegriffe von Farben, denen man noch ansieht, dass sie aus Naturstoffen gemacht sind, aber vom Künstler konzentriert wurden bis zur übernatürlichen Essenz einer Farbe, der Idee einer Farbe, wie Platon zweifellos sagen würde; aber sie haben auch ihren ursprünglichen Naturton bewahrt. Der Künstler hat seine gesamte Palette ausgeschöpft, er hat Gewänder eingetunkt, bis sie strahlten, und dann hat er sie angeordnet, scheinbar zufällig, scheinbar willkürlich, aber man wird den Verdacht nicht los, es war eine Art Vier-Farben-Problem, das er souverän gelöst hat. Und das Licht über all dem ist so weich und gleichzeitig so klar, dass man tief durchatmen möchte mit den Augen. Schwarz fehlt beinahe völlig; allein die Schiefertafeln sind schwarz, kleine schwarze Blöcke konzentrierten Lehrens, mit weißen Zeichen beschrieben; aber wenn man sie abwischt, hat man wieder eine reine Tafel, und man kann von vorn anfangen.

Auf die Tafeln zeigen Hände; und die Hände gehören zu den Hauptfiguren in diesem Welttheater des Geistes. Platons Zeigefinger weist nach oben, in den Himmel, wo die Ideen wohnen; Aristoteles‘ Hand widerspricht und verweist auf den Boden, den man bei all dem nicht verlassen soll, die Realität der Dinge und Phänomene. Es gibt Hände, die zeigen und demonstrieren, Hände, die zweifeln und behaupten, Hände, die schreiben, die grüßen, halten und stützen. Philosophie ist, so lernt man, eine handgreifliche Angelegenheit; sie findet statt zwischen Menschen, die philosophische Handlungen vollführen, bei denen ihr ganzer Körper mitspricht. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Menschen; ihre Hautfarbe changiert wie die Farbe der Gewänder, einige tragen altertümliche Kopfbedeckungen, eine Art Turban mischt sich darunter, ein Lorbeerkranz, ein kriegerischer Prachthelm; man sieht jugendliche Locken und alterskrause Bärte, Glatzen (etwas überdurchschnittlich viel Glatzen, bei genauer Betrachtung), und immer wieder, als Gegenstück: volle jugendliche Locken. Denn dies ist kein Altherrenstück, die Jugend ist da, sie lauscht mit offenem Mund, sie schreibt eifrig mit. Vor allem in der naturwissenschaftlichen Gruppe am rechten Bildrand scharen sich die wissbegierigen Jünglinge um die Figur, die mit dem Zirkel hantiert; daneben balancieren zwei Gestalten eine Himmelskugel und einen Erdglobus, beides natürlich, nebeneinander, den Himmel und die Erde. 

Aber vielleicht sollte man sich doch lieber der Gruppe am linken Bildrand zuwenden? Hier scharen sich keine Jünglinge, sondern gar Kinder um die schreibenden Gestalten; sie schauen dem Dichter über die Schulter, während ein etwas buckliger Alter dem Mann mit dem großen Buch etwas nach- oder abzuschreiben scheint; und man wüsste nur zu gern, was in dem großen Buch steht, was der Dichter liest, was der alte Mann da so fleißig abpinnt, aber man hat keine Zeit. Denn jetzt zieht ein dunkelhaariger, sehr kräftiger Mann den Blick an, etwas unterhalb von Platon sitzt er und hat als einziger ein marmornes Schreibpult abbekommen; aber sein Blick geht melancholisch weg von seinem Schreibtisch, er scheint mehr nach innen zu schauen, und sein Schreibfluss ist gestockt. Seine Kleidung wirkt beinahe modern, ebenso sein Haarschnitt; ist er die Zukunft, ist er das dunkle Bild einer Zeit, die die Schule verlassen hat und nun in der Welt ihr Heil sucht, jeder für sich, jeder Einzelkämpfer einer zutiefst melancholischen Moderne, die den Sinn nur noch in Büchern sucht? Aber zum Glück hat er einen Gegenspieler, den zweiten Einzelgänger auf dem Bild: Ganz locker sitzt er da, ein wenig rechts von dem Grübler, über die Stufen hingegossen, seine Toga hat er nur nachlässig geschultert, die eine Hälfte des Oberkörpers bleibt unbedeckt, halb unter ihm ruht sein Mantel, daneben eine Schale. Zwar schaut auch er auf ein Blatt in seiner Hand, aber wie groß ist der Unterschied in Haltung und Wirkung! Er gehört, zweifellos, zur aristotelischen Seite, aber er nimmt die Erde leicht, während sein grimmiger Nachbar den platonischen Ideen nachhängt und sie in sich selbst nicht zu finden scheint.

Allerdings ist, und darüber kommt die Betrachterin erst einmal schwer hinweg, die dargestellte Welt des Geistes in gewissem Sinne nur eine halbe Welt: Es ist eine Welt ohne Frauen, wenn man einmal absieht von Athene als Schutzpatronin der Weisheit, die ja selbst immerhin, vom Namen her, eine Frau ist: philo-sophia. Bei einigen Figuren, meist Randfiguren, beschleicht einen zwar ein Verdacht, dass es sich doch um eine weibliche Zuhörerin handeln könnte, die sich in der Schule eingeschlichen hat, in der Frauen natürlich prinzipiell nicht zugelassen waren; so fortschrittlich war die griechische Antike dann doch nicht. Aber wahrscheinlich sind es doch nur weiche, unfertige Jünglingszüge, wie sie Raffael in seinen Heiligenbildern so gern gemalt hat, jugendlich androgyne Johannes-Figuren. Eine etwas rätselhafte Gestalt gibt es allerdings, die dadurch auffällt, dass sie aus dem Bild hinaus schaut, dem Betrachter direkt ins Gesicht; nur das Selbstporträt des Autors auf der anderen Seite schaut ähnlich herausfordernd auf den Betrachter. Es existieren auch ganze Legenden dazu, welche Gestalt genau welcher Philosoph ist, aber darüber darf sich die Wissenschaft weiter streiten. Die rätselhafte Gestalt trägt zudem, ebenfalls als einzige, ein fast durchgehendes weißes Gewand, mit leichten Goldrändern gesäumt, das die Körperformen nicht nachzeichnet, sondern verdeckt; ihr Gesicht wird umrahmt von sanften braunen Locken, und ihr Blick mutet, man kann es nicht anders sagen, extrem weiblich an. Ist sie ein verirrter Engel, ein heller Schatten aus der anderen Welt des Himmels, auf den der Blick ins Blaue weist? Oder ist sie die zweite Hälfte des vor ihr stehenden, außerordentlich dunkel und energisch gezeichneten Mannes, der zweite hellere Teil des ursprünglich androgynen Kugelmenschen? Man wird es nicht beweisen können. Aber man kann Ideen haben.

Oder vielleicht ist es sogar ganz gut und richtig so, dass dieses Bild kein Geschlecht kennt. Denn würde man nicht sofort damit beginnen, Beziehungen zu suchen, Andeutungen für ein anderes, mehr handgreiflich erotisches Verlangen als das nach dem Wissen oder der Weisheit, würde man nicht Anzüglichkeiten sehen und Begehren, die alte, uralte, immergleiche Geschichte? Wäre es nicht denkbar, dass es eine Welt gibt, in der man einfach nur lernen möchte, im Gespräch mit anderen Menschen, mit der Natur und dem Himmel? Wäre es nicht vielleicht sogar denkbar, dass eine zweite Schule existiert, unbekannt, im Schatten der ersten; in ihr sind die Frauen unter sich, auch die Kinder und Mädchen dürfen mitkommen, und man diskutiert ganz frei, genauso frei wie die Männer, aber unbeeinflusst von ihnen und dem allgegenwärtigen Geschlechterkrieg? Vielleicht wäre sie im Freien angesiedelt, einer arkadischen Landschaft, nicht im prächtigen Architekturpalast, aber im Hintergrund könnte man ihn sehen, so, wie man hier im Hintergrund den Himmel sieht. Sie füllt sich nur langsam, diese Schule der Frauen, die ich gern die Schule von Athene nennen möchte. Aber wenn man ihr ein wenig Zeit gibt, werden die Gestalten allmählich hervortreten, genauso farbenreich und glanzvoll. Und dann erst wird die Welt des Geistes ganz sein.

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Wer inspiriert die Dichterin?

Wie ist das eigentlich, wenn einen die Muse küsst? Ach, wenn sie es doch nur täte! Ein zärtlicher Kuss, hingehaucht auf die Dichterinnenstirn, und die Worte fließen einem nur so aus der Feder, und während man sich noch den Schweiß von der Stirn wischt, erscheint schon ein perfekter Text auf dem Papier, wortstark, geistvoll, lustreich. Aber irgendwie bleibt die Szene immer eine Männerphantasie und lässt sich nicht so recht ins Weibliche mutieren: Die Musen sind traditionell reizvolle junge Damen, zumeist wenig bekleidet; sie zeigen sich beim Tanze in den vorteilhaftesten Stellungen, sie flechten neckische Kränze, und schon die Idee, dass sie dann Sappho oder Elfriede Jelinek damit bekränzen könnten – lieber nicht (das gilt aber auch für die Mehrzahl der schreibenden Männer). Lassen wir die Küsse vielleicht doch besser dort, wo sie hingehören – in der Liebe, in der Jugend, wo die Lippen noch voll sind und der Funke fliegt, ohne sich in Worte vergröbern zu müssen.

Oder ist es doch die direkte göttliche Inspiration, die mit übermenschlichem Feuer sich in die Seele des Dichters ergießt und ihn zu den kühnsten Schöpfungen begeistert? Ach, wenn man doch daran glauben könnte, wenigstens an eine Art Genius-Placebo! Ersatzweise haben Generationen religiös unbegabter Dichter versucht, den göttlichen Rausch durch weltliche Rauschmittel zu induzieren – was gelegentlich sogar funktionieren soll. Allerdings zeigen die solcherart empfangenen Geisteskinder häufig deutliche Spuren ihrer eher wüsten Zeugung und müssen, bevor man sie öffentlich vorzeigen kann, von allerhand Geburtsschleim gereinigt werden. So manches überlebt diesen Prozess nicht; nicht alles, was nahe am Wahnsinn ist, ist deshalb schon Dichtung.

Und dann kam Pegasus. Für die Griechen war Pegasus eigentlich nur ein ganz normales mythologisches Vieh, geboren aus ihrer ungebremsten, vor delikaten Vermischungen nicht Halt machenden mythischen Phantasie: als Sohn des Meeres- (und im Zweitberuf Pferde-)gottes Poseidon und der schlangenköpfigen Medusa, entsprang er, als der Heros Perseus die männerverderbende Ex-Schönheit köpfte, ihrem Haupte als geflügeltes Pferd. Anschließend machte er sich auf dem Weg zum Olymp und stellte sich Zeus als Donner- und Blitzbote zur Verfügung. Auf einer seiner Botentouren erschuf er, eher beiläufig, mit einem halbgöttlichen Huftritt die Musenquelle Hippokrene auf dem Musenberg Helikon – deren Genuss künftig, siehe oben, die Dichter zu ihren schönsten Phantasien beflügeln sollte. Pegasus jedoch wurde am Brunnen überrascht und gezähmt von Bellerophon, der ihn als Schlachtross brauchte, um die Chimäre zu besiegen.

Die Chimära, ein weiteres mythologisches Ungeheuer, konnte es durchaus mit Pegasus aufnehmen: Ihr Löwenkopf saß auf einem Ziegenkörper, der in einem Drachen-Schlangen-Schwanz endete. Offensichtlich durfte man ein solches Monster nicht leben lassen, obwohl etwas unklar bleibt, was sie eigentlich verbrochen hatte; aber im Mythos gibt es Monster in erster Linie, damit Helden sie töten können, weil das eben der Stoff ist, aus dem Heldendichtungen gemacht werden. Bellerophon also machte der Chimäre mit Pegasus den Garaus – aber dann wurde er übermütig und lehnte sich gegen den Göttervater, gegen Zeus selbst auf. Zeus jedoch, und hier kippt das Heldenepos leicht schräg ab in die Travestie, schickte eine göttliche Bremse (nein, kein Fabelwesen, einfach eine Stechmücke); und die Bremse stach Pegasus, und Pegasus bäumte sich, Fabelwesen oder nicht, auf, und der Held fiel herunter und war fortan keiner mehr, sondern tot. Pegasus aber wurde von Zeus unter die Sterne versetzt, und dort thront er heute immer noch, im nach ihm benannten Sternbild. Und niemand wird wissen, ob er nicht lieber weiter ein einfacher Pferde-Blitzbote geblieben wäre, der gelegentlich einen Schluck zu viel aus der Hippokrene nahm. Die Geschichte zeigt jedoch, dass man gut im Sattel sitzen muss, wenn man das Dichterross reiten will; es trägt einen zwar überall hin mit seinen Flügeln, aber irgendwie muss man auch wieder zurückkommen, und geflügelte Worte allein machen noch kein Werk. Gelegentlich geht der Dichter besser zu Fuß, und Chimären könnte man auch einfach leben lassen und in Zoos ausstellen, bis die Menschheit es endgültig geschafft hat, der Mythologie durch Genetik auf die Sprünge zu helfen.

Shakespeare aber schuf Ariel. Ariel ist ein Luftgeist, in der älteren Überlieferung: ein gefallener Engel – oder ist er doch ein Dämon? Wer weiß das schon, Gut und Böse werden in einer gewissen Entfernung unscharf und wechseln die Farbe je nach Betrachter. Ariel jedoch umkreist die Erde in zwei Sekunden; er ist unsichtbar und allmächtig, er flüstert den Menschen die Liebe ein und den Hass, er verfügt über die Elemente und die Seelen gleichermaßen. Zehn Jahre wurde er auf einer Zauberinsel in einem Baum von der Hexe Sycorax gefangen gehalten, und wie soll man sich vorstellen, was das für den Beweglichsten, den Luftigsten von allen bedeutet hat? Aber dann befreite ihn Prospero, ein alter müder Zauberer, dem er nun untergeben ist; vielleicht hieß der Zauberer auch Shakespeare, für eine Weile, oder Goethe, oder Homer. Aber Ariel ist nicht für immer zu fesseln, nicht durch Bäume und nicht durch Zauberei und schon gar nicht durch Worte. Er lebt in den Winden, dem Atem der Welt; er schwimmt in den Bächen und im Meer, die alles Seiende durchströmen; er wühlt in der Erde, aus der alles wächst, und er ist unwiderstehlich im Feuer. Wenn Ariel eine Dichterseele in Besitz nimmt, als Hauch, als Strömung, als Samen, als Funke, dann explodiert sie – die Synapsen fangen an hysterische Netze zu spinnen und die Neuronen feuern nach allen Seiten.

Ariel aber kommt nur zu denen, die ihn nicht fürchten. Alle anderen spüren vielleicht, gelegentlich, ein unbestimmtes Lüftchen, einen kräuselnden Wellenschlag, eine kleine ungewohnte Sensation in ihrer Seele, aber sie würden vergehen an seinem stärksten Feuerwerk und an seinem unmenschlichen All-Blick. Ariel schert sich nicht um Gut oder Böse, Richtig oder Falsch; er kennt keinen Gott, er kennt keinen Menschen, er kennt nur die Elemente und ihren immerwährenden Sturm und seine grenzenlose Freiheit, die ihm nur eines befiehlt: zu schaffen. Vergesst Ariel besser. Ahnt ihn allenfalls. Aber kommt ihm nicht zu nahe.

Wir aber sind Gelegenheitsschreiberinnen. Mal küsst uns die Muse im Vorbeigehen, sehr flüchtig. Sie hat sich herausgeputzt wie ein Party-Girl und macht die ganze Zeit Selfies, den Kussmund dick geschminkt und knallartig zugespitzt. Dann wieder tritt uns ein Pferd, fast ist das besser, es tut wenigstens ein wenig weh. Ariel sehen wir höchstens im Flugzeug an uns vorbeihuschen, wenn es endlich Reiseflughöhe erreicht hat, aber er ist schneller als der Schall und nur sein mitleidiges Lächeln bleibt einen Moment stehen im leeren Raum. Wir aber schreiben, gelegentlich, uns etwas von der Seele. Oder vom Leib. Wir schämen uns dabei, weil es ja wirklich nicht unbedingt sein muss; und Dichtung, da ist Ariel ganz streng, sollte eigentlich notwendig sein – ein Stück vom eigenen Fleisch, beseelt von einem Schmerzenshauch der eigenen Seele, gewendet und gestaltet zu etwas Neuem. Ist es aber gestaltet, dann ist ein Ding mehr in der Luft. Es muss nicht schön sein, es trägt gar leicht an seiner kleinen Bedeutung, es torkelt noch ein wenig unsicher durch den neuen Raum, vielleicht ist es doch zu früh geboren? Als Mutter sorgt man sich und schneidet die Nabelschnur nur schweren Herzens durch. Vielleicht, dass Ariel es übersieht in der Masse der aufgeblähten Schäume und Seifenblasen.

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Kein Ort, nirgends. Die Günderode und
Heinrich von Kleist reden über Männer und Frauen

Zuerst meint man, es gehe um die Romantik, also: die historische und speziell deutsche Romantik als Epoche, mit ihrer Vorliebe für das Unerreichbare, die ewige Sehnsucht, die niemals zu findende blaue Blume, und in letzter Konsequenz: den Tod. Und es spricht ja auch einiges dafür: Zwei historische Selbstmörder besprechen sich, in Winkel, so heißt der Ort am Rhein wirklich. Aber es ist auch ein metaphysischer Winkel, ein Zwischenraum, in dem sich zwei Lebens- und Seelenverwandte finden, ein Mann und eine Frau, und sie sind verschieden und sie sind sich ähnlich, und sie können nicht leben in dem Leben, das ihnen vom Schicksal und ihrer Herkunft zugeteilt wurde, aber sie können auch nicht leben in dem Leben, das sie sich erträumen: Kein Ort, Nirgends. So heißt die Erzählung von Christa Wolf aus dem Jahr 1979, und der Titel ist eine Umschreibung des Wort und Konzeptes „Utopie“. Aber muss diese spezielle Utopie denn wirklich eine romantische Idee sein, oder: gibt es hier etwas wie eine – sagen wir: realistisch unterfütterte Utopie, einen realen Nicht-Ort (und ich meine nicht: in der Literatur, dem klassischen Fluchtort für Lebensunwillige und Lebensunfähige)?

Die (historisch realen) Gesprächspartner in Kein Ort. Nirgends sind Karoline von Günderrode, Autorin eines soeben erschienen Gedichtbandes unter dem Pseudonym „Tian“. Alle Welt war erstaunt über die lyrische Perfektion der unbekannten Autorin, sogar Goethe lobte ein wenig, und ihr Freund (und Möchtegern-Liebhaber) Clemens Brentano war ein wenig gekränkt darüber, dass man ihm diese Perfektion vorenthalten hatte. Aber sie ist auch: Stiftsfräulein, das war die einzig halbwegs lebbare Alternative zur ungewollten Ehe, der Unterordnung unter einen Mann; und ihre Liebesverhältnisse waren (man kann vermuten: mit einer gewissen Absicht) genauso unlebbar wie ihre ganzes Leben (verheiratete Männer, eindrucksvolle Persönlichkeiten, zweifellos, aber auch: ihrer nicht ganz würdig). Und Karoline trägt im Gespräch den Dolch schon bei sich, den sie sich mit Kraft ins Herz stechen wird, dort, wo der Arzt ihr im Scherz die Stelle gezeigt hatte.

Ihr Gesprächspartner ist Heinrich von Kleist, ein inzwischen schon in der Welt herumgekommener Lebensflüchtling (von Preußen nach Paris und wieder zurück, mit einem Zwischenstop als Bauer in der Schweiz), derzeit in ärztlicher Obhut und – nun ja, immer eine Minute vor der endgültigen Explosion, eine menschliche Zeitbombe. Kleist schreibt im übrigen Prosa, ausschließlich; aber mit der gleichen scharfen Präzision und Perfektion bis ins letzte Komma, wie Günderrode ihre Lyrik schreibt. Und beide sind, sowieso: Denkende, die sich mit der zeitgenössischen Philosophie beschäftigen; er ist an Kant gescheitert, der ihm seinen Lebensplan zerstört hat, sie steigert sich in die idealistische Philosophie, die ihre Unlebbarkeit in gewisser Weise legitimiert. Leben allerdings – findet immer nur momentweise statt, beispielsweise hier im Winkel. Man geht am Rhein entlang und sieht wirkliche Menschen bei wirklichen Tätigkeiten und imaginiert sich ein wenig, wie es wäre, wenn man ein Handwerk gelernt hätte und es nun ausüben könnte, wirkliche Dinge machen und sich ab und zu auf mit dem Hammer auf den Daumen hauen und wirkliches Blut vergießen. Noch jeder Dichter von einiger menschlicher Größe hatte diese Phantasie, irgendwann. Aber dann arbeiten die beiden Schreibenden doch wieder daran, ihre Dichtung wirklich zu machen. Und da das Leben nun einmal unlebbar ist, heißt das: Ihre Dichtung hat noch keine Sprache (denn wo wäre sie zu finden gewesen im unlebbaren Leben?), sie ist erst zu finden. Und wenn man sie findet, führt sie vielleicht in den Tod, den frei gewählten, und das hat man zu wissen, und das ist keine Flucht und kein Versagen, sondern Konsequenz und Freiheit.

Am wirklichsten in Bezug auf das Leben jedoch wird der Text, wenn er von Frauen und Männern spricht. Und es ist an diesem Punkt, ziemlich spät im Gespräch der beiden, als Karoline auf einmal deutlich realistischer wird und ausnahmsweise beinahe zu einem kleinen Vortrag ausholt (sonst spricht man eher in ein wenig rätselhaften Maximen). Er geht so: „Sie sagt, nach ihrer Beobachtung gehöre zum Leben der Frauen mehr Mut als zu dem der Männer. Wenn sie von einer Frau höre, die diesen Mut aufbringe, verlange es sie danach, mit ihr bekannt zu sein. Es sei nämlich dahin gekommen, daß die Frauen, auch über Entfernungen hinweg, einander stützen müßten, da die Männer nicht mehr dazu imstande sein. … Weil die Männer, die für uns in Frage kämen, selbst in auswegloser Verstrickung sind. Ihr werdet durch den Gang der Geschäfte, die euch obliegen, in Stücke zerteilt, die kaum miteinander zusammenhängen. Wir sind auf den ganzen Menschen aus und können ihn nicht finden.“ Ja, den „ganzen Menschen“, das ist eine Plattitüde und gleichzeitig eine Zauberformel des späten 18. Jahrhunderts; aber man hat kein besseres Wort für diesen (noch?) undenkbaren Gedanken, und die darauf aufbauende Diagnose der persönlichkeitszerspaltenden, den ganzen Menschen in Stücke zerreißenden Wirkung von Berufstätigkeit und Arbeitsteilung ist frisch bis auf den Moment.

Doch auch die Frauen, die gerade durch ihr reales Berufsverbot vor dieser Zerteilung in Stücke geschützt sein könnten, leben nicht in der besten aller möglichen Welten: „man verbietet uns früh, unglücklich zu sein über unsere eingebildeten Leiden. Siebzehnjährig müssen wir einverstanden mit unserm Schicksal, das der Mann ist, und müssen für den unwahrscheinlichen Fall von Widersetzlichkeit die Strafe kennen und sie angenommen haben. Wie oft ich ein Mann sein wollte, mich sehnte nach den wirklichen Verletzungen, die ihr euch zuzieht!“ Sagt Karoline. Wirkliche Verletzungen, nicht eingebildete Leiden: Das ist ein seltsames Verlangen, aber es ist herzzerreißend wahr. Denn im „Reich der Ideen“, das man den Frauen zugeteilt hat – so Kleist in einem kleinen Anfall von Neid und Wunschdenken –, gibt es nur (und nun spricht wieder die Günderrode): „Ideen, die folgenlos bleiben. So wirken auch wir mit an der Aufteilung der Menschen in Tätige und Denkende. Merken wir nicht, wie die Taten derer, die das Handeln an sich reißen, immer unbedenklicher werden? Wie die Poesie der Tatenlosen den Zwecken der Handelnden immer mehr entspricht? Müssen wir, die wir uns in keine praktische Tätigkeit schicken können, nicht fürchten, zum weibischen Geschlecht der Lamentierenden zu werden, unfähig zu dem kleinsten Zugeständnis, das die alltäglichen Geschäfte einem jeden abverlangen, und verrannt in einen Anspruch, den auf Erden keiner je erfüllen kann: Tätig zu werden und dabei wir selbst zu bleiben?“ Das ist der Satz, der den Idealismus auf die Erde zurückholt: Wer immer tätig wird, verändert sich. Notwendig. Egal, ob zum Besseren oder zum Schlechteren. Taten haben Konsequenzen. Im „Reich der Ideen“ mag man lamentieren, befreit von jeglicher Verantwortung für jedwede Folgen, und das dafür verwendete Wort aus dem Mund der Frau ist hart: Es ist „weibisch“. Schwach und blutleer und voller Ressentiment. Derweil wird das Handeln der Handelnden immer „unbedenklicher“ – ihre Taten sind nicht durchdacht auf ihre (wirklichen, blutigen) Konsequenzen hin, und sie sind auch nicht zu denken. Derweil wird die „Poesie der Tatenlosen“ – entweder weibisches Lamentieren oder Propaganda. Wo ist der Zwischenraum?

Aber nein, so weit ist es nicht gekommen mit Christa Wolf, obwohl einige ihr das vorwerfen wollten. Kein Ort, nirgends – doch es gibt eine Art innere und äußere Emigration. Nicht nur in die Romantik, sondern auch und vor allem in die Antike (Kassandra und Medea. Stimmen). Ins Gespräch, das wirkliche, in dem Ähnlichkeit und Unterschied stattfindet. Ins Tagebuch, den unbestechlichen Lebensspiegel des (erzählbaren? unerzählbaren?) Alltags. „Wann, wenn nicht jetzt?“ Das ist der Satz, den ich mir als erstes von Christa Wolf notiert habe, er ist aus ihrem großen Roman Nachdenken über Christa T., und ich war wahrscheinlich noch spätpubertär, als ich ihn las und er mich ansprang, so wie einige Sätze einen anspringen, als seien sie schon aus einer anderen Sprache. Aber es ist ein Satz, den man sich jederzeit notieren kann, gleich neben: Kein Ort, nirgends. Und trotzdem: Wann, wenn nicht jetzt? Beides zusammen erst macht den ganzen Sinn.

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Orlando: Eine summa literaria

Einmal erlaubte sich Virginia Woolf etwas, von dem die sonst so disziplinierte Autorin sonst nur träumte (andere Autoren, vor allem männliche, erfüllen sich diesen Traum allerdings ganz sorglos regelmäßig): Sie erfand eine Romanfigur, die alles vereinte, was sich für einen Menschen nur erträumen ließ. Orlando ist schön, natürlich; reich, ohne Ende; klug und witzig, selbstverständlich; gesellschaftlich erfolgreich, ohne Frage – das alles liegt durchaus noch im Rahmen des in der Literatur üblichen, von der nicht nur Sigmund Freud wusste, dass sie im wesentlichen Wunscherfüllung ist. Orlando aber, und jetzt erst wird es wahrlich traumhaft, war sowohl ein Mann als auch eine Frau – geboren wurde er als Mann, mit dreißig Jahren erwachte er als Frau, und danach wechselt er gelegentlich fröhlich das Geschlecht mit den Kleidern. Und Orlando war, für die Dauer des Romans jedenfalls, und das sind stattliche vierhundert Jahre, unsterblich. Er wuchs auf als schöner Shakespeare-Jüngling (und wechselten die nicht auch regelmäßig die Kleider und das Geschlecht auf der Bühne? gab es dort nicht einen schönen jungen Orlando?) unter der virgin queen, der strengen und weisen Elisabeth, die sich in ihn verliebte und ihn beschenkte. Er erlebte den Großen Frost in England, bei dem die Themse zufror und jeder, der noch nicht erfroren war, sich beim Schlittschuhlaufen und den großen Eisfesten vergnügte, und verliebte sich dabei in eine wilde russische Prinzessin, die ihn aber verlässt. Er lebte eine Zeitlang in Konstantinopel mit orientalischen Magnaten und verschleierten Haremsdamen, bevor sie (denn an diesem Punkt wechselt das Geschlecht) mit einem Zigeuner floh und bei den Zigeunern die Ziegen hütete. Sie kam zurück ins London des 18. Jahrhunderts und traf die großen englischen Aufklärer beim Tee, sie waren originell und gelegentlich genial, aber nicht originell und genial genug für Orlando. Sie verheiratete sich im 19. Jahrhundert, weil das viktorianische Zeitalter sonst nicht auszuhalten war, es regnete ohne Ende und alles war trüb. Und sie wird, zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer modernen Frau, die Auto fährt, Shoppen geht und nebenbei mit ihrem großen Lebenswerk, The Oak Tree, einen Literaturpreis gewinnt.

Das ist aber zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr so wichtig für Orlando, die in ihrem (und nein, es war nicht nur ihr, es war sein Leben, aber man müsste ein drittes Geschlecht erfinden, nennen wir es orlandisch?) Leben nur zwei große Leidenschaften hatte: das Leben selbst, so wie es sich unschuldig vollzieht in der Natur, den Tiere und Kindern, und, mit gewissen Abstrichen und schuldhaft verfärbt, bei den Menschen; und das Lesen, diese große unheilbare Krankheit, die bei ihr/ihm schon als Kind ausbrach und die schlimmste denkbare Folgewirkung hatte, nämlich: das Schreibenwollen. Die Liebe? Ach, sie war nur eine vorübergehende Erkrankung, und wenn sie mehr sein sollte, musste sie so sein wie Orlando selbst: ein Naturphänomen, ein vorübergehender Zusammenprall zweier Gestirne, eine große Eiszeit und eine große Hitze, weit jenseits von gesellschaftlichen Formen und Normen und mit einer eigenen Sprache, die für keinen anderen jemals verstehbar sein würde. Den Literaturpreis für Orlandos Lebenswerk The Oak Tree jedoch, den uns der schreibende Biograph doch eigentlich als Lebenshöhepunkt präsentieren wollte – vergräbt Orlando unter eben dieser Eiche, die dem Text vor 400 Jahren den Namen gab; sie hatte kurz erwogen eine Zeremonie daraus zu machen, aber was sind schon menschliche Zeremonien angesichts einer tausendjährigen Eiche? Nein, sie gibt der Natur nur zurück, was sie von ihr erhalten hat, sie vergräbt das so lange an ihrer eigenen Brust gehütete und mit ihrem Blut gesäugte Machwerk, und dann wirft sie sich auf den Boden und spürt die Erde in sich pulsieren. Das, nur das ist wichtig, und Bücher sind auch nur sterbliche Worte.

Das würde ihr/sein Biograph allerdings anders sehen. Denn er schreibt Orlandos Geschichte, und wenn er sich dabei zu Wort meldet, tu er das meist mit larmoyantem Unterton: Wie schwer es ein Biograph doch habe, ein solches Leben zu fassen! Wie wenig das Objekt einer solchen Biographie Rücksicht nehme auf die verständlichen Ansprüche und Bedürfnisse eines solchen Lebensschreiber auf Nachprüfbarkeit, vor allem aber: Erzählbarkeit! Denn ein Leben, so der Biograph, sei nur erzählbar als Geschichte: als Aneinanderreihung von tatsächlich geschehenen Lebensereignissen, von Handlung, von Wirkung und Gegenwirkung, An einem Punkt, es ist, während Orlando sein Lebenswerk niederschreibt, ein Jahr lang im Stuhl sitzend, schreibend, denkend, mit stillen Pausen – an diesem Punkt bittet er sogar darum, eine Fliege möge tot umfallen (oder war es eine Wespe?), nur damit endlich etwas geschehe, das berichtenswert sei. Denn einfach so dasitzen, schreiben, schweigen, denken, wieder schreiben – das sei doch wohl kein Leben! Nein, der Biograph sei der Wahrheit verpflichtet, so wie sie sich in Fakten, Dokumenten äußere; den Rest mögen die Dichter bekommen für ihr unzuverlässiges Geschäft, man kann sie sowieso nicht davon abhalten, und man sieht förmlich das Naserümpfen in einem strengen, etwas pedantischen Gesicht und die etwas verkrampfte Hand des Schreibers. Es ist allerdings die gleiche Hand, die Orlandos Geschichte geschrieben hat, über vier Jahrhundert hinweg mit all ihrer Traumhaftigkeit und Realitätsverachtung, die kaum zu übertreffen ist; Orlandos Geschichte, von der die äußeren Ereignisse nur die sehr dünne Schale sind. Darunter aber ist einer der reichsten Geister der Menschheitsgeschichte verborgen, das vollste Leben vollzieht sich in seinem Inneren, seinen Gedanken, seinen Träumen, seinen Schlüssen, und die Wahrheit dieses inneren Lebens und Erlebens ist die eigentliche Wahrheit. Und wenn der Biograph diese Geschichte erzählt – im Nicht-Biographen-Modus sozusagen, als beinahe unbewusst notiertes Protokoll einer von der Natur begnadeten menschlichen Existenz über Zeiten und Geschlechter und Stände hinweg -, dann verflüssigt sich sein Schreiben. Auch die sonst so gleichmäßig verlaufende Zeit steht auf einmal ganz in seiner Gewalt, es ist die Zeit Orlandos, nicht die der Menschen und ihrer biographenmäßigen äußeren Existenz, mit ihrem pulsierenden eigenen Rhythmus aus langen Pausen und atemberaubenden Beschleunigungen; und in seinem Gedächtnis steht die virgin queen neben einem Ladenmädchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, weil im Gedächtnis, der Schatzkammer des Bewusstseins, eben alles gleichzeitig ist – und dann wieder nicht.
Und so muss auch der Biograph alles in einem werden, so wie Orlando Mann und Frau ist: Bürokratischer Protokollant des äußeren Lebens ebenso wie dichterischer Protokollant des inneren Lebens, Satiriker und Empathiker. Er beherrscht die Bildungs-Allegorie wie das romantische Symbol, er kann lakonisch und präzise sein, aber auch wortreich und ausschweifend. Die Geschichte von Orlando, dieser Summe des Menschlichen, kann nur erzählt werden von einem Erzähler, der eine Summe von Erzählverfahren ist; nur ein Wortkünstler kann diesem Lebenskünstler folgen, und er muss dabei seine Erzählmittel wechseln wie Orlando die Kleider: Mal ist er weiblich-nachlässig und verführerisch, mal männlich-energisch und beherrschend, und dann und wann beides in einem Satz. Die Zeiten gehen über ihn hinweg, und er geht so weit mit ihnen, wie er muss – denn man muss einen Kompromiss mit der Zeit schließen, das versteht auch Orlando, als sie sich den viktorianischen Ehering überstreift wie eine Buße. Nur dann kann man auch auf die Zeiten zurückwirken, sie formen, in ihrer eigenen Sprache, und dabei sich selbst nicht verlieren in unnützem Widerstand oder allzu biederer Anpassung. Wer mit der Zeit geht, bleibt besser auf dem Laufenden; und wenn man außerhalb der Zeit sein will, geht man zurück zu den Hunden und den Bäumen und zum blühenden Gras.

Denn das ist die Lehre von Orlando, und man schämt sich wie ein altersgrauer Biograph mit arthritischen Fingern, während man dieses plumpe Wort niederschreibt: Lehre – und Orlando würde es vom Marmortisch seines Palastes wischen, nach seinen Jagdhunden rufen und zum Eichbaum jagen; oder ihr verführerischstes Lächeln aufsetzen und den Rock ein wenig heben, so dass man die sensationellen Beine sieht, und irgendwo würde ein Matrose vom Mast fallen vor lauter Verwirrung und Erregung. Aber wir müssen uns nun beschränken und ein wenig biographenmäßig werden und das Gesagte zusammenfassen: Orlando ist keine Figur des allzu naiven und immer gefährlichen Wunschdenkens. Denn obwohl Orlando schön und reich und beinahe allmächtig ist, ist er nicht glücklich; Glück, so lernt er schnell, interessiert ihn wenig, es ist das, was man von außen durchs Fenster zu sehen meint, wenn man auf eine fröhliche Gesellschaft in einem festlich erleuchteten Ballsaal schaut, geschmückte Menschen, die sich vergnügen, tanzen, genießen und einander witzige und bemerkenswerte Dinge sagen. Von innen sehen die Dinge aber anders aus, und am Morgen erwacht man mit einem Kater, das Ballkleid liegt zerkrumpelt auf einem Hocker, der Schmuck funkelt nicht mehr im verdunkelten Zimmer, und man hat alles vergessen, was am Abend zuvor gesagt wurde, wie bedeutend es einem auch zu diesem Zeitpunkt erschienen war. Glück sieht man nur von außen; es ist immer eine Projektion. Leben jedoch ist eine Innenansicht, und es besteht daraus, das Erleben zu kultivieren, nicht den Schein; den Moment im Moment zu genießen und nicht in der nachträglichen Niederschrift; sich selbst nackt sehen zu können, ohne zu erschrecken, was immer der Spiegel auch zeigen mag, Mann oder Frau, einen Jungen oder eine Alte, Zigeuner oder Großfürst; das sind alles nur Kleider, und Kleider formen zwar das Erleben, so wie die Gesellschaft und ihre Regeln; aber man unterwirft sich ihnen nur für eine kleine Zeit, man spielt mit im Spiel, man drückt ihm seinen eigenen Stempel auf – und dann wirft man sie wieder von sich, wechselt die Kleider, die Zeiten, die Gesellschaft, das Geschlecht. Denn innen bleibt man immer nackt, so wie die Tiere, die Kinder, die Bäume. Nein, Orlando ist keine Wunschprojektion – es ist eine Herausforderung, ein Bekenntnis, eine Sehnsucht; ein Triumph des Abtuns, ein wilder Rausch zwischen Ekstase und Enttäuschung. Am Ende vergräbt Orlando das preisgekrönte und soeben in siebenter Auflage erschienene Lebenswerk unter dem Eichbaum, und wir werden niemals erfahren werden, was darinnen stand; außer, dass es eine Stimme war, die einer anderen Stimme antwortete, leise, heimlich; eine Stimme, die dem alten Ruf der Wälder antwortete und der Pferde und der Felder und der Höfe; eine Stimme, die ebenso den Ruf der fruchtbaren Felder mit ihrem Weizen und ihren Rüben hörte wie der Gärten mit der fremdartigen Iris und den hochmütigen Kaiserkronen. Es ist die geheime Geschichte Orlandos, die, die nicht für die Augen neugieriger Biographie-Leser bestimmt ist; es ist die notwendige Ergänzung zur öffentlichen Geschichte Orlandos, wie sie ein widerwilliger Biograph aufgeschrieben hat, der in sich selbst mehr dazu mehr Stimmen entfalten musste, als er jemals zugeben würde.

Wir müssen uns also mit der öffentlichen Geschichte begnügen; doch zeigt sie nicht, in jedem Wort und jedem Satz, ihre Urheberin, ihren Autor, nackt? Jedes tief behütete Geheimnis in seiner Seele, jede einzelne ihrer Lebenserfahrungen, jeder Vorzug und jeder Winkel seines Geistes ist in den Werken ausgeschrieben, sichtbar für alle, lesbar für jeden, der lesen kann und sich nicht hinter Biographen und professionellen Ausdeutern versteckt. Denn dieses Geheimnis hat uns der Biograph verraten, irgendwo tief im vierten Kapitel versteckt, wo uns um die großen englischen Aufklärer geht: Sie alle verraten sich in ihren Werken, Zeile für Zeile; und wenn sie es nicht tun, sollten wir sie nicht lesen. Orlando ist ein Schlüsselroman; es ist einer der größten der Literaturgeschichte. Er zeigt den Menschen, nackt, indem er ihn mit allen Kleidern behängt, die Geschichte und Kultur nur zu bieten haben, und ihr dann eines nach dem anderen wieder abnimmt. Er zeigt den Biographen, die Autorin, nackt, indem er sie in allen Formen und Kunststückchen des Schreibens paradieren lässt, prahlen lässt, glänzen lässt – um ihm dann eine nach der anderen wieder zu verweigern, bis nur noch eines übrig bleibt: das stille Zwiegespräch mit einem alten Eichbaum.


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Undine geht, oder: Von der Schuld weiblichen Schreibens

Hört man sie noch rufen? Ist sie noch da, oder hat sie sich schon verabschiedet, vielleicht: diesmal für immer? „Komm“, so hat sie gerufen, „komm allein“, verführerisch, verschwindend -  aber was, wenn man nicht Hans ist, sondern – Johanna, ein Mensch und als solcher zweifellos ein Ungeheuer wie Hans, aber eben doch auch eine – Frau? Und was kann man Undine bieten, dem flüchtigen, sprachlosen, gleich-gültig einverstandenen und gerechten, aber eben auch – sprachlosen Wasserwesen, was kann man ihr bieten: als Frau? Vielleicht eine neue Art von Seele. Vielleicht nicht – immer nur Hans, den ewigen Hans in uns allen, den Mann in seiner ewigen Stärke und Schwäche, mit seinen zupackenden und zärtlichen Händen, seinen bezaubernden wie verratenden Worten. Geh, möchte man zu Undine sagen, lass Hans in Ruhe, er hat es nicht besser verdient, lass ihn ein wenig ausruhen. Er hat dich immer behandelt wie eine schlechte Geliebte, gut genug für eine heiße Nacht des Rausches und den Kater danach; du kamst ihm gerade Recht, aber am Ende war es nur sein Recht, und niemals war Gerechtigkeit. Johanna aber, vielleicht hört dich nun – Johanna?

Denn vielleicht ist es gar nicht nötig, dass am Ende vieler Texte von Ingeborg Bachmann die Frau verschwindet. Wie in Malina, ihrem einzigen Roman, „es war Mord“, endet er und die Ich-Erzählerin ist verschwunden, aber der Roman steht da, für sich, er ist gar nicht verschwunden. Oder wie in der Erzählung Undine geht, sie droht aber nur zu gehen, am Ende hört man sie doch noch leise rufen und sie hat uns ihre Geschichte hinterlassen. Oder wie im Gedicht Delikatessen, „mein Teil, es soll verloren gehen“, so endet es, aber es ist geblieben, ein Gedicht voller Wohllaut und gefährlicher Leerstellen. Natürlich ist es schwierig, als Frau zu sprechen in einer Welt, die von Männern gemacht wurde. Natürlich ist es schrecklich, mit Worten zu operieren, die Blutspuren tragen. Und natürlich ist es nötig, das trotzdem zu tun. Damit die Welt, endlich, gerecht wird. Damit Gleich-Gültigkeit herrscht. Damit das Wahre gesagt wird, das immer aus zwei Seiten besteht, einer wahren und einer falschen, und erst, wo beides gesagt wird, ja, auch das Falsche! - wird Gerechtigkeit herrschen. Gleich-Gültigkeit. Mann und Frau.

Denn so wie die Männer im Leben (nicht nur in der Kunst) die Frauen brauchen und missbrauchen, und so wie die Frauen die Männer brauchen und missbrauchen, so braucht und missbraucht die Kunst den Künstler, und umgekehrt: Missbraucht und braucht der Künstler die Kunst. Undine ist das Andere, so wie die Frau das Andere ist; das Andere kann sich zwar nie vom Einen befreien, aber vielleicht muss es das auch nicht, denn so wie das Eine das Andere hervorgetrieben hat, wird nun das Andere das Eine bedrängen: Nicht-Frau, das seid ihr. Nicht-Kunst. Nicht-Einverstandensein. Nicht-Gerechtigkeit gegenüber allem Seienden und Wahren. Fremdschämen könnte man sich für euch, die ihr alle Hans heißt, einer wie der andere und einer für alle und doch jeder auf seine unterschiedliche Weise. Nicht logisch? Ach. Vergesst die Logik, sie entsteht nur als Verneinung der Nicht-Logik (a ist ungleich nicht-a; ja, manchmal, und manchmal nicht). Vergesst die Zeit, sie entsteht nur als Verneinung der Ewigkeit und des Moments, in denen alles zusammenfällt und das Vergehen aufgehoben ist. Vergesst den Namen, er entsteht nur dich die Abgrenzung zweier Geschlechter (Hans ist ungleich Johanna). Vergesst, damit ihr endlich einverstanden sein könnt! (über Sein wird nicht diskutiert. Verstehen ist ein Missverständnis)

Undine geht könnte auch zu dem „Todesarten“-Projekt von Bachmann gehören, das Undines Logik zufolge genausogut „Lebensarten“ heißen können. Die Geschichte von der Wasserfrau und dem ewigen Hans könnte genauso gut „Undine kommt“ heißen, denn am Ende steht ein ausgesprochenes „Komm“, und der Text lässt in wasserklarer Undurchsichtigkeit, wer nun ruft und wer kommt – Hans oder Undine, oder beide durcheinander oder beide gemeinsam. Die ganze Lektüre ist eine einzige Lektion in Widerspruch und Gleichzeitigkeit, Lob und Schmähung, Wechselwirkung durch Abhängigkeit. Die Kunst braucht den Menschen, der Mensch braucht die Kunst, aber zu gebrauchen sind sie beide zu gar nichts (außer ein wenig Zauberei mit Worten. Ein wenig Zärtlichkeit mit Händen. Ein wenig Lob der Technik und der Elemente, ja, sogar das). Frauen sind in Undines Welt, weit gehend, ausgespart; sie existieren als Projektion der Männer in der realen Welt und als Projektion der Künstler in der Welt des Geistes. Nirgends sind sie, und das verbindet sie immerhin mit Undine, die nur in einem anderen Medium sein kann. Aber könnten sie nicht doch - sein? Denn auch Undine, die Sprachlose hat gesprochen; sie hat gesprochen im Modus des performativen Widerspruchs, der Text steht da, genau wie die Gedichte der Bachmann da stehen, auch und gerade weil sie die Unmöglichkeit lyrischen Sprechens beschworen haben mit einer Schönheit und Herbheit, die weit jenseits vom Gefühligen und sehr nahe am Existenten ist.
Vielleicht ist es ja nur das, was man tun muss: trotzdem sprechen, auch wenn die Wörter besetzt sind mit falschen Bedeutungen und die Bilder entweiht von Krieg und Gewalt (und heute wohl eher: vom gedankenlosen Gebrabbel). Denn was einmal besetzt wurde, kann doch – zurückerobert werden? Neu besetzt. Um-bestimmt. Wenigstens zwei-deutig, wenn schon nicht gleich-gültig. 

Ein kleiner Gewaltakt, gewiss. Man muss das Wasser verlassen, das fließende, tröstende, klare, wortlose. Man muss ein wenig – schuldig werden. Mit-schuldig. Vielleicht ist auch die Zweiheit der Geschlechter genau das: mit-schuldig werden. Mein Teil, es soll nicht nur erhalten bleiben; es soll verwandelt werden und es soll wachsen, und wenn es am Ende dann – ein wenig mehr Hans geworden ist und ein wenig weniger Johanna, muss man das wohl aushalten. Pilatus wusch sich die Hände ohne Ende. Undine könnte ihm ein Handtuch reichen.

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