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Essays

Auszüge aus: Von Frauenzimmern, Blaustrümpfen, schreibenden Frauen und anderen Heldinnen

  • Denken Frauen anders?
  • Die Schule von Athen und die verborgene Welt der Athene
  • Herakleia am Scheideweg. Eine weibliche Allegorie
  • "Vertrautinnen" und "Männinnen". Genderfragen bei Goethe
  • Die Nicht-Familie auf der Nicht-Insel. Zur Emanzipation der schönen Helena in Goethes 'Faust II'
  • Die Gretchen-Tragödie ist der wahre Sündenfall. Frauendrama und Männerhochmut in Goethes 'Faust I'
  • Kein Ort, nirgends. Die Günderode und Heinrich von Kleist reden über Männer und Frauen 


Herakleia am Scheideweg 

Eine entlaufene Allegorie

Es ist einer der Ur-Erziehungsgeschichten schlechthin. Sie spielt im antiken Griechenland und erzählt, wie der junge Herakles, in der Blüte seiner Helden-Adoleszenz und in Erwartung großer Dinge, über sein weiteres Leben nachdenkt und dabei an einen Scheideweg gerät, einen innerlichen wie einen äußerlichen, gefasst von dem Sophisten Prodikos in eine nur allzu fassliche Allegorie. Es erscheinen dem jungen Heros nämlich zwei schon äußerlich sehr unterschiedliche Frauengestalten. Die eine ist aufgebrezelt wie Kim Kardashian und will ihn verführen; sie verspricht ihm ein Leben voller Genüsse und ohne jede Arbeit und Last und Zwang. Die andere, im schlichten Gewand und ungeputzt (nein, kein Beispiel fällt bei), will ihn überzeugen; sie preist ihm ein Leben im Dienste der Tugend voller Arbeit, aber auch voller Ehre an. Nun gut, der Erzähler hat einen ziemlichen bias in der Präsentation und rhetorischen Ausschmückung dieser Wahl, aber das war es gar nicht, was mich am meisten bei dieser Ge-schichte beschäftigte. Vielmehr versuchte ich mir vorzustellen, wie die Allegorie denn funktionieren würde, wenn Herakles – Herakleia wäre; also eine junge Frau, die versucht, eine Entscheidung über ihren Lebensweg zu treffen. Das ist nun eine berechtigte Frage, nicht nur am Internationalen Frauentag, und ich ging deshalb etwas in die innere Einsamkeit meiner Schreibstube und imaginierte mir zur Feier des Tages –

Herakleia, sie steht an einer Lichtung im Wald, und zwei Wege liegen vor ihr. Herakleia ist jung, hübsch, und es ist ihre Lieblingsstelle: ein Platz voller guter Gedanken (Plätze guter Gedanken erkennt man daran, dass man dort gern Yoga machen würde. Oder umgekehrt). Aber heute hat Herakleia zweifelnde Gedanken; sie knabbert an ihrer Lippe und denkt an ihre Zukunft. Da treten ihr zwei – nein, es sind gar nicht Männer-, sondern Frauengestalten entgegen! Natürlich ist es nett, sich den jungen Brad Pitt vorzustellen, in der Blüte seiner augenzwinkernden Verführungskraft; und der andere wäre vielleicht – nee, nicht Peter Sloterdijk, das würde so nicht funktionieren. Denn eigentlich, eigentlich, so dämmert es mir an dieser Stelle – müssen es wohl zwei Frauen sein. Sie ist schließlich nicht Helena, sondern Herakleia; und sie will sich nicht verlieben, sondern sich entscheiden!

Es nähern sich Herakleia also zwei weibliche Gestalten (nicht divers, das wäre noch eine andere Geschichte. Eindeutig weiblich) aus zwei verschiedenen Richtungen. Die erste läuft etwas unnatürlich, so also würde sie auf einem unsichtbaren Cat Walk entlang stolzieren; dazu passen auch die High Heels einer bekannten Designer-Marke, deren roten Sohlen grell im grünen Gras leuchten. Sie ist in ein enges Kostüm gepresst, man ahnt mehr als dass man es sieht, dass solche Körperformen außerhalb der virtuellen Welt nur durch Einsatz streng einschnürender Mittel geformt werden können. Ihre samtig-langen Haare hat sie Undinenartig über die eine Schulter gelegt, reflexartig streicht sie immer wieder darüber, dann sieht man ihre Finger mit den langen künstlichen Nägeln schimmern. Überhaupt schimmert alles etwas an ihr, von der Haut über das Handy bis hin dem schmalen Pad, das sie aus einer schimmernden Designer-Tasche zieht; offensichtlich hat sie eine Powerpoint-Projektion vorbereitet. Sie schaut sich etwas unsicher nach einer Steckdose um –

Nein, so geht das nicht, ruft Herakleia energisch dazwischen. Sie rauft sich die Haare dabei. (Welche Farbe haben ihre Haare eigentlich?)
Wie bitte? (das hatte ich auch nicht vorhergesehen. Aber wenn Geschichten sich selbständig machen, soll man sie laufen lassen).
Das geht so nicht, wiederholt Herakleia, jetzt etwas sanfter. Total das Klischee, du hast zu viel amerikanische Serien gesehen! (Ja, könnte sein)
Ja nun, wende ich ein, das ist nun einmal das Wesen von Allegorien. Sie spitzen zu, sie übertreiben, sie machen Dinge über-sichtbar, und damit landet man nun einmal bei Klischees. Es ist ja nicht so, dass Klischees nicht wahr sein können!
Ja klar, kapiert, literarisches Mittel, sagt Herakleia, etwas gelangweilt. (Woher weiß sie das?) Bin ja nicht blöd. Bin sogar gebildet (wtf???), bin ja nicht Herkules, das Ding mit der Keule fand ich schon immer ziemlich daneben. Ich habe aber auch die eine oder andere Spielzeugschlange getötet in meinem Babystuhl. Und nun gut, wir können dein kleines Allegorie-Spiel ja weiterspielen; aber darf ich das Gegen-Klischee machen? (das Bild der Dame mit den High Heels ist derweil stillgestellt; sie ist in einem ungünstigen Moment erwischt, ihr Gesicht zeigt eine Spur von Schwäche, von Unsicherheit, von -)
Dann mach mal, sage ich.
Also, holt Herakleia aus (sie hat braune Haare übrigens; oder hatte sie eben nicht noch blonde?): Ich sehe eine Frau, mittleren Al-ters, sie läuft etwas watschelig auf Birkenstock-Sandaletten daher, sie sind nicht mehr ganz neu. Ihre Kleidung ist – dem Wetter und der Gegend angemessen, zweckbestimmt, praktisch, sie hat auch viele Taschen. Ihren Händen sieht man an, dass sie viel arbeitet, sie sind etwas rau und ein Fingernagel ist eingerissen. Ihrer Figur merkt man an, dass sie Kinder gehabt hat, mehrere wahrscheinlich; danach ist sie nie wieder so richtig in Form gekommen. Sie versprüht einen Duft nach - warte, gleich habe ich es! -, ja nach Essig-Reiniger und Milchpulver, mit einer Kopfnote von Kamillentee. Mache ich es gut bisher?
Dafür, sage ich, dass das Klischee ja gar nicht so sehr in Serien verbreitet ist, machst du es sehr gut. Immerhin hast du ihr keine Kinder an den Rockzipfel gedichtet –
Ja,
sagt Herakleia, hatte ich überlegt. Aber man soll nicht übertreiben, wenn man übertreibt! (Jetzt spuckt sie auch noch altkluge Aphorismen aus!)
Gut, lassen wir es dabei, sage ich. Jetzt kommt der zweite Teil der Allegorie, die beiden großen Ansprachen. Ich mach dann mal weiter, wenn ich darf?
Aber bitte doch
! (Herakleia hat sich wieder verändert. Ihre Hautfarbe ist dunkler geworden, das Haar – wird, noch während ich schaue, schwarz und kraus? Heilige Diversität, wo soll das noch hinführen?)
Also, übernehme ich mit aller Erzähler-Souveränität, die ich noch meistern kann (meistern, dafür hätte ich auch gern mal ein weibliches Wort!): Frau Nr. 1, nennen wir sie, um im Klischee zu bleiben: die Powerfrau, zückt ein dickes, gleichwohl elegantes Marken-Portemonnaie, es ist bis zum Rand gefüllt mit Kreditkarten aller Farben und Banken. Du wirst reich sein, sagt sie, nein, nicht nur reich, sondern superreich! Du wirst leben von der Arbeit anderer, die du niemals zu Gesicht bekommst, denk nicht an sie. Du wirst Erfolg haben, nein: du wirst die Super-Karriere machen, du wirst in Aufsichtsräten sitzen und Regierungen beraten, die Presse wird sich reißen um dich, und du hast so viel Assistenten und Assistentinnen wie du brauchst, damit du dich um rein gar nichts kümmern musst. Männer wie Frauen werden dir zu Füßen liegen
Herakleia kann sich nicht mehr zusammenreißen, es hatte die ganze Zeit in ihr gegluckert, jetzt bricht sie in Gelächter aus: zu Füßen liegen, ehrlich? Auch noch koloniale Metaphern, oder was? Werden sie auch meine Füße küssen? Ich bin kitzelig an den Füßen!
Wenn du willst,
knurre ich (das Gör! Nein, ich schaue jetzt nicht mehr hin, welche Farbe ihre Haare haben, wahrscheinlich sind es pinkfarbige Dreadlocks). Der Punkt ist: Du kannst Sex haben ohne Ende, mit wem auch immer, wann immer, wo immer, mit welchen Hilfsmitteln auch immer. Du wirst liebreizende, wohlerzogene, bildhübsche Vorzeigekinder haben, soviel und mit wem und auf welche Weise du willst; aber deine Geburten werden nicht schmerzen, und die Kinder werden dich nie belästigen. Du wirst durch die Welt in deinem Privat-Jet fliegen, in den hipsten Gourmet-Restaurants essen und die Sonne wird nie untergehen für dich!
Ach ja
, sagt Herakleia verträumt, das habe ich mir schon immer gewünscht, direkt nachdem ich Indien fertig erobert habe, oder war es doch China? Und wahrscheinlich passiert auch all das noch klimaneutral und wer-weiß-wie-Öko-gelabelt? Bitte bitte! (sie schaut einen Moment wie Greta Thunberg, das war zu erwarten) Und Polarlichter, bekomme ich Polarlichter, zum Frühstück am besten?
Äh
, sage ich, das war nicht im Rundum-Sorglos-Paket für die Erfolgsfrau. Kostet wahrscheinlich extra.
Finde ich schwach
, sagt Herakleia. Soll ich den zweiten Teil wieder machen?
Aber sehr gerne doch!
(ich sehe, wie sie nach und nach kahl wird. Es ist nicht gar nicht schlimm, weil sie einen schönen Kopf hat. Ihre Stimme wird dunkel

Ich kenne dich Herakleia, und ich werde dir das Leben wahrheitsgemäß schildern. Vergiss niemals: Nichts Gutes geschieht ohne Mühe und Arbeit; und jedes Glück hat seinen Preis! Es kann sein, dass du Erfolg haben wirst in deinem Beruf; aber du musst deine Talente finden, sie ausbilden, und dann brauchst du immer noch eine Menge Glück. Du kannst Karriere machen, wenn du willst; aber glaube ihnen niemals, dass du alles haben kannst! Wenn du Karriere machst, ist es möglich, dass du die Freude an deiner Arbeit verlierst. Du wirst viele Dinge tun müssen, von denen du nicht überzeugt sein wirst; du wirst Kompromisse schließen müssen; du wirst Fehlentscheidungen anderer ertragen müssen. An der Spitze wirst du allein sein. Ein Netzwerk ist keine Familie. Eine Familie hingegen ist ein Projekt, und es ist eines der schwersten, weil es lebenslang ist und Opfer erfordert. Du kannst Kinder haben, Kinder sind ein Segen, und sie werden dir Schmerzen, Arbeit und Mühe machen; sie werden dir Enttäuschungen bereiten, aber auch unvergleichbares Glück. Es ist gut, wenn du dafür einen Partner hast. Du solltest deinen Partner sorgfältig auswählen. Es hilft, wenn man verliebt ist, aber es hält nicht ewig. Nach der Verliebtheit beginnt die Arbeit. Du wirst nicht immer so jung und schön sein, wie du heute bist. Du wirst alt werden, und du wirst krank werden. Gesundheit wird nicht geschenkt; sie ist etwas, wofür man arbeiten muss, und es geht nicht immer gerecht dabei zu. Sogar der Genuss muss erarbeitet werden, wenn man ihn beherrschen will und nicht von ihm beherrscht werden will. Doch je mehr Sinne du ausbildest, desto mehr Freuden wirst du haben können. Du musst sie aber auch verlieren lernen, denn du weißt nicht, was die Zukunft bringt, und es könnte gut sein, dass es schlimmer wird. Wenn du etwas zum Guten bewegen willst auf dieser Welt, geht das nur durch Arbeit und Mühe. Eine Gemeinschaft funktioniert nur, wenn viele gemeinsam für sie arbeiten, ganz konkret und Tag für Tag. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es, hörst du! Und rede nicht zu viel davon. Sei sparsam mit Worten und sei sorgfältig mit Worten; aber schenke jedem, der es verdient hat, ein gutes Wort und ein Lächeln. Und vergiss niemals, niemals: Nichts Gutes geschieht ohne Mühe und Arbeit, und jedes Glück hat seinen Preis!

Ich bin sprachlos. Es war die Stimme der Vernunft gewesen, die gesprochen hatte, so klar und rein, wie man sie selten hört. Etwas Melancholisches hatte Herakleia beim Sprechen umschwebt, wie der kleine Dämon auf Dürers Kupferstich; einen Moment versuchte ich auch, sie als Athene zu sehen, mit dem Medusenhelm und einer Eule auf der Schulter, aber das funktionierte nicht, die Eule wollte nicht stillsitzen, und Medusa grinste. Und als ich wieder hinsah, war sie einfach nur – Herakleia, eine junge Frau, an einem Scheideweg in ihrem Leben und unsicher und voller Zukunft, die an ihrer Lippe knabberte.

Kulturelle Klischees, sagt sie (sie schaut in meinen Kopf. Auch das noch!). Du musst aber auch immer deine Lieblings-Heldinnen recyclen, oder? Wie wäre es denn mal mit einem zeitgemäßeren Rollenmuster?
Das war jetzt gegen die Spielregeln
, sage ich. Du solltest ein Gegen-Klischee zur Powerfrau entwerfen, eine brave Hausfrau oder so, oder wegen mir auch eine grün-aktivistisch-bewegte Vorstadt-Mami, oder – ach, irgendwas konservativ- oder progressiv-biederes! Aber das war ja –
War mir zu langweilig
, unterbricht mich Herakleia. Und überhaupt, wer hat sich eigentlich diese dämlichen Spielregeln ausgedacht? Ein alter weißer Mann, gell? (sie lächelt dabei, wir lächeln gemeinsam, und dann lächeln wir gemeinsam nicht mehr) Alte weiße Männer hatten einige ziemlich gute Ideen, sagte ich. Klar, sagte sie, und einige ziemlich schlechte Ideen. Aber vielleicht kommt es ja eher darauf an, sagte ich, überhaupt Ideen zu haben, vorher weiß man sowieso von den meisten nicht, ob sie gute oder schlechte sind? Macht aber Mühe und Arbeit, sagt Herakleia. Kann ich nicht lieber den Ruhm von den Ideen anderer Leute abernten? Machen wir doch gerade, sage ich. Das Scheideweg-Spiel ist ja die Idee von jemand anderem, die wir uns, wie soll ich sagen: angeeignet haben? Aneignung, sagt Herakleia, ist ok, aber nur wenn sie  – „Mühe und Arbeit macht“ sagen wir im Chor.
Außerdem muss ich ja vielleicht nicht gleich ganz so vernünftig werden, sagt sie mit einem Augenzwinkern und einer Stimme, die wieder ganz jung ist und ein wenig ab und ab hüpft beim Sprechen, oder? Ich kann ja erstmal ganz was anderes ausprobieren, irgendetwas dazwischen, mit High Heels und Arbeit und Mühe, oder mit Birkenstocks und dem MacBook? Die Schuhe hätte ich nämlich wirklich gern, egal welchen Weg ich dann damit gehe! Weißt du, und dabei dreht sie sich schon um, die ganze Allegorie ist halt eine ideelle Fehlkonstruktion. Es sollte kein Scheideweg sein, sondern eine Kreuzung. Mit ganz vielen Straßen, und man kann in ganz viele Richtungen gehen. Und man kann auch wieder umdrehen, wenn man erkannt hat, dass die Richtung falsch ist. Dieses ganze Entweder-Oder-Schwarz-Weiß-Szenario ist so – unproduktiv! Kann es auch ein Kreisel sein, rufe ich ihr hinterher, ihre Gestalt ist schon fast im Nebel ihrer Zukunft aufgelöst; und ich will eigentlich nur noch ein wenig mit der Metapher spielen und noch einen Moment selbst wieder jung sein. Das ganze Leben ist ein Kreisel, singt es zurück; es singt vielstimmig und ein wenig dissonant. Das ganze Leben -



Denken Frauen anders?

Denken Frauen anders? Wenn man es doch nur wüsste! Denn historisch, das steht fest, haben Männer zumindest mehr, wenn nicht: beinahe ausschließlich gedacht, falls man darunter ein öffentliches oder veröffentlichtes Denken versteht. Männer haben Bibliotheken voller philosophischer Grundlagenwerke gefüllt, haben Systeme errichtet, turmhoch für die Ewigkeit, haben die großen Fragen gewälzt, immer wieder die gleichen Begriffsberge hinauf, haben die großen Ideen gepredigt, wenn auch selten mit ebenso großen Folgen. Frauen existieren in der Philosophiegeschichte ebenso wenig als Subjekte des Denkens wie als Objekte: Der Mensch ist, seit Anfang aller Philosophie, ein Mann, wie der monotheistische Gott, sein Ebenbild; und wenn Frauen darüber anders gedacht haben, haben sie es nicht aufgeschrieben.

Sie hatten, das muss man zugeben, auch kaum Chancen das zu tun, und zwar aus einer Vielzahl von Gründen. Der erste ist zum Gähnen langweilig und zum Abwinken trivial; trotzdem muss es gesagt werden, weil es wahr ist und die Wurzel aller intellektuellen Benachteiligung und Unterdrückung schlechthin: Lesen und Schreiben waren bis vor sehr kurzer Zeit sehr rare Bildungsgüter für Frauen und sind es in Teilen der Welt bis heute. Ohne Lesen und Schreiben jedoch kann Frau denken, wie und was sie will – es wird keinerlei bleibende Spuren hinterlassen, und wir werden niemals wissen, ob Xanthippe vielleicht eine noch ausgeklügeltere geistige Hebammenkunst entwickelt hatte als ihr hakennasiger Gatte, oder ob Descartes‘ Lebenspartnerin dem „cogito ergo sum“ ein energisches „ich gebäre, also bin ich“ entgegen geschleudert hat.

Dazu kommt: Philosophisches Denken ist, wie jeder Leistungssport, anstrengend und will trainiert sein – am besten von früh an, unter fachkundiger Anleitung, mit erprobten Trainingsmethoden, in einer anregenden Umgebung und, wenn es eben geht, mit Aussicht auf eine würdige Belohnung für all die Strapazen. Philosophische Naturtalente sind zwar sicherlich, ebenso wie mathematische Genies, musikalische Wunderkinder oder sportliche Naturbegabungen, vorstellbar – einfach, weil das menschliche Gehirn aufgrund des segensreichen Würfelspiels der Evolution offensichtlich zu jeder noch so bizarren Form von Hochleistung rein zufällig in der Lage sein kann. Sie sind nur etwas schwerer zu finden, da wohl die Weisheiten eines frühkindlichen Hegel eher unter die Kategorie „altkluges Balg“ verbucht worden wären („ist er nicht niedlich? Heute hat er schon wieder vom Weltgeist gebabbelt, ich weiß wirklich nicht, woher er das hat!“). Kleine Mädchen nun gar, die ihre Puppen zum philosophischen Symposion gruppiert hätten anstelle an ihnen neue Frisuren auszuprobieren, wären sicherlich ernsthaft von ihren besorgten Müttern zurechtgewiesen worden („niemand wird die Prinzessin wachküssen, weil sie so klug aussieht!").

Insofern wird der traditionelle Königsweg zum philosophischen Denken mangels Anerkennung als mentaler und geschlechterübergreifender Leistungssport samt entsprechender Förderkultur wohl weiterhin die ganz alltägliche Praxis sein: Üben, üben, üben – an verschiedenen Objekten, mit verschiedenen Sparrings-Partnern, in verschiedenen Techniken, vom allseits beliebten Syllogismus als Anfängerübung, über die Regeln der formalen Logik und den konsistenten Aufbau von Argumentationen bis hin zur Architektur von umfassenden Beweisführungen – oder gar, Krönung des philosophischen Denkens im akademischen Sinne, von Systemen. Das ist nicht nur entbehrungsreich – wer denkt, darf nicht spielen, essen, lieben, faulenzen, plappern, ganz zu schweigen von den vielfältigen medialen Unterhaltungs- und Ablenkungstechniken des digitalen Jahrtausends, die dem Denken sicherlich langfristig den Garaus machen werden, falls es nicht endlich Playstation-kompatibel wird. Es ist auch anstrengend, und jeder, der sich nach einer gedanklichen Verausgabung heißhungrig auf das nächste Stückchen Schokolade stützt, weiß ein Lied vom Energieverbrauch des Gehirns zu singen. Vielleicht wäre die beste Strategie zur Verweiblichung der Philosophie deshalb ein Diätprogramm nach dem Motto „Denken macht schlank!“ – jedenfalls, wenn man es irgendwie schafft, den Heißhungeranfall danach unter Kontrolle zu bekommen und gedankliche Jo-Jo-Effekte zu vermeiden!

Während bei Männern aber solche Denkübungen zumindest als Sekundärtugend für den späteren wirtschaftlichen Erfolg akzeptiert und deshalb als Ausbildungsgegenstand praktiziert wurden, auch wenn es gefährlich ist und eigentlich mit einem seitenlangen Nebenwirkungskatalog versehen werden sollte („fragen Sie Ihren Priester oder Arbeitgeber!“), ist die Gefahr für Frauen offensichtlich viel größer. Kluge Frauen werden nicht nur bis heute, wie alle einschlägigen Umfragen zeigen, nicht geheiratet (und wahrscheinlich auch eher selten geliebt) und reproduzieren deshalb auch keine gleichermaßen klug veranlagten weiblichen Nachkommen; sie werden auch nicht geschätzt, sondern als „Blaustrumpf“ bespöttelt und als unweiblich diffamiert. Besonders kluge Frauen stellen sich deshalb gern besonders dumm – was ihre Attraktivität zwar erhöhen mag, zumal wenn sie blond sind, aber nicht hilfreich bei der Suche nach der weiblichen Philosophie ist. Mangelnde Gleichverteilung der Bildungschancen wird somit ergänzt durch mangelnde Einübung der Bildungspraxis: Es denkt sich halt einfach nicht allein und von selbst, und die Belohnungen für einen auch nur zufällig gefassten und geäußerten eigenen Gedanken stellen sich auch nicht automatisch ein: Wer denkt, erntet Widerspruch, je eigener desto mehr, ist man als Faustregel zu sagen versucht. Widerspruchsgeist jedoch gilt, auch das ist zu bedenken, nicht direkt als Schlüsselqualifikation zum erfolgreichen Frausein.

Aber ist das nicht alles überholt und aus der gender-Mottenkiste hervorgekramt, versehen mit reichlich historischem Feinstaub und den Abnutzungserscheinungen allzu häufig gebrauchter Argumente? Frauen sind heutzutage emanzipiert, überholen die Männer mit inzwischen als erschreckend empfundener Geschwindigkeit in allen Bildungsstufen und -abschlüssen; kein kleines Mädchen muss mehr leiden, weil es lieber Philosophen-Quartett als Puppenküche spielt, und seine Gedanken (oder das, was sie/er dafür hält) darf sowieso jeder öffentlich kundtun, je weniger Substanz, desto lauter (auch wenn „Deutschland sucht den Superdenker“ kaum jemals quotenfähig werden wird). Trotzdem hat frau nicht das Gefühl, dass die Philosophie weiblicher wird, ja noch nicht einmal, dass das Denken weiblicher wird. Frauen, die Erfolg haben wollen in der Philosophie, setzen wie in der Wirtschaft nämlich besser darauf, sich zumindest männlich zu präsentieren, in Kleidung und Habitus ebenso wie in Sozialverhalten und Denkstil. Haben Frauen als Frauen also nichts zu denken bzw. zu sagen? Oder warum tun sie es jetzt nicht endlich?

Hier ist nun der Platz für ein Zugeständnis an den Mann: Männer sind (und alle Political-Correctness-Junkies mögen weghören, da es nun zur Sache geht und nicht um wohlfeiles Abnicken von gedankenpolizeilich genehmigten Floskeln), bei all ihren Fehlern, häufig hartnäckiger, ausdauernder, zielbewusster – eben auch im Denken, wo es genau darauf leider ab und zu ankommt: einen Gedanken nicht nur zu fassen – das gelingt beinahe jedem oder jeder irgendwann –, sondern ihn am Schopf zu packen, festzuhalten, ihn zu verfolgen, ihn gegen innere Widerstände („bin müde! Habe keine Lust mehr! Muss noch einkaufen!“) durchzuboxen, ihn, und das ist jetzt durchaus so ambivalent gemeint wie es klingt, zu unterwerfen, ihn einzubinden in einen größeren Zusammenhang und ihn bei all dem mit der unverwechselbaren geistigen Duftmarke seines Bezwingers zu versehen. Das tut dem Gedanken vielleicht nicht immer gut, der in diesem kämpferischen Prozess zu einer Härte und Festigkeit geschmiedet wird, die ihn (sagen wir es weiblich-vorsichtig) nicht immer kompatibel zu einer flexiblen, weichen, eher chaotischen denn zweiwertig-logischen strukturierten Lebenswirklichkeit macht. Aber es formt ihn zu etwas, mit dem fortan nicht nur zu denken, sondern zu argumentieren und kämpfen ist. (Männliches) Denken ist Machtausübung in einer sehr konzentrierten Form; und es belohnt sich im Übrigen nicht nur mit dem Gefühl geistiger Überlegenheit, sondern auch mit handgreiflichen Tatsachen in Form von Traktaten, Büchern, wissenschaftlichen Preisen vielleicht gar, und langfristig, für ein paar wenige: Unsterblichkeit.

Für seine Ideen zu kämpfen, galt deshalb seit alters her als Merkmal des wahren Helden des Geistes (auch wenn Philosophen nur sehr selten den sokratischen Beweis antreten mussten, für ihre Ideen auch, lächelnden Angesichtes, sterben zu können); und das, wie gesagt, nicht ganz zu Unrecht. Heldinnen des Geistes jedoch – wären sie wirklich als solche anerkannt worden? Selbst wenn sie es geschafft hätten, ihr Talent zum Denken zu entdecken, es zu trainieren, gefördert zu werden, angeregt zu werden, durch Gespräche, durch Lektüre, durch intellektuelle Herausforderungen, jawohl: auch durch Männer! – es wäre trotzdem ein schwerer und entbehrungsreicher Weg geworden. In Zeiten vor Erfindung einer halbwegs zuverlässig funktionierenden Geburtenkontrolle wären sie philosophisch sozusagen ungefähr gleichzeitig geschlechtsreif geworden wie biologisch; statt eines Traktats hätten sie ein Baby geboren, und dann noch eines, und dann noch eines, und wenn sie nicht bei einer der Geburten oder kurz danach am Kindbettfieber gestorben wären, wäre dies über eine relativ lange Spanne ihrer Lebenszeit hin so weiter gegangen. Und Geburten sowie ihre Folgen haben leider – oder Gottseidank? – die Eigenschaft, die geistigen Energien der an ihnen Beteiligten vollständig zu absorbieren; wer angesichts eines schreienden Babys oder eines die ersten Worte stammelnden Kleinkindes noch über die Windungen des Weltgeistes nachdenken kann, der mag zwar ein wahrer Philosoph sein, aber ist leider auch ein ziemlich herzloser.

Natürlich hätten unsere potentiellen Philosophinnen sich auch den Mühen des institutionalisierten Geschlechtsverkehrs und der biologischen Zwangsreproduktion entziehen können und, eben heldinnenhaft, ein Leben des Geistes wählen – allerdings ohne Aussicht auf finanzielle Versorgung und mit einer herben Einbuße an menschlicher Lebens- und Liebeserfahrung sowie allen daraus resultierenden, an der männlichen Geschichte der Philosophie so deutlich ablesbaren Einschränkungen. Und im Gegensatz zu ihren männlichen Heldenkollegen wären sie nicht dafür gefeiert, sondern als alte Jungfern und Blaustrümpfe verspottet worden. Das ist ein hoher Preis, und er wird bis heute von einigen wenigen bezahlt. Sollte es aber nicht möglich sein, in unseren achso emanzipierten modernen Zeiten, denken zu dürfen ohne das Leben dafür zu vernachlässigen? Wäre das nicht der wahre Beitrag der Frauen zur Philosophie (und selbstverständlich auch derjenigen Männer, die sich dazu berufen und qualifiziert fühlen): zu zeigen, wie das Denken im Leben wurzelt? Nicht irgendwie allgemein oder ontologisch überhöht (das Sein des Seienden), sondern zwischen Windeln, Kartoffelbrei und dem freiwillig gewählten, da man für professionelles Denken nämlich leider Zeit braucht, wie für jede anstrengende Arbeit, Halbtagsjob?

Ein solches Denken existiert im Übrigen tatsächlich; es nennt sich verschämt „Lebens“- oder Popular“-Philosophie und ist das notorisch schwarze Schaf in der weißgespülten akademischen Philosophenherde. Es bekommt deshalb keine Lehrstühle, sondern nur abseitige Nischen im allgemeinen Publikationsbetrieb; es wird nicht zu Philosophentagen und Kongressen eingeladen, sondern allerhöchstens – wenn es denn genügend skandalträchtig ist, eine fotogene Lockenpracht trägt und wenigstens ab und zu einen halbwegs verständlichen Satz produzieren kann – zu Talk-Shows. Es bekommt auch keine historisch-kritische Werkausgabe, wird aber vielleicht gelesen, von beinahe normalen Menschen – solchen nämlich, die sich für Philosophie als Lebenskunst interessieren und nicht für Philosophie als Rentenversicherungspolice. Es ist deshalb wenig attraktiv für den Mann als akademischer Leitwolf – und eine Chance für die Philosophin des Alltags, für die Denkerin zwischen Windeln, Kartoffelbrei und Halbtagsjob.

Denn diese Philosophin des Alltags weiß, im Gegensatz zum über den Dingen stehenden Systemphilosophen und dem ins akademische Zwangsrad eingespannten Dienstphilosophen, dass es im Leben und dem ganzen Rest nur sehr wenige Dinge gibt, die sich einer zweiwertigen Schwarz-Weiß-Logik, einer durchgängig kausalen Argumentationskette oder einem streng definierten Begriffskorsett unterwerfen lassen, und das ohne erhebliche Kollateralschäden an Realitätsnähe und Bezug zur Lebenserfahrung. Sie geht jeden Tag um mit Dingen, die nicht eindeutig sind, die sich verändern, deren Bewertung schwankt wie ihre Erscheinung; sie hat Erfahrungen mit der begrenzten Wirkung von Vernunft-Argumenten auf Lebendiges; sie ist vorsichtig geworden mit Verallgemeinerungen und Generalurteilen. Sie hat es auch, und zwar gar nicht zuletzt, häufig mit Körperlichem zu tun und weiß deshalb, dass man Körper und Geist nur sehr gewaltsam und künstlich voneinander trennen kann. Sie geht nicht mit Gedanken schwanger, sondern mit Embryonen, sie gebiert keine Theorien, sondern lebendige Menschen, sie versorgt nicht einen unersättlichen akademischen Betrieb mit Publikationen, sondern eine Familie mit Essen, Zuwendung und einem Zuhause. Wobei der Punkt nicht ist, dass das nur Frauen können oder gar sollten (von Geburten einmal abgesehen); der Punkt ist, dass sie es historisch getan haben und immer noch mehrheitlich tun, und dass es eine spezifische Lebenserfahrung prägt, die anders ist als die dominant berufliche oder politische oder ökonomische – die aber gerade dort, wo es um Menschlichkeit geht (und worum soll es eigentlich in der Philosophie gehen, wenn nicht darum?), auf keinen Fall abzuwerten oder zu vernachlässigen ist, sondern vielmehr einzubeziehen und zu bedenken.

Unsere weibliche Philosophin des Alltags formuliert deshalb nur sehr vorsichtige Einsichten, mit begrenzter Geltungsbreite und einem historischen Mindesthaltbarkeitsdatum. Und sie tut das in einer Form, die eher den zurückgelegten Denkweg als dessen Ergebnis spiegelt. Denn erzieht man so nicht auch Kinder? Nicht, indem man ihnen Weisheiten von oben herab verkündet, sondern indem man sie mitnimmt auf dem Weg der Erkenntnis, sich an ihrer Auffassungsgabe orientiert und versucht, ihnen die Sache schmackhaft zu machen, wenn es sein muss: in kleinen Portionen und mit handgeschnitzten Gurkengesichtern? Und hält man so nicht seinen Haushalt in Ordnung? Nicht, indem man perfektionistisch poliert von morgens bis in die Nacht und jedem Stäubchen den Krieg erklärt, aber auch nicht, indem man Faulheit und Verwahrlosung als kreatives Chaos verkauft, sondern indem man Routinen entwickelt und erprobt; indem man versucht, neben dem Nützlichen und Notwendigen das Unnütze und Schöne nicht zu vergessen; und indem man sich schließlich moralisch zusammenreißt, wenn es nun einmal sein muss, dass jemand den Müll wegbringt, auch wenn man dafür wieder einmal keinen Orden bekommt.

Geht man so schließlich nicht sogar mit Männern um, diesen seltsamen Wesen, die jeden Tag kämpfen und gewinnen wollen, aber so viel Bestätigung dafür brauchen; die die größten Heldentaten vollbracht haben und die furchtbarsten Verbrechen begangen; die so wenig Halt haben im Leben, dass sie verzweifelt versuchen müssen im Geist Wurzeln zu schlagen; und die schließlich, seit jeher, Frauen genauso in den Himmel gehoben und idealisiert wie unterdrückt und marginalisiert haben? Männer – man versucht sie zu verstehen als Frau, man versucht einigen von ihnen zu gefallen; man geht ihnen auf die Nerven oder aus dem Weg, aber niemals wird es ganz gelingen. Man bekommt Männer ebenso wenig in den Griff wie Gedanken und Ideen; und wenn man es täte, wäre es wie Systemphilosophie: ein Herrschaftssystem, rigide und abgehoben, manipulativ und arrogant, unter Ausschluss all dessen, was den einzelnen Mann/die einzelne Frau/den einzelnen Gedanken lebendig und produktiv macht. Denn darum geht es doch am Ende, unabhängig von gender-Stereotypen und real existierenden Unterschieden: dass man sich im Denken befruchtet – wofür zwei verschiedene Geschlechter, wie auch immer man sie nennt und wer auch immer sich zu welchem für zugehörig erklärt, vielleicht nicht der schlechteste Weg sein könnten: gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit.

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Die Schule von Athen und die verborgene
Schule der Athene.
Eine Welt voller Gegensätze



Das ist kein einfaches Gemälde. Es ist selbst eine Welt, und es ist die Geschichte einer Welt, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft. Es ist aber auch eine Geschichte der Farben und der Bilder, der Wissenschaften und der Künste, und schließlich: die Geschichte der Menschen. Man möchte mitten hineinspazieren und sich unter die vielen Gestalten mischen; man möchte hören, worüber die beiden zentralen Figuren, nennen wir sie ruhig Platon und Aristoteles, streiten, man möchte wissen, was der alte Mann mit der Glatze und dem wolligen Bart in sein großes Buch schreibt, man möchte sich von den Weisen mit der Erdkugel und der Himmelskugel den Kosmos erklären lassen, und dann möchte man sich ein kleines Weilchen zu dem einsamen Mann in der Mitte setzen, der ganz für sich lässig auf den Stufen herumlümmelt, die Toga nur locker über die Schulter geworden und den Blick auf ein Blatt gerichtet. Und schließlich möchte man in dem Bild verschwinden, ganz im Hintergrund, wo der Himmel durch einen Torbogen scheint; denn dahinter ist ganz sicher das Paradies.

Die Szene ist sorgfältig gewählt für dieses große Panorama des Geistes und des Wissens: Es ist eine antike Prachtarchitektur, monumental und gleichzeitig einfach, mit perfekten Kreisen zum Himmel hin und perfekten Quadraten zum Boden. Man ist verleitet zu vermuten, dass das Muster des Gangs, auf dem die Hauptfiguren würdevoll daherschreiten, eine Art Quadratur des Kreises aufweist: Denn kann man, gleichzeitig, dem alten Platon vertrauen, der so gewiss zum Himmel hinauf weist, und dem in der Blüte seiner Jahre stehenden stattlichen Aristoteles, der energisch auf dem Boden bleiben will? Zwischen beiden, ganz genau zwischen ihnen, ist der Mittel- und Fluchtpunkt der perfekten Zentralperspektive; tatsächlich ist er, wenn man ganz genau schaut, in der kleinen leeren Stelle zwischen der blauen und der roten Toga. Und über ihnen, durch die runden Bogen, schaut der Himmel hinein, und das Gemälde wäre ein klaustrophobischer Alptraum, wenn er es nicht täte: Nur so können die Gedanken frei bleiben, können ausschweifen, können über all die Menschen hinweg sich auflösen in blauen Äther. Die Natur ist immer dabei, und wäre sie es nicht, wäre einfach nur eine „Schule“ dargestellt, dann wäre sie eine Zwangsanstalt, wie so viele Schulen. Hier aber herrscht Bewegung, man philosophiert im Gehen, und man geht vom Freien herein ins Gebäude; aber man kann auch wieder herumdrehen und hinausgehen ins Freie.

Der Raum jedoch ist nicht nur eine perfekte Architekturkulisse, er ist auch geschmückt mit Figuren. Man übersieht sie leicht, marmorblass stehen sie in ihren Nischen und werden in den Hintergrund gerückt von all dem bunten Gewimmel im Vordergrund. Lässt man sich davon, vor der Hand, nicht ablenken, und das erfordert schon einen ziemlichen Akt des Willens, sieht man auf der Seite von Aristoteles eine weibliche Gestalt in der Nische. Ihr Helm und ihr Schild weisen sie als Athene aus, die Göttin der Weisheit, der Künste und der Wissenschaften; die kluge Athene, die in voller Rüstung dem Haupt des Zeus entsprang und die die leichtlebige Medusa dazu verdammte, dass kein Mann sie anschauen konnte ohne zu versteinern: Klugheit und Begehren paaren sich nicht gut. Ihr zu Füssen aber ist eine mütterliche Szene abgebildet: Denn Frauen sind klug und mütterlich, hart und sanft. Ihr gegenüber, auf der Seite von Platon, steht Apollo, der schöne jugendliche Apollo, der Gott des Lichts und der Künste, mit seiner Leier; und ihm zu Füßen ist eine Kampfszene abgebildet, denn Männer sind sanft und kämpferisch.

Aber nun geben wir der Verlockung nach und stürzen wir uns endlich ins Getümmel, zwischen all die Figuren; und als erstes sind es die Farben, die den Blick leiten und reizen. Sie sind von einer geradezu überdeutlichen Klarheit, sie sind Inbegriffe von Farben, denen man noch ansieht, dass sie aus Naturstoffen gemacht sind, aber vom Künstler konzentriert wurden bis zur übernatürlichen Essenz einer Farbe, der Idee einer Farbe, wie Platon zweifellos sagen würde; aber sie haben auch ihren ursprünglichen Naturton bewahrt. Der Künstler hat seine gesamte Palette ausgeschöpft, er hat Gewänder eingetunkt, bis sie strahlten, und dann hat er sie angeordnet, scheinbar zufällig, scheinbar willkürlich, aber man wird den Verdacht nicht los, es war eine Art Vier-Farben-Problem, das er souverän gelöst hat. Und das Licht über all dem ist so weich und gleichzeitig so klar, dass man tief durchatmen möchte mit den Augen. Schwarz fehlt beinahe völlig; allein die Schiefertafeln sind schwarz, kleine schwarze Blöcke konzentrierten Lehrens, mit weißen Zeichen beschrieben; aber wenn man sie abwischt, hat man wieder eine reine Tafel, und man kann von vorn anfangen.

Auf die Tafeln zeigen Hände; und die Hände gehören zu den Hauptfiguren in diesem Welttheater des Geistes. Platons Zeigefinger weist nach oben, in den Himmel, wo die Ideen wohnen; Aristoteles‘ Hand widerspricht und verweist auf den Boden, den man bei all dem nicht verlassen soll, die Realität der Dinge und Phänomene. Es gibt Hände, die zeigen und demonstrieren, Hände, die zweifeln und behaupten, Hände, die schreiben, die grüßen, halten und stützen. Philosophie ist, so lernt man, eine handgreifliche Angelegenheit; sie findet statt zwischen Menschen, die philosophische Handlungen vollführen, bei denen ihr ganzer Körper mitspricht. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Menschen; ihre Hautfarbe changiert wie die Farbe der Gewänder, einige tragen altertümliche Kopfbedeckungen, eine Art Turban mischt sich darunter, ein Lorbeerkranz, ein kriegerischer Prachthelm; man sieht jugendliche Locken und alterskrause Bärte, Glatzen (etwas überdurchschnittlich viel Glatzen, bei genauer Betrachtung), und immer wieder, als Gegenstück: volle jugendliche Locken. Denn dies ist kein Altherrenstück, die Jugend ist da, sie lauscht mit offenem Mund, sie schreibt eifrig mit. Vor allem in der naturwissenschaftlichen Gruppe am rechten Bildrand scharen sich die wissbegierigen Jünglinge um die Figur, die mit dem Zirkel hantiert; daneben balancieren zwei Gestalten eine Himmelskugel und einen Erdglobus, beides natürlich, nebeneinander, den Himmel und die Erde. 

Aber vielleicht sollte man sich doch lieber der Gruppe am linken Bildrand zuwenden? Hier scharen sich keine Jünglinge, sondern gar Kinder um die schreibenden Gestalten; sie schauen dem Dichter über die Schulter, während ein etwas buckliger Alter dem Mann mit dem großen Buch etwas nach- oder abzuschreiben scheint; und man wüsste nur zu gern, was in dem großen Buch steht, was der Dichter liest, was der alte Mann da so fleißig abpinnt, aber man hat keine Zeit. Denn jetzt zieht ein dunkelhaariger, sehr kräftiger Mann den Blick an, etwas unterhalb von Platon sitzt er und hat als einziger ein marmornes Schreibpult abbekommen; aber sein Blick geht melancholisch weg von seinem Schreibtisch, er scheint mehr nach innen zu schauen, und sein Schreibfluss ist gestockt. Seine Kleidung wirkt beinahe modern, ebenso sein Haarschnitt; ist er die Zukunft, ist er das dunkle Bild einer Zeit, die die Schule verlassen hat und nun in der Welt ihr Heil sucht, jeder für sich, jeder Einzelkämpfer einer zutiefst melancholischen Moderne, die den Sinn nur noch in Büchern sucht? Aber zum Glück hat er einen Gegenspieler, den zweiten Einzelgänger auf dem Bild: Ganz locker sitzt er da, ein wenig rechts von dem Grübler, über die Stufen hingegossen, seine Toga hat er nur nachlässig geschultert, die eine Hälfte des Oberkörpers bleibt unbedeckt, halb unter ihm ruht sein Mantel, daneben eine Schale. Zwar schaut auch er auf ein Blatt in seiner Hand, aber wie groß ist der Unterschied in Haltung und Wirkung! Er gehört, zweifellos, zur aristotelischen Seite, aber er nimmt die Erde leicht, während sein grimmiger Nachbar den platonischen Ideen nachhängt und sie in sich selbst nicht zu finden scheint.

Allerdings ist, und darüber kommt die Betrachterin erst einmal schwer hinweg, die dargestellte Welt des Geistes in gewissem Sinne nur eine halbe Welt: Es ist eine Welt ohne Frauen, wenn man einmal absieht von Athene als Schutzpatronin der Weisheit, die ja selbst immerhin, vom Namen her, eine Frau ist: philo-sophia. Bei einigen Figuren, meist Randfiguren, beschleicht einen zwar ein Verdacht, dass es sich doch um eine weibliche Zuhörerin handeln könnte, die sich in der Schule eingeschlichen hat, in der Frauen natürlich prinzipiell nicht zugelassen waren; so fortschrittlich war die griechische Antike dann doch nicht. Aber wahrscheinlich sind es doch nur weiche, unfertige Jünglingszüge, wie sie Raffael in seinen Heiligenbildern so gern gemalt hat, jugendlich androgyne Johannes-Figuren. Eine etwas rätselhafte Gestalt gibt es allerdings, die dadurch auffällt, dass sie aus dem Bild hinaus schaut, dem Betrachter direkt ins Gesicht; nur das Selbstporträt des Autors auf der anderen Seite schaut ähnlich herausfordernd auf den Betrachter. Es existieren auch ganze Legenden dazu, welche Gestalt genau welcher Philosoph ist, aber darüber darf sich die Wissenschaft weiter streiten. Die rätselhafte Gestalt trägt zudem, ebenfalls als einzige, ein fast durchgehendes weißes Gewand, mit leichten Goldrändern gesäumt, das die Körperformen nicht nachzeichnet, sondern verdeckt; ihr Gesicht wird umrahmt von sanften braunen Locken, und ihr Blick mutet, man kann es nicht anders sagen, extrem weiblich an. Ist sie ein verirrter Engel, ein heller Schatten aus der anderen Welt des Himmels, auf den der Blick ins Blaue weist? Oder ist sie die zweite Hälfte des vor ihr stehenden, außerordentlich dunkel und energisch gezeichneten Mannes, der zweite hellere Teil des ursprünglich androgynen Kugelmenschen? Man wird es nicht beweisen können. Aber man kann Ideen haben.

Oder vielleicht ist es sogar ganz gut und richtig so, dass dieses Bild kein Geschlecht kennt. Denn würde man nicht sofort damit beginnen, Beziehungen zu suchen, Andeutungen für ein anderes, mehr handgreiflich erotisches Verlangen als das nach dem Wissen oder der Weisheit, würde man nicht Anzüglichkeiten sehen und Begehren, die alte, uralte, immergleiche Geschichte? Wäre es nicht denkbar, dass es eine Welt gibt, in der man einfach nur lernen möchte, im Gespräch mit anderen Menschen, mit der Natur und dem Himmel? Wäre es nicht vielleicht sogar denkbar, dass eine zweite Schule existiert, unbekannt, im Schatten der ersten; in ihr sind die Frauen unter sich, auch die Kinder und Mädchen dürfen mitkommen, und man diskutiert ganz frei, genauso frei wie die Männer, aber unbeeinflusst von ihnen und dem allgegenwärtigen Geschlechterkrieg? Vielleicht wäre sie im Freien angesiedelt, einer arkadischen Landschaft, nicht im prächtigen Architekturpalast, aber im Hintergrund könnte man ihn sehen, so, wie man hier im Hintergrund den Himmel sieht. Sie füllt sich nur langsam, diese Schule der Frauen, die ich gern die Schule von Athene nennen möchte. Aber wenn man ihr ein wenig Zeit gibt, werden die Gestalten allmählich hervortreten, genauso farbenreich und glanzvoll. Und dann erst wird die Welt des Geistes ganz sein.

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„Vertrautinnen“ und „Männinnen“.
Geschlechterfragen bei Goethe

Am 2. Mai 1777 schickte Goethe seiner Seelen- und Herzensfreundin Charlotte von Stein ein kleines Briefchen. Das war nichts Besonderes, das tat er zu diesem Zeitpunkt eigentlich an jedem Tag, und manchmal auch mehrere, und zwar unabhängig davon, ob man sich an dem gleichen Tag auch persönlich sah oder sehen würde; es gehörte einfach zu der ziemlich komplizierten Beziehungspflege, die er mit Charlotte jahrelang betrieb. Auf diesem besonderen Briefchen steht (und zwar genau in dieser Schreibung, die man heute kaum als „recht“ zu bezeichnen wagen würde): „Dancke für Ihr Zettelgen. Ich erhielts als der Herzog und noch iemand und ein Paar Vertrautinnen [….] viel Lärmten und Unordnung machten“. Zur Erläuterung: Der „Herzog“ ist Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, Goethes Arbeitgeber wie Intimfreund, Sauf- und Jagdgenosse im Weimar; „iemand“ ist eine Chiffre für die schöne Corona Schröter, Kammersängerin alldorten; Goethe fand sie genauso wie der Herzog ziemlich sexy. Aber wer sind die „paar Vertrautinnen“, und, interessanter neben all diesem Sex-and-the-City-Hofklatsch: Was ist das für ein außerordentlich interessantes Wort?

Die ‚Vertrautinnen‘ oder Sex and the City in Weimar

Wenn man wissen will, was Goethe mit einem Wort genau meinte, kann man das Goethe-Wörterbuch konsultieren (Disclaimer: die Autorin arbeitete für selbiges und betreibt im Folgenden Produktwerbung!) Das Goethe-Wörterbuch verzeichnet alle Wörter, die Goethe jemals benutzt hat, genauer: alle, von denen schriftlich (oder in Gesprächsnotaten) dokumentiert ist, dass er sie jemals benutzt hat. Es sind insgesamt um die 93.000, die genaue Zahl steht noch aus, das Projekt ist nämlich nicht beendet. Das ist ziemlich sicher der umfangreichste Wortschatz, über den jemals ein Sprecher oder eine Sprecherin deutscher Sprache verfügt hat, und wird es wohl auch bleiben.

Wozu genau nun so ein Goethe-Wörterbuch gut ist, erschließt sich nicht gleich jeder. Oder jedem, aber es gibt viele Dinge im großen Reich der Wissenschaften, deren Nutzen sich nicht jedem gleich erschließt. Oder jeder. Deshalb ein Beispiel: Man kann damit die große Goethe-Frage schlechthin untersuchen, nämlich: Wie hält es der Weimarer Olympier eigentlich mit der Geschlechtergerechtigkeit? Immerhin hat er ein Wort wie „Vertrautin“ erfunden, das deshalb auch einen eigenen Lexikoneintrag im Goethe-Wärterbuch bekommen wird: Eine „Vertrautin“ ist nämlich etwas anderes als ein „Vertrauter“!

Das hat die Verfasserin dieses Blogs und des entsprechenden Artikels im Goethe-Wörterbuch dadurch entdeckt, dass sie ihrer lexikalischen Sorgfaltspflicht nachkam und überprüfte, um wen es sich bei den „Vertrautinnen“ eigentlich handelt (gelobt sei die Literaturwissenschaft, die alles, was über drei Schritte mit Goethe verbunden werden kann, erforscht hat! Na gut, google hilft auch ziemlich gut). Es handelt sich bei ihnen um: Wilhelmine Probst und Marie Salome Philippine Neuhaus. Erstere ist in die Geistesgeschichte eingegangen als – genau: lebenslange Freundin von Corona Schröter, die sie aus der Provinz mit nach Weimar brachte, wo sie die hübsche Sängerin angeblich vor den Avancen der Männerwelt beschützt hat; sie blieb ihr treu ergeben bis an Coronas (tragisch frühes) Sterbebett. Die zweite war ebenfalls Hofsängerin in Weimar, und wir nehmen an: auch eine BFF? Die allerbeste Freundin ist nämlich etwas anderes als der allerbeste Freund (grammatisch männlich oder biologisch männlich, in diesem Fall: egal). Und das hat Goethe schon gewusst, und mit seiner allgegenwärtigen Bemühung um sprachliche Präzision selbst in orthographisch und auch sonst ziemlich verlotterten „Zettelgen“ benannt!

‚Putzmacherin‘‚ Oberförsterin‘, ‚Abgöttin‘, ‚Bürger und Bürgerinnen – feminines Genus und Inklusion

Frau kann, auf die sprachpolitische Fährte gesetzt, nun im Goethe-Wörterbuch nach ‚Anverwandtinnen‘ (ja, gibt es auch als Artikel) dieser Wortbildung suchen. Dabei findet man eine Reihe klassischer weiblicher Berufe, die quasi-natürlich im Femininum stehen: Es gab damals wie heute nur ganz wenig Putzmacher, und die ‚Näherinnen‘ waren wie die ‚Spinnerinnen‘ überwiegend weiblich in der ganz korrektheitsresistenten Realität. Hingegen waren ‚Oberförsterinnen‘, ‚‘Professorinnen‘ und ‚Oberkammerherrinnen‘ bei Goethe nicht besonders emanzipierte working girls, sondern die Ehegattinnen ebensolcher Herren; und bei Titeln war Goethe geradezu überkorrekt. Zudem beachtete er das grammatische Geschlecht (genus) sehr korrekt bei einer Reihe recht schöner weiblicher Worte: So gibt es (samt Lexikoneintrag) die ‘Abgöttin‘ – natürlich die Natur, was sonst, die eben weiblich ist, vom Genus her und auch sonst mindestens zur Hälfte; oder die ‚Allbeherrscherin‘ – in einem Fall, eher ironisch, die „Ehre“, im anderen gar nicht so ironisch, wie es klingen mag, die „Geometrie“, die streng die Kreise der Natur regelt.

Es gibt aber auch eine Reihe von Fällen, in denen Goethe beide Geschlechter gleichberechtigt nebeneinanderstellt. Das muss nicht immer nett sein (insofern schwache Triggerwarnung für sensible Gemüter): „Bei den Deutschen wird das Ideelle gleich sentimental, zumal bei dem Troß der ordinären Autoren und Autorinnen“ (das Verfassen schlechter Literatur war schon immer kein Männer-Vorrecht). Und im Lesen herrscht Geschlechtergerechtigkeit wie im Schreiben: „Tagtäglich sehen wir, daß ein Theaterstück, ein Roman  ohne die mindeste Rücksicht auf Recensionen von Lesern  und Leserinnen nach individuell eigenster Weise aufgenommen, gelobt, gescholten, an’s Herz geschlossen oder vom Herzen ausgeschlossen werde, je nachdem das  Kunstwerk mit irgend einer Persönlichkeit zufällig zusammentreffen  mag“. In gebildeten geselligen Kreisen ist die Genus-Doppelung ebenfalls sprachlicher Standard: „Ich habe selten einen Cirkel so aufmerksam und die Seelenkräfte so thätig gesehen, als wenn irgend etwas Neues, das einen Mitbürger oder eine Mitbürgerin heruntersetzt, vorgetragen wurde“ (aus den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten; es spricht ein lebensweiser „Alter“, er darf das; und nein, es gibt keine „Altinnen“, nur „Altistinnen“).

Die ‚Männin‘ – ein aufschlussreiches Missverständnis

Am schönsten aber sind und bleiben Goethes Hapaxlegomena (das Wort kommt aus dem Griechischen, und es bedeutet: „nur einmal gesagt“; es sind also Worte, die nur einmal vorkommen im Textbestand), wie eben die „Vertrautinnen“. Zu ihnen gesellt sich freundschaftlich die ‚Männin‘, die zudem das Thema ‚weibliches Schreiben‘ berührt und ein wenig schon im Geschlechter-Spektrum zu schillern beginnt. Also, längere Geschichte: Es geht um einen Roman, der unter dem Titel Bekenntnisse einer schönen Seele 1806 erschienen ist, und von dem Goethe in einer Mini-Rezension schreibt: „Wir hätten aber doch dieses Werk lieber ‚Bekenntnisse einer schönen Amazone‘ überschrieben, theils um nicht an eine frühere Schrift zu erinnern [einen gleichnamigen Teil seines eigenen Bildungsromans Wilhelm Meisters Lehrjahre], theils weil diese Benennung charakteristischer wäre. Denn es zeigt sich uns wirklich hier eine Männin, ein Mädchen wie es ein Mann gedacht hat“. Goethe geht offensichtlich davon aus, dass der Verfasser des anonym erschienenen Romans ein Mann ist, detektiert aber eine geschlechtliche Grauzone im Dargestellten selbst, die er im Begriff „Männin“ aufs schönste grammatisch fasst. Weiter unten in der Rezension führt er dazu aus: „Die Hauptfrage, die das Buch behandelt, ist: wie kann ein Frauenzimmer seinen Charakter, seine Individualität, gegen die Umgebung retten? Hier beantwortet ein Mann die Frage durch eine Männin. Ganz anders würde eine geist- und gefühlvolle Frau sie durch ein Weib beantworten lassen“. Das ist ziemlich lustig, weil tatsächlich wohl eine geist- und gefühlvolle Frau den Roman geschrieben hat, nämlich Friederike Helene Unger (1741-1813): abenteuerlicher Lebenslauf, eine Reihe erfolgreicher Romane, nicht immer eine unbedingte Verfechterin von Frauenemanzipation.

Hätte man all das vermutet hinter dem unscheinbaren Hapaxlegomenon ‚Männin‘? Vielleicht hätte die Bezeichnung auch Friederike Unger gefallen; und Goethe endet die Rezension, die ziemlich auf dem falschen Fuß begonnen hatte, auf jeden Fall mit einem ganz richtigen und energischen Schritt: in die richtige: „Jeder Mensch, das Weib so gut als der Mann, will seine Individualität behaupten, und behauptet sie auch zuletzt, nur jedes auf seine Weise. Wie die Frauen ihre Individualität behaupten können, wissen sie selbst am besten, und wir brauchen sie es nicht zu lehren“. Außerdem gibt es dafür ­- Vertrautinnen.

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Die Gretchentragödie ist das wahre Trauerspiel.
Frauendrama und Männerhochmut in Goethes ‚Faust I‘


Gretchen ist, aus moderner Perspektive, nicht direkt eine emanzipierte Frau, sie ist eher das Gegenteil. In Goethes Faust, wohl dem berühmtesten Trauerspiel deutscher Sprache, wird die Minderjährige von dem reichlich älteren Faust verführt, und zwar ziemlich rasant: Er schenkt ihr einen netten Schmuck, besorgt ihr (assistiert von Mephisto) ein Schlafmittel für die Mutter, die daran prompt für immer entschläft; Gretchen wird nach erfolgter Verführung ebenso prompt schwanger, ertränkt das Kind aus Scham in einem Teich, wird dafür zum Tode verurteilt wurde und gibt sich am Ende willig dem Gericht Gottes anheim. Die sogenannte ‚Gretchen-Tragödie‘ nennt man das, aber im Mittelpunkt des Interesses an Goethes Hauptwerk stand eigentlich immer nur einer: Faust, der große Mann, der sich dem Teufel verschworen hat, um endlich nicht mehr nur noch griesgrämig in seiner Stube über das Leben nachzudenken, sondern es zu erleben; dieser Faust, National- und Identifikationsfigur seit Jahrhunderten, der als erstes ein unschuldiges Mädchen verführen muss, das ihm zufällig im falschen Moment über den Weg gelaufen ist. Gretchen hingegen, eine maximal nicht-emanzipierte Frau, ist das perfekte Opfer. Sie ist aufgewachsen ohne Vater und hat ihre kleine Schwester erzogen, als ihre Mutter schwer erkrankt war. Sie himmelt Faust großäugig an: „Du lieber Gott! was so ein Mann / Nicht alles, alles denken kann! /Beschämt nur steh ich vor ihm da / Und sag zu allen Sachen ja. /Bin doch ein arm unwissend Kind, /Begreife nicht, was er an mir findt“. Sie ist tiefgläubig und denkt immer nur das Beste von den Menschen. Als man am Dorfbrunnen mal wieder darüber herzieht, dass ein Bärbelchen nun auch gefallen ist, verteidigt Gretchen sie: Der Verführer nehme sie doch gewiss zur Frau! Ja, Pustekuchen. Natürlich nimmt Faust sie genauso wenig zur Frau. Er hat ja schon alles bekommen, was er wollte, und die Gewissensnöte, die ihn am Ende ein wenig drücken, sind ungefähr so lästig wie ein neuer und noch nicht eingelaufener Schuh. Sie verschwinden auch so schnell wieder, wie sie gekommen sind, als Gretchen im Kerker zum ersten Mal ihr eigenes Schicksal in die Hand nimmt und seinen Vorschlag, mit ihm zu fliehen energisch abweist: Sie ist längst so gut wie tot, gesellschaftlich tot, moralisch tot und psychisch massiv traumatisiert. Vielleicht ist es die rührendste Stelle dieser ganzen Gretchen-Tragödie, die so selten gegenüber der Faust-Tragödie zu ihrem Recht kam, weil der Schatten der Tragödie des ‚großen Mannes‘ sie bis in den Kerker hinein erstickte; vielleicht ist es die rührendste Stelle, als Gretchen am Schluss, im Angesicht des Todes, Faust eine Grabordnung anweist: Der Mutter solle er den besten Platz geben (der Mutter! sagt die „Kindsmörderin“; zu den „Müttern“ müsse man gehen, orakelt es im zweiten Teil des Fausts); den Bruder, den der Verführer getötet hat, weil er die Ehre der Schwester verteidigen wollte, gleich daneben. Und sie selbst, doch, sie bittet sehr herzlich, „ein wenig bei Seit, nur nicht gar zu weit“. Sie möchte dabei sein, im Tod noch, aber sie weiß, dass sie es nicht darf. Das Kind jedoch, das tote, möge man ihr an die rechte Brust legen. Man stelle sich die Szene vor, bildlich, der Kerker kann gar nicht düster und kalt und unmenschlich genug sein. Das geht über alle Worte! 



„Wurde ihr durch einen Streich der Kopf glücklich abgesetzt“ – die Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt als Vorbild für Gretchen




Der junge Goethe hat die Figur und Geschichte seines Gretchens nach einer realen Kindsmörderin modelliert: Susanne Margaretha Brandt, eine Soldatentochter und Waise, verdiente sich ihren Lebensunterhalt in einer Frankfurter Wirtschaft, wo sie – vielleicht kommt daher die Idee mit dem Schmuck? – von einem durchziehenden holländischen Goldschmiedegesellen verführt wurde. Es besteht der begründete Verdacht, dass er dabei ein date rape drug verwendet hat; sie berichtete später bei der Vernehmung, sie habe sich nach dem getrunkenen Wein sehr seltsam gefühlt, so, als habe der Teufel seine Hand im Spiel gehabt (sehen wir Mephisto vor uns, wie er Gretchen das Pülverchen für ihre Mutter unterschiebt?). Die Schwangerschaft blieb unbemerkt, trotz mehrerer Arztbesuche, vielleicht wollten sie ja das Allzu-Sichtbare nicht sehen. Das Kind brachte sie in der Waschküche zur Welt, allein, wie die meisten ‚Kindsmörderinnen‘, so weit jenseits einer ärztlichen Betreuung oder eines freundlichen Gebärhauses, wie man nur sein kann. Sie sagte aus, das Kind sei mit dem Kopf voran auf den Steinboden gefallen. Sie habe in Panik nach seinem Hals gegriffen, danach wird die Aussage etwas unklar, am Ende jedenfalls war das Kind tot und Susanne versteckte es an einer Mauer hinter dem Haus und floh. Ihr Geld reichte aber nicht aus, sie musste zurückkehren nach Frankfurt, krank, verzweifelt, ohne jeden Ausweg. Dort war das Kind inzwischen schon begraben worden, man grub es wieder aus und angesichts des winzigen Leichnams brach sie zusammen und gestand. Das Verfahren war kurz, das in solchen Fällen übliche Todesurteil erging, und ein halbes Jahr nach der Geburt bestieg Susanna Margaretha Brandt das Schafott auf der Frankfurter Hauptwache: „Der Nachrichter führte die Maleficantin mit der Hand nach dem Stuhl, setzte sie darauf nieder, band sie in zweyen Ort am Stuhl fest, entblößte den Hals und kopf, und unter beständigem zurufen der Herren Geistlichen wurde ihr durch einen Streich der Kopf glücklich abgesetzt.“ Und Glück hat sie noch gehabt! Es war noch gar nicht allzu lange her, dass die ‚menschenfreundliche‘ Aufklärung die vorher in Kindsmord-Fällen übliche Todesstrafe durch Steinigen, Pfählen, lebendig Begraben (nacheinander, manchmal auch noch ergänzt um Zwicken mit glühenden Zangen)–  durch das einfache Köpfen ersetzt hatte (es war aber technisch gar nicht so einfach vor der Erfindung der Guillotine, aber hier wird die Geschichte einfach zu schauerlich).

Kindsmord, Hurenstrafe und ewige Verdammung? – das unlösbar Dilemma der „Kindsmörderinnen“

Der junge Goethe, selbst Jurist und gut vernetzt in Frankfurter Juristen- und Ärztekreisen, ließ sich die Prozessakten zukommen; der Fall interessierte ihn. In dieser Zeit entstand sein Urfaust, der erstmals die alt hergebrachte Faust-Geschichte um eine Gretchen-Tragödie ergänzt. Und das ist nun eine wirklich bemerkenswerte Kombination. Sie stellt die Urtragödie um den allzu intellektuellen, an allem zweifelnden Mann der der allzu liebenden, bedingungslos vertrauenden Frau gegenüber. Der Gedanke, die Geschlechterrollen umzukehren, ist heute verlockend, war aber selbst für Goethe, der später durchaus kluge und emanzipierte Frauen gestalten konnte, nicht denkbar. Nein, hier kam es auf Extreme an, auf Typen, auf maximale Zuspitzung zu dramatischen Zwecken! Und das Aufgreifen der Kindsmord-Geschichte ist in diesem Zusammenhang eine geradezu geniale, wenn auch ein wenig skrupellose Idee: Denn der Kindsmord ist das archetypische Frauendrama schlechthin. Eine Straftat, die – in der engeren Form des Neonatizids, also der Tötung direkt im Anschluss an die Geburt – beinahe nur Frauen begehen. Eine Straftat, bei der die mildernden Umstände und die mangelnde Einsichts- und Urteilsfähigkeit der Täterinnen direkt ins Auge springen: Die meisten Kindsmörderinnen im 17. und 18. Jahrhundert waren wie Susanne Margaretha Brand von niederem gesellschaftlichen Stand, unausgebildet, unwissend, abhängig im höchstem Maße, immer bedroht von Armut und Elend. Ist es ein Wunder, dass ihnen selbst ein Goldschmiedegeselle das Blaue vom Himmel herunter versprechen konnte, um sie wenigstens für diese eine Nacht – und dann natürlich für die spätere Ehe, versprochen! – zu erlösen? Ja, Pustekuchen. Und niemals wird der Mann bestraft, der zur Zeit der Geburt meist lange schon das Weite gesucht hat. Alle Handlungsalternativen jedoch – sind versperrt, durch die Gesetzgebung selbst. Würde die schwangere Frau nämlich ihren Zustand einem Familienmitglied, einem Beichtvater, wem auch immer enthüllen – würde sie angezeigt werden, ‚Unzuchtsstrafe‘ oder ‚Hurenstrafe‘ nannte man das, und sie bestand in öffentlicher Schande, Auspeitschen, an den Pranger stellen – was war schlimmer, der Tod oder diese Tortur? Nein, die ‚Unzuchtsstrafe‘ trieb die Mädchen direkt dem Kindsmord in die Arme; wenn das sichtbare Zeugnis verschwinden würde, würde auch das Vergehen verschwinden. 

Ach, es verschwand allzu oft nicht. Kann man sich vorstellen, in welcher Situation diese Frauen waren? Arm, ungebildet, sexuell unaufgeklärt, mutter-seelen-allein, wahrscheinlich auch mitgenommen von der Schwangerschaft (schließlich mussten sie weiterarbeiten, auf dem Land, in der Wirtschaft). Für viele mag sogar, wie für Gretchen, die erlebte Schande das Schlimmste gewesen sein: Denn natürlich waren diese Frauen tiefgläubig, und für ihren Fall würden sie ganz gewiss auf ewig in der Hölle schmoren! Schließlich, das Kind – ach, an das Kind durfte man gar nicht denken. Daran, dass etwas in einem wuchs, was man nicht verstand. Daran, dass es das einzige war, was der Verführer zurückgelassen hatte, und vielleicht – hatte man ihn ja für eine Nacht geliebt, selbst wenn er ein komischer alter Mann war wie dieser Faust, bei dessen optischer Verjüngung der Teufel die Hand im Spiel gehabt hatte. Gretchen ist die andere Seite von Faust; sie ist das Elend der Welt, konzentriert in einem Schicksal – keinem von übermütigen jungen Dramatikern ausgedachten Sensationsstück, sondern einem realen, fatalen, ausweglosen Schicksal. „Heinrich, mir graut‘s vor dir!“, das sind Gretchens letzte Worte an Heinrich Faust, und sie sind sehr, sehr nachvollziehbar.

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Zur Emanzipation der schönen Helena in Goethes ‚Faust II‘

Zwischendurch las irgendwann Faust II, zum ungefähr vierten Mal. Dieses Mal ging es mir eigentlich um Fausts Verbrechertum, aber abgelenkt wurde ich noch einmal durch die Geschichte mit Helena (die Handlung kann man bei Wikipedia nachlesen, oder unten nach dem Beitrag). Bei der Drittlektüre war mir schon auf einmal der Gedanke in den Kopf gesprungen, dass Helena eigentlich (fast) eine emanzipierte Frau ist, ausgerechnet die achso schöne Helena! Nee, eigentlich ganz klug. Sie hat nämlich durchschaut, dass die Männer – die schon die Zehnjährige, schlank wie ein Reh, schreibt Goethe, mit den Augen vernaschten, dass es einem ganz anders wird beim Lesen (and not in a good sense) – sie zu einem Idol gemacht haben; einer Sex-Ikone, so würden wir heute sagen und die traurige Marilyn mit dem Glockenrock und dem Schmollmund vor uns sehen, es macht aber keinen Unterschied: einem Abziehbild von Frau, vielleicht trifft es das Pin-up-Girl sogar am besten. Helena hatte nie eine Wahl. Sie wurde begehrt, verheiratet, begehrt, verschachert, begehrt, vergöttlicht, verwettet, ja, begehrt; und sie hat es, in einer sehr höflichen und weiblich zurückhaltenden Weise, ziemlich über mit den Kerlen (das Personal ist aber auch nicht viel besser).

Wovon ich aber eigentlich reden wollte, war die Nicht-Insel. Faust nämlich, nachdem er Helena aus der Unterwelt geholt hat, auf Befehl des Kaisers natürlich, zieht sich mit ihr zurück in eine Art zeitloses Paradies, was schon ein ziemliches Zugeständnis ist; die ganzen Kerle vor ihm hatten Helena immer umstandslos ins Eigene verpflanzt, aber Faust, immerhin, findet einen Zwischenraum (interessantes Wort, kannte es Goethe?). Besagtes zeitloses Paradies ähnelt natürlich Arkadien: murmelnde Bäche, idyllische Natur, den einen oder anderen Schäfer als Deko, aber Faust nennt es nicht Arkadien (et in arcadia ego, murmelte der melancholische Goethe auf dem Tischbein-Bild mit dem entzückend bestrumpften Bein, aber wahrscheinlich meinte er auch das ganz anders). Er nennt es auch nicht etwa U-topia, kein Ort, also die uralte Menschheitsphantasie, dass Milch und Honig fließen und die Leute auf einmal freundlich zueinander sind, was wirklich un-gesehen, un-erhört, un-denkbar, eben: utopisch ist. Nein, er nennt es: „Nichtinsel“. Das ist, so schreiben beflissene Kommentatoren, und es ist auch wichtig, das zu wissen, eine Art freie Übersetzung von Pelo-ponnes, der Fast-, nämlich: Halbinsel. „Nichtinsel“ aber – ist ein geradezu geniales Un-Wort. Es schwingt mit, dass man sich gerade nicht im Abgeschlossenen befindet (der Insel), aber auch nicht im Unmöglichen (der Utopie); es suggeriert, zart, ganz zart, dass es einen Zustand geben könnte, in dem festes Land und flottierende Insel freundlich nebeneinander her fluktuieren, in einer Art Quanten-Gravitation: Unter einem bestimmten Blickwinkel ist es das Land, unter einem anderen eine andere Art Insel, eine sozusagen bisher un-gesehene, in ihren Möglichkeiten noch nicht einmal andeutend ausgedachte Land- und Lebensform, die aber nicht, darauf kommt es an: nicht ein Kein-Ort ist. Nur eine Nicht-Insel (vielleicht doch: ein Zwischenraum?)

Im Übrigen, auch das hatte ich bisher geradezu herzlos überlesen, ist die Geschichte von Faust und Helena sehr, sehr traurig. Denn eigentlich werden sie sofort eine idyllische Kernfamilie, das Söhnchen wächst sozusagen in Sekundenschnelle zu einem blühenden Jüngling heran, dessen zweiter Name aber offensichtlich, nach Euphorion, Ikarus ist: Denn er will, er will hoch hinaus, er will viel zu schnell und viel zu weit, und während die besorgten Eltern noch besorgte elterliche Ausrufe ausstoßen – fällt er auch schon, und nur noch eine winzige Sekunde bleibt ihm, seiner Mutter zuzurufen, er möge sie nicht alleinlassen im dunklen Reich. Helena zögert nicht eine Sekunde. Sie, das Idol, die viel zu oft und immer völlig falsch Begehrte, folgt ihrem Sohn anstandslos ins Totenreich. Zu den Müttern, den vielgestaltigen, den un-heimlichen, nicht zu fassenden, die Faust Helena verschafft hatten. Sie hat ihn kaum gekannt, ihren Sohn (um ehrlich zu sein: Sie hatte auch keine Zeit Faust kennenzulernen). Aber sie tut, was Mütter tun. Mit einem kaum merkbaren Schulterzucken legt sie das Idol-Kostüm ab und nimmt den Mantel ihrer dunklen Mutterpflichten an. Helena ist eine geradezu vorbildlich emanzipierte Frau!

Faust aber, das nur im Nachsatz, hat schon eine Menge Pech. Der un-eheliche, mit Gretchen gezeugte Sohn – kaum hat er das vermeintliche „Licht“ der Welt erblickt, wird er getötet von der eigenen Mutter, in der tiefsten denkbaren Verzweiflung. Homunculus, das lustige Flaschenkindlein vom Gehilfen Wagner, ach, irgendwie ist er auch eine Art Patenkind von Faust; aber was tut er, kaum kommt er ans Meer und sieht Frauen? Zerschellen, die Flasche zerstören an den Felsen, und frei aufsteigen in den Äther, ganz lebendig nun: weil er sterben konnte. Euphorion entschwebt nach kürzester Bekanntschaft, gefallen ins Bodenlose. Vielleicht wird Faust deshalb – denn das hat mich immer bekümmert und bekümmert mich noch, nach der Viertlektüre; vielleicht wird Faust deshalb am Ende, in den Bergschluchten, doch erlöst? „Wer immer strebend sich bemüht“, das fand ich schon immer eine ziemlich schwache Begründung (und vielleicht hat Goethe ja ganz etwas Anderes gemeint, als er die Worte in die bekannten Anführungszeichen setzte?), da könnte ja jeder kommen, der eine Ice-Bucket-Challenge überstanden hat! Und dass Gretchen für Faust bittet, und dass die Gottesmutter bekanntermaßen ein un-ausschöpfliches Potential an Vergebung hat – nun ja, ziemlich katholisch und un-katholisch zugleich. Dass aber Faust am Ende von den Mitternachtskindern begrüßt wird (und ja, ich denke, nein, ich bin ganz sicher, Salman Rushdie kennt die Stelle, und seine Midnight’s Children sind definitiv faustisch-mephistophelisch verwirbelt); dass die früh verstorbenen Knaben ihn, den dreifach beraubten Vater, zu ihrem neuen Lehrer in den himmlischen Sphären wählen – da kann ich, immerhin, eine schöne Gerechtigkeit erkennen (eine gesteigerte Kernfamilie?). Na gut, auch eine ironische.

Zuhause


Kein Ort, nirgends. Die Günderode und
Heinrich von Kleist reden über Männer und Frauen

Zuerst meint man, es gehe um die Romantik, also: die historische und speziell deutsche Romantik als Epoche, mit ihrer Vorliebe für das Unerreichbare, die ewige Sehnsucht, die niemals zu findende blaue Blume, und in letzter Konsequenz: den Tod. Und es spricht ja auch einiges dafür: Zwei historische Selbstmörder besprechen sich, in Winkel, so heißt der Ort am Rhein wirklich. Aber es ist auch ein metaphysischer Winkel, ein Zwischenraum, in dem sich zwei Lebens- und Seelenverwandte finden, ein Mann und eine Frau, und sie sind verschieden und sie sind sich ähnlich, und sie können nicht leben in dem Leben, das ihnen vom Schicksal und ihrer Herkunft zugeteilt wurde, aber sie können auch nicht leben in dem Leben, das sie sich erträumen: Kein Ort, Nirgends. So heißt die Erzählung von Christa Wolf aus dem Jahr 1979, und der Titel ist eine Umschreibung des Wort und Konzeptes „Utopie“. Aber muss diese spezielle Utopie denn wirklich eine romantische Idee sein, oder: gibt es hier etwas wie eine – sagen wir: realistisch unterfütterte Utopie, einen realen Nicht-Ort (und ich meine nicht: in der Literatur, dem klassischen Fluchtort für Lebensunwillige und Lebensunfähige)?

Die (historisch realen) Gesprächspartner in Kein Ort. Nirgends sind Karoline von Günderrode, Autorin eines soeben erschienen Gedichtbandes unter dem Pseudonym „Tian“. Alle Welt war erstaunt über die lyrische Perfektion der unbekannten Autorin, sogar Goethe lobte ein wenig, und ihr Freund (und Möchtegern-Liebhaber) Clemens Brentano war ein wenig gekränkt darüber, dass man ihm diese Perfektion vorenthalten hatte. Aber sie ist auch: Stiftsfräulein, das war die einzig halbwegs lebbare Alternative zur ungewollten Ehe, der Unterordnung unter einen Mann; und ihre Liebesverhältnisse waren (man kann vermuten: mit einer gewissen Absicht) genauso unlebbar wie ihre ganzes Leben (verheiratete Männer, eindrucksvolle Persönlichkeiten, zweifellos, aber auch: ihrer nicht ganz würdig). Und Karoline trägt im Gespräch den Dolch schon bei sich, den sie sich mit Kraft ins Herz stechen wird, dort, wo der Arzt ihr im Scherz die Stelle gezeigt hatte.

Ihr Gesprächspartner ist Heinrich von Kleist, ein inzwischen schon in der Welt herumgekommener Lebensflüchtling (von Preußen nach Paris und wieder zurück, mit einem Zwischenstop als Bauer in der Schweiz), derzeit in ärztlicher Obhut und – nun ja, immer eine Minute vor der endgültigen Explosion, eine menschliche Zeitbombe. Kleist schreibt im übrigen Prosa, ausschließlich; aber mit der gleichen scharfen Präzision und Perfektion bis ins letzte Komma, wie Günderrode ihre Lyrik schreibt. Und beide sind, sowieso: Denkende, die sich mit der zeitgenössischen Philosophie beschäftigen; er ist an Kant gescheitert, der ihm seinen Lebensplan zerstört hat, sie steigert sich in die idealistische Philosophie, die ihre Unlebbarkeit in gewisser Weise legitimiert. Leben allerdings – findet immer nur momentweise statt, beispielsweise hier im Winkel. Man geht am Rhein entlang und sieht wirkliche Menschen bei wirklichen Tätigkeiten und imaginiert sich ein wenig, wie es wäre, wenn man ein Handwerk gelernt hätte und es nun ausüben könnte, wirkliche Dinge machen und sich ab und zu auf mit dem Hammer auf den Daumen hauen und wirkliches Blut vergießen. Noch jeder Dichter von einiger menschlicher Größe hatte diese Phantasie, irgendwann. Aber dann arbeiten die beiden Schreibenden doch wieder daran, ihre Dichtung wirklich zu machen. Und da das Leben nun einmal unlebbar ist, heißt das: Ihre Dichtung hat noch keine Sprache (denn wo wäre sie zu finden gewesen im unlebbaren Leben?), sie ist erst zu finden. Und wenn man sie findet, führt sie vielleicht in den Tod, den frei gewählten, und das hat man zu wissen, und das ist keine Flucht und kein Versagen, sondern Konsequenz und Freiheit.

Am wirklichsten in Bezug auf das Leben jedoch wird der Text, wenn er von Frauen und Männern spricht. Und es ist an diesem Punkt, ziemlich spät im Gespräch der beiden, als Karoline auf einmal deutlich realistischer wird und ausnahmsweise beinahe zu einem kleinen Vortrag ausholt (sonst spricht man eher in ein wenig rätselhaften Maximen). Er geht so: „Sie sagt, nach ihrer Beobachtung gehöre zum Leben der Frauen mehr Mut als zu dem der Männer. Wenn sie von einer Frau höre, die diesen Mut aufbringe, verlange es sie danach, mit ihr bekannt zu sein. Es sei nämlich dahin gekommen, daß die Frauen, auch über Entfernungen hinweg, einander stützen müßten, da die Männer nicht mehr dazu imstande sein. … Weil die Männer, die für uns in Frage kämen, selbst in auswegloser Verstrickung sind. Ihr werdet durch den Gang der Geschäfte, die euch obliegen, in Stücke zerteilt, die kaum miteinander zusammenhängen. Wir sind auf den ganzen Menschen aus und können ihn nicht finden.“ Ja, den „ganzen Menschen“, das ist eine Plattitüde und gleichzeitig eine Zauberformel des späten 18. Jahrhunderts; aber man hat kein besseres Wort für diesen (noch?) undenkbaren Gedanken, und die darauf aufbauende Diagnose der persönlichkeitszerspaltenden, den ganzen Menschen in Stücke zerreißenden Wirkung von Berufstätigkeit und Arbeitsteilung ist frisch bis auf den Moment.

Doch auch die Frauen, die gerade durch ihr reales Berufsverbot vor dieser Zerteilung in Stücke geschützt sein könnten, leben nicht in der besten aller möglichen Welten: „man verbietet uns früh, unglücklich zu sein über unsere eingebildeten Leiden. Siebzehnjährig müssen wir einverstanden mit unserm Schicksal, das der Mann ist, und müssen für den unwahrscheinlichen Fall von Widersetzlichkeit die Strafe kennen und sie angenommen haben. Wie oft ich ein Mann sein wollte, mich sehnte nach den wirklichen Verletzungen, die ihr euch zuzieht!“ Sagt Karoline. Wirkliche Verletzungen, nicht eingebildete Leiden: Das ist ein seltsames Verlangen, aber es ist herzzerreißend wahr. Denn im „Reich der Ideen“, das man den Frauen zugeteilt hat – so Kleist in einem kleinen Anfall von Neid und Wunschdenken –, gibt es nur (und nun spricht wieder die Günderrode): „Ideen, die folgenlos bleiben. So wirken auch wir mit an der Aufteilung der Menschen in Tätige und Denkende. Merken wir nicht, wie die Taten derer, die das Handeln an sich reißen, immer unbedenklicher werden? Wie die Poesie der Tatenlosen den Zwecken der Handelnden immer mehr entspricht? Müssen wir, die wir uns in keine praktische Tätigkeit schicken können, nicht fürchten, zum weibischen Geschlecht der Lamentierenden zu werden, unfähig zu dem kleinsten Zugeständnis, das die alltäglichen Geschäfte einem jeden abverlangen, und verrannt in einen Anspruch, den auf Erden keiner je erfüllen kann: Tätig zu werden und dabei wir selbst zu bleiben?“ Das ist der Satz, der den Idealismus auf die Erde zurückholt: Wer immer tätig wird, verändert sich. Notwendig. Egal, ob zum Besseren oder zum Schlechteren. Taten haben Konsequenzen. Im „Reich der Ideen“ mag man lamentieren, befreit von jeglicher Verantwortung für jedwede Folgen, und das dafür verwendete Wort aus dem Mund der Frau ist hart: Es ist „weibisch“. Schwach und blutleer und voller Ressentiment. Derweil wird das Handeln der Handelnden immer „unbedenklicher“ – ihre Taten sind nicht durchdacht auf ihre (wirklichen, blutigen) Konsequenzen hin, und sie sind auch nicht zu denken. Derweil wird die „Poesie der Tatenlosen“ – entweder weibisches Lamentieren oder Propaganda. Wo ist der Zwischenraum?

Aber nein, so weit ist es nicht gekommen mit Christa Wolf, obwohl einige ihr das vorwerfen wollten. Kein Ort, nirgends – doch es gibt eine Art innere und äußere Emigration. Nicht nur in die Romantik, sondern auch und vor allem in die Antike (Kassandra und Medea. Stimmen). Ins Gespräch, das wirkliche, in dem Ähnlichkeit und Unterschied stattfindet. Ins Tagebuch, den unbestechlichen Lebensspiegel des (erzählbaren? unerzählbaren?) Alltags. „Wann, wenn nicht jetzt?“ Das ist der Satz, den ich mir als erstes von Christa Wolf notiert habe, er ist aus ihrem großen Roman Nachdenken über Christa T., und ich war wahrscheinlich noch spätpubertär, als ich ihn las und er mich ansprang, so wie einige Sätze einen anspringen, als seien sie schon aus einer anderen Sprache. Aber es ist ein Satz, den man sich jederzeit notieren kann, gleich neben: Kein Ort, nirgends. Und trotzdem: Wann, wenn nicht jetzt? Beides zusammen erst macht den ganzen Sinn.

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