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indianexperience

Ein Travelogue 

 

Wer nach Indien fährt, macht nicht einfach eine Reise, sondern eine Erfahrung. Diese Erfahrung ist so wenig in einzelnen Worten beschreibbar wie Indien selbst – schön und schrecklich, aufregend und besänftigend, schreiend und still, beängstigend und ermutigend. #indianexperience schildert eine reale, literarische und philosophische Reise nach Mumbai und Neu-Delhi – und den Versuch, diese Erfahrung gleichzeitig zu verstehen und sie nicht zu verstehen, sie ins Vertraute einzuordnen und im Fremden zu belassen. Kein Reisebericht im gewöhnlichen Sinn; eher ein durch einen Dschungel von hashtags irrender travelogue unter dem Schutz von Ganesha, dem Glücksgott und Entferner der Hindernisse, Salman Rushdies Midnight’s Children, dem Ramayana und dem Mahabharata, Mahatma Gandhi und vielen anderen.



Womit beginnen? Nach Aristoteles hat jeder Text einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. In Indien kann man lernen, dass das zwar stimmt, aber nicht notwendig in dieser Reihenfolge: Überall sind Anfang und Ende ineinander verschlungen wie die Figuren an hinduistischen Tempeln, und in der Mitte bewegt sich so viel lebendes und totes Gewächs, dass man nicht nur die Orientierung zu verlieren glaubt, sondern den Glauben an jegliche Orientierungsmöglichkeit überhaupt. Auf der Suche nach dem Anfang pilgere ich zu meinem kleinen Indien-Altar, er steht – aber das kann man unmöglich jetzt schon verstehen – unter einer Pendeluhr im Wohnzimmer zuhause, die etwas unpünktlich die Zeit schlägt, und er besteht aus einem sehr abstrakten Ganesha aus weißem Alabaster, beinahe nur dem Geist eines Ganesha; aber vor ihm liegt ein Räucherstäbchen, wie es sich gehört, auf einer fein ziselierten silbernen Schale, aber leider keine frische Mango, denn – Nein, so geht es nicht. The way it was: begin. – No choice? – None; when was there ever? There are imperatives, and logical consequences, and inevitabilities, and recurrences; there are things-done-to, and accidents, and bludgeonings-of-fate; when was there ever a choice? When options? No choice: begin. Ganesha wird bei mir sein, mein weißer unbeschriebener Ganesha, der elefantenköpfige Glücksgott und Entferner der Hindernisse (denn sind es nicht die Hindernisse, die uns unglücklich machen – oder ist es umgekehrt, wer glücklich ist, sieht keine Hindernisse?), Ganesha also, der das Mahabharata aufschrieb. Der Weise Vyasa diktierte es ihm, alle hunderttausend Doppelverse, und der kluge Ganesha machte nur eine einzige Bedingung: Niemals sollte Vyasa aufhören mit dem Diktieren, keinen Moment, keine Atempause – sonst würde auch Ganesha aufhören zu schreiben; ein langer Atemzug nur sollte das Diktat des Weise sein, in dem sich Geschichte an Geschichte reiht. Denn wer Pausen macht, fängt an zu denken, nach-zudenken, weg-zudenken; allein im atemlosen Geschichtenerzählen ist wahrer Zusammenhang.  

Der Weise stimmte zu, aber auch er machte eine Bedingung: Ganesha dürfe nur das aufschreiben, was er verstehe. Und Ganesha begann zu schreiben, und Vyasa begann zu sprechen, und kleine Pausen gab es, winzige, weil Vyasa eigens komplizierte Verse einstreute, um den Schreibfluss zu – hindern, aber der Schreiber, Ganesha, der Entferner der Hindernisse, war nicht zu hindern, höchstens zu bremsen, und als der Schreibegriffel unter der Last der Geschichten brach, riss er sich einen seiner göttlichen Elfenbeinzähne aus und schrieb weiter. Und beide verschmolzen miteinander, Erzähler und Schreiber, sie verschwanden in einem Kosmos aus Geschichten, in dem auch sie nur winzige Figuren sind. Ganesha, mein weißer unbeschriebener Ganesha, dir werde ich die Geschichte erzählen, die kleine kurze unbedeutende Geschichte meiner indianexperience; ich werde sie erzählen auf meine blasse europäische Art, im Erzählen zergliedernd, im Zergliedern erzählend, immer auf der Suche nach dem treffenden Wort, der überzeugenden Rundung des Gedankens und dem allmächtigen Sinn. Und du wirst es aufschreiben, so wie du es nicht verstehst, ebenso wie ich dein Indien nicht verstehe, und unser gemeinsames Unverständnis wird uns, vielleicht, verbinden – there is no choice: begin!

metrotalk

Beginnen wir also – in der Mitte; mit einem Gespräch in der Metro in Delhi. Sie ist sauber und pünktlich und also beinahe unindisch; wenn da nicht die Fußabdrücke wären. Rote, gelbe, blaue Fußstapfen leiten uns in der Metrostation zu den verschiedenen Linien, man hält den Blick gesenkt und folgt ihnen, ohne nachzudenken. Es ist ein Verfahren, das jedem unmittelbar einleuchtet: Man muss nicht mühsam nach Schildern suchen, man muss keine fremden Wörter entziffern, man muss nicht verstehen – man folgt einfach vorgezeichneten Fußabdrücken, rot, gelb, blau (ist Zivilisation nicht mehr als das Verfolgen von Fußabdrücken, am Ganges, am Hellespont, am Neckar?). Die Metro sollte uns zu einem der größten Hindu-Tempel der Welt bringen, dem Swaminarayan Akshardham, jenseits von Old Delhi gelegen, jenseits des Flusses Yamuna, wo der Millionenmoloch Delhi schon beinahe anfängt zaghaft wieder grün zu werden; aber natürlich ist der Yamuna nicht der Ganges (#banksofganga), und das ist –

Aber ich wollte nicht von dem Akshardham sprechen, das kommt später, in einer anderen Mitte (#barbiefication), und auch nicht vom allgegenwärtigen Ganges; ich wollte von dem Gespräch in der Metro sprechen, das in der Mitte unserer indianexperience stattfand, aber gleichzeitig ihr einen Anfang und ein Ende setzte. Wir waren in einem gemischten Wagen für Männer und Frauen; in jedem Wagen gibt es eigene Frauenplätze, es gibt auch welche für ältere Mitbürger, ansonsten gibt es, der höheren Packungsdichte wegen, vor allem Stehplätze. Wir standen also auf unserer kurzen Fahrt, aber dann wurde ein Sitzplatz frei, und ein gepflegter Herr mittleren Alters winkte mir zu, ich solle mich doch neben ihn setzen. Eigentlich wollte ich gar nicht sitzen, mir gefielen die Stehplätze gut, man konnte sich an den Schlaufen festhalten, die von der Decke herabschwangen, und ein wenig nach allen Seiten mitschwingen, man sah auch besser auf den Yamuna. Aber ich bin zu höflich, um ein höfliches Angebot abzulehnen, und also setzte ich mich dankend.

Nach einem kurzen Schweigen begann der Herr ein Gespräch, er fragte, natürlich, woher ich käme. From Germany, sagte ich und sah ihn ein wenig von der Seite an; man sieht die Menschen in Indien eigentlich nicht direkt an, das hatte ich schon gelernt, aber das kommt später (#dontlookback). Er war sehr – korrekt gekleidet, er trug einen ein wenig altmodischen schwarzen Anzug, und darüber, das war das Besondere, aber ich weiß nicht, ob ich es an dieser Stelle der Geschichte schon gemerkt hatte, eine Art gebundene weiße Schleife anstelle einer Krawatte oder einer Fliege. Es trat wieder eine kurze Pause ein, und dann sagte der Herr: Ob ich eigentlich wüsste, dass Indien und Deutschland etwas gemeinsam hätten? Das war unerwartet. Ich hoffte inständig, dass er jetzt nicht „Hitler“ sagen würde, das sagten die Taxifahrer immer, great guy, your Hitler!, und dann kam wieder schrilles Hupen und einem Tuk-tuk den Weg abschneiden (#bremsenhupenglück). Aber nein, nachdem ich höflich den Kopf geschüttelt hatte, sagte mein Gesprächspartner, sehr ernsthaft: Alexander. Alexander, sagte ich, Alexander der Große? Er nickte, und ich sagte, nachdem ich mein Geschichtswissen kurz überschlagen hatte, Alexander war zwar nicht ganz bis Indien gekommen, aber fast – aber nun fragt mein Ganesha schon dazwischen, er versteht nicht, Alexander war vor seiner Zeit, nein, nach seiner Zeit, nein, zu einer ganz anderen Zeit –

 Apropos Alexander, mein Ganesha, unsere Geschichtsbücher erzählen von ihm: Nachdem Alexander genannt der Große endlich Persien erobert hatte, beschloss er, dass nun Indien an der Reihe sei – ein Land, über das man nichts Genaues wusste damals (weiß man heute mehr?), nur Sagen, Geschichten, Legenden, aber war das nicht umso mehr ein Grund es zu erobern? Zudem gab es damals Indien tatsächlich nicht; es gab, wie beinahe überall auf der Welt, keine Nationen auf dem großen Subkontinent, sondern nur Kleinstaaten, sich bekriegende Stämme, schnell wechselnde Dynastien und jede Menge Geographie (normalerweise war sie Eroberern im Weg). Und so kam auch Alexander nur – bis Afghanistan, ein wenig nach Kaschmir, ein wenig ins heute pakistanische Punjab; er raubte und mordete etwas mehr als gewöhnlich, wohl, weil er nicht gut vorankam, er machte Verbündete, hinterließ Statthalter und wollte gern als Gott verehrt werden – alles konventionelles Eroberertum, keine Überraschungen. Die Einheimischen jedoch hatten Kriegselefanten, etwas, was die Welt noch nicht gesehen hatte, furchterregende Monster waren das, mein Ganesha, jedenfalls für uns arme Europäer! Und Alexander wurde in der Schlacht am Hydaspes nicht nur besiegt, sondern verlor sein sagenhaftes Schlachtross, Bukephalos (so sagte es jedenfalls die Legende, und wir glauben ihr so, wie ihr Alexander geglaubt hat). Alexander gründete daraufhin, was sonst, eine Stadt zu Ehren seines Lieblingspferdes und nannte sie nach ihm: Bukephala, so wie Elephanta vielleicht nach dir heißt, Ganesha (aber das kommt später, #onemoregod). Doch dann kam der Monsun, und die Soldaten weigerten sich endgültig weiterzugehen. Beim mühevollen Rückzug wurde Alexander selbst durch einen Pfeil schwer verwundet, und er sollte sein kurzes Leben lang an dieser Wunde leiden – oder war es doch die offene Wunde, Indien nicht erobert zu haben, das sagenhafte, reiche, riesengroße Indien, sag es mir Ganesha, sag mir –

 – Alexander also, ich verstand nicht ganz, was der Herr in der Metro meinte, vielleicht war es irgendeine Anspielung auf gemeinsame indogermanische Ursprünge und das alte Arier-Volk, aber es war auf jeden Fall eine interessante Antwort, die es verdiente, sich dem Gespräch nun etwas energischer zu widmen. Er fragte ein wenig weiter, was wir denn täten in Indien, und das Gespräch kam auf die Literatur; ich sagte auf, was ich so gelesen hatte an zeitgenössischer indischer Literatur, Salman Rushdie (#kneesandnoses) natürlich, mein intimer Begleiter auf dieser indianexperience, aber das kommt später; Arundhati Roj, den Gott der kleinen Dinge schon vor langer Zeit, und meinen privater Liebling Amitav Ghosh, mit seinem Circle of Reason, wo er geschrieben hatte: What you heard is rhetoric. How can rhetoric be real or unreal? Rhetoric is a language flexing its muscles. You would not understand: you've spent too many years reading novels about drawing-rooms in a language whose history has destroyed the knowledge of its own body. Das hatte ich notiert, vor vielen Jahren, als ich noch keine Ahnung hatte von meiner zukünftigen indianexperience; es erschien mir merkwürdig und rührend, dass man so europäisch denken und so indisch schreiben konnte, und dass man als Inder sogar besser verstehen konnte, was klassische Rhetorik ist, als deutsche Universitätsprofessoren, die sie häufig für eine unfaire Methode der Argumentation halten. Aber sie kennen sich halt nur aus in akademischen drawing-rooms, und sie können schon lange nicht mehr ihre sprachlichen Muskeln strecken –

Mein Gesprächspartner war jedoch gar nicht beeindruckt, nein, irgendwie reagierte er nur schwach und hing wohl noch in Gedanken Alexander nach, so dass ich dann fragte, damit das Gespräch nicht versickerte im träge vorbeiziehenden Yamuna, nun aus wirklicher Neugier: Was ich denn lesen sollte, wenn ich Indien verstehen wollte? – was ich ja auch wirklich wollte, ich wollte Indien verstehen, und wenn ich an dieser Stelle in der späteren Mitte der Geschichte schon irgendetwas verstanden hatte, dann, wie unendlich fremd und schwer zu verstehen Indien für mich war (#lossofwords). Diesmal musste er gar nicht lange nachdenken, sondern er sagte – nein, nicht „wie aus der Pistole geschossen“, dazu sah er viel zu friedlich aus, noch nicht einmal „wie vom Bogen geschossen“ (#whoisarjuna) –, er sagte also spontan und sozusagen aus der weißen Schleife erblühend wie aus einem sich entfaltenden Lotus: Das sei ganz einfach, das Mahabharata und das Ramayana. Beim zweiten Namen musste ich noch nachfragen, diese Worte mit ihrem Übermaß an A’s überfordern einen einfach. Wenigstens kannte ich das Mahabharata schon aus meinen Vorbereitungen; ich hatte einen Auszug daraus gelesen, ein kleines philosophisches Gespräch über das richtige Leben und das richtige Kämpfen, die Bhagavadgita. Oh, danke, sagte ich, das sei wichtig zu wissen, und das würde ich auch sicherlich tun. Nun musste mein Gesprächspartner leider schon aussteigen, er stand auf, ging zur Tür und wandte sich dann noch einmal zu mir um: Das Mahabharata und das Ramayana, sagte er, während die Tür lautlos aufglitt, alles stünde darin, alles was man über Indien wissen müsste, damals und heute. Heute weiß ich, dass sogar das ein Zitat war aus dem Mahabharata. Ganz am Anfang nämlich, wo man noch über die Erzählbedingungen verhandelt, sagt der Weise Vaishampayana zu König Janamejaya (und ich sage es auf Englisch, leider kann ich kein Sanskrit, #sanskritiscool): Whatever is found here on dharma, artha, kama and moksha, may be found elsewhere; but whatever is not in it, cannot be found anywhere else.

In der Metro aber nickte ich nur und schaute meinem Gesprächspartner hinterher; und noch einmal prägte sich mir seine gediegene Erscheinung ein, die weiße Schleife besonders, so sorgfältig gebunden und liebenswert altmodisch, und so ist er in meinem Gedächtnis geblieben: eine Mischung aus – Charlie Chaplin und Mahatma Gandhi (aber das kommt später; #gandhijiforever). Und kaum war er weg, bedauerte ich es, dass ich nicht zum Abschied eine Namaste-Geste gemacht hatte; viel zu wenig wurde sie benutzt, dachte ich, und es war so ein schönes Gefühl, ein ordentliches Namaste zu machen, denn wie jede gute Geste erzeugte es genau die Geisteshaltung, die sie ausdrücken sollte: Dankbarkeit, Demut, Anerkennung. Es wäre ein guter Moment dafür gewesen, der beste. Als ich hochschaute, starrte das ganze Abteil. Das bildete ich mir jedenfalls ein. Sie hatten irgendetwas gemerkt, denn Inder schauen einen zwar nicht an (#dontlookback), aber sie merken Dinge. Dann mussten wir auch aussteigen. 

[...]


indianexperience
Womit beginnen_4_kindle.pdf (862.78KB)
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Womit beginnen_4_kindle.pdf (862.78KB)



[schwach formatierter und nicht-illustrierter gesamttext]

WOMIT BEGINNEN? Nach Aristoteles hat jeder Text einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. In Indien kann man lernen, dass das zwar stimmt, aber nicht notwendig in dieser Reihenfolge: Überall sind Anfang und Ende ineinander verschlungen wie die Figuren an hinduistischen Tempeln, und in der Mitte bewegt sich so viel lebendes und totes Gewächs, dass man nicht nur die Orientierung zu verlieren glaubt, sondern den Glauben an jegliche Orientierungsmöglichkeit überhaupt. Auf der Suche nach dem Anfang pilgere ich zu meinem kleinen Indien-Altar, er steht – aber das kann man unmöglich jetzt schon verstehen – unter einer Pendeluhr im Wohnzimmer zuhause, die etwas unpünktlich die Zeit schlägt, und er besteht aus einem sehr abstrakten Ganesha aus weißem Alabaster, beinahe nur dem Geist eines Ganesha; aber vor ihm liegt ein Räucherstäbchen, wie es sich gehört, auf einer fein ziselierten silbernen Schale, aber leider keine frische Mango, denn – Nein, so geht es nicht. The way it was: begin. – No choice? – None; when was there ever? There are imperatives, and logical consequences, and inevitabilities, and recurrences; there are things-done-to, and accidents, and bludgeonings-of-fate; when was there ever a choice? When options? No choice: begin. Ganesha wird bei mir sein, mein weißer unbeschriebener Ganesha, der elefantenköpfige Glücksgott und Entferner der Hindernisse (denn sind es nicht die Hindernisse, die uns unglücklich machen – oder ist es umgekehrt, wer glücklich ist, sieht keine Hindernisse?), Ganesha also, der das Mahabharata aufschrieb. Der Weise Vyasa diktierte es ihm, alle hunderttausend Doppelverse, und der kluge Ganesha machte nur eine einzige Bedingung: Niemals sollte Vyasa aufhören mit dem Diktieren, keinen Moment, keine Atempause – sonst würde auch Ganesha aufhören zu schreiben; ein langer Atemzug nur sollte das Diktat des Weise sein, in dem sich Geschichte an Geschichte reiht. Denn wer Pausen macht, fängt an zu denken, nach-zudenken, weg-zudenken; allein im atemlosen Geschichtenerzählen ist wahrer Zusammenhang.

Der Weise stimmte zu, aber auch er machte eine Bedingung: Ganesha dürfe nur das aufschreiben, was er verstehe. Und Ganesha begann zu schreiben, und Vyasa begann zu sprechen, und kleine Pausen gab es, winzige, weil Vyasa eigens komplizierte Verse einstreute, um den Schreibfluss zu – hindern, aber der Schreiber, Ganesha, der Entferner der Hindernisse, war nicht zu hindern, höchstens zu bremsen, und als der Schreibegriffel unter der Last der Geschichten brach, riss er sich einen seiner göttlichen Elfenbeinzähne aus und schrieb weiter. Und beide verschmolzen miteinander, Erzähler und Schreiber, sie verschwanden in einem Kosmos aus Geschichten, in dem auch sie nur winzige Figuren sind. Ganesha, mein weißer unbeschriebener Ganesha, dir werde ich die Geschichte erzählen, die kleine kurze unbedeutende Geschichte meiner indianexperience; ich werde sie erzählen auf meine blasse europäische Art, im Erzählen zergliedernd, im Zergliedern erzählend, immer auf der Suche nach dem treffenden Wort, der überzeugenden Rundung des Gedankens und dem allmächtigen Sinn. Und du wirst es aufschreiben, so wie du es nicht verstehst, ebenso wie ich dein Indien nicht verstehe, und unser gemeinsames Unverständnis wird uns, vielleicht, verbinden – there is no choice: begin!


metrotalk
Beginnen wir also – in der Mitte; mit einem Gespräch in der Metro in Delhi. Sie ist sauber und pünktlich und also beinahe unindisch; wenn da nicht die Fußabdrücke wären. Rote, gelbe, blaue Fußstapfen leiten uns in der Metrostation zu den verschiedenen Linien, man hält den Blick gesenkt und folgt ihnen, ohne nachzudenken. Es ist ein Verfahren, das jedem unmittelbar einleuchtet: Man muss nicht mühsam nach Schildern suchen, man muss keine fremden Wörter entziffern, man muss nicht verstehen – man folgt einfach vorgezeichneten Fußabdrücken, rot, gelb, blau (ist Zivilisation nicht mehr als das Verfolgen von Fußabdrücken, am Ganges, am Hellespont, am Neckar?). Die Metro sollte uns zu einem der größten Hindu-Tempel der Welt bringen, dem Swaminarayan Akshardham, jenseits von Old Delhi gelegen, jenseits des Flusses Yamuna, wo der Millionenmoloch Delhi schon beinahe anfängt zaghaft wieder grün zu werden; aber natürlich ist der Yamuna nicht der Ganges (#banksofganga), und das ist –

Aber ich wollte nicht von dem Akshardham sprechen, das kommt später, in einer anderen Mitte (#barbiefication), und auch nicht vom allgegenwärtigen Ganges; ich wollte von dem Gespräch in der Metro sprechen, das in der Mitte unserer indianexperience stattfand, aber gleichzeitig ihr einen Anfang und ein Ende setzte. Wir waren in einem gemischten Wagen für Männer und Frauen; in jedem Wagen gibt es eigene Frauenplätze, es gibt auch welche für ältere Mitbürger, ansonsten gibt es, der höheren Packungsdichte wegen, vor allem Stehplätze. Wir standen also auf unserer kurzen Fahrt, aber dann wurde ein Sitzplatz frei, und ein gepflegter Herr mittleren Alters winkte mir zu, ich solle mich doch neben ihn setzen. Eigentlich wollte ich gar nicht sitzen, mir gefielen die Stehplätze gut, man konnte sich an den Schlaufen festhalten, die von der Decke herabschwangen, und ein wenig nach allen Seiten mitschwingen, man sah auch besser auf den Yamuna. Aber ich bin zu höflich, um ein höfliches Angebot abzulehnen, und also setzte ich mich dankend.

Nach einem kurzen Schweigen begann der Herr ein Gespräch, er fragte, natürlich, woher ich käme. From Germany, sagte ich und sah ihn ein wenig von der Seite an; man sieht die Menschen in Indien eigentlich nicht direkt an, das hatte ich schon gelernt, aber das kommt später (#dontlookback). Er war sehr – korrekt gekleidet, er trug einen ein wenig altmodischen schwarzen Anzug, und darüber, das war das Besondere, aber ich weiß nicht, ob ich es an dieser Stelle der Geschichte schon gemerkt hatte, eine Art gebundene weiße Schleife anstelle einer Krawatte oder einer Fliege. Es trat wieder eine kurze Pause ein, und dann sagte der Herr: Ob ich eigentlich wüsste, dass Indien und Deutschland etwas gemeinsam hätten? Das war unerwartet. Ich hoffte inständig, dass er jetzt nicht „Hitler“ sagen würde, das sagten die Taxifahrer immer, great guy, your Hitler!, und dann kam wieder schrilles Hupen und einem Tuk-tuk den Weg abschneiden (#bremsenhupenglück). Aber nein, nachdem ich höflich den Kopf geschüttelt hatte, sagte mein Gesprächspartner, sehr ernsthaft: Alexander. Alexander, sagte ich, Alexander der Große? Er nickte, und ich sagte, nachdem ich mein Geschichtswissen kurz überschlagen hatte, Alexander war zwar nicht ganz bis Indien gekommen, aber fast – aber nun fragt mein Ganesha schon dazwischen, er versteht nicht, Alexander war vor seiner Zeit, nein, nach seiner Zeit, nein, zu einer ganz anderen Zeit –
Apropos Alexander, mein Ganesha, unsere Geschichtsbücher erzählen von ihm: Nachdem Alexander genannt der Große endlich Persien erobert hatte, beschloss er, dass nun Indien an der Reihe sei – ein Land, über das man nichts Genaues wusste damals (weiß man heute mehr?), nur Sagen, Geschichten, Legenden, aber war das nicht umso mehr ein Grund es zu erobern? Zudem gab es damals Indien tatsächlich nicht; es gab, wie beinahe überall auf der Welt, keine Nationen auf dem großen Subkontinent, sondern nur Kleinstaaten, sich bekriegende Stämme, schnell wechselnde Dynastien und jede Menge Geographie (normalerweise war sie Eroberern im Weg). Und so kam auch Alexander nur – bis Afghanistan, ein wenig nach Kaschmir, ein wenig ins heute pakistanische Punjab; er raubte und mordete etwas mehr als gewöhnlich, wahrscheinlich weil er nicht gut vorankam, er machte Verbündete, hinterließ Statthalter und wollte gern als Gott verehrt werden – alles konventionelles Eroberertum, keine Überraschungen. Die Einheimischen jedoch hatten Kriegselefanten, etwas, was die Welt noch nicht gesehen hatte, du wärst ganz sicher ein tapferer Kriegselefant gewesen, mein Ganesha, aber dafür brauchst du keinen Eroberer! Und Alexander wurde in der Schlacht am Hydaspes nicht nur besiegt, sondern verlor sein sagenhaftes Schlachtross, Bukephalos (so sagte es jedenfalls die Legende, und wir glauben ihr so, wie ihr Alexander geglaubt hat). Alexander gründete daraufhin, eine Stadt zu Ehren seines Lieblingspferdes und nannte sie nach ihm: Bukephala, so wie Elephanta vielleicht nach dir heißt, Ganesha (aber das kommt später, #onemoregod). Doch dann kam der Monsun, und die Soldaten weigerten sich endgültig weiterzugehen. Beim mühevollen Rückzug wurde Alexander selbst durch einen Pfeil schwer verwundet, und er sollte sein kurzes Leben lang an dieser Wunde leiden – oder war es doch die offene Wunde, Indien nicht erobert zu haben, das sagenhafte, reiche, riesengroße Indien, sag es mir Ganesha, sag mir –

– Alexander also, ich verstand nicht ganz, was der Herr in der Metro meinte, vielleicht war es irgendeine Anspielung auf gemeinsame indogermanische Ursprünge und das alte Arier-Volk, aber es war auf jeden Fall eine interessante Antwort, die es verdiente, sich dem Gespräch nun etwas energischer zu widmen. Er fragte ein wenig weiter, was wir denn täten in Indien, und das Gespräch kam auf die Literatur; ich sagte auf, was ich so gelesen hatte an zeitgenössischer indischer Literatur, Salman Rushdie (#kneesandnoses) natürlich, mein intimer Begleiter auf dieser indianexperience, aber das kommt später; Arundhati Roj, den Gott der kleinen Dinge schon vor langer Zeit, und meinen privater Liebling Amitav Ghosh, mit seinem Circle of Reason, wo er geschrieben hatte: What you heard is rhetoric. How can rhetoric be real or unreal? Rhetoric is a language flexing its muscles. You would not understand: you've spent too many years reading novels about drawing-rooms in a language whose history has destroyed the knowledge of its own body. Das hatte ich notiert, vor vielen Jahren, als ich noch keine Ahnung hatte von meiner zukünftigen indianexperience; es erschien mir merkwürdig und rührend, dass man so europäisch denken und so indisch schreiben konnte, und dass man als Inder sogar besser verstehen konnte, was klassische Rhetorik ist, als deutsche Universitätsprofessoren, die sie häufig für eine unfaire Methode der Argumentation halten. Aber sie kennen sich halt nur aus in akademischen drawing-rooms, und sie können schon lange nicht mehr ihre sprachlichen Muskeln strecken –

Mein Gesprächspartner war jedoch gar nicht beeindruckt, nein, irgendwie reagierte er nur schwach und hing wohl noch in Gedanken Alexander nach, so dass ich dann fragte, damit das Gespräch nicht versickerte im träge vorbeiziehenden Yamuna, nun aus wirklicher Neugier: Was ich denn lesen sollte, wenn ich Indien verstehen wollte? – was ich ja auch wirklich wollte, ich wollte Indien verstehen, und wenn ich an dieser Stelle in der späteren Mitte der Geschichte schon irgendetwas verstanden hatte, dann, wie unendlich fremd und schwer zu verstehen Indien für mich war (#lossofwords). Diesmal musste er gar nicht lange nachdenken, sondern er sagte – nein, nicht „wie aus der Pistole geschossen“, dazu sah er viel zu friedlich aus, noch nicht einmal „wie vom Bogen geschossen“ (#whoisarjuna) –, er sagte also spontan und sozusagen aus der weißen Schleife erblühend wie aus einem sich entfaltenden Lotus: Das sei ganz einfach, das Mahabharata und das Ramayana. Beim zweiten Namen musste ich noch nachfragen, diese Worte mit ihrem Übermaß an A’s überfordern einen einfach. Wenigstens kannte ich das Mahabharata schon aus meinen Vorbereitungen; ich hatte einen Auszug daraus gelesen, ein kleines philosophisches Gespräch über das richtige Leben und das richtige Kämpfen, die Bhagavadgita. Oh, danke, sagte ich, das sei wichtig zu wissen, und das würde ich auch sicherlich tun. Nun musste mein Gesprächspartner leider schon aussteigen, er stand auf, ging zur Tür und wandte sich dann noch einmal zu mir um: Das Mahabharata und das Ramayana, sagte er, während die Tür lautlos aufglitt, alles stünde darin, alles was man über Indien wissen müsste, damals und heute. Heute weiß ich, dass sogar das ein Zitat war aus dem Mahabharata. Ganz am Anfang nämlich, wo man noch über die Erzählbedingungen verhandelt, sagt der Weise Vaishampayana zu König Janamejaya (und ich sage es auf Englisch, leider kann ich kein Sanskrit, #sanskritiscool): Whatever is found here on dharma, artha, kama and moksha, may be found elsewhere; but whatever is not in it, cannot be found anywhere else.

In der Metro aber nickte ich nur und schaute meinem Gesprächspartner hinterher; und noch einmal prägte sich mir seine gediegene Erscheinung ein, die weiße Schleife besonders, so sorgfältig gebunden und liebenswert altmodisch, und so ist er in meinem Gedächtnis geblieben: eine Mischung aus – Charlie Chaplin und Mahatma Gandhi (aber das kommt später; #gandhijiforever). Und kaum war er weg, bedauerte ich es, dass ich nicht zum Abschied eine Namaste-Geste gemacht hatte; viel zu wenig wurde sie benutzt, dachte ich, und es war so ein schönes Gefühl, ein ordentliches Namaste zu machen, denn wie jede gute Geste erzeugte es genau die Geisteshaltung, die sie ausdrücken sollte: Dankbarkeit, Demut, Anerkennung. Es wäre ein guter Moment dafür gewesen, der beste. Als ich hochschaute, starrte das ganze Abteil. Das bildete ich mir jedenfalls ein. Sie hatten irgendetwas gemerkt, denn Inder schauen einen zwar nicht an (#dontlookback), aber sie merken Dinge. Dann mussten wir auch aussteigen.

steinedesverstehens
Apropos Ramayana, mein Ganesha, aber wem erkläre ich das, elefantenköpfiger Schreiber? Mir natürlich, so gut ich es nicht verstehe; ich trage Informationen zusammen, Fakten, Namen, nur informiert kann man ordentlich nicht verstehen! Gegenüber deinem Mahabharata ist das Ramayana geradezu übersichtlich, nur sieben Bücher mit 24.000 Versen und einer relativ geradlinigen Story. Entstanden ist es vage um die Zeitenwende – unserer Zeit, natürlich; in deiner, der indischen Zeitrechnung sind wir in kali yuga, dem eisernen Zeitalter des Verfalls, aber damit ist die Geschichte ja nicht zu Ende, oh nein! Das Ramayana erzählt also die Geschichte von Rama, einer Inkarnation Vishnus, des erhaltenden Gottes der ersten Göttergeneration; und wie alle indischen Helden ist Rama gleichzeitig wunderschön, hochgebildet, ein überragender Kämpfer und, natürlich, Brahmane (das kommt aber später, #indianbildungsroman), er wäre die Zierde jedes Bollywood-Filmes, oder sind alle Bollywood-Filme eigentlich nur Varianten auf das Ramayana (#bollywoodiseverywhere)? Seine Heldentaten, Liebesverwirrungen, Familiendramen erzählt das Ramayana; wie Rama mit den Dämonen kämpft, wie er die Ungeheuer vernichtet, wie er mit Hilfe der Götter Wunder vollbringt. So hilft ihm der Affengott Hanuman, ein Favorit der meisten Inder gleich nach dir, mein Ganesha, ein Meer zu überqueren, weil jeder Stein, den Rama aufs Wasser legt, sofort trittsicher wird. Am Ende wird die Treue seiner langjährigen Frau Sita auf die Probe gestellt, sie besteigt den Scheiterhaufen, aber sie überlebt. In jedem Bollywood-Filme würden an diesen Stellen so viel Tränen fließen, dass man ein ganz neues Meer damit füllen und nicht einmal Hanuman genug nicht-sinkende Steine herbeischaffen könnte. Weinen können, ach, mein Ganesha, kannst du mir zeigen, wie man alabasterfarbene Tränen weint und mir die Steine des Nicht-Verstehens im Meer des Verstehens auslegen? (#whitewonder) –

Die Taxifahrer jedoch sprechen lieber über Hitler, in aller Unschuld. Sie zeigen auch gern die Riesenhochhäuser, die sich die Bollywood-Stars in Mumbai gebaut haben, der maximum city, und wo sie ganz allein nun wohnen, und nur die Raubvögel (aber das kommt später, #vulturecrisis), können ihnen in die Fenster sehen, sie schweben über alles hinweg, über Slums und Luxushotels, Kolonialpaläste und Hindu-Tempel, und schauen von sehr weit oben auf das Meer, das vor Mumbai liegt wie gezähmt, so still und glatt, und die Stadt tobt und lärmt und schwillt an und wieder ab, als könne sie niemals damit aufhören, ein ewiger Sturm. Nur das Meer schweigt (#veilsofsilence). Hitler, sagen die Taxifahrer dann, was a good guy; sie sagen es in ihrem gutturalen Englisch mit den weich ineinander verfließenden Worten. Mühsam wechselt man das Gesprächsthema, sie meinen es ja nicht böse. Außerdem haben sie Modi. Wir sehen viele indische Wahlplakate, es stehen Regionalwahlen an, demnächst sogar die Parlamentswahlen (die größten und teuersten der Welt, wie die Zeitungen unaufhörlich verkünden). Die Werbeplakate mit den indischen Kandidaten wirken auf uns wie Fahndungsfotos (Physiognomie ist festverdrahtet im Kopf, man kann sich nicht wehren, nur hinterher schämen). Soeben war ein Terroranschlag in Kaschmir verübt worden, ein Selbstmordattentäter hatte sich samt einem Polizeikonvoi in die Luft gesprengt, und die Medien übertönen sich in schrillen Racheforderungen. Die indischen Tageszeitungen, die jeden Morgen wie frischgebügelt an unserer Hoteltür im Trident Nariman (#tridentdreieinig) hängen, zeigen Modi hier und Modi da, Modi eröffnet eine neue Eisenbahnlinie, Modi vergibt einen Preis, und Modi fordert Rache. Die Stimmung auf der Straße ist schlecht, vor allem in den muslimischen Vierteln (#thankstonr7), eine alte Wunde ist aufgebrochen –

Woundsofhistory
Apropos Wunden, mein Ganesha, schau nur auf die Politik, wie sie neue Wunden schlägt und alte vertieft, bei uns wie bei euch: Geboren wurde der amtierende Premierminister Narendra Modi als Sohn eines Teestandbesitzers (#indianbildungsroman), man sieht sofort die chai-wallahs vor sich, wie sie durch Mumbai flitzen, oder die dabba-wallahs, die in geradezu alteuropäisch anmutenden Henkelmännern den indischen Mittelklasse-Angestellten das liebevolle gekochte Mittagessen von zuhause bringen. Berühmt wurden sie durch einen Film (#bollywoodis-everywhere) und eine wissenschaftliche Studie, die die ausgetüftelte, durch und durch analoge, logistische Kette der dabba-wallahs rekonstruiert hat; sie funktioniert mit hoher Zuverlässigkeit, und jeder Henkelmann findet seinen farb- und buchstabencodierten Abnehmer! Harvard, so heißt es im Film immer wieder, hätte das bestätigt, es klingt wie: steht schon im Mahabharata! Harvard, nichts kommt einem weiter entfernt vor als amerikanische Eliteuniversitäten, wenn man nur einen Blick auf den indischen Verkehr wirft (aber das kommt später; #bremsenhupenglück). Modi also brachte es zu einem eigenen Teestand und verlobte sich mit 13 Jahren, wie üblich; dann jedoch kommt ein großer Sprung, man sieht Hanuman geradezu die Steine auslegen (#steinedesverstehens), und wir finden Modi am anderen Ufer, nämlich bei einem Studium der Politikwissenschaft und wie er in die konservative Partei BJP eintritt, und husch, kaum ein paar Steine später, ist er schon Chief Minister von Gujarat und entwickelt die hindutva (#saffronization): die neue nationalistisch geprägte Ideologie eines religiösen Hindu-Staates, fernab von Gandhis Konzept einer säkularen Demokratie. Aber so einfach liegen die Dinge niemals in Indien, hier Gandhi und gut und hier religiöser Nationalismus und böse; nein, Modi kämpft auch gegen das Kastensystem (das kommt viel später, wenn überhaupt; #casteandbody), persönlich lebt er asketisch, vegetarisch – wie Gandhi und so viele deiner Landsleute, mein Ganesha – und verfasst Gedichte. Aber in Pakistan sind die Terroristen, und man muss sie bekämpfen, und Kaschmir ist das verlorene Paradies –

Auf dem Campus der Jawaharlal Nehru University hingegen, gegründet in den 60er Jahren, lebt der Sozialismus noch, in einer indischen Variante natürlich. Der freundliche Student, den wir gerade aufgeschnappt haben, damit er uns ein Uber ruft, und der nun übers Handy eifrig versucht, den Fahrer durch den unübersichtlichen Campus zu navigieren, erklärt uns enthusiastisch, JNU sei überhaupt die einzige Uni (weltweit? indienweit?), die als Ergebnis der Studentenunruhen gegründet worden sei. Man fühlt sich ein wenig wie in einem Reservat: Die altkommunistisch-rot-sandsteinfarbenen Wände sind von relativ hochwertiger propagandistischer Wandmalerei übersät, mal wird ein wenig Guernica zitiert, mal Star Wars, mal Dali (#ninerasas), und wenn irgendwo Bollywood nicht hier ist, na gut: fast nicht wahrnehmbar ist, dann ist es hier! Dafür gibt es gelegentlich durchaus witzige Texte, und unterzeichnet sind sie alle mit einem Partei-Akronym. Während man noch versucht die Ordnung des Spektrums herauszubekommen, geraten die Studenten selbst ins Zweifeln; der Uber ist auch immer noch verirrt, und waren das jetzt eher Nationalisten oder doch die Kommunisten? Gibt es denn keine Mitte, werfe ich kühn alteuropäisch ein, doch, klar, werde ich belehrt, nur ein kleines Stückchen weiter oben, da, das Wandbild. Es ist – nun ja, über den beiden anderen, aber das hat bestimmt nichts zu bedeuten.

Der Uber ist immer noch nicht da, aber die Studenten sind geradezu über-hilfsbereit und anhänglich; sie würden uns ja persönlich in das Taxi setzen und mitfahren, damit wir auch wirklich dort ankommen, wo wir ankommen wollen, man weiß ja nie (#thankstonr7). Bei einer Bibliotheksführung hatte mich eine Studentin kurz zuvor gefragt, was denn genau diese „Seelenwanderung“ sei, von der ich im Seminar gesprochen hatte. Nachdem wir uns darüber verständigt hatten, dass ich wohl das meinte, was für sie „Wiedergeburt“ (#karmaisabitch) war und dass beides im Christentum nicht vorkäme, das dafür die Wiederauferstehung vom Tod habe, fragte sie weiter, als sei es das Selbstverständlichste der Welt: Was ich persönlich denn glaube, was nach dem Tod geschehe? Nichts, sagte ich, entschlossen zur Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit; nach dem Tod ist man tot! Der Blick, mit dem sie wenig später von mir verabschiedete, hatte definitiv etwas Mitleidsvolles (#onemoregod).

Der Gründervater Nehru hingegen steht aufrecht am Eingang der nach ihm benannten Reformuniversität postiert, die aristokratischen Züge, die eine Art Gegen-gravitas zum Charlie-Chaplin-Artigen von Gandhi bilden, ruhiggestellt und den Blick visionär in eine ferne Zukunft gerichtet, die nur er kennt, es mag eine andere sein, als sie sich hier unter seinem Namen zusammengefunden hat. Zu seinen Füßen liegen, wie eigentlich überall, einige schlafende Hunde. Sie sind ein solcher Inbegriff der Ruhe und Selbstvergessenheit, dass man gleich weiß, warum es heißt, dass man „schlafende Hunde nicht wecken soll“ (ob es ein indisches Äquivalent dazu gibt? im Englischen heißt es: Let sleeping dogs lie, und vielleicht ist das noch ein wenig hübscher, denn das Wecken hat so etwas Aktiv-Aggressives; liegenlassen soll man sie, das ist alles). Nehru trägt heute, warum auch immer, keine Ringelblumen (#bestmarigold) um den Hals wie die meisten Statuen sonst; es bildet oft einen hübschen Kontrast zum Grau des leblosen Steines. Ihm gegenüber auf der anderen Straßenseite steht eine rätselhafte zweite Skulptur. Sie ist vollständig eingepackt, Cristo hätte es nicht besser gekonnt, und zwar in oranges Tuch (#saffronization). Man meint die Konturen einer Frauengestalt zu ahnen, und schon ist man wieder im Symbolischen angelangt: der in die Ferne schauende Mann, der „Architekt des indischen Sozialstaats“, wie Wikipedia etwas pompös sagt, und die verschleierte Frau, nach innen gewendet, in safranfarbener indischer Baumwolle versteckt. Gandhi hingegen hatte seine Frau immer als Mitarbeiterin betrachtet (#shaktirules, und ja, irgendwann komme ich endlich zu Gandhi; lasst ihn solange mitschwingen, er hatte viel Zeit, es war eine seiner großen Tugenden, #gandhijiforever!)
In Mumbai ist die Universität hingegen auf eine seltsame Art – familiär. Beim Schlendern über den verwilderten Campus sieht man Schulräume, die mit ihren winzigen Holztischen aussehen wie eine Zwergenschule auf dem Lande; aber es gibt auch PowerPoint, manchmal funktioniert es sogar. Die Toiletten, nun ja, #veilsofsilence.

Zwischen den Gebäuden haben sich Gruppen von älteren Männern angesiedelt, sie sitzen am Lagerfeuer und versuchen nicht einmal so auszusehen, als würden sie hierhergehören (#marginal). Sie haben wohl einen Deal mit der Eingangskontrolle, die es natürlich gibt, klar, sonst könnte ja jeder rein, vielleicht sogar pakistanische Terroristen. Flink huschen Streifenhörnchen über den ausgetrockneten roten Sandboden, kleine Gebiete sind als Garten abgesperrt, darin blüht gelegentlich auch etwas. Große graublaue Vögel sitzen gern in den geöffneten Bürofenstern. Offen ist hier überhaupt alles, die Gänge öffnen sich auf Veranden, und in der Nehru-Bibliothek sehen einige Fenster aus, als hätten sie sich schon lange nicht mehr geschlossen. Immerhin macht keiner ein Lagerfeuer im Leserraum; es sind aber überhaupt wenig Benutzer da. Die Bücher sind zerzaust, sie sind auch nicht ordentlich eingereiht, sondern hängen etwas schief aneinander – und ich bekomme kleine anarchistische Anwandlungen, ist das schon ein indianbug? Am liebsten würde ich eine kleine Abhandlung schreiben, indem ich vier beliebig nebeneinanderstehende Bücher herausziehe und dann aus dem ersten einen beliebigen Absatz abschreibe, und dann aus dem nächsten, und dann aus dem nächsten, und dann aus dem nächsten, es wäre eine Art Kombination aus Bibelstechen und hinduistischer Endloserzählung. Doch jetzt drängt sich eine Bollywood-Tanzszene in meinem noch nicht ganz klimatisch angepassten, erhitzten Kopf nach vorn: Die Tänzer tragen erotisch aufreizende Gewänder aus Buchumschlägen und jagen sich gruppenweise über die Bühne vor sehr schnell wechselnden Kulissen (#bollywoodiseverywhere), bevor –

sanskritiscool
Apropos Lesen und Schreiben, mein Ganesha, großohrigster aller Schreiber: Wäre es nicht schön, wenn es tatsächlich noch eine heilige Sprache in Indien gäbe, rein und unberührt von den Vermischungen und Beschmutzungen der Wörter im Munde das allgewaltigen Alltags, im Dröhnen der allgegenwärtigen Lügen und dem Rauschen des allesüberziehenden Geplappers? Sanskrit, die Sprache der alten Veden, der alten Weisen, der saddhus, die Sprache, mein Ganesha, in der du das Mahabharata aufgeschrieben hast; Sanskrit, das „zusammen gemachte“, eine der ältesten und kompliziertesten Sprachen der Welt; Sanskrit, Sprache mystischer Mitteilungen und gelehrter Kompendien? Ach, die verlorenen Wonnen der Exklusivität! Natürlich, wir hatten Latein bei uns, mein Ganesha, aber das war nicht nur die Dichtungssprache von Horaz und Vergil, sondern auch die Verwaltungssprache des Imperium Romanum, das unendlich viele Wunden geschlagen hat (aber auch einige geheilt, #woundsofhistory) – welch unendlicher Abstieg vom Olymp in die Kanzlei! Sanskrit hingegen, träumen wir weiter von Sanskrit, sogar in eine künstliche Schrift gezwungen bewahrt es noch seinen Zauber! Ohne Sanskrit könnten auch wir beispielsweise nicht Sätze sagen wie: Der khakifarbene Katamaran riecht nach Orangen-Shampoo. Der Guru isst Ingwer zum Yoga. Sein Avatar trägt einen Pyjama, der nach Moschus riecht. Sanskrit ist cool! –

thankstonr7
– Gerettet aber hat uns Nr. 7. Es war an unserem letzten Sonntag in Mumbai, und wir wollten ein wenig durch Crawford Market streifen, den Oberklasse-Vorzeige-Markt (es gibt auch andere Märkte, #indianeconomy) und indische Gewürze kaufen. Schon beim Betreten des sonntäglich ruhigen, beinahe schläfrigen Kolonialgebäudes mit seinen massiven normannischen Türmen springt uns ein Führer an: Nein, es sei absolut obligatorisch, dass wir diesen Market nur unter Begleitung und sachkundiger Führung besuchen dürften, da, wir könnten es sehen, beflissen zeigt er eine badge, sie trägt die Nummer 7, und dort, auf der Tafel, sei er verzeichnet, er selbst, er und kein anderer sei der offizielle Führer Nr. 7! Wir wehren uns nicht, es hätte sowieso keinen Zweck, und lassen uns schnurstracks zu dem Gewürzstand führen, bei dem er offensichtlich sein Geld mit Provisionen verdient. Wir riechen auch recht freudig an all den großen Dosen, die uns der beflissene Verkäufer unter die Nase hält, Curry in allen Varianten, eines röter als das andere, und bei dem schärfsten tränen uns die Augen schon vom Riechen. Es gibt Gewürze mit unaussprechlichen Name, Masalas, Tees, würzige Mouth Freshener, der kleine Laden ist eine Farb- und Geruchsorgie, und wir kaufen wacker ein, während Nr. 7 uns fotografiert und der Rest der Verkäufer-Familie kleine Päckchen von Hand abwiegt, sorgfältig abpackt und überhaupt eine ähnliche Ruhe ausstrahlt wie ein gerade einschlafender Hund (#letsleepingdogslie). Danach schlendern weiter durch den Markt, die Fleischabteilung lässt Nr. 7 gnädigerweise aus, vielleicht ist hier auch am Sonntag kein Geschäft; aber die Obststände haben die wunderbarsten Papaya- und Ananasstapel der Welt gebaut, kleine geometrische Musterkunstwerke, und die kleine Anarchistin in mir (#indianbug) will schon wieder hervor und eine Papaya ganz unten aus dem Stapel ziehen und sehen, was dann passiert! Aber ich sperre sie wieder ein, sie würde sonst die Verkäufer wecken, die in leeren Regalen liegen, noch schlafender als die schlafenden Hunde, die sich um die alten englischen Brunnen drapiert haben, die schon lange kein Wasser mehr gesehen haben; oder sie würde die bunten Papageien erschrecken in ihren engen Käfigen, die weißen Küken in Panik versetzen; oder der Messerschleifer würde an seinem sich unermüdlich drehenden Schleifstein ausrutschen, nein, auf keinen Fall darf man die sonntägliche Marktruhe stören, psst, ganz leise!

Zufrieden verlassen wir den Markt, gewürz- und eindrucksbepackt, Nr. 7 verhandelt ein wenig über ein größeres Handgeld, und dann will er uns natürlich noch den einen oder anderen Laden in den Gassen zeigen, Spielzeuge gebe es dort, Schmuck, Antiquitäten, alles, was das achso weiße, achso reiche Touristenherz begehrt! Der Lärm hat uns wieder, die Straßen sind trotz des Sonntags gepackt voll, und wir wollen nicht in einen Laden; wir wollen einige Straßen weiterlaufen, zur Moschee und zu den Hindu-Tempeln jenseits davon. Nr. 7 folgt uns eine Weile, aber wir sind hart, hart, hart, wir schauen ihm nicht in die Augen (#dontlookback), sondern gehen weiter, durch Scharen von Männern, die Läden sind alle zu, muss wohl der Sonntag sein, irgendetwas ist seltsam, aber vielleicht bilden wir uns das auch nur ein. Und dann ist Nr. 7 wieder da, und diesmal ist er ganz ernst: Wir müssten ihm nun wirklich zuhören! Es sei gefährlich, wenn wir hier weitergingen; gefährlich, ja genau, die Stimmung sei sehr angespannt, vor allem bei den Muslimen, Kaschmir, wir wüssten ja (#woundsofhistory), und deshalb würde er jetzt mit uns zum Taxistand beim Markt gehen und uns in ein Taxi zum Hotel setzen, genau, und keine Widerrede! Wir sahen uns gegenseitig an, zweifelnd, aber Nr. 7 blieb hart; schnurstracks marschierte er zum Taxistand, wir folgten ihm, bedenklich geworden, die Moschee war auch nicht so wichtig, und vielleicht war es ja doch besser – er suchte derweil ein Taxi. Unser Hotel, fragte er? Trident Nariman, was sonst. Erst als Nr. 7 zufrieden war mit Fahrer und wortreich ausgehandeltem Fahrpreis, durften wir das erwählte Taxi besteigen. Noch im Losfahren lief er uns hinterher und rief, sollten wir jemals wieder nach Mumbai kommen, Crawford Market, wir würden ihn ja jetzt kennen, Nr. 7, und er hielt seine badge in die Höhe. Wir winkten und nickten, und wieder vergaß ich, ein Namaste zu machen; vielleicht hatte er uns ja doch das Leben gerettet, oder wenigstens: unsere Geldbörsen und unsere körperliche Unversehrtheit? Wir werden Nr. 7 in ehrender Erinnerung behalten; dem Taxifahrer sagten wir allerdings dann, wir wollten nicht zurück ins Hotel, sondern zur nächsten Station auf dem touristischen Tagesprogramm, dem hoffentlich sicheren Mahatma-Gandhi-Museum (nicht vergessen, #gandhijiforever) –

tridentdreieinig
Aber es war ein wunderbares Hotel, das Trident Nariman. Ich liebte es von Anfang an, vor allem aber liebte ich den großen, ja mächtigen Mann mit dem imponierenden schwarzen Turban, dem blendendweißen Gewand und der gemusterten Schärpe am Eingang. Seine Schuhe waren stets blankpoliert, seine Nase prangte so knubbelig in einem sehr gutmütigen Gesicht, dass ich unwillkürlich an Salman Rushdies Saleem Sinai denken musste, der geboren wird mit einer Nase, in die ein ganzer Subkontinent passt (#nosesandknees), und der Roman lässt dabei durchaus nicht aus, dass sich nicht nur appetitliche Dinge in einer solchen Nase ansammeln. Ich sah den luggage-wallah, falls man so sagt, als einen kämpfenden Helden direkt aus dem Mahabharata, und er stemmte die Koffer seines verwöhnten Luxuspublikums mit einer Leichtigkeit und Eleganz, die ihn zum eigentlichen König unter all diesen spätkolonialistischen Zwergen mit ihren teuren Handtaschen und maßgeschneiderten europäischen Anzügen machte. Natürlich war die Gepäckkontrolle eine Farce, selten sah man uniformierte Menschen ruhiger schlafen als hinter dem Röntgenschirm einer indischen Gepäckkontrolle (#letsleepingdogslie). Aber sobald man dann das Hotel betrat, sich die große Halle öffnete, der Duft der riesigen Liliensträuße auf einen einströmte, die großen Brunnen an den Wänden plätscherten – ach, wie war es erholsam, und durch große Scheiben sah man das Meer und hörte den Verkehr und das ständige Hupen (#bremsenhupenglück) nur noch gedämpft! Und wo kann man schon in einem mäßig warmen Pool mit den Füßen paddeln, während große Raubvögel über den Köpfen kreisen und kreischen (#vulturecrisis), und in sanfter Ferne ruht im blauen Nebel (eigentlich natürlich: im Smog) das Meer, und wenn man es sich einbildet, könnte man den Wellenschlag –

Apropos trident, mein Ganesha, oder soll ich lieber nicht sprechen davon, der Wunde wegen? Denn ich habe gelernt, dass trident der Dreispitz ist, eine mächtige Waffe und ein ebenso mächtiges Symbol im Hinduismus; mit einem trident hat Shiva dich geköpft, aber dafür hast du jetzt deinen klugen und mächtigen Elefantenkopf eingetauscht, brennt die Wunde noch? Aber von Wunden muss man sprechen, mein Ganesha, sonst verheilen sie nie, sondern bilden nur den Schorf der Geschichte. Trident ist aber auch die Dreieinigkeit des christliches Gottes bei uns, Gottvater, Jesus Christus und der Heilige Geist; oder bei euch: die Dreiheit aus Brahma, Vishnu, Shiva; oder auch: die Dreiheit aus Leib, Geist und atman – aber ich wollte vom Trident Nariman sprechen und seiner besonders indischen Geschichte. Das schmal aufragende Hochhaus, zu seiner Bauzeit 1973 das größte Gebäude in Südasien, gehörte zur indischen Oberoi-Gruppe und der amerikanischen Sheraton-Gruppe; die Zusammenarbeit ging nicht gut, aber das ist eine andere Geschichte und ein Kapitel des amerikanischen Spätkolonialismus. Denn im Jahr 2008 besetzten islamistische Extremisten aus Pakistan den berühmten Hauptbahnhof von Mumbai, das Leopold-Café sowie das Hotel, das damals noch Trident Oberoi hieß, und sie nahmen Geiseln, die erst einen Tag später durch den Einsatz einer polizeilichen Spezialtruppe befreit werden konnten; es gab viele Tote. Im Leopold-Café kann man heute noch die Einschusslöcher sehen, die Touristen drängen sich aber wie eh und je, die Atmosphäre fühlt sich irgendwie an wie in Rick’s Café in Casablanca. Ein indischer Kollege meines Mannes sagte später, nachdem er sein Entsetzen darüber überwunden hatte, dass wir unsere indianexperience ausgerechnet in Mumbai begonnen hatten: Wenigstens das hätten wir richtig gemacht, ins Trident Nariman ginge jeder, der Mumbai wirklich nicht ausstehen könne. So hätte ich das nicht gesagt, ich habe Mumbai nicht gehasst, mein Ganesha, aber ich habe das Trident sehr gemocht, vor allem den luggage-wallah, und allzu gern hätte ich ihn nach seiner Geschichte gefragt, aber vielleicht hätte er zurückgefragt –

lossofwords
Aber das war das Schwierigste. Natürlich würden wir hinterher gefragt werden, und wir fragten uns ja schon selbst zwischendurch versuchsweise, wie es in Indien gewesen sei? Das übliche „schön“ war nicht das Adjektiv, das sich aufdrängte; eigentlich drängte sich gar keines auf, oder viel zu viele drängten sich auf einmal übereinander weg, wie die Menschen in einem überfüllten Vorortzug. „Schrecklich“ gehörte dazu, „aufregend“ ganz sicher, „bunt“ natürlich; „aufwühlend“ wäre schon beinahe zu stark gewesen, aber ganz sicher „nachdenklich machend“ (#indianreview); „unsicher“, „ängstlich“, aber seltsamerweise auch manchmal „übermütig“; „eindrucksvoll“, sehr wörtlich: oder „interessant“, aber nicht in einem trivialen Sinn, vor allem jedoch: „sprachlos“. Oder wenn schon Adjektive: dann immer eines und das Gegenteil dazu – schön und hässlich, erschreckend und rührend, unerträglich laut und berauschend still; aber es war nicht eines oder das andere, es war das eine durch das andere, mitten hindurch, ein Wimmelbuch, ein Endlos-Epos, und wir waren die Avatare, die jeden Tag neu geboren wurden. Liebe oder Hass, ach, was wird geliebt und gehasst in Hindu-Filmen, als ob nicht jeder wüsste, dass am Grunde einer ganz großen Liebe ein versteckter Hass sitzt, der gelegentlich ausbricht (#kneesandnoses). Gegensätze überhaupt –

bollywoodiseverywhere
Apropos Bollywood: Kabhi Khushi Kabhie Gham, sagt sich das nicht schön? Du liebst sie ganz gewiss, die tränenreichen Geschichten und die bunten Gewänder, schreibst du nicht heimlich an ihnen mit, bis heute? Kabhi Khushi Kabhie Gham, oder, in plumpem Englisch: Sometimes Happy, Sometimes Sad, oder in plattem Deutsch: Gute Tage, schlechte Tage?, so heißt ein Bollywood-Klassiker, und ich habe ihn mir angesehen an einem Abend im Trident Nariman, durch die Fenster schwieg das Meer hinein und man konnte das Queen‘s Necklace in der Ferne funkeln sehen. Das mit dem Ansehen war nicht so einfach, der Film ist nämlich noch länger als sein Name, und die Handlung – nun ja, sie drängt nicht direkt spannungsvoll zum Ende. Sie entwickelt sich aus einem klassischen Vater-Sohn-Konflikt völlig vorhersehbar, und nur durch eine Reihe wirklich langer, wirklich unverbundener, wirklich beinahe surrealistischer Tanz- und Gesangseinlagen schafft es der Film auf seine satten vier Stunden. Aber schließlich muss man genug Zeit haben zum Weinen zwischendurch; denn es wird reichlich geweint, und als endlich, endlich auch der so unendlich noble, unendlich weise, unendlich harte Familienpatriarch weinend seine beiden ungleichen Söhne in die Arme schließt, sind alle Schleusen geöffnet, ein Monsun von Tränen bricht hervor! Und eine Stimme hat der Patriarch! Ein Gesicht, noch aristokratischer als Nehru, aber gleichzeitig auch irgendwie heilig, die sanfte Vergebung und die klassische männliche Schönheit in einem, und weiter weg kann man nicht sein von der Knubbelnase (#nosesandknees) des Saleem Sinai als im gemeißelten Gesicht von Amitabh Bachchan!
Amitabh, das heißt, ich habe es nachgeschaut, mein Ganesha, damit ich verstehe, was ich nicht-verstehe: das Licht, das niemals – ausgeht, schwindet, erlischt; und den Autorennamen Bachchan hatte sein Vater, ein Dichter, angenommen, er heißt „wie ein Kind“. Niemand soll sagen, dass ein Name nicht doch ein Schicksal sein kann! Und als der Patriarch, gespielt von Amitabh, dem niemals schwindenden Licht, dann auf dem Sofa sitzt mit seiner Ehefrau – sie ist ehrfürchtig und respektvoll und eine Mutter, die ihren Sohn verstoßen sehen musste, und sie hält einen Monolog, es ist ihr einziger in diesem Film, in dem sie sehr viel entsagungsvoll schauen darf und weinen und über Köpfe streichen – aber diesen Monolog, den vergisst man nicht leicht. In gemeißelten Worten und mit einer Rhetorik, die eine Naturgewalt ist, spricht sie nun zu ihrem im Zorn und im Unrecht ebenfalls wie in Stein gemeißelten Mann. Und sie sagt, dass sie immer eine gute Ehefrau war. Dass sie ihn verehrt hat als einen Gott, so wie man es sie gelehrt hat und so wie es Recht ist. Und Recht habe er gehabt, immer und immer wieder. Bis zu dem Zeitpunkt, wo er seinen Sohn verstoßen habe, weil er sich verliebt habe. Und dann sagte sie einen Satz nach dem anderen, und jeder von ihnen beginnt mit „Es ist nicht richtig, dass“, und jeder schlägt den Meißel noch etwas tiefer ins erstarrte Gesicht. Es ist eine Urszene der stillen Rebellion, des gewaltfreien und doch so gewaltigen Widerstandes (ja, #gandhijiforever, #shaktirules); und als wir bei unserem Sonntagmorgenbummel durch Mumbai mitten im Kolonialteil auf einen Filmset trafen, hätten wir jede Zeile des Textes gewusst: Ein altes Ehepaar, traditionell gekleidet, sitzt auf einem dekorativen Sofa, die Kamera ist auf sie gerichtet, junge Menschen umschwärmen sie, tupfen hier und da noch mal nach auf der Stirn, richten den Schatten spendenden Regenschirm; aber in der Mitte sind die beiden Alten, die Familie, der Grund aller Dinge in einem ewiggleichen Dialog (#bollywoodiseverywhere), und sie sagt: Es ist richtig, dass –
Aber natürlich geht es gut aus in Kabhi Khushi Kabhie Gham. Und zwischendurch war so viel Zeit, hinreißend hübsche junge Menschen zu zeigen, luxuriöse Automobile, die hipste Designermode und die elegantesten Saris, die reichsten Villen (sie sehen verdächtig aus wie englische Herrenhäuser) und die üppigsten Interieurs. Es gab sogar Humor, gar nicht so wenig, und interessanterweise waren es eher die Frauen, die die Männer zum Lachen brachten, wenn sie nicht gerade weinten (#shaktirules). Es ist ein bisschen so wie bei den großen choreographischen Szenen, wo sich immer die Männer und die Frauen gegenüberstehen, mal ist es eine Schlacht, mal ist es eine Verfolgungsjagd, aber meistens ist es eine Verführung, und dabei sind die Rollen durchaus gleichberechtigt verteilt: Verführerisch lassen die jungen Frauen den schlanken Bauch kreisen und die Hüften wippen, verführerisch spielen die jungen Männer den Macho, der vor lauter Potenz kaum gehen kann – aber es ist ein Spiel, ein uraltes Spiel, so wie es schon, man erinnere sich, im Ramayana stand, in all seinen Variationen, was sage ich dir Ganesha, Glücksbringer auch der Liebenden? So gab es beispielsweise ein Ritual bei euch, habe ich gelernt, swayamvara heißt es, in dem ein Mädchen im heiratsfähigen Alter sich ihren Ehemann wählen durfte; eine Männerschau, sozusagen; es war ein großes Ereignis, und ganze Dynastien gingen daraus hervor. Auch bei uns gibt es eine ‚Damenwahl‘, mein Ganesha – aber sie gilt nur für einen Tanz; wer ist denn hier nun emanzipiert und wer –

Sonntags im Park im Mumbai ist Bollywood für alle. Die Sonne scheint auf den Malabar Hill, die Blumen blühen farbenfroh (was auch ein gutes Attribut für Indien wäre: „farben-froh“!) auf ordentlich geschnittenen – und dann mit weiß-rotem Absperrband etwas prosaisch abgesperrten – Beeten, und die Frauen tragen ihre schönsten, glänzendsten Saris. Sogar die Kinder sind schon eingekleidet, kleine Prinzessinnen und Maharadschas auf dem Weg zur Traumhochzeit. Und dann wird fotografiert. Kaum kann man den Park ungestört umrunden, denn überall wird quer über den Weg geknipst, was das Zeug hält. Nicht etwa Selfies, oh nein: Ganze teure Kameraausrüstungen kann man sehen, und dann wird die Szene gestellt. Professionell. Es kommt nicht auf Individualität an, nicht auf Selbstausdruck (#ninerasas); nein, es kommt an auf die einzig richtige Stellung, die gelernte expressive Geste, die hundertmal gesehene leichte Wendung des Kopfes, das bekannte schelmische Grinsen, das wohldosierte Schmachten, das mit dem einzig richtigen Schwung zurückgeworfene Haar – ach, sie alle spielen mit bei dem großen Schauspiel, und selbst die schon halbtropische Natur Mumbais kann nicht konkurrieren mit dem Glanz der tiefroten Saris mit ihren strahlenden goldenen Mustern. Es ist – ein Schaulaufen, um auch einmal nur dabei zu sein in der Welt der Beautiful Forever (#slumsandsuisse). Derweil blühen unten die Stiefmütterchen, unbeachtet, eine kosmopolitische Art, sagt Wikipedia. Und oben kreisen die großen Raubvögel, wie überall. Nein, nicht ganz wie überall. Auf dem Malabar Hill nämlich, der sich sanft und etwas unerwartet über der Bucht von Mumbai erhebt, sind auch die parsischen Türme des Schweigens angesiedelt (#veilsofsilence), die traditionellen Orte der Himmelsbestattung; die Leichen sollen, so befiehlt die Religion der Parsen es, nicht die heilige Erde durch verrottende Körper verunreinigen. Melancholisch sieht man auf den nächsten Müllhaufen, aber egal. Ist nicht vielleicht doch ein Geier unter den immerkreisenden und immerkreischenden Raubvögeln, der gerade – nein, wir malen den Gedanken nicht aus, noch nicht einmal in Indien. Zudem –

vulturecrisis
Apropos Geier, mein Ganesha, Freund der Tiere: Gab es die indian vulture crisis, schon seit den 90er Jahren. Die Geier wurden einfach immer weniger, erst bemerkte man es kaum. Aber dann fiel es auf. Es kam nämlich zu Problemen bei der natürlichen Verwertungskette von tierischen Abfällen – genauer gesagt: Niemand fraß mehr die toten heiligen Kühe (#wunschkuh), die von gläubigen Hindus nicht verzehrt werden dürfen; aber irgendwo müssen sie ja hin! Die Geier erledigten das, gründlich, ebenso wie den Inhalt der Türme des Schweigens (das war aber sozusagen nur ein Nebenerwerb). Weniger Geier hieß nun jedoch: mehr wilde Hunde, mehr Ratten; beides Träger von ansteckenden Krankheiten, Tollwut zum Beispiel, und nicht direkt ein Gewinn für die chronisch herausgeforderte Öko-Bilanz indischer Lebenswelten und Randkulturen (#marginal). Geier hingegen sind saubere Vögel, sie verbreiten keine Krankheiten, sie sind das ultimative Endlager, sie vertragen beinahe alles, nur: kein Diclofenac. Das fand man nämlich nach längerer Suche hinaus, hatte den Geier den Rest gegeben: Als Allzweckmittel gegen entzündliche Krankheiten vielfach in der Tierzucht verwendet, hatten es auch die Geier gefressen. Es ist tödlich für sie, es trocknet sie aus. Indien hat deshalb den Einsatz von Diclofenac verboten, einige andere Staaten sind gefolgt. Die Ironie verfolgt einen jedoch, ebenso wie die Komplexitäten der ökologischen Nahrungs- und Krankheitsketten. Es ist verwirrend:  Die Geier waren ein Segen, die moderne Medizin ist eine Pest, und heilige Kühe sind irgendwie auch keine Lösung? –

rilkeandindia
– Aber die saddhus. Die saddhus sind all das, was Bollywood nicht ist, und sie sind doch – genauso indisch, tiefindisch, kontrastindisch (#indianirony). Man sieht sie nicht häufig, oft nur flüchtig beim Vorbeifahren am Straßenrand (das kommt später, #marginal), aber sie ziehen den Blick magisch an. Denn sie schauen nicht weg (#dontlookback), sie schauen aber auch nicht hin, sie schauen in sich hinein. Wie kann ein Mensch so schauen? Ihre Augen sind ein dunkler Abgrund, ein schwarzes Loch, genau, so stellt man sich ein schwarzes Loch vielleicht am besten vor. Es zieht alles an, den Schmutz, das Grelle und Laute ebenso wie das Leuchtende und Glänzende – und dann verschwindet es einfach für immer und ewig. Schwarze Löcher haben keine Haare, pflegt mein Sohn ab und an zu scherzen, es ist ein kruder physikalischer Vergleich, aber hier kann man sehen, wie das Leben an einer Kante abbricht und vom Geist aufgesogen wird. Allerdings haben saddhus durchaus Haare, und was für welche: Lange, verfilzte, eigene Lebewesen von Haaren können es sein, manchmal sind sie auch hennarot gefärbt (#saffronization), aber meist rahmen sie ein Gesicht, das ebenfalls eine Landschaft ist, aus Höhen und Tiefen, Höhlen und Türmen, und man kann noch nicht einmal anfangen damit, sich ein Leben vorzustellen, dass eine solche Gesichtslandschaft formt. Sie ist so weit entfernt von alltäglichen menschlichen Gefühlszuständen, so weit jenseits aller rasas, dass man sich selbst auf einmal durchschaubar, weiß, blass, wässrig vorkommt; man ist nicht nur sprach-, man ist auch ratlos, man sieht das eigene Leben in einem sehr gerafften Film vorbeiziehen und erkennt es als: in einem Atemzug, einem Fingerschnips zerstörbar (#indianreview). Vielleicht hat Rilke etwas davon gewusst, in seinem Panthergedicht: Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille / sich lautlos auf. – Dann geht ein Bild hinein, / geht durch der Glieder angespannte Stille / und hört im Herzen auf zu sein, hat er geschrieben, ich hatte es schon oft zitiert und noch niemals verstanden. Ich bin mir sicher, und es tröstet ein wenig, dass Rilke Indien vielleicht sogar verstanden und nicht-verstanden hätte; er hätte Jahre dafür gebracht, aber was sind schon Jahre im Angesicht einer solchen Ewigkeit, und dann hätte er etwas hervorgebracht, das er aus seinem Herzen wieder herausholen konnte. Wer das könnte –

Apropos saddhu, mein Ganesha, wir kennen das nicht mehr in unserer weißen Einsamkeit: Einsiedler, Eremiten, Asketen, so haben wir sie einmal in Europa genannt, aber heute ist jeder für sich einsam, namenlos, allein, gewollt oder ungewollt. Ein saddhu hingegen hat entsagt, und zwar vollständig: dem Besitz, dem Leben in der Gemeinschaft, der familiären Bindung, aber auch dem Wissenwollen, vielleicht sogar: dem Verstehen? (#indianbildungsroman) Saddhus praktizieren, so lese ich – oder auch nicht – Yoga und Meditation (#theyogaway); sie praktizieren auch gelegentlich – oder auch nicht – Sex, aber nur als Weg zur spirituellen Erlösung, zur Vereinigung mit dem Absoluten. Sie leben von den Almosen anderer, denen sie im Austausch als Exempel und Inspiration dienen auf dem Weg zum richtigen Leben und der daraus folgenden Befreiung vom Rad der Wiedergeburt: moksha. saddhus sind, kann man das so sagen, mein Ganesha?, die Geier des Geistes. Sie absorbieren alle falsch verwendete Energie, allen toxischen Abfall des Lebendigen, und machen es zu – reinem Sein, schwarzen Löchern, ewigem brahman, dem Weltgeist. Moksha, mein Ganesha, wie weit bist du, kannst du mich lehren, nicht mehr wissen zu wollen und nicht alles zu verstehen? –


banksofganga

Wenn man die Stille sucht in Mumbai, geht man zum Wasser. Chowpatty Beach ist breit, aber seltsam leblos, vor der Berührung mit dem Wasser wird gewarnt, und niemand badet; aber es ist der Saum zum Meer. Mumbai liegt nicht am Ganges, dem Fluss der Flüsse, sondern nur am Yamuna, und das ist ein Problem; aber dafür gibt es eine Lösung, eine indische natürlich. Sie steht im Ramayana (wo sonst? #metrotalk). Lord Rama nämlich, exiliert, verzweifelt auf der Suche nach seinem schönen Weib Sita, ist kurz vor dem Verdursten und bittet deshalb seinen Bruder Lakshmana, ihm Wasser zu bringen. Lakshmana kommt auf eine geniale Idee: Er schießt einen Pfeil in den Boden (die meisten Helden der großen Epen sind Bogenschützen, #whoisarjuna), und antwortendes Wasser schießt hervor, ein Tribut an den in weiter Ferne gelegenen Ganges, den Fluss der Flüsse, die Mutter Indiens. Deshalb heißt das rechteckige Bassin auf dem Malabar Hill bis heute Banganga, nämlich: ein Ganges, hervorgebracht von einem Pfeil (baan). Sein Quellwasser ist süß und heilig, und die Kinder baden in ihm, viele Gänse haben sich versammelt (die Gans ist das Tragtier Brahmas, also auch heilig, #wunschkuh), ein Graureiher geht fischen und auf den Stufen ist die Wäsche zum Trocknen ausgelegt. Es ist relativ, für Mumbai: erstaunlich still (#veilsofsilence). Das Wasser steht unbewegt, über ihm erheben sich erst die steinernen Stufen, dann die Mauern der kleinen Häuser, darüber schauen die Shikhara-Pyramiden der umgebenden Hindu-Tempel hervor, und ganz weit oben, wo die Raubvögel kreisen, stechen teure Appartement-Hochhäuser in den Himmel hinein. Von dort oben betrachtet ist Banganga Tank wahrscheinlich ein winziger blaugrüner Fleck, ein Pool für die Armen und Ärmsten, die in den Gässlein um den Tank leben, und so genau kann man nie unterscheiden, wo der Tempelhof beginnt und die Wäscheleine der Bewohner aufhört. Aus einem heiligen Blickwinkel aber ist Banganga Tank eine umgekehrte Shikhara, ein Tempelturm, der von unten nach oben in die Breite wächst, und ganz Mumbai ist nur Tribüne für den heiligen Ganges, den Fluss der Flüsse, die Mutter Indiens, der hier, auf unterirdischen Pfaden, seinen Auftritt in Mumbai hat. Wer in ihm badet, wird rein, geistig super-nagelneu-best-marigold, genauso wie im großen Ganges. Sogar Nehru, bei all seiner Skepsis gegenüber dem traditionellen Hinduismus, ließ seine Asche im Ganges verstreuen, dem Fluss der Flüsse, dem immerfließenden, sich immer aufs Neue verwandelnden Ganges, der überall da fließt, wo in Indien heiliges Wasser geschöpft wird und vergossen.
Wasser aber – da überfällt einen nun wieder eine indianirony von hinten: Wasser ist knapp in Indien, in jedem Land, das mehrere Milliarden Menschen versorgen muss, muss Wasser knapp sein. Wenn man zuhause erzählt, dass man nach Indien fährt, ruft jeder im Vollbewusstsein seines Expertentums:  Und trinkt bloß nicht das Wasser! Noch nicht mal die Zähne putzen soll man sich damit! Und Eiswürfel, wusstet ihr das, sind auch nur ordentlich quadratisch getarnte Angriffe auf euer Verdauungssystem! Und dann, die Klos, ihr wisst schon! – nein, wir reden nicht von den Klos. Wir haben auch nur abgepacktes Wasser bekommen, die Luxushotels sind offenbar der Meinung, dass jeder Tourist, der nicht mindestens sieben Wasserflaschen am Tag verbraucht, sein Leben riskiert, und über den daraus resultierenden Plastikmüll wollen wir gar nicht anfangen nachzudenken. Durch Mumbai fahren deshalb die Wasserautos; und es gibt überall belehrende Schilder, man möge doch sorgsam mit Wasser umgehen! Man möge auch nicht hupen, oder Müll wegwerfen, oder lieber mit dem Bus fahren; alles gute Vorsätze auf belehrenden Schildern, man hat viel Zeit sie zu studieren, während man im Stau steht, umgeben von hupenden Taxis, suizidalen Tuk-Tuks, saffronisierten LKWs und gar nicht so kleinen Privatjeeps, dazwischen manchmal sogar ein überfüllter Bus; an den Rändern (#marginal) häuft sich der Abfall und sieh da, mal wieder eine kaputte Wasserleitung, aus der das gute Trinkwasser eifrig sprudelt!

upgradingmumbai
Apropos upgrading, mein Ganesha, war es auch ein upgrade, als du deinen Elefantenkopf bekamst? In Mumbai zogen sich große Baustellenmauern durch die Stadt. Sie machten einen sehr ordentlichen Eindruck – was nicht besonders schwierig ist, wenn man sich eine typische indische Straße vorstellt, sechsspurig geplant, aber neunspurig befahren mit Tuk-tuks, Fahrrädern, Limousinen, Busen, Taxis und dazwischen der gelegentlichen Kuh (#bremsenhupenglück), da macht eine geradlinige Mauer schon einen ziemlich aufgeräumten Eindruck. Sie sind auch schön gestrichen, die Mauern, grün und blau, und manchmal hat irgendjemand kleine Blumentöpfe davor aufgestellt. Was jedoch auf den Baustellenmauern steht, ist: „Upgrading Mumbai!“ Mumbai, the Maximum City, man fragte sich etwas europäisch-skeptisch, wie man „Maximum“ noch upgraden sollte. Andererseits gibt es auch die Brillen; ein Piktogramm, es zeigt eine Brille mit zwei runden Brillengläsern und erinnert an das klassische Modell, das Gandhiji trug. Wir fanden es an Zugtüren und, warum auch nicht, an Baustellenmauern. Es steht allerdings nicht direkt für die Bekämpfung des Analphabetentums oder mehr Lektüre der Nationalepen anstelle von immer neuen und immer gleichen Bollywood-Filmen; nein, es steht für eine Kampagne der Regierung, sie heißt „open defacation free“ und kämpft für ein sanitäres upgrade der Landessitten sozusagen. Ist nicht doch vielleicht überall Raum für ein upgrading, ist nicht Zivilisation überhaupt nur ein anderes Wort für: upgrading people? Gandhi allerdings wäre vielleicht nicht ganz unserer Meinung gewesen, obwohl der sanitäre Zustand seines geliebten Indien auch für ihn ein wichtiges Thema war; vielleicht hätte er trotzdem weise mit dem kahlen kleinen Kopf und der runden Brille genickt, aber dann darauf bestanden, dass Zivilisation doch besser downgrading sei, Beschränkung, Rückkehr zum Einfachen, jeder spinne sein eigenes Tuch. Und auch du, Ganesha, Beseitiger der Hindernisse, Ganesha, Naschhafter und Schalk, weißt, dass einem im Leben nichts geschenkt wird. Wer ins Rad der Wiedergeburten eintritt, weiß nicht, als was er wiederkommt, denn ein Rad dreht sich nun einmal, da gibt es kein Oben und kein Unten, und da hilft kein Marketing. Upgrading ist eine temporäre Illusion der nimmermüden maya (#mayaisbeautiful) –

marginal
Was jedoch nicht fließt, oder so gut wie niemals fließt, ist der Verkehr. Natürlich wussten wir das vorher, wie wir auch vom Smog vorher wussten; wir hatten die Messstationen in Delhi über Wochen im Voraus beobachtet, hatten gesehen, wie die Werte vom Dunkelroten ins Violette schossen (gesundheitsgefährlich für alle! Drinnenbleiben!) und wir hatten sogar Atemschutzmasken gekauft. Man weiß ja nie. Das mit dem Smog war dann nicht so schlimm, wir sahen nur wenige Leute mit Atemschutzmasken (Asiaten, meistens, sie tragen sie auch in Deutschland), und natürlich hätten wir im vollen Verkehr in Mumbai um 17 Uhr nicht am Marine Drive entlang joggen wollen. In Delhi war die Luft in den ersten Tagen sowieso trübe, das Gate of India sahen wir wie in ein mystisches Tabernakel leicht über dem Boden schwebend immer nur aus der Ferne, am Ende von absurd breiten Boulevards, die mehr wie Aufmarschgebiete für Polizeikohorten wirkten denn als Straßen. Aber eigentlich war es auch gar nicht schlimm, dass der Verkehr so gut wie niemals floss, sondern immer nur hoppelte, stockte, mal einen Schub machte, dann wieder sich verknotete (#lossofwords); denn so sah man Dinge, die man sonst nicht gesehen hätte, es war eine Art sightseeing des Lebens an den Rändern. In Europa, dem fernen, vor allem in seinen seltsamen akademischen Provinzen, redet man ja gern von „Grenzen“ (sie sind zu überschreiten, sonst ist man ein akademischer Feigling und bekommt nie ein schönes fettes Forschungspolster) oder von „Marginalisierung“ – also denen, die an den Rand gedrängt werden, wo es nicht schön ist, weil man nicht im Mittelpunkt steht, was ja ein grundlegendes menschliches Bedürfnis zu sein scheint (oder ist es doch nur ein europäisches? #indianreview). Die Sonne scheint immer nur auf die Mitte, wo der träge Mainstream plätschert, er ist aber kein Ganges (#banksofganga); marginalisiert sein hingegen, nun ja: man wird zur Fußnote der Aufmerksamkeit, des Lebens, der Geschichte. In Mumbai aber habe ich gelernt, dass Ränder ein Lebensraum sind, der auf jeden Fall besser ist als das Leben im Abseits, im Nichts, in der Leere. Überall, wo am Rand auch nur ein Streifen geblieben ist, von Grün will man nicht reden – aber vielleicht war sogar ein wenig Grün dort, unter den Müllhaufen, ein kleiner Blumentopf, am Rande – siedeln sich Menschen an. Gern unter Brücken, es soll Monsun geben in diesem Land. An den Straßen, an den großen vor allem: Vielspurig strömt und stockt und holpert und schiebt der Verkehr; am Rand aber bleibt ein schmaler Streifen, auf dem sitzen Menschen. Manchmal schlafen sie (#letsleepingdogslie), manchmal tun sie etwas – beispielsweise Ringelblumen zu Ketten flechten (#bestmarigold) oder Betelblätter zu aparten Ringen; oder sie verkaufen etwas, gepressten Saft aus Zuckerrohr, geschnittenes Obst, kleine gebratene Bällchen, Süßigkeiten, Fettigkeiten, und was immer es ist: Wenn es essbar ist, wird es scharf sein. Und es wird gehandelt an den Rändern. Ganze Straßenzüge lang ziehen sich belebte, kommerzialisierte Ränder, häufig auch nach Branchen sortiert: Hier gibt es nur Autoteile, aber dafür alle, jedes winzige Teil an einem Auto wird sich finden lassen in diesem Labyrinth von improvisierten Auslagen, Wühlkisten, fahrenden Basaren. Manchmal ist noch ein kleiner Laden dahinter, eine dunkle Schlucht, in der noch mehr Kisten sich stapeln, in denen winzige Teile inzwischen unheilige Allianzen eingegangen sind, bizarre Monster hervorgebracht haben aus vergessenen Schrauben und Zahnrädern und Ventilen, wahrscheinlich gibt es auch schon einen minderen hinduistischen Gott für undefinierbare Autoteilchen (#onemoregod)!

slumsandsuisse
Ein Rand ist also eine Auslage, wer braucht schon Schaufenster? Er ist aber auch ein ganz normaler Lebensraum. Familie sitzen dort, sie sehen nicht unglücklich aus, zumal sie einen ja nicht ansehen (#dontlookback). Doch ein wenig reißt es schon am vorher sorgsam gestählten Herz (gibt es Schutzmasken für das Herz?), wenn das kleine Mädchen, kaum fünf Jahre alt wird sie sein, aber sie sieht so aus, als hätte sie das mit dem Wachsen sowieso aufgegeben, hat alles kein Sinn – und so schlägt sie ihre Räder und Überschläge zwischen den stauenden Autos, nein, sie sieht nicht unglücklich aus, aber Unglück ist eine Kategorie, die so weit jenseits der provisorisch aufgespannten Zeltplanen, dem Lagerfeuer und dem kleinen Häufchen zusammengesuchter Plastikflaschen ist, dass man sich schämen würde, sie auch nur in den Mund zu nehmen. Hier wird gelebt. Am Rand, wo Dinge abfallen von der Wohlstandsgesellschaft. Am Rand, wo die Luft kaum zum Atmen ist, wo das Hupen das Gutenachtlied ist und die Werbung weit oben über den Köpfen eine andere Welt, so fern wie Bollywood. #indian-irony: Besonders häufig wird auf den großen Werbetafeln, die sich hinziehen an der Straße zum Flughafen von Mumbai entlang den Slums derer, die diesen Flughafen einmal als billige Arbeitskräfte gebaut haben, die Schweiz beworben, ausgerechnet die Schweiz! Bilder von idyllischen Schneetälern und reichen Menschen, die teure Uhren tragen, ein strahlendes Lächeln mit aufs feinste gerade gerichteten schneeweißen Zähnen, und die die gesamte coolness der kosmopolitischen Super-Elite ausstrahlen: Come to Switzerland! Man wartet nur noch auf die Bollywood-Balletts, die, schmuck in rote Saris mit weißen Kreuzmuster gekleidet, eine kleine Gipfel-Choreographie aufführen, rasa: Luxus und Wohlleben – nein, Wohlleben, das war keines von den neun rasas, warum eigentlich nicht?

ninerasas
Apropos rasa, mein Ganesha, kennst du sie noch alle, hast sie jongliert, damals, als du das Mahabharata schriebst? Es gibt nämlich eine alte indische Dramatik; sie hatte sehr feste Regeln und wenn man sie mit der etwas früher entstandenen Poetik des Aristoteles vergleicht, sieht diese blass und unspezifisch aus. Im Natya Sastra werden in 36 Kapiteln alle möglichen Aspekte der dramatischen Kunst beschrieben, von den Kostümen und dem Make-Up über die Bewegungen des Körpers und die Integration von Musik und Schauspielkunst. Und es geht gerade nicht darum, dass der Schauspieler besonders individuell agiert (na gut, bei Aristoteles eigentlich auch nicht, das ist nur eine von vielen modernen Verirrungen, mein Ganesha mit den vielen Gesichtern und Namen), sondern dass er die richtigen Gesten, Bewegungen, Stimmungen kennt, sie perfekt reproduzieren kann und dadurch – einen Geisteszustand, das eigentliche Wort aber ist: einen bestimmten rasa auslöst, ein flavour, einen Geschmack, einen fluiden Zustand, eine Stimmung, was der hilflosen Metaphern alles sind für ein Gesamterlebnis, dass man nicht beschreiben kann (#lossofwords)! Dazu aber muss der Schauspieler selbst die neun rasas kennen, er muss sie unterscheiden können, aber auch sie auseinander produzieren können; und neun Stück, man mache sich das klar, sind gar nicht so wenig, dafür braucht man schon mal vier Stunden und länger!
Die neun rasas aber sind: Die Liebe, natürlich, als erstes (hellgrün); als zweites das Lachen (weiß); dann aber der lodernde Zorn (rot), der Gegenpol zum Mitleid, zur compassion (grau); der Abscheu, der Ekel (blau), gesteigert noch zum Horror und Terror (schwarz); dazu der Heroismus (safrangelb, orange, #saffronization) und die Verwunderung, das Erstaunen (gelb). Und dann, eine späte Addition: Frieden der Seele, ein ewiges Weiß, es steht für den Welterhalter Vishnu. Seitdem wird durchdekliniert, bis hin zu Bollywood, und man kann nicht anders als diese große Weisheit bewundern: Dramatik ist Gefühlsmanagement, und dieses Management hat die älteren, die bewährteren Regeln. Selbstausdruck, ach was; Spiritualität, das ist das Ziel, auch im Theater, der Schauspieler hat es, er lebt es vor, er überträgt es auf seine Zuschauer, und alle Bewegung, aller Tanz, alle Musik und alle Gesten – sie sind nichts als eine große Bewegungskunst, genau wie das Yoga (#theyogaway) oder das Kamasutra! Bollywood reinigt die Seele, bis sie scheint wie eine Lotusblüte, neunfaltig. Vielleicht aber muss man auch das schon gelernt haben, bevor man es erfahren kann, denn die Zeit ist eine Schlange, die sich selbst –

kneesandnoses
Behind the Beautiful Forevers, so hieß das Taschenbuch, dass uns der Verkäufer an einem besseren Straßenrandkiosk verkauft hatte. Es war um die Ecke vom Gateway of India gewesen, wo sich die alten Kolonialbauten der gehobenen Gesellschaft noch in freundlicher Verwilderung aufrecht hielten, gestützt von mächtigen Bäumen, die schon lange die schmalen Fußwege erobert hatten; wir sahen zum ersten Mal magere Katzen hier, keine wilden Hunde. Auch die Straßenstände waren relativ ordentlich, sie hatten richtige Läden dahinter, schmal, aber beleuchtet, vielleicht sogar mit Kassen. Und einer war ein Buchstand gewesen, dicht aneinander gepackte bunte paperbacks, mit einer durchsichtigen Plane bedeckt, und ich kann an keinem Buchstand vorbeigehen, ohne ein Buch in die Hand zu nehmen. Natürlich wusste ich, dass das hier ein Fehler war, wer ein Buch angefasst hatte, würde eines kaufen müssen, ein Verkaufsgespräch würde sofort unvermeidlich werden. Ich sah also eine Reihe der Indien-Klassiker, die ich vorbereitend gelesen hatte, ich sah sogar Midnight‘s Children, das mich virtuell begleitete (#nosesandknees), und es war ein irgendwie erheiternder Gedanke, dass Saleem Sinai – dieses durch und durch Mumbai’sche Geschöpf, diese Verkörperung der indischen Geschichte von seiner Geburtsstunde, die rein zufällig mit der Geburt des Staates Indien (und seines evil twins, Pakistan, #woundsofhistory) zusammenfiel –, dass Saleem Sinai mit seiner Knubbelnase also hier seine eigene Geschichte gedruckt finden würde, die jetzt von neugierigen Touristen gekauft werden würde, wenn auch vielleicht nicht gelesen, denn seien wir ehrlich: Sie ist keine – nun, erbauliche Geschichte (#lossofwords), viel wird in ihr geschnieft und geweint und geflucht und gelitten, und es ist weit und breit kein happy ending in Sicht, es gibt noch nicht einmal Tanzszenen zwischendurch! Aber war das nicht sogar im Geist von Saleem Sinai gedacht, dass seine Geschichte einmal zwischen anderen indischen Geschichten – ich suchte kurz nach dem Mahabharata oder dem Ramayana (#metrotalk), konnte sie aber nicht finden auf dem dicht bepackten Büchertisch – am Rande einer belebten Straße für Touristen ausliegen würde, die sie ganz sicher kaufen würden, schon aus schlechtem Gewissen, und dann nicht lesen? War das nicht geradezu eine Metapher für – nach innen gewendeten Spätkolonialismus, das Schicksal ist eine Schlange, die sich selbst – oder ist es doch eine Leiter (#kneesandnoses)?

Eigentlich wollte ich aber erzählen von dem Buch, das ich dann gekauft habe am Straßenstand, zu einem ziemlich lächerlichen Preis (wir hatten schon gelesen, dass es ganze Kopierfirmen gab, die auseinander gerissene ausländische paperbacks Seite für Seite vervielfältigten und wieder zusammenhefteten, #indianeconomy). Denn als ich sagte, die würde ich alle schon kennen, hob der Verkäufer wissend den Finger und sagte: Ah, aber da habe er noch eines, das sei ganz neu und das würde ich bestimmt noch nicht kennen! Er hatte recht, obwohl das Buch so neu gar nicht war. Es hieß Behind the Beautiful Forevers: Life, Death and Hope in a Mumbai Undercity, war 2012 erschienen und hatte wichtige Buchpreise gewonnen; eine amerikanische Autorin, Katherine Boo, verheiratet mit einem Mann aus Mumbai, schildert darin – eine Randgeschichte. Sie spielt in Annawadi, einem Riesenslum, an dem wir auf dem Weg zur Universität schon mehrfach mit einem leichten Gruseln vorbeigefahren waren (es sah aber gar nicht so schlimm aus, und das Bunte der Hütten kontrastierte ästhetisch beinahe befriedigend mit den metallisch glänzenden Hochhäusern im Bankenvierteldarüber, den Geiern des Geldes). Und ihre Hauptfiguren sind die Menschen, die sich dort, an einem breiten Rand angesiedelt hatten, um den Flughafen zu bauen (#upgradingmumbai). Der Flughafen ist relativ neu, er ist ein Prunkstück, und er hat die beste Kunstausstellung, die ich in ganz Mumbai gesehen hatte, totally for free, ein Hochpreis-Randphänomen sozusagen: Die monumentalen Bilder und Installationen hängen nämlich einfach neben den Rolltreppen und schmücken die Gänge zu den Flugportalen. Ob sich wohl schon ein eigener Slum für die neue Metro gebildet hatte, deren Baustellen sich wie ein grüner Wurm durch Mumbai zogen und die die Stadt auf eine ganz neue Art und Weise strukturieren würde, nämlich in Linien und Fußspuren? (#metrotalk, #upgradingmumbai) –

indianeconomy
Aber wovon ich eigentlich erzählen wollte, waren die Beautiful Forevers und Annawadi. Denn die Beautiful Forevers, das sind die Werbetafeln, die auch wir gesehen hatten, mit ihren überlebensgroßen Heilsverkündigungen von einer seligen Schweiz, in der Luft über den Slums, dem frei verfügbaren phantastischen Luftraum sozusagen, den sie beherrschten, und niemals wäre eine Ringelblumenkranz (#bestmarigold) bis zu ihnen emporgereicht! Aber sie haben die Köpfe der Leute erreicht, auch derjenigen, die unter ihnen wohnen und ihr kleines Geschäft haben; den Müll trennen, zum Beispiel, die Berge von Mumbais Müll, die sonst hoch würden wie die schneeweißen Alpen, kein Geier kann das alles fressen (#vulturecrisis), und irgendwo muss der Nachschub ja herkommen für die Auslagen mit den unendlichen Autoteilen! Mülltrennung, wir Deutschen dachten, wir seien die Weltmeister im Mülltrennen, ach was, Slums in Mumbai (und wahrscheinlich anderswo) sind die Weltmeister im Mülltrennen, denn sie haben gelernt, dass man aus allen Resten und Rändern – ein klein wenig Geld machen kann (#indianeconomy). Schmutziges Geld, wegen mir, aber sauber erarbeitet. Und aus diesem schmutzigen Geld, so träumen sie alle, kann man vielleicht irgendwann sauberes machen; man kann – es gibt viele Geschichten darüber, eine davon lief gerade im Kino, als wir da waren, sie hieß Gully Boy – beinahe dahinkommen, wo die Beautiful Forevers hängen, über dem Müll, über der Straße, vielleicht erst nur in ein kleineres Hochhaus, man braucht ja nicht gleich 24 Stockwerke für sich allein! Man kann das, zum Beispiel, indem man der beste, gewiefteste, durchaus auch: kenntnisreichste Mülltrenner wird. Frau kann das, zum Beispiel, indem sie zur Schule geht und wirklich zuhört und vielleicht, wenn sie großes Glück hat, einmal in einem Call Center arbeiten wird, mit antrainiertem amerikanischem Akzent. Oder ein street rapper, wie in Gully Boy (#indianbildungsroman). Ganz Indien träumt vom Aufstieg. Ganz Indien? Nein, nur die ganz unten; die oben haben es ja schon geschafft, sie sitzen einsam in ihren Hochhausburgen, dort, wo nur die Milane kreisen. Unberührbar –

casteandbody
Apropos unberührbar, mein Ganesha, nein, schnief jetzt nicht durch die große Nase: Natürlich muss man irgendwann über Kasten reden, wenn man über Indien redet; aber es ist eines der Themen, bei denen man nichts richtig machen kann und alles Verstehen nur in ein immer wieder potenziertes Missverstehen mündet. Schon das Wort ist – falsch. Das, was wir, wir Weißnasen, als das Kastensystem bezeichnen, entstand historisch wohl im zweiten Jahrtausend vor Christus als ein soziales Differenzierungssystem, belassen wir es erst mal dabei bei dieser blass-europäischen Leerformel. Das Worte „Kaste“ hingegen, von lateinisch „castus“, rein, führten die Portugiesen ein, als sie die erste Kolonialisierungswelle nach Indien schwemmte, also zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Sie meinten damit eine unterschiedliche ethnische Herkunft, das Geschlecht, die Art, die Rasse, aber auch die Eingliederung in einen Clan, eine Art großfamiliäre, über Blutsverwandtschaft verbundene Gemeinschaft. Von dort wanderte das Worte ins Englische, ‚caste‘, und so wurde es zu einem der bleibenden, problematischen, seltsamen (#lossofwords) Merkmale Indiens schlechthin, bis heute. Aber es ist kein indisches Wort, schon gar kein Sanskrit; Kaste, casta, caste, das sind die ungeschickten Versuche verschiedener Kolonialvölker, etwas zu verstehen, was es sicherlich ähnlich auch bei ihnen gab, aber in Indien war es so – anders. Vielfältiger, aber auch: starrer, auf den ersten Blick. Aber natürlich konnten die Kolonialisatoren die Quellen nicht lesen (#sanskritiscool); es waren die heiligen Schriften, die alten Veden gewesen, die noch vor dem Mahabharata und dem Ramayana bestimmten, wie sich die Gesellschaft zusammensetzte, damals und für immer. Und sie unterschieden zunächst die vier varnas, die dadurch entstanden, dass sich das universale Prinzip (wie man es genau nennt, ist unsicher, unklar und ändert sich ständig, #banksofganga) aufteilte. Und so entstand ein Mund: Das war brahman, der Weise, der Priester, der Ausleger der Heiligen Schriften. Es entstanden Arme, das waren die kshatriyas, die Krieger und Kämpfer, die Beschützer des Volkes. Es entstanden Hüften, das waren die vaishyas, die Händler, Kaufleute und Gewerbetreibenden, auf denen die wirtschaftliche Versorgung des Volkes ruhte. Und schließlich entstanden die Füße, die shudras, diejenigen also, die die Fußarbeit machen mussten: Handwerker, Bauern, Tagelöhner. Unter allem jedoch, nein, außerhalb, bestenfalls: am Rande dieses gesellschaftlichen Organismus stehen die parias, die Unberührbaren, die dalit, wie man sie später nannte – ein Sanskritwort (immerhin!) für zerbrochen, zerrissen, niedergetreten, sogar von denen, die selbst nur die Füße des Universums sind.

Vier varnas, Denker, Kämpfer, Händler, Arbeiter – so weit sind wir nicht von Platons (#weisheitimschatten) Entwurf einer Ständegesellschaft in seiner Schrift politeia entfernt, wo es bekanntlich Philosophenkönige, Wächter und Arbeiter gibt. Nur dass Platon den Mythos dazu etwas anders ausmalt. Er erzählt nämlich, zwar seien alle Klassen Kinder dieser Erde und deshalb Geschwister, aber schon bei der Schöpfung seien ihren Seelen jeweils Metalle unterschiedlicher Art und Qualität beigemischt worden: den zukünftigen Philosophenkönigen Gold, den Wächtern Silber und dem Rest ein wenig Eisen und Erz. Das ist aber auch nur eine Geschichte, mein Ganesha, fürs Volk, wie Sokrates sogleich zugibt; aber kann man nicht, so fügt er hinzu, wenn man genauer sieht, auch erkennen, dass die menschliche Seele selbst – in der gleichen Weise dreigeteilt ist, ja dreigeteilt sein muss? In ihr herrscht die Vernunft, sie ist das Instrument der Weisheit und macht den Herrscher; aber es gibt auch den Mut, die Kraft, die Tapferkeit, und sie machen den Wächter; und es gibt die Begierden, sie sind der niedrigste Seelenteil, wenig edel, nie zu befriedigen, aber vielleicht ja auch: notwendig, jedenfalls kommen sie den niedrigsten Ständen zu, den Bauern und Gewerbetreibenden. Nur das aber ist gerecht und ganz, in dem alle diese Teile zusammenwirken, ein Ganzes machen, besonnen sind und gerecht. Platon oder Veden, Körperteile oder Seelenteile – Einteilung muss offenbar sein. Abgrenzung, die natürlich auch Ränder erzeugt, aber auch: kleinere Einheiten, gegliedert, überschaubar. Auch bei uns: Arbeitsteilung, ganz am Anfang schon. Ist es besser, wenn der Körper ganz ist oder die Seele, was meinst du mein Ganesha? (#kneesandnoses) –

dontlookback
Vielleicht schauen sich deshalb die Menschen nicht an auf der Straße. Zuerst nimmt man es nicht wahr, es ist so ein Gedränge überall, man ist das nicht gewohnt; man versucht hindurchzusteuern, mit der eleganten Gewandtheit, mit der die Taxis durch den Straßenverkehr schlängeln und die Lücken zu erzeugen scheinen, in die sie dann zentimetergenau passen. Zudem muss man schauen, wo man hintritt, die Bürgersteige, wenn es sie denn gibt, sind erobert von hundertjährigen Bäumen, die ihre Wurzeln nach allen Seiten ausgestreckt haben (werden in Deutschland nicht gerade in einem Anfall kollektiver Hysterie nach mehreren mittelgroßen Stürmen die Straßenränder befreit von allem, was umfallen könnte, es könnte ja jemand klagen? – und die Schneisen der Leere werden breiter und breiter, #holyholes); vom Müll natürlich gar nicht zu reden, aber auch von kleinen Dingen wie Ringelblumenkränzen, die sich verirrt haben (#bestmarigold), von den streunenden Hunden, den pickenden Vögeln, ach, es bewegt sich so viel am Boden, man schaut am besten auf seine Füße! Aber irgendwann, man hat eine kleine Sicherheit gewonnen, eine Art siebten Sinn in den Fußsohlen, schaut man doch hoch. Und merkt, dass einen keiner anschaut. Das ist nicht unangenehm im ersten Moment, man muss dann nicht zurückschauen und Kontakt aufnehmen, wie flüchtig auch immer; man könnte sonst einem der saddhus versehentlich in die Augen sehen und in das schwarze Loch gezogen werden; man könnte einem bettelnden Kind in die Augen sehen und nicht wissen, wohin mit den Gefühlen; man könnte eine vollverschleierte Frau sehen, selbstbewusst und erhobenen Kopfes, die alle unsere wohlsortierten Meinungen durcheinanderschleudert.

Wahrscheinlich aber würde man meistens, solange man auf den großen Straßen bleibt, ganz normale Leute sehen, genau wie bei uns. Aber es ist sicherer, nicht zu schauen. Man kann dann auch keine Kritik sehen, an der eigenen üppigen Existenz zum Beispiel (#indianreview). Oder an – dieser seltsamen europäischen Blässe, dieser Distanziertheit, diesen misstrauischen Augen, diesen so oft nach unten verzogenen Mundwinkeln, die eine kalte, harte Sprache sprechen, in der die Wörter eine eigene, voneinander abgetrennte Existenz haben und zu wenig freundliche A‘s. Aber man sieht sich auch nicht lächeln, wenn man sich nicht anschaut. Unvorstellbar, hier über die Straße zu gehen und einen Entgegenkommenden zu grüßen, auch wenn man ihn nicht kennt, wie es auf dem Dorf zuhause ja durchaus üblich ist. Wie soll man auch wissen, von welcher Kaste er oder sie –

Aber eigentlich ist das ganze natürlich ein Missverständnis, mein Ganesha, ich weiß das schon, ich habe es ja gelesen in meiner prophylaktischen Wut des Verstehenwollens. Es geht gar nicht um „Kasten“, es geht noch nicht einmal um varnas, einen alten Mythos auch für die meisten Inder, den wir ebenso belächeln können wie Platons dreifache Seele und seinen Philosophenkönig – Mythen, Geschichten, Bilder. Es geht im täglichen Leben um die jatis; und dafür gibt es keinerlei schriftlichen Quellen, niemand weiß, wo das Wort herkommt und die Sache, kein Epos, keine klugen Kommentare, nichts – jatis sind einfach da, sie kommen von dem Sanskritwort „jan“ für geboren werden, und in ein jati wird man deshalb geboren. Es gibt Hunderte von ihnen, vielleicht sogar Tausende, keiner weiß es, und sie bestimmen das Leben in Indien bis heute, nicht die mythologischen Kasten; sie sind die Gruppe, in die man geboren wird, in einer Region, in einer Familie, in einer Kultur und deren Regeln, Sitten, Normen, Traditionen; sie bestimmen, wen man heiratet, wie man lebt, was man isst und trinkt, was man berührt und was man nicht berührt; sie sind eine Last und eine Begrenzung und eine Einschränkung, und sie sind ein Segen und eine Lebensversicherung und ein Halt in einem Milliardenland, das sich um den Einzelnen und seine Schicksale wenig bekümmert. Wer nach Annawadi kommt, hinter und unter den Beautiful Forevers, um ein wenig Arbeit zu finden, ein wenig Leben und eine Aufstiegschance, wenn es hochkommt (#bildungsroman) – der geht zu seinem jati, seiner überdimensionalen Großfamilie, sie werden für ihn sorgen, wenigstens für das nackte Überleben. Es findet sich immer noch ein Müllhaufen, der noch nicht sortiert ist. Im Übrigen gibt es sogar eine affirmative action in Indien; es gibt Regeln, Gesetze, Quoten für die Aufnahme von niederen jatis, dalits sogar, in die besseren Jobs, die gesellschaftlichen und sozialen Schranken sollen überwunden werden. Das klappt ungefähr so gut wie – nun ja, wie in in England beispielsweise, einer uralten Klassengesellschaft bis heute, die in Indien nur ihr eigenes System wiedergefunden hat, Kastentrennung nämlich, von der Schulzeit an bis zum Heiratsmarkt und darüber hinaus. Identität lebt davon, dass sie geteilt wird. Es hat sich als sehr schwer herausgestellt, sie auszuhungern und die Menschen zu völlig autonomen Individuen zu verschlanken, und wenn es doch zu gelingen scheint, hungert die Seele. Und wenn es die Veden nicht mehr sind, ist es halt Bollywood, mein Ganesha, ja, ich weiß, es juckt dich in den Füßen, nicht nur im Rüssel –

colonialismanditsspins
Und wie man über die Kasten reden muss, aber eigentlich über die jatis reden sollte, muss man über den Kolonialismus reden, wenn man ein Europäer ist und nach Indien kommt. Aber wie alle indischen Geschichten hat diese nicht nur zwei Seiten, sondern hundert Köpfe. Die Verbrechen des Kolonialismus haben tiefe, bleibende  Wunden geschlagen (#woundsofhistory); aber ist das wirklich die ganze Geschichte? Wenn man ein wenig auf die Ränder der Verurteilungsformeln schaut, sieht man auch die unendlichen Verschlingungen, die Verwachsungen, den Schorf der Geschichte, die aus der alten Wunde hervorwuchern und eine eigene, neue, nennen wir sie ruhig mit einem Modewort: hybride Welt geschaffen haben. Auf den Schienen, die die Engländer gelegt haben, fahren heute noch die Züge, aus denen die Menschen quellen und die Päckchen (#goingtoagra); der erste Zug verkehrte in Indien am 16. April 1853, 1835 erst war in Deutschland die erste Bahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth in Betrieb genommen worden. Die Engländer, sie waren es, die den sati abgeschafft, die rituelle Witwenverbrennung, zweifellos ein Eingriff in die indigene Kultur, aber vielleicht doch eher segensvoller? Wenn zwei Inder aus verschiedenen Regionen des riesigen Subkontinents sich treffen, reden sie meist nicht Hindi, die offizielle Amtssprache neben Englisch; nein, sie sprechen Englisch, da es in Indien insgesamt (nach neuerer Zählung, die Zahlen schwanken aber) 121 indische Sprachen gibt, indoarische Sprachen (die große Mehrheit, #sanskritiscool), dravidische, austroasiatische, tibeto-birmanische; wahrscheinlich gibt es ungefähr so viele Sprachen, wie es Hindu-Götter gibt, aber beides kann man letztendlich in Zahlen nicht genau fassen, vielleicht sind auch einige neuere indische Sprachen einfach Avatare älterer? Nein, wenn ein Inder sicher verstanden werden will, spricht er Englisch. Ein sehr schönes, weiches, ineinanderfließendes (#banksofganga) Englisch, weit von der stiff upperlipp der englischen Oberkaste. Wenn man durch die Städte streift, sieht man gelegentlich Gruppen von Schulkindern, sie alle tragen adrette Uniformen, mit denen sie auch in London kaum auffallen würden. In Mumbai beobachten wir zufällig am Sonntagmorgen eine große Gruppe frisch graduierter Studenten, sie sind vor einem antikisierenden Gebäude mit weißer Tempelfront ordentlich in Reihen aufgestellt, sie tragen schwarze Talare und werfen ihre roten Hüte in die Luft. Sogar an den Bushaltestellen haben wir manchmal den Verdacht, dass sich die Menschen ganz gern in einer Reihe aufstellen.

Am deutlichsten wird die tiefe Verwachsung aber beim Cricket, dem indischen Nationalsport schlechthin. Eine bunte Menge versammelt sich in Mumbai am Sonntag auf dem Maidan, um den Ball zu schlagen und zu rennen, was das Zeug hält. Berühmte Cricket-Spieler sind Nationalhelden, vielleicht kommen sie noch vor Bollywood-Stars. In Kabhi Ghushi sagt der ältere Bruder, als er seine Familie verlassen muss, zu seinem pummeligen kleinen Bruder: Drei Dinge musst du mir versprechen – du musst auf Mama aufpassen, du musst Cricket spielen und du musst abnehmen!  –

– Apropos Cricket, mein Ganesha, wärest du nicht ein perfekter batsman? Es waren die Briten, die Cricket zu Beginn des 18. Jahrhunderts nach Indien gebracht haben, und lange Zeit spielten nur die Engländer, nicht die Inder auf dem heiligen Rasen. Immerhin wurde 1848 der erste indische Cricket-Club von den Parsen in Mumbai gegründet, und schon knapp dreißig Jahre später gab es auch das erste parsisch-englische Match; und noch einmal knapp dreißig Jahre später durften die ersten Inder in englischen Cricket-Mannschaften spielen – nur die Stars natürlich, da war man damals schon ähnlich selektiv-kosmopolitisch wie heute. Sport ist Politik, und nirgends kann man das besser sehen als im Cricket, mein Ganesha! So lag und liegt bis heute der Maidan in Mumbai, immerhin eine ziemlich riesige Rasenfläche, mitten im besten kolonialen Viertel, einem Sahnestück auf dem Immobilienmarkt. Zwar schaut an seinem Ende eine Statue von Bhimrao Ramji Ambedkar, einem der allgegenwärtigen politischen Nationalhelden, der für die Unberührbaren eintrat, ziemlich – nun ja, no pun intended: ungerührt? – auf den Rasenfleck. Darüber aber blicken die neugotischen Türme der Mumbai University hinweg; daneben erhebt sich das imposante Gebäude des Bombay High Court (fun fact: Skelettbauweise, sehr fortschrittlich damals, das gesamte Gebäude wurde aus London importiert). Trotzdem verwilderte der Maidan nach dem Abzug der Briten vor sich hin – oder, besser gesagt: Er wurde ein Randgebiet (#marginal), das nur zufällig in der Mitte lag, im alten Herz der Stadt, und wo sich nun Bettler, Prostituierte und junkies trafen. 1997 endlich setzte man ein Komitee zur Erhaltung ein, der jedoch die Regierung nicht überzeugen konnten, die Verantwortung für das Gelände zu übernehmen. Erst der Bombay High Court zwang sie dazu, und man kann sich gut vorstellen, wie die hohen Richter aus ihren Türmen hinüberschauten, auf den Schandfleck, der doch einmal ein Sahnestück war, und beschlossen, ihre Aussicht zu verbessern (#upgradingmumbai). Heute wird das Gelände eifrig von Freizeitsportlern genutzt, und alle politischen und religiösen Kundgebungen sind von ihm verbannt. Was auch irgendwie schade ist, denn Cricket kann sogar diplomatisch segensreich wirken: Als ‚cricket diplomacy‘ bezeichnet man eine, leider nur vorübergehende Annäherung von Indien und Pakistan durch den gemeinsamen Besuch der staatlichen Repräsentanten bei einem Cricket-Spiel, könnte man nicht –

gandhijiforever
– Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, um endlich von Gandhi zu sprechen? Nein, Gandhi, bei all seinen Vorzüge, hat niemals Cricket gespielt, es ist zumindest nicht bekannt. Aber es gibt eine Anekdote, die zu hübsch ist, um sie zu verschweigen: Bei einem Besuch des englischen Traditionsvereins Marylebon Cricket Club (MCC) in Mumbai, der bis heute die Autorität in allen Cricket-Fragen ist, sammelte die Schwester eines der indischen Cricketstars, Laxmi Merchant (und was für ein Name! Lakshmi, die indische Göttin des Glücks, des Wohlstands, der Fruchtbarkeit und Schönheit, die Gattin Vishnus, des Allerhalters, gepaart mit dem englischen merchant!) Autogramme aller englischen Cricket-Spieler des MCC. Als sie später einmal von Gandhi ein Autogramm holen wollte, blätterte der immer etwas schalkhafte Polit-Star durch das Autogramm-Buch, um den rechten Platz zu finden für seine Unterschrift; und er wählte treffsicher das Blatt, auf dem die Engländer verzeichnet waren, 16 Spieler des MCC, dort signierte er als siebzehnter mit seinem etwas unleserlich geschriebenen Namen: M.K. Gandhi.

Heute steht der Nationalheros auf ungezählten Plätzen verewigt; und meist ist er dabei auf wundersame Weise ein wenig wohlbeleibt geworden, ein Bild des neuen Wohlstands einer neuen Nation und nicht so sehr der mageren Revolution, des mühsamen Widerstandes, der Hungerstreiks und der wachsenden Verzweiflung über die Unheilbarkeit des religiösen Widerstreits, der Indien zerriss und am Ende Pakistan gebar (#woundsofhistory). Sein Spinnrad, das charkha, mit dem er die indische Wirtschaft wieder auf eigene Füße stellen wollte, ziert die indische Flagge, es sieht auch ein wenig aus wie ein Sonnenrad, und das ist eine Symbolik, die ihm bestimmt gefallen hätte. Ob ihm allerdings die Statuen gefallen hätten, die wohlbeleibten, oder die Puppenstuben, die im Mani Bhavan, dem heutigen Gandhi-Museum im Mumbai aufgestellt sind, ist eher zweifelhaft. Das hübsch herausgeputzte Gebäude mit seinen sorgfältig restaurierten Holzbalkonen (#upgradingmumbai) war Gandhis Basisstation in den frühen Jahren; es gehörte einem Freund, und Gandhi entwickelte dort seine Ideen des gewaltlosen Widerstands, sein Spinnrad und seine Ablehnung des Milchkonsums (#wunschkuh). Und man trifft dort, an einem belebten Sonntagvormittag – beinahe ausschließlich Europäer. Sie studieren andächtig das etwas mager in altmodischen Vitrinen ausgebreitete Material zu Gandhis Leben; sie sehen sich, froh sich einige Minuten in Ruhe setzen können, schöne altmodische Schwarz-Weiß-Filmausschnitte an; sie besuchen, wahrscheinlich vollzählig, die beinahe europäischen Toiletten (nein, wir sprechen nicht weiter darüber!); sie schauen ehrfurchtsvoll in sein rekonstruiertes Zimmer im zweiten Stock, weiße Wände, spartanische Einrichtung: Spinnrad, Bücher, Bett. Dann kehren sie, genau wie wir, zurück in ihre Luxushotels (#tridentdreieinig) –
Nein, Gandhi hätte wahrscheinlich kein Museum gewollt. Er hätte vielleicht gewollt, dass die Besucher ein wenig Spinnen lernen (man kann ein charkha als Souvenir kaufen) oder das eine oder andere Buch wenigstens in die Hand nehmen. Und was hätte er wohl zu den kleinen Puppenstuben gesagt, die im zweiten Stock seine bekanntesten Lebensstationen zeigen, ein ausgefaltetes Bilderbuch sozusagen, eine Art Heiligenbiographie inszeniert in Schaukästen? (#barbiefication) Ach, warum nicht, er war ein Schalk. Rührender jedoch ist, aber vielleicht auch nur für Europäer, der ausgestellte Brief, den er an Hitler schrieb. Es ist ein sehr ernsthafter und sehr bescheidener Brief, der versucht, dem aufsteigenden Diktator die errors of his ways zu zeigen; aber so ganz ohne jeden moralisierenden Zeigefinger, ohne auch nur den geringsten Geruch von Selbstgerechtigkeit, zurückhaltend, argumentierend, immer wieder die eigene Fehlbarkeit betonend – einmal nur möchte man diesen Ton hören in den moralischen Aufgeregtheiten unserer Zeit! Be truthful, gentle and fearless – so steht es auf einem gerahmten Briefauszug, und man denkt, dass das wohl die Essenz von Gandhis Leben ist, die sogar noch einen Brief an Hitler durchtränkt. Wahrheit, Freundlichkeit, Furchtlosigkeit – sind das nicht die besseren großen Worte, wenn man schon große Worte braucht, als unsere alteuroäische Trias von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Schwesterlichkeit (#shaktirules), hätte Gandhi vielleicht sanft eingewendet, der immer mit seiner Frau auftrat, Kasturba, mit der er im Alter von sieben Jahren verlobt worden war, die er im Alter von 13 Jahren heiratete, mit der er nach der Geburt von vier Kindern in sexueller Enthaltsamkeit zusammenlebte, die er pflegte in ihrer Krankheit bis zu ihrem Tod. Und ist es nicht wirklich besser, freundlich zu sein als frei, oder jedenfalls: Wenn man schon den außerordentlichen Vorzug genießt, sich in gewisser Weise frei wähnen zu dürfen, dann doch besser auch freundlich zu sein, furchtlos und vor allem: wahrhaftig? Gandhi war der Mahatma geworden, im Sanskrit heißt das: „große Seele“, ein Ehrenname, den er gefürchtet und später angenommen hat, als Aufforderung und Ziel. Er war Bapu geworden, der Vater der indischen Nation, damit konnte er leben. Ganz sicher war er Gandhiji, der verehrte, respektierte Gandhi – und ist es nicht traurig, dass die deutsche Sprache das nicht mehr hat, ein altmodisches honorific, eigentlich noch niemals hatte, genauso wenig wie ein Namaste? Aber dass Gandhi bei all dem „frei“ war, in dem etwas diffus-zügellosen Sinne, wie wir das Wort heute auf Individuen anwenden – er hätte nur milde gelächelt, ich bin mir ganz sicher, und –

Apropos Gandhiji: Nein, wir erzählen nicht die ganze Lebensgeschichte, sie ist oft genug erzählt worden, obwohl es eine schöne Vorstellung wäre, dass du sie aufgeschrieben hättest, mein weißer Ganesha, notfalls auch mit dem zweiten Elfenbeinzahn. Denn sie hat das Zeug zur Legende, aber meist wird sie als eine europäische, oder zumindest: eine weltbürgerliche Geschichte erzählt. Aber gibt es nicht so viele andere Erzählmöglichkeiten? Warum nicht als Bollywood-Musical (die neun rasas im Gepäck), als Schelmenroman, so wie Salman Rushdie seine Midnight‘s Children erzählt, statt Nasen und Knien träten die abstehenden Ohren als Symbole auf und die Füße, barfuß, durchgetreten, weitgewandert, immer friedlich, freundlich, wahrhaftig, mutig? Oder wenigstens ein klein wenig als indische Geschichte, die dann gleich am Anfang eine kolonialistische Wende nimmt: Wie Mohandas Karamchand in eine wohlhabende Familie geboren wurde, Vater und Großvater waren eine Art Premierminister unter der britischen Kolonialregierung in Westgujarat, politische Ratgeber und hohe Verwaltungsbeamte. Dass die Familie zum jati der bania gehörte, einer Untergruppe der vaishya, der Kaufleute. Dass man zuhause eine monotheistische Form des Hinduismus praktizierte, den Vishnuismus, eine religiöse Richtung, die vor allem die völlige Gewaltfreiheit (ahimsa) und die Verbindung von Geist und Materie lehrte, eine Art indische Metaphysik (#weisheitimschatten). Im Haushalt der Eltern verkehrten jedoch auch Anhänger anderer Religionsgruppen, Muslime, Parsen, Jainisten; der Hinduismus ist in gewisser Hinsicht (in anderer wieder nicht) die toleranteste aller Weltreligionen (#onemoregod, #saffronization). Gandhis Mutter jedoch war tief religiös, und sie fürchtete um ihren Mohandas, als er, wie so viele gebildete, gesellschaftlich hochstehende Inder, zum Studium nach London gehen sollte. Ein Hindu überquerte nicht den Ozean, ein Hindu konsumierte kein Fleisch und keinen Alkohol, das alles waren schädliche westliche Einflüsse! Er zerlegte auch kein Fleisch, weshalb Mohandas untersagt wurde, Medizin zu studieren, was er eigentlich wollte (und was wäre aus ihm geworden, hätte er das getan? eine andere Geschichte, zweifellos). Mohandas jedoch setzte sich durch, er gelobte keinerlei westlichen Versuchungen anheimzufallen (was er einhielt, nach allem was bekannt ist; außer der Indoktrination durch die europäische Aufklärung und ihre Kinder und Stiefkinder natürlich). Und so wurde eine Versammlung der bania einberufen (kein bania war zuvor jemals jenseits des großen Ozeans gewesen!), und die Versammlung beschloss, dass das auch so bleiben würde (der Hinduismus kann die intoleranteste aller Weltreligionen sein) und entzog Gandhi deshalb seine Zugehörigkeit. Und so ward Gandhi, der spätere Mahatma, ein Kastenloser, ein Unberührbarer. Vielleicht war das der erste Schritt, der ihn auf seinen eigentlichen Weg brachte: ein Ausschluss, eine Verbannung von der Mitte der Gesellschaft an ihren Rand (#marginal).
In England angekommen, trat Gandhi der Vegetarischen Gesellschaft bei, ebenso der Theosophischen Gesellschaft. Er beschäftigte sich mit religiöser Literatur, vor allem mit dem Christentum; die Bergpredigt wurde ihm zu einer Erleuchtung, das Alte Testament weniger. Aber er las auch, immer wieder, die Bhagavadgita (#whoisarjuna?), er übersetzte den Text in seinen eigenen indischen Dialekt, das Gujarati (sehen wir Martin Luther durchschimmern, ein europäischer Reformator unter dem indischen Gewand?, #steinedesverstehens). Er nahm aber auch Tanzunterricht und lernte Französisch, er kleidete sich der englischen Mode gemäß, Fotos aus dieser Zeit zeigen einen vollendeten jungen Gentleman von etwas dunklerer Hautfarbe. Nachdem er noch den Eiffelturm bestiegen und die Weltausstellung in Paris besichtigt hatte, legte er das juristische Examen ab – und durfte nun das Recht praktizieren überall dort, wo das britische Recht Geltung hatte: also, natürlich in Indien, wohin er nun, europäische Sprache und Kultur und Ideen über Pressefreiheit, Sozialismus, Anarchie und Pazifismus im Gepäck, zurückreiste – um als erstes zu erfahren, dass die Geschwister ihm den Tod der Mutter verschwiegen hatten. Er versuchte die Wiederaufnahme in seine jati zu erreichen, indem er eine Pilgerreise machte; er bezahlte auch die ihm auferlegte Strafe. Aber er war nun doch, aller Schwüre der Mutter gegenüber zum Trotz, von einigen westlichen bugs infiziert: Seine Kinder sollten europäisch erzogen werden, seine Ehefrau Katsuba sollte lesen und schreiben lernen. Später einmal befragt nach seinen Vorbildern, benannte er eine westöstliche Mischung: den indischen Philosophen Shrima Rajchandra sowie zwei europäische Schriftsteller und Sozialreformatoren, den Russen Leo Tolstoi und den Engländer John Ruskin (ob er wohl auch Rilke gelesen hätte, einen anderen großen Verehrer Tolstois, #rilkeandindia?).

Was wäre aus Gandhi ohne die Engländer geworden, ohne die europäische Lebenserfahrung, ohne das Studium europäischer Ideen, ohne – nun ja, die Besichtigung des Kolonialismus dort, wo er zuhause ist? Und was wäre aus ihm geworden ohne seine tiefen, durchaus traditionellen, durchaus konventionellen indischen Wurzeln? Gandhi war der, der er war, weil er das beste beider Welten gesehen hatte – aber auch ihr schlechtestes; und weil er, unter Schmerzen und Opfern, versuchte, das Beste zu vereinigen und das Schlechteste zu verdrängen. Sein Kampf für die indische Unabhängigkeit war einer gegen eine Unterdrückungsmaschine, nicht gegen Personen oder Kulturen. Und war es nicht, um einem sehr verwegenen Gedanken einen kleinen Raum am Rande zu geben (#marginal), geradezu ein Segen, gegen die Engländer antreten zu dürfen, nicht nur im Cricket, sondern in der Politik? Es war ein klar geschnittener, rational berechenbarer Gegner mehr als Feind, und wie hätte Gandhi sein Konzept des passiven Widerstands, der einfachen Nicht-Kooperation entwickeln können, wenn nicht gegenüber einem Apparat, der genau dies zum Funktionieren benötigte, Kooperation, Gehorsam, Funktionieren? Wie hätte er die gezielte Übertretung von Gesetzen zu einem politischen Mittel machen können, wenn es nicht genau dies gegeben hätte: englische Gesetze, ausformuliert, ausgefeilt, ein System? Gandhi kannte das System, er kannte es von innen, und er entwickelte daraus seine machtvollen Strategien der Gewaltlosigkeit. Institutionelle Gewalt, das konnte man bekämpfen; gegenüber realer, chaotischer, unorganisierter Gewalt wäre er machtlos gewesen. Zum Glück waren es die Engländer und nicht Hitler, dem er später einen freundlichen Brief schreiben sollte –

bremsenhupenglück
Befreit von der Last, Gandhi nun ein wenig Respekt gezollt zu haben, ein inneres Namaste, betritt man die Straße und ist sofort wieder im Mumbai der Gegenwart, umringt von Lärm, Verkehr, Gerüchen, Geräuschen, Rändern und Unvereinbarkeiten. Bremsen, Hupen und Glück, so hatte uns einer der diversen Führer erläutert, die uns Indien nicht erklärten, aber versuchten, uns irgendeine touristenkompatible Version davon zu verkaufen, das seien die drei essentials im indischen Straßenverkehr! Bremsen, Hupen, Glück – eine seltsam dreiköpfige trimurti (nein, den Hinduismus haben wir noch nicht gehabt, er schwebt jetzt anstelle von Gandhi drohend über uns, #barbiefication, #onemoregod, #sanskritiscool), die man mit einem sich immer stärker entwickelnden Sinn für mehrdeutige Symbole, Unterströmungen (#banksofganga) und Ränder (#marginal) nun auszuweiten beginnt: Ist es nicht genau das Gegenspiel von Bremsen und Hupen, von Aktivität und Passivität, das all die indischen Epen prägt, mit ihren vielen Kontrasten, die aber ständig die Seiten wechseln, und husch, ist das, was eben noch schön passiv war (die Frau zum Beispiel, die schöne Gefährtin, die passende Barbie-Puppe zum neuesten Avatar), auf einmal zu einer hyperaktiven, menschen- und männerfressenden Kali geworden! Der Kranz aus Totenköpfen hängt ihr über die Brüste, sie tanzt und brüllt vor Zorn, und man möchte sich schnell wieder verstecken hinter seinen geordneten Dualismen, hier Böse, dort Gut, hier Mann, dort Weib, nicht aber diese unberechenbaren Gestaltwechsler und Vieldeutigkeiten! Das dritte Element der Straßenverkehrs-Trimurti aber, das Glück, es schwebt über allem (#tridentdreieinig), es ist nicht gerecht, es ist nicht fair, es ist nicht verfügbar, nein, man kann es nicht haben! Es muss über einen kommen, von oben, und am besten ist es, einfach nur daran zu glauben und ihm kleine Opfer zu bringen. Deshalb haben die meisten Taxis einen portablen Mini-Altar, er sitzt auf dem Armaturenbrett in der Mitte, und meist ist er Ganesha gewidmet, dem elefantenköpfigen Gott, dem, der die Frauen beglückt und die Hindernisse entfernt, dir, mein hundertfältiger Ganesha – und das tut er auch, im Straßenverkehr, tausendfach in jeder Sekunde, offensichtlich tut er das, denn mit Logik oder Bewegungsgesetzen oder gar Straßenverkehrsordnungen ist das nicht getan. Nein, viele, viele Ganeshas sind unterwegs, sie schweben über den tuk-tuks und den Taxis, den Ubers und den Bussen, den Fahrrädern und den Mopeds – und leider auch über den Jeeps, ist man gelegentlich versucht zu denken, wenn man sie in ihrer nachtschwarzen Arroganz vorbeigleiten sieht – und sie schlafen niemals, wie die Hunde (#let-sleepingdogslie) –

Apropos Ganesha, mein Ganesha, ich rede einmal mehr über deinen großen weißen Elefantenkopf hinweg, das ist eine alteuropäische Unsitte, hunderttausend Verse würden nicht ausreichen für dich (#lossofwords)! Aber lass mich erzählen, was ich meine verstanden zu haben und nicht verstanden zu haben. Schon über deine Geburt berichten viele verschiedene Geschichten, ihr Kern ist die Klärung der Frage, wie du zu deinem Elefantenkopf gekommen bist. Ziemlich sicher ist deine Mutter Parvati, die Gefährtin Shivas (des Gottes der universalen Destruktion, der „produktiven Disruptivität“, wie wir heute sagen würden, damit wir wieder einen Begriff gezähmt haben, der unbezähmbar schien). Die meisten Geschichten sind sich einig, dass sie dich, Ganesha, irgendwie und warum auch immer, selbst gemacht hat: Sie hat dich entweder aus Lehm geformt und mit Gangeswasser übergossen (ein indischer Golem, getauft in den banksofganga); als Shiva dann nach Hause kam und du als Wache vor der Tür saßest, schlug er dir sicherheitshalber erstmal den Kopf ab, man weiß als Vater ja nie, woher das Kind kommt, zumal wenn es so plötzlich kommt. Aber zum Glück konnte das familiäre Versehen behoben werden, indem dein Menschenkopf durch einen gerade verfügbaren Elefantenkopf ersetzt wurde, wodurch auch, irgendwie, der Sohn Shivas aus dir wurde (Die vertauschten Köpfe, so lautet der Titel einer sehr lesenswerten indischen Erzählung von Thomas Mann, und wenn man wissen will, was der tiefere Sinn eines solchen Köpfetausches aus europäischer Perspektive ist, soll man sie lesen). Andere Version: Shiva war mal wieder unterwegs, Meditation und Bogenschießen wahrscheinlich, die alleingelassene Ehefrau formte sich ersatzweise – Vorsicht, extrem unappetitliches Detail! – aus dem Schorf ihres Körpers, untermischt mit Salben und – was sonst – Gangeswasser einen kleinen Ganesha, dem Shiva dann wieder aus Zorn den Kopf abschlug (wahrscheinlich schlecht getroffen beim Bogenschießen), und wiederum kam zufällig ein Elefant vorbei, der flugs den Kopf verlor (na gut, also, bei Thomas Mann, ich erzähle dir die Geschichte ganz kurz, mein Ganesha: tauschen zwei Freunde, sehr unterschiedlich in ihrer ganzen Art, der eine mehr Kopfmensch, der andere mehr der Bauchtyp, die sich in die gleiche Frau verlieben, in einer komplizierten Geschichte Kopf und Bauch aus; und daraus erfolgt – bemerkenswerterweise mehr oder weniger nichts, am Ende sind alle tot, gemeinsamer sati, und diese Verweigerung eines eindeutigen Endes und eines tieferen Sinne ist schon eine ziemlich indische Leistung für den Tiefeneuropäer Thomas Mann!). Ganesha jedoch, oder eine Art europäisierter Avatar von dir, mein Ganesha, geistert seitdem durch die Geschichten und durch die indische Populärkultur, er ist sogar weltweit schon zu einem gewissen Ruhm gekommen! Denn er gilt als reich (dicker Bauch), er sitzt auf einer Maus oder Ratte (Symbol für Intelligenz) und hat mehrere Arme, was eigentlich immer praktisch ist. Außerdem hat er meist eine Schale voller Süßigkeiten vor sich, er isst nämlich ziemlich gern; aber er darf auch, weil er sonst so unermüdlich der Spiritualität auf den Versen ist. Und außerdem hat er, hast du das Mahabharata aufgeschrieben, mein Ganesha, in dem die gesamte indische Weisheit konzentriert – nein, natürlich nicht konzentriert, sondern ins Endlose ausgebreitet, verstrickt, ausgesponnen – erscheint (#metrotalk), mit deinem Stoßzahn, und wenn das nicht skin in the game ist, weiß ich es nicht. Am Anfang waren nicht nur der Weise und das Wort; am Anfang war auch der Elefant, und ohne ihn –

letsleepingdogslie
Auf der Straße allerdings trifft man mehr Hunde. Sie sind sehr friedlich, geradezu als hätten sie alle Gandhi tiefenverinnerlicht; zwar hatte man uns Europäer gewarnt, wir sollten uns gegen Tollwut impfen lassen, der wilden Hunde wegen, aber diese Hunde – nun, sie schlafen lieber. Der durchschnittliche deutsche Schäferhund ist wilder und toller. Auch die Hundetruppen, die einem in Südeuropa gelegentlich begegnen und einen kleineren Ort auf dem Land schon einmal terrorisieren können, müssen andere Hunde seien. Indische Hunde, zumindest in Delhi und Mumbai, interessieren sich einfach nicht für Leute. Sie sind alle von einer undefinierbaren Rasse, eher klein als groß, eher braun als schwarz, eher gut genährt als mager; kurzes Fell, man möchte fast sagen: pflegeleicht, wenn auch nicht ganz wohlgepflegt. Man weiß nicht, wovon sie leben, aber das weiß man sowieso bei den anderen Tieren auch nicht, jedenfalls als Tourist. Als Affe hingegen weiß man, dass man jeden Dienstag an der großen Straße entlang den Mauern der Delhi University seine Bananen bekommt. Dienstags sitzen die Affen, sehr zierlich und wohlerzogen, auf der Mauer zum Park und warten auf ihre Bananen. In Deutschland müssten sie wahrscheinlich ein Formular ausfüllen, oder sie würden gewogen, um zu berechnen, wer wie viele Bananen bekommen darf, und die Bananen könnten als Spende von der Steuer abgesetzt werden. Sie sehen aber gar nicht streitlustig aus, die Affen, so wenig wie die Hunde. Die Katzen, nun gut, sie sind eher auf der mageren Seite, sie bewohnen Höfe, wo man unter sich ist, ein ganzer Katzenclan natürlich, mag sein, dass auch sie ihre jatis haben (#casteandbody). Und wovon die Geier lebten, das wusste man (#vulturecrisis). Jetzt kreisen die Milane über Delhi und Mumbai, sie kreisen über den Slums und den Luxushotels, über den Hochhäusern und den Tempeln, über den Straßen und den Parks, sie machen keinen Unterschied. Tiere sind allgegenwärtig, sie gehören dazu, sie sind dabei, und sie stören niemand. Auf dem Gelände der Nehru University in Delhi zum Beispiel wohnen Flughunde. Sie hängen in den großen Bäumen wie monströse dunkle Früchte, einer am anderen; und erst, als man uns darauf aufmerksam macht, sehen wir, dass diese Früchte fliegen können. Wenn sie ihre Fledermausflügel weit aufspannen, können sie es locker mit den Gleitaaren aufnehmen; aber sie fliegen lautlos, sie gleiten eher von Baum zu Baum, in gespenstischer Stille (#veilsofsilence), und falten sich beim Landen wieder zu einer monströsen schwarzbraunen Frucht zusammen. Unten aber marschiert ein weißer Reiher vorbei, voll Anmut, Seelenruhe und auf hohen Beinen; er ist das Gegenteil, das völlige Gegenteil der Flughunde (#nosesandknees). Ein Reiher sein, das kann man sich vorstellen. In Sanskrit heißt er baka, und es gibt eine Yoga-Stellung, ein asana, das nach ihm benannt ist und das so furchtbar schwierig ist, dass man doch vielleicht lieber ein Flughund sein möchte (dafür gibt es aber kein asana). Hingegen gibt es ein asana für den Pfau, denn auch Pfauen begegnen wir gelegentlich am frühen Morgen auf dem Campus; und ihr asana ist noch schwieriger als der Reiher. Vielleicht am Ende doch – die Papageien? Grünrot sitzen sie in den Bäumen, kaum sieht man sie, aber man hört sie, wie sie sich unterhalten, es sind nämlich meistens Paare; und nein, auch für den Papagei kein Asana. Zu menschenähnlich? Es gibt auch kein asana, das ‚Mensch‘ heißt; allerdings gibt es den Tänzer, den Helden, das Kind, den Embryo, den Clown. Der Clown steht auf dem Kopf. Puppen und Engel, das sind die Extreme des Menschen (sagt Rilke, #rilkeandindia). Flughunde und Reiher sind die Extreme der Flugwelt; und doch, wenn das Rad der Wiedergeburt sich dreht –

theyogaway
Apropos Yoga, mein Ganesha, du brauchst kein Yoga, du bist Yoga – aber ich schon, denn in Deutschland macht jede Frau in oder nach den Wechseljahren Yoga, das scheint so eine Art von Seelenwanderung zu sein, inklusive Wellnessdress und Entspannungsübung. Yoga im Vollsinn, Sanskrit für so seltsame Tätigkeiten wie zusammenbinden, anschirren, anspannen (#sanskritiscool), ist – eine Religion, eine Lebenslehre, ein Erkenntnissystem, eine Diät, eine Therapie und ein Weg zum Heil; und das Anspannen und Zusammenbinden ist nur die eine der beiden Hälften, die das Yoga sogar in seiner vereinfachtesten Form noch ist, und die andere ist das Entspannen und das Loslassen, und beide gehören zusammen und beide vollziehen sich in jedem Atemzug und am vollendetsten in der Meditation des Weisen und des saddhus, die ihr ganzes Leben genau darauf konzentriert haben: Anspannen – und wieder loslassen, in stetem Wechsel, im Rhythmus des Lebens und des allumfassenden brahma. Und wenn man gerade meint verstanden zu haben, dass es Gegensätze nicht gibt, dass sie eins sind im Untergrund, Hintergrund, Urtext, Subtext – dann liest man in den Midnight‘s Children (#nosesandknees), dass es noch viel schlimmer ist: Innen und Außen, die ewigen Gegensätze, gehören nicht nur zusammen, nein, sie können auch die Rollen tauschen: „Because a human being, inside himself, is anything but a whole, anything but homogenous; all kinds of everywhichthing are jumbled up inside him, and he is one person one minute and another the next. The body, on the other hand, is homogenous as anything, Indivisible, a one-piece-suit, a sacred temple, if you will.” Sagt er das nicht schön, euer Salman Rushdie? Der Körper ist die freundliche, versöhnte Einheit, der heilige Tempel; der Geist der ewige Störenfried, das Kuddelmuddel, die Unbeständigkeit. Die alteuropäische Metaphysik wird schamrot und schweigt. Ach, warum lehrt man die Kinder nicht Yoga in den Schulen, damit sie –

veilsofsilence
Aber wie soll man etwas erklären mit Worten, das man nur verstehen kann, wenn man es mit dem ganzen Körper und dem zerstreuten Geist tut, vollzieht, wie ein monumentales Namaste, und zwar nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder, jeden Tag aufs Neue und jeden Tag ein bisschen weiter, und am Ende hat man vor allem eines erreicht: völlige Stille und ein Land jenseits der Wörter? Während man durch den Geräuschdschungel von Mumbai navigiert, springt einen plötzlich die Erkenntnis an (oder war es ein Gefühl?), wie nötig es hier ist, die Stille zu lernen. Amitav Ghosh kommt mir in den Sinn, der Philosoph unter den indischen Autoren der Gegenwart, in seinem Calcutta Chromosome, einem Wissenschafts- und Indien- und Geschichtsroman (ach, Kategorien ...) endet alles – in der Suche nach der Stille: „Mistaken are those who imagine that silence is without life; that it is inanimate, without either spirit or voice. It is not: Indeed the Word is to this silence, what the shadow is to the foreshadowed, what the veil is to the eyes, what the mind is to truth, what language is to life”. Ein Schleier, das ist die Stille; wie die Sprache, wie der Schatten, wie der menschliche Verstand. In Indien kann man hören lernen, man kann in all dem Lärm die Stille hören lernen. Natürlich ist man unendlich beschäftigt mit Sehen, man sieht so gerne viele bunte Dinge, aber das Sehen sieht nur die maya, den ewigen Schein; die maya ist schön, so schön, sie glänzt und lenkt ab und verwirrt und betäubt die Sinne. Auch die Wörter, die Begriffe, die Kategorien, sie sind nichts als Buchstaben-maya, Schleier des Verstandes, und die Gelehrten schmücken sich damit, die Weisen aber, die saddhus, sie schweigen. Und wenn man ganz still geworden ist, kann man das Om hören, den Urlaut; man kann ihn klingen lassen, schwingen lassen, im Körper, der eine Einheit ist, im Atem, im Puls, im Strom der Körpersäfte, im Energieaustausch. Das ist Yoga. Vielleicht, wenn man lange genug geübt hat (und lange heißt, im Geist der Epen: einige Jahrhunderte, mindestens bis zum nächsten yuga), kann man das Om vielleicht auch sehen. Welche Farbe es wohl hat? Ist es Safranfarben? –

bestmarigold
Wenn die Ringelblumendichte zunimmt, nähert man sich einem Hindu-Tempel. An unzähligen Straßenständen werden sie gebunden, geflochten, arrangiert, ihr kräftiges Gelb und Orange zieht die Augen magisch an (#mayaisbeautiful), es ist das indische Orange, der Safranton (#saffronization) der Flagge vor dem Grün der Blätter – aber sieht man in einer Ringelblume nicht auch das Sonnenrad oder Gandhis Spinnrad, ganz in der Mitte der indischen Flagge? Ringelblume, Calendula officinalis, oder englisch: marigold; ein wahres Mauerblümchen in deutschen Gärten, anspruchslos, selbstvermehrend und ursprünglich – aus Indien; eine heilige Pflanze bis heute, üppig verstreut bei Hochzeiten und allgegenwärtig in jedem noch so kleinen Tempelopfer. Immer wieder sehen wir an Bäumen kleine Ringelblumenaltäre; ein Abziehbildchen von Ganesha oder von irgendeinem kleineren Gott (#onemoregod), geschmückt, erhoben, spiritualisiert durch einen Kranz von Ringelblumen. Niemals aber sehen wir ein Ringelblumenfeld; irgendwo muss es sie sicherlich geben, auf dem Land vielleicht, falls es irgendwo ein Land hinter diesen unendlichen Städten gibt, vielleicht ist es aber auch – Magie, und die Ringelblumen vermehren sich durch reine Spiritualität ganz von selbst, florale Jungfrauengeburten aus dem Geist der Wunschkuh. Sie leiten uns zu kleinen Altären, in einem Tempel versteckt, in den man von der Straße hineinschaut wie in ein hell erleuchtetes Wohnzimmer, es riecht nach Spezereien (auf einmal mag man Weihrauch?), und niemals würde man wagen, den heiligen Raum ohne Einladung zu betreten. Oder in Schuhen. Oder mit dem eigenen abgebrauchten Alltagsgesicht, dem überheblichen Bescheidwissen im Kopf oder auch nur dem ewig bilderhungrigen Blick des Touristen. Dies ist ein Tempel. Keine Kirche; Kirchen sind Orte, die von Pfarrern verwaltet werden. Tempel sind Orte, wo Götter wohnen und wo man sie, gelegentlich, in gehobener Stimmung und mit würdigen Gaben, besuchen darf. Belohnt wird man mit Stille. Mit Schweigen (#veilsofsilence). Mit dem dahinschwindenden Duft von Ringelblumen –

sikhsandvoltaire
Am Abend, nach einem lauten Tag voller Verkehrsgedröhn und Stimmenwirrwarr, gehen wir in den Sikh-Tempel, er ist unweit von unserem Hotel gelegen und sein weißes Tor zieht den Blick magisch an (#whitewonder). Viele Menschen strömen durch das Tor in der beginnenden Dämmerung, ganze Familien, entspannt, nicht laut, so als würde man am Abend einen kleinen Bummel in der mall machen. Es ist aber kein Einkaufspalast, sondern es ist eine kleine Stadt, und sie hat keine Geschäfte, sondern viele praktische Dinge: eine Schule, eine große Kochstelle, eine Bibliothek, ein Museum, sogar ein kleines Krankenhaus! Ach, wie schön, dass es nichts zu kaufen gibt, keine Händler, keine Straßenstände, gar nichts! Alles strahlt in diesem etwas unwirklichen Weiß, es ist so sauber, es ist so – nicht ganz still, sondern gedämpft, es ist so freundlich, dass man unwillkürlich alles fallen lässt. Mit den Schuhen zieht man den Alltag aus, man gibt sie an einem wohlgeordneten Schalter ab und macht ein kleines Namaste, zum Glück hat man rechtzeitig daran gedacht. Man watet durch das Becken, wie alle anderen, und steigt die Stufen zum Tempel hinauf, dessen goldene Kuppel man nun schon fast sehen kann. Das Gold leuchtet mit dem Weiß um die Wette; es ist Pracht, aber es ist keine kalte, harte Pracht, trotz des marmornen Weißes, es ist eine sanft leuchtende Pracht, sie leuchtet von innen heraus und berührt einen direkt an der Seele. Man nimmt die Kopfbedeckung, die alle tragen, auch die Männer; mit dem orangenen Kopftuch verschwindet das Ich, abtun, fallen lassen, endlich, und man versteht auf einmal, jenseits aller Ideologie, Verschleierung: Sie richtet sich nicht nach außen, sie richtet sich nach innen, woher hätte man das wissen können? Und dann wandelt man, in einer informellen Prozession, unter dem sanft leiernden Klang der Rezitation durch die Lautsprecherreihe über den Teppich hinweg, man versteht kein Wort, man muss auch kein Wort verstehen, wichtig ist nur, dass einer predigt, dass einer im Zentrum sitzt, direkt unter der goldenen Kuppel und spricht für uns alle, spricht jenseits von Worten und Ideen, damit gesprochen werde, von Gott oder dem göttlichen Prinzip. Langsam ziehen wir ein, über den Teppich, durch das Tor, in den Tempel, langsam kreisen wir um sein Zentrum, den sprechenden guru, allzu gern würde man sich dazusetzen zu den Lauschenden, sie sehen nicht angestrengt aus, sondern wohlig entspannt, sie hören nicht zu, sie hören in sich hinein, so meint man wenigstens zu sehen, aber das wäre wohl – eine Überschreitung. Man würde stören, trotz der baren Füße und dem orangenen Kopftuch, man wäre ein Fremdkörper in einem Körper – aber vielleicht auch nicht. Aber draußen wartet unter dem abendlich sich rötenden Himmel das große Becken, der sarovar, ein heiliges Becken, die Familien tauchen ehrfurchtsvoll die Füße ein und betupfen die Stirn, es ist nicht Ganges-Wasser, aber es ist heiliges Wasser, das einst die Kranken geheilt hat und auch heute noch aus der gleichen Quelle sprudelt. Die ersten Lichter der gurdwara spiegeln sich im stillen Wasser, und wenn man den Blick über das magische Geviert erhebt, sieht man mit Erstaunen die umstehenden Hochhäuser wie eine andere, wie eine kranke Welt, die in die Höhe strebt, obwohl doch eigentlich hier, in der Tiefe, das Leben ist. Es ist ein wenig wie das himmlische Jerusalem, aber mit Lautsprechern; es ist wie ein Paradiesgarten, aber mit Handyempfang; es ist eine Oase, aber sie ist mitten im Alltag und hat ein Krankenhaus, und zum Glück keine –

Apropos Sikhs und Voltaire, mein Ganesha, das kannst du nun wirklich nicht verstehen, also erzähle ich dir eine indisch-europäische Geschichte: Gurudwara Bangla Sahib ist einer der größten und berühmtesten Sikh-Tempel, er geht zurück auf den achten Sikh Guru, und wurde 1783 erbaut (in Europa nahm gerade die Französische Revolution ihren Anlauf, eine in einigen Facetten beinahe indisch zu nennende Angelegenheit: Terror und Freiheit verschlungen wie eine tanzende Kali über Totenköpfen). Er wurde errichtet über einer Quelle, aus der der achte Guru gut hundert Jahre zuvor heilendes Wasser an die Cholera-Kranken verteilt hatte, Europa hatte sich zu dieser Zeit gerade erst vom dreißigjährigen Krieg und der Pest einigermaßen erholt. Die Sikhs sind, das ist erstaunlich wenig bekannt bei uns, eine der größten Religionsgemeinschaften weltweit, rund 25 Millionen Anhänger, die meisten in Indien. Es ist eine – nun, in Europa würden wir sagen: hochaufgeklärte Religion. Sie ist monotheistisch und verehrt einen Schöpfergott, der weder Mann oder Frau ist, sondern formloses Wesen, unendlich, unfassbar, aber auch unendlich liebend, alles beseelend. Sie bekämpft den Aberglauben und religiöse Rituale, sie lehnt das Kastensystem ab, sie hat keine Dogmen, sondern versucht, die Religion für den Alltag fruchtbar zu machen. Es gibt keine Priester, keine Klöster, keine Pilgerfahrten, keine Einsiedler, aber dafür Krankenhäuser, Schulen, Bibliotheken – jeder selbst ist für seine Religion verantwortlich, aber auch für sein Leben. Denn nur wer ein tugendhaftes Leben führt, verehrt Gott auf die rechte Art und Weise; nicht endlose Spekulation, nicht Rückzug aus der Gesellschaft, sondern ein erfülltes Familienleben und der Dienst an der Gemeinschaft machen den Menschen Gott wohlgefällig. Ein Deist wie unser alter Voltaire hätte seine reine Freude gehabt an den Sikhs!

Voltaire übrigens, und vor allem deshalb beschwöre ich einen sehr alteuropäischen Philosophen – nein, einen Freidenker, ach was, einen Philosophen! – hier herbei: Voltaire hat in seinen Schriften häufig Brahmanen herbeizitiert. Und er hat eine kleine Geschichte geschrieben, sie heißt Die Geschichte eines guten Brahmanen, und die wesentliche Erkenntnis, die sie vermittelt, ist: Wer auf dieser Welt klug ist und Dinge weiß und viel nachdenkt – ist unglücklich, nicht zufällig, oh nein: systematisch und notwendig (sagt der gute Brahmane, der klug ist und Dinge weiß und viel nachgedacht hat). Wer hingegen, wie die alte Hindufrau aus seiner Nachbarschaft, ein wenig einfältig ist und noch niemals über irgendetwas nachgedacht hat und von ganzem Herzen an alle Götter des Hinduismus samt ihren Widersprüchen glaubt – der kann ganz vergnügt leben. Sagt der gute Brahmane; und dass er trotzdem nicht mit ihr tauschen möchte. Und der Erzähler der Geschichte legt die Frage vielen weiteren Philosophen vor, er fragt sie, wie es denn möglich sein kann, weise zu sein und unglücklich und trotzdem die – doch eigentlich weise oder wenigstens kluge? – Folgerung abzulehnen, dann lieber dumm zu sein, aber glücklich? Keiner kann es erklären, und alle wollen trotzdem lieber unglückliche Weise und Philosophen sein. Und der Erzähler schließt die kleine Geschichte mit den Worten: „Wie kann man sich diesen Widerspruch zurechtlegen? Wie alle anderen. Es lässt sich viel darüber sagen.“ Ich bin mir nicht sicher, mein Ganesha, ob ich die Geschichte richtig verstanden habe. Ich war mir doch früher, vor meiner indianexperience, auch sicher, dass ich einiges weiß und ziemlich viel nachgedacht habe, und natürlich hätte ich nie, niemals, gar keines Falles tauschen wollen mit der zufriedenen alten Frau! Aber dann hatte ich einen kleinen indischen Moment, auf einmal fand ich den Schluss ziemlich lustig, und ich sah den alten Voltaire schelmisch grinsen, man hätte sehr leicht einen saddhu aus ihm machen können, rein äußerlich jedenfalls: Es lässt sich viel darüber sagen. Aber eben auch das Gegenteil, nämlich wenig bis gar nichts. Es macht gar keinen Unterschied. Ach ja, die Worte (#lossofwords) –


Draußen aber ist immer noch die indianexperience, ungedämpft. Draußen ist, zum Beispiel Tata; überall sieht und findet man Tata, den indischen Großkonzern schlechthin. Sein blaues Firmenlogo ist ein Gegenbild zu dem in sich kreisenden Gandhi‘schen Spinnrad: Es symbolisiert eine Art Straßenkreuzung, die weißen Wege auf blauen Grund führen aus dem Kreis hinaus. Das Logo prangt auf Autos, Bussen, sogar auf Lokomotiven; man sieht es auf Getränken, auf Tee wie auf Mineralwasser. Tata macht Telekommunikation, Tata macht Chemie, Tata macht Hotels und Tata macht, immer noch, Stahl. Natürlich macht Tata auch Bollywood, es gibt einen eigenen Fernsehkanal. Angefangen aber haben sie einmal, immerhin, mit einer Spinnerei. Tata ist, auf Sanskrit, ein Ufer, Abhang oder Feld; etwas, das ausgedehnt, ausgestreckt, weit ist. Tata ist schließlich, auf Sanskrit wie auf Latein (#sans-kritiscool), wie auch auf jiddisch, russisch, spanisch, sorbisch und noch einigen anderen Sprachen, der Kosename für den Vater. Kann ein Wort indischer sein?

indianeconomy
Aber daneben, am Rande von Tata, darunter (#marginal) gibt es die Müllwirtschaft von Annawadi; oder es gibt die Großwäscherei in Mumbai, Dhobi Ghat. Sie hat sich in einer Art Senke eingerichtet, man fühlt sich von fern an Banganga Tank oder den Sarova im Sikh-Tempel erinnert: Bassins, in denen ein unabhängiges Leben stattfindet, gerahmt von unwirklichen Hochhauskulissen (leben dort wirklich Menschen, oder dienen sie nur als Kulisse für die Flugshow der Gleitaare?) und der Eisenbahn, der großen Menschenschleuder mit ihren Flyovers und überquellenden Vorstadtzügen. Dieses Leben ist ein Flickenteppich von Farben und Formen in einer seltsamen Mischung aus Ordnung und Unordnung: Geordnet hängen die Hoteluniformen auf Leinen gespannt, sortiert nach Farben, dazwischen aber wehen vielfarbige Tücher, zum Trocknen ausgelegt, in den grellbunten Farben Indiens (#saffronization). Es gibt auch einen Bollywood-Film über Dhobi Ghat; natürlich ist es eine Aufstiegsgeschichte (#indianbildungsroman). Oben auf dem Flyover stehen die Touristen und fotografieren. Die Greifvögel ziehen ihre Kreise. Was ist Reinheit? Was Ordnung? Abends gehen wir über den Chor Bazaar, den Diebesmarkt (den despektierlichen Namen erhielt er, weil angeblich alles, was im Mumbai abhandenkommt – Queen Victorias Geige beispielsweise, bei einem Visit to Mumbai – auf dem Chor Bazaar wieder auftaucht), die Gassen sind gedrängt voller Menschen, man stößt aber selten an (#dontlookback), und von oben schauen auf der einen Seite die metallen glänzenden Türme der Bank of India herab, von der anderen Seite ruft ein Minarett zum Gebet. Unten aber, in den Schluchten des Markts, fällt so wenig Licht herab, dass es kaum zum Fotografieren reicht. Und was sollte man fotografieren? Stillleben der wunderlichsten Art. Mal sortiert, mal unsortiert. Dort gibt es Fotoapparate, jeden Alters, jeder Größe, jeder Marke, aber garantiert keiner jünger als dreißig Jahre; dort stapeln sich, gefährlich über der Gasse schwebend, Stühle, keiner sieht so aus, als habe er noch alle seine Beine, aber wer weiß, es wird sich schon etwas damit anfangen lassen! Autoteile, sorgsam getrennt (#onemoregod); Filmplakate; Töpfe, alle Größen, alle Formen; Tücher natürlich, Decken, T-Shirts, billig, billig, billig, über die Gasse gehängt Baby-Schlafsäcke. In der Ecke schläft eine marmorne Venus, sie hat schamhaft ein Tuch umgehängt bekommen, vielleicht wacht sie nachts auf und wird zur männermordenden Kali? Ein Buddha hat sich zu einem Porzellanpferd, einer Kuckucksuhr und einem Perlmutt-Teeservice gesellt; es sieht aus, als führten sie eine heimliche Unterhaltung im gedämpften gelben Licht, wie bei Alice in Wonderland, und der Kuckuck streckt seine Nase zwar niemals mehr hervor, lauscht aber allem, was der geduldige Buddha zu sagen hat, bevor man dann zusammen eine Schale Tee schlürft. Ein paar Straßen weiter wird es vornehmer: Geschirrfachhändler konkurrieren mit bunten Sari-Stoffen, Kräutern, Gewürzen, Ringelblumenkränzen (#bestmarigold) – denn, unfehlbar, führt die Gasse nun auf einen buddhistischen Tempel zu, der zudem als eine Art Asyl für alte, kränkliche Kühe dient, ein cow shelter. Denn Kühe und Indien –

wunschkuh

Apropos heilige Kühe, mein Ganesha: Natürlich kennt jeder bei uns die indischen „heiligen Kühe“, sie stehen nicht nur für ein religiöses Gebot, sondern sind eine bildliche Umschreibung eines Tabus (und, im Subtext, eines relativ unsinnigen dazu). In den indischen Straßen begegnet man freundlich wiederkäuenden Rindviechern, sie tragen die imponierenden Hörner ihrer Heiligkeit mit Gelassenheit und mümmeln den herumliegenden Müll; ihr Dung wird sorgsam aufgesammelt und findet vielfältige Verwendung (#indianeconomy). Die heiligste aller heiligen Kühe jedoch ist die Wunschkuh, Kamadhenu. Kamadhenu nämlich ist die Mutter aller Kühe im Hinduismus, von ihrer Geburt und ihren Wundern berichten die großen Epen, du weißt es Ganesha, nicht unterscheidender Schreiber endlos verschlungener Schriften, du weißt es: Sie berichten unterschiedliche Geschichten. Klar ist, dass sie das Prinzip der göttlichen Fülle verkörpert; sie gehört zur großen Mutter Devi und ist verbunden mit der Erde, die alles hervorbringt und alle ernährt. Ein wenig sieht sie auf den vielen bildlichen Darstellung aus wie der weiße Stier, in den sich Zeus verwandelte, um die unschuldige Europa zu ent- und verführen (Europa ist das Ergebnis einer verschleierten Vergewaltigung, mein Ganesha, das wird gern verschwiegen). Kamadhenu ist nicht kämpferisch (obwohl sie auch Kämpfer gebiert), sie hat freundlichen Hörner, die für die Götter stehen, mit Sonne und Mond als Augen, einem weiblichen Lächeln; ihre Beine sind die Veden oder der Himalaya, ihre Schultern der Wind- und der Feuergott, und in ihrem wohlig gerundeten Bauch hat alles Platz, alle Götter, alle Menschen und der kosmische Milch-See selbst, aus dem sie hervorgegangen sein soll. Wer würde jemals einer Wunschkuh etwas zuleide tun? Sie spuckt nicht Goldtaler wie unser Goldesel im Märchen, nein, sie ist die Mutter aller echten, ernsten Wünsche, und in ihren vielen Mägen verarbeitet sie den Müll der Welt zur reinen Milch der Andacht. Kein Tempel ist ihr geweiht; aber jede Kuh, die am Rand einer Bahnstrecke in einem Müllhaufen wühlt, ist ihr avatar. Denn Indiens Götter sind eine große Inklusionsgesellschaft, und in ihr haben Tiere einen Platz neben Männern und Frauen und allem Elefantenköpfigen dazwischen –

– Eine Wunschkuh auf dem Teller aber heißt thali. Auf einem Tablett haben sich eine Unzahl von kleinen Töpfen und Pfännchen versammelt, flankiert von verschiedenen Broten, gerahmt mit süßen Bällchen, dazu buttrige Milch. Kaum weiß man, womit beginnen (#metrotalk), vielleicht in der Mitte? Die Kellner umtanzen uns, kaum zeigt eines der Töpfchen nur noch einen halben Füllstand an, wird nachserviert. Ein wenig Brot? Nein, nein, Kopfschütteln, es ist doch alles viel zu viel! Kopfschütteln bedeutet jedoch in Indien, jedenfalls wenn es sehr schnell und etwas schwankend ist, eher ein Ja, vielleicht aber auch ein Vielleicht, und es hat einen guten Grund, dass ein YouTube-Video über indian headshakes Millionenmal abgerufen wurde. Derweil arbeiten wir noch an unserem thali, es ist Valentins-Tag, das Restaurant füllt sich nach und nach mit indischen Großfamilien, und langsam beginnt die anfangs etwas einschüchternde Anzahl der Kellner Sinn zu machen. Haben wir inzwischen schon alle sechs Geschmacksrichtungen gefunden? Denn ein ordentliches thali hat nicht ganz so viele Geschmacksrichtungen wie es rasas gibt, aber immerhin sechs: süß, salzig, bitter, sauer, scharf und herb-zusammenziehend. Es hat das alles, tendenziell und für europäische Geschmäcker, im Übermaß, und gelegentlich gelingt es sogar, das Süße mit dem Scharfen zu unterlegen, das überhaupt der Grundton für alle Geschmacksrichtungen ist. Noch ein wenig Buttermilch? Kopfschütteln, nein, Wackeln, nein, am besten die Hände abwehrend ausstrecken – das ist die Geste, die wir uns auch im Straßenverkehr angewöhnt haben, sie ist – relativ – eindeutig, wenn sie energisch und entschieden ausgeführt wird, eine Art noli me tangere, das einen noch unentschlossenen Taxifahrer gelegentlich zu einem schwachen Bremsen bewegen kann, aber man braucht auch Glück (#bremsenhupenglück). Gleichzeitig verspürt man, während man die Hände energisch abwehrend ausstreckt, wie die Entschiedenheit in einem wächst. Es ist wie beim Namaste, das man leider wieder vergessen hat vor den siebenköpfigen Kellnern. Es ist die Lehre des Yoga, es ist eine der grundlegenden indischen Weisheiten, und die Veden haben viele Formeln dafür gefunden (z.B. das Bogenschießen, #whoisarjuna): Wenn man eine Geste aus dem ganzen Körper heraus vollführt, folgt die Seele, die uneinheitlich-launische, für einen Moment nach. Wichtiger als ein richtiger Gedanke ist eine schöne Bewegung. Nein, wirklich kein thali mehr, auch wenn das Süße lockt und das Scharfe die Tränen fließen lässt, auch wenn es Valentinstag ist in Indien und alle Kellner kleine Ganeshas sind, wir haben fertig. Vielleicht noch ein Häppchen Mango, für den Heimweg? Die Mango, die indische Frucht schlechthin, schon die ersten Missionare und die Handelsleute, die ihnen auf den Fersen waren (vielleicht war es aber auch umgekehrt), berichteten von der Mango. Seit ich in Indien Mangos gegessen haben, bin ich davon überzeugt, dass die Paradiesfrucht eine Mango war; ein Apfel reicht einfach nicht aus. Das tiefgelbe bis schillernd orangene Fruchtfleisch, die leicht harzig duftende grüne Schale, das weiche Herz, die Druckempfindlichkeit, die Süße, die geradezu himmlische Süße, die doch leicht saure Aspekte hat (und zum Glück, niemals, einen scharfen Unterton!). Mangos sind Indien-Essenz –

saffronization
Apropos saffronization, mein Ganesha, reden wir noch einmal über Politik, es muss sein: Wenn ein Land eine Farbe hat, dann ist das dein Indien. Indien ist safrangelb-orange, es ist die Farbe der Ringelblume, es ist das gelb-rötliche des Hennas, mit dem die saddhus ihre Haare und ihre Roben färben und mit dem die Hände der Bräute über und über bemalt werden. Es ist eine schöne Farbe, eine lebendige, sie bildet einen angenehmen Kontrast zum frischen Grün der Flagge, sie lässt an die Sonne denken und an exotische Früchte, Mangos, Papayas, Orangen. Insofern war es ein ziemlich kluger, aber auch ein wenig vertrackter Gedanke der BJP, die derzeitige Kultur- und Bildungspolitik als saffronization zu bezeichnen: eine planmäßig durchgeführte ideologische Einfärbung der doch recht wechselhaften indischen Historie zu einer hinduistischen Erfolgsgeschichte und einem starken Identitätsmodell, verbunden mit der hindutva, dem schwer definierbar zwischen Rasse, Kultur und Religion schwebenden Idealbegriff des Hindutums. Ausgerechnet des Hinduismus, ist man als kulturell fernstehender und spirituell eher mangelhaft begabter Europäer geneigt hinzuzufügen, der Religion also, die sich durchaus zu Recht als die toleranteste der großen Weltreligionen sieht (#onemoregod)! Waren es nicht die Hindus, die sich den Jesuitenmönchen, die kurz nach der Entdeckung Indiens durch Vasco da Gama hier eintrafen – „Entdeckung“, mein Ganesha, das klingt, als wärt ihr vorher gar nicht da gewesen, du musst verzeihen, wir sind zeitliche Einbahndenker; waren es also nicht die Hindus, die sich gegenüber den Mönchen, die ihr weltweites  Bekehrungswerk nun auch im großen Indien in die Wege leiten wollten, so außerordentlich missionsresistent gezeigt hatten? Niemals konnte das Christentum wirklich Fuß fassen in Indien. Wahrscheinlich hätte man Jesus Christus gern aufgenommen in den nicht abzählbaren Kreis möglicher Götter und ihrer Avatare, vielleicht hätte er sogar ein eigenes Reittier bekommen (einen Esel vielleicht?), und ganz sicher wäre es ein Leichtes gewesen, ihn in etwas erweiterte Fassungen der alten Epen einzubeziehen, Ganesha, vielköpfigster aller Schreiber, wäre es dir nicht ein Leichtes gewesen? Und der Buddhismus, der Jainismus, selbst der Sikhismus – waren sie nicht nur, irgendwie, Variationen des so unendlich variablen Hinduismus, einer wahren nimmersatten Wunschkuh?

Allerdings, der Islam. Das war eine andere Geschichte. Irgendwie mangelhaft saffronisierbar. Aber was sollte man auch erwarten von einer Besatzungsreligion? Denn die Mogulherrscher – „Muggle“, sagen die Inder mit ihrem weichen Englisch, es klingt nach Harry Potter, und vielleicht waren die Mogule das auch irgendwie, großkotzige Muggle mit all ihren Palästen und Schnickschnack, zu denen heute noch die Massen strömen; die Moguln hatten schließlich über dreihundert Jahre im indischen Subkontinent geherrscht (der damals noch nicht Indien hieß), bevor die Engländer sie mehr oder weniger nahtlos als Kolonialmacht ablösten. Und ein Riesenreich war es gewesen, ein knappes Drittel der Weltbevölkerung, so viel meinte man um 1700 zu zählen, da war Europa ein Fleckerlteppich auf einem eher unterbevölkerten Kontinent! Die Mogule hatten ihrerseits das Sultanat von Delhi abgelöst, ein auch eher instabiles Gebilde mit vielen Untervölkern, und natürlich waren die Sultane Muslime, die unterworfenen Fürsten hingegen meist Hindus. Das Sultanat selbst war aus der Konkursmasse des Ghuridenreichs hervorgegangen, ein General hatte eine sogenannte Sklavendynastie errichtet; ihr berühmtester Herrscher Qutb-du Din Aibak war ursprünglich ein turkmenischer Sklave gewesen, bevor er als Heerführer reüssierte. Delhi hinterließ er – er starb übrigens an einem Sportunfall beim Polo, ein wahrhaft kolonialistischer Tod – das Qutb Minar, einer der wesentlichen touristischen hot spots heute; es orientierte sich architektonisch an afghanischen Vorbildern, wie überhaupt die Ghuriden vor allem die persische Literatur und Kultur förderten – wieder kein Punkt für die Saffronisierer!

Aber immerhin, in der auch auf dem Subkontinent relativ dunklen Zeit des Mittelalters findet sich einmal ein beinahe hinduistisches Imperium, das Chola-Reich nämlich; allerdings war sein Herrschaftsgebiet eher in Südindien und Südostasien, und die Ursprünge waren tamilisch. Im restlichen Indien tobten die üblichen Machtkämpfe zwischen regionalen Königen und Provinzgouverneuren. Davor wiederum hatte die erste große indische Dynastie regiert, die Mauryas; sie beherrschten von der Gangesebene aus immer größere Gebiete mit einem wohlorganisierten Beamtenapparat. Der berühmteste Herrscher, der legendäre König Ashoka, war allerdings – Buddhist, und ein besonders eifriger noch dazu. Aber Buddhismus ist nicht die schlechteste Staatsreligion: Ashoka war ein toleranter Fürst, er verdammte den Krieg, verbot Tieropfer, lehrte Vegetariertum und Gewaltfreiheit; er errichtete Schulen und Krankenhäuser und war überhaupt ein überzeugter Sozialpolitiker (natürlich gibt es einen Bollywood-Film über ihn, #bollywoodiseverywhere).
Davor schließlich verlieren sich die Spuren der indischen Geschichte im Dunkel vorschriftlicher Zeiten. Die uralte vedische Kultur entstand nach der Einwanderung der Arier aus Norden, sie brachte die religiösen Grundschriften hervor. Saffronization? Ach, die indische Geschichte war nur sehr selten, in Ausnahmefällen, und sicher kaum auf der Herrscherebene eine hinduistische Geschichte! Die Herrscher waren in der Mehrzahl buddhistisch oder später muslimisch, und dann kamen auch noch die Missionare und die Händler, und die East-Indian Company wurde der erste Weltkonzern, der gleichzeitig beinahe zweihundert Jahre lang einen Staat verwaltete, eine Armee finanzierte und Kriege führte, fern der Heimat. Darunter aber, oder am Rande (#marginal), im Millionenvolk, von dessen Geschichte wir nichts wissen, auch die Epen sprechen nicht von ihr – war das Lebensgefühl wahrscheinlich dominant: hinduistisch. Undogmatisch, ungeordnet, mit einer unüberschaubaren Vielzahl von Göttern, einige nur lokal, andere große Herren und Damen; mit heiligen Wunschkühen und Ganeshas und Hanumans und einem Altar in jedem Haus und Ringelblumen zu jedem Anlass. Was ist Geschichte? Es ist, also wollte man Deutschland, ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger, aus der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation herleiten, das sich als Rechtsnachfolger des Imperium Romanum verstand. Oder Europa, ein Mythos mehr als irgendeine Art fassbarer politischer oder auch nur geistiger Einheit; eine Wunschkuh, deren Bauch kam noch halten kann, was er alles fassen soll –

onemoregod
In Delhi kann man jede Religion vor Ort besichtigen, wenn auch nicht unbedingt erleben. Wir liebten den Sikh-Tempel und wären am liebsten dortgeblieben, er war so – europäisch, irgendwie (#sikhsandvoltaire), beinahe schon konnten wir ihn nicht verstehen. Die große Moschee, Jama Masid, besuchten wir an einem unerwartet regnerischen Nachmittag. Man musste nicht nur die Schuhe, sondern besser auch die Strümpfe ausziehen und durch relativ kühle Pfützen waten, über den großen Platz mit dem heiligen Brunnen in der Mitte; vom Minarett konnte man in die Schluchten von Old Delhi schauen, ein unentwirrbares Chaos von Fahrzeugen, Menschen, Ständen, der Blick von oben reichte uns, die Geierperspektive. Der Lotus-Tempel versucht eines der neuen architektonischen Weltwunder zu sein; er ist ein Bahai-Tempel, gehört also zu einem der jüngeren Versuche einer rigoros durchzivilisierten Weltreligion, die alle anderen religiösen Grundschriften anerkennt. Bei immer noch regnerischem Wetter ist die Lotusblüte trotz strahlendem Weiß nicht ganz so eindrucksvoll wie auf den Werbefotos. Auch die umgebenden Wasserbecken geben nur einen schwachen Abglanz der kühlen neunfach sich entfaltenden Blütenblätter des Lotus, dem Symbol der absoluten Reinheit: wasserabweisend, schmutzabweisend (was ein wenig an moderne Kunstfasern erinnert, und vielleicht ist der Vergleich ja gar nicht so – ), immer blütenweiß. Das Taxi hatte uns samt Führer am Tor abgesetzt (natürlich gibt es eine Gepäck-kontrolle), umringt von Straßenständen, Bettlern, Händlern. Sobald man das abgesicherte Gelände betritt, kommt man sich vor wie in einer Raumstation: Das große Raumschiff ist gerade gelandet, es hat seine Flügel noch nicht ganz eingefaltet, aber man bewegt sich auf sorgfältig gebahnten Wegen auf das Schiff zu, es könnte ja, wenn man nicht schnell genug ist – wieder abheben in eine andere Sphäre, wo es offensichtlich hingehört, einen reineren Raum, nicht hier, mitten im lauten, schmutzigen, chaotischen Delhi! Aber immer leiser wird Delhi. Während man erneut seine Schuhe abgibt und sich auf den Weg die Stufen herauf macht – Heiligtümer haben immer Stufen, überall auf der Welt, Stufen sind eine Art architektonisches Namaste –, werden sogar die Menschen langsam leiser. Das Fotografieren ist verboten, das Telefonieren auch. Einzelne, meist Männer mittleren Alters, die gern für (wenigstens mittlere) Manager gehalten werden würden, halten sich nicht daran und werden von kosmopolitisch-standardisierten jungen Menschen, die alle so aussehen, als würden sie hier ihr Freiwilliges Soziales Jahr verbringen, energisch, aber freundlich zurechtgewiesen. Wir bilden eine Schlange, um den perfekt symmetrischen Grundriss herum; es werden, obwohl der Raum bis zu 2.500 Menschen fasst, nur kleine Gruppen hineingelassen. Es ist wegen der Stille, wie man sofort spürt, wenn man den Raum betritt; nun ist sie fast vollkommen (#veilsofsilence). Aber nur fast; ein Vogel hat sich ins Gebäude verirrt, und er ruft; nicht sehr verzweifelt, ein wenig verwirrt vielleicht, vielleicht hört ihn ja ein Gefährte oder eine Gefährtin? Die Spiritualität – man entwickelt dann doch, beinahe ungewollt, eine kleine Sensibilität dafür, eine Art achten Sinn, nein, hier wäre es wahrscheinlich der neunte: Sie ist eher unterkühlt, aber durchaus spürbar. Ein wenig Sonne wäre schön. Ein kleiner Ganesha vielleicht, irgendwo am Rand? Nein, geht nicht. Ein Kruzifix? Undenkbar. Buddha, im Schneidersitz mit hängenden Ohrläppchen und weise Mantras formenden Händen? Möglich, aber eher: nein. Ein Halbmond? Eventuell –

barbiefication
Aber Delhi hat auch den größten Hindu-Tempel der Welt, Swaminarayan Akshardham nämlich (laut Guinness-Buch jedenfalls, aber andere Tempel bezweifeln das, wie immer, im Prahlen mit Superlativen nehmen die Kulturen sich wenig). Er ist außerdem ganz neu, er wurde nämlich erst 2005 eröffnet. Tatsächlich hat man das Gefühl, wenn man mit der Metro über den Yamuna gefahren ist (#metrotalk) und an der nach ihm benannten Metro-Station aussteigt, in einer Art Nebenwelt angekommen zu sein, abgetrennt durch eine Art mythischen Flusses. Zwar überquert man ihn mit einem der modernsten Gefährte unserer Zeit und gibt nicht einem Fährmann das unter der Zunge liegende Goldstück, sondern Automaten zerknitterte Geldscheine, aber das ist nur äußerliche Modernisierung, nicht innerer Wandel. Von der Metrostation aus kann man den Tempel in der Ferne sehen, ein Riesengebilde, es scheint ein wenig über der flachen, unbewohnten Umgebung zu schweben, aber es ist kein Raumschiff wie der Lotus-Tempel, es ist –

Aber zuerst müssen breite Straßen überquert werden; sie führen zu einem Parkplatz, der die Größe eines IKEA-Parkplatzes einer internationalen Metropole hat und ein ähnlich perfektioniertes Parkleitsystem. Der Eingang ist eine Hochsicherheitsanlage: Besucherführung, Gepäckkontrolle, eine sehr ernsthaft durchgeführte Personenkontrolle, wie immer getrennt für Männer und Frauen. Den Tempel haben wir inzwischen aus den Augen verloren, wir folgen den Besucherleitsystemen und ihren vergitterten Schlangenlinien und enden nach den diversen Kontrollen schließlich bei der Gepäckabgabe. Hier geben wir alles ab. Noch nicht die Schuhe, das kommt später; aber alles, was ein elektronisches Eigenleben hat, also: Kameras, Handys, Computer. Es gibt keine Diskussion. Während wir folgsam uns aller Geräte entledigen, weist uns die Dame am Gepäckschalter auf das kleine Auge schräg über uns hin; dort, genau, dort sollten wir hinschauen, dann löst sie aus, und unsere sorgfältig ausgebreiteten elektronischen Schätze werden unseren Fotos zugeordnet; wahrscheinlich schauen wir etwas entnervt und leicht skeptisch. Und digital nackt, sozusagen, betreten wir endlich den Tempelkomplex, und erwarten, endlich – (im Übrigen, ein letztes aside, ist es eine gute Idee, den Leuten die Handys wegzunehmen, die Stimmung wird sofort eine andere, wenn man nicht an jeder Ecke über Selfie-Arrangements und unbelehrbar telefonierende Geschäftsmänner oder kichernde Girlies stolpert; die Religion hat recht behalten, wie so oft) –
Was wir erwarten, ist wohl: beeindruckt zu werden. All die Zahlen, die Rekorde, die reine Fläche der Anlage, die Ankündigungen – aber ach, wie weit ist alles hier entfernt von den Straßenschreinen mit ihren Ringelblumen (#bestmarigold, nicht eine Ringelblume habe ich im Akshardham gesehen, vielleicht hätten sie das Gesamtensemble gestört, vor allem wenn sie verblühen, wer weiß), keine Spur von den nach Weihrauch duftenden Altären, von den Ganeshas und Hanumans und den tanzenden Kalis! Alles ist riesig, alles ist perfekt, alles ist symmetrisch, alles ist geputzt, der Rasen mit der Nagelschere getrimmt, die Wasserbecken – noch nicht gefüllt, aber wenn sie es wären, kein Blütenstäubchen würde sie trüben, wir sind uns ganz sicher! Wir gehen durch das große Pfauentor mit seinen rötlich ziselierten Figuren, die ganze Anlage ist ein Traum in Blassrot, es ist aber nicht das kräftige Safran, das strahlende Henna; und die Figuren, sie sind einfach zu viele, und jede einzelne von ihnen sieht – irgendwie maschinenmäßig aus (es ist wie in französischen Kathedralen, die einer faschistischen – nein, das Wort ist nun wirklich zu hart, aber doch: faschistoiden Generalsanierung von Viollet-le-Duc anheimgefallen sind), und nun ist aber auch wirklich jede einzelne Pfauenfeder perfekt, radial ausgerichtet, feinstziseliert und – identisch. Genauso wie die ganze Anlage – ausgerichtet auf das Zentrum, radial, perfekt, feinstziseliert und – identisch. Ein wenig Leben gibt es in dem Gajendra-Fries, der sich rund um den Sockel des zentralen Tempelbaus zieht und den Elefanten preist; 148 Steinelefanten (ja, wahrscheinlich sind es die meisten Steinelefanten pro Quadratmeter an einem Ort), die den Menschen tragen und beschützen, die mit anderen Tieren kämpfen, große Elefanten, noble Elefanten, eine Hymne auf den Elefanten. Und ich, die ich seit meiner Jugend Elefanten gesammelt habe – ich habe eine ganze Vitrine voller bunter Elefanten aus aller Welt in den unterschiedlichsten Materialien und Stellungen – bleibe seltsam unberührt: zu perfekt, es ist der perfekte Einheitselefant, frisch aus dem Elefanten-Studio, und er macht Elefanten-posing. Es ist nicht – würdig. Darüber erhebt sich der nächste Fries, der mandovar (der größte, natürlich), er zeigt indische Weise, saddhus, Gelehrte, Götter, ein Freilichtmuseum indischer Geschichte und Religion. Er sieht – zu perfekt aus, aber so genau kann man das schon nicht mehr sagen, man kommt nicht dicht genug heran, und alles ist zuviel, zuviel, zuviel.

Innen jedoch, im Allerheiligsten, wölbt sich eine Kuppel, in die man, gefühlt, den Petersdom zweimal stellen könnte (ob es wohl die größte, höchste, figurenreichste –? nein, wir hören jetzt damit auf!) Natürlich ist sie wunderschön, vor allem wenn man sie im Foto betrachtet; im Gebäude selbst ist sie unendlich weit entfernt, ein rötlich schimmernder Himmel, feinstziseliert, radial, perfekt. Aber niemand singt oder liest, wie im Sikh-Tempel; nirgendwo hat sich eine Familie auf dem Boden niedergelassen, wie in so vielen Moscheen, um zu bleiben und zu lauschen; wahrscheinlich ist es verboten, es würde wohl schmutzen, physisch und psychisch. In der Mitte jedoch, unter der Riesenkuppel, ist ein goldener Schrein, und niemals hat man ein so goldenes Gold gesehen! Der verehrte Swaminarayan sitzt in der Mitte, Buddha-ähnlich, aber nicht ganz so entweltlicht; er ist umgeben von seinen Nachfolgern, die ihn verehrungsvoll anblicken. Sie alle bevölkern eine Art Schmuckkästchen, das die ultimative Zierde jedes Barock-Kabinetts bilden könnten, so üppig ist es mit Edelsteinen und Goldornamenten ausgestattet. Und niemals würde man es betreten wollen, aus Angst, das eigene schmutzige Sein könnte irgendwie abfärben und plötzlich wurde all das Gold von den Wänden fallen, es war nur Scheingold, nur Fassade, und ein Kontakt mit wirklichem Leben hat es, urplötzlich, aufgelöst ¬

indianirony
Während man noch mit einer Mischung aus Oberflächen-Faszination und Tiefen-Abstoßungsreaktion zu kämpfen hat, schlendert man weiter. An den Wänden finden sich Skulpturen der hinduistischen Hauptgötter, immer Mann und Frau, wie es sich gehört (#shaktirules); sie sind zierlich wie Barbiepuppen, graziös, wie es nur Bollywood-Tänzerinnen nach jahrzehntelangem Training sein können, und immer jung. Die Männer kommen, wie die Elefanten, direkt aus dem Fitness-Studio. Sie haben es zwar nicht übertrieben mit der Oberarmmuskulatur (man muss ja auch ziemlich viele Arme trainieren als Hindu-Gott), aber ein komplettes body-shaving absolviert; porzellanweiß schimmert die Haut, darüber der elegante Sari bei den Damen, der dezent die wohlgerundeten Brüste durchschimmern lässt, die Männer im traditionellen Lendenschurz und mit freiem Oberkörper, vor allem aber: mit viel Gold, im Gewand, im Schmuck, im Haar, um die Hüften. Es sind Supermänner und Superfrauen, sie könnten im Abendprogramm nebenbei die Welt retten, wenn sie fertig sind mit Flötenspielen. Unfair? Vielleicht; aber dann denkt man zurück an Elephanta, an die dunklen Höhlen im Felsen, aus denen die überlebensgroß versteinerten Götterfiguren hervortraten – Supermänner und Superfrauen auch sie, wohlgeformter noch und deutlich erotischer, aber wie unendlich lebenskräftiger! Sie kann man sehen, in den Liebes- und Todeskämpfen des Mahabharata; sie haben keine Angst vor Gewalt, sie können auch blutig und düster sein, und dann wieder lieblich und unfair und ungerecht, wie es nur Götter sind. Und in der Mitte, im Allerheiligsten der großen Höhle auf Elephanta steht: ein lingam – der göttliche Phallus des Shiva, der die Welt erhält. Kein Schmuckkästchen!

Apropos lingam. Reden wir darüber, mein Ganesha ohne Furcht und Scham, reden wir über ein indisches Symbol, das so vieldeutig ist, dass es die schamhafte europäische Zwei-Deutigkeit, mit der wir errötend über das Unaussprechliche scherzen, noch blassroter aussehen lässt. In Elephanta sahen wir ihn, im Inneren der alten Höhlen, dort, wo es kaum noch tiefer in den Berg hinein geht, zwischen den uralten Pfeilern und den verschlungenen Hindugöttern mit den vielen Köpfen und Beinen und den Hanumans und Ganeshas, die zu ihnen aufschauen. Es war der erste Tag unserer indianexperience, aus eher organisatorisch-sachlichen Gründen, aber wir hätten es nicht besser planen können. Denn wenn die Fähre vom Gateway of India ablegt, umschwärmt von so vielen Möwen, wie sich am Ufer Menschen drängen (nein, noch viel mehr, oder nicht? Ach, es waren auch so viele Fähren, man war sofort jenseits der Zählbarkeit), begibt man sich auf eine Reise in eine Vergangenheit, die in einer anderen Tiefenschicht zu hausen scheint; das Taj Mahal ist dagegen geradezu ein Triumph des Lichts, der Moderne, der symmetrischen Rationalität. Elephanta aber – benannt nach einem steinernen Elefanten, den die Portugiesen bei ihrer „Entdeckung“ der Insel vor Mumbai fanden, ja, mein Ganesha sie „ent-deckten“ sie nicht, sie fanden sie nur und meinten sie zu verstehen in ihrem Erobererhochmut – war nicht weniger als eine ehemalige Hauptstadt in großer Vorzeit, auch wenn man nicht genau weiß, welcher Dynastie; vielleicht waren es sogar die Mauryas mit dem friedlichen Kaiser Ashoka. Heute herrscht hier nur noch der inner- und außerindische Tourismus, das stört die Affen aber wenig, die gern die halbvollen Colaflaschen schnappen, oder die Ziegen, die vor der geschlossenen Polizeistation in der Sonne brüten, oder die mageren Bullen, die zwischen den Imbissständen am Uferkai auf ihren Ab-Fall warten, vielleicht sind es uralte Avatare der Nandi-Bullen, die Shiva ankündigen? Aber wenn man sich durch den Parcours der Händler durchgekämpft hat, die Treppen erklommen, staunend den weiten Höhleneingang in Augenschein genommen, sich vorgetastet durch den Säulenwald, schau, hier ein Shiva, dort noch einer, hier tanzt er, und wie er tanzt! Ganz innen, umgeben von vier Wächtern an den Eingängen in jeder Himmelsrichtung, ragt ein einsames einfaches Symbol empor: lingam, der monumentale Phallus des Shiva, er steht für Schöpfung und Neubeginn, aber genauso für Zerstörung (#kneesandnoses, aber das wussten wir alles noch nicht so recht am ersten Tag, wir wussten noch nicht einmal, dass wir es nicht wussten). Ergänzt wird er deshalb, damit das Universum ganz ist, durch eine Schale in Form der yoni, dem Symbol des weiblichen Geschlechtsorgans (und ist das nicht einmal ein hübsches Wort? #shaktirules). Aber außerdem, und jetzt wird es verwirrend für uns, mein Ganesha, steht der lingam – nun ja, für alles Mögliche. Denn es ist ein Sanskrit-Wort, #sanskritiscool, und meint einfach Zeichen, Symbol überhaupt. Ein Zeichen für ein Zeichen für ein Zeichen, indischer geht’s nimmer.

Was immer aber der lingam im Übrigen für euch auch ist, mein Ganesha, ein Zeichen, das Zeichen, viele verschiedene Zeichen – für eure diversen Eroberer war klar, was damit zu tun war: Zerstören, haben die Mogule gesagt und getan. Verfluchen, haben die Missionare gesagt und getan. Erst die Engländer kamen auf eine wirklich originelle Idee (#colonialismanditsspins): In der berühmten ersten Übersetzung des Kamasutra benutzt der Übersetzer Richard Burton die Wörter lingam und yoni in der Originalsprache, um zu vermeiden, die englischsprachigen, als vulgär verpönten Bezeichnungen der Sexualorgane zu benutzen. Lingam und yoni aber waren – saubere Zeichen, sozusagen. Schöne Wörter zudem. Gerade fremdartig genug, um als Tarnung dienen zu können. Ach, das alles wussten wir nicht, als wir am ersten Tag in dem halbdunklen, angenehm kühlen Säulenwald zwischen tanzenden, vielköpfigen Shivas, Hanumans und Ganeshas standen und uns nicht hineinwagten in das Allerheiligste, vorbei an den Wächterfiguren, zu dem einfach-monumental-einschüchternden lingam. Irgendwie hätte ich gern, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur im Nachhinein ein, mein Ganesha – irgendwie hätte ich gern eine kleine Kerze angezündet, das tun wir so in unseren Kirchen, das tue auch ich gelegentlich, obwohl ich überzeugt ungläubig bin. Aber es ist immer eine gute Sache, eine Kerze anzuzünden, dann gibt es ein Licht mehr in der Welt, und wenn sie ausgeht, dann gibt es mehr Dunkelheit (#nosesandknees) –

Aber während man immer noch über die nun vervielfachte Abstoßungsreaktion brütet, konzentriert man sich auf die Wandgemälde, die das Leben von Bhagwan Swaminarayan darstellen – eine bunte Bilderbibel, schön häppchenweise in Stationen verpackt wie bei den Gandhi-Puppenkästen. Sie zeigen den Weg seiner Erleuchtung, es ist wie ein Bollywood-Kreuzweg in grellen bildschirmbunten Farben. Der Swami macht eine durchaus typische Heiligenbildung durch (#indianbildungsroman): früher Tod der Eltern, Pilgerreise schon im jugendlichen Alter, Lehre bei einem berühmten Guru, Einsetzung als Saddhu bereits mit 20! (da war Jesus noch nicht einmal in der Wüste gewesen). Danach wird er eine religiöse celebrity: Er lässt Tempel erbauen und initiiert weitere Mönche; daneben lehrt er seine eigene Variante des Hinduismus, die relativ erleuchtet ist (in Europa hatte gerade die Aufklärung triumphiert, das dachte sie jedenfalls noch, bevor die Französische Revolution kam und ihr erklärte, was eine Dialektik ist). Er eröffnete Armenhäuser, wandte sich gegen die Witwenverbrennung (erfolglos, das schafften erst die Engländer, #colonialismanditsspins) und zeigte sich überhaupt besonders aufgeschlossen für die Emanzipation der Frau: Er verurteilte nämlich die Praxis, weibliche Babys ihrer offensichtlichen Minderwertigkeit wegen zu töten. Und während man sich beinahe schon an den Gedanken gewöhnen möchte, dass es in Indien emanzipatorische Bewegungen im 18. Jahrhundert gab, macht man eine Entdeckung (nein, diesmal wirklich!). Auf dem zur Tafel gehörigen Kreuzwegsbild wird nämlich der verehrte swami gezeigt, schön ist er und jugendlich, er trägt eine Art himmelblauen Pyjama und einen neckischen Turban. Er sitzt auf einem üppig gepolsterten tiefblauen Sessel unter einem bodhi-Baum und ist umgeben von Männern, die durch safranfarbige Gewänder als Mönche erkennbar sind; dazu ein wenig säkulares Personal, vollständig bekleidet und vollständig – männlich. Hinter ihm sitzt eine Wunschkuh, ungefähr im Bildmittelgrund, ihr gegenüber ein Pfau. Frauen gibt es, doch, man kann sie entdecken („entdecken“!). Sehr weit im Hintergrund. Beinahe noch im Gebäude, auf der Schwelle hockend. Anbetend, die Hände gefaltet. Die Männer haben die Hände nicht gefaltet, jedenfalls nicht alle. Sie bringen Opfer dar, oder sie schreiben mit, oder sie gestikulieren. Sie sind Akteure, beinahe. Frauen aber – Hintergrund, das im Baum versteckte Eichhörnchen (ein ironischer Kommentar? ach, es wäre zu schön) ist näher am großen Meister als sie. Eine Träne für die Emanzipation –

weisheitimschatten
Apropos Bodhi-Baum, mein Ganesha: Hast du auch seinen mächtigen Schatten gesucht in der Hitze des Schreibens, Mitschreibens, Notierens? Siddharta Gautama soll unter einem bodhi-Baum seine Erleuchtung gehabt haben, die ihn zum Buddha, dem Erwachten (#sanskritiscool) gemacht hat (ich bin übrigens am Tage des bodhi-Fests geboren, am 8. Dezember, und ich bilde mir darauf etwas ein, jawohl, mein Ganesha, so indisch kann ich manchmal sein!), und der Baum trägt bis heute davon seinen Namen. Ja, man meint sogar ihn zeigen zu können; denn bodhi-Bäume, Pappelfeigen in unserer profanen Sprache, mein Ganesha, werden sehr, sehr alt, sie gehören zu den ältesten Bäumen dieser Erde. Ansonsten sind sie – eigentlich nichts Besonderes; sie sind ziemlich groß, ziemlich hoch, immer grün und tragen kleine Feigen; es gibt sie in zwei Geschlechtern, männlich und weiblich, die Blätter sind niedlich herzförmig, und die Art, obwohl aus dem tropischen Asien gebürtig, hat sich heute über die ganze Welt ausgebreitet, inzwischen gilt sie mancherorts als Unkraut. Ach, so können Symbole herunterkommen, wenn sie sich breit machen, mein Ganesha! Und doch, und doch – saßen schon immer die Weisen unter solchen Bäumen: Platon, unser alter Vede, lässt seinen Sokrates unter einer Platane am griechischen Ilyssos philosophische Verhöre anstellen, einem mächtigen Baum, immerhin, halbimmergrün, zweigeschlechtlich, recht langlebig für europäische Verhältnisse, im Sommer wirft er seine Rinde ab und seine Blätter sind spitzgezackt. Blüht die Weisheit vielleicht besser im Schatten, unter einem Dach von Blättern, nicht in der grellen Sonne der Aufklärung? Die Bibel, andererseits, kennt zwei Bäume; doch nur einer von ihnen ist berühmt geworden, der andere ist – verschattet, höchstens. Denn im Paradies standen zwei Bäume, der Baum der Erkenntnis und der des Lebens; und nur von dem einen verbot Gott Adam und Eva zu essen, und das war natürlich der Baum der Erkenntnis; weshalb sie das ewige Leben an die Neugierde verloren, und wer sind wir, Ganesha, Geschichtenerzähler, ihnen das vorzuwerfen? Vom Baum des Lebens ist dann kaum noch die Rede in der Bibel, wohl aber in den Mythologien der Völker: Im Weltenbaum wohnen die Götter, und seine Wurzeln reichen bis tief hinab in die Erde. Suchen wir lieber die Weisheit im Schatten, mein Ganesha, wo sich auch das Nicht-Verstehen hervorwagt und mit dem Nicht-Wissen –

disneyfication
Wir stehen aber immer noch unter der Riesenkuppel im Riesentempel. Etwas gereizt fällt uns nun auf, dass es doch ein wenig befremdlich ist, soziale Wohltaten und Askese zu predigen in einer Umgebung, in der das Gold beinahe von den Säulen tropft. Ist das vielleicht – eine Metapher für Indien, für die Spannweite vom Annawadi-Mülltrenner bis zum Bollywood-Star (#indianbildungsroman)? Draußen gibt es derweil familienfreundliches Unterhaltungsprogramm, unter anderem werden angeboten: ein boat ride durch die gloriose indische Geschichte (#saffronization), mit 3-D-Projektion; die größte Kinoleinwand in Delhi, die das Leben des Swaminarayan zeigt; und die hall of values, wo man unter anderem den kleinsten animatronischen Roboter der Welt bestaunen kann (den Swami als Kind). Animatronics, von animation und electronis, wurden übrigens erfunden von Disney. Und damit fallen endlich die Puzzle-Teile zusammen, und man versteht: Es ist nicht nur die barbiefication, es ist nicht nur bollyfication, es ist nicht wenig saffronization, aber es ist auch die disneyfication – einer Religion, einer Kultur, einer Lebensweise. Gereinigt, durchgeröngt, familienfreundlich, kosmopolitismuskompatibel. Es ist, seien wir ehrlich – wie bei uns im Westen. Elephanta war vorgestern, Barbarossa schläft weiter im Kyffhäuser, und Merlin ist immer noch im Zauberwald von Broceliande gefangen. Die neuen Götter tanzen auf YouTube, nicht auf Vulkanen, aber wenigstens ¬– weltweit.

holyholes
Nach einer Woche in Indien träumt man auf indisch. Wenn man abends die müd gesehenen Augen schließt, sieht man indische Bilder, sich verschlingende Muster, auf Leichen tanzende Göttinnen, wohlbeleibte Elefanten mit vielen Armen. Morgens erwacht man verwirrt in einem luxuriösen Hotelzimmer und wundert sich, dass es draußen hupt. Es wird unser monument day werden. Indische Geschichte, jenseits von saffronization und Veden, dokumentiert sich in monumentalen Grabmälern, was schon deshalb bemerkenswert ist, weil es eigentlich keine islamische Memorialkultur gibt. Es gibt nur die Regel, dass der Tote innerhalb eines Tages begraben sein muss, und schon das mutet seltsam an im Angesicht von jahrhundertealten Mausoleen. Der Qutb-Komplex ist eine Art indisches Troja, jeder neue Sultan setzte noch eine Stufe auf das Qutb Minar auf, und so erstreckt bis heute das rötlich strahlende Prachtminarett, vollflächig überzogen von Schriftornamenten, in den meist vom Smog verhangenen Himmel über Delhi. Die Moschee selbst ist nur noch in Ruinen erhalten, am besten hat ein Wald voller wundervoll ziselierter Säulen überlebt. Es ist aber gar kein Wald, denn sie stammen aus über zwanzig hinduistischen und Jain-Tempeln, die für den Bau der Moschee ausgeweidet wurden. Der Turm hat jedoch fast intakt überlebt, durch schiere Größe. Sein Nachfolger allerdings, noch größer angesetzt, mit noch breiterer Basis – erlitt das Schicksal von Babylon. Megalomanie wird scheinbar sogar in Indien, gelegentlich, bestraft.
Die Lodi-Gärten mit den Mausoleen der Lodi-Dynastie der Delhi-Sultane sind heute Freizeitpark, mit Picknicks und foto-shootings feiern sich die Lebenden. In den Bögen der ehemaligen Moschee kann man windgeschützt Federball spielen; die Kinder kicken, Geschirrstapel werden waghalsig gestapelt auf Köpfen herbeitransportiert, die Hunde schlafen noch friedlich als sonst (#letsleepingdogslie), die Gleitaare spielen Paarungsspiele auf den großen Bäumen, es gibt sogar ein ökologisches Vorzeigeprojekt, und es ist beinahe kein Müll zu sehen. Die Mausoleen selbst sind – leer; einsam stehen die weißen Särge in himmelhohen Sälen, in den Fensternischen nisten die Tauben. Im Paradiesgarten beim Humayun-Grabmal ziehen sich Kanäle streng symmetrisch durch den quadratischen Gebäudekomplex; sie führen nach einer Generalsanierung zwar wieder Wasser, aber wenig Blühendes findet sich. Auf einem Namaste-Plateau schwebt das rötliche Humayun-Mausoleum in der Mitte – noch höher, noch prachtvoller, noch leerer, im Zentrum nur ein einziger beinahe verschwindender Sarg, und noch nicht einmal Tauben stören die gespenstische Stille (kein Schweigen, #veilsofsilence, nein: #holyholes).

Apropos Humayun, wer liegt eigentlich in dem so schrecklich leeren Sarg im schlafenden Paradiesgarten, mein Ganesha? Seine Lebensgeschichte hast du nicht erzählt, sie könnte aber auch im Ramayana stehen. Militärisch eher glücklos, war Humayun, einer der frühen Mogul-Herrscher, lange Jahre im Exil, er durchquerte sogar eine Wüste. Seine Biographen erzählen von seinen astronomischen Interessen und seinem Aberglauben; er versuchte das Hofleben nach dem Lauf der Planeten zu organisieren. Man mag ihn sich vorstellen, wie er durch den Paradiesgarten wandert, den Blick zu den Sternen erhoben, eine intrigante Schar von Verwandten und Höflingen hinter ihm her schlurfend und wispernd, Ränke schmiedend; aber das mächtige Grabmal wurde erst nach seinem Tod errichtet. Er war übrigens von der Treppe gefallen, wahrscheinlich den Blick mal wieder in den Sternen, zwei Tage später erlag er seinen Verletzungen (eine ähnliche Geschichte ist gerüchteweise über einen sehr alten unserer Philosophen überliefert, Thales von Milet, und eine Magd soll ihn verspottet haben: Die Dinge im Himmel wolle er erkennen, aber von den Dingen vor seinen Füßen habe er keine Ahnung!). Heute gilt das Mausoleum, und das ist wirklich keine glückliche Wortwahl, als Baby-Taj, als Testlauf der unbekannten persischen Architekten für dasjenige Grabmal, das alle anderen ein- für allemal zu unbedeutenden Vorläufern herabstufen würde, den weißen Traum der Liebe und des ewigen Glücks, das one and only whitewonder –

goingtoagra
Aber erst einmal muss man hinkommen. Viele Touristen wollen von Delhi nach Agra, es sind nur achtzig Kilometer, ein netter Tagesausflug. Wenn da nicht der indische Verkehr wäre (#hupenbremsenglück)! Vier Stunden mit dem Taxi, so lauteten die eher optimistischen Prognosen, bei Start vor Morgengrauen. Wir entschlossen uns für die wenig benutzte Alternative, nämlich den Zug: Seit einigen Jahren verkehrt der Gatimaan Express, Indiens erster Hochgeschwindigkeitszug, zwischen Delhi und Agra, er bringt es immerhin auf stolze 100 km/h und eine Fahrzeit von unter zwei Stunden! Aber nun muss ich Ajay erwähnen. Man bucht, als vorsichtiger und vorausschauender europäischer Tourist, seinen Agra-Ausflug von zuhause bequem am Computer. Beinahe zu viele Touren werden angeboten, alle bringen einen nach Agra, mit dem besten klimatisierten Luxusauto, nur winzigen Stopps in lokalen Geschäften und den allerbesten Tipps für das Mittagsrestaurant! (das Taj Mahal wird eher wenig erwähnt, es ist eine Art Zwischenstopp, jemand zeigt einem die besten Foto-Stellen, man macht eine ziemlich genau abzuschätzende Anzahl von Selfies, und dann geht man wieder shoppen). Will man allerdings mit dem Zug fahren, dünnt das Angebot deutlich aus. Wir aber fanden Ajay im großen und weiten Internet, er betreibt eine kleine Reiseagentur speziell für Agra, und er organisiert die ganze Reise: Fahrkarten, Taxi zum Zug, Taxi vom Zug zum Taj, und wenn es unbedingt sein muss, auch noch eine Nachmittagstour nach Fatepuhr Sikri, der indischen „Geisterstadt“, dann wieder zurück nach Delhi, geruhsam, mit dem Abendzug, alles inklusive, außer den Tickets für die monuments, aber die kann man bequem selbst im Internet buchen, mit dem üblichen Touristenaufschlag natürlich. Alles wunderbar und #bestmarigold, und sogar für nicht allzu viel Geld. Wir mailten Ajay unser Einverständnis, Ajay schickte einige Tage vor der Abreise die digitalen Tickets, und alles schien bestens.

Bis wir, kurz vor der Abreise, Sicherheitsfanatiker und Kleingläubige, die wir sind, einen Blick auf die Tickets warfen – und sahen, dass wir eigentlich nur eine Position in der Warteschlange für die endgültigen Tickets reserviert hatten, die erst direkt vor Abfahrt vergeben werden. Ich schickte Ajay ein WhatsApp, etwas hysterisch, was das denn nun sei, hätten wir einen Sitzplatz, in der gehobenen executive class wie bestellt, oder nicht? Innerlich sah ich uns an der Tür eines etwas heruntergekommenen Schnellzugs stehen, in den wir gerade noch hineingezwängt worden waren, die Menschen quollen auch schon zu den Fenstern hinaus (Stereotypen sind eine unheilbare Krankheit der Einbildungskraft, aber das weißt du auch, mein Ganesha, Geschichtenerzähler). Ajay antwortete prompt, das sei alles normal und wunderbar und kein Problem, aber ganz sicher würden wir unsere Plätze bekommen! Ich fragte zurück, ungläubig europäisch skeptisch, wie ich nun einmal bin, Ajay imaginierte ich inzwischen als den Protagonisten aus The Best Exotic Marigold Hotel, den quecksilberquirligen Dev Patel, der den ältlichen europäischen Rentnern ständig versichert, alles sei spitze-Weltklasse-super, best marigold eben, auch wenn die Duschen nicht funktionieren und kleine Tiere über die Betten krabbeln. Ajay-Dev beruhigte mich, geduldig, regelmäßig; und schließlich, als ich gar nicht nachlassen wollte, schrieb er die endgültige WhatsApp, die alle anderen WhatsApp überflüssig machte: Don’t worry, Jutta, you are my responsibility! Irgendwie – funktionierte das. Endlich hatte jemand einem einmal die Verantwortung abgenommen, sie rutschte direkt von meinen Schultern ins Reisegepäck (das schon schwer genug war, diverser Bücher wegen, von den Atemschutzmasken, den feuchten Hygienetüchern und dem massiven Medikamenten-Koffer ganz zu schweigen) und ich beschloss, Ajay den benefit of the doubt zu geben. Und am Ende – hat es geklappt. Auf der Hinfahrt zumindest, aber für die Rückfahrt konnte Ajay nun wirklich nichts (to cut a long story short, zweieinhalb Stunden Verspätung, indische Wartesäle, ein Zug der so holperte, dass man bei jeder Weiche fürchtete daneben zu landen; also im Großen und Ganzen nichts, was man nicht auch von deutschen ICEs kennt) –

Und so steigt man, nachdem man immer noch ziemlich früh aufgestanden ist, relativ entspannt in einen indischen Zug. Vorher jedoch lernt man, dass indische Bahnhöfe Warte- und Verladestationen für Menschen und Tiere und jede Art von Gepäck sind, und man hat den Verdacht, dass die Menschen, die an diesem Morgen auf den Bänken schlafen, das wahrscheinlich jede Nacht tun, jede Bank hat ein saddhu reserviert, umgeben von schlaffördernden Riesenballen undefinierten Inhalts, ebenfalls schlafenden Hunden und immun gegen die Herden von Pendlern, die morgens in die Stadt hinein und abends wieder herausströmen. Der blaue Gatimaan fährt pünktlich ein, und er fährt pünktlich los; mühelos findet man seinen reservierten Platz im executive chair, es ist ein Großraumwagen, über die Kopfstützen sind kleine Servietten gehängt, die darauf hinweisen, dass elephant joyriding für die Elefanten ein zweifelhaftes Vergnügen sei, und das Personal begrüßt einen mit Namen und bringt zügig ein indisches Frühstück in vielen kleinen Töpfen. Draußen zieht die Stadt vorbei, mit ihren Rändern (#marginal) – Bahnstrecken sind ideale Besiedlungsränder, sie kommen sogar mit Infrastruktur (geraden, zielführenden Gleisen, auf denen man entlang laufen kann)! Langsam wird es weniger slumartig und mehr dorfartig; Wasserbüffel tauchen nun an den Rändern auf, sie durchsuchen gemächlich die Müllhaufen, manchmal baden sie auch in einem kleinen Teich neben den Gleisen. Und irgendwann, ungefähr nach der Hälfte der Zeit, wird das Land tatsächlich grün; aus dem Morgendunst treten endlose Felder hervor, unterbrochen nur von kleinen Wegen und einer Art frühzeitlich wirkenden Schilfhütten. Und das bleibt beruhigend gleichmäßig so, bis man nach Agra einfährt – eine Millionenstadt, und sie hat das größte touristische Kapital Indien, ach was, vielleicht sogar der Welt, sie hat das wahre und einzige –

whitewonder
Aber immer noch sind wir nicht ganz da. Wir müssen noch durch den Verkehr in Agra, eine Stadt, die außer für das Taj Mahal für ihre Müllberge bekannt ist; wir müssen noch Bargeld holen, weil Ajay nun doch lieber in Bargeld bezahlt werden möchte; wir müssen das Taxi auf dem großen Sammelparkplatz stehen lassen, weil die Weißheit des Tajs akut durch Abgase gefährdet ist; wir fahren das letzte Stück mit einer Art Golf-Caddy, weil Inder nicht direkt leidenschaftliche Fußgänger sind. Aber dann können wir endlich durch das Tor einen ersten Blick auf das weiße Wunder werfen, das, wie sein Baby-Bruder in Delhi, magisch zu schweben scheint. Und natürlich hat man das Taj gesehen, tausendmal, auf Bildern, Puzzles, in Filmen – ich habe sogar eine Lego-Version seit langen Jahren in meinem Schlafzimmer stehen, knapp 6000 Teile waren es, es ist inzwischen auch ohne Auto-Abgase leicht gelblich eingefärbt –, aber obwohl ich also das Taj Mahal beinahe jeden Tag beim Aufstehen und beim Schlafengehen sehe, bereitet einen nichts auf diesen ersten Blick auf das Original vor. Der Tag ist wunderbar sonnig und klar, Bilderbuchwetter nach dem Regen in Delhi, der den Smog weggespült hat; und das Taj Mahal schwebt über dem Garten, architektonische Tricks hin oder her, es ist unwirklich weiß, alle Autoabgase sind vergessen, und es ist so perfekt in seinen Proportionen, dass irgendetwas in meinem Kopf schreit (#rilkeandindia, #indianreview): Du musst dein Leben ändern!

Dann jedoch reißt man sich zusammen und begibt sich in den bunten Strom des Menschlichen, der auf das Taj zufließt, entlang der Kanäle im alten Mogulgarten. Auch sie führen Wasser, der Rasen ist englisch gepflegt und grün, und weiße Reiher spazieren grazil über die Blumenbeete, die einzigen, die an Eleganz wenigstens ein bisschen mithalten können mit der Umgebung. Und wir müssen fotografieren, wie alle anderen, es ist beinahe ein Zwang; wir müssen auch fotografiert werden, unser Führer besteht darauf, und wir zeigen uns willig. Wer könnte auch anders vor solcher Kulisse? Ansonsten interessiert ihn das Bauwerk nicht so sehr, das merkt man deutlich; er leiert ein paar Zahlen herunter, die imponierende Anzahl an Arbeitern, an Steinen, sogar Elefanten sollen beim Bau geholfen haben. Natürlich erzählt er auch halbherzig die Geschichte von der schönen Mumtaz, der ihr Gatte noch über den Tod hinaus seine Liebe bezeigen wollte; am meisten interessiert ihn aber die metaphysische Symmetrie des Ganzen, seine Zahlenmystik, denn eigentlich ist er, so lässt er nebensätzlich durchblicken, ein Mathematiker. Dann telefoniert er wieder eine Runde mit seinem Handy, Taj hin oder her. Er sieht nicht aus, als wolle er sein Leben noch ändern.

Wir lassen uns weiter treiben zum Wunder in Weiß, das auch aus der Nähe nicht greifbarer wird. Wir reihen uns ein in die Schlange derjenigen, die an den beiden schlichten Särgen im Inneren vorbeipilgern, weiße Schutzschuhe an den Füßen; die eigentlichen Gräber liegen übrigens im Untergeschoß, und es kommt wirklich nicht auf sie an. Denn kaum im Inneren angelegt, packt einen das gleiche Gefühl wie bei Humayun: Welch – verschwendete Perfektion, welch übertriebene Kunstfertigkeit, welch – Scharade letztendlich, für ein leeres Gehülse um zwei leere Gehülse, die im Keller liegen, längst vermodert, zu schmutzigem Staub zerfallen! Vielleicht hat der Führer ja doch irgendwie recht, auch wenn er mehr telefoniert als weiß und sich weigert, der Magie anheimzufallen; vielleicht ist es eher eine Frage der Mathematik als der Liebe?

Inzwischen haben wir den Innenraum verlassen, wir treten auf die Veranda und sehen auf den Fluss herab, der träge und von jeglicher Symmetrie unberührt seine Schlangenlinie zieht; es ist der Yamuna, er fließt von hier ins schmutzige Delhi, und an seinen Ufern weiden Wasserbüffel. Er ist – die Grenze des Taj Mahal, sein Rand (#marginal), sein notwendiges Gegenstück (#nosesandknees); er ist das Lebendige, das sich schlängelt, das ansteigt und abfließt, das die Tiere nährt und die Menschen. Die Bauarbeiter am Taj werden in ihm gebadet und sich gewaschen haben – und wenn sie sich umdrehten, war da wieder das weiße Monstrum, an dem sie schufteten, Tag für Tag, für eine Frau, die lange schon tot war, bevor ihr Denkmal stand (#shaktirules), und für den Herrscher, den sein eigener Sohn inzwischen in Agra Fort inhaftiert hatte, flussaufwärts sieht man es über dem Yamuna schweben, das Zentrum der militärischen Macht gegenüber dem Zentrum der mathematischen Metaphysik.

Auf der Flussseite gegenüber aber, so erzählen es alte Berichte, wollte der Sultan sein eigenes Mausoleum errichten lassen; schwarz sollte es sein, ganz aus schwarzem Marmor, und man meinte, sogar Steine gefunden zu haben, deren Schwärze die These bestätigten. Und wäre nicht das erst die wahre Vollendung gewesen: Gegenüber, durch den schlängelnden Fluss getrennt, das Gegenbild des weißen Wunders, ein gespiegeltes rabenschwarzes Wunder? Nur so wäre auch der Garten ein wahrer Paradiesgarten, denn warum liegt das Taj nicht in seiner Mitte, so wie bei Humayun (#holyholes)? Eben deshalb. Die zweite Hälfte fehlt, und erst die Ausdehnung auf der anderen Seite hätte das Paradies vollständig gemacht. Aber auf Erden bekommt man halt immer nur ein halbes Paradies, jede Liebe muss sterben, und am Ende muss man noch die Instandhaltungskosten tragen –

shaktirules
Apropos ewige Liebe, mein Ganesha, Schwarm der Frauen und Verhinderer der Hindernisse in der Liebe, gibt es eigentlich auch einen schwarzen Ganesha, der dich vervollständigt, er ist aber verborgen? Einer der sympathischeren Aspekte am Hinduismus ist, dass er von Grund auf frauenfreundlich ist. Das shakti (Sanskrit für Kraft, Energie) ist die Urkraft des Universums, die mütterliche Schöpfergöttin, das weibliche Äquivalent zum brahman, dem alles umfassenden geistigen Prinzip – das Universum ist nicht männlich, sondern männlich-weiblich, zudem ist shakti sogar das eher aktive, bewegende Element. Shakti ist zugleich – man kann indische Mythologie noch weniger auf einen Punkt bringen als griechische, #lossofwords, #onemoregod – das weibliche Prinzip, wie es sich in den drei Hauptgöttingen der Trimurti ausprägt: Denn die indische Dreifaltigkeit, bestehend aus Brahma (dem Schöpfer), Vishnu (dem Erhalter) und Shiva (dem Zerstörer), hat jeweils auch einen Frauenkopf. Brahma wird ergänzt durch Sarasvati, eine Art hinduistischer Minerva: Sarasvati ist die Göttin der Weisheit, des Lernens, der Sprache, der Wissenschaften und Künste; sie hat das Sanskrit-Alphabet erfunden (#sanskritiscool) und die Veden – also all das, was das menschliche Leben schön und weise und lebenswert macht. Männer mögen Schöpfer sein, Erfinder von Universen und Verwalter göttlicher Kräfte; Frauen jedoch sind praktische Wesen, sie lieben das Schöne, wollen gern lernen und schätzen das Leben, nicht nur den Geist. Deshalb ist Vishnus Gegenpart Lakshmi, die Göttin des Glücks und des Reichtums und der Schönheit, verantwortlich für die Fülle und das Gedeihen und den Überfluss; sie ist eine Art indische Venus, und ist es nicht eine seltsame Koinzidenz, dass auch sie, den Veden zufolge, dem Wasser entsteigt, nicht auf einer Muschel, sondern auf einer Lotusblüte? Lakshmi ist den Flüssen verbunden, dem Ganges vor allem, dem Ozean und dem fließenden Wandel der Dinge. Denn Lakshmi kann man nicht festhalten; und wer versucht, sie mit Gewalt zu bändigen, den verlässt sie sofort. Die Dritte im Bunde schließlich ist Parvati, die Gattin des Zerstörers Shiva: Parvati ist die beste Ehefrau, geduldig, liebreich, gehorsam; sie ist die ideale Mutter, sanft, fürsorglich, gütig. Zusammen mit ihrem Sohn Ganesha und ihrem Ehegatten Shiva bildet sie die Musterfamilie schlechthin, wart ihr wirklich jemals eine ideale Familie, mein Ganesha, oder – Moment, hast du gerade aufgeschrieben: mit Shiva, dem zerstörerischen Gott, deinem Vater, mein Ganesha (#indianirony)? Parvati, die auch auftritt als Kriegerin, Durga, oder als Kali, eine blutrunkene, auf ihren Opfern tanzende wütende Mänade, um ihren Hals hängt eine Kette aus Totenköpfen? Ach, die unergründliche Weisheit des Mythos! Shiva, entsetzt über das Wüten seiner enthemmten Gattin auf dem Schlachtfeld, soll sich einst selbst als Leiche vor ihre Füße gelegt haben, um sie zu stoppen; sie tanzte weiter, sie tanzte über ihrem scheinbar leblosen Ehemann weiter, wie von Sinnen, und als sie ihn erkennt – streckt sie ihm vor Schreck die Zunge hinaus. Günter Grass hat sie so gezeichnet, in seinem Indien-Buch Zunge zeigen, dem sie den Namen gegeben hat. Und die Menschen in Indien verehren sie; denn Kali kämpft auch furchtlos mit den Dämonen, sie ist die Zeit, die alles verschlingt, und sie zerstört nur, damit Neues wächst, ohne Zerstörung gibt es keine Erlösung. Was wäre die indische Mythologie ohne shakti? Ein blasser Marienkult, wie ihn die Missionare vergeblich einzuführen versuchten –

Während man sich langsam wieder entfernt vom weißen Wunder, ist man ein wenig entspannt; das hat man nun auch gesehen, es hat überwältigt, aber – nun ja, wer will schon sein Leben von Grund auf ändern, trotz indianreview? Immer wieder jedoch muss man sich umdrehen, zurückblicken, und nun sieht man das weiße Schatzkästchen gerahmt von den Parkbäumen; beinahe schöner noch, verträglicher irgendwie geworden durch das frische Grün mit seiner nicht-symmetrischen Natürlichkeit. Noch ein Foto? Ach, noch viele Fotos, was kann man sonst mitnehmen. Souvenirs natürlich, möglichst teure, und unser Führer versucht redlich uns zu verführen, aber wir bleiben stoisch. Überwältigung wird nicht in Souvenirs abgearbeitet. Das Taj bleibt in Indien und auf meinem Nachttisch, vergilbend und verblassend wie alle Dinge –

Apropos Taj und Indien, mein Ganesha, das muss jetzt auch gesagt sein. Die Geschichte des Taj ist ungefähr so wechselvoll wie die indische Geschichte selbst, es ist eine Art Saleem Sinai unter den Monumenten (#kneesandnoses). Gebaut als Krönung der Mogularchitektur, verfiel es bald, ebenso wie die Mogul-Herrschaft, und es kamen die Briten. Ein besonders geschäftstüchtiger Gouverneur hatte die Idee, es stückweise auf Auktionen in England zu verscherbeln; darauf waren aber schon ebenso geschäftstüchtige Inder vor Ort gekommen. Dann jedoch besannen sich die Kolonialisatoren auf ihren zivilisatorischen Überlegenheitsanspruch (#colonialismanditsspins) und stellten das Ensemble unter Denkmalschutz; die Mogul-Gärten wurden aber durch pflegeleichteren englischen Rasen ersetzt. In Kriegszeiten verhüllte man das Taj vorsichtshalber, damit es den Bomberpiloten nicht zur leuchtenden Schießscheibe wurde. In letzter Zeit gab es immer wieder Versuche, das Taj zu saffronisieren: Mehrfach musste sich der High Court mit Anträgen beschäftigen, die es zum Hindu-Tempel umdeklarieren wollten; die herzrührende Geschichte von Shah Jahan und seiner großen Liebe zu Mumtaz sei nur eine damals schon von den Hofpropagandisten verbreitete Lügengeschichte gewesen, eigentlich diene das Monument nämlich der Shiva-Verehrung (#shaktirules!). Im Internet kursiert diese Version der Geschichte eher unter Verschwörungstheorien, aber die Liebesgeschichte – nun ja, wie bei allen großen Liebespaaren kann man skeptisch sein. Mumtaz Mahal passt offenbar perfekt in das unsterbliche, kulturell invariante Prinzessinnen-Muster, das haben wir auch in Europa, mein Ganesha, bei uns hießen sie Kaiserin Sissi oder Lady Di, und sie waren – schöne Frauen, ohne Schönheit geht es nicht, aber dazu kommt eine besondere Mischung von Grazie, von Lebensfreundlichkeit, Mitgefühl und Wohltätigkeit, die sie menschlich macht; ein wenig Tragik noch für die Würze (#ninerasas), ein früher Tod, ein untreuer Ehemann, eine gescheiterte Mission – aus diesem Stoff sind die wahren Liebesklassiker gemacht, zeitlos, ewig, schwebend, wie das Taj Mahal. Der indische Lyriker Rabindranath Tagore hat ein Gedicht dazu geschrieben, das all die alten Themen von Macht und Liebe, von der Vergänglichkeit von Schönheit, Jugend und Reichtum am Ende in ein einziges Bild destilliert: das Taj, eine Träne auf der Wange der Zeit, weiß und glänzend hell.
Aber man muss gerechter Weise sagen: Mumtaz Mahal hat Shah Jahan vierzehn Kinder geboren, sieben von ihnen überlebten die Jugend (es gibt weltweit wenig herrschende Frauen, die es auf diese Zahl gebracht haben; Maria Theresia von Österreich allerdings hatte sogar 16 Kinder geboren). Sie begleitete gelegentlich ihren Ehegatten auf kriegerischen Exkursionen; sie galt als seine Vertraute auch in politischen Angelegenheiten, und sie waren 19 Jahre glücklich verheiratet gewesen, als sie bei der Geburt des vierzehnten Kindes nach angeblich dreißigstündigen Wehen starb. Mumtaz wäre, wenn sie denn Hinduistin und nicht Muslima gewesen wäre, durchaus eine Parvati gewesen, eine ideale Ehefrau und Mutter. Und eine Beziehung, die 19 Ehejahre und 14 Geburten übersteht – dafür ist ein Mausoleum vielleicht nicht übertrieben. Andererseits –


WOMIT BEGINNEN? Alles, was man wissen muss, steht im Mahabharata oder im Ramayana (#metrotalk); so begann diese Geschichte, mitten in der Mitte unserer Reise ins Land des Nicht-Verstehens, und nun nähern wir uns dem Ende, aber was will das schon bedeuten. Denn nun kommt die längliche nachgeholte Vorgeschichte, das Buch der Anfänge sozusagen; sie beginnt eigentlich mit meinen gesammelten Elefanten und dem Taj Mahal auf meinem Nachttisch, aber dann macht sie einen großen Sprung und wird akademisch und langweilig und hat zu viele Worte. Trotzdem!

Schon einige Wochen vor dem Aufbruch, in meiner Indien-Inkubationszeit, hatte ich nämlich ein Seminar vorbereitet: Es sollte um Indien in der deutschen Literatur gehen. Denn gelegentlich hatten sich deutsche Schriftsteller nach Indien begeben, es waren aber gar nicht so viele, nicht immer war es ihnen gut bekommen (#indianbug), und ich hatte den schweren Verdacht, dass es mir ähnlich gehen würde. Mein Land sei, so dachte ich in dieser Phase, eher China, eine uralte Zivilisation mit Weisheitslehrern wie Konfuzius, so zivilisiert, dass die ersten Europäer sich deutlich unterlegen fühlten, und so formvollendet, dass es eigentlich nicht bedrohlich sein kann, obwohl –

Aber nun gut, die ersten deutschen Autoren, die sich mit Indien beschäftigt hatten, waren nicht durch persönliche Erfahrungen, bugs oder Überwältigungen, Infektionen oder Erleuchtungen belästigt, sie kannten Indien nur aus Büchern, einige hatten auch Bilder gesehen – aber immer, wenn ein christlicher Missionar eine hinduistische Göttin abbildet, sieht sie hinterher aus wie Maria, und jede Witwe, die freudig für den toten Gatten ins Feuer springt, ist eine christliche Märtyrerin. Würde nicht auch ich, wenn ich das Fremde sehen würde, es eingemeinden wollen? Geht es überhaupt anders?

Aber darüber wollte ich eigentlich nicht sprechen. Ich wollte von meinen zwei ausgewählten deutschen Indien-Erzählungen sprechen, auf zwei hatte ich mich beschränken müssen, obwohl ich so gern noch Thomas Manns Vertauschte Köpfe hinzugenommen hätte, ein Text, der mir schon vor meiner indianexperience so massiv indisch und gleichzeitig so massiv-Mannhaft erschien, dass ich beim Lesen das Gefühl nicht los würde, irgendwer hätte hier beim Schreiben die Köpfe getauscht, und herausgekommen wäre eine Art lübeckischer Ganesha, oder eine Wunschkuh –

nosesandknees
Apropos vertauscht, mein Ganesha, ich muss meinem Literaturratgeber aus der Metro doch noch ein wenig widersprechen, so recht er im Grunde auch hat: Man muss nicht nur das Mahabharata und das Ramayana lesen, wenn man Indien verstehen will (oder es nicht verstehen, es kommt auf das Gleiche heraus) – man sollte auch Salman Rushdies Midnight‘s Children lesen! Und zwar lese man Midnight‘s Children vor der Reise – und lasse sich von seinem eigenen Unverständnis überschwemmen, von den wirren und fremden Motive, von den unendlichen vielen, teils grotesken Figuren, von der Sprache, die nicht eine ist, sondern viele Sprachen, und manche Figuren sprechen abgehackt und manche sprechen in wirren Formeln – whatitsname? – und manche sprechen weise und frech und obszön, und wieder andere – nun ja, vernünftig? Und dann lese man das Buch ein zweites Mal, nach der Rückkehr, während man noch den indianbug im Blut hat, das leichte Erregungsfieber, es wird schon täglich weniger, aber es reicht gerade noch, um nun die Bilder und die Worte mit einem anderen Leben zu füllen und Verbindungen zu sehen, die man beim ersten Lesen noch nicht einmal – gerochen hatte. Jetzt aber hat man eine indische Nase bekommen, auch wenn sie nur ein schwacher Abglanz der Monumental-Nase von Saleem Sinai ist, dem Sprecher der Midnight’s Children und gleichzeitig dem tragischen Symbol Indiens in seiner unendlichen Fülle, die jedoch nur zu sehen ist – durch kleine Löcher (#holyholes) in einem fast weißen Bettlaken, es hat nur drei märchenhafte Blutflecke, und man sieht immer nur einen Ausschnitt, mit Rändern, das Ganze aber – ist für einen Gott gemacht, hätte Goethe gesagt (der das Buch, ich bin mir ganz sicher, zutiefst verstanden und es in seinem West-östlichen Divan gepriesen hätte). Und nun, beim zweiten Lesen, versteht man auch, dass das Ganze natürlich ein indian pickle ist (kein indischer Roman kommt ohne ein pickle aus): Bei Tag, so erläutert Saleem seiner Lotus-Dung-Blüte Padma (ja, Lotus ist rein. Ja, Lotus ist schmutzig, #nosesandknees), legt er Früchte ein, süße, scharfe, saure, herbe Früchte in süße, scharfe, saure, herbe Flüssigkeiten; und des Nachts konserviert er die Essenz seiner Erinnerungen: „To pickle is to give immortality, after all: fish, vegetables, fruit hang embalmed in spice-and-vinegar; a certain alteration, a slight intensification of taste, is a small matter of taste, surely? The art is to change the flavour in degree, but not in kind; and above all to give it shape and form – that is to say, meaning (I have mentioned my fear of absurdity)”. Pickles – natürlich gibt es auch bei uns eingelegte Gemüse und Früchte, mein Ganesha, oft sind sie sauer und ziehen einem den Gaumen zusammen, gelegentlich sind sie sogar süßsauer. Aber eigentlich mögen wir lieber – Marmelade. Höchstens Salat. Dinge, die entweder süß oder sauer sind. Schon der Geschmack fürs Bittersüße, ach, er reicht nur bis zur Schokolade –
Pickles aber muss man lernen. Ein pickle verträgt ein europäischer Magen nicht auf Anhieb. Die Symbole – und der Roman ist ein Meer von Symbolen, sie mischen sich im Großen Milchsee, sie versammeln sich im Bauch der Wunschkuh und sie drängen an die Oberfläche in tausendundeinen Avataren – sind zwar auf Anhieb zu erkennen, sogar eine halbtaube europäische Nase riecht, dass die knees and noses ein Symbol sind, ein mächtiges, text- und bedeutungstragendes: Saleems monströse Nase, die nicht nur pickles riecht, sondern Gedanken, Stimmungen, Entscheidungen, Umschläge, die Zukunft ebenso wie eine sehr tief verschüttete Vergangenheit – und Shivas, seines heimlich vertauschten Zwillingsbruders mächtige Kniee, die alles zwischen sich aufnehmen und zerpressen können, die schiere, mörderische, tückische, aber auch: schöpferisch-zerstörerische Gewalt – sie gehören zusammen wie Indien und Pakistan, wie Körper und Geist, wie Mann und Frau. Für die ganz Dummen, durch den Begriff stutzigen Europäer erläutert Saleem das auch an einer Stelle, versteckt natürlich: „Shiva and Saleem victor and victim; understand our rivalry, and you will gain an understanding of the age in which you live (The reverse of the statement is also true.)“ Natürlich ist das Gegenteil genauso wahr, nur unsere europäische Logik hat das nicht begriffen; sie steckt noch in ihren Kinderschuhen und geht immer in Trippelschritten, richtig, falsch, richtig, falsch, nie aber dreht sie sich um oder fasst sich an die eigene Nase. Mit im Kreis drehen sich auch Anfang und Ende, Vergangenheit und Zukunft, ineinander verpickelt bis zur Unkenntlichkeit, gesehen durch die Schlupflöcher der Erinnerung von Saleem Sinai; mit im Kreis drehen sich Ursache und Wirkung, Schuld und Unschuld, Opfer und Täter, Gewinn und Verlust. Saleem erinnert sich: “The moment I was old enough to play board games, I fell in love with Snakes and Ladders. O perfect balance of rewards and penalties! O seemingly random choices made by tumbling dice! …implicit in the game is the unchanging twoness of things, the duality of up against down, good against evil; the solid rationality of ladders balances the occult sinuosities of the serpent.” Nicht der Kluge gewinnt, nicht der Gute wird belohnt, das ist nicht diese Welt, auch wenn sie sich das europäische Wunschdenken inzwischen geradezu alternativlos so zurechtgeredet hat; diese Welt ist eine, in der Optimismus eine gefährliche Seuche ist. Eine Welt, in der die Schlange niemals besiegt ist, denn wir selbst sehnen uns immer wieder nach der Schlange, ihren Windungen und Schleichwegen. Und dann fliehen wir schnell wieder zur nächsten Leiter, vielleicht bringt sie uns endlich dorthin, wo der Geist wohnt, neben dem Frieden, der Seligkeit und der Sicherheit! Aber die Schlange hat sich schon um unsere Füße geringelt, und der Geist ist, auch das lernen wir von Saleem Sinai, immer noch das unzuverlässigste Glied am menschlichen Körper. Geräumige Nasen hingegen, gewaltige Kniee –


indianbildungsroman
Aber es wäre zu viel geworden, wenn ich mehrere deutsche Indien-Texte nach Indien getragen hätte, und ich blieb deshalb (#shaktirules) bei einer weiblichen Autorin und einem männlichen Autor. Der männliche allerdings ist ungleich weltberühmter, sogar in Indien, und er war immerhin auch persönlich dort gewesen: Hermann Hesse nämlich, dessen Siddharta der Indien-Klassiker in der deutschen Literatur schlechthin ist und ein Buch, das sich fast zu leicht liest (es hat aber ein paar verdeckt vertauschte Köpfe). Hesse also, infiziert seit frühester Jugend von dem indianbug, schon sein Großvater und seine Eltern hatten dort missioniert, im elterlichen Haushalt gab es indische Dinge, indische Geschichten wurden erzählt (ob er das Ramayana kannte? das Mahabharata ganz sicher) – für ihn war Indien lange Zeit Traum- und Fluchtland, die mystisch angestrahlte Alternative zur allzu oberflächlichen Zivilisation Europas; fünfzig Jahre später geboren, wäre er ein Hippie in Goa gewesen. So aber konnte er sich später immerhin eine kleine Weltreise leisten, da war er schon ein bekannter Autor; und zu seinem Leidwesen fand er in Indien nicht exakt das, was er suchte, aber er fand Buddha, er fand Lao-Tse, er fand und fand nicht –

Aber sprechen wir lieber über Hesses Erzählung Siddharta als über enttäuschte alte weiße Männer; über die Hauptgestalt Siddharta, den Brahmanensohn, der so schön wie klug ist (#whoisarjuna?), aus bester Familie, ein zukünftiger Bilderbuch-Brahmane, wie er im Buche steht, der Schwarm aller glutäugigen Hindu-Mädchen und das Idol seines besten Freundes. Allein Siddharta ist nicht glücklich (was Voltaire nicht überrascht hätte, #sikhsandvoltaire), er sucht nämlich, so wie Hesse und die vielen blassen Sinnsucher nach ihm, nach – nun, nach etwas, was sich nicht gerade leicht finden lässt: sich selbst, dem Sinn des Lebens, das große Ganze, all das könnte man sagen – und hätte am Ende nur Worte gesagt. Und so geht Siddharta, nachdem er die ersten beiden Lebensstadien der insgesamt vier ashramas durchlaufen hat, am Ende zurück zu dem Fluss (#banksofganga), den er einst zu Beginn seiner Suche befahren hatte, zurück zu dem Fährmann, der ihn damals in seiner Einfachheit und Wortkargheit seltsam angerührt hatte – und er bleibt bei ihm und lernt von ihm, bis zu seinem Tod (#weisheitimschatten). Am Ende wird er selbst ein Einsiedler, ein Weiser sein – aber hier hört die Zeit auf, sie spielt keine Rolle mehr, und das, was Siddharta am Ende gelernt hat, ist: dass man es mit Worten nicht mitteilen kann. Worte sind maya, selbst die weisesten und klügsten, und niemals wird man sich selbst finden, solange man den Worten anderer folgt (#lossofwords). Gurus sind für Schüler. Wer aber kein Schüler bleiben will, muss als erstes – alles vergessen, was er gelernt hat. Die Sätze vergessen, die Worte vergessen, das Reden vergessen. Der Einzige, der ihn etwas zu lehren hat, ist – der Fluss; es ist der ewige Ganges, es ist der Yamuna, der am weißen Wunder fließt, es sind alle Flüsse dieser Welt, die aus dem großen Milchozean entspringen. Und der Fluss sagt, wenn man es denn nun unbedingt in Worte fassen muss, weil man noch zu unreif ist, nur ein einziges Wort: Om, den Urklang, den Schöpfungsakkord, in dem alle Stimmen, die jemals gesprochen, gesungen, geklagt oder gebetet haben, enthalten sind, untrennbar verschmolzen ineinander. Ach, die Worte, sagt Siddharta am Ende zu seinem treuen Freund Vasudeva, der zu ihm zurückgekehrt ist; vergesst die Worte, sie haben nichts zu sagen. Was ziemlich absurd ist, wenn man es in einem Roman liest, der Worte auf Worte gestapelt hat, seitenweise; aber wenn man genau hinhört, sagt auch der Roman, jedenfalls soweit das ein westlicher Roman überhaupt kann, nur ein Wort: Om. Höre selbst. Glaube mir nicht. Vergiss. Höre neu und höre – (oder, mit Voltaire: Es lässt sich viel darüber sagen. Oder gar nichts. Es macht keinen Unterschied. Es sind Worte).

karmaisabitch
Apropos ashramas, mein Ganesha, wo sind wir gerade, auf welcher Stufe, auf welchem Weg? Vier ashramas kennen eure Schriften, Lebensstadien, Stufen, sie sind nacheinander zu durchlaufen, man kann in der Mitte auch etwas überspringen (#metrotalk), aber zumindest das Ende – scheint auf einmal festzustehen! Denn am Anfang ist man ein brahmacharya, ein Anfänger, ein Schüler, der gar nichts weiß und einen guru braucht, einen weisen Lehrer. Niemals kommt man sonst zum dharma, zur Rechtschaffenheit, dem, was wir Europäer etwas ungeschickt-abstrakt „Moral“ genannt haben. Dharma ist aber mehr, es sind nicht nur Worte, sondern die täglich praktizierte Moral, die gelebte Ordnung des Universums, das Gesetz, das jede einzelne Handlung durchdringt; aber nichts, was man wählt, oder was verdienstvoll ist, oder was zur Diskussion steht. Vom Schüler muss man dann zum grihastha werden, zum Vater, Haushalter, Ehemann: Man muss ins praktische Leben eintreten, eine Frau ehelichen – ich denke mir aber, es würde auch umgekehrt gehen, und ich könnte einen Mann ehelichen, #shaktirules –, Kinder zeugen, materielle Werte schaffen, in der Gemeinschaft leben, artha heißt das und kama, Bedeutung, Sinn, aber auch Fülle, Reichtum und Befriedigung. Danach aber muss man – das alles loslassen können, Platz machen für die nächste Generation, sich zurückziehen, ein Rentner des Lebens werden: vanaprasha. Ab jetzt richtet sich der Blick nicht mehr auf die irdischen Güter, sondern nimmt schon von fern das Ziel ins Auge, und dieses Ziel ist es, das allen Enden ein ewiges Ende setzt: moksha, die Befreiung vom Selbst, dem lästigen, Überlästigen Ich. Der sannyasa lebt als Einsiedler und Asket in den Wäldern, und wenn es ihm wirklich gelingt, irgendwann moksha zu erreichen, die völlige Befreiung, die Einheit mit brahman, dem großen Weltgeist – steht das Rad der Wiedergeburt still. Er ist, im vollen Sinn des Wortes, ausgestiegen. Wir anderen jedoch, wir drehen uns weiter, mal sind wir oben, mal unten, mal Brahmane, mal dalit, Wenn auch ich also jederzeit wiedergeboren kann in einem anderen Glied des Rades, als anderes Wesen, und wenn ich nicht einmal träumen darf davon, ein elefantenköpfiger Schreiber zu werden, wo ich doch auch ein kreisender Geier werden könnte – dann befolge ich am besten Kants Goldene Regel! Kant war einer unserer komischen begriffsgläubigen und kategorienhörigen Weisen, mein Ganesha, aber eines hatte er erkannt: Es gibt nur eine einzige goldene Regel, sie enthält die ganze Moral, unser dharma, sozusagen, und sie sagt: Sei nett zu Leuten, auch wenn du meinst, dass sie es nicht verdienen; du könntest morgen aufwachen und einer von ihnen sein. Karma is a bitch, so viel haben sogar die meisten Europäer von eurem Hinduismus verstanden –

indianbildungsroman
Interessanterweise, so stellte ich dann fest, als ich schon beinahe begann ein kleines Om zu hören (das geht gar nicht so einfach, wie das die Yoga-Lehrerin verspricht, sie sagt aber, es reiche auch, wenn man es sich einbildet, und das ist immerhin ein sehr indischer Gedanke, #theyogaway) – interessanterweise ist das bei Karoline von Günderode gar nicht so viel anders. Sie ist der weibliche Part meines Indien-Programms gewesen, die shakti zu Herrmann Hesse sozusagen, eine eher unbekannte Autorin, gut hundert Jahre vor Hesse geboren. Karoline führte ein äußerlich ereignisloses und innerlich zerrissenes Leben und erdolchte sich, da war sie keine dreißig Jahre, aus verschmähter Liebe ¬– so sagt die Nachwelt jedenfalls, aber eigentlich: weil sie das Leben für überschätzt hielt. Sie stieß sich den Dolch in die Brust, an einem Flussufer (#banksofganga) fand man sie; sie hatte vorher recherchiert, wo genau man in die Brust einstechen muss, wenn man wirklich tot sein will, und das wollte sie, und das tat sie, zielsicher und zielbewusst.

Zu den seltsam perfekten und ein wenig unheimlich geschlechtslosen Texten, die sie hinterlassen hat, gehört auch eine Geschichte eines Brahmanen; und auch dazu hat sie sich informiert, sie hatte Bücher gelesen zu Indien und speziell zum Hinduismus, und sie war sehr fasziniert von der Idee der trimurti (#tridentdreieinig), der Einheit aus Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung (die sie frühromantisch nach ihrem Bilde eingemeindete, was sonst). Die weiblichen Göttinnen allerdings tauchen nicht auf bei ihr, sie werden geradezu lauthals unterschlagen. Deshalb ist auch die Geschichte, leider, wieder eine männliche Bildungsgeschichte. Und sie beginnt nicht mit einem jungen Brahmanen, sondern mit einem jungen Europäer, der früh erkennt, dass ihm alle europäischen Glaubenslehren, die schon deutlich angenagt sind vom Geist der Aufklärung (#sikhsandvoltaire), nichts sagen können; dass ihm aller europäische Luxus, aller Reichtum, alle Weltgewandtheit eigentlich zuwider ist – und so begibt er sich, gut hundert Jahre vor Hesse, auf den Weg nach Asien. Auch er durchläuft verschiedene Lebensstadien, auch er muss vor allem eines lernen: loslassen und vergessen. Am Ende findet er seinen Seelenfrieden bei einem alten Brahmanen, der nicht viel spricht, und dort wird er bleiben, denn die Zeit hat auch für ihn ihre Bedeutung verloren und das Ziel ist erreicht – es ist aber gar kein Ziel, wie wir inzwischen wissen, denn sonst hätte man es ja suchen und finden können. Das eigentliche Ziel aber kann man nicht finden, es kommt erst zu einem, wenn man das Suchen losgelassen hat.

Denn das wird aus einem klassischen europäischen Bildungsroman, der hoch gepriesenen Geschichte des sogenannten ‚Individuum‘ und seiner generalstabsmäßig auszubildenden einzigartigen ‚Subjektivität‘, wenn es nach Indien transponiert wird: Es – verliert sich. In Europa arbeiten alle an ihm wie an einer Statue, die Eltern, die Lehrer, die Frauen, die Freunde: Sie fügen hier etwas hinzu und schleifen dort etwas ab, und am Ende ist die Statue ein Musterbild in einem Musterbuch – natürlich ein Individuum, natürlich etwas Besonderes, aber ist sie wirklich sie selbst? Und wird sie jetzt so bleiben, für alle Ewigkeit, wird sie nur noch etwas abgestoßen werden an den Kanten, dort wo sie vorsteht, und etwas staubig, etwas vergilbt, wie das Taj Mahal unter den Autoabgasen? Was ist eine Bildung, die einen Abschluss findet? Man kommt höchstens bis zum zweiten der vier indischen Stadien, man wird ein ordentlicher Haushalter, oder, mit Hegel: Denn das Ende solcher Lehrjahre besteht darin, daß sich das Subjekt die Hörner abläuft, mit seinem Wünschen und Meinen sich in die bestehenden Verhältnisse und die Vernünftigkeit derselben hineinbildet, in die Verkettung der Welt eintritt und in ihr sich einen angemessenen Standpunkt erwirbt? Aber wenn die Hörner doch zu einem gehört hatten, wie die Nase zu Saleem Sinai (#kneesandnoses)?

Der indisierte Bildungsroman hingegen gibt nicht etwas zu, sondern er legt etwas ab: all das nämlich, was nicht das Eigene war, was einem hinzugefügt wurde von anderen, was einen belastet und beschwert hat. Bildung hat nichts mit Individualität zu tun, das ist eine typisch westliche Einseitigkeit, und je individueller sich einer dünkt, desto stromlinienförmiger denkt und handelt sie meistens. Nicht einer sein, alle sein – das ist das Ziel des indischen Bildungsromans, dazu verläuft er in konzentrischen Kreisen, dazu schreitet er die verschiedenen Lebensstadien ab, die alle ihren Wert haben, aber kein –

whoisarjuna
Apropos Arjuna, jetzt kommen wir endlich zu Arjuna, mein Ganesha, wusstest du, dass du einen indischen Bildungsroman geschrieben hast, damals? Natürlich gibt es verschiedene Varianten: Eine ist die Aufstiegsgeschichte, sie ist beliebt im modernen Indien, Bollywood lebt von ihr, und jeder Tuk-tuk-Fahrer könnte zum slumdog millionaire werden. Aber das ist im Wesentlichen der amerikanische Traum, übersetzt ins Indische; es ist keine spirituelle Reise, sondern ihr Gegenteil, auch wenn sie unglaublich rührende, unglaublich tragische und unglaublich lustige Geschichten macht, seien wir ehrlich, wir alle lieben das Vom-Tellerwäscher-zum-Donald-Modell! Trotzdem sollten wir besser die indischen Epen aufschlagen, das tun wir auch (#metrotalk), und wir finden, endlich – Arjuna. Du kennst Arjuna, mein Ganesha, aber du weißt, um zu verstehen, was ich nicht verstehe (oder nicht zu verstehen, was ich verstehe, es kommt aber auf eines heraus), muss ich mir selbst die Geschichte erzählen. Arjuna also ist einer der größten indischen Helden; viele Geschichten im Mahabharata erzählen von ihm, von seiner Familie, seinen kriegerischen Heldentaten, seinem Exil, der Liebe des Krishna zu ihm und seinem Besuch im Paradies. Arjuna ist genauso schön wie Siddharta, ach, viel schöner noch! Arjuna ist auch ein geradezu überirdischer Bogenschütze; all seine Macht, all sein Können, all seine Weisheit konzentrieren sich in seinem Bogen (übrigens magisch und ein Göttergeschenk); er ist der fernhin Treffende, wie der griechische Apollo (und für die Rationalisten unter uns: natürlich sind Fernwaffen kampfentscheidend in frühen Zivilisationen, sie verhindern den blutigen Zweikampf und treffen aus „heiterem Himmel“, welch grausame Metapher!). Doch dann wird seine Dynastie, werden die Pandavas verbannt, sie müssen ins Exil gehen, und sie gehen in die Wälder, wie es sich so gehört im dritten Stadium der ashrama; in den Wäldern leben die Weisen, dort kann man lernen und reifen. Viele Geschichten berichten von dieser Zeit, davon, wie die Pandavas sich tarnen und verstecken, wie Arjuna seinen Göttervater Indra im Himmel besucht, aber wieder zurückkehrt, denn auch das schönste Exil hat irgendwann ein Ende, und schließlich steht die Entscheidungsschlacht an mit den gegnerischen Kauravas. Aber eigentlich sind sie gar nicht nur die Gegner, sie sind die alten Freunde und Lehrer aus seiner Jugend, aufgrund komplizierter familiärer Verstrickungen ist man eigentlich verwandt (und wer ist eigentlich nicht verwandt in diesem ganzen großen Menschengeschlecht, das hätte auch Voltaire gesagt, und Gandhi, und sogar Saleem Sinai riecht das mit seiner großen Nase), und wie soll man mit sich leben, wenn man diejenigen dahinstreckt, die man doch geliebt hat und kannte, und wie soll man mit dem Nachleben leben, wenn man selbst dahingestreckt wird, schamvoll auf dem Schlachtfeld?

Arjuna steht also da, am Vorabend der Entscheidungsschlacht, und Arjuna zögert. Und dann fragt er seinen großen Freund, den weisen Krishna, und Krishna kommt zu ihm, und es wird ein wenig geweint (#bollywoodiseverywhere), und es wird sehr viel geredet. Dieser Dialog ist die Bhagavadgita, das Herz des Mahabharata, nein, sie ist sein Kopf, denn hier geht es, auf einmal, nicht mehr um Geschichten, sondern um Worte. Arjuna stellt Krishna eine Reihe von Fragen, und Krishna antwortet ihm; er antwortet ihm sehr ausführlich und gründlich, immer wieder fragt Arjuna mehr oder weniger das Gleiche, nur in etwas anderen Worten, der Dialog scheint eher in sich zu kreisen als vorwärts zu führen, aber am Ende – man kann nicht sagen, dass Arjuna erkennt; es wären doch wieder nur Worte. Aber Arjuna wird geheilt von seinem Zweifel, so kann man vielleicht sagen, das Wort fällt sogar; er wird geheilt von seiner fatalen Zögerlichkeit, seiner so unheldenhaften Unentschlossenheit. Am nächsten Tag wird er kämpfen, er wird siegen, und er wird seine Herrschaft wieder antreten. Aber die Geschichte hat ein seltsam unspektakuläres Ende: Arjuna übergibt nämlich die Herrschaft an seinen einzigen überlebenden Nachkommen und macht sich mit seinen nächsten Verwandten auf die letzte Pilgerreise zum Himalaya, dem Ort des Himmels. Sie alle sind alt und schwach geworden, und einer nach dem andere fallen die alten Helden. Sie fallen aber, weil sie zu schwach waren in ihrem Leben, weil sie Fehler hatten, menschliche Fehler (hamartia heißt das bei unserem Aristoteles, Ganesha, und das ist griechisch und bedeutet: nicht getroffen, das Ziel verfehlt). Und der Fehler Arjunas war es: zu sehr auf seine Künste als Bogenschütze zu vertrauen; auch er schießt fehl. Hybris, mit anderen Worten, die Ursünde des menschlichen Geschlechts schlechthin. Kein Heldenende für Arjuna. Indische Geschichten haben kein happy end, und das Schöne muss sowieso immer sterben. Die Geschichten haben nicht einmal ein Ende, nicht wahr, mein Ganesha?

Was aber lehrte Krishna seinen liebsten halbmenschlichen Freund, dem schönen und mächtigen und an dieser Stelle seltsam zögerlichen Arjuna, in diesem ältesten aller Bildungsromane? Nun müssen wir uns wieder auf das Gebiet der Worte begeben, der schlüpfrig vieldeutigen und allzu eindeutigen, wo wir doch lieber einen schönen Pfeil mit dem Bogen auf ein imaginäres Ziel schießen würden! Frei von der Gegensätze Band, frei von Besitz, das lehrt Krishna Arjuna, solle er sein, nur so werde er Herr seiner selbst! Das kann man beinahe verstehen, so meint man: Entsagung vom Besitz, nun gut, das hat noch jeder Weise gelehrt, der unterm bodhi-Baum sitzt oder der Platane am Ilyssos; und dass es keine Gegensätze gibt, dass sie nur ein Werk der tückischen maya sind, die sich einen Scherz mit der penetrant zweifüßigen Struktur unseres Schwarz-Weiß-Denkens macht (#noses andknees). Das aber reicht nicht. Denn Arjuna geht es nicht um Worte, obwohl deren viele gewechselt werden; er steckt ja in einem sehr konkreten Dilemma, Handeln oder Nicht-Handeln, Töten oder Getötet-werden, das sind Gegensätze, über die man sich nicht eben mal mit einem gedanklichen Schulterzucken erhebt. Und Krishna stimmt ihm bei: Tatsächlich, das sei eine Scheinalternative; denn Handeln müsse er zweifellos – er solle sich nur von dem Gedanken verabschieden, dadurch ein Ergebnis erzielen zu wollen. Tun musst du, das sagt Krishna, in immer wiederholter Variation; die dem Menschen innewohnenden Natur zwinge ihn, zu handeln, jeder habe eine innere Wunschkuh, sonst sei er kein Mensch – und zudem werde das Universum nur so im Fluss, in der Bewegung, in der Veränderung erhalten. Es komme aber allein auf die Haltung an, in der die Handlung geschehe: Die pflichtgemäße Tat, die frei von Weltlust, Leidenschaft und Haß / Getan ist ohne Rücksicht auf Erfolg – die ist von guter Art. Das, wovon man sich frei machen muss, sind nicht nur die Gegensätze; nein, man muss sich frei machen von der Ausrichtung auf einen Erfolg, ein Ziel, ein Handeln, das man sich selbst zuschreiben kann, als freier Akteur. Man handelt, man gibt sein Bestes, und während man noch liest, was Krishna dem immer noch unentschiedenen Arjuna sagt, sieht man Gandhi im Hintergrund auftauchen, ein Handelnder, wie es wenige gab, und ein Nicht-Handelnder; einer, der in seinem Tun aufging, und wenn sich ein Ziel dabei glücklich einfand (#bremsenhupenglück), umso besser! Es kam aber auf das Handeln an und die innere Haltung des Handelnden: Wer keinem Wesen feindlich ist, freundlich gesinnt und mitleidsvoll, / Von Selbstsucht und von Dünkel frei, geduldig, gleich in Leid und Lust, / Zufrieden, immer andachtsvoll, sich zügelnd, dem Entschlusse treu, / Mit Sinn und Geist in mich versenkt, – / wer so mich ehrt, der ist mir lieb. Eine Lehre? –

indianreview
Bei der Rückkehr blühen die ersten Krokusse in Deutschland. Sie sind blass, sogar dann, wenn sie safranfarben sind. Die Luft im heimischen Dorf ist so klar, dass man ins Husten gerät. Alles wirkt wie ausgeschnitten mit einer scharfen Schere, es hat so viele Kanten und Grenzen, und an den Rändern – ist ein Zaun. Eine Mauer. Selten nur noch eine Hecke, die lebt. Während ich die Fotos bearbeite, habe ich ständig das Bedürfnis, die Farben künstlich zu verstärken, es ist alles nicht bunt genug, nicht kräftig genug, es schreit nicht. Mein Sohn sagt, im Fotobuch sähe Indien auf einmal so schön aus, beinahe könne man doch „schön“ antworten auf die Frage: Wie war es in Indien? Schön, sieh nur die Fotos! Wir alle sind ein bisschen kränklich in der ersten Woche nach der Rückkehr, nichts Handfestes, ein leichtes Fieber, eine dauernde Erschöpfung, eine Art kränkliche Weltfremdheit – wir haben einen Indienvirus, schwach nur, eine Art overflow in allen Systemen, psychisch beinahe mehr als physisch (der Körper ist die Einheit, der Geist ist schwach, #nosesandknees), und er muss abgearbeitet werden. Muss er das wirklich? Während die Zeit ihr Werk tut und die indischen Farben verblassen – aber man hat noch ein wenig würzigen mouth freshener, und die Räucherstäbchen sind stark, du wachst über sie, mein Ganesha, und hinter deiner Weiße liegen jetzt viele Schichten farbiger Erinnerungen –, sinken die Eindrücke herab, bilden einen Bodensatz, mischen sich mit dunkleren Säften, die man noch nicht gekannt hat, die aber empfänglich waren für diese neue Strömung. Wenn man Salman Rushdie wäre – und man liest immer noch in seinem Roman, inzwischen hat man verstanden, dass man an jeder Stelle beginnen kann und überall aufhören, aber man fühlt sich jedes Mal ein Stück mehr zuhause –, wenn man also Salman Rushdie wäre und seine ost-westliche Bildgewalt hätte, würde man vielleicht sagen: Man behält vom indianbug, von der indianexperience eine Art indischen – Schluckaufs zurück. Ab und zu stößt etwas auf, etwas Fremdes, es kommt aber nur von ganz tief unten, wo es noch nicht ganz verdaut ist und weiter gärt, ein deutsch-indisches Pickle aus neun rasas. Saleem Sinai sagt am Ende: This is not what I had planned; but perhaps the story you finish is never the one you begin. Das Mahabharata sagt: Unsichtbar sind die Anfänge der Wesen und ihr Ende auch, / Die Mitte nur ist sichtbar uns – was gibt's für Grund zur Klage da?

Womit beginnen – war von Anfang an die falsche Frage. Schreiben oder Nichtschreiben, Erinnern oder Nichterinnern, darauf kommt es nicht an. Man hat gar keine Wahl, so wenig wie Arjuna eine hatte: The way it was: begin. – No choice? – None; when was there ever? There are imperatives, and logical consequences, and inevitabilitites, and recurrences; there are things-done-to, and accidents, and bludgeeonings-of-fate; when was there ever a choice? When options? No choice: begin.

Ich gehorche, mein Ganesha; ich arbeite an meinem Nichtverstehen, und du hilfst mir. Wenig Geschichten nur habe ich erzählt, ich bin keine Geschichtenerzählerin, mein Kopf ist zu schwer, meine Wörter zu blass, und immer habe ich meinen Augen mehr getraut als meiner Nase. Jetzt aber hast du Trittsteine für mich gelegt, Fußspuren weisen uns den Weg durch die Labyrinthe der Geschichten. Uns begleiten Nr. 7 vom Crawford Market, Ajay-Dev-Best-Marigold und der Mann aus der Metro mit seiner blütenweißen Schleife; unter dem einen Arm trägt er das Mahabharata, unter dem anderen das Ramayana. Gandhiji ist bei uns im Geiste, er schreibt einen Brief an Modi, aber wir werden auch Hitler nicht verschweigen, seinen schwarzen Gegenpart. Arjuna, Siddharta, Saleem Sinai und Gully Boy bilden eine boy group, jeder summt ein anderes Om, und sie versprechen uns nichts zu lehren. Voltaire nickt schelmisch dazu und Kant schaut schon ganz indisch; Rilke übersetzt Tagore, und Goethe lernt Sanskrit vom Weisen Vyasa. Die drei Göttinnen, Sarasvati, Lakshmi und Parvati, tanzen über unsere Köpfe hinweg, Katsuba schweigt dazu, Kali schwingt ihre Totenköpfe und Laxmi Merchant zeigt allen ihr Autogrammbuch. Die Wunschkuh hat noch unendlich viel Platz in ihrem großen Magen, die schlafenden Hunde lassen wir liegen und die Gleitaare kreisen. Wir erinnern uns an den großen Alexander, der an Indien scheiterte, an den friedliebenden Ashoka und den sterneschauenden Humayun; wir streifen am Yamuna entlang, gedenken Karolines, die sich am Rheinufer erdolcht hat, und finden einen Bodhi-Baum; wir flechten Ringelblumenkränze, widmen sie Salman Rushdie und essen die bunten pickles, die scharfen thalis und die himmlischen Mangos vom Paradiesbaum. Wir gesellen uns zu den saddhus am Rand und versinken in den schwarzen Löchern ihrer Augen, wir erheben unsere Augen zu dem weißen Wunder und machen ein Namaste. Neun rasas durchleben wir, sechs flavours schmecken wir, die Stille hören wir durch den Schleier der Worte, und drei Götter sehen wir durch ein heiliges Loch in der Mitte: den Schöpfer, den Erhalter und den Zerstörer. Wir halten die Wunde offen und vertreiben den indian bug weder mit Antibiotika noch mit Worten. Bleibst du bei mir, mein Ganesha, lehrst du mich das Nicht-Verstehen und das Nicht-Wissen, denn deine Geschichten haben doch – kein Ende?