Gehege:
Essays und Übersetzungen:
Wie sehnte sie sich nach der Steppe! Am meisten sehnte sie sich nach ihrer Mutter. Aber sie vermisste auch ihre Tanten und Schwestern. Und den ganzen Clan, alle, die sie sich um sie stellten, wenn die Löwen angriffen, und die ihr die Wasserlöcher gezeigt hatten und die geheimen Orte, wo die Vorfahren ruhten. Wie vermisste sie die Sonne, das Licht! Und die Schlammlöcher, in denen man sich wälzen konnte, bis man ganz von dichtem weichem Schlamm umgeben war! Und nun war sie hier in eine enge dunkle Box gesperrt. Neben ihr standen noch andere Tiere, doch sie sprachen eine andere Sprache und waren mit sich selbst beschäftigt. Na gut, sie bekam so viel Stroh, wie sie nur wollte, und sogar frisches Obst. Und regelmäßig kam der Mensch, um sie zu bürsten, sie aus einem schlangenförmigen Etwas mit Wasser zu bespritzen oder ihre Zähne und Hufe zu kontrollieren. Er hatte ihr auch einen Namen geben, so viel hatte sie verstanden; es war ein Laut, den er immer aussprach, wenn er zu ihr kam, und er hatte eine besondere Stimme für ihn: Kama. Das fühlte sich gut an. Aber trotzdem sie war allein. Niemals zuvor war sie allein gewesen. Immer wieder suchte ihr Rüssel die Wände ab, suchte nach Spuren und Gerüchen; ständig horchte sie, aber nirgendwo ein vertrautes Grollen. Nur Schritte, Menschengerüche und Menschengeräusche; und manchmal drang ein seltsames Geklapper durch die Wände. Sie kannte kein Tier, das solch ein Geklapper machte, und fürchtete sich ein wenig davor.
Aber jetzt wusste sie, woher das Geklapper kam. Denn jetzt hatten auch für sie die Übungen begonnen. Jeden Morgen zur gleichen Uhrzeit – es war die Zeit, wo die Herde sich auf ihre tägliche Wanderung zu den Futterplätzen machte – kam der Mensch und führte sie in einen anderen Raum. Dort stand ein Menschengerät. Sie hatte schon Menschengeräte in der Steppe gesehen: Sie brummten und bewegten sich, beinahe so schnell wie die leichtfüßigen Gazellen, und in ihnen saßen Menschen und hielten sich etwas vor die Augen. Dieses Menschengerät aber stand nur da, immer am gleichen Platz. Es hatte viele einzelne Teile, auf denen etwas abgebildet war, auf jedem Teil etwas anderes. Einige Formen sahen aus wie die Ohren ihrer Tanten, wenn sie böse waren; andere sahen aus wie die Stoßzähne der Bullen, wenn sie sie im Angriff senkten. Zweige und Gräser gab es; und runde Wasserlöcher mit kleinen Ärmchen daran; und Wölkchen, die sich öffneten und schlossen. Natürlich roch jedes Teil ein wenig anders, das hatte sie bald herausgefunden; und jedes Mal, wenn sie mit ihrem Rüssel eine neue Form abtastete, machte der Mensch fröhliche Geräusche und sagte ihren Namen, immer wieder: Kama, Kama! Bald hatte sie in ihrem Kopf eine eigene Karte für all die kleinen Felder, das war gar nicht schwierig gewesen; genauso merkte sie sich auch, wo die Wasserlöcher waren und die besten Plätze für die frischen Zweige und die bösen Stellen, wo die Löwen lauerten; und die Pfade durch den dichten Wald natürlich, hin zu den geheimen Plätzen.
Und so kam es, dass sie bald den Morgen kaum noch erwarten konnte; sie wollte hinaus aus der Box, hin zu ihrem Platz bei dem großen Menschengerät. Der Mensch hatte vor kurzem sogar eine Art Tanz erfunden. Er zeigte nacheinander auf verschiedene Felder, und sie sollte sie das mit dem Rüssel nachmachen, genau in der gleichen Reihenfolge. Na gut, das war nicht besonders schwierig, und es auch war nicht schwierig, sich den Laut zu merken, den er zu jedem Tanz machte; manchmal war er länger, manchmal kürzer, aber eigentlich waren es ziemlich einfache Laute. Eigentlich hätte sie ja lieber ihren eigenen Tanz vorgeführt; sie hatte sich schon einen ausgedacht, in den langen Stunden in der Box, er begann mit den Ohren ihrer Mama, und dann kamen die Gazellen durch die Zweige gehuscht, und dann kam der geheime Weg durch den dichten Wald zum geheimen Ort, wo der Clan seine geheimen Tänze aufführten, wie alle Vorfahren vor ihnen – aber sie durfte ihren Tanz nicht vorführen. Wenn sie es versuchte, schüttelte der Mann immer seinen Kopf, an dem er keinen richtigen Rüssel hatte, nur so einen kleinen Stummel. Manchmal tat er ihr richtig leid deshalb; wie konnte er denn so seine Familie riechen, seinen Clan finden und vor allem: verstehen, wie jeder von ihnen sich fühlte an diesem Tage, an dieser Stelle, zu dieser Zeit? Dann strich sie ihm mit dem Rüssel sanft über seinen Kopf; und tatsächlich, grollte er jetzt nicht gelegentlich ganz leise dabei, ganz ähnlich wie eine ihrer Tanten, die nicht mehr die jüngste war und etwas sonderbar? Und sie grollte zurück.
Eines Tages, da war sie sich ganz sicher, würde sie ihm auch beibringen können, ihrem Rüsseltanz zu folgen. Sie würde ihn anleiten, Schritt für Schritt; aber es würde schwierig werden, weil sein Rüssel ja so klein war und er noch niemals versuchte hatte, an den Formen zu riechen. Aber wer weiß, vielleicht hatten sie ja auch eine Art von Intelligenz, diese seltsamen Wesen mit winzigen Rüsseln, die nicht riechen konnten, und den ebenso winzigen Ohren, die nicht sprechen konnten? Es war schließlich alles nur eine Frage der Übung.
Brief von Karl Krall an Ernst Haeckel, Elberfeld, 1. April 1913
"Euer Exellenz
erlaube ich mir heute davon Mitteilung zu machen, dass die Fortschritte in der Sache der „Denkenden Pferde“ sehr erfreuliche sind. Es fehlt zwar nicht an heftigen Gegnern und allerlei Gegenerklärungen von Leuten, die nichts von der Sache gesehen haben. Aber auch die zustimmenden Artikel sind erfreulich und zahlreich. Gestern erhielt ich zum Beispiel einen Aufsatz von Prof. Karl Camillo Schneider. Schneider war entschieden einer der heftigsten Gegner der Tierintelligenz. Er giebt auch jetzt noch nicht den Verstand des Tieres zu, aber er erkennt rückhaltlos die Tatsachen an. Damit müssen wir uns für den Augenblick begnügen, denn es ist das Wesentliche, dass die Tatsachen durchdringen. In einigen Tagen werden die Mitteilungen der Gesellschaft für Tierpsychologie erscheinen und im Laufe des Frühjahrs gebe ich eine umfangreiche Zeitschrift „Tierseele“, Zeitschrift für vergleichende Seelenkunde heraus, die das Problem der „Denkenden Pferde“ weiter verfolgen, und hoffe ich, auch viele anregende Aufsätze bringen wird. Die ersten Nummern befinden sich bereits im Druck.
Die Fortschritte des blinden Berto sind ausserordentlich gute, die zwar jetzt seit 3 Wochen durch Perioden der Unlust unterbrochen werden, die wahrscheinlich durch den Zahn- und Haarwechsel hervorgerufen werden. Seit 3 Wochen bin ich im Besitz eines jungen indischen Elefanten, der auf der Schreibmaschine unterrichtet wird. Bei diesem Tiere stehen uns natürlich ganz andere Ausdrucksmittel zur Verfügung, und so ist zu hoffen, dass dieses junge Schreibmaschinenfräulein, mit seinem zarten Rüsselchen das letzte Bollwerk der Gegner stürzen wird. Ich wollte nicht verfehlen, Euer Exellenz [!] von diesen erfreulichen Fortschritten Mitteilung zu machen, und habe nur das eine Bedauern daran zu knüpfen, dass wir Sie nicht einmal hier in Elberfeld, im Kreise derc Tierhochschule begrüssen können.
Mit den besten Wünschen für Euer Exellenz [!] Gesundheit bei dem herankommenden schönen Frühling verbleibe ich
Ihr treu ergebener
K. Krall."
Der Vogel starrte mich an. Die Augen waren groß und sehr dunkel; sie hatten eine perfekte Form, wie übergroße Mandeln mit sich freundlich nach oben schwingenden Kajal-Winkeln am Ende; keine Visagistin hätte das perfekter und symmetrischer machen können. Dass die Nase hakenförmig und eigentlich ein spitz gebogener Raubtierschnabel war, fiel kaum auf, so zierlich und gleichmäßig passte sie sich in das beinahe kreisrunde Gesicht ein. Der ganze Kopf war von einem wolligen Mittelgrau überzogen, das in leichte Wellen gelegt war; darüber thronten einige neckisch aufgestellte Löckchen, einen perfekten Kranz bildend, und darüber zum krönenden Abschluss zwei dunkelgraue Plüschohren, die die Wellenbewegung des Kranzes in vollendetem Schwung aufnahmen. Der ganze perfekte Kopf thronte auf einem schlanken Raubvogelkörper in elegantem Schwarz-Weiß. Und er wirkte – gleichermaßen unfassbar weiblich und unfassbar befremdlich. Schön und beängstigend, beunruhigend in höchstem Maße und doch so, dass ich den Blick nicht abwenden konnte. Das Tier, das mich bei meinem Wochenendbesuch im Nürnberger Zoo so in seinen Bann zog, war, wie ich dem Schild entnehmen konnte: eine Harpyie.
Eine Harpyie? Waren das nicht Gestalten aus der griechischen Mythologie? Die Erinnerung war nur sehr vage, aber ich war mir ziemlich sicher, dass es sich nicht um freundliche Wesen handelte, sondern – eben um diffus bedrohliche. Eine Harpyie, bis vor zehn Metern hätte ich gedacht, dass es das doch gar nicht gibt, im wirklichen Leben; und doch saß sie hier, und starrte, und ich konnte den Blick nicht abwenden. Rilke schoss mir durch den Kopf, das bekannte Zitat vom Schönen, das nur des Schrecklichen Anfangs ist (Duineser Elegien, es geht um Engel, nicht um Harpyien), aber vielleicht war es ja auch umgekehrt und das Schreckliche ist nur des Schönen Anfang? Doch jetzt musste erst einmal geforscht werden. Also, die Lektüre einiger Wikipedia-Artikel später:
Die mythologischen Harpyien waren vor den realen da, jedenfalls vom Namen her. Denn erst Carl von Linné benannte im 18. Jahrhundert eine südamerikanische Adlerart so, die vor allem in Mittelamerika in den Regenwäldern lebt und heute beinahe ausgestorben ist; er benannte sie nach den griechischen Mischwesen. Denn die antiken Harpyien waren ihrer Art nach Mischwesen, und sie bestanden: aus einem Frauenkopf auf einem Vogelkörper. Schnell wie der Sturmwind sollen sie gewesen sein: „reißender Sturm, schneller Wind“ ist auch die Wortbedeutung ihres griechischen Namens. Wie immer in der Mythologie, sind ihre Familienverhältnisse reichlich unklar, das lassen wir aus, nicht einmal ihre Anzahl steht so recht fest. Anfangs waren sie schöne und verführerischen Frauen, und später waren sie gorgonenartige hässliche Frauen. Die Geschichten, die von ihnen in diversen Quellen erzählt werden, sind durchgängig beängstigend und/oder unappetitlich. Prinzipiell hatten sie die Aufgabe, im Auftrag des Göttervaters Zeus die Seelen der Toten ins Totenreich zu befördern und dabei noch ein wenig zu quälen (vor allem, wenn sie es verdient haben; Vatermörder und so). Aber manchmal hatten sie auch eine besondere Mission: So durften sie beispielsweise den bilden Seher Phineus quälen (auch er hatte Zeus geärgert), dem jeden Tag eine reichliche Tafel aufgetischt wurde – und kaum griff er nach den Leckerbissen, schnappten die flinken Bestien ihm die Bissen vom Mund weg. Oder sie – äh, entleerten sich darauf. Dann mochte er nicht mehr essen. Soweit Wissen von Wikipedia. Ich blicke wieder auf.
Die Harpyie vor mir blinzelt nicht, sie bewegt nur manchmal eher eulenartig den Kopf; sie ist immer noch weiblich, sie ist immer noch schön, zweifelsohne ist sie schön, und ich werde den Eindruck nicht los, dass sie das auch weiß! Dann ändert sie ein wenig die statuarische Pose, und dann – nun ja, dann entleert sie sich. Ich hatte zum Glück der Versuchung widerstanden, Popcorn oder Salzbrezeln zu kaufen, auch wenn beides außer Reichweite des schön-schrecklichen Tieres gewesen wäre. Dass diese Wesen Menschen tragen können und hässliche Dinge mit ihnen veranstalten, ist im Übrigen durchaus vorstellbar: Es handelt sich um sehr, sehr große Greifvögel, die Weibchen noch deutlich schwerer und kräftiger als die Männchen. Sie sind überzeugte Fleischfresser, die sich vor allem von Faultieren (nein, kein billiger Scherz; Folivora) und kleineren bis mittelgroßen Affen ernähren (wer weiß, was ihnen hier im Zoo in Gefangenschaft aufgetischt wird? Durch die regionalen Zeitungen gingen gerade Geschichten von der Überbevölkerung des Pavian-Geheges….)? Und sie sitzen hier natürlich in bemitleidenswerten kleinen Volieren; was ein Schicksal ist, dass noch nicht einmal blutrünstige fleischfressende Bestien verdient haben (zumal wenn sie im Auftrag des Donnergottes unterwegs sind, des größten Monsters der antiken Mythologie).
Aber die Frage lässt mich nicht los, ob nun die mythologischen Figuren oder die realweltlichen Vögel zuerst waren: zu schlagend sind die Parallelen, im Aussehen, im Verhalten, in der ganzen Imaginationskette, die sie auslösen. Und für viele, wahrscheinlich: für die meisten mythologischen Konstrukte gilt ja, dass sie eine Art natürlichen Kern haben, eine reale Verwandtschaft mit, eine Analogie zu Naturphänomenen; die menschliche Phantasie, selbst die von ganzen Zivilisationen, bringt es nicht auf diejenige Kreativität, die die Evolution ganz nebenbei entfaltet hat (die Kreativität der Evolution heißt: Artenvielfalt). Andererseits ist das Habitat nun tatsächlich falsch, selbst wenn man davon ausgeht, dass die Art früher weiter verbreitet war: Es ist ein amerikanischer Adler. Andererseits, andererseits: ist die Harpyie in die Heraldik – die auch nur eine Art ikonographischer Abkürzung mythologischer Bildtraditionen ist, damit man sie auf Schilde malen konnte – eingegangen als: „Jungfrauenadler“. So heißt der deutsche Fachbegriff, und er meint: einen stilisierten Frauenkopf (einer jungen Frau, deren Unschuld impliziert wird) auf einem stilisierten Adlerkörper. Ist die Harpyie doch ein archetypisches Artefakt der menschlichen Phantasie? Und warum gibt es keinen Jungmannadler?
Die Harpyie schaut mich an. Ach, ihre Augen sind so schön und so schwarz, man könnte versinken in ihnen. Wen interessiert es, dass sie sich auch dann und wann entleeren muss; dass sie einen scharfen Schnabel hat und scharfe Krallen und gerne Affen zum Frühstück isst? Sie baut ihr großes, geräumiges Nest ganz oben in den großen Regenwaldbäumen, nahe am Himmel; sie zieht nur alle zwei Jahre ein Jungtier auf, das von beiden Eltern monatelang gefüttert und umsorgt wird. Und sie ist ein Wesen, das es wahrscheinlich bald wirklich nur noch in der Imagination geben wird. Bevor ich mich zum Gehen wende, schweren Herzens (am liebsten würde ich ein Loch in die Voliere reißen und zusehen, wie sie ihre schönen, schweren Flügel entfaltet), sage ich ihr noch, dass sie in meinem Kopf bleiben wird; nicht nur als totes Zeichen für die Verwandtschaft von menschlicher Imagination und natürlicher Artenvielfalt, sondern als lebendige Erinnerung an ein bisher noch nie erlebtes, sehr gemischtes und sehr besonderes Gefühl von Bedrohung, Faszination und Bewunderung in Einem. Dass das Schöne nur des Schrecklichen Anfang ist (oder umgekehrt), das kann jeder sagen; aber das Gefühl dazu zu finden, ist gar nicht so einfach.
Elefanten in Bloomsbury
Kann es wahr sein, oder träume ich? Kann es sein, dass ich, als ich in der tiefsten Totenstille der Nacht (falls die Nacht jemals tot ist) über den Tavistock Square fahre, auf der Straße vor mir eine Herde Elefanten erkenne? Groß, grau, seelenruhig, begleitet von einem Mann MIT einem biegsamen Stock, meine ich, sie durch die Straßen von Bloomsbury trotten zu sehen, ihre Köpfe schwingend, hin und her, und ihre Rüssel wringend, und die Luft der kühlen Sommernacht genießend. Langsam passiere ich sie; es scheint sie nicht zu interessieren. Ich lasse sie hinter mir; in meinem Rückspiegel sehe ich sie, tapsend, wedelnd, pompös, gelassen, wie sie ihre geschmeidigen Rüssel verknoten, um mich zu erheitern, so als ob sie auf ihren angestammten Dschungelpfaden wandelten.
Angestammt? Waren nicht Elefanten einst auch auf dieser Insel heimisch? Durchstreiften sie nicht unsere verschlungenen Wälder und dschungeligen Sümpfe und tröteten fröhlich von einem zum anderen, so wie jetzt Kühe auf unseren Weiden tröten? Sind sie vielleicht niemals ganz verschwunden gewesen und marschieren immer noch in einer Sommernacht hinaus, um frische Luft zu schnappen? Stapfen sie über unsere wohlgehegten Plätze, brechen Äste ab von den Bäumen in den Gärten und fressen sie, eines ihrer kleinen Augen immer wachsam geöffnet, ihres Erzfeindes, des Drachen wegen? Sucht die Elefant-Frau vergeblich nach dem Mandragora-Baum, damit ihr Ehegatte davon isst und sich ihr zuwendet und ihr die kleinen Elefanten gibt, nach denen sie (nie aber er!), wie man sagt, sich zeitweilig so sehr sehnt? Und wenn die Stunde dieser kleinen Geschöpfe gekommen ist, trottet sie dann in Richtung Themse, am Ufer entlang und sucht nach Stufen hinab zum Fluss, damit sie sie im Wasser austragen kann und damit außerhalb der Reichweite des Drachen? Und geht die Herde immer dorthin, um zu trinken? Denn sie trinken keinen Wein, sagt man uns, außer im Krieg, wenn sie sich gerne betrinken; sondern saugen ganze Ströme Wassers aus, und schlammig muss es sein, denn sie trinken nichts, wenn sie ihren eigenen Schatten sehen darin.
Ich erinnere mich an andere Dinge, die ich über Elefanten gehört habe: wie sie Mäuse hassen, aber zierliche Blumen lieben, die sie in Körben sammeln; und dass sie das Futter in ihren Ställen so lange nicht fressen, bis sie die Futterkrippen mit diesen Nasenschmeichlern geschmückt haben. Ich erinnere mich, wie keusch sie sind, und dass sie den Ehebruch nicht kennen; wie sie ihre Jungen lieben und verteidigen; wie nicht der kleinste Hund diensteifriger und fügsamer wird, auch wenn sie in ihrer Masse lebenden Bergen gleichen; wie der afrikanische Elefant einen solchen Minderwertigkeitskomplex hat, dass er, wenn er einen indischen Elefanten nur sieht, erzittert und weiter eilt, um schnellstens außer Sichtweite zu kommen.
Ich denke an ihren Patriotismus; wie sehr sie ihre eigenen Länder lieben, und dass sie nicht ins Ausland gehen, es sei denn, ihre Anführer schwüren einen feierlichen Eid, dass sie zurückkehren werden: Sie werden trotzdem immer weinen. Die Elefanten, an denen ich gerade vorbeigekommen bin, haben, glaube ich, nicht geweint; sie müssen daher in diesem Land heimisch sein.
Ich erinnere mich, wie sie, wenn sie versehentlich ein Chamäleon samt seinen Blättern gefressen haben, sterben müssen, sofern sie nicht sofort eine wilde Olive zu sich nehmen; dass sie so liebevoll zu ihren Mitgeschöpfen sind, dass sie niemals allein essen, sondern einander zu ihren Festen einladen, genau wie vernünftige, zivilisierte Menschen; dass die Troglodyten sie angreifen, indem sie von Bäumen herab auf ihren Rücken springen und sie mit in Schlangengalle getauchten Pfeilen benetzen; wie sie bei Neumond in großen Scharen zusammenkommen, um in Flüssen zu baden, einander zu beschimpfen und ihre Kinder zu lehren, das Gleiche zu tun. Wenn sie einem Mann begegnen, der sich in der Wildnis verirrt hat, werden sie ihm zuerst aus dem Weg gehen, um ihn nicht zu verschrecken, und dann werden sie an ihm vorbeiziehen und ihm so den Weg weisen. Wie sie Kriegstruppen im Kampf furchtlos ins Angesicht sehen und sie überwältigen, aber vor dem leisesten Geräusch eines Schweins fliehen; und dass sie, genau wie das Einhorn, junge Mädchen lieben, und wenn diese singen, werden sie kommen und so lange zuhören, bis sie einschlafen.
Noch weitere ihrer liebenswürdigen Gewohnheiten fallen mir ein: dass sie ausgezeichnete Linguisten sind und die menschlichen Sprachen verstehen; wie sie sich an ihre Pflichten gewissenhaft erinnern, die Liebe, den Ruhm, Güte und Ehrlichkeit, Klugheit und Billigkeit preisen; wie ehrfürchtig sie Sonne, Mond, Planeten und Sterne verehren; wie sie die einfallsreichsten Tricks erlernen können, wie zum Beispiel Seile hochzuklettern, mit dem Kopf voran wieder nach unten zu rutschen und dabei Pfeile in die Luft zu schleudern.
Und falls die Griechen uns nichts Falsches lehren:
Schreiben sie gar mit ihren krummen Rüsseln!
Sie sind auch großartige Tänzer, wenn auch zuweilen auf eine etwas ungeschliffene und unordentliche Art und Weise; und wunderbar schüchtern und sterben leicht vor Scham. Es empfiehlt sich nicht, mit einem Elefanten sein Spiel zu treiben: Sie vergessen bekanntlich nie.
Ich erinnere mich auch daran, dass große Eroberer sie eingesetzt haben: Hannibal in den Alpen; Alexander; Bacchus, der hinter zweien von ihnen durch Indien kutschierte; Pompeius, der nach der Eroberung Afrikas ebenfalls auf einer von zwei Elefanten gezogenen Kutsche nach Rom zurückkehrte, doch sie schafften es nicht, nebeneinander durch die Tore der Stadt zu kommen.
An all diese Heldentaten und Charakterzüge der Elefanten erinnere ich mich, und an viel mehr noch, während ich durch die faden, hell erleuchteten Straßen Londons nach Hause fahre. Die Elefanten werden, während ich über sie nachsinne, so außerordentlich, so zum Inbegriff all dessen, was ich bewundere – himmelhoch aufragend, weit mehr als nur ein Vieh und kaum weniger als Gott –, dass ich, als ich das Britische Museum erreiche, mir ganz sicher bin, niemals auf dem Tavistock Square frei herumstreunende Elefanten gesehen zu haben. Sie waren Geister, Träume nur, nicht mehr aus Fleisch und Blut als die beiden Löwen, die die Hintertür des Museums bewachen. Ich denke so an sie, wie der Geschichtenschreiber der Reise nach Ophir über Elefanten in Peru dachte. Kein Elefant, so sagte er, könne nach Peru kommen, es sei denn durch ein Wunder, da die kalten und hohen Hügel rundherum für dieses Tier unpassierbar seien. Ja, sagte er, ich behaupte ferner, man könne als Elefant in Peru gar nicht leben, es sei denn durch ein Wunder. Denn die Hügel sind extrem kalt und die Täler trocken, wohingegen der Elefant sich an Gegenden erfreut, die sehr heiß und sehr feucht sind. Aber ich bin selbst schuld, so schließt er, weil ich mich mit Elefanten in Amerika herumgeschlagen habe, die doch weniger als ein Schatten sind, und also: Luftschlösser belagert. Vielleicht waren meine nächtlichen Elefanten in Bloomsbury auch nicht mehr als das. Dennoch, ich schwöre! Sie bewegten sich eine Stunde vor der Mittsommerdämmerung, mächtig und sanft und elefantengrau, die schweren Köpfe schwingend und die geschmeidigen Rüssel wringend, über den Tavistock Square in Bloomsbury hinweg.
Und wirklich, nur der Himmel weiß, wo das alles enden wird, wenn das Londoner Verkehrsproblem jetzt durch Elefanten noch komplizierter wird. Als nächstes werden wir noch Dinosaurier haben!
Natürlich würde sich Minka niemals als Philosoph(in) bezeichnen. Sie würde mich anschauen aus ihren großen grünbraunen Katzenaugen, vielleicht ein wenig verschwörerisch blinzeln, wenn sie gut gelaunt wäre – und dann, je nach Tageszeit und Stimmung, das weiter tun, was sie sowieso tut: Katze sein nämlich, ein Vollzeitjob, ohne dass einem ein Existenzial-Philosoph sagen müsste, was das ist. Es muss auch kein Metaphysiker über das Wesen der Katzenhaftigkeit spekulieren, kein Ethiker über die Moral des Mäusefangens oder den kat(ze)gorischen Imperativ aufklären. Allenfalls der Ästhetiker würde vielleicht einen Moment staunend stehen bleiben: Mit welcher Grazie sie allen philosophischen Ballast in einem wohligen Dehnen aller Glieder abwirft; wie genau sie den Halbkreis abzirkelt, den ihr Schwanz beschreibt, der absolute Gleichklang der parallel gesetzten Vorderpfötchen, die klare Schönheit der Silhouette – eine Katze, nichts als eine Katze, und doch ein Inbild entspannten Weltvertrauens, stoischer Gelassenheit und ästhetischer Vollendung. Ist sie nicht vielleicht doch eine Philosoph(in), wie ihre Vorfahrin, die rätselhafte Sphinx?
Tatsächlich kann kein Katzenkenner abstreiten, dass Katzen eigentlich über all das verfügen, was seit den Alten einen ordentlichen Lebensphilosophen (wenn auch vielleicht keinen akademischen Schulfuchs oder systemerschaffenden Leitwolf) ausmacht. Geht man von der empiristischen Prämisse aus, dass alle Erkenntnis in den Sinnen ihren Anfang nimmt, sind die Katzen dem Instinkt- und Sinnen-Mängelwesen Mensch im Allgemeinen weit voraus (von asketischeren Philosophen-Spezies im Besonderen ganz zu schweigen). Sie hören feiner – eine philosophisch mit Sicherheit wertvolle, wenn auch eher wenig praktizierte Eigenschaft; sie sehen besser, und das sogar in der Nacht, was sie zu Aufklärern im Wortsinn macht. Ihr ausgeprägter Geruchssinn leitet sie traumwandlerisch dort, wo uns nur eine grobe Palette zwischen Ekelgerüchen und den erotischen Versprechungen der Parfum-Industrie zur Verfügung steht – und gleichwohl, so versichern uns die Neurowissenschaftler, wählen wir unsere Partner in erster Linie ihres Geruchs und nicht etwa ihrer philosophischen Kernkompetenzen wegen. Und wer jemals beobachtet hat, mit welcher Sorgfalt sich eine kluge Katze ihren Schlafplatz für die nächste Stunde aussucht (unter Einbeziehung aller physischen Daten wie Sonneneinstrahlung, Geräuschkulisse, Beobachterposition, Schutzverlangen, sensorische Beschaffenheit des Untergrunds usw.), der wird sich ärmlich vorkommen, ob er sich nun Abend für Abend zur mehr oder weniger gleichen Zeit in seine stationäre Schlafstelle zurückzieht oder zwischendurch in seinen reflexionsfördernden, rückenentspannenden, philosophischen Leibsessel in reizarmer Umgebung. Sein ist Wahrnehmen – das gilt für Katzen in einem weit wörtlicherem Sinne, als es sich Berkeley jemals vorgestellt hatte.
Dass Katzen Gefühle haben, steht wohl auch kaum in Frage. Zwar haben Generationen vergeistigter Philosophen das Gefühl mehr oder weniger als zu überwindendes Hindernis für den Denkenden disqualifiziert; nichtsdestotrotz erscheint es zumindest als Spezifikum des Menschen, dass er sich in ein positives oder negatives Verhältnis zu seinen Wahrnehmungen setzt und sein Handeln an, philosophisch gesprochen, „Lust“ oder „Unlust“ orientiert. Katzen sind Unlust-Vermeider im Extrem und aus Prinzip; ihr ganzes Verhalten, soweit es über die basalen Instinkte hinausgeht, scheint derart auf pure und simple Lustmaximierung ausgerichtet, dass es einem Epikur den Neid ins Gesicht treiben würde. Gleichzeitig halten sie es jedoch auch mit den Stoikern: Sei die Situation auch noch so widrig, die Umstände miserabel, das Personal schlecht und die Mäusequalität auch nicht mehr das, was sie einmal war: Eine Katze lebt eigentlich immer im Zustand größtmöglicher Übereinstimmung mit der All-Natur, sogar wenn diese durch reichlich seltsame, ungeschickte Zweibeiner vertreten wird. Ja, sie bringt sogar ein wenig Mitleid für sie auf, wenn sie sich beispielsweise mucksmäuschenstill auf einem Krankenbett niederlässt, um eine kleine Weile dabei zu sein.
Menschenkenntnis ist einer erwachsenen Katze sowieso selbstverständlich, und dass gesunde Leute anders riechen als kranke, Männer anders als Frauen, Kinder anders als alte Menschen, wird sofort in Verhalten umgesetzt - ein gutes Beispiel dafür, dass mangelndes Reflexionsvermögen durchaus ein Segen sein kann und beispielsweise vor den zweifelhaften Pirouetten der politischen Korrektheit und ihres Gleichheitsterrors schützen kann. Im Übrigen, und bevor wir zu sentimental werden: All die katzenhafte Freundlichkeit wird dann und wann - - und erst das macht sie wahrhaft philosophisch - durch eine spontane Kratzattacke oder einen energisch simulierten Tötungsbiss ins Handgelenk (der natürlich im rechten Moment gestoppt wird, aber hinreichend Kieferkraft demonstriert) konterkariert. Gehört alles zur Allnatur!
Allerdings könnten Katzen niemals einen Text darüber schreiben, dass sie keine Philosophen sind (oder eben doch!); sie könnten auch nicht darüber sprechen, jedenfalls nicht in unserer menschlichen Symbolsprache. Katzen reden mit dem ganzen Katzenkörper; entweder mit einzelnen Teilen oder in einer komplexen Ganzkörpergrammatik. Der Schwanz zuckt ein wenig, nur ganz weit hinten mit der Spitze – oder fegt empört von rechts nach links mit der weit ausholenden Bewegung eines empörten Scheibenwischers. Die Augen kennen jede Einstellung zwischen unschuldig-kindlich-riesengroß über konzentriert-fixiert bis hin zu einem kumpelhaften Zuzwinkern mit kaum mehr sichtbaren Pupillen. Schweigen wir von den Ohren oder dem berühmten Grinsen, das nicht nur bei Alice im Wunderland beinahe eine unabhängige Existenz zu führen scheint; sehen wir lieber noch einmal auf die Ganzkörpergrammatik. Hier wird alles geboten vom giftigen Katzenbuckel („du kannst mich mal!“), der angespannten Sprungposition („ich krieg dich doch!“), der geradezu obszönen Rückenlage mit entblößtem Bauchfell und allen vier Pfoten bizarr in der Luft („mir ist alles egal, krusch mich gefälligst!“) Wenn man die Feinheiten der möglichen Körperhaltungen dann noch multipliziert mit den möglichen Positionen zum Gesprächspartner – frontal, Profil- oder Rückansicht samt allen Winkeln dazwischen - sowie der physischen Entfernung (auf dem Schoß – näher am Fressnapf – in Sichtweite der Tür – gar nicht mehr in Sichtweite, aber gefühlt irgendwie doch) -, kommt ein Alphabet zusammen, das es zumindest mit einer einfachen Symbolsprache aufnehmen kann.
Die Katze kommuniziert dabei nicht eine konkrete Aussage – was sie natürlich auch kann, aber hier ist das Repertoire einigermaßen beschränkt: Gib mir Brekkies, mach die Tür auf, kraul mir den Bauch -, sondern eine ganze Situations- und Beziehungsanalyse. Natürlich machen Menschen das im Prinzip genauso; aber wir haben im Lauf der Evolution ziemlich verlernt, die Zeichen auf dieser Ebene zu deuten, und das Überhandnehmen virtueller Kommunikationsformen wird nicht dazu beitragen, diese Entwicklung umzukehren: Eine Katze und ein Handy sind eben zwei verschiedene kommunikative Universen. Und natürlich, Katzen miauen auch, klar. Aber meistens haben sie das nicht nötig. Wovon man nicht reden kann, das kann man immer noch in eine feinjustierte Körperhaltung übersetzen (der Mensch hat das Training ja schließlich bitter nötig!).
Damit nähern wir uns langsam dem heiklen Punkt aller Katzenphilosophie: Erfahrung, Wahrnehmung, Gefühl, Kommunikation, alles geschenkt – aber wie sieht es denn bitte aus mit der philosophischen Königsdisziplin schlechthin, dem Denken, unserem ganzen Stolz im Angesicht der Evolution, unserem menschlichen Glanzstückchen schlechthin, unserem – Geist? Nun, beginnen wir auch hier mit den kleinen Dingen. Zweifellos können Katzen spielen: Nur wo die Katze spielt, ist sie ganz Katze, um Schiller zu variieren, für den eben dieses Spiel nicht nur das Humanum schlechthin, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil seiner am Ende nicht nur ästhetischen Erziehung des Menschen war. Davon ist wahrscheinlich, genau wie bei uns, ein Gutteil der evolutionären Notwendigkeit des Verhaltenstrainings geschuldet – der offensichtliche Spaß dabei jedoch nicht ganz. Und dass der Teppich sich erstaunlich wenig bewegt für eine ordentliche Ratte oder der Laserstrahl dann doch schneller ist als der flinkste Vogel, merkt wahrscheinlich auch die dümmste Katze irgendwann. Macht nichts, macht Spaß!
Das ästhetische Naturtalent von Katzen wurde bereits hinreichend gewürdigt. Ethisch bringen sie es mindestens zu Sekundärtugenden (die meisten Katzen sind reinlich und mäßig und bestehen auf Pünktlichkeit in der Versorgung), deren Wert sozialethisch aber häufig gröblich unterschätzt wird. Sie sind zweifellos voll orientiert in den kantischen Anschauungsformen a priori, Raum und Zeit, ja sie bringen es zu geradezu ingeniösen Verbindungen von beiden, wenn beispielsweise ein Lebensraum in verschiedene Raum- und Zeitzonen zerlegt wird (ganz abgesehen von ihrer berühmten räumlichen Orientierungsfähigkeit auch über größere Strecken, ganz ohne Navi oder GPS). Sie haben darüber hinaus– aber nun kommen wir in schlüpfriges philosophisches Terrain, die Katzen-Grauzone, sozusagen – ein rudimentäres Verständnis der philosophischen Haupt- und Staatskategorie schlechthin, der Kausalität nämlich. Das ermöglicht ihnen nicht nur die Etablierung von Handlungsroutinen – wenn ich mich vor die Tür stelle, wird sie mir geöffnet werden -, sondern auch die Zuordnung von entfernteren Wirkungen zu Ursachen: Wenn alle Bewohner auf einmal anfangen, Dinge durchs Haus zu tragen und seltsame viereckige Behältnisse vom Dachboden zu holen, wird es Zeit, große Unruhe zu entwickeln, sich möglichst häufig in den Weg zu stellen und/oder auf den Koffer zu setzen, um an die eigene Existenz zu erinnern; wenn all das nichts nützt, notfalls auch ganz zu verschwinden (sie werden schon sehen, was sie davon haben!).
Das mögen Skeptiker Konditionierung nennen – aber es ist letztlich das gleiche, was unser Gehirn tut, wenn wir lernen und schließen und kausale Zusammenhänge herstellen, die schon für David Hume nur bessere Gewohnheiten waren. Und letztlich ist das wohl auch der Kern der Katzen-Philosophie: Durch die Katze hindurch sehen wir auf einmal klarer auf das Tier in uns. Das könnten wir zwar auch bei einer Reihe von anderen Tieren, aber die Katze macht es uns besonders leicht: Schließlich ist sie auf uns zugekommen, hat sich all unseren zivilisatorischen Seltsamkeiten angepasst und ist von einem wilden Mini-Tiger zu einem kuscheligen Haus-Tier geworden. So war das nämlich auch bei Minka. An einem regnerischen Sonntag vor einigen Jahren saß eine völlig durchnässte Katze am Wegesrand beim Sportplatz, wo bei diesem Wetter noch nicht einmal die Dorfkinder kicken wollten. Sie schaute mich an auf meinem Weg ins Dorf, und sie schaute mich an auf meinem Rückweg vom Dorf. Ich sagte: „Arme Katze“, oder etwas ähnlich Tiefgründig-Menschliches. Ging nach Hause und machte weiter, mit was auch immer. Ging nach zehn Minuten zurück zum Sportplatz – es regnete immer noch – und sagte sehr deutlich (und für den Notfall auch in Worten, obwohl das wirklich nicht nötig war): „Dann komm halt mit!“ Die Katze kam. Und blieb. Schließlich ist sie eine Katze und hat einen freien Willen.
1. Von Singzikaden. Auftakt mit Kortisonbegleitung
Es war am Chemotag, und ich las am Nachmittag diesen Artikel in der NZZ. Doppelseitig war er und vom Thema her etwas abseitig (ich liebe an dieser Zeitung, neben ihren unsterblichen Helvetismen und ihrem Mut zum Unkorrekten, dass sie abseitigen Themen gern Doppelseiten widmet!): Es ging nämlich um die amerikanische Singzikade, Magicicada septemdecim, und relativ gleich zu Beginn stolperte ich über den Satz, dass diese erstaunlichen Tiere kein Hirn hätten. Nun war ich gerade im schönsten Kortison-High, und die Vorstellung, kein Hirn zu haben, schien mir etwas überproportional belustigend, auf jeden Fall jedoch attraktiv genug, den länglichen Artikel zum abseitigen Thema entschieden in Angriff zu nehmen. Und beim Weiterlesen reihte sich Perle an Perle! Dieses wunderbare Tier nämlich, das es nur in den US of A gibt (kein Hirn, soso, nur in USA, schmunzelte es in mir etwas boshaft), hat einen ziemlich einzigartigen Lebenszyklus: Es vegetiert entweder 13 oder 17 Jahre tief unter der Erde dahin und ernährt sich spartanisch von Wurzelsäften, bevor es schließlich – aber nein, überstürzen wir nichts, sondern verweilen ein wenig bei den einzelnen Perlen, bevor sie wie so oft vor die ziemlich quer- und allesfressenden Säue geraten.
Denn das Erstaunliche sind natürlich, vor allem für Mathematiker, die 13 oder 17 Jahre: Primzahlen, die stärkste Symbolsprache der reinen Mathematik. Die Singzikade braucht dafür kein Hirn und auch keinen Supercomputer auf Primzahlensuche, sondern nur einen Instinkt, aber der sagt ihr: Sei bloß nicht so blöd, immer in Jahren aufzutauchen, die durch 2 teilbar sind oder durch eine der anderen niedlich kleinen Zahlen, die die Menschen und komplexere Organismen so lieben für ihre einfachen Uhren und komplizierten Gehirne! Nein, wenn man sich den Primzahlen anvertraut, gerät man erwünschterweise ziemlich ins Abseits; Primzahlen nämlich sind, sozusagen, die Einzelgänger unter den Zahlen. Nicht teilbar, außer durch 1 und durch sich selbst (und ist das nicht ein wahrhaft schönes Identitätsideal?); teilerfremd mit dem großen Rest der Welt, der es heimlich mit den geraden Zahlen hält (immer mindestens noch durch 2 teilbar, na gut, das mag ein Beziehungsideal sein, aber Zikaden haben, wir kommen später dazu, ganz eigene Ansichten über Beziehungen). Zum Beispiel begegnet man ziemlich selten der Nachbarpopulation, die gerade ein Jahr versetzt in ihrem 13er oder 17er-Rhythmus ist, und der ganze Wald gehört einem allein! Das gleiche gilt für die allermeisten Fressfeinde. Nein, 13 oder 17, niemand außer dir hat einen Rhythmus von 13 oder 17 Jahren, lieblichen Primzahlen, aber ein wenig spröde. Das sichert dein Überleben. Das willst du. Du willst nur das!
Und so schlüpfen nur alle 13 oder 17 Jahre (je nach Region) einige Millionen sehr unscheinbare Larven aus der Erde und krabbeln, so schnell sie können, den nächsten Baum empor; zur Not tut es auch ein Verkehrsschild, so betonte der Artikel, Hauptsache: vertikal! Mein kortisonumsäuseltes Gehirn sah Zikadenstraßen, Heere von rotäugig glotzenden Larven Baumstämme und Verkehrsschilder überziehen, derweil sie ihre letzte Haut abwarfen; dann fällt sie nach unten ab, was sie nicht tun würde, wenn man lieber – wie es Menschen so gern tun – die so bequeme Horizontale sucht: Horizontal werden wir im Wesentlichen geboren, und horizontal sterben wir, und der aufrechte Gang dazwischen ist nur eine ziemlich kurze Phase im Angesicht des um sich selbst kreisenden Universums, und wenn wir uns mit immer neuer Kleidung verpuppen, bilden unsere abgestreiften Larven hässliche Müllberge und müssen verbrannt werden. Währenddessen sind die Zikaden in der Baumkrone angekommen; und dann beginnen sie mit ihrem Gesang. Die Männchen natürlich nur; wie immer dient der Gesang, auch wenn der Mythos anderes sagt (dazu später), ausschließlich einem einzigen Zweck, und das ist das Anlocken von Weibchen, mit dem geradlinigen Ziel, möglichst schnell und möglichst viel Sex innerhalb kurzer Zeit zu haben, und dann – nein, schön langsam! Was ist die nächste Perle?
Gesang, man ist sich ja nicht ganz sicher, ob das das richtige Wort ist. Was passiert, ist folgendes: Millionen Zikaden beginnen mittels eines Trommelorgans, einer gewölbten Schallmembran über einem Hohlkörper, der durch Muskelkontraktionen in Schwingungen versetzt wird, ihren himmlischen (für den Mythos und die Dichterfreunde), für die benachbarten Dörfer und Städte in Zikadenregionen jedoch wohl eher höllischen Chor: Nicht entfliehen kann man ihm, Tag und Nacht wird getrommelt, was das Zeug hält, und alle Fressfeinde der Welt schaffen es nicht, dagegen anzukillen. Zu ihnen zählen vor allem Vögel, Eichhörnchen und – Menschen; das Zikadenbarbecue erfreut sich einiger Beliebtheit, ist aber nichts für Zartbesaitete und empfindlich Hörende und wohl eher ein Rache- als ein Genussakt. Aber auch Menschen, die erfolgreichsten Allesfresser des Planeten und gerade in den US of A wohltrainiert in der sportlichen Disziplin des all you can eat, können gegen Zikaden nicht anfressen: predator satiation, das ist ihr fieser Trick; Überfluss, reine Masse, das ist ihr Erfolgsgeheimnis. Gehirn, ach was. Alles, was Gehirn habt, wird früher oder später vom Menschen ausgerottet. Nicht so Singzikaden!
In meinem Hinterkopf spukte derweil das nächtlich-mechanische Grillenzirpen, das mir in letzter Zeit schon so manche halbschlaflose Nacht instrumentalisiert hatte; aber das ist eine völlig hirnlose Verwechslung. Zikaden sind nämlich weder Grillen noch Heuschrecken; sie fressen die Landstriche, die sie beschallen, keinesfalls ratz-fatz-leer, sondern bleiben auch nach dem Schlüpfen genügsame Veganer und sind Vollzeit mit Singen und Sex beschäftigt. Hübsch anzuschauen sind sie dabei aber nicht direkt: Insekten halt, mit großen gespenstisch roten Facettenaugen und einem seltsamen W-Muster auf den durchsichtigen Flügeln, das schon zu den lustigsten Verschwörungstheorien beflügelt hat (die Menschen, mit Gehirn, nicht die hirnlosen Zikaden), aber trotz Kortison-High verweigert mein Gehirn eine gefällige Assoziation diesmal. Außerdem riechen sie ziemlich übel, die Zikaden, vor allem wenn sie in Scharen tot von den Bäumen fallen. Das ist nämlich das Ende vom Spiel: Nachdem das Geschrei genug Weibchen angelockt und man in einer Dauerorgie so viel Nachkommen gezeugt hat wie eben möglich (es sollen um die fünfhundert Eier pro Weibchen sein), und sobald die lieben Kleinen geschlüpft sind und schon wacker mit den Trommelorganen flattern (nein, das sind natürlich die Falken, die ich in der Falkenkamera beobachtet habe, bis das Küken starb jedenfalls) – direkt nach Erledigung des Reproduktionsgeschäftes also fallen die Eltern tot vom Baum. Lebenszweck erfüllt, und Ruhe ist (endlich, stöhnen die erschöpften Anwohner, ihnen ist noch ganz übel vom Zikaden-Barbecue letztes Wochenende)! Die Kleinen sollen gefälligst für sich selbst sorgen. Was sie auch tun, hirnlos geboren, wie sie sind: Sie gehorchen brav ihren Instinkten, vergraben sich eiligst unter die Erde und bleiben schön dort, 13 oder 17 Jahre lang, den Primzahlen getreu! Erziehung kann so einfach sein!
Nun, das waren bisher die üblichen Bizarrerien der Evolution, wundersam geformte kleine Perlen, auch gut für den einen oder anderen metaphorischen Nebensinn. Aber es kommt noch eine Nebengeschichte und Prachtperle, die wie eine Satire der Evolution auf sich selbst klingt. Es gibt also, so lerne ich gegen Ende des Artikels, einen speziellen Parasiten, der Zikaden gern befällt, Massospora cicadia wird er passenderweise genannt; und er trifft die Zikaden zielsicher an ihrem heikelsten Punkt überhaupt, nämlich: den Genitalien der Männchen. Sie werden dadurch unfruchtbar, aber nicht etwa weniger geil, oh nein: Der Sexualtrieb wird sogar gesteigert! Geradezu hysterisch versuchen die befallenen Männchen nun sogar die Weibchen und ihr typisches Flügelschlagen zu imitieren, um damit noch mehr Männchen anzulocken, mit denen sie sich dann hurtig – pseudo-paaren und die fehlgeleiteten Sexualpartner dabei anstecken! (nein, die sich aufdrängende moralistische Deutung lassen wir aus, das ist alles Natur und sonst nichts). Die beflügelnde Wirkung wird übrigens erzeugt durch einen Stoff, der psychedelischen Pilzen ähnelt, sowie einem Amphetamin-Cocktail; das Stöfflein drosselt den sowieso schmalen Appetit und verstärkt die Konzentration auf das Einzige, was den Zikaden bleibt, nämlich: Sex und noch viel mehr Sex! Es ist Viagra on speed, sozusagen. Natürlich sind gehirnbegabte Menschen deshalb schon lange auf die Idee gekommen, die berauschten Zikaden zu verschlingen, um in einen ähnlich euphorischen Zustand zu gelangen. Klappt aber nicht, predator satiation: Man müsste mehr essen, als man kotzen kann! Ende des Artikels, das Kortison kichert noch ein wenig vor sich hin, und im Garten zirpt eine Grille, wenig melodisch und ganz allein.
[...]
Es hatte geregnet, heftig sogar, aber zwischendurch konnte man sich in den Garten wagen, wo es von den Bäumen und dem aufgeschlagenen Zelt tropfte. Das Wetter bildete naheliegenderweise ein dankbares Gesprächsthema, zumal sich die meisten Gäste nicht kannten. Aber man war auch dankbar für die beiden Katzen des Hauses, die sich stoisch zeigten gegenüber Wetterkapriolen und Menschenaufläufen; sie saßen strategisch geschickt unter Biertischen oder tranken zwischendurch besinnlich ein wenig aus dem kleinen Gartenteich, wo sich die Fischer auch nicht daran störten, dass sie nass wurden. Am Teich versammelten sich gelegentlich die (wenigen) Raucher um den einzigen Aschenbecher; es war ein getöpfertes Tier aus lang vergangenen Jugendzeiten, wo man sich so etwas unter Kreativität vorstellte, aber immerhin: Es hatte überlebt, bis hin zu diesem runden sechzigsten Geburtstag der Gastgeberin ¬ der eigentlich nicht genannt werden sollte, aber unausgesprochen über dem tropfenden Garten schwebte und ebenso wie die Anreisemodalitäten (im Stau gestanden? eine der unzähligen Bahn-Schauergeschichten erlebt, die jeder, der es bis in dieses Alter geschafft hatte und sich noch in einen Zug bewegen konnte, in reicher Auswahl vorweisen konnte?) die Gespräche durchflocht. Später kam noch ein Hund, das war eine willkommene Abwechslung, denn alle Katzengeschichten waren inzwischen erzählt, und das Wetter blieb wechselhaft, und jetzt waren auch alle angekommen. Es hatten sich die ersten Grüppchen gebildet, entweder von Leuten, die sich kannten, oder von Leuten, die sich gerade kennenlernten, und man konnte viele Gespräche auffangen, die nach dem Muster „Braut oder Bräutigam?" versuchten, die Beziehung des jeweiligen Gegenübers zum ungenannten Geburtstagskind zu eruieren: Schon seit der Schulzeit, wirklich? (Schulzeit, immer ein guter Gesprächsstoff, auch wenn man sich unter werdenden Frührentnern aufhält) Beim Studium, das war doch damals in Erlangen, richtig? Vergangenheiten taten sich auf, tiefere und näherliegende; Beziehungsmuster entstanden, und zwischendurch erwog der Gastgeber launisch, ein Preisausschreiben zu starten nach dem Muster: Wer kann die originellste Geschichte erzählen, wie er das (nicht so genannte) Geburtstagskind kennengelernt hat? Und es hätte einen klaren Favoriten gegeben, nennen wir ihn: den Grafen von Malabar, er war hochgewachsen, gut gekleidet, angenehm vorgealtert und ein unprätentiöser Quell von abwegigem Wissen und guten Geschichten (darunter viele Reisegeschichten; auch ein ergiebiges Gesprächsthema, vor allem unter älteren Bessergestellten, wenn sie mit dem Thema ‚Frührente‘ fertig sind). Aber dazu kommen wir erst später, wenn wir nicht mehr ganz so nüchtern sind.
Inzwischen näherte sich die Nicht-Geburtstagsfeier ihrer gefühlten Mitte; der Grill begann zu glühen, die Katzen hielten immer noch wacker durch, erste zungenlösende Effekte des Alkohols waren zu beobachten. In der Raucherecke stand wieder ein kleines Grüppchen, der Grafen von Malabar war auch dabei, und beobachtete fasziniert und etwas fassungslos, wie zwei Nacktschnecken, die sich mit ihren Artgenossen des Wetters erfreuten, langsam am Rand des Töpfer-Tieres (sollte es vielleicht eine Ente sein?) hochkrochen, um sich dann über die Zigarettenstummel herzumachen (spätere Google-Recherchen erbrachten, dass das Phänomen bekannt ist, es wurde vor allem auf Partys beobachtet; und keiner weiß, was sich die Schnecken dabei denken, wirklich!). Die eine oder andere interessante Vermutung über den Sinn und Zweck dieses Tuns wurde geäußert; und eine der Umstehenden wagte die These, dass die Nacktschnecken insgesamt doch, irgendwie, einen Nutzen im großen Ganzen der Natur haben müssten, da die Evolution da bekanntlich sehr streng vorgeht und alles rausschmeißt, was nicht irgendwo gebraucht wird, und sei es auch in einer sehr entlegenen Kette.
Und um diese Frage seriös zu klären, machen wir hier eine (Nichtraucher-)Pause und schauen in unsere geliebte Wikipedia, auf das wir bei der nächsten Party mit unserem profunden Wissen über den Nutzen von Nacktschnecken damit prahlen können, vorausgesetzt natürlich, dass es genug regnet und sich noch ein oder zwei Raucher finden.
2) Die Nacktschnecke, das unbekannte Wesen
Also, die wichtigste Erkenntnis gleich vorweg: Nacktschnecken sind natürlich keine einheitliche taxonomische Gruppe im biologischen Sinne, nur unser grober Menschenverstand packt diese ungeliebten Schleichgenossen einfach zusammen und schaut nicht in die DNA (oder auf die Geschlechtsorgane, nach denen viele Schneckenarten bestimmt werden). Aber ihre auffälligste Gemeinsamkeit und der Grund für das Zusammenwerfen in einen großen Nacktschnecken-Topf (wenn er mit Bier gefüllt ist, sterben sie; Schneckenbekämpfungsmethoden sind ein unappetitliches, aber auch beliebtes Thema für Partygespräche) ist natürlich das Fehlen des Schneckenhauses; es fehlt aber gar nicht, zweite wichtige Erkenntnis, sondern ist zu unterschiedlichen Teilen nach innen verlegt (es gibt deshalb auch „Halbnacktschnecken“. Ehrlich"!). Bleiben wir nun noch für einen Moment bei dieser unscharfen Einteilung bleiben und überlegen, mit Wikipedia, Vor- und Nachteile dieser speziellen Gehäuse-Taktik. Kein äußeres Schneckenhaus, das bedeutet: Man kann sich nicht mehr in sein Schneckenhaus zurückziehen und ist deshalb Feinden schutzloser ausgeliefert. Es bedeutet auch: Man ist nicht mehr vor Austrocknung geschützt; weshalb ja Nacktschnecken nach allgemeiner Wahrnehmung auch nur bei Regenwetter aus dem Feuchten entstehen und bei Trockenheit – sich vollständig in Rauch auflösen, in einer Schleimpfütze verschwinden, was auch immer. Andererseits, denn jede Schnecke hat zwei Seiten (nein, das Schneckenhaus ist eine Spirale, aber das ist ein anderes Thema, siehe unten): Man ist leichter ohne Haus, das spart Energie; man ist beweglicher, man kommt voran, will sagen, evolutionär gesprochen: Man erreicht andere und mehr andere Nahrung. Und nein, wir machen jetzt noch keine metaphorische Ausdeutung, obwohl sie sich immer mehr aufdrängt (the plot thickens, sagen die Engländer).
Wir bleiben vielmehr noch einen Moment bei der handfesten Biologie und gehen jetzt zu den beiden Nacktschneckenarten, die in Europa besonders verbreitet sind bzw. waren: der Roten Wegschnecke (Arion rufus) und der Spanischen Wegschnecke (arion vulgaris) nämlich! Beide werden mittelgroß und können unterschiedliche Farben auf einer Skala zwischen hellorange und dunkelbraun annehmen. Beide fressen vor allem Laubteile (und sind dabei spezialisiert auf besonders leckere, wie zum Beispiel jungen Salat oder Basilikum), gelegentlich aber auch Artgenossen; Kannibalismus ist verbreitet, und man benutzt die Raspelzunge dafür. Besonderen Wert legt Wikipedia – aus Sachgründen! – auf den Fortpflanzungsakt: Er beginnt mit einem, man stelle es sich vor: Paarungstanz, bei der jede Menge bitterer Schleim abgesondert wird, und zwar von beiden. Denn Nacktschnecken sind zweigeschlechtlich, Zwitter: Und wenn sie nach dem Paarungstanz ihre ausgestülpten Geschlechtsorgane (anhand derer man sie auch bestimmen kann) ineinanderschieben, verschmelzen sie für mehrere Stunden mehr oder weniger zu einem Organismus. Dann, und man stelle sich das Geräusch dabei besser nicht vor, entschmelzen und entknoten sie sich wieder und kriechen ihrer schleimigen Schneckenwege und legen nach ein paar Wochen viel zu viele Eier. Denn wenn das Wetter schön feucht und schneckenfreundlich ist, gibt es leicht Schneckenplagen; in England sollten im Sommer 2007 bis zu tausend Exemplare pro Quadratmeter gezählt worden sind, und in Dänemark gab es einmal einen nationalen Schneckenbekämpfungsplan. Nützt aber alles nichts, denn auf den Transportwegen des globalen Warenverkehrs werden die ansonsten gar nicht so ausbreitungsfreudigen Tierchen immer weiterverbreitet. Zumal sie wenig natürliche Fressfeinde haben, ihres bitteren Schleims wegen; Igel machen angewidert einen Bogen, und lediglich Enten scheinen dagegen immun zu sein (getöpferte auch?). Die Nacktschnecke hat es auch auf kein nationales Wappen geschafft; sie ist niemandes Lieblingstier, es gibt keine Plüschtiere in Nacktschneckenform, und sie taugt nicht einmal für eine ordentliche Fossiliensammlung, des nach ihnen verlegten Restskeletts wegen; und also kann man auf Wikipedia den recht schönen Satz lesen: „Liebhabersammlungen von Nacktschnecken existieren deshalb so gut wie gar nicht“!
Nun haben wir erst einmal genug gelernt und Stoff für einige weitere Partygespräche gesammelt, auch wenn es kein arg appetitlicher ist. Aber unsere Grund- und Ausgangsfrage ist immer noch unbeantwortet, auch wenn die Zigaretten im getöpferten Tier inzwischen alle ausgeglüht sind, obwohl die Stummel sich reichlich vermehrt haben: Wofür sind Nacktschnecken gut im großen Gang der Dinge? Was hat sich Gott bei der Nacktschnecke gedacht? Nun, auch dafür hat Wikipedia zum Glück eine Antwort. Denn der Mensch, das erfindungsreiche Wesen und der verlängerte Arm der Evolution, hat herausgefunden, dass man Nacktschnecken als Versuchstiere benutzen kann; für Stoffe die Schleimhäute reizen oder vaginal eingeführt werden sollen nämlich. Sie können außerdem, das wurde eher zufällig beobachtet, große Mengen an giftigen Schwermetallen aufnehmen, wenn sie sich über solche Böden bewegen. Und damit gehen wir fließend, nein: kriechend über zur symbolischen Bedeutung: Denn was will es uns sagen, wenn wir für ein Wesen, das ein eher zurückgezogenes Dasein führte, bis es sein Haus verlor, vor allem einen Nutzen gefunden haben: Wir können es stellvertretend für uns selbst vergiften?
3) Die Nacktschnecke, eine verborgene Metapher, zum ersten
Aber das sagt mehr über das Wesen des Menschen aus als über das der Nacktschnecke, das ein Weichtierartiges, Bodennahes und Schleimiges ist; nicht der Stoff, aus dem schöne Symbole oder heroische Allegorien gemacht werden. Aber vielleicht eine kleine, bodennahe, sich weich windende ausgebaute Metapher? Denn das Wesen, von dem wir jetzt schon deutlich zu viel gesprochen haben für ein einfaches Partygespräch (dessen Wesen ja eher ein Flüchtiges ist, vielleicht wäre es als Libellenartig zu beschreiben?), hat sein Haus verloren, beinahe gänzlich; die Reste hat es in sein eigenes Inneres verlegt, aber im Großen und Ganzen ist es: unbehaust und damit auch: ungeschützt, nackt den Blicken aller ausgesetzt, unverborgen wie unverberglich. Es hat dadurch an Beweglichkeit gewonnen, zweifellos; aber für größere Strecken benötigt es immer noch technische Hilfsmittel. Mit ihnen aber hat es sich über die ganze Welt ausgebreitet; es wechselt dabei gelegentlich ein wenig die Farbe, aber ist zufrieden, solange es ein feuchtes Fleckchen findet. Fühlt es sich dann allerdings zu wohl, und findet es etwas, was seinen wählerisch unterscheidenden Geschmacksnerven besonders mundet – dann frisst es und vermehrt sich und frisst und vermehrt sich und so weiter – bis es nichts mehr zu fressen gibt, außer kümmerlichen Stummeln. Gelegentlich frisst es sich auch selbst, aber das ist der schwierigste Teil der Metapher, zugegeben. Aber vielleicht hat das, auf eine dunkle und nicht ganz zu erklärende Art, auch etwas zu tun mit dem großen Wert, den es überhaupt auf Sex legt, auf lange und komplizierte Paarungsrituale bis hin zur temporären Vereinigung zum Doppelwesen? Und mit der Zweigeschlechtlichkeit, die ja ironischerweise dazu führt, dass es keine Geschlechtlichkeit mehr gibt – mit der Aufhebung des heteronormativen Dualismus hat man im besten Falle eine diverse Masse Einzelner, und im schlechtesten Falle: einen Einheitsschleim erzeugt. Denn die Schleimigkeit, das ist überhaupt der innerste Wesenskern unseres Weichwesens, das bitteren Schleim erzeugt, absondert und alles mit ihm überzieht; unverdaulich für andere und kein schöner Anblick; aber verschwindend in der Sonne – die das Wesen flieht. Doch es überlebt Cadmium und Nikotin. Eine Zeitlang zumindest.
4) Die Nacktschnecke, eine verborgene Metapher, gewendet und zum zweiten
Ist die Nacktschnecke nicht ein wunderbares Wesen? Ohne Scheu, ohne Verstellung zeigt sie ihr Wesen vor: Hier, das bin ich, nackt, wie der Schöpfer mich gemacht hat. Ihr mögt euch in euren Häusern verstecken und sie immer größer, immer stärker, immer höher machen; es sind doch nur Spiralen ins Nirgendwo, eine Wendeltreppe ins Unendliche, ein metaphysischer Fortsatz. Aber haben wir nicht auch Farben? Glänzen wir nicht tropfenfeucht im Regen, und manche von uns haben ein strahlendes Gelb, andere wieder ein tiefes Orange oder ein sattes Braun – warme Farben, Erdfarben, dem Boden angepasst, auf dem wir bleiben, unser Leben lang. Nichts treibt uns hinauf in die verwegene Vertikale; der Horizont ist unsere Lebenslinie, und jedes Blatt gibt uns Schutz und Heimat. Unsere Fühler sind feine Werkzeuge, Antennen zum Universum der Sinne; unser Schleim ist ein Kunstwerk, und die Linien, die wir mit ihm ziehen, könnt ihr nicht berechnen. Wir fressen nur die feinsten, aromatischsten, zartesten Kräuter; wir sind nachtaktiv und paaren uns gern im Dunkeln, aber dafür verschmelzen wir mit all unseren Organen ineinander. Wir lieben das Feuchte und das Warme, aus dem wir alle kommen, egal ob wir harte Schalen haben oder weiche Körper. Wenn eure Häuser zu Ruinen zerfallen sind, werden wir noch da sein; doch unsere Spuren vergehen mit uns.
5) Der Graf von Malabar und seine Nacktschneckenzucht
Und damit können wir jetzt, dritter und letzter Teil der Party, nach reichlich Alkoholgenuss und mit vollem Magen, wenn auch etwas fröstelnd ob des bleibend feuchten Wetters, zur großen Abschlussgeschichte ausholen. Sie handelt vom Grafen von Malabar, der einem heute beinahe unbekannten mecklenburgischen Adelsgeschlecht entsprossen ist. Über den Namen existieren mehrere Legenden. Einige wollen ihn auf eine junge indische Sklavin zurückführen, die eine frühe Kolonialisierungswelle in den kalten und beinahe noch gänzlich unerschlossenen Osten Europas geführt hatte, eine Art indische Pocahontas und ihre Nachkommen; andere auf ein Missverständnis einer französischen Redewendung für schlechte Kneipen (mal à bar). Dieser Graf von Malabar nun hatte einen großen Lebenstraum: Während all seine Nachbarn sich gerade auf die Seidenspinnerzucht geworfen hatten und Maulbeerbaumplantagen auf dem mecklenburgischen Sandboden angelegt hatten, wollte er eine Nacktschneckenzucht aufbauen. Er hatte nämlich eine Theorie entwickelt, dass die Spanische Wegschnecke, wenn man sie mit tabakgetränkten Salatblättern fütterte, nicht nur um ein Vielfaches größer werden würden, sondern auch einen speziellen Schleim produzieren könnten, der dem mecklenburgischen Bier einen ganz eigenen Geschmack geben würde. Leider kamen die eigens aus den spanischen Provinzen importierten Wegschnecken allesamt in der kurzen Erwärmungsphase, die der damaligen ‚kleinen Eiszeit‘ vorausging, ums Leben, sie verkümmerten ebenso wie die Maulbeerbäume der Nachbarn, die sie in einem letzten Akt der Verzweiflung noch überfallen hatten. Und es haben sich nur wenige Spuren von diesem kühnen Plan und den Experimenten erhalten, die der Graf von Malabar mit seinen Nacktschnecken unternahm. Überliefert ist lediglich ein handschriftliches, schwer leserliches Manuskript, Von der Hand-Zucht und Inokulation Großer Spanischer Wegschnecken zum Zwecke einer Verbesserung des mecklenburgischen Brauwesens, mit dem der Graf einen Preis bei einer der großen europäischen Akademien zu erhalten hoffte. Das Deutsche Museum verwahrte eine Zeitlang einen Inokulationsapparat, mit dem er die Tabakpflanzenextrakte den Nacktschnecken direkt in die ausgestülpten Geschlechtsorgane injiziert haben soll. Seine Echtheit ist jedoch zweifelhaft, und seitdem militante Tierschutzorganisation ihn in einer Protestaktion mit einem giftigen Schleim aus Kartoffelbrei und Sekundenkleber überzogen hatten, wurde er in einen der vielen dunklen Kellerräume unter der Isar verbannt. Dort wartet er darauf, dass einer der – bekanntlich wenig verbreiteten –Nachtschneckenliebhaber sich vielleicht doch zu einer Spende hinreißen lässt, die die Wiederherstellung des Artefakts und seine Präsentation in einfacher Sprache in der Ausstellung erlauben würde. Eine ehrenvolle Plakette wäre ihm sicher!
Man sah gleich, dass es tot war. Irgendetwas fehlte, wie es so da lag, in einer gleichzeitig verkrampften und entspannten Stellung, die Klauen schon weich anmutend, bevor sie sich überhaupt ausformen konnten, den Hals weit vorgestreckt, als wollte es noch etwas sehen, was es noch nie gesehen hatte. Aber am schlimmsten waren die Augen. Sie waren halb geschlossen; nicht mehr der verschwommene Küken-blick, schon gar nicht der große wache Raubvogelblick der Falkenmutter, oder auch nur der gelbe Deckel, der sich abends manchmal schützend darüber legte, nach einem langen Tag des harten Mutterseins: Saß man wirklich dicht genug um den sorgsam zusammengeschobenen vier und wenig später fünf Eiern? Hielt man sie gut genug zusammen, nachdem die Viere geschlüpft waren, das Fünfte sich aber Zeit ließ? Das war wohl der Zeitpunkt, an dem sich zum ersten Mal die allzu menschliche Sorge, die sich so gern an das Zurückgebliebene, Kleinste, Ungeschützte anhängt, neben dem geradezu automatischen Lächeln über die vier weißflaumigen tapsigen Wesen breitmachte: Würde die Zeit reichen? Würde die Mutter durchhalten? War das Ei überhaupt befruchtet? Fast wäre das leichter gewesen, das kommt immer wieder vor, und schließlich essen wir auch sorg- und gedankenlos Hühnereier und Hähnchen-brüste (gerade in Zeiten der Krankheit gut verträglich, ja geradezu therapeutisch!), nicht aber blinde weiße Küken-Nachkömmlinge.
Plötzlich jedoch war es dann da, ein schwer zu findender weißer Wuschel mehr unter den schon kräftig gewachsenen Vieren, die immer noch reichlich unartikuliert und orientierunglos übereinander stolperten. Häufig starrten sie an die Wand oder drängten sich in die Ecke, als wäre der Blick aus dem Kirchturm schon zu gefährlich. Aber das kannten wir schon von den Wanderfalken, die wir einige Wochen vorher beobachtet hatten und die dann doch erstaunlich schnell den Sturzflug ins Freie wagten, nachdem sie vorher wacker einige Tage Flügelschlagen geübt hatten. Die Dinge entwickelten sich allerdings deutlich langsamer bei unseren Turmfalken im Nachbardorf. Wir machten uns wieder Sorgen, als die Falkenmutter immer noch tagelang auf den nun voll-ständigen Fünfen saß; der Vater war noch nicht einmal aufgetaucht mit den doch sicher benötigten Futterrationen, vorher hatte er wenigstens dann und wann kurze halbstündige Elternzeiten eingelegt. Doch auf einmal begannen die Mäusekadaver einzutreffen (wir waren dankbar dafür, dass die Kamera schon immer relativ unscharf war), und von nun an versiegte die Versorgung nicht mehr, auch bei deutlich wachsendem Appetit und immer weiter aufgerissenen Schnäbeln. Mama zerrupfte zur Fütterung sorgfältig die Beute in handliche Fetzen, die sie – wie es uns schien, darunter nagte die Sorge eben doch weiter – relativ gerecht verteilte. Und immer wieder suchten wir den kleinen, noch fast kahlen Kopf zwischen den deutlich größeren Flaum-Schädeln der sich vordrängenden Großen. Er war sehr schwer zu finden, aber dann tauchte er doch wieder auf, nur für einen kurzen Moment. Derweil wurden die Augen der Großen langsam wacher und fokussierter; und auch die Flügel begannen sich mit kleinen Muskeln abzuzeichnen unter dem immer noch perfekt weißen Flaum.
Dann kam der Tag, als sich unsere Sorge kurz verlagerte: Eines der größeren Küken hatte eine wunde Stelle am Hals, sie würden sich doch nicht, futterneidisch, gegenseitig angefallen haben? Oder war es von der nun schon ziemlich kräftigen Morgen-sonne verbrannt, gegen die die Mutter kaum noch alle hinter den schützenden Flügeln verstecken konnte? Aber es war nicht das Kleine, Nachgekommene, mühsam fand man es endlich wieder, den im-mer noch deutlich zu kleinem Kopf, ganz weit unten im Haufen. Vielleicht schützten die Geschwister es ja auch? Ach, die allzu menschliche Projektion, gepaart mit dem unwiderstehlichen Beschützerinstinkt! Denn kaum hatten wir uns ein wenig entspannt, es war auch anderes zu regeln einige Tage lang, öffnete ich eines endlich sommerlich gewordenen nachmittags die Falkenkamera – die Singvögel im Garten kamen kaum noch nach mit der Versorgung ihrer Nester in den Hecken, die Grillen zirpten schon am Morgen unermüdlich, und ich hatte eine echte Zauneidechse vom Strandkorb aus über die sonnengewärmte Mauer unter den Weinreben schlüpfen sehen: Und es war passiert. Man musste es nicht suchen, man sah es sofort. Es lag da, ungeschützt, in der Mitte, die halbblinden Augen schienen minütlich mehr einzusinken in dunklen Höhlen; nie würden sie sich schließen unter einem schützenden gelben Deckelt, nie den scharfen schwarzen Falkenblick schweifen lassen. Keine Muskeln unter dem schon schäbig werdenden weißen Flaum, der jetzt ein Totenhemd war, das allerärmlichste. Der Schnabel zu stark vortretend, verkrustet, wie in einem stillen Totenkampf. Wie lang war es wohl schon so dagelegen? Die Mutter war unterwegs, Nahrungssuche, die Geschwister hatten sich in die Ecken verteilt und starrten die Wand an. Einmal nur hatte man es gleich gefunden, das Kleinste, Versteckte; und es war tot.
Nun, das war nur natürlich, Selektion eben, Arterhalt, fünf waren sowieso zu viel gewesen, und der Mäusenachschub schon ein sehr anstrengendes Geschäft geworden. Die Mutter kam auch bald wieder von erfolgreicher Jagd, man scharte sich zur Fütterung halb um, halb über dem kleinen Leichnam, keine Spur von -Betroffenheit, Mitleid, Pietät, ja, was hatte man denn erwartet? Was man hier sah, war nur eine Nahaufnahme des menschlichen Emotionskinos im eigenen Kopf, für die gefühlsmäßig besonders Begriffsstutzigen unter uns (also: für mich): Denn auf einmal verstand ich so viel besser, was wir Menschen in unseren schwachen, kleinen, auch schon fast aus-gestorbenen Sterbensritualen mühsam zusammenkultiviert hatten: Die Augen schließen, damit niemand für ewig immer trüber ins Nichts schauen muss. Die Glieder richten, bevor sie die Starre in eine bizarre und zufällige Stellung einfriert für immer. Den Körper gnädig verdecken, in dem sofort der große Verfall beginnt. Einen Platz der Würde schaffen, mit Raum für die Trauer drumherum; nicht allzu nah. Hier aber stolperten unbekümmert weiter wachsende Geschwister über den verkrümmten Körper, waren die Augen nicht schon wieder ein Stück weiter eingesunken seit der letzten Kameraeinstellung? Der Raum hatte ein Zentrum bekommen, aber es war ein totes.
Eigentlich wollte ich gar nicht hinschauen, aber wie unter Zwang rief ich die Seite immer wieder auf. Es war eine Mischung aus – makabrer wissenschaftlicher Neugierde, wie würde der Verfall wohl weitergehen? –, aus Schau- und Sensationslust, einer Spannung auf den „Ausgang“. Würde die Mutter den Kleinen entsorgen? Würde der Wächter der Kamera des Nachts eingreifen? Sie würden doch nicht anfangen, den Kleinen mit den Mäusen zu verwechseln? Dazu ein wohlig schillerndes Gefühl der Trauer, im 18. Jahrhundert mit seinen melancholisch-empfindsamen Unterströmungen nannte man das den „joy of grief“; ein seltsamer Cocktail aus Verlust, Empathie, ein wenig Wut über den allzu natürlichen Gang der Natur. Keine feststellbare Beimischung aus übertragener Todesangst im Übrigen, sondern vor allem: das Empfinden der Erbarmungswürdigkeit der völligen Einsamkeit und des Alleingelassenseins. Da liegt ein Kadaver in der Mitte, und das Leben geht über ihn hinweg, blicklos, gedankenlos. Mit jedem Moment wurde das Küken toter; wusste die Mutter überhaupt noch, dass es einst fünf Schnäbel waren, in die sie Mäuseteile stopfte? Warum hatte sie ihn nicht schon aufgegeben im Ei? Spürten die anderen Küken, irgendwie, das etwas fehlte ganz unten im Haufen? Aber sie wuchsen so schnell jetzt!
Als ich am Abend ein letztes Mal einschaltete, war der Kadaver verschwunden. Es waren auch insgesamt, wie sich nach langem Beobachten herausstellte, nur noch drei, jetzt ziemlich groß und gesund aussehende Küken, der mit der wunden Stelle am Hals war nicht mehr dabei. Und es schien mir geradezu symbolisch, dass der Größte von allen inzwischen die erste falkenartig gemusterte Schwanzfeder entwickelt hatte, die einen deutlichen Kontrast zum immer noch weißen Flaum bildete. Hatte die Mutter die beiden Schwachen aus dem Kirchturm gestoßen? Der Falkenmeister würde es uns wohl schonend er-klären, demnächst im Falkentagebuch; wie natürlich das sei, und nur für uns Menschen schockierend. Weil menschliche Gefühle halt so seltsam sind, so unberechenbar – und das meine ich gar nicht im üblich pathetisch-sentimentalen Sinn (keine Maschine kann das jemals ersetzen, jaja), sondern rein sachlich: unkalkulierbar. Was man in einer bestimmten Situation fühlen wird, weiß man selbst immer erst hinterher, so wenig kennt man sich selbst oder gar „den Menschen“. Gefühlsprognosen sind das Material, aus dem schlechte Romane und Filme gemacht sind, auf der Basis eines sehr vagen Kalküls aus viel zu wenig Daten und Phantasielosigkeit, dazu einer großen Dosis Wunschdenken. Man kann es gar nicht vorher wissen, weil es so eine bizarre Mischung ist. Und nun weine ich, beinahe automatisch, doch ein wenig beim Schreiben in den frühen Morgenstunden noch unter dem Einfluss des segensreichen, aber schlafabwendenden Kortisons bei der gestrigen Chemo, um meinen sehr kleinen Freund mit seiner sehr schwachen Totenwürde. Aber dann erinnerte ich mich an das kluge Wort eines entfernten Freundes nach dem Tod meiner Schwester, die Toten hätten ihren Frieden (es war das Einzige gewesen, das geholfen hatte damals): Und auf einmal konnte sich sie sehen, die Totenwürde des kleinen Falken und seinen winzigen tapferen Falkenfrieden.
Und schon der zweite Abwesende rührte mich nur noch auf eine sehr schwache Weise, so brutal bin ich nämlich auch: Er war zwar nicht von Anfang an totgeweiht gewesen, so versuche ich das zu rationalisieren, aber er hatte eine Krankheit bekommen, und war das nicht irgendwie schon das Kainsmal der Schuld? Er hatte immerhin eine Zeitlang zum Haufen gehört, er war nicht ausgesondert von Anfang an, er hatte schon mitgedrängelt. Und wahrscheinlich hat er einen schnellen Tod bekommen, keine langsame Auszehrung. Er war das nötige Opfer zum Gedeihen der Geschwister, der Fortsetzung der Generation, dem Überleben der Gattung. Aber von Anfang an schon zu viel sein; ein Irrtum der Natur mehr als eine Schwäche; zu sterben, ohne das Licht der Sonne gesehen zu haben, weil man immer ganz unten im Haufen war, und wenn man die Augen einmal öffnete, schmerzten sie wahrscheinlich von dem grellen Licht; und am Ende da zu liegen, ausgesetzt auf einmal, immer weniger werdend, während der Tod in einem wächst – das schien mir ein schon fast menschliches Sterben.