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Des Politikers neuer Bahnhof

Moderne Märchen


 

Inhalt

 

Des Politikers neuer Bahnhof * Des Superstars neues WunderPhone * Aprimezi * Frau Plitschplatsch * Die Lebenszeit – Intelligent Design * Die Lebenszeit – Kunststücke * Der arme Philosoph und der reiche Bankdirektor * Allesmeins * Die drei faulen Manager * Die drei faulen Politiker * Der mit dem Bär tanzt * Der Teufel und sein Uropa * Die drei Sprachen * Die weiße Schokoladenschlange * Die kluge Chantal * Blauwellchen * Der tapfere Besenbinder * Der mutige Gemischtwarenhändler * Die drei Schwestern * Die drei Finanzgenies * Basar-Liese * Putzi-Peter * Die Kursprobe * Die Trendprobe * Die Boten des Alters * Die Boten des Todes * Die australischen Luftschlossbauer * Vorlagen  

 

 Modernisierte Märchen.
Ein Experiment 

 

Märchen waren schon immer nichts für Kinder: zu brutal, zu gruselig, zu voll all der Übel, Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten des wirklichen Lebens. Märchen sind nur etwas für Kinder: voller magischer Gegenstände, sprechender Tiere und wundersamer Verwandlungen, und die Prinzessinnen sind immer schön und die Prinzen immer heldenhaft – und wenn sie nicht an Langeweile gestorben sind, leben sie noch heute, in dicken Büchern, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, unverändert, zeitlos, immergleich! 

Tatsächlich stimmt beides, auch wenn es widersprüchlich klingt. Märchen zeigen in unendlichen Varianten des Immergleichen Grunderfahrungen der Menschen, in allen Zeiten, in allen Kulturen, in jedem Alter: „Es war einmal“ ist ihre Geheimformel, und was, wann oder wo  genau, darauf kommt es nicht an. Die Figuren sind Archetypen des Menschlichen, die in übersichtlichen Gegensatzpaaren auftreten: Gute und Böse, Arme und Reiche, Schöne und Hässliche, Dumme und Kluge. Deshalb müssen die Prinzessinnen immer schön und die Prinzen immer heldenhaft sein, und deshalb werden die Guten immer belohnt und die Bösen immer bestraft, und die Armen und die Reichen tauschen die Rollen, und sogar das kleinste Schneiderlein kann ein großer Held sein – und wenn sie nicht gestorben sind, wundern sie sich noch heute darüber, wie das zugehen konnte, wo doch die Realität so ganz anders aussieht!

 

Denn das ist das eigentlich Wunderbare am Märchen und das Geheimnis seines Erfolges über die Zeit-, Geschmacks- und Altersgrenzen hinweg: Märchenhaft sind nur das Dekor, die äußere Form, die Verkleidung der Geschichte. Aber unter der phantastischen Schale liegen sehr reale Ur-Sehnsüchte und Ur-Ängste des Menschen: Reich sein, schön sein, mutig sein; klug sein, allmächtig sein und niemals sterben. 

Wenn jedoch nur das phantastische Dekor das Märchen zum Märchen macht – wäre es dann nicht an der Zeit, diese Verkleidung ein wenig zu modernisieren? Schönheitsprinzessinnen gibt es zuhauf auch in der modernen Welt, sie sind auch weiterhin auf Schuhe fixiert, tragen aber andere Kleider. Immer kleinere Gegenstände ermöglichen es auf eine wahrhaft wundersame Weise, Zeit und Raum und sogar die körperliche Realität zu überwinden. Tapfere Soldaten kämpfen auf anderen Schlachtfeldern mit anderen Waffen, Zauberworte erschließen Datenschätze, Reichtum lässt sich nicht mehr in Goldstücken zählen, sondern in Aktienkursen angeben – märchenhaft all das, auf seine eigene, moderne Art und Weise.

Um diese neue Perspektive zu gewinnen, reicht es häufig aus, nur einzelne Elemente zu variieren: Was passiert, wenn man aus Prinzessinnen Prinzen macht, aus Brüdern Schwestern und aus bösen Stiefmüttern widerliche Stiefväter? Was passiert, wenn der Inbegriff von Reichtum nun nicht mehr der König, sondern der international erfolgreiche Manager ist? Wenn Figuren nicht mehr in der Welt verschwinden, sondern im Internet? Wenn man seine Seele nicht mehr dem Teufel verkauft, sondern einem Konzern? Wenn das Schlimmste nicht mehr ein zu früher Tod ist, sondern das Vergessen seiner selbst? Und wenn sie nicht gestorben sind, werden die neuen Märchenhelden eben tiefgefroren weiterleben, bis eines Tages, wenn die Menschen die Erde vollständig zerstört haben, die neue Mars-Kolonie endlich bezugsfertig ist und es fortan Mars-Märchen geben wird!

Die hier vorgelegten Variationen greifen ziemlich willkürlich Vorlagen heraus, die zumeist den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm entstammen. Sie arbeiten, wie alle  Märchen mit starken Stereotypen; und sie versuchen auch die zum Zeitlosen stilisierte Sprache mit dem vertrauten Erzählton beizubehalten: „Es war einmal“ – „und dann, und dann, und dann“ – „und wenn sie nicht gestorben sind…“. Märchen benötigen keine originelle Sprache, und die Erzählerin soll sich nicht in den Vordergrund spielen. Sie beruhigen im Erzählen, auch wenn Hänsel und Gretel kurz davor sind, von der Hexe bei lebendigem Leibe gebraten und gefressen zu werden und die sieben niedlichen Geißlein schon im Bauch des bösen Wolfes rumoren. Sie versichern ihren Hörern, dass die Welt – für diese kurze Geschichte zumindest – übersichtlich ist, dass sich in ihre einzelne Handlungen in einer festgelegten Reihenfolge vollziehen und selbst die Überraschungen nur mit einem trivialen „und dann“ angekündigt werden, ohne martialischen Trommelwirbel oder sentimentale Geigenhimmel im Hintergrund.

Das heißt aber nicht, das sich nicht dann und wann auch ein wenig modernes Vokabular einschleichen darf, vor allem, wenn es so wunderbar floskelhaft ist wie die Sprache des Managements, so wunderbar kreativ wie die Sprache des Internet oder so wunderbar lakonisch wie die Sprache der Jugend. Denn auch über das, was wir jeden Tag neu erleben in einer sich immer schneller verändernden modernen Welt, wird es einmal heißen, in gar nicht allzu langer Zeit: „Es war einmal…“



Die australischen Luftschlussbauer

Es gab im Land einen Bauarbeiter, der hatte schon lange Jahre unverdrossen Steine geschleppt und Wände gemauert, sein Rücken war jetzt aber kaputt, und seine Kräfte gingen langsam zu Ende. Da wollte sein Arbeitgeber ihn vor dem Rentenalter kündigen und Schwarzarbeiter aus Osteuropa einstellen, aber der Bauarbeiter merkte, dass kein guter Wind wehte, kam nicht mehr auf die Baustelle und machte sich auf den Weg nach Australien; dort, meinte er, könne er ja Luftschlösser bauen. Als er ein Weilchen gegangen war, fand er einen Briefträger an sein gelbes Fahrrad gelehnt, der jappte wie einer, der sich müde gestrampelt hat. „Nun, was stöhnst du so, mein gelber Freund?“, fragte der Bauarbeiter. „Ach“, sagte der Briefträger, „weil ich alt werde und die Gelenke nicht mehr wollen und ich nicht mehr so schnell mit meinem Fahrrad den Berg hochkomme, will mich mein Arbeitgeber durch Drohnen ersetzen, die sollen die Briefe direkt vor der Haustür abwerfen“. „Weißt du was“, sagte der Bauarbeiter, „ich gehe nach Australien und baue Luftschlösser, komm doch mit, du kannst bei uns die Brieftauben beaufsichtigen“. Der Briefträger war‘s zufrieden, und sie gingen weiter. Es dauerte nicht lange, da trafen sie auf eine Bankkauffrau, die saß am Wegesrand und hatte ihre High Heels abgelegt und rieb sich stöhnend die Füße. „Was stöhnst du denn, liebe Dame?“, fragte der Bauarbeiter. „Ach“, sagte die Bankkauffrau, „mir tun die Füße weh von den blöden hochhackigen Schuhen, in denen ich den ganzen Tag am Schalter stehen muss, und das Business-Kostüm passt auch nicht mehr, und jetzt will mich mein Arbeitgeber entlassen und ein Model für den Schalter einstellen!“ „Geh mit uns nach Australien“, schlug der Bauarbeiter vor, „du kannst dort Geld drucken und verschenken, so viel du willst!“ Die Bankkauffrau fand das gut und schloss sich ihnen an. Bald darauf kamen sie an einem Koch vorbei, der saß vor seiner Küche und drehte seine Däumchen und schaute trübsinnig vor sich hin. „Warum schaust du denn so trübsinnig unter deiner großen weißen Mütze?“, fragte der Bauarbeiter. „Ach“, sagte der Koch, „alle essen nur noch diesen wertlosen Schnellimbiss-Fraß oder kaufen tiefgekühlte Fertigmahlzeiten; keiner hat mehr Zeit oder Geld, meine gesunde Vollwertküche aus regionalen Zutaten zu essen“. „Geh mit uns nach Australien“, riefen die anderen, „etwas Besseres als die Arbeitslosigkeit findest du überall, und du kannst für uns jeden Tag gesunde Vollwertkost kochen, wenn es sein muss, sogar vegetarisch!“ So gingen sie alle zusammen weiter.

Der Weg nach Australien war aber weit, und die vier Luftschlossbauer mussten einen Ort für die Nacht fin-den, wo sie übernachten könnten, und Hunger hatten sie auch. Da sahen sie in der Ferne eine große Leuchtreklame flimmern, und als sie näher kamen, sahen sie, dass es die Filiale einer großen Schnellimbiss-Kette war. Drinnen saßen die Leute auf roten Lounge-Sesseln aus Plastik und aßen große Menüs von Plastiktabletts und tranken blubbernde Getränke aus Plastik-Riesenbechern. Da berieten die vier Arbeitslosen, wie sie es wohl anfangen könnten, dass sie auch etwas zu Essen bekämen, obwohl sie kein Geld hatten, und fanden endlich ein Mittel. Sie gingen stracks in einer Reihe nacheinander in die Filiale, der große Bauarbeiter mit dem breiten Kreuz voran, und danach der Briefträger mit seinen langen Beinen, und danach die Bankkauffrau auf ihren hohen Schuhe, und ganz am Ende ragte die große weiße Mütze des Kochs hervor. Und der erste von ihnen, der Bauarbeiter, erklärte das Gebäude für einsturzgefährdet, der zweite, der Briefträger, sagte, er überbringe den amtlichen Räumungsbefehl, die dritte, die Bankkaufrau, kündigte eine Überprüfung an, ob die Mindestlöhne auch eingehalten und die Pausen ordnungsgemäß dokumentiert und keine Schwarzarbeiter beschäftigt würden, und der Koch als vierter inspizierte die Küche und erklärte sie für unhygienisch und die Speisen zum Gesundheitsrisiko. Da flohen alle, das Personal und die Gäste, in Windeseile. Nun setzten sich die vier Arbeitslosen hin und aßen alles auf und füllten die Getränke nach Herzenslust nach und legten sich anschließend in den roten Lounge-Sesseln zum Schlafen.

Als aber am Morgen die Besitzer der Schnellimbiss-Filiale mit ihren Anwälten und den Vertretern der Behörden kamen und sie wegjagen wollten, hing ein Plakat am Haus, darauf stand: „Hausbesetzung!“ Denn das Haus gefiel den vier Luftschlossbauern gut, es hatte eine große Küche und ein noch viel größeres Esszimmer und eine gute Musikanlage und mehrere Toiletten und sogar eine kleine Terrasse mit Spielplatz. Und als die Besitzer mit noch viel mehr Anwälten und Behördenvertretern zurück kamen, hatten sie schon eine betreute Werkstätte daraus gemacht, und der Bauarbeiter leitete die Umbauarbeiten, und die Bankkauffrau verwaltete die Spenden und der Koch kochte gesunde Vollwertspeisen mit regionalen Zutaten für alle, und es gab sogar eine Postfiliale, die einzige weit und breit im ganzen Landkreis und den ganzen Tag geöffnet. Da trauten sich die Anwälte und die Behördenvertreter der schlechten Publicity wegen nicht mehr, sie zu vertreiben, und die vier Luftschlossbauer lebten fröhlich und gesund von ihrer Hände Arbeit.


Der tapfere Besenbinder

Es war ein klein Städtlein, in dem wohnte ein Besenbinder, der machte den Leute schöne Besen und weiche Pinsel und bunte Staubwedel. Aber er band die Besen gar nicht recht gern, denn er dachte, sein Handwerk sei zu luschig für einen echten Kerl wie ihn, der gern mit hartem Besen fegte und gar kein Warmduscher war. Die Besenbinderei sei etwas für Mädels oder Weicheier, die schließlich auch etwas zu tun haben müssten, damit sie nicht den ganzen Tag in den Spiegel oder ins Facebook schauten, wo die Besenbinder gar nicht gut angesehen waren und viel gedisst wurden. So dachte er, und dass er eigentlich lieber ein Freiheitskämpfer hätte werden sollen oder wenigstens ein Waffenhändler; schließlich waren seine Besen, vor allem die mit den harten Borsten, auch eine Art von Nahkampfwaffen und bekämpften Schmutz und Unrat, wo immer sie sie fanden.

In solche Gedanken vertieft wollte der Besenbinder zu seinem angebissenen Müsliriegel greifen, aber auf dem hatte sich eine ganze Kolonie fieser Mehlmotten niedergelassen. Er wollte sie mit seinem bunten Staubwedel verscheuchen, aber das beeindruckte die Mehlmotten nicht sehr. Da fasste er sich ein Herz und nahm seinen härtesten Besen und fegte sie mit einem Streich alle hinweg. „Denen habe ich es aber gezeigt!“, dachte der Besenbinder triumphierend, und er machte ein Selfie mit den toten Motten und dem geretteten Müsliriegel und twitterte gleich los: „Eine ganze Kolonie mit einem Streich hinweggebürstet!“ Und all seine drei Follower verbreiteten die Nachricht, und bald war er ein Held auf YouTube und im ganzen Internet.

Da gab er seine Besenbinderei auf und zog in die große Stadt. Und weil sein Video inzwischen überall im Internet gehypt wurde und er als ganz harter Besen galt, stellte ihn die Regierung ein, um den Staat vor seinen inneren und äußeren Feinden zu schützen. Er bekam einen Haufen Geld und viele extraharte Sondereinsatzkräfte mit martialischen Hazmat-Uniformen, die sich aber alle vor ihm fürchteten, weil sie immer trockene Müsliriegel essen und mit harten Besen kehren mussten. Ihre Beschwerden kamen auch vor die Regierung, aber die Minister wagten es nicht, den starken Besenbinder wieder vor die Tür zu setzen; sie fürchteten, er würde sie als Motten und Weicheier outen und alle mit einem Staatsstreich hinwegfegen. Deshalb stellten sie ihm eine Aufgabe, mit der sie hofften, ihn heimlich wieder los zu werden. Er sollte nämlich drei terroristische Schläferzellen, die der Staatsgeheimdienst schon lange abhörte, auffliegen lassen.

Der Besenbinder aber ließ all die Sondereinsatzkräfte in ihren martialischen Uniformen zuhause weiter die Kasernenböden fegen und leakte über dunkle Besenbinder-Kanäle, er könne explodierende Besen verfertigen, deren Wirkung ungeheuer sei und die schon ganze Kolonien hinweggefegt hätten. Dann traf er sich insgeheim mit jeweils einem Vertreter der drei terroristischen Splittergruppen und ließ dabei durchblicken, dass er seine Wunderbesen auch schon an die jeweils anderen beiden Gruppen verkauft habe, die überhaupt noch mordsgeheimer und viel fanatischer wären. So brachte er es in kurzer Zeit dahin, dass alle drei geheimen Schläferzellen mit den explodierenden Besen aufeinander losgingen, weil jeder den anderen an Fanatismus und Gemeinheit übertrumpfen und schneller im Paradies sein wollte. Und so waren sie bald alle im Paradies oder wo immer die guten und bösen Märtyrer hinkommen, wenn sie sich gegenseitig mit harten Besen erschlagen haben.

Die Regierung aber stand wieder vor dem gleichen Problem, denn die Sondereinsatzkräfte fürchteten sich nun noch viel mehr vor dem tapferen Besenbinder und Terroristenjäger, und die Minister auch. Deshalb dachten sie sich eine zweite Aufgabe aus, die noch viel schwieriger und furchterregender war. Das Land wurde nämlich von seinem großen Nachbarn bedroht, der immer mehr aufrüstete und seine Streitkräfte an den Grenzen schon bedrohlich verstärkt hatte. Der Besenbinder sollte verhindern, dass der große Nachbar den kleinen Nachbarn mit Krieg überzog und eroberte. Wieder ließ der Besenbinder alle Truppen in ihren Kasernen; die Soldaten waren sowieso schlecht ausgebildet, die alten Waffen und Panzer und Flugzeuge funktionierten nicht mehr und die teuren neuen hatten noch niemals funktioniert. Im großen Nachbarland aber ließ er wieder über dunkle Besenbinderkanäle Gerüchte von der neuen supertollen militärischen Ausrüstung verbreiten, die der kleine Nachbar sich heimlich angeschafft habe. Er wisse jedoch, wo man die gleichen Sachen und noch viel mehr davon für einen Spottpreis kaufen könnte. Und nachdem er die Generäle des Nachbarlandes ganz heiß gemacht hatte, verkaufte er ihnen all die neuen Waffen und Panzer und Flugzeuge des kleinen Nachbarn, die noch niemals funktioniert hatten, für so viel Geld, dass der große Nachbar danach kein Geld mehr hatte, um seine Soldaten oder Rentner zu bezahlen, geschweige denn die Straßen zu flicken oder die Schulen zu heizen. Da brach ein langwieriger Bürgerkrieg im Nachbarland aus, in dem es nur ein Glück war, dass die vielen neuen Waffen nicht funktionierten und die Bürger deshalb nur mit Besen bewaffnet aufeinander losgehen konnten. Der kleine Nachbar aber war seine unnützen Waffen losgeworden und lebte nun in Frieden und ohne Angst vor dem großen Nachbarn.

Die Angst der Regierung vor dem tapferen Besenbinder wurde derweil immer größer, und man versprach ihm die großartigsten Prämien, wenn er nur die dritte und letzte und allerschwierigste Aufgabe noch lösen würde. Im Land selbst gab es nämlich eine riesige geheime Überwachungsbehörde, die bergeweise Daten über jeden Bürger und auch über die Regierung gesammelt hatte, so dass sie jetzt alle dunklen Geheimnisse kannte und jeden jederzeit erpressen konnte. Der Besenbinder ließ alle Computerspezialisten stehen, die man ihm zur Unterstützung angeboten hatte, und erließ nur ein neues Gesetz: Jeder Bürger wurde verpflichtet, seinen gesamten Tagesablauf, vom Zähneputzen am Morgen über die Kehrwoche am Mittag bis zum Haarebürsten am Abend, minutiös zu dokumentieren, jeden Handgriff, jeden Schritt und jedes Wort, und alle Daten der riesigen Überwachungsbehörde sofort online und unverschlüsselt zur Verfügung zu stellen. Schon am zweiten Tag brachen die Übertragungen zur Überwachungsbehörde zusammen, die Festplatten ihrer Computer liefen heiß und die Auswertungsprogramme begannen, sich in Endlosschleifen solange um sich selbst zu drehen, bis die Fehlermeldungen die Selbstzerstörung des Systems auslöste und alle dunklen und geheimen Daten für immer gelöscht wurden.

Nun waren alle Aufgaben erledigt und alle inneren und äußeren Bedrohungen besiegt, und der Regierung blieb nichts übrig, als den tapferen Besenbinder endlich für seine Dienste zu entlohnen. Er durfte die nächste Gewinnerin der berühmten Model-Show heiraten – die aber eigentlich lieber einen Profifußballer wollte, aber das war dem Besenbinder auch egal, weil er eigentlich lieber Männer mochte. Und als er dann zum Super-Minister ernannt wurde, fürchteten alle inneren und äußeren Feinde seinen harten Besen, und das Land lebte atomwaffenfrei, unüberwacht, ununterwandert und sehr sauber gefegt, so lange er regierte.


Der mutige Gemischtwarenhändler

Es war ein klein Dörflein, wo ein Gemischtwarenhändler einen bescheidenen Dorfladen betrieb und den Leuten Brot und Milch und BILD-Zeitungen und Lottoscheine verkaufte. Aber er betrieb den kleinen Laden gar nicht gern, denn er dachte, der Job sei zu primitiv und anspruchslos für ihn und außerdem könne jeder heutzutage sein Müsli im Internet selbst zusammenstellen. Er wollte lieber Politiker werden; denn als Gemischtwarenhändler müsse man schließlich auch den Leuten alles aufschwatzen, dachte er, und ob man nun zwischen sieben Joghurtsorten wählen musste oder zwischen fünf Parteien, sei gar kein so großer Unterschied. In solche Gedanken versunken saß er einmal an seiner Ladenkasse und verkaufte Lottoscheine, als er auf einmal im Radio die Glückszahlen hörte und bemerkte, dass er selbst diesmal sechs Richtige gehabt hatte (aber ohne Zusatzzahl). Da sah er seine großen Hoffnungen bestätigt und stellte gleich auf seine Facebook-Seite ein großes neues Firmenlogo ein: „Sechs Richtige auf einen Streich, in nur sechs kleinen Schritten bist du reich! – die sensationelle 6-S-Methode!“

Als nun in der Hauptstadt die jährliche große Messe stattfand, ging er dorthin und pries überall seine sensationelle 6-S-Methode an, mit der man unfehlbar in sechs winzig kleinen Babyschritten zum reichen Mann werden würde, so einfach, als würde man nur einen Lotto-Schein ausfüllen! Das beeindruckte den Finanzminister so sehr, dass er ihn einstellte, um das riesige Haushaltsloch des Landes, das immer und immer größer wurde und dessen Zinszahlungen allein schon beinahe alle Steuereinnahmen verschlangen, endlich mit seiner sensationellen 6-S-Methode zu stopfen. Er bekam dafür einen ganzen Stab an Wirtschaftsanalysten und Professoren, die ihn aber alle verachteten, weil sie selbst schon dicke Bücher darüber geschrieben hatten, wie man ganz einfach reich werden könnte, aber niemand hatte ihre Bücher gekauft und sie waren noch nicht einmal selbst reich geworden und spielten immer noch verzweifelt jede Woche im Lotto, es hatte bisher aber höchstens zu drei Richtigen gereicht (ohne Zusatzzahl).

Sein Stab versuchte ihn deshalb beim Finanzminister als großen Phrasendrescher anzuschwärzen, der keinerlei Ahnung von den komplizierten Gesetzen des Marktes und noch nicht einmal einen internationalen Master of Business Administration hätte, aber der Finanzminister war sehr verzweifelt und konnte sich nicht vorstellen, was er gegen den immer weiter wachsenden Schuldenberg und die Zinseszinsplage tun sollte. So stellte er seinem neuen Berater eine schwierige Aufgabe: Er solle nämlich das schreckliche Bürokratie-Monster, das jede neue Einnahmequelle für den Staat sofort in seine habgierigen Krallen bekam und nie wieder losließ, sondern selbst nur immer mehr wuchs und immer mehr Geld verschlang, bekämpfen und töten. Der Gemischtwarenhändler ließ alle seine Analysten weiter über komplizierte Modelle zum Bürokratieabbau grübeln und gründete statt dessen ein weiteres kleines Amt, nämlich die Behörde zur Reduzierung von Bürokratie- und Verwaltungskosten (kurz BRBVk genannt). Die Behörde bestand nur aus einem Mitarbeiter, nämlich ihm selbst, und sie erließ nur eine einzige Anordnung: Fortan nämlich müsse jeder Verwaltungsvorgang mit sechs Durchschlägen dokumentiert werden, in sechs verschiedenen Farben, und jeder der sechs Durchschläge müsse noch am gleichen Tag an sechs weitere Beamte in sechs anderen Behörden weitergereicht werden. Binnen sechs Tagen waren alle Büros so verstopft, dass die Beamten kaum noch den Weg in ihre Büros fanden, und am siebten Tag begannen sie, sich mit den sechs verschiedenfarbigen Durchschlägen zu prügeln oder wurden gleich wahnsinnig. Das Land funktionierte aber auch ohne sie prima weiter, ohne dass jemand etwas merkte, und das Bürokratiemonster hob niemals mehr seinen furchterregenden papiernen Kopf.

Das gefiel den Analysten und Professoren gar nicht, weil sie fürchteten, dadurch auch überflüssig zu werden, und sie beschwerten sich noch einmal energisch beim Finanzminister. So dachte dieser sich eine weitere, noch schwerere Aufgabe aus: Der tapfere Gemischtwarenhändler und Bürokratie-Krieger sollte ein für alle Mal die sinnlosen Großprojekte stoppen, die das Land seit Jahrzehnten in eine riesige Baugrube verwandelt hatten und so viel Geld verschlangen, dass die Straßen nicht mehr repariert  werden konnten, die Schulen nicht mehr geheizt und die Kindergärten und Altersheime geschlossen werden mussten. Wieder erließ der tapfere Gemischtwarenhändler, ohne Rücksprache mit seinem Beraterstab, nur eine einzige Anordnung: Jedes Projekt, so verfügte er, müsse sechs gute Gründe aufführen, warum es unbedingt für das Wohl des Staats erforderlich sei. Aber keiner dieser Punkte dürfe die Worte „Ansehen im Ausland“ „Fortschritt“, „Wirtschaftswachstum“, „neue Arbeitsplätze“, „technische Innovation“ oder gar „Vision“ enthalten. Denn es wurden immer weniger Menschen in dem Land geboren, und die Bodenschätze waren so gut wie erschöpft, und die immer wenigeren Menschen wurden immer ärmer, je mehr die Wirtschaft wuchs, und die Arbeitsplätze, die noch geschaffen wurden, wurden mit unterbezahlten ausländischen Hilfskräften besetzt, und der Fortschritt und alle technischen Innovationen hatten nur dazu geführt, dass alles immer schneller gehen musste und alle krank waren vor lauter Stress und man noch nicht einmal in Ruhe sterben durfte. Und immer wenn ein Politiker ein Vision hatte, gründete er eine neue Splitterpartei, aber davon war noch nie etwas besser geworden. Niemand aber konnte sechs andere Gründe für die Weiterführung der Großprojekte finden – der wesentliche Grund, der von allen vorgebracht wurde, war, dass man nun einmal angefangen hatte und es doch irgendwie schade sei, nicht weiterzumachen. Aber eigentlich verstand auf einmal niemand mehr, warum man Fehler, die man einmal gemacht habe, nun auch gründlich weitermachen sollte bis zum bitteren Ende. So wurden alle Großprojekte eingestellt und zu Abenteuer-Spielplätzen umfunktioniert, und auf einmal war genug Geld da für die Straßen und die Schulen und für gut und liebevoll geführte Kindergärten und sogar für Altenheime, in denen man friedlich sterben durfte, wenn die Zeit gekommen war.

Nun wurde es aber sogar dem Finanzminister selbst mulmig zumute, er hatte nämlich in die Großprojekte selbst viel Geld investiert. Deshalb stellte er dem mutigen Gemischtwarenhändler eine letzte Aufgabe, für deren Lösung er dann wahrlich fürstlich honoriert werden sollte: Er solle dafür sorgen, dass die Manager der großen Banken und Firmen nicht immer noch horrendere Gehälter bekommen sollten, egal, ob sie versagt hatten und wie viel Leute sie entlassen hatten und wie viel Subventionen der Staat für sie aus Steuermitteln bezahlt hatte. Denn die Manager und ihre Familien lebten in Saus und Braus und hatten tausend Paar Schuhe und Villen in der ganzen Welt und Privatflugzeuge und Yachten, während viele Bürger ihren Kindern gar keine neuen Schuhe kaufen und die Miete für ihre verfallenden Hochhauswohnungen nicht mehr bezahlen konnten und auch nicht das Ticket für die Busse im öffentlichen Nahverkehr, die sowieso immer seltener fuhren. Unmöglich, riefen die Analysten und Professoren, die an ihre Aktien und die Schuhe ihrer Frauen und die Privatschulausbildung ihrer Kinder dachten, schließlich haben die Manager das Geld sauer verdient! Der tapfere Gemischtwarenhändler aber führte wieder nur eine einzige Regel ein: Niemand dürfe in einer Firma mehr als sechsmal so viel verdienen wie derjenige, der am niedrigsten entlohnt wurde. Das sorgte, kaum hatte man es gesehen, dafür, dass die Mindestlöhne flugs in die Höhe schossen – wovon ja auch die Besserverdienenden profitierten, wie sie schnell einsahen. Wo die Manager jedoch zu raffgierig wurden und jeder kleine Angestellte nun ein dickes Gehalt bekam, damit der CEO weiter richtig reich sein konnte, wurde der Betrieb zu teuer, machte die Firma keinen Gewinn mehr, ging das Unternehmen, hast du nicht gesehen, vom Markt und bankrott. So sahen alle bald ein, dass es allen am besten gehen würde, wenn niemand allzu wenig und niemand allzu viel verdiente, und die Superreichen waren sowieso schon lange samt ihren riesigen Schuhkästen in ihren Privatflugzeugen in die Steuerparadiese in der Karibik geflohen, und keiner vermisste sie zuhause.

Da war es auch der Finanzminister endlich zufrieden, und der mutige Gemischtwarenhändler bekam sechs Models als Heiratskandidatinnen zur Auswahl, die ihn alle nicht wollten, aber er wollte entweder alle sechs oder keine, und so bekam er einen kleinen Harem, und die Models hatten der Reihe herum ihre Ruhe und viel Zeit zum Shoppen. Er wurde auch zum immerwährenden Wirtschaftsweisen bestellt, und das Land lebte, so lange er regierte, schuldenfrei, ohne Bürokratie- und Projektmonster und zufrieden irgendwo in der Mitte zwischen schamlosen Reichtum und erbarmungswürdiger Armut.


 Fusswellchen 

Es war einmal ein Fürstenpaar in einem kleinen Fürstentum, das hatte alles, was es sich wünschte, einen Golfplatz, ein Privatflugzeug, einen Weinberg in der Toskana und mehrere goldene Jacuzzis in ihrem Palast, aber keine Kinder, und sie hätten so gern eines gehabt. Einmal saß die Fürstin im goldenen Jacuzzi, da tauchte eine Badeente mit einem Juwelenschnabel auf und sprach zu ihr: „Dein Wunsch wird bald erfüllt werden, und du wirst einen Sohn zur Welt bringen“. Das traf auch ein, und der Fürst war so erfreut über die Geburt eines Stammhalters, dass er ein großes Fest anstellen ließ. Dazu lud er auch sämtliche Medienvertreter in dem kleinen Fürstentum ein, aber er vergaß eine kleine unbekannte Bloggerin.
Die Medienvertreter kamen alle zu dem Fest und beschenkten das Kind mit einer Homepage mit unbegrenztem Speicherplatz, einer Facebook-Seite, einem Twitter-Account und so viel Clouds und diamantbesetzten USB-Sticks, wie man sich nur wünschen konnte. Aber als die vorletzte Medienfrau gerade eine brandneue SmartWatch überreichte, trat die kleine Bloggerin herein, recht zornig, weil man sie wieder einmal vergessen hatte, und rief: „Weil ihr mich nicht eingeladen habt, so sage ich euch, dass euer Sohn im zwölften Jahr von einem Fußball verhext und sterben wird!“ Die Eltern erschraken, aber der letzte Medienvertreter einer großen amerikanischen Suchmaschine hatte noch ein Geschenk übrig und sprach: „Es soll aber kein Tod sein, es wird nur eine große Funkstille eintreten“.

 

Der Fürst hoffte immer noch seinen Sohn zu retten, und er ließ sogleich den Befehl ausgehen, dass alle Fußbälle im gesamten Fürstentum abgeschafft werden; es gab keine Bundesliga mehr, auch keine Zweitliga, noch nicht einmal mehr Tischkicker. Der Sohn aber wuchs heran und lernte sprechen und twittern und sogar bloggen, und er war sportlich hochbegabt, spielte aber niemals Fußball. Eines Tages, als er gerade zwölf geworden war, waren seine Eltern gerade einmal wieder mit ihrem Privatflugzeug zu ihrem Weinberg in der Toskana geflogen, und er war ganz allein im Palast. Da streifte er neugierig durch alle Flure und kam schließlich zu einem alten Turm. Eine enge Treppe führte zu einer Tür mit einem elektronischen Lesegerät daran, und als er seinen Daumen auf den Scanner drückte, sprang die Tür auf. In dem Stübchen saß ein alter Mann vor einer Wand mit drei Löchern darinnen, der nannte sich „Kaiser Franz“ und hielt einen prächtigen WM-Fußball in der Hand und fragte den Fürstensohn, ob er nicht einmal mit dem Fußball auf die Torwand schießen wollte. Die Idee gefiel dem sportlichen Fürstensohn ausgezeichnet, und er nahm Anlauf und holte mit dem rechten Fuß weit aus. 

Kaum aber hatte sein Fuß den Ball berührt, da versank das gesamte Fürstentum hinter einer riesigen weißen Wand in Funkstille. Niemand konnte mehr seinen Beziehungsstatus im Facebook-Profil updaten, die letzten Tweets blieben bei 130 Zeichen stehen, in den Druckern steckten halbbedruckte Seiten, im Fernsehprogramm stand den Nachrichtensprechern der Mund offen, die Klingeltöne auf den Smartphones verhallten und alle Navis brachen mitten im Satz ab: „Sie haben ihr Ziel ….“. Das ganze Fürstentum war mit einem Schlag von der digitalen Landkarte verschwunden, und keiner konnte es mehr finden bei Google Maps oder Google Earth, nicht einmal die allerbesten Späh-Satelliten. Immer wieder brachen mutige Abenteurer auf, um das legendäre Fürstentum zu finden, gut ausgerüstet mit den allerneuesten GPS-Handys und Survival Power Banks und bunten Energy Drinks, aber sie verschwanden alle in der großen Funkstille und keiner hörte mehr etwas von ihnen, nicht den kleinsten Tweet. 

So währte das lange, lange Jahre, bis die Geschichte vom Fürstentum nur noch eine urban legend war, über die wilde Verschwörungstheorien in verschiedenen Internet-Foren kursierten. Da machte sich eines Tages ein junges Mädchen ohne alle technischen Hilfsmittel auf, um das verschwundene Fürstentum in der Funkstille zu finden; und sie nahm nur einen alten ausgetretenen Fußball mit. Als sie aber auf das Gebiet des Fürstentums kam, begannen auf wundersame Weise die Funkwellen wieder zu senden: Man konnte seinen Beziehungsstatus auf Facebook wieder updaten, die Tweets wurden zu Ende getwittert, die Drucker fingen wieder an zu summen und ganze Seiten auszuspucken, die Nachrichtensprecher im Fernsehen schlossen ihren Mund zu und ihre Sätze ab, die Klingeltöne bimmelten fröhlich weiter und die Navis sagten im Chor: „… erreicht!“ Das junge Mädchen begegnete bald darauf dem jungen Fürstensohn, der inzwischen den Fußball mitten ins Loch in der Torwand geschossen hatte. Beide machten ein Selfie von sich mit der Torwand und den beiden Fußbällen, und dann gingen sie getrennt ihrer Wege und skypten nur noch gelegentlich.


Die kluge Chantal

Es war einmal eine junge Frau, die nannten ihre Freunde die kluge Chantal. Als sie heiraten wollte, meldete sich die kluge Chantal bei Parship an und erstellte ein Profil von sich selbst; und sie schrieb, sie könne Funkwellen sehen und Erdstrahlen spüren und jedes Windrad an seinem Sausen erkennen. Bald meldete sich einer, der hieß Kevin und wollte ein Date mit ihr ausmachen; wenn er sie jedoch heiraten sollte, so müsse die kluge Chantal auch recht gescheit sein, schrieb er ihr. Als sie sich nun zum ersten Date in ihrer Wohnung trafen, wollte die kluge Chantal in den Keller gehen und einen Sekt holen. Sie nahm ihren Designer-Klapphocker mit, damit sie sich nicht den Rücken ausrenkte, wenn sie sich nach dem Rotkäppchen-Sekt streckte, der ganz oben lag im Weinregal. Während sie die Stufen hinab stieg, surfte sie auf ihrem Smartphone noch die neuesten Promi-News, damit ihr ja die Zeit nicht lang würde. Als sie nun den Rotkäppchen-Sekt von ganz oben aus dem Weinregal geholt hatte und ihn abstaubte, wollte sie doch ihre Augen derweil nicht müßig lassen, sah die Kellerwand empor und erblickte nach vielem Hin- und Herschauen ein altes Wespennest in einer staubigen Ecke. Da fing die kluge Chantal an zu weinen und sprach: „Wenn ich den Kevin kriege und wir kriegen ein Kind, und das hat eine Wespenallergie, und wir schicken das Kind in den Keller, dass es hier Sekt holen soll, so sticht es eine Wespe, es bekommt einen anaphylaktischen Schock und fällt tot um“. So weinte und klagte sie aus Leibeskräften und schrieb zwischendurch ihrer BFF schnell eine SMS über das kommende Unglück.

Kevin wartete oben in der Wohnung, aber Chantal kam nicht wieder. Dafür kam ihre beste Freundin, ging stracks in den Keller und fand sie auf dem Klapphockerchen mit dem Rotkäppchensekt sitzen und klagen. „Chantal, was heulst du?“, fragte die beste Freundin. „Ach“, antwortete Chantal, „soll ich nicht heulen? Wenn ich den Kevin kriege und wir kriegen ein Kind, und das hat eine Wespenallergie, und wir schicken das Kind in den Keller, dass es hier Rotkäppchensekt holen soll, so sticht es eine Wespe, es bekommt einen anaphylaktischen Schock und fällt tot um!“ Da sprach die Freundin: „Was bist du nur für eine kluge Chantal!“, setzte sich zu ihr, fing auch an zu heulen und twitterte zwischendurch die ganze Geschichte unter #Wespennest an alle ihre Follower.

Kevin saß oben in der Wohnung und wartete, aber weder Chantal noch ihre beste Freundin kamen aus dem Keller zurück, sondern bald stand ein ganzer Flashmob vor der Tür, und alle stürmten schnurstracks in den Keller und fanden Chantal und ihre beste Freundin heulend und wehklagend und heulten und klagten bald alle mit. Da nun gar niemand wiederkam, dachte sich Kevin endlich: „Nun, da muss ich wohl auch hinuntergehen und sehen, was passiert ist“. Als er in den Keller kam, sah er Chantal inmitten des Flashmobs sitzen und heulen, einer immer lauter als die andere, und er fragte: „Was geht denn hier ab?“ „Ach, lieber Kevin“, sprach Chantal, „wenn wir einander heiraten und haben ein Kind, und es ist groß, und wir schicken‘s vielleicht hierher, um Sekt zu holen, da kann es ja eine Wespe aus dem Wespennest da an der Wand stechen, und wenn es auf Wespenstiche allergisch ist, bekommt es einen anaphylaktischen Schock und wird tot umfallen!“ „Nun“, sprach Kevin, „mehr Verstand brauchen wir zwei echt nicht, und weil du eine so kluge Chantal bist, so will ich dich haben“, packte sie bei der Hand und nahm sie mit hinauf, und bald feierten sie Hochzeit mit dem ganzen Flashmob und stellten alle Hochzeitsfotos auf Facebook ein.

Bald nach der Hochzeit sprach Kevin zu Chantal: „Frau, du sollst ins Büro gehen, Geld für uns verdienen, und ich bleibe derweil zu Haus und wasche die Wäsche und spüle das Geschirr und gehe einkaufen, damit wir etwas zu Essen haben, wenn du am Abend nach Hause kommst“.  „Ja, mein lieber Kevin, genauso machen wir es“, sagte Chantal, zog ihr Business-Kostüm und ihre High Heels an und machte sich auf den Weg ins Büro. Auf dem Weg dorthin wollte sie sich noch einen Kaffee holen, es gab aber so viele Coffee Shops mit so viel Kaffee-Espresso-Cappuccino-Latte Macchiato-Sirup-Varianten, dass sie sich gar nicht entscheiden konnte und alle nacheinander ausprobierte. Als sie nun nach vielen Stunden ins Büro kam, fragte sie sich: „Soll ich nun erst die Post holen, oder erst die Kopien machen? Was tu ich?“ Aber weil sie so viel verschiedene Kaffees getrunken hatte, war sie ganz aufgeregt, ihr Kopf schwirrte ihr, das Herz pumperte, und sie kopierte nur unscharf und vergaß völlig die Post und schlief schließlich erschöpft vor ihrem PC ein.

Als es nun Abend wurde und das Abendessen bereits auf dem Tisch stand, die kluge Chantal aber immer noch nicht wiedergekommen war, ging Kevin und wollte nachsehen, was sie noch im Büro täte. Da fand er sie schlafend vor ihrem PC, und die Post war nicht geholt, und um sie herum lagen Berge von verwackelten Kopien. Da nahm sich Kevin ihr Handy, löschte ihren Facebook- und ihren Twitter-Account und alle Speed Dials ihrer BFFs und lud einen neuen Klingelton herunter; es war aber „Fifty ways to leave your lover“. Dann lief er zurück nach Hause und aß das Abendessen allein und spülte anschließend und räumte das Geschirr wieder an seine Stelle in die Küchenschränke.

Endlich, als es schon fast Mitternacht war, erwachte die kluge Chantal, aber als ihr Handy klingelte, erkannte sie den Klingelton nicht, und es klingelte immer weiter, „Fifty ways to leave your lover“. Da erschrak sie und wurde irre, ob sie auch wirklich die kluge Chantal wäre und sprach: „Bin ich‘s, oder bin ich‘s nicht?“ Sie versuchte ihren Facebook-Account aufzurufen, aber es gab kein Profil mit Hochzeitsfotos mehr, und sie konnte ihrer BFF auch keine SMS mehr schicken, weil die Speed Dials alle gelöscht waren. Da erschrak sie noch mehr und dachte: „Ach Gott, dann bin ich‘s nicht!“ Und sie durchgoogelte das ganze große Internet und konnte die kluge Chantal nicht mehr finden. Da verschwand sie für alle Zeiten und ward nie mehr gesurft und gegoogelt, und ihre Daten schlummern nur noch in der großen dunklen Datenbank der NSA in der Wüste, wo sie nie mehr herauskommen.


Die drei Schwestern

Es war eine Frau, die hatte drei Töchter und weiter kein Vermögen als ein großes Mietshaus mit vielen Wohnungen in allerbester Lage und mit einem wunderschönen Penthouse mit Dachgarten oben darauf, in dem sie wohnte. Nun hätte jede der Töchter nach ihrem Tod gern das Haus gehabt, die Mutter liebte sie aber alle gleich; und verkaufen wollte sie das Haus auch nicht, weil der Immobilienmarkt gerade schlecht war und man viel Geld verloren hätte und sie das wunderschöne Penthouse so gern mochten. Da kam ihr endlich eine Idee, als sie einmal in einem alten Märchenbuch blätterte, und sie sagte zu ihren drei Mädels: „Geht aus eurem Facebook hinaus und in die wirkliche Welt dort unten, und versucht euch, und jede von euch soll etwas lernen. Und in drei Jahren treffen wir uns wieder, genau hier, und die, die dann das beste Kunststück macht, die soll das Mietshaus mit dem wunderschönen Penthouse darauf erben!“

Das fanden die Mädels voll cool. Und die älteste wollte Flugzeugmechanikerin werden, die zweite Friseuse, die dritte aber wollte Tai-Chi lernen. So zogen sie hinaus aus dem Penthouse und ihren Facebook-Accounts in die Welt und gingen bei tüchtigen Meisterinnen in die Lehre. Die älteste lernte in einer Rüstungsschmiede, wie man die modernsten Kampfjets repariert und dachte: Damit werde ich das Haus im Flug erobern! Die zweite frisierte die berühmtesten Models für ihre Auftritte und meinte: Damit habe ich ganz sicher das Glück beim Schopf gepackt! Die dritte schließlich unterrichtete unermüdlich Tai-Chi in Seniorenheimen und blieb tiefenentspannt trotz aller Ungeschicklichkeiten und Todesfälle, weil sie dachte: Wenn ich mich auch noch verkrampfe, bekomme ich das Haus ganz bestimmt nicht!

Als nun die drei Jahre um waren, trafen sie sich alle wieder im Penthouse und berieten darüber, wie sie nun ihre Künste zeigen sollten. Da flog eine Wespe genau auf ihre alte Mutter zu, die auf Wespen allergisch war. Die Flugzeugmechanikerin steuerte eine winzige Drohne millimetergenau auf die böse Wespe und machte sie damit kampfunfähig. „Du hast mir das Leben gerettet“, rief die Mutter, „dafür hast du ganz sicher das Haus verdient!“ Derweil strich die alte, schon etwas räudige Hauskatze um ihre Beine, und die Friseuse scherte ihr blitzschnell einen feschen Irokesenschnitt und färbte ihn noch dazu lila, so dass die Katze wieder ganz jung aussah. „Das ist noch besser“, rief die Mutter erfreut, „vielleicht sollte ich das Haus doch besser dir geben!“ „Nun sollst du aber auch sehen, was ich kann!“, sprach die dritte Tochter. Und weil es der Klimakatastrophe wegen schrecklich heiß im Dachgarten vor dem Penthouse war, ließ sie ihren zierlichen Tai-Chi-Fächer so flink um sie alle kreisen, dass immer ein kühler Luftzug wehte und sie die drückende Hitze gar nicht mehr merkten. „Das ist das allerbeste Kunststück!“, rief die Mutter, „das Penthouse mit dem ganzen Mietshaus ist dein!“

Die beiden anderen Schwestern aber waren es zufrieden, weil sie alle von der Mutter nett gelobt worden waren. Und die Gewinnerin machte aus dem alten Mietshaus ein Niedrig-Energie-Mehrgenerationenhaus, in dem sie alle mit ihren Lebensabschnittspartnern und Patchworkfamilien und der Hauskatze und dem Haushund und allen sonstigen Viechereien unterkamen (die Wespen aber mussten draußen bleiben). Und sie arbeiteten alle drei fleißig weiter in ihren Berufen und wurden reich und immer reicher und spendeten viel Geld an Greenpeace, den Tierschutzverein und die örtliche Volkshochschule. Und als die erste Schwester im hohen Alter dement wurde, verloren die beiden anderen Schwestern aus Solidarität auch ihren Verstand, und sie lebten vergnügt und ohne Verstand und unterstützt von vielen geduldigen Pflegerinnen im Mehrgenerationenhaus weiter, bis sie gemeinsam unter ihrer wunderschönen Palme im Friedwald begraben wurden, wo die Mutter und die Katze und alle anderen Viechereien schon auf sie warteten.


Die drei Finanzgenies

Es war ein Unternehmer, der hatte drei Söhne und eine großes weltumspannendes Firmenimperium, das er ganz allein beherrschte. Nun hätte jeder der Söhne nach seinem Tod gern das Firmenimperium geerbt, aber dem Vater war einer so lieb als der andere, und wenn er das Firmenimperium geteilt hätte, hätte er viel Geld verloren und hohe Steuern zahlen müssen. Da überlegt er hin und her, wie er es steuerfrei und kostenneutral und am besten noch profitabel machen sollte, bis ihm endlich eine Idee kam. Und er rief seine Kinder zusammen und sprach zu ihnen: „Geht hinaus in die Finanzwelt, und jeder lerne selbst das Geldverdienen; und wenn ihr dann in einem Jahr wiederkommt, bekommt der meine Firma, der am schnellsten am meisten Geld verdienen kann!“

Die Geschwister waren es zufrieden und zogen ihre besten Anzüge an und gingen hinaus in die globalen Finanzmärkte. Der älteste lernte den Aktienhandel an der größten Börse der Welt und dachte: Damit packe ich den Bullen bei den Hörnern! Der zweite wurde Immobilienmakler und gentrifizierte chinesische Mega-Towns; damit, so meinte er, sei sein Haus ganz sicher bestellt. Der dritte schließlich spezialisierte sich auf den Kunsthandel, entdeckte an jeder Straßenecke neue Talente und macht ihre Werke zu den begehrtesten Spekulationsobjekten der Superreichen; und er dachte dabei: Geldverdienen ist wirklich keine große Kunst!

Als sie sich nach einem Jahr wieder trafen, überlegten sie, wie nun eine Entscheidung darüber getroffen werden sollte, wer am schnellsten am meisten Geld verdienen könne. Aber während sie noch beratschlagten, zückte der Älteste schon sein Laptop, tippte blitzschnell etwas ein und sagte dann: „Ich habe gerade im Sekundenhandel eine Million in einer Minute verdient!“ Der Vater war beeindruckt und sagte: „Das ging ja schnell, da müssen deine Geschwister sich aber anstrengen!“ Während dessen kamen einige Direktoren der Firma vorbei, und der zweite Sohn ging auf sie zu und verkaufte ihnen in drei Minuten Anteile an einem milliardenschweren Anlageprojekt für gekühlte Fußballstadien in Saudi-Arabien. „Meine Provisionen müssen zwar erst überwiesen werden“, sagte er dann zu seinem Vater, „aber ich habe das Geld genauso schnell verdient, und es ist sogar noch mehr!“ Der Vater lobte ihn und sprach: „Und wenn meine Direktoren dafür weniger Steuern zahlen müssen, ist das natürlich noch besser!“ Der dritte aber, der Kunsthändler, hatte derweil ein kleines Mädchen entdeckt, das eifrig wilde Strichmännchen in die Fotos auf seinem Smartphone hineinkritzelte (sie sah auch ganz niedlich aus). Er hatte Bilder von den bekritzelten Fotos samt der niedlichen Künstlerin auf YouTube gestellt, und schon nach wenigen Sekunden war das Video viral geworden, und alle wollten ihre Werke kaufen und ausstellen und vermarkten und T-Shirts mit ihnen bedrucken und einen Film davon machen. Da rief der Vater aus: „Das ist das größte Kunststück, ganz sicher! Du wirst mein Firmenimperium erben!“

Die anderen waren es zufrieden, weil sie alle nett gelobt worden waren. Und der Gewinner wurde der CEO, die anderen beiden aber saßen im Aufsichtsrat, und zusammen verdienten sie bergeweise Geld und wurden mega-super-reich und kauften ein paar kleine Staaten und ein paar mittelgroße Inseln und flogen zusammen nicht nur durch die ganze Welt, sondern sogar bis zum Mond. Und als der erste sich einfrieren ließ, um unsterblich zu werden, da investierten auch die anderen beiden ihr Geld in die Kryonik-Firma und in den Bau einer Luxus-Weltraumstation auf dem schönen roten Mars. Und sie ließen sich einfrieren, und wenn sie nicht aufgetaut wurden, schlafen sie heute noch in ihren glitzernden Kühlschränken.

 

Des Politikers neuer Bahnhof 

Vor gar nicht vielen Jahren lebte ein Landespolitiker, der war so verliebt in Großbauprojekte, dass er alles Steuergeld dafür ausgab und Tag und Nacht an nichts anderes denken konnte. Er kümmerte sich nicht um die Schulen und nicht um die Straßen, nicht um die Finanzen und nicht um die Kultur, er ging nicht ins Parlament und nicht zu den Kabinettssitzungen, sondern schrieb einen Wettbewerb nach dem anderen aus und wälzte Pläne und studierte Modelle und wollte immer nur bauen, bauen, bauen.

Eines Tages kamen zwei Manager zu ihm und versprachen, sie könnten ihm einen unterirdischen Großbahnhof in seiner Hauptstadt bauen, der der modernste aller Zeiten sein würde. Es würden mehr Züge in alle Welt fahren, sie würden noch schneller daher rasen, es werde nie mehr Verspätungen oder Anschlussprobleme geben, und auf den oberirdisch frei werdenden Flächen werde man die tollsten Shopping Malls und die teuersten Bürogebäude bauen und vor allem verkaufen können. Allerdings seien ihre Pläne und Modelle sehr kompliziert, und deshalb sei es ganz normal, dass diejenigen, die nichts von Politik verstünden oder unverzeihlich dumm wären, sie niemals verstehen würden.

Das wäre ja ein Superprojekt, dachte der Landespolitiker, dann könnte ich endlich all die Pfeifen im Landtag, die immer gegen meine Projekte sind, als politische Nullen entlarven und hätte gleichzeitig den besten Bahnhof aller Zeiten! Deshalb gab er den beiden Projektmanagern alles Geld, das sie für ihre sehr komplizierten Planungen und Modelle verlangten, auch wenn er dafür noch weitere Schulden machen und ein paar Landesunternehmen verkaufen musste. Sie richteten sich auch ein schickes Büro in bester Lage ein, wo sie über riesigen Plänen brüteten, wenn sie nicht gerade unterwegs waren, um mit wichtigen Verhandlungspartnern in aller Welt Kontrakte zu schließen.

Die Jahre gingen ins Land und es standen wieder einmal Wahlen an, da dachte der Landespolitiker: Ich muss doch endlich einmal wissen, wie weit sie eigentlich sind mit meinem Projekt! Aber bei dem Gedanken, er könne vielleicht die riesigen Pläne und komplizierten Modelle und Hunderte von Seiten langen Gutachten nicht verstehen, wurde ihm etwas unbehaglich, obwohl er sonst nicht gerade an mangelndem Selbstvertrauen litt. Deshalb schickte er seinen Verkehrsminister; der muss doch, dachte er, etwas von der Sache verstehen, auch wenn er von Beruf eigentlich nur Kommunikationsdesigner war.

So ging der Verkehrsminister in das schicke Büro und beugte sich über die riesigen Pläne und studierte die Gutachten und besah die Modelle. Aber je mehr er las und schaute und weiter las und nochmal schaute, desto weniger konnte er den Sinn des Projektes einsehen. Das darf doch nicht wahr sein, dachte er, ich habe doch immerhin in der Politik Karriere gemacht, obwohl ich außer Kommunikationsdesign nichts Ordentliches gelernt habe, und jetzt soll ich unverzeihlich dumm sein? Aber die Projektmanager redeten immer weiter auf ihn ein und zeigten auf die Modelle, die recht schön und glänzend aussahen, so dass der Verkehrsminister endlich selbst in Lobeshymnen ausbrach und rief: „Das ist ja genial! Ich sehe die Züge schon flitzen! Und all die schönen neuen Shopping Malls mit den glücklichen Verbrauchern! Das wird die Wirtschaft ankurbeln, und wir werden alle wiedergewählt werden! Ich werde unserem Landesvater gleich berichten!“ Aber erst, so sagten die Projektmanager, bräuchten sie noch ein wenig mehr Geld, auf die eine oder andere Million komme es schließlich nicht mehr an bei einer so guten Sache, dann werde schon bald alles fertig geplant und noch vor der Wahl startklar sein.

Natürlich bekamen sie das Geld, und sie reisten weiter in alle Welt, und die Pläne wuchsen, aber die Wahl rückte immer näher und der Landespolitiker wurde immer nervöser. Deshalb schickte er nun seinen Finanzminister zu einem Besuch; der werde sich schon auskennen mit all den komplizierten Berechnungen, dachte er sich, schließlich schaffte er es auch regelmäßig, einen Haushalt durchs Parlament zu bringen, dessen Berechnungen nur durch Wunder zu erklären waren. Der Finanzminister ging in das schicke Büro und ließ sich alle Materialien und Gutachten und Modelle vorführen und dachte bei sich: Jetzt haben sie mich erwischt. Nichts verstehe ich davon, rein gar nichts, noch weniger als von diesen Haushaltsplänen, falls das überhaupt möglich ist. Nein, das darf keiner jemals erfahren! Und so lobte er die solide Planung und den erstaunlichen Projektfortschritt und die visionäre Gestaltung und versicherte den beiden Projektmanagern, das Land werde ihnen ewig dankbar sein und sie zu Ehrenbürgern erster Klasse ernennen und ihnen noch eine dicke Erfolgsprämie obendrauf auszahlen.

Nun sollte wenige Wochen vor der Wahl das Projekt erstmals öffentlich präsentiert werden, samt aller Gutachten und Pläne. Und der Landesvater selbst enthüllte es in einer Feierstunde in der altehrwürdigen großen Halle des alten Kopfbahnhofes vor politischen Ehrengästen und der internationalen Presse und einigen ausgesuchten Bürgern, darunter auch alten Eisenbahnern. Doch während der Politiker noch von der glänzenden Zukunft des neuen Bahnstandortes und seinem ewigen Ruhm als vorausschauender Landesvater redete, noch während die Kameras blitzten und alle etwas verwirrt die großen Tafeln mit den vielen Zahlen studierten, rief einer der alten Eisenbahner: „Aber es hat ja nur halb so viel Gleise wie der alte Bahnhof, wie sollen denn da doppelt so viele Züge fahren?“ Und seine Frau, die neben ihm stand, rief: „Die Bahnsteige gehen ja alle bergab, da rollen mir meine Rollkoffer weg!“ Und ein Feuerwehrmann rief: „Das hat nur zwei Treppenhäuser und viel zu wenig Rolltreppen und Fahrstühle, wie um Himmelswillen sollen denn die Leute rauskommen, wenn es brennt?“ Und seine Frau rief: „Rolltreppen sind sowieso immer kaputt, das ist doch jetzt schon so, soll ich dann mit meinem kaputten Knie etwa Treppen laufen? Denkt eigentlich keiner an die alten Leute?“ Und ein besonders erfahrener Vielfahrer – er trug seine Bahn Card 100 stolz um den Hals – rief: „Was nutzt es mir schon, acht Minuten schneller am Ziel zu sein, wenn die Züge heute schon alle fünf Minuten wegen irgendwelcher technischer Defekte ausfallen und ich sowieso jeden dritten Anschluss verpasse?“ Und seine Tochter rief: „Noch eine Shopping Mall! Wir haben doch gerade erst zwei neue bekommen in der Stadt, ich kann doch nicht noch mehr Klamotten kaufen, auch wenn es noch so gut für die Wirtschaft ist!“ 

Und nun riefen alle Bürger durcheinander: „Und es ist ja doppelt und dreifach so teuer, wie ihr anfangs gesagt habt! Wer soll denn das bezahlen? Wir haben doch jetzt schon kein Geld für Schulen und Straßen!“ „Und all die Umleitungen und Verspätungen während der Bauzeit! An uns arme Pendler denkt wieder keiner! Wie wäre es mit einer funktionierenden S-Bahn?“ Und ein kleines Kind rief mit seiner hohen Kinderstimme dazwischen: „Wozu brauchen wir eigentlich einen neuen Bahnhof, wir haben doch schon einen ganz schönen?“ Der Landesvater aber biss die Zähne zusammen und lächelte in die Kameras und dachte: Nun muss ich aushalten, aber sie vergessen es ja sowieso gleich wieder, am Ende wählen sie mich trotzdem, und bis der Bahnhof jemals fertig wird, bin ich schon lange tot!


Aprimezi 

 

Es waren einmal zwei lesbische Frauen, die lebten in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft und hatten sich schon lange ein Kind gewünscht, aber nie einen passenden Samenspender gefunden. Endlich fanden sie jemand, der ihnen gefiel und der auch zur Samenspende bereit war, und die eine Frau wurde bald darauf schwanger. Neben dem Bio-Bauernhof, auf dem sie lebten, stand aber ein genetisches Versuchslabor, das züchtete neue Obstsorten. Und als die schwangere Frau eines Tages am Zaun stand, sah sie wunderschöne Früchte an einem Baum, die sahen aus wie melonengroße Aprikosen und rochen nach Zitronen, und sie wurde so lüstern danach, dass sie elend wurde und nicht mehr ihre vegane Schwangerschaftsdiät essen wollte und nicht mehr ihre Schwangerschaftsgymnastik machte und nicht mehr zur Geburtsvorbereitung bei der Hebamme im Geburtshaus ging. Ihre Partnerin erschrak darüber sehr, und da sie sie sehr liebte, dachte sie, es mag kosten, was es will, so will ich ihr doch welche von diesen Früchten schaffen. Und so brach sie eines Abends in das Versuchslabor ein und stahl einige Früchte und brachte sie ihrer Lebenspartnerin. Die mundeten der aber so gut, dass sie den andern Tag noch dreimal mehr Lust darauf hatte. Die Partnerin, die wohl sah, dass sie keine Ruhe bekäme, brach am nächsten Abend wieder ein, allein der Sicherheitsdienst hatte sie diesmal gesehen und den Laborleiter herbeigerufen, der ihr mit Festnahme und Anklage drohte. Die Partnerin entschuldigte sich, so gut sie konnte, mit der Schwangerschaft ihrer Lebensgefährtin, und wie gefährlich es für das Kind sei, wenn die Mutter nicht mehr ihre Schwangerschaftsgymnastik mache und zur Geburtsvorbereitung gehe. Schließlich ließ sich der Laborleiter erweichen und sprach: „Ich will dir so viel Aprimezis (denn so hießen die neu gezüchteten Früchte) geben, wie du willst, aber wenn das Kind ein Mädchen wird und herangewachsen ist, soll es bei uns zur Ausbildung kommen, wir haben viel zu wenig Auszubildende und können unsere Frauenquote nicht erfüllen, obwohl wir schon einmal im Monat einen Girl’s Day machen!“ In ihrer Angst sagte die Frau alles zu, und wenige Monate später wurde ein kleines Mädchen geboren, das die beiden Lebenspartnerinnen Aprimezi nannten und nach dem Schulabschluss ins Versuchslabor zur Ausbildung gaben.

So ging nun Aprimezi in das Versuchslabor zur Arbeit. Weil sie aber so klug war (denn die genmanipulierten Früchte enthielten einen geheimen Wirkstoff, durch den man klüger wurde und sich auch mehr für Naturwissenschaften interessierte), musste sie Tag und Nacht arbeiten. Und der Laborleiter ließ sie das Versuchsgelände nicht mehr verlassen, sondern sperrte sie in ihr Büro, das eine elektronische Türsperre hatte, und das Passwort wusste nur der Laborleiter. Bei den wöchentlichen Meetings sah sie jedoch ein junger Kollege und verliebte sich unsterblich in die kluge und schöne Aprimezi; er durfte aber ihr Büro nie betreten und sah nur gelegentlich, wie der Laborleiter dort verschwand. Da er sich aber gut mit Computern auskannte, hackte er den Rechner seines Chefs und fand das Passwort heraus, mit dem sich die Tür zu Aprimezis Büro öffnen ließ; es hieß ganz einfach „13ApriMezi?!“. Zuerst erschrak Aprimezi sehr, als ihr Kollege plötzlich zum ersten Mal in ihrem Büro stand, aber sie mochten die gleichen Computerspiele und waren beide eigentlich gegen genmanipulierte Pflanzen und kamen sich dadurch bald näher. So lebten sie einige Zeit lustig und in Freuden und entwickelten schließlich gemeinsam einen Computer-Virus, der die Datenbank des Versuchslabors infiltrierte und alle DNA-Analysen zerstörte.

Dadurch kam ihnen aber der Laborleiter auf die Schliche, und er verbannte Aprimezi in ein Geheimprojekt seiner Firma am anderen Ende der Welt. Ihr Kollege aber wurde ohne Pensionsanspruch gekündigt und ohne Laptop und Handy entlassen, und alle seine Patente wurden ihm entzogen, und er wurde als Bio-Terrorist bei der NSA denunziert. So musste er fliehen und irrte verzweifelt durch die digitale Wildnis jenseits des Netzes, bis er schließlich im DeepNet Zuflucht fand. Dort entdeckte er bald Aprimezi wieder, und gemeinsam hackten sie auch die NSA-Datenbank und verschafften sich blütenweiße neue Identitäten und begannen ein neues Leben. Fortan züchteten sie nicht-genmanipulierte, fairtrade-zertifizierte Bio-Aprikosen und Bio-Melonen und Bio-Zitronen und bekamen die klügsten und schönsten Kinder der Welt, ganz ohne Bio-Enhancement. 

 

Frau Plitschplatsch 

Ein Witwer hatte zwei Söhne, davon war der eine hübsch und fleißig und der andere hässlich und faul. Er hatte aber den hässlichen und faulen Sohn viel lieber, und der andere musste alle Arbeit tun und war recht der Peterputzi im Haus.

Einmal war der Junge geschickt worden, große Säcke voll Altglas zum Wertstoff-Container zu bringen, und als er sich tief darüber bückte, um die Weinflaschen ordentlich einzuwerfen, damit keine Scherben daneben fielen, da fiel er selbst hinein. Als er erwachte und wieder zu sich selber kam, da war er auf einer einsamen Insel an einem Traumstrand, und die Sonne schien und die Kokospalmen wiegten sich in einer leichten Brise. Er stand auf und ging los, da rief eine Kokospalme ihm zu: „Ach, schüttel mich, die Kokosnüsse sind so schwer, ich kann sie gar nicht mehr tragen!“ Da schüttelte er die Palmen, dass die Kokosnüsse alle zu Boden fielen, und die Palme wiegte sich befreit im Wind. Danach ging er weiter am Strand entlang, da traf er auf einen Delphin, der war am Ufer gestrandet, und er rief ihm zu: „Schieb mich schnell ins Wasser zurück, die Sonne ist so heiß, ich muss sonst elendig verbrennen!“ Da begoss er den Delphin flugs mit Wasser und schob ihn dann schnell in die sanften türkisblauen Wellen zurück, und er sprang befreit davon. Endlich kam er zu einer kleinen Bambushütte, da guckte eine ganz schwarze alte Frau heraus, und er fürchtete sich zunächst vor ihr und wollte fort-laufen, sie rief ihm aber nach: „Fürchte dich nicht, liebes Kind, bleib bei mir, wenn du alle Arbeit in meiner Hütte ordentlich tust, so soll es dir gut gehen; nur musst du recht darauf achten, dass du meine Blumen reichlich gießt, denn wenn du die Gießkanne auf sie schüttest, regnet es in der Welt, ich bin die Frau Plitschplatsch!“ Weil die alte Frau so gut zu ihm sprach, willigte der Junge ein und besorgte auch alles zu ihrer Zufriedenheit und goss die Blumen reichlich aus der Gießkanne. Und er hatte dafür auch ein gutes Leben bei ihr, und alle Tage Kokosmilch und Meeresfrüchte.

Nach einiger Zeit ward er jedoch traurig in seinem Herzen, obgleich es ihm viel tausendmal besser ging als zuhause, aber er hatte doch Heimweh. Endlich sagte er zu Frau Plitschplatsch: „Ich habe solches Heimweh, auch wenn es mir hier wie im Märchen geht, ich muss doch zurück nach Hause“. Die Frau Plitschplatsch sagte: „Da hast du freilich Recht, und weil du mir so gut gedient hast, so will ich dich selbst dorthin geleiten“. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn zu einem Flugplatz und passierte mit ihm die Zollschranke und die Sicherheitskontrollen und gab ihm danach einen dicken Koffer voller Geldscheine. „Das sollst du mitnehmen, weil du so fleißig gewesen bist“, sagte Frau Plitschplatsch. Und der Junge ging heim zu seinem Vater und wurde gut aufgenommen, weil er so viel Geld mitbrachte; er war aber inzwischen volljährig geworden und spendete das ganze Geld für den Erhalt des Regenwaldes.

Als der Vater gehört hatte, wie der Junge zu seinem Reichtum gekommen war, wollte er auch dem hässlichen und faulen Sohn, seinem Liebling, gern dasselbe Glück verschaffen, deshalb musste er sich auch in den Altglascontainer stürzen. Er erwachte wie sein Bruder auf dem Traumstrand der einsamen Insel, und als er sich auf den Weg machte, rief die Kokospalme wieder: „Ach, schüttel mich, die Kokosnüsse sind so schwer, ich kann sie gar nicht mehr tragen!“ Der Faule aber antwortete: „Du kommst mir gerade recht, da würden mir die Kokosnüsse noch auf den Kopf fallen und meine Frisur zerstören!“, und ging weiter und die Kokospalme stöhnte weiter unter ihrer Last. Bald kam er zu dem gestrandeten Delphin, und der rief wieder: „Trag mich schnell ins Wasser zurück, die Sonne ist so heiß, ich muss sonst elendig verbrennen!“ Er antwortete aber: „Da würde ich mir ja die guten Marken-Turnschuhe nassmachen, vergiss es, ruf doch bei Greenpeace an!“ Als er dann zu Frau Plitschplatsch kam, fürchtete er sich nicht vor ihrem schwarzen Gesicht, weil er ja davon schon gehört hatte, und trat gleich in ihre Dienste. Am ersten Tag tat er sich Gewalt an und goss wacker die Blumen aus der Gießkanne, denn er dachte an den Koffer voller Geldscheine, den er bekommen würde. Am zweiten Tag aber begann er schon etwas zu faulenzen, am dritten wollte er morgens nicht mehr aufstehen und Blumen gießen schon gar nicht. Das ward die Frau Plitschplasch bald müde und sagte dem Faulen den Dienst auf. Der war es wohl zufrieden und meinte, jetzt würde er seinen Geldkoffer bekommen. Die Frau Plitschplatsch führte ihn auch hin zu dem Flughafen und gab ihm vor der Zollabfertigung einen prall gefüllten Koffer, aber als die Zollbeamten ihn öffneten, war er von oben bis unten voll Falschgeld, und er wurde verhaftet. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste“, rief die Frau Plitschplatsch ihm hinterher, und er kam ins Gefängnis, wo er zur Strafe jeden Abend den Anstaltsgarten gießen musste und tagsüber Spenden sammeln für den Erhalt des Regenwaldes.

 

 

Die Lebenszeit: Intelligent Design


Als der Große Ingenieur alle Produkte erschaffen hatte und ihnen ihre Funktionszeit bestimmen sollte, kam das Wohnhaus und fragte: „Großer Ingenieur, wie lange soll ich halten?“ „Zwanzig Jahre“, sagte der Große Ingenieur, „ist dir das Recht?“ „Ach Ingenieur“, erwiderte das Haus, „das ist eine lange Zeit. Ich wurde mit minderwertigen Materialien von Schwarzarbeitern gebaut; ständig ziehen neue Mieter ein, ich werde nicht geputzt und gepflegt und repariert, sondern alles geht kaputt und verfällt. Erlass mir einen Teil der langen Zeit!“ Da erbarmte sich der Große Ingenieur und schenkte ihm zehn Jahre. Das Haus verschwand, und das Auto erschien. „Wie lange willst du funktionieren?“, fragte es der Große Ingenieur, „dem Haus waren zwanzig Jahre zu viel, ich habe ihm zehn erlassen, wirst du wenigstens zehn Jahre halten?“ „Großer Ingenieur“, sprach das Auto, „ist das wirklich dein Ernst? Bedenke nicht nur, wie viel ich fahren muss; bedenke auch die viele Zeit, die ich in stinkenden Staus zubringen muss, bedenke die vielen Schlaglöcher und kaputten Brücken, und bei all dem muss ich auch noch ewig das nörgelnde Navi und die Streitereien von Fahrer und Beifahrerin anhören!“ Der Ingenieur sah ein, dass das Auto Recht hatte, und erließ ihm fünf Jahre. Darauf kam das Fernsehgerät. „Du aber willst doch wenigstens fünf Jahre halten?“, sprach der Ingenieur zu ihm, „du bringst doch so viel Freude und Abwechslung ins Leben der Menschen?“ „Von wegen“, sprach der Fernseher, „ich muss immer mehr Blödsinn senden, entweder Soap Operas oder Talkshows oder Verkaufssendungen in der Endlosschleife, da ist ja "Bernd das Brot" noch besser! Das halte ich allerhöchstens zwei Jahre aus“. Der Große Ingenieur war gnädig und schenkte ihm drei Jahre. Schließlich kam das Handy, und der Große Ingenieur fragte: „Dein Display sieht doch immer ganz neu und bunt aus, willst du auch nur zwei Jahre laufen?“ „Ingenieur“, sagte das Handy, „ich bin immer im Dienst, und wenn ich nicht laufe, dann hänge ich am Akku und werde geladen; aber niemals bekomme ich eine Pause, ich muss jeden abgefahrenen Schwachsinn übertragen, den sich die Leute erzählen und simsen und twittern, alle fünf Minuten einen neuen Klingelton lernen, und seit neuestens wollen auch noch alle möglichen Leute mithören dabei!“ „Na gut“, sagte der Große Ingenieur, „aber ein halbes Jahr sollte es schon sein!“

Endlich erschien der Verbraucher, hatte ein gut gefülltes Bankkonto und viele Wünsche und bat Gott, ihm seine Konsumzeit zu bestimmen. „Vierzig Jahre sollst du einkaufen“, sagte der Ingenieur, „ist dir das genug?“ „Aber nie und nimmer!“, rief der Verbraucher, „wenn ich gerade erst das Allernötigste gekauft habe, und dann das Nötigste, und dann all das, was ich vielleicht einmal brauchen könnte, und danach das ein wenig Überflüssige und am Ende das Allerunnötigste, weil es doch der Nachbar auch hat und es drei-für-eins im Sonderangebot gab, dann soll ich schon aufhören mit Einkaufen?“ „Ich will dir die zehn Jahre des Hauses zulegen“, sprach der Große Ingenieur. „Nicht genug“, erwiderte der Konsument. „Du sollst auch noch die fünf Jahre des Autos bekommen“, bot der Ingenieur an. „Immer noch nicht“. „Na gut“, sagte der Ingenieur, „dann packen wir die drei Jahre des Fernsehgeräts dazu“. „Vielleicht noch ein wenig mehr?“, verhandelte der Konsument. „Dann eben noch ein halbes Jahr vom Handy!“ Der Konsument schlug zähneknirschend ein, war aber nicht zufrieden.

 

 

Also kauft der Konsument beinahe sechzig Jahre. In den ersten vierzig hat er genug Geld und Wünsche, und sie gehen schnell dahin. Auf sie folgen die zehn Jahre des Hauses: Die Fassade bröckelt und er braucht viele teure Reparaturen. Dann kommen die fünf Jahre des Autos: Er kommt nur noch stotternd voran, muss ständig in die Werkstatt und nörgelt immer mehr. Danach sind die drei Jahre des Fernsehgeräts an der Reihe: Er guckt nur noch in die Glotze, fällt auf jede Werbung herein und plappert jeden Unsinn nach. Den Schluss macht das halbe Jahr des Handys: Obwohl er ständig müde ist, kann er nicht mehr schlafen, bis sein Akku schließlich ganz leer ist.


Die Lebenszeit: Kunststücke

Als der Große Schöpfer die Künste geschaffen hatte und nun den Kunstwerken ihre symbolische Halbwertszeit bestimmen sollte, kam das Architektenhaus und fragte: „Großer Schöpfer, wie lange soll ich schön sein und auf die Menschen wirken?“ „Fünfzig Jahre“, antwortete der Große Schöpfer, „ist dir das Recht?“ „Ach Großer Schöpfer“, sagte das Architektenhaus, „das ist eine sehr lange Zeit! Keiner hat sich beim Bau an die schönen Pläne des Architekten gehalten, ich wurde von Schwarzarbeitern dahingepfuscht und alle sind mir böse, weil ich am Ende dreimal so viel gekostet habe, wie am Anfang veranschlagt. Die Jugendlichen werden ihre grellen Graffitis auf meine weißen Mauern sprayen, und schließlich komme ich aus der Mode. Erlass mir einen Teil der Zeit!“ Da erbarmte sich der Große Schöpfer und schenkte ihm zwanzig Jahre. Das Architektenhaus verschwand getröstet, und es erschien die Oper. „Wie lange willst du nun schön sein und wirken?“, fragte der Große Schöpfer, „ich habe dem Architektenhaus zwanzig Jahre erlassen, so lange wirst du doch die Menschen erfreuen wollen, oder?“ „Großer Schöpfer“, sagte die Oper, „das meinst du doch nicht ernst! All diese modernen Komponisten vergewaltigen die schönen alten Melodien, und die Opernhäuser werden sowieso bald geschlossen, weil diese Musicals mit all dem Gehüpfe und den halbnackten Darstellern voll im Trend sind!“ Der Große Schöpfer sah, dass die Oper Recht hatte, und erließ ihr zehn Jahre. Darauf kam das Gemälde. „Du willst doch bestimmt gern zehn Jahre schön sein und wirken“, sagte der Große Schöpfer zu ihm, „du hast es gut und trocken im Museum!“ „Von wegen“, antwortete das Gemälde, „wenn ich berühmt werde, hechele ich von Ausstellung zu Ausstellung rund um die Welt, und wenn nicht, vergammele ich im Speicher. Außerdem weiß ich selbst gar nicht, was ich darstellen soll, das macht mich echt fertig, die Maler haben heute alle so seltsame Ideen!“ Der Große Schöpfer war gnädig und schenkte auch ihm fünf Jahre. Schließlich kam der Roman, und der Große Schöpfer bot an: „Fünf Jahre, was meinst du? Geschichten hören die Leute doch immer gern!“ „Ja, Geschichten“, stöhnte der Roman, „aber ich erzähle schon lange keine Geschichten mehr, das ist völlig aus der Mode; und wenn, dann es sind immer welche mit Vampiren oder mit Sex oder am besten mit beidem. Und wie würdest du es finden, wenn jeder dahergelaufene Kritiker dich beschimpfen dürfte, ohne dich jemals gelesen zu haben? Mir reichen auch zwei Jahre!“ Und der Große Schöpfer hatte Verständnis und erließ ihm drei Jahre.

Endlich erschien der Kreative, hatte viele Ideen, war geschickt und interessierte sich für die Welt und bat den Großen Schöpfer, ihm seine Schaffenszeit zu bestimmen. „Dreißig Jahre sollst du kreativ sein“, bot ihm der Große Schöpfer an, „bist du damit zufrieden?“ „Das meinst du doch nicht ernst“, rief der Kreative, „ich muss ja erst zur Akademie gehen, dann muss ich den Kunstmarkt verstehen und meinen Agenten finden, dann muss ich mir die Medien gewogen machen, danach muss es einen Hype geben, und wenn ich endlich halbwegs berühmt bin und die ersten Preise gewonnen habe, soll ich schon wieder aufhören?“ „Na gut“, sagte der Große Schöpfer, „ich will dir die zwanzig Jahre des Baukunstwerks draufschlagen“. „Geht auch ein bisschen mehr?“, fragte der Kreative. „Du sollst auch die zehn Jahre der Oper bekommen!“ bot der Große Schöpfer an. „Alles schön und gut, aber echt nicht genug!“ „Ich gebe dir außerdem die fünf Jahre des Gemäldes“, gestand der Große Schöpfer zu. „Vielleicht noch eine Winzigkeit?“ „Zwei Jahre, vom Roman, aber das ist alles, was ich dir geben kann!“ „Na, geht doch“, sagte der Kreative und ging davon, war aber nicht zufrieden.

Also schafft der Kreative beinahe siebzig Jahre. In den ersten dreißig Jahren geht die Zeit schnell dahin, er hat genug Energie und kann viel Neues aufnehmen und schöne und bedeutende Werke für die Nachwelt schaffen. Hierauf folgen die Jahre des Architektenhauses; er beginnt ein wenig zu pfuschen, und seine Arbeiten sind zwar sehr teuer, aber ihr Geld nicht wert. Dann kommen die zehn Jahre der Oper: Seine Werke sind nur noch avant-gardistisch, keiner versteht sie mehr. Daran schließen sich die fünf Jahre des Gemäldes an: Er versteht jetzt auch selbst nicht mehr, was seine Werke eigentlich bedeuten. Und am Ende kommen die zwei Jahre des Romans: Er versucht sich beim Publikum durch Trivialitäten beliebt zu machen, wird aber von den Kritikern zu Tode gedemütigt.


Basar-Liese

Es war einmal eine Patchwork-Familie mit einem Mann und einer Frau und drei Töchtern. Der Vater hatte ein Start-Up-Unternehmen gegründet und war an der Börse reich geworden. Aber die Mutter, die die Idee für das Unternehmen gehabt hatte, hatte in den langen Nächten voller Arbeit ihre Schönheit verloren und sich schließlich zu Tode programmiert. Der Mann hatte kaum zwei CeBITs später seine Assistentin geheiratet. Sie lebten nun gemeinsam mit den zwei verzogenen Töchtern der Assistentin aus deren erster Ehe und der Tochter des Unternehmers namens Liese. Liese aber hatte lange um ihre Mutter getrauert, die sich die Fingernägel kaputt getippt und ihren Teint ruiniert hatte, aber immer noch ein lustiges Katzen-Video oder ein selbst geschriebenes Spielprogramm für ihre Tochter hatte (bei einem musste man auf Vögel schießen, und es wurde später sehr berühmt). Nun musste Liese den ganzen Haushalt machen, weil die Assistentin ihre langen künstlichen Fingernägel schonen wollte, während die beiden Stiefschwestern den lieben langen Tag auf ihren teuren Smartphones vor sich hin twitterten und daddelten. Und sie bekam auch keine Designerkleidung wie ihre beiden Stiefschwestern, sondern ihre Stiefmutter kaufte für sie gebrauchte Kleidung auf Kinderkleidungsbasaren billig zusammen, weil sie ja sowieso damit alle Küchenarbeit machen musste. Alle zogen sie deshalb auf und mobbten sie und riefen ihr auf der Straße „Basar-Liese“ hinterher.

Als der Vater nun zur dritten CeBIT aufbrach, fragte er seine drei Töchter, was er ihnen dieses Mal denn mitbringen sollte. Die beiden verzogenen Schwestern wollten die allerneuesten SmartWatches einer weltberühmten Markenfirma, mit denen man noch mehr twittern und daddeln konnte. Basar-Liese aber dachte an ihre Mutter und wünschte sich ein Buch, aus dem man das Programmieren lernen konnte. Der Vater brachte wie bestellt zwei funkelnagelneue SmartWatches mit, die die beiden Schwestern gleich allen ihren Freundinnen zeigten; Basar-Liese aber bekam ihr Computer-Buch und verbrachte seither alle Zeit, die sie zwischen Küchen- und Schularbeit aufsparen konnte, vor dem alten Computer ihrer Mutter und lernte Programmieren.

Es begab sich nun eines Tages, dass ein großes Casting für das „Next Fairy Tale Topmodel“ stattfinden sollte. Die beiden Schwestern bereiteten sich wochenlang vor, hungerten sich fast zu Tode, bestellten immer neue Designerkleidung und Designerschuhe und verbrachten mehr Zeit beim Friseur als in der Schule. Basar-Liese musste ihnen dabei helfen, für den Catwalk zu üben, ihre Haare jeden Tag mit 3fach-Vitamin-Glanz-Pflegespülung shampoonieren und ihre Fingernägel so lange polieren, bis man sich darin spiegeln konnte. Basar-Liese wäre auch gern zum Casting gegangen, aber die Schwestern lachten sie nur aus und sagten: „Ohne Designerschuhe lassen sie dich gar nicht herein! Und einen Facebook-Account hast du auch nicht, und nicht einmal einen ganz winzigen Follower!“ Und als der Tag gekommen war, schickten sie Basar-Liese auf den Hof und zeigten ihr ganze Säcke mit Müll, die sie in den letzten Wochen gesammelt hatten, und riefen höhnisch: „Wenn du das alles ordentlich getrennt hast – und wehe, du lässt die Plastikfolie am Wurstpapier! –, dann darfst du auch zum Casting mitgehen!“ Basar-Liese aber wusste, dass der vorher getrennte Müll sowieso zusammen auf die große Müllkippe gekippt wurde und der gelbe Punkt nur eine Erfindung der Recycling-Industrie war. Deshalb bestellte sie einfach an ihrem alten Computer eine Express-Sperrmüllabfuhr und trennte auch nicht die Plastikfolie vom Wurstpapier.

Aber die Schwestern ließen sie trotzdem nicht mitkommen, weil sie keine Designerschuhe hatte und auch kein Handy und keinen Facebook-Account und keine Follower. Da ging Basar-Liese heimlich wieder zu ihrem Computer, bestellte bei Zalando die schicksten Designerschuhe als Super-Express-Sofort-Lieferung und bezahlte mit den Gold-Kreditkarten der beiden Schwestern, deren Kontodaten sie gehackt hatte. Auch den Facebook-Account hatte sie schon lange eingerichtet, und Tausende von Followern lasen die bissigen Tweets von „Basar-Liese“ über ihre beiden zickigen Schwestern, die sie „Abercrombie“ und „Fitchie“ genannt hatte. So kam sie nur etwas zu spät zur ersten Runde, stolz spazierte sie mit ihren Manolo-Blahniks über den Catwalk, ihre Haare glänzten ganz ohne 3fach-Vitamin-Glanz-Pflegespülung, ihre Finger waren von dem vielen Spülwasser ganz weich geworden und ihre Retro-Second-Hand-Klamotten waren der absolute Hammer. Der schwule Produzent verliebte sich sofort in ihren „coolen Look“, auch ihre Follower stimmten alle für Basar-Liese, aber sie floh nach jeder Show wieder nach Hause zu ihrem Computer.

Nach der vorletzten Runde jedoch ließ sie in der Eile den kleinen goldenen USB-Stick fallen, den sie immer bei sich trug. Der schwule Produzent fand ihn und zeigte ihn vor der nächsten Runde im Schminkraum herum. Aber die meisten Models erkannten das komische kleine Ding gar nicht, nur Abercrombie kreischte: „Oh, das muss mein Ohrring sein“ und versuchte, sich ihn ans Ohr zu hängen, aber er fiel gleich wieder herunter. Da riss ihn Fitchie an sich und schrie: „Das ist doch mein neues Mini-Handy!“, aber als sie keinen Einschaltknopf fand und auch kein Display, lachten sie alle aus und sie wurde ganz rot unter ihrem zentimeterdicken Make-Up. Basar-Liese aber saß wie immer auf dem Hinterhof und las ihr Programmierbuch. Und als der schwule Produzent seine heimliche Rauchpause machte, sah er Basar-Liese, und sie fragte: „Hast du vielleicht meinen goldenen USB-Stick gesehen?“ Da erkannte er sein nächstes Topmodel, sie gingen schnurstracks in sein Büro und Basar-Liese unterzeichnete den Millionen-Dollar-Vertrag, den er für ihre Model-Karriere mit den berühmtesten Designern der Welt für sie aufgesetzt hatte (aber erst, nachdem sie ihn gründlich gelesen und von Spezialisten im Internet hatte überprüfen lassen). 

Die beiden Schwestern wurden vor lauter Ärger und Frust magersüchtig und handyabhängig, und immer wenn sie ihre Schwester im Fernsehen auf irgendeinem berühmten Catwalk laufen sahen, fingen sie an, sich gegenseitig die Haare auszureißen, solange, bis sie keine mehr hatten. Basar-Liese aber gründete von ihren Model-Millionen selbst ein Start-Up-Unternehmen, eine Tauschbörse für gebrauchte Designerkleidung, und wenn die Börse nicht gecrasht hat, verdient sie noch immer.


 Putzi-Peter

Es war einmal eine Kriegswaisen-Familie mit einer Frau und einem Mann und drei Kindern. Die Frau hatte einige Jahre, nachdem ihr erster Mann im Krieg gefallen war, einen Banker geheiratet, der durch den Verkauf von Kriegsanleihen reich geworden war; von ihrem ersten Mann hatte sie einen kleinen Sohn namens Peter. Der Banker brachte zwei Töchter mit, die trotz der Mühen der Nachkriegsjahre alles Spielzeug bekommen hatten, was man sich wünschen konnte. Peter aber hatte nur das Buch, das sein Vater an der Front immer bei sich getragen hatte, einen kleinen Band von einem Mann namens Immanuel Kant mit dem Titel „Zum ewigen Frieden“. Seine Schwestern zogen ihn häufig auf, weil er nicht mit ihren Spielzeugpanzern und Zinnsoldaten spielen wollten. Die Eltern waren nämlich der Meinung, dass es überholt sei, dass Mädchen mit Puppen spielten und Jungen mit Waffen und Soldaten. So musste Peter auch die ganze Hausarbeit machen und putzen und nähen und kochen. Seine Schwestern nannten ihn deshalb „Putzi-Peter“ und zerrissen ihre Kleider absichtlich noch mehr, damit er sie flicken musste (natürlich zogen sie die geflickten Kleider danach niemals wieder an).

 

Als nun die Mutter wieder einmal zu einer Gleichstellungs-Konferenz aufbrach, fragte sie die Kinder, was sie ihnen mitbringen sollten. Die Mädchen wünschten sich ein neues Luftgewehr – aber ein echtes, mit Munition! –, Putzi-Peter hingegen wollte gern einen Erste-Hilfe-Kasten; es dürfe auch gern ein echter sein, sagte er leise dazu. Und so bekamen die beiden Mädchen ihre fabrikneuen Schießgewehre (wenn auch nur mit Platzpatronen), ihr Bruder hingegen einen billigen Plastik-Erste-Hilfe-Kasten mit einer kleinen Broschüre über die Geschichte des Roten Kreuz dazu, die er sorgfältig studierte und mit dem Buch über den ewigen Frieden aufbewahrte.

Es begab sich aber eines Tages, dass ein großes Schützenfest stattfand, auf dem der neue Schützenkönig bestimmt werden sollte. Die beiden Mädchen liefen jeden Tag auf den Schießplatz mit ihren Luftgewehren und schossen auf alles, was sich bewegte. Putzi-Peter musste mitgehen und ihnen beim Laden helfen und die Schießscheiben aufsammeln und die Gewehre putzen. Er hätte gern auch einmal geschossen, obwohl er den Frieden liebte; man schoss ja nicht auf Tiere oder Menschen, die Scheiben waren so schön bunt, und der Schützenkönig war ein großer Mann und musste nicht putzen oder nähen oder kochen. Aber die Schwestern lachten ihn nur aus und sagten: „Du hast doch gar kein Gewehr, und schießen kannst du auch nicht! Du kannst doch höchstens mit deinem Putzlappen werfen“! Und als der Tag gekommen war, an dem der Schützenkönig bestimmt werden sollte, legten sie ihm einen großen Berg absichtlich zerrissener Kleider hin und sagten höhnisch: „Da, wenn du die alle geflickt hast, dann darfst du ins Schützenzelt kommen!“

Putzi-Peter aber hatte mit seinem Erste-Hilfe-Kasten so viel Nähen und Flicken geübt, dass er die Aufgabe in Windeseile erledigt hatte und sich zum Schützenzelt schlich. Er hatte sich sein Rotes-Kreuz-Käppi aus seinem Spielzeugkasten angezogen und wurde als Sanitäter sofort hineingelassen. Und als er ganz schüchtern fragte, ob er denn auch einmal schießen dürfe – er werde auch ganz bestimmt niemand verletzen! –, da lachten alle und drückten ihm ein Schießgewehr in die Hand. Putzi-Peter aber dachte an seinen Vater und stellte sich das Rote Kreuz genau in der Mitte der Scheibe vor und drückte ab und traf mitten ins Schwarze – und das nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder. Als das ganze Zelt ihm aber zujohlte und ihn zum König machen wollte, da rannte er so schnell er konnte davon und versteckte sich unter einem Biertisch ganz hinten in der Ecke.

Bei seiner Flucht jedoch hatte er sein Rotes-Kreuz-Käppi verloren, und der alte Schützenkönig fand es im Gang. Es war viel zu groß für Putzi-Peter gewesen, so dass es eigentlich jedem der Schützen passte. Als aber der alte Schützenkönig fragte, was denn das Rote Kreuz eigentlich bedeute und ob ihm jemand erklärte könnte, was die „Genfer Konvention“ sei, da herrschte betretenes Schweigen bei den tapferen Schützen. Nur die eine Schwester rief vorlaut: „Das ist eine internationale Vereinbarung zur Förderung des Waffenhandels, was denn sonst!“, die andere aber schrie noch lauter: „Blödsinn, das kommt doch aus der Schweiz, so heißt die Schweizer Armee!“ Putzi-Peter aber konnte nicht an sich halten und sagte leise unter seinem Biertisch hervor: „Das ist eine internationale akzeptierte Vereinbarung, im Krieg nicht auf Verwundete zu schießen, egal ob Soldaten oder Zivilisten“. Da zog ihn der alte Schützenkönig hervor und hob ihn aufs Podium, ihm wurde die Kette des Schützenkönigs umgelegt und alle jubelten ihm zu. 

Die beiden Schwestern aber wurden zu seinen Hofdamen erklärt und waren darüber so empört, dass sie alle ihre Gewehre und die Zinnsoldaten und die Spielzeugpanzer wegwarfen und kochen und nähen lernten und niemals in ihrem Leben mehr ein Rotes Kreuz sehen konnten, ohne darauf schießen zu wollen. Putzi-Peter aber war ein friedlicher Schützenkönig, und er legte seine Königskette zu seinem Buch über den ewigen Frieden und der Broschüre über das Rote Kreuz und wurde später ein berühmter Chirurg, der für „Ärzte ohne Grenzen“ die schwierigsten Operationen in aller Welt durchführte, denn Krieg gibt es immer irgendwo, er stirbt niemals.


Die Kursprobe

Es war einmal eine Großbank, die suchte verzweifelt einen neuen genialen Investment-Banker, um die neuesten Bankenregulations-Gesetze zu umgehen. Sie schrieben den Job weltweit in allen Jobbörsen und Karriere-Netzwerken und bei allen Headhuntern und sogar bei den nationalen Arbeitsämtern aus, und es dauerte auch nicht lange, da meldeten sich Bewerber und Bewerberinnen genug. Aber sie waren alle nicht smart genug, und wenn man nach ihrer Qualifikation fragte, ergab es sich, dass sie alle nur zweit- oder drittrangige MBAs hatten und Sparkassen-Kundenberater waren oder allerhöchstens Filialleiter.

Eines schönen Tages jedoch meldete sich ein neuer Bewerber, ganz ohne Terminvereinbarung, der dringend vorgelassen zu werden begehrte; er komme aus weiter Ferne, sagte er, und habe keine Zeit gehabt, sich anzumelden. „Das kommt mir ein wenig bedenklich vor“, sagte die Human Resources Managerin; „auch siehst du gar nicht aus wie ein Investment-Banker, du hast einen verschwitzten Jogging-Anzug an und keinen Maßanzug mit handgenähten Lederschuhen!“ Er erwiderte: „Ich bin durch die ganze Welt gerannt, um auch wirklich fit genug zu sein, Tag und Nacht im Sekundenhandel Milliarden zu machen und alle Steuerschlupflöcher im Schlaf zu finden!“ „Das ist mir zu weitläufig“, sagte die Human Resources Managerin, „das musst du mir erst einmal beweisen. Aber vorerst sollst du dich von dem ewigen Gerenne ausruhen!“ Und sie führte ihn in ein Zimmer, da stand ein Bett mit mehreren Matratzen übereinander gestapelt; sie hatte aber vorher zwischen die einzelnen Matratzen Münzen verschiedener Währungen gelegt, sowohl harte wie auch weiche.

Am nächsten Morgen, noch bevor die New Yorker Börse geöffnet hatte und während alle Analysten noch ihren Rausch von den After-Work-Partys ausschliefen, ging die Human Resources Managerin ins Zimmer des Bewerbers und dachte, ihn noch in tiefem Schlaf zu finden. Er war aber wach, und sie fragte ihn: „Nun, wie hast du geschlafen?“ „Erbärmlich“, antwortete er, „ich war ganz unruhig, es war, als wenn ich auf lauter Geldstücken aus verschiedenen Währungen läge, und ich habe beim Gedanken daran, wie viel Geld ich durch Kursspekulationen verdienen könnte, kein Auge zumachen können!“ „Ich sehe wohl“, sagte die Human Resources Managerin, „du bist ein echter Investment-Banker! Ich will dir den Job geben und den besten Highspeed-Datenanschluss und so viele handgenähte Lederschuhe dein Leben lang dazu, wie du nur willst!“


 Die Trendprobe

Es war einmal eine große Marktforschungsagentur, die suchte händeringend einen neuen Trend Scout. Sie schrieben den Job weltweit in allen Jobbörsen und Karriere-Netzwerken und bei allen Headhuntern und sogar bei den nationalen Arbeitsämtern aus, und es dauerte auch nicht lange, da meldeten sich Bewerber und Bewerberinnen genug. Aber sie waren alle nicht hip und trendig genug, sondern kannten nur die Trends ihrer Heimatstadt von gestern und das Neueste aus den social networks vom Tage, nicht aber die Zukunft.

 

Eines schönen Tages jedoch meldete sich eine Bewerberin, die dringend vorgelassen werden wollte; sie käme aus weiter Ferne und kenne die Trends von morgen aus aller Welt. „Das kommt mir ein wenig bedenklich vor“, sagte der Human Resources Manager, „du siehst gar nicht aus wie ein Trend Scout mit deinem Sonnenhut und dem Anorak, du trägst ja sogar Wanderschuhe, und noch nicht einmal von der angesagten Marke!“ Sie erwiderte: „Ich bin durch die ganze Welt zu Fuß gegangen, von den Eskimos und den Eisbären in Anchorage bis zu den wilden Zulu und den Zebras in Afrika, um alle Trends aufzuspüren und zu euch in die Städte zu bringen!“ „Das ist mir zu weitläufig“, sagte der Human Resources Manager, „das kann ja jeder sagen, und du hast noch nicht mal Selfies gemacht von dir mit den Eskimos und den Eisbären oder den Zulus und den Zebras, noch nicht mal getwittert hast du von den Enden der Welt!“ „Selfies sind sowas von out“, sagte die Bewerberin, „und twittern kann nun wirklich jeder Idiot von seinem eigenen Designersofa aus! Stell mich halt auf die Probe!“ „Das werde ich auch tun“, sagte der Human Resources Manager, und er führte sie zu einem Zimmer, da lag ein Futon aus seltenen tropischen Edelhölzern auf dem Boden mit allerfeinster Seiden-Designer-Bettwäsche über den milbenfreien, antiallergischen und recyclingfähigen Mikrofaser-Decken, und er sagte: „Du wirst müde sein von dem weiten Weg nach Anchorage zu den Zulus, schlaf dich aus, morgen reden wir weiter!“

Am nächsten Morgen, noch vor den ersten Trendnachrichten des Tages, ging der Human Resources Manager ins Zimmer der Bewerberin und dachte, sie noch in tiefem Schlaf zu finden. Sie war aber wach, und er fragte sie: „Nun, wie hast du geschlafen?“ „Erbärmlich“, antwortete sie, „ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan!“ „Aber warum, war denn der Edelfuton nicht gut?“ „Nein, völlig daneben war er, sowas von von vorvorgestern, und die Bettwäsche erst! Noch nicht einmal im Dunkeln kann man es ertragen, in so einem altmodischen Designer-Mist zu schlafen; ich habe sogar einen Hautausschlag von all dem schlechten Geschmack bekommen!“ „Ich sehe wohl“, sagte der Human Resources Manager, „du bist ein echter Trend Scout! Ich will dir den Job geben, und eine Vielfliegerkarte und eine goldene Kreditkarte dazu, und gleich wirst du wieder losfliegen!“


Der arme Philosoph und der reiche Bankdirektor

 

Vor einiger Zeit, als der liebe Gott nach langer Zeit einmal wieder selbst auf Erden unter den Menschen wandelte, trug es sich zu, dass er eines Abends müde war und ihn mitten auf dem Land die Nacht überfiel, bevor er ein Hotel finden konnte, und es fuhr auch kein Bus mehr in die Stadt. Nun standen an der Dorfstraße vor ihm zwei Häuser einander gegenüber, das eine groß und protzig mit einem wohlgepflegten Park drum herum und einem wohlgefüllten Pool darinnen, das andere klein und bescheiden mit einem Gemüsegärtlein und einer Regentonne; in dem einen aber wohnte ein Bankdirektor, in dem anderen ein Philosoph. Da dachte der liebe Gott: „Dem Philosophen will ich keine Mühe machen, er muss so viel denken und hat selbst nur das Nötigste, da frage ich lieber den Bankdirektor, auch wenn ich keinen Park und keinen Pool brauche“. Er klingelte an dem großen Eisentor, und aus der Sprechanlage kam die Stimme des Bankdirektors und fragte den Fremden, was er denn ganz unangemeldet um diese Zeit wolle. Der liebe Gott fragte: „Könnte ich wohl die Nacht hier verbringen?“ Der Bankdirektor sah über die Überwachungskamera auf seinem Bildschirm, dass vor dem Tor offensichtlich ein Obdachloser stand, der kein Geld hatte, deshalb sprach er in die Sprechanlage: „Ich kann euch nicht aufnehmen, mein Personal hat heute Ausgang, und wenn ich jeden Obdachlosen aufs Gelände ließe, könnte ich auch selbst gleich unter der Brücke übernachten! Schaut zu, wo ihr unterkommt!“ Damit schaltete er ab und ließ den lieben Gott stehen.

Also kehrte ihm der liebe Gott den Rücken und ging zu dem kleinen Haus. Kaum hatte er das hölzerne Gartentor geöffnet, da kam der Philosoph schon aus seiner Haustür und hieß ihn freundlich willkommen: „Bleibt die Nacht über bei mir“, sagte er, „es wird doch schon dunkel, und es fährt sowieso kein Bus mehr um diese Tageszeit!“ Das gefiel dem lieben Gott, und er trat ein. Und der Philosoph bewirtete ihn mit selbst geerntetem Gemüse aus dem Garten und Bio-Brot und sogar ein wenig ökologischem Wein, und sie philosophierten über Gott und die Welt bis spät in die Nacht. Dann ging der Philosoph in seine kleine Bibliothek und legte sich unter seinen Schreibtisch zum Schlafen (ein ordentlicher Philosoph brauche sowieso nur eine Tonne zum Schlafen, sagte er), der liebe Gott aber bekam sein Bett, damit er gut schlafen und sich ordentlich ausruhen konnte.

Am nächsten Morgen standen sie beide früh auf und frühstückten gemeinsam, und bevor sich der liebe Gott auf den Weg zur Bushaltestelle machte, sagte er zu dem Philosophen: „Weil ihr so großzügig und bescheiden seid, so will ich euch drei Wünsche erfüllen!“ Da sagte der Philosoph: „Was soll sich ein Philosoph schon wünschen, ich habe meine Bücher und die ganze große Welt und die Menschen darin und vielleicht sogar einen Gott darüber, um darüber nachzudenken! Wenn es aber sein soll, so wünsche ich mir ewige Wissbegierde und körperliche und geistige Gesundheit dazu; mehr fällt mir wirklich nicht ein“. Der liebe Gott sprach: „Dann nimm wenigstens noch einen Büchergutschein für Amazon!“, und der Philosoph war’s zufrieden, und Gott erfüllte seine Wünsche und ging dann zum Bus.

Als der Bankdirektor aufstand, war es schon voller Tag. Und als er aus dem Fenster schaute, sah er, wie eine Reihe von Lieferautos vor dem kleinen Haus stand und daraus große Bücherpakete entladen wurden. Da wunderte er sich sehr, und er rief seine Frau (es war aber schon die dritte) herbei und fragte: „Weißt du, was da los ist? Der Philosoph hat doch sonst noch nicht einmal Geld für neue Kleider oder ein Handy, und jetzt bekommt er solch große Bücherpakete? Du redest doch ab und zu mit ihm über deine Identitätsprobleme, geh doch mal und frag nach!“ Die Frau ging und fragte, und der Philosoph erzählte ihr, am vorigen Abend sei ein Wanderer gekommen, und er habe ihn bei sich aufgenommen und mit ihm gegessen und geredet und ihm sein Bett für die Nacht gegeben, und zum Abschied habe er drei Wünsche erfüllt bekommen, obwohl er kaum zweie hatte. Die Frau des Bankdirektors lief eilig zurück und erzählte ihrem Mann, was sie erfahren hatte, und der Bankdirektor ärgerte sich die Krätze und sprach: „Wenn ich das gewusst hätte, ich hätte ihn doch noch ganz anders verwöhnen können; er hätte das feinste Gourmet-Mahl bekommen und im Pool schwimmen und zwischen drei verschiedenen Gästezimmer, alle mit eigenem Bad, wählen können! Hätte ich ihn doch bloß nicht weg-geschickt!“ „Wenn du dich gleich in deinen schnellsten Sportwagen setzt“, sagte seine Frau, „holst du ihn bestimmt noch ein, bevor er in die Stadt kommt, der Bus hält ja an jeder Straßenecke!“

Der Bankdirektor holte gleich seinen schnellsten Sportwagen aus der Garage und fuhr hinterher und erwischte den lieben Gott tatsächlich beim Aussteigen aus dem Bus in der Stadt. Er redete so freundlich und gefällig mit ihm wie sonst nur mit seinen allerbesten und allerreichsten Privatkunden und bat, er solle ihm die Abweisung nicht übel nehmen; er hätte ja nur noch seine dritte Frau fragen wollen, die ein wenig eigen sei in solchen Dingen, und er solle wenigstens auf dem Rückweg wieder bei ihnen vorbeikommen und am besten gleich einen Termin mit seiner Sekretärin ausmachen. „Nun gut“, sagte der liebe Gott, „wenn ich einmal zurückkomme, können wir das machen, ich mache aber keine Termine aus“. Da fragte der Bankdirektor, ob er nun nicht auch drei Wünsche tun dürfe, wie sein Nachbar. Und der liebe Gott sagte, das dürfe er schon; aber es würde ihm wahrscheinlich nicht gut bekommen, und er würde ernsthaft davon abraten. Der Bankdirektor aber meinte, das sollte er ihm nur selbst überlassen, er kenne sich gut aus mit Wunschdenken, sein ganzes Geschäftsmodell beruhe mehr oder weniger darauf. Also sprach der liebe Gott: „Wenn dem so ist, so fahre nach Hause, und die drei nächsten Wünsche, die du tust, sollen dir in Erfüllung gehen!“

Nun hatte der Bankdirektor seinen Willen bekommen, und er setzte sich in seinen Sportwagen und fuhr los und konnte an nichts anderes denken als daran, dass er seine Wünsche nun auch maximal effizient einsetzen müsse. Deshalb achtete er nicht auf den Verkehr und fuhr an der nächsten Ampel mit einem großen Rumms auf das vor ihm stehende Auto auf, weil er nicht gesehen hatte, dass die Ampel rot geworden war. Vor lauter Ärger rief er aus: „Jetzt habe ich auch noch einen Blechschaden, blöde Karre, am besten, du fällst gleich ganz auseinander!“ Und kaum hatte er das Wort ausgesprochen, krachte es, der Sportwagen zerfiel in seine Bestandteile und er saß auf seinem ergonomisch geformten Spezial-Rennfahrersitz mitten auf der Straße zwischen den rot lackierten Trümmern.

Nun musste er zu Fuß nach Hause gehen, weil erst am Abend wieder ein Bus fuhr. Weil er aber von Natur und Beruf aus geizig war, nahm er das teure Navi mit, er war sich auch nicht sicher, ob er den Weg sonst finden würde. Die anderen Autos rasten an ihm vorbei, und es stank nach Abgasen, und es gab keine Bürgersteige, und das Navi plapperte ihn die ganze Zeit voll. Während er wieder darüber nachdachte, dass er nun aber seine zwei verbleibenden Wünsche sehr klug einsetzen müsse, um den optimalen Return on Investment zu erzielen, ärgerte er sich immer mehr über den Lärm und den Gestank. Und er dachte an seine Frau, die ihn losgeschickt hatte, und murmelte vor sich hin: „Die blöde Ziege liegt jetzt wahrscheinlich im Pool bei Vogelgezwitscher und mit einem eisgekühlten Cocktail; ich wollte, die hätte jetzt diesen Gestank und den Lärm und das nervige Navi am Hals in ihrem dämlichen Pool, und am besten kommt sie gleich niemals wieder raus!“ Und noch während das letzte Wort aus seinem Mund kam, war flugs das Navi verschwunden und er merkte, dass auch sein zweiter Wunsch in Erfüllung gegangen war.

Da fing er vor Verzweiflung an schnell zu laufen, um bald nach Hause zu kommen und sich gründlich mit seinen Steuerberatern und Anwälten über seinen dritten Wunsch zu besprechen. Aber als er zuhause ankam, da waberten Abgasschwaden um seinen Pool, und man konnte die Vögel vor Straßenlärm nicht mehr zwitschern hören, und das Navi murmelte völlig verwirrt dazwischen: „Bei nächster Gelegenheit bitte wenden!“ Und der Gestank und der Lärm und das Navi hörten nicht auf, und seine dritte Frau konnte den Pool nicht verlassen und kreischte laut: „Was helfen mir alle Reichtümer der Welt, wenn ich nie mehr aus diesem dämlichen Pool kann? Du hast mich reingewünscht, jetzt musst du mir auch wieder heraushelfen, und denk nicht mal an eine Scheidung, meine Anwälte werden dich so arm machen, dass du nur noch beim Philosophen einziehen kannst!“ Er mochte also wollen oder nicht, er musste den dritten Wunsch tun und seine Frau aus dem Pool befreien, und der Wunsch wurde alsbald erfüllt, und sie konnten wieder durchatmen und das Navi schwieg endlich. 

Also hatte er nichts von seinen Wünschen gehabt als Mühe, Ärger, ein kaputtes Auto und einen Ehekrach; der Philosoph aber lebte gesund und zufrieden und wissbegierig bis ans Ende seiner irdischen Tage.


Allesmeins

Es waren zwei Brüder, von denen war der eine ein reicher Immobilienmakler, der andere aber war arm und arbeitete in einem Callcenter unter Mindestlohn, da ging es ihm oft so schlecht, dass er seinen Kindern kein Marken-Handy kaufen konnte und seiner Familie keinen Flatscreen-Fernseher. Deshalb sammelte er heimlich Pfandflaschen in der Stadt. Einmal kam er dabei an ein großes stillgelegtes Warenhaus in einem verkommenen Industrieviertel, das er noch nie gesehen hatte. Wie er so da stand, sah er zwölf elegant gekleidete Männer daher kommen, und weil er sich schämte mit seinen Pfandflaschen, versteckte er sich in einer alten Telefonzelle. Die zwölf Männer aber gingen vor das Rolltor des Warenhauses und riefen: „Alleseins, tu dich auf!“ Da schob sich das Rolltor knirschend nach oben, und die zwölf gingen hinein, und das Tor schloss sich ächzend und stöhnend wieder. Aber eine kleine Weile später ging das Tor wieder auf, und die Männer kamen heraus und trugen elegante Geldkoffer am Handgelenk, und als sie alle wieder heraus waren, sprachen sie: „Alleseins, tu dich zu!“ und das Tor verschloss sich ächzend und knirschend wieder.

Als die zwölf Männer verschwunden waren, verließ der Arme seine Telefonzelle und war entsetzlich neugierig, was in dem alten Warenhaus wohl verborgen wäre. Also stellte er sich vor das Rolltor und sprach: „Alleseins, tu dich auf!“, und das Tor rollte sich vor seinen Augen in die Höhe. Da ging er hinein, und innen lagen Regale voll Goldbarren in allen Größen, Geldscheinen in allen Währungen, Zertifikate für Aktien und Fonds und Immobilien, ja sogar Staatsanleihen aus aller Herren Länder. Der Arme wusste gar nicht, was das alles war und was er damit anfangen sollte, deshalb nahm er sich nur zwei Goldbarren mittlerer Größe und steckte sie zu seinen Pfandflaschen, alles andere aber ließ er liegen. Als er wieder herauskam, sagte er gleichfalls: „Alleseins, tu dich zu!“, da schloss sich das Rolltor wieder und er ging schnell nach Hause. Nun musste er sich nicht mehr sorgen, sondern konnte seinen Kindern neue Handys kaufen und seiner Frau ein neues Kleid, und er bekam auch einen besseren Job, und den Rest spendete er für Brot für die Welt. Als aber das Geld zu Ende war, ging er zu seinem Bruder und lieh sich von ihm einen Geldkoffer mit Sicherheitsschloss und holte sich von neuem; doch rührte er immer noch nichts an von den Fonds und den Zertifikaten und den Staatsanleihen, sondern nahm wieder nur zwei Goldbarren mittlerer Größe.

Als er sich nun zum dritten Mal etwas holen wollte und wieder den Geldkoffer auslieh, schöpfte sein Bruder, der schon lange neidisch war auf den neuen Reichtum, Verdacht. Deshalb dachte er sich eine List aus und ließ eine winzige Digital-Kamera im Schloss des Geldkoffers anbringen, die filmte alles, was im Warenhaus und davor passierte. Als er nun das Video gesehen hatte, konnte er gar nicht schnell genug selbst zum alten Warenhaus fahren, um die Gelegenheit zu nützen und noch viel mehr Schätze mitzubringen als sein dämlicher Bruder. Als er vor dem Tor stand, rief er: „Alleseins, tu dich auf!“, und das Tor öffnete sich auch vor ihm und er ging hinein und sah all die Reichtümer vor sich liegen. Zuerst wusste er gar nicht, was er als erstes einpacken sollte, aber schließlich nahm er all die Bonds und Zertifikate und stopfte seine drei mitgebrachten Geldkoffer bis zum Rand damit voll. Er wollte seinen Schatz nun hinausbringen, aber weil er so damit beschäftigt war, die zu erwartenden Gewinne durch Aktienspekulation und Hedgefonds und Immobilienverkäufe zu berechnen, vergaß er darüber den Namen und rief: „Allesmeins, tu dich auf!“ Aber das war der rechte Name nicht, und das Tor regte sich nicht und knirschte kein bisschen und blieb stumm und verschlossen. Da bekam er ein rechtes Muffensausen, aber je mehr er grübelte und sich plagte, desto verwirrter wurde er, und alle Schätze im Koffer und in den Regalen halfen ihm nichts dabei. 

Am Abend aber öffnete sich das Rolltor ächzend und krächzend und die zwölf Männer in ihren eleganten Anzügen kamen herein. Als sie ihn nun sahen, lachten sie und riefen: „Endlich haben wir dich erwischt, du bildest dir doch nicht ein, wir hätten nicht gemerkt, dass du schon zweimal da warst und die mittleren Goldbarren geklaut hast? Eigentlich sollten wir dich gleich einen Kopf kürzer machen!“ Da rief er: „Ich war es aber gar nicht, mein dämlicher Bruder war es!“ Und er konnte sie so weit erweichen, dass sie ihn gehen ließen und ihn sogar noch einen seiner vollgepackten Geldkoffer mitnehmen ließen. Als er aber endlich nach Hause kam, hatte tagsüber an der Börse ein großer Crash stattgefunden, und alle Immobilienblasen waren geplatzt, und all die schönen Fonds und Bonds waren nichts mehr wert. Und er verlor seinen Job als Immobilienmakler, weil er unentschuldigt nicht am Arbeitsplatz erschienen war und viele wichtige Termine verbockt hatte, und fortan musste er selbst Pfandflaschen sammeln und bei seinem Bruder um Almosen bitten.


Die drei faulen Manager

Ein Abteilungsleiter in einem großen Konzern hatte drei Gruppenleiter, die waren alle gleich unfähig, und er wusste nicht, wen er zu seinem Nachfolger bestimmen sollte, bevor er mit seinem Abschiedsbonus in den vorgezogenen Ruhestand ging. Als die Zeit kam, rief er sie in sein Büro mit Tageslicht und Panoramablick und sprach: „Liebe Kollegen, ich habe bedacht, wer mein Nachfolger werden soll, und ich sage euch nun: Welcher von euch der faulste ist, der soll nach mir Abteilungsleiter werden!“ Da sprach der erste Gruppenleiter: „Chef, dann werde ich der neue Abteilungsleiter: Ich kenne schon heute kaum die Hälfte der Mitarbeiter in meiner Gruppe und weiß gar nicht, was der Rest macht; ich werde sicherheitshalber überhaupt nicht mehr mit ihnen sprechen“. Der zweite sprach: „Nein, ich bekomme die Beförderung, ich kenne kaum die Hälfte unserer Produkte und weiß auch nicht, wozu sie eigentlich gut sind; ich werde mich zukünftig darauf beschränken, den Kunden einfach alles zu versprechen, was sie wollen“. Der dritte aber sprach: „Ich bin ganz sicher der neue Abteilungsleiter, ich habe noch nie verstanden, wofür ich eigentlich bezahlt werde hier, aber ich werde jetzt auch das Nachdenken darüber einstellen und lieber den ganzen Tag World of Warcraft spielen“. Als der Abteilungsleiter das hörte, sprach er: „Du hast es am weitesten gebracht, du bekommst meinen Posten und noch einen dicken Bonus dazu!“



Die drei faulen Politiker

in Parteichef hatte drei Stellvertreter, die hielt er alle für gleich opportunistisch, aber er wurde zu alt und war nicht mehr fotogen genug für Fernsehinterviews und musste seinen Posten aufgeben. Als die Zeit kam, rief er sie in die Parteizentrale und sprach: „Parteigenossen, ich habe etwas bei mir bedacht, das will ich euch jetzt eröffnen: Welcher von euch der faulste ist, der soll neuer Parteichef werden!“ Da sprach der erste Stellvertreter: „Genosse, dann werde ich der Parteichef; ich komme schon jetzt immer eine Stunde zu spät zu meiner Sprechstunde im Wahlkreis und gehe eine Stunde früher, zukünftig werde ich nur noch meine Assistentin schicken“. Der zweite Stellvertreter sprach: „Nein, ich werde dein Nachfolger werden; ich halte schon jetzt bei jedem Parteitag die gleiche Rede, künftig werde ich einfach jede zweite Seite auslassen“. Und der dritte Stellvertreter sprach: „Genosse, die Partei gehört mir; ich lese schon jetzt vor Abstimmungen über neue Gesetze niemals die Texte und rede nur mit den Lobbyisten, künftig werde ich einfach gar nicht mehr ins Parlament gehen!“ Als der Parteichef das hörte, sprach er: „Du hast es am weitesten gebracht, du sollst unsere Partei in Zukunft führen!“


Der mit dem Bär tanzt

Es war einmal ein junger Soldat, der kämpfte tapfer für Demokratie und Menschenrechte in den entlegensten Weltgegenden und war immer der vorderste mit seinem Militärjeep, wenn man Terroristen jagte. So lange der Krieg dauerte, ging alles gut, aber als die kämpfenden Truppen abgezogen wurden und die Blauhelm-Soldaten kamen, um weiter Demokratie und Menschenrechte zu verbreiten, erhielt er seinen Abschied, und sein Hauptmann sagte, er könne gehen, wohin er wolle. Der junge Soldat ging zurück in sein Heimatland, aber seine Eltern hatten durch eine geplatzte Immobilienblase ihr Haus verloren und konnten ihn nicht aufnehmen. Und seine Geschwister waren hartherzig und wiesen ihn ab und sagten: „Was sollen wir mit dir und deiner posttraumatischen Belastungsstörung? Du weckst nachts die Kinder mit deinem Geschrei, und noch nicht einmal in den Supermarkt kann man mit dir gehen, weil du überall einen terroristischen Hinterhalt siehst!“ Auch der Staat gab ihm nur einen wertlosen Orden in Form eines lila Herzens und einige Essensmarken und konnte ihn nicht weiter gebrauchen.

So hatte der Soldat nichts weiter auf der Welt als seine Hundemarke, und damit ging er ins Gebirge, das wegen der Klimakatastrophe mittlerweile ganz eisfrei war, und setzt sich traurig mitten auf einen ehemaligen Gletscher und sann über sein Schicksal nach. „Ich habe kein Geld“, dachte er, „und keine Krankenversicherung und keinen Pensionsanspruch, ich habe nichts gelernt als das Kriegshandwerk, und jetzt, wo zwar kein Friede geschlossen ist, aber die Blauhelme das Geschäft übernommen haben und den ehemaligen Terroristen Demokratie und Menschenrechte beibringen, jetzt brauchen sie mich nicht mehr, ich werde wohl verhungern müssen“. Auf einmal hörte er ein Klappern und Klickern, und als er sich umblickte, stand eine schöne Frau mittleren Alters vor ihm. Sie trug ein enges Kostüm und Schuhe mit sehr hohen Absätzen, auf denen sie ein wenig hinkte, und eine Handtasche mit seltsam verschlungenen Buchstaben darauf über die Schulter geschwungen. „Ich komme vom Erlebnispark Gletscherwelt“, säuselte sie, „und ich weiß schon, was dir fehlt: Geld und Gut sollst du haben, soviel du mit vollen Händen ausgeben kannst, und sogar eine Krankenversicherung und einen Pensionsanspruch, aber erst muss ich wissen, ob du dich nicht fürchtest!“ „Ein Soldat und sich fürchten, wie passt denn das zusammen?“, fragte er, „du kannst mich ja auf die Probe stellen!“ „Dann schau dich mal um“, sagte die schöne Frau, und der Soldat drehte sich um und sah einen großen Bären, der brummend auf ihn zutrabte. „Das ist der Problembär Bruno“, sagte die schöne Frau, „er macht uns hier das ganze Geschäft kaputt!“ Der Soldat aber zeigte dem Bär seine glänzende Hundemarke und hängte ihm seinen lilafarbenen und herzförmigen Orden um, und weil der Bär ein sehr lieber Problembär war und nur eine schlechte PR hatte, machte er mit ihm ein kleines Tänzchen. „Ich sehe wohl“, sagte die schöne Frau, „du traust dich was, aber ich habe noch eine klitzekleine weitere Bedingung“. „Wenn’s mir an meiner Seligkeit und meinem Pensionsanspruch nicht schadet“, sagte der Soldat, der wohl merkte, wen er vor sich hatte, „sonst lass ich mich auf nichts ein“. „Das wirst du schon selbst sehen“, sagte die schöne Frau, „du musst aber versprechen, dich in den nächsten sieben Monaten nicht zu duschen und nicht zu stylen und nicht deine Haare zu gelen, du darfst auch keine Maniküre und keine Pediküre machen, dann werde ich dir meine Handtasche geben; und wann immer du in den sieben Monaten in die Handtasche greifst, wirst du die Hand voll Geld haben! Wenn du die Bedingung aber nicht erfüllst, so bist du mein für den Gletscher-Erlebnispark und bekommst weder Krankenversicherung noch Pensionsanspruch; hältst du dich aber daran, bist du für immer frei und reich!“ Und hierauf verschwand die Teufelsfrau.

Der Soldat hängte sich die Tasche mit den seltsam verschlungenen Buchstaben darauf um, griff hinein und fand, dass die Sache ihre Richtigkeit hatte. Nun war er guter Dinge, ging in die Welt und förderte viele lobenswerte Projekte für Demokratie und Menschenrechte, gründete Stiftungen zur Bekämpfung ansteckender Immunkrankheiten und engagierte sich bei Initiativen gegen die Klimakatastrophe. Im ersten Monat ging es noch leidlich, aber bald sah er aus wie ein Ungeheuer: Er war nicht gestylt und hatte die Haare nicht gegelt, und die Finger waren Krallen geworden, und in seinem langen Bart ließen sich kleinere Insektenfamilien vertrauensvoll nieder und wohnten dort. Da er aber für alle guten Zwecke jede Menge Geld spendete, fanden sich die Leute damit ab.

Es war nun schon im vierten Monat, da traf er einen alten Mann, der war wie seine Eltern zum Opfer der Immobilienblase geworden und hatte weder Heim noch Krankenversicherung noch Pensionsanspruch mehr. „Wenn ihr weiter keine Sorgen habt“, sagte der Soldat, „Geld habe ich genug“, und schenkte dem alten Mann eine lebenslange Pension. Der alte Mann wusste nicht, wie er sich dankbar erweisen sollte, so sagte er: „Komm mit mir, ich habe drei schöne Söhne, wähle dir daraus einen Lebenspartner!“ – denn der Soldat mochte lieber Männer als Frauen, und die Frauen fürchteten sich auch sehr vor seinem lebendigen Bart mit den Tieren darin. Als ihn jedoch der älteste Sohn erblickte, entsetzte er sich so gewaltig vor seinem Anblick, dass er gleich in seine Selbsthilfegruppe fortlief. Der zweite blieb zwar stehen und betrachtete ihn von Kopf bis Fuß, dann aber sagte er: „Wie kann ich einen Lebenspartner nehmen, in dessen Bart lebendige Tiere leben! Da könnte ich ja gleich einen Bären mit seinem zotteligen Fell heiraten, wie den Ex-Problembär Bruno, der so schön tanzt im Gletscherpark, der hat wenigstens ein lila Herz um den Hals!“ Der jüngste aber sprach: „Das muss ein guter Mensch sein, er hat meinem alten Vater geholfen, und wenn er ihm dafür einen seiner Söhne als Lebenspartner versprochen hat, muss das Wort gehalten werden!“ Dem Soldaten lachte das Herz unter seinem lebendigen Bart, als er diese Worte hörte. Er nahm seine Hundemarke vom Hals, brach sie entzwei und gab die eine Hälfte dem jüngsten Sohn und bat ihn, sie gut aufzuheben. Er müsse noch drei Monate wandern, und wenn er nicht wieder käme, sei der junge Sohn frei, weil er dann tot sei. Er solle aber fleißig an ihn denken und ihn nicht vergessen.

Der jüngste Sohn kleidete sich fortan nur noch in Secondhand-Klamotten, ging nicht mehr in die Disco und nicht mehr ins Fitness-Studio und dachte treu an seinen zukünftigen Lebenspartner. Aber von seinen beiden älteren Brüdern wurde ihm nur Hohn und Spott zuteil. „Nimm dich in acht“, sagte der erste, „die Tiere in seinem Bart könnten euch das Essen wegessen, und ihr müsst hungern!“ Und der zweite fuhr fort: „Pass bloß auf die Handtasche auf, wahrscheinlich ist das eine Zaubertasche mit magischen Buchstaben und sie verzaubert dich in einen Problembären!“ Der Soldat aber zog derweil weiter von einem Ort zum anderen und tat viel Gutes mit seinem Geld und gründete weitere wohltätige Stiftungen und engagierte sich besonders für die Homo-Ehe und die Geschlechtergerechtigkeit in aller Welt.

Endlich, als der letzte Tag der sieben Monate anbrach, kehrte er wieder zu dem ehemaligen Gletscher beim Erlebnispark zurück, und es dauerte auch nicht lange, da hörte er es klappern und klickern und die schöne Frau mit ihren hohen Schuhen stand hinter ihm (sie hinkte aber immer noch ein wenig auf dem einen Bein). Da warf er ihr die Handtasche mit den seltsam verschlungenen Buchstaben vor die Füße und verlangte, dass sie sie ihm ordentlich die Haare schneiden und gelen und auch eine Mani-und Pediküre machen sollte. Die Teufelsfrau mochte nun wollen oder nicht, er hatte die Bedingung eingehalten, und sie musste ihm die Haare schönmachen und auch die Finger- und Fußnägel schneiden und feilen und polieren. Danach war er wieder ein tapferer Soldat und sah noch viel schöner aus als vorher.

Als das alles glücklich erledigt war, war es dem Soldaten ganz leicht ums Herz. Er ging in die große Stadt, kleidete sich mit den schicksten Designer-Klamotten ein, kaufte einen Tesla und fuhr schnurstracks zum Haus seines zukünftigen Lebenspartners. Niemand erkannte ihn, aber alle freuten sich über den hübschen Burschen und luden ihn zum Essen ein, und die beiden älteren Brüder umschwärmten ihn und konnten gar nicht aufhören, Selfies mit ihm zu machen. Der jüngste Sohn aber in seinen gebrauchten Klamotten sah ihn nicht an und sagte kein Wort und wollte mit aller Gewalt nicht mit aufs Selfie. Da holte der schöne Fremde die halbe Hundemarke hervor und zeigte sie dem jüngsten Sohn, und der nahm eine Lederkette vom Hals, an der er die andere Hälfte trug. Und es zeigte sich, dass beide Hälften vollkommen zueinander passten, und beide nahmen sich in den Arm und küssten sich innig. 

Als das die beiden älteren Brüder sahen, liefen sie voll Zorn und Wut weg; und der eine wurde Skilehrer im Gletscher-Erlebnispark, und der andere Bären-Animateur. Am gleichen Abend noch klopfte jemand an die Türe, und als der ehemalige Soldat öffnete, so war es die Teufelsfrau mit den hohen Schuhen, die sprach: „Siehst du, nun habe ich zwei Seelen für eine, und beide ohne Krankenversicherung und Pensionsanspruch!“



Der Teufel und sein Uropa 

Es war einmal ein großer Krieg in einem fernen Land in der Wüste, und viele junge Leute aus dem Ausland schlossen sich den Terroristengruppen an, aber die einheimischen Terroristen gaben ihnen wenig Sold und schickten sie beim Häuserkampf immer in die erste Reihe. Da taten sich drei ausländische Kämpferinnen zusammen und wollten ausreißen. Eine sprach zur anderen: „Wenn wir erwischt werden, so werden wir auf YouTube geköpft, wie wollen wir es machen?“ Sprach die zweite: „Seht dort, die kleine Höhle im Felsen, wenn wir uns da verstecken, finden sie uns nicht mehr, und sie werden ohne uns weiterziehen“. Sie krochen in die Höhle, aber die Terroristen zogen nicht weiter, weil sie zu viele Geiseln genommen hatten und erst auf das Lösegeld warteten. Die drei Mädels saßen zwei Tage und Nächte in der Höhle und hatten so großen Hunger und Durst, dass sie beinahe gestorben wären; gingen sie aber hinaus, würden sie ganz sicher geköpft werden. Da kam aus einem Loch von unten her ein großer Maulwurf herauf und fragte sie, warum sie sich versteckt hätten. Sie antworteten: „Wir sind drei Kämpferinnen aus dem Ausland, und wir sind ausgerissen, weil wir immer als erste in den Häuserkampf geschickt werden, nur müssen wir hier jetzt verhungern oder werden geköpft, wenn wir hinausgehen“. „Wollt ihr mir sieben Jahre dienen“, sagte der Maulwurf, „so will ich euch durch meine unterirdischen Gänge von den Terroristen weg führen, und keiner wird euch finden“. „Wir haben wohl keine andere Wahl“, sagten die drei Kämpferinnen. Da führte sie der große Maulwurf sicher durch seine dunklen Gänge ins Freie; er war aber niemand anders als der Teufel. Er gab ihnen eine kleine goldene Karte mit einer Zaubernummer und sprach: „Sobald ihr das in die großen Automaten der Banken steckt – oder auch in die kleinen Lesegeräte in den Shopping Malls und Bars –, werdet ihr Geld bekommen, soviel ihr wollt. Davon könnte ihr durch die Welt fliegen, shoppen gehen und Party machen den ganzen Tag und die ganze Nacht, aber nach sieben Jahren seid ihr mein – außer, ihr könnt das Rätsel lösen, das ich euch dann aufgeben werde; wenn ihr das aber lösen könnt, seid ihr frei und könnt gehen, wohin ihr wollt“. Dann mussten sie sich noch an seinem tragbaren Computer biometrisch erfassen lassen, aber danach gingen sie mit ihren magischen Karten hinweg und flogen durch die Welt und gingen shoppen, soviel sie wollten, und machten Party den ganzen Tag und die ganze Nacht und dann wieder von vorn.

Die Zeit verstrich ihnen schnell, aber als es mit den sieben Jahren zu Ende ging, wurden zwei von ihnen depressiv und konnten sich an gar nichts mehr freuen, weil sie sich so sehr vor dem Teufel fürchteten. Die dritte aber blieb lustig und sagte: „Mädels, ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen, ich werde das blöde Rätsel schon lösen!“ Als sie nun einmal in Las Vegas saßen und die zwei wie immer betrübt schauten, kam ein alter Spieler daher und fragte, warum sie so deprimiert wären. „Ach, was liegt euch daran, ihr könnt uns doch nicht helfen!“ „Wer weiß“, sagte er, „ich habe schon viel gewonnen und viel verloren, versucht euer Glück einfach!“ Da erzählten sie ihm, sie wären des Teufels Dienerinnen gewesen, sie hätten sieben Jahre lang das Geld mit vollen Händen verschwendet, und jetzt sei die Zeit abgelaufen und sie wären dem Teufel verfallen, wenn sie sein Rätsel nicht lösen könnten.
Der alte Spieler sagte: „Soll euch geholfen werden, so muss eine von euch heute Nacht in den Keller unter dem großen Kasino gehen, dort, wo die Chips aufbewahrt werden, da wird sie Hilfe finden!“ Die zwei depressiven Mädels dachten, was soll das schon nützen, die dritte lustige aber machte sich auf und schlich sich des Nachts in den Kasinokeller. Dort saß ein uralter Mann, der war des Teufels Uropa, und sie erzählte ihm alles, was ge¬schehen war, und weil sie ein lustiges Mädel war, hatte er Erbarmen und sagte, er wolle ihr helfen. Er gab ihr ein kleines Laptop und verriet ihr das Passwort für den großen Zentralcomputer, damit sie sich einloggen und alles mitverfolgen konnte, was der Teufel dort eingab.

Um Mitternacht kam der große Maulwurf, loggte sich an seinem Zentralcomputer ein und machte seine tägliche Seelenbuchhaltung mit Excel. Und weil er auf seinem elektronischen Kalender sah, dass am nächsten Tag die drei Mädels fällig waren, lud er noch aus seiner großen Rätsel-Datenbank ein besonders schweres Rätsel herunter, die Lösung lautete aber: In der Hölle gibt es zur Vorspeise Schlamm aus der Ursuppe, als Hauptgericht Teufelsbraten, well done, und als Dessert Blindschleichen triple choc choc. Die lustige Kämpferin verfolgte alles auf ihrem Laptop und ging dann eilig zu ihren beiden Kameradinnen zurück.

Als am nächsten Tag nun der große Maulwurf zu ihnen kam, wies er ihnen ihre biometrischen Daten auf seinem Laptop vor und sprach: „Ich will euch mit in die Hölle nehmen, da sollt ihr eine Mahlzeit haben: Könnt ihr raten, was die drei Gänge sind, so sollt ihr frei und los sein und dürft auch die magische Geldkarte behalten!“ Da fing die erste Kämpferin an: „Das Böse gab es von Anfang an, also wird es als Vorspeise wohl Schlamm aus der Ursuppe geben!“ Der Teufel ärgerte sich ein wenig und brummte „hm! hm!“ und fragte die zweite: „Und was ist der zweite Gang?“ Und die zweite sagte: „Da es bekanntlich sehr heiß ist in der Hölle, wird es wohl Teufelsbraten geben, aber well done!“ Der Teufel schnitt ein Gesicht, knurrte wieder „hm! hm!“ und sprach zur dritten: „Aber kennt ihr auch die Nachspeise?“ „Eine Schlange natürlich“, sagte die lustige dritte, „es wird wohl eine Blindschleiche sein, die Eva schon im Paradies verführt hat, und um es richtig sündhaft zu machen, mit triple choc choc!“ Da kroch der Maulwurf mit einem lauten Schrei in seine Gänge zurück und hatte keine Gewalt mehr über sie. Die drei Mädels aber behielten die magische Geldkarte und sprengten alle Banken in Vegas und bezahlten die Lösegelder für alle ihre Freundinnen im Häuserkampf und blieben BFFs bis an ihr Lebensende.



Die drei Sprachen

Im besten Viertel einer großen Handelsstadt lebte einmal eine ältere Managerin, die hatte nur eine einzige Tochter, aber die war dumm und wollte nichts lernen. Da sprach die Managerin: „Höre, meine Tochter, ich kann es anfangen wie ich will, aber du willst einfach nichts lernen von mir. Du musst weg von hier, ich will dich in eine berühmte Privatschule geben, die sollen es mit dir versuchen“. Das Mädchen wurde weit weg in eine berühmte Privatschule geschickt und blieb dort ein ganzes Jahr lang. Als es wieder nach Hause kam, fragte die Managerin: „Nun, meine Tochter, was hast du gelernt? Sprichst du jetzt Französisch und Spanisch und Mandarin, geschäftssicher und fließend?“ „Nein, Mutter, das habe ich alles nicht gelernt, ich habe gelernt, wie die Ratten reden“, antwortete das Mädchen. „Oh mein Gott, das ist alles, was du gelernt hast? Da werde ich dich noch weiter weg zu einer noch teureren Privatschule schicken müssen!“ Auch dort blieb das Mädchen ein Jahr, und als es zurückkam, fragte die Managerin wieder: „Nun, meine Tochter hast du auch BWL gelernt, und wie man die doppelte Buchführung betreibt?“ Und sie antwortete: „Nein, Mutter, das habe ich alles nicht gelernt, ich habe gelernt, wie die Raben reden“. Da wurde die Managerin entsetzlich wütend und rief aus: „So eine Geldverschwendung! Nichts Nützliches hast du gelernt für das viele Geld, gar nichts Nützliches, und du traust dich wirklich nach Hause? Wir machen noch einen Versuch, aber wenn du dort immer noch nichts Nützliches lernst, will ich nicht mehr deine Mutter sein!“ Die Tochter ging wieder ein Jahr auf eine sündteure private Eliteschule, und als sie zurückkam und die Mutter fragte: „Nun, hast du auch das Recht in all seinen Finessen und das Marketing der Märkte gelernt?“, so antwortete sie: „Nein, meine liebste Mutter, das habe ich nicht gelernt, ich habe gelernt, wie die Bullen und Bären untereinander sprechen“. Da vergaß die Managerin all ihre Anti-Aggressions-Kurse und bekam einen Wutanfall und schickte das Mädchen aus der schicken Villa hinweg, damit sie fortan für sich selbst sorge und nicht mehr ihre Tochter sei.

Das Mädchen verließ traurig die Villa und wanderte in die Nacht hinaus. Unter der Brücke bei den Obdachlosen bat sie um ein Unterkommen, und die sagten ihr, wenn sie ganz unten beim Fluss schlafen wolle, wo die Ratten herumliefen, so sei dort noch jede Menge Platz; sie solle sich aber hüten, die Ratten seien gefährlich und würden schlimme Krankheiten übertragen und die Menschen damit ins Elend stürzen. Das Mädchen jedoch hatte keine Angst und ging zu den Ratten, die sie freundlich begrüßten. Am nächsten Morgen kam sie unversehrt wieder vom Fluss empor und sagte den Obdachlosen: „Die Ratten haben mir in ihrer Sprache offenbart, dass nur die Menschen aus ihrem ganzen Leben ein Rattenrennen machen; sie sollten sich lieber mehr Zeit nehmen und sich gesünder ernähren, dann würden sie auch nicht mehr den unschuldigen Tieren die Schuld an ihrem Elend und ihren Krankheiten geben“. Und damit wanderte sie weiter in die große Handelsstadt. Da traf sie in einem Park eine Rabenmutter, die in ihrem Nest bei ihren Rabenkindern saß und vor sich hin krächzte. Sie horchte auf, und als sie hörte, was die Rabenmutter zu sagen hatte, wurde sie ganz nachdenklich und noch trauriger.

Schließlich kam sie ins Zentrum der großen Handelsstadt. Dort wurde gerade händeringend eine Frau für den Vorstand einer Großbank gesucht, die ihre Frauenquote nicht erfüllen konnte und deshalb zerschlagen werden sollte. Unter den in der Börse versammelten Managern war große Uneinigkeit über die Kandidatinnen, und man vereinbarte schließlich, dass man das nächste Ansteigen des Aktienindexes um 100 Punkte als Zeichen dafür nehmen würde, wer für den Posten am geeignetsten sei. Als das Mädchen nun das Börsengebäude betrat, machte der Aktienindex gerade einen großen Sprung nach oben, und viele Herren in schwarzen maßgeschneiderten Anzügen mit handgenähten Lederschuhen stürmten auf sie zu und fragten sie auf der Stelle, ob sie in den Vorstand der Großbank wollte. Aber sie war unsicher, denn sie hatte keine Ahnung von Wechselkursen und Hedgefonds und Derivathandel. Aber der Bär und der Bulle, die am Eingang standen, murmelten ihr beide zu und ermutigten sie, und so sagte sie endlich ja. Da wurde sie eingestellt und bekam ihren Millionen-Boni-Vertrag. Sie hatte auch weiterhin keine Ahnung von Wechselkursen und Hedgefonds und Derivathandel, aber darauf kam es sowieso nicht an, und der Bär und der Bulle sagten ihr auch weiterhin alles ins Ohr, was sie wissen musste, und die Ratten lehrten sie, trotzdem aus ihrem Leben kein Rattenrennen zu machen. Und sie half mit ihren Millionen-Boni vielen anderen Frauen Karriere zu machen, und die kluge Rabenmutter, die gerade das Gegenteil von dem war, was die Menschen in ihrer Hochmut und Dummheit eine Rabenmutter nennen, behütete und umsorgte sie und ihre Töchter und Söhne wie ihre eigenen Rabenkinder ein Leben lang.



Die weiße Schokoladenschlange

 

Auf die Familientafel wurde alle Mittage eine verdeckte Schüssel gesetzt, und wenn alle aufgestanden waren, aß der Vater noch allein daraus, und es wusste niemand in der ganzen großen Patchworkfamilie, was das für eine besondere Speise war. Die älteste Tochter aber ward endlich neugierig, was denn in der Schüssel sein könnte, und als der Vater ihr einmal auftrug, die Schüssel zum Abwaschen zu bringen, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten, trug sie heimlich in ihr Zimmer und machte den Deckel auf. Da sah sie eine wunderschöne weiße Schokoladenschlange, und als sie sie ansah, bekam sie große Lust, auch davon zu essen, brach sich ein Stück ab und verschlang es. Kaum aber hatte die Schokolade ihre Lippen berührt, so verstand sie auf einmal die Tiersprache und hörte, was die Hauskatze zum Haushund sagte (es war aber nichts Nettes).

Am gleichen Tag noch verlor der Vater den Autoschlüssel für sein Lieblingsauto, und der Verdacht fiel auf die älteste Tochter, die schon immer gern damit fahren wollte. Wenn sich bis zum nächsten Morgen der Schlüssel nicht finden sollte, so drohte der Vater, würde sie bestraft werden, ob sie es nun gewesen sei oder nicht. Die Tochter ward traurig und ging in die Garage. Da hatte sich der Marder versteckt, und sie hörte, wie er vor sich hin kicherte und zu seiner Marderfrau sagte: „Das Lederetui mundet ganz vorzüglich!“ Da nahm die Tochter das Ultraschall-Gerät „Marderschreck“, schaltete es ein, und flugs ließen die Tiere den Schlüssel liegen und suchten das Weite. Sie aber brachte den Schlüssel samt Etui zum Vater, der erstaunte und dem es nun leid tat, dass er sie zu Unrecht verdächtigt hatte. Darum erlaubte er ihr, endlich den Führerschein zu machen, und sobald sie ihn hätte, sollte sie auch mit dem Lieblingsauto fahren dürfen. Die Tochter aber blieb traurig in ihrem Herzen, schlug alles aus und wollte nicht länger bei der Patchworkfamilie bleiben; sie bat nur um Geld für den Führerschein und ein E-Bike, das der Vater sowieso nicht benutzte.

Am nächsten Morgen fuhr sie fort auf ihrem E-Bike und kam an der Universität vorbei. In flachen Containern waren dort Affen gefangen, an denen die Wissenschaftler ihre Experimente vollführten, und sie hörte sie laut klagen, dass sie so einen grausamen Tod für billige Hautcremes und unnütze Potenzmittel sterben müssten. Da befreite sie die Affen aus ihren Käfigen, und sie riefen ihr zu: „Wir wollen daran gedenken und dir’s vergelten!“
Sie fuhr weiter mit ihrem E-Bike und kam am Tierheim vorbei. Dort hörte sie einen Hund klagen, der eingeschläfert werden sollte, denn sein Besitzer wollte ihn nicht mehr, weil er zu viel auf die teuren Ledersofas haarte. Es hatte sich aber kein neues Herrchen und auch kein Frauchen für ihn finden wollte, denn er war schon alt und haarte wirklich sehr viel. Da gab sie den Tierheim-Mitarbeitern ihr ganzes Führerscheingeld und befreite alle herrenlose Hunde und Katze aus ihren Zwingern, und sie bellten und miauten im Chor: „Wir wollen daran gedenken und dir‘s vergelten!“

Sie fuhr weiter mit ihrem E-Bike und kam in einen großen Park, wo gerade Giftköder gegen die Taubenplage ausgelegt wurden, und die Tauben klagten laut, dass sie jetzt dem Futter nicht mehr vertrauen könnten und Hungers sterben würden oder elendig vergiftet. Da verschenkte sie ihr E-Bike an einen Rentner, den sie bat, täglich die Giftköder wieder einzusammeln und dafür artgerechtes Vogelfutter auszulegen; und die Tauben girrten im Chor: „Wir wollen daran gedenken und dir‘s vergelten!“

Der Rentner aber erzählte ihr von den großen Problemen der Stadt, in der die Alten immer einsamer würden, und die Kinder nicht mehr fröhlich seien und die Ehepaare sich die ganze Zeit stritten. Es sei aber ein großer Preis für denjenigen ausgesetzt worden, der all diese Probleme lösen könnte. Und während sie noch überlegte, wie sie es anstellen könnte, dass die Kinder wieder fröhlich würden und die Alten weniger einsam und die Eheleute wieder liebevoll, da kamen die Affen gelaufen aus dem Versuchslabor und fingen an, mit den Kindern zu spielen, die bisher die ganze Zeit stumm auf ihre PlayStations oder ihre Smartphones geschaut hatten. Und nach ihnen kamen die aus dem Tierzwinger befreiten Hunde und Katzen gelaufen und setzten sich zu den Alten auf die Parkbänke und ließen sich von ihnen streicheln und gingen langsam mit ihnen um die Teiche. Jedes Ehepaar aber erhielt ein Paar Turteltauben aus dem Stadtpark, und sobald die Eheleute wieder streiten wollten, fingen die Tauben laut an zu gurren und miteinander zu schnabeln, dass es allerliebst war zuzuschauen. Die Tochter aber bekam ihren Preis von der Stadt, sie machte ihren Führerschein und wurde Super-Ministerin für liebevolles und friedliches Zusammenleben aller Kreaturen unter dieser Sonne.



Die Boten des Alters

Vor alten Zeiten wanderte einmal ein Kung-Fu-Meister auf der großen Landstraße, da sprang ihm plötzlich eine unbekannte Frau in den Weg und rief: „Halt! Keinen Schritt weiter!“ „Was, du Maus, die ich mit einem kleinen Handgriff aufs Kreuz legen kann, du willst dich mir in den Weg stellen? Was denkst du eigentlich, wer du bist?“, fragte der Kung-Fu-Meister. „Ich bin das Alter“, erwiderte die Frau, „und meinen Befehlen widersetzt sich niemand!“ Der Kung-Fu-Meister aber weigerte sich und begann mit dem Alter zu kämpfen. Es war ein langer und heftiger Kampf, zuletzt behielt der Kung-Fu-Meister die Oberhand und legte das Alter mit einem geschickten Griff so schnell und hart aufs Kreuz, dass es neben einem Stein zusammensank. Der Kung-Fu-Meister ging seiner Wege, und das Alter lag da und war so kraftlos, dass es sich nicht wieder erheben konnte.

„Was soll nun werden“, sprach das Alter zu sich, „wenn ich hier liegenbleibe? Bald wird es nur noch junge Menschen geben auf der Welt, und der Leichtsinn wird überhand nehmen und alle werden nur noch Spaß haben wollen und keiner übernimmt mehr Verantwortung für irgendetwas!“ Indem joggte eine junge Frau des Weges, hübsch und gestylt, einen IPod im Ohr. Als sie das hilflos daliegende Alter sah, nahm sie ihren winzigen Kopfhörer aus dem Ohr, flößte ihm etwas von ihrem Energy Drink ein und wartete, bis das Alter wieder zu Kräften kam. „Weißt du auch“, fragte das Alter, „wem du gerade geholfen hast?“ „Nein“, sagte die junge Joggerin, „echt keine Ahnung!“ „Ich bin das Alter“, sprach sie, „und ich verschone niemand und kann auch bei dir keine Ausnahme machen. Damit du aber siehst, dass ich dankbar bin, so verspreche ich dir, dass ich dich nicht unversehens überfalle, sondern dir erst meine Boten senden will“. „O.k., cool“, sagte die junge Frau, setzte sich die Stöpsel wieder ins Ohr und joggte fröhlich weiter und ging Party machen und genoss ihr junges Leben in vollen Zügen.

Allein Jugend und Schönheit hielten nicht lange aus, und irgendwann bekam sie einen Muskelfaserriss beim Halbmarathon und musste aufhören. Und als die ersten Falten bekam, ließ sie sich liften und Botox spritzen, aber irgendwann nützte auch das nicht mehr, und lachen konnte sie sowieso schon lange nicht mehr. Und vom vielen Partymachen waren ihre Ohren ruiniert, und schon bald brauchte sie ein Hörgerät, und gleich darauf kam auch die Gleitsichtbrille. „Aber ich werde doch nicht alt“, sagte sie, „denn das Alter sendet doch erst seine Boten!“ Und so ließ sie sich noch einmal liften, aber als sie die Klinik verließ, klopfte ihr jemand von hinten auf den Rücken, und das Alter stand da und sagte zu ihr: „Ich bin gekommen, damit du dich von deiner Jugend und deiner Schönheit verabschiedest und endlich anfängst, dich auf deine Rente vorzubereiten“. „Echt?“, rief die Frau, „das finde ich aber nicht fair, du hast doch versprochen, zuerst deine Boten oder so zu schicken!“ „Halt den Mund“, sagte das Alter, „habe ich dir nicht wirklich genug Boten geschickt? Was war mit dem Meniskus bitteschön? Und warum trägst du ein Hörgerät und eine Gleitsichtbrille? Von den zweiten Zähnen und den gefärbten Haaren gar nicht zu reden! Und hat über das alles meine leibliche Schwester, der Spiegel, dich nicht erinnert und gemahnt jeden Tag?“ Die Frau wusste nichts zu erwidern, ergab sich in ihr Geschick und ließ ihren Rentenverlauf klären und begann mit Gedächtnistraining und Tai-Chi und machte nicht mehr Party, sondern ging zu Volkshochschulvorträgen und ließ ihre Wohnung seniorentauglich umbauen.


Die Boten des Todes 

Vor gar nicht langer Zeit wanderte einmal ein Roboter auf der großen Landstraße, da sprang ihm plötzlich ein unbekannter Mann in den Weg und rief: „Halt! Keinen Schritt weiter!“ „Was, du Menschlein, das ich mit einem Schlag meiner Roboterfaust in den Staub hämmern kann, du willst dich mir in den Weg stellen? Was denkst du eigentlich, wer du bist?“, fragte der Roboter. „Ich bin der Tod“, erwiderte der Mann, „und meinen Befehlen widersetzt sich niemand!“ Der Roboter aber weigerte sich und begann mit dem Tod zu kämpfen. Es war ein langer und heftiger Kampf, zuletzt behielt der Roboter die Oberhand und hämmerte den Tod mit seiner Roboterfaust so mächtig in den Staub, dass er neben einem Stein zusammensank. Der Roboter ging seiner Wege, und der Tod lag da und war so kraftlos, dass er sich nicht wieder erheben konnte.

„Was soll nun werden“, sprach der Tod zu sich, „wenn ich hier liegenbleibe? Die Menschen werden mit all ihren künstlichen Maschinen und ihren pharmazeutischen Hilfsmitteln ihr Leben so lang verlängern, dass überhaupt niemand mehr stirbt, sondern alle nur noch ihren Verstand und ihr Gedächtnis verlieren und hilflos und einsam vor sich hin verkümmern werden!“ Indem kam ein Junge des Weges auf seinem Skateboard und war hübsch und gesund und konnte die tollsten Skater Tricks. Als er den hilflos daliegenden Tod sah, stellte er sein Skateboard beiseite, flößte ihm etwas von seinem Energy Drink ein und wartete, bis der Tod wieder zu Kräften kam. „Weißt du überhaupt“, fragte der Tod, „wem du gerade geholfen hast?“ „Nee“, sagte der Junge, „irgend so einem Grufti, echt keine Ahnung!“ „Ich bin der Tod“, sprach er, „und ich verschone niemand und kann auch bei dir keine Ausnahme machen. Damit du aber siehst, dass ich dankbar bin, so verspreche ich dir, dass ich dich nicht unversehens überfalle, sondern dir erst meine Boten senden will“. „Cool, Alter“, sagte der Junge, schwang sich wieder auf sein Skateboard und skatete weiter.

Allein Jugend und Gesundheit hielten nicht lange aus, und irgendwann konnte der  junge Mann nicht mehr die Nächte durch feiern und brauchte Pillen zum Aufputschen, und dann konnte er nicht mehr ruhig werden und brauchte Pillen zum Einschlafen. Und mit dem Sex klappte es auch nicht mehr, und er brauchte Viagra, damit es wieder klappte, und das machte ihn depressiv, deshalb brauchte er Stimmungsaufheller. Und die vielen Pillen schlugen ihm auf den Magen, deshalb brauchte er säurehemmende Pillen, und vor lauter Aufregung bekam er Herzrhythmusstörungen und brauchte Betablocker. Und als es gar nicht mehr ging mit dem Herz und mit dem Laufen und überhaupt, bekam er ein neues Herz und eine neue Hüfte, aber da fing er schon an zu vergessen, welche Pillen er wann nehmen musste, weil sein Gedächtnis nicht mehr funktionierte, und dafür gab es noch keine Pillen. In seinen helleren Momenten erinnerte er sich manchmal an die seltsame Begegnung in seiner Jugend und sagte sich: „Aber ich werde doch nicht sterben, der Tod sendet doch erst seine Boten, das sind alles nur Wehwehchen, und wenn ich noch mehr Pillen nehme, wird alles wieder wie früher!“ Und dann vergaß er das auch wieder. 

Aber eines Tages klopfte ihm jemand von hinten auf den Rücken, und der Tod stand da und sagte zu ihm: „Folge mir, die Stunde deines Abschieds von der Welt ist gekommen“. „Was?“, fragte der Mann, und als der Tod noch einmal laut und deutlich seine Worte wiederholt hatte, beklagte er sich: „Willst du dein Wort brechen? Hast du mir nicht versprochen, zuerst deine Boten zu schicken, bevor du mich endgültig abholst?“ „Halt endlich den Mund“, sagte der Tod, „habe ich dir nicht wirklich genug Boten geschickt? Hast du nicht ein neues Herz und neue Gelenke, weil du nicht mehr laufen konntest, hast du nicht Pillen fürs Schlafen und fürs Verdauen und für die Stimmung und gegen die ganzen Nebenwirkungen der ganzen anderen Pillen genommen, bis du völlig den Überblick verloren hast? Und hat über alles das meine leibliche Schwester, die Demenz, dich nicht darauf vorbereitet, dass du eines Tages gar nichts mehr von dir selbst wissen wirst und es dir egal ist, ob du lebst oder stirbst?“ Der Mann wusste nichts zu erwidern, er hatte auch schon vergessen, wer eigentlich da vor ihm stand, aber er ergab sich in sein Geschick und ging mit dem Tod fort für immer.


Vorlagen

Hans Christian Anders: Des Kaisers neue Kleider: Des Politikers neuer Bahnhof

Für alle weiteren: Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

Rapunzel: Aprimezi

Frau Holle: Frau Plitschplatsch

Die Lebenszeit: Die Lebenszeit - Intelligent Design, Die Lebenszeit - Kunststücke

Der Arme und der Reiche: Der arme Philosoph und der reiche Bankdirektor

Simeliberg: Allesmeins

Die drei Faulen: Die drei faulen Manager; Die drei faulen Politiker

Der Bärenhäuter: Der mit dem Bär tanzt 

Der Teufel und seine Großmutter: Der Teufel und sein Uropa

Die drei Sprachen: Die drei Sprachen

Die weiße Schlange: Die weiße Schokoladenschlange

Die kluge Else: Die kluge Chantal

Dornröschen: Fusswellchen

Das tapfere Schneiderlein: Der tapfere Besenbinder; Der mutige Gemischtwarenhändler

Die drei Brüder: Die drei Schwestern; Die drei Finanzgenies

Aschenputtel: Basar-Liese; Putzi-Peter

Die Erbsenprobe: Die Kursprobe; Die Trendprobe

Die Boten des Todes: Die Boten des Todes; Die Boten des Alters

Die Bremer Stadtmusikanten: Die australischen Luftschlossbauer