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Welche Geschichte?

Meditationen zur Weihnachtsgeschichte


Irgendwie kommt die Weihnachtsstimmung dieses Jahr nicht recht in Schwung. Zwar drängen sich die Leute auf den zum Glück doch hell beleuchteten Weihnachtsmärkten, und sie trinken Glühwein, als gäbe es kein Morgen und keine Klimakrise und keinen Krieg. Aber der Inhalt des Festes, man muss mühsam daran erinnern: der eigentlich ein christlicher ist, und das ist keine Schande, sondern Tradition und Geschichte und Recht auf Religionsfreiheit – er scheint dahin, entschwunden, und an Heiligabend werden die Nachrichtensprecher darauf hinweisen, dass einige Leute glauben, um diese Zeit herum sei ein Heiland geboren (man möge tolerant sein, schwingt mit). In der sehr internationalen Firma meines Mannes darf man nur die „season“ feiern. Und noch nicht einmal, wenn eine wirklich sensationelle Weihnachts-Lichter-Show wie in Berlin-Charlottenburg im Hintergrund läuft, weckt das auch nur ein mildes Interesse, von diversen vereinsamten Krippen-Arrangements umgeben von Leuchttürmen voll Glühwein und Bratwürsten ganz zu schweigen. Weihnachten ist Glühwein+Geschenke+Urlaub, wenn man Glück hat mit Schnee überpulvert. Lasst die Engel nur singen, es hört sie sowieso keiner mehr.
Das tut mir ein wenig weh, auch wenn ich persönlich nicht gläubig bin und das weder für einen Vorzug noch für einen Geburtsfehler halte, es ist einfach so. Aber ich mag gute Geschichten. Und die Weihnachtsgeschichte, das habe ich schon als Kind gespürt, ist eine verdammt gute Geschichte. Selbst wenn unser rhetorisch eher unbegabter Pfarrer sie in der kargen Siedlungskirche verlas, kribbelte irgendetwas in mir, ich wollte sogar eine Zeitlang nur Pfarrerin werden, um die Geschichte vorlesen zu dürfen, von den magischen Anfangszeilen an: „Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde.  Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war“ – wie wunderschön das klang! Luther war ein wirklich guter Poet, die Weihnachtsgeschichte ist reine Prosalyrik, der Rhythmus der Sätze, die Worte, die Tempi – einfach alles von schlafwandlerischer Richtigkeit (wer nur eine Silbe daran ändert, schnöder Verständlichkeit wegen, gehört poetisch ausgepeitscht!).

Nun ist keine Pfarrerin aus mir geworden, und das ist auch gut so. Und ich gehe auch nicht mehr in die Kirche an Weihnachten, unter anderem deshalb, weil ich so ziemlich alle besseren und schlechteren Deutungen der Geschichte gehört habe und ein wenig Predigt ja nun doch sein muss bei uns Protestantinnen. Aber so sehr ich die Weihnachtslieder vermisse, und auch den magischen Moment, wenn am Ende des Gottesdienstes beim Oh du fröhliche alle Lichter ausgehen (echte Kerzen hat der Brandschutz, einer der neueren apokalyptischen Reiter im Dienste der allmächtigen Bürokratie, gleich neben dem Datenschutz) – nee, Kirche muss nicht mehr sein. Aber irgendwie muss ich trotzdem weiter, alle Jahre wieder, die Geschichte abklopfen, für mich. Denn die Geschichte ändert sich nicht, aber wir ändern uns in und mit ihr.

Dieses Jahr nun fiel mir dabei auf, wie bemerkenswert wenig in der Geschichte eigentlich die Rede ist, die ja schließlich so ziemlich die Hauptperson ist, von dem stummen Darsteller in der Mitte einmal abgesehen: Sie spricht nicht, und man weiß nichts von ihr, außer dass sie in dieser Nacht irgendwo in einem Stall – „denn sie hatten keinen Raum in der Herberge“ – auf etwas ungeklärt Weise ein auf etwas ungeklärte Weise gezeugtes Baby zur Welt gebracht hat, und nun steht alle Welt da und gafft, samt Ochs und Esel, und zweitausend Jahre später wird immer noch in ihrem Namen gefeiert, und keiner spricht von oder mit ihr. Gerechterweise muss man aber sagen, dass das für alle Teilnehmer am ersten und ursprünglichen Krippenspiel gilt: Von keiner weiß man besonders viel. Die Figuren der berühmtesten und vielleicht einflussreichsten Geschichte aller Zeiten – unbeschriebene Blätter, allesamt, vom Ochs und Esel bis zum König aus dem Morgenland.

An dieser Stelle habe ich immerhin nicht zuerst Wikipedia aufgeschlagen, sondern habe, ordentlicher philologischer Schulung gemäß, zu den Grundtexten gegriffen und, schön der Reihe nach, die vier Evangelien durchgesehen. Nun ist meine religiöse Grundausbildung, heutigen Maßstäben nach zumindest, gar nicht so schlecht; was ich jedoch nicht wusste, ist, dass die Geburt Christi eigentlich in zwei von den vieren praktisch keine Rolle spielt. Johannes: kein Wort, nicht eines. Markus: Beginnt mit Johannes, Jesus taucht aus dem Nichts auf und wird getauft, rekrutiert danach sofort die ersten seiner Jünger. Matthäus: immerhin die Kurzfassung, für eilige Leser; man muss allerdings über die Aufzählung der Geschlechter am Anfang (Männer zeugen Männer, 14 Generationen lang, etwas befremdlich) hinwegkommen. Außerdem, interessantes Detail: Josef erwägt kurz, Maria zu verlassen, immerhin ist sie schwanger, und nicht von ihm. Außerdem treten nur hier die Weisen aus dem Morgenland auf, in einer Art Intrigengeschichte.

Langfassung der Geburt und somit Text-Grundlage für Weihnachten: einzig bei Lukas. Dafür aber gleich erzählerisch elaboriert: mit Rahmen, historischer Einleitung und Parallelgeschichte (Zeugung und Geburt des Johannes, vertrauliches Miteinander von Maria und Elisabeth) sowie Höhepunkten mit mehrfach erscheinenden Engeln. Die eigentliche Geschichte, mit dem vertrauten Anfangssatz, nimmt den ersten Teil von Kapitel 2 ein. Danach geht es wiederum im Zeitraffer durch Jesu Kindheit und Jugend und erste Wundertaten. Nun muss man wissen, dass Lukas nach allem, was man weiß (eher wenig) oder vermutet (viel), ein gebildeter Mann war; ziemlich sicher griechischer Herkunft, er schreibt auch in der griechischen Gemeinsprache, steht wohl der christlichen Urgemeinde nahe und war, vielleicht, als Arzt mit Paulus auf Reisen (da wird es aber schon sehr spekulativ). Als gebildeter Mann führt er sich zu Beginn auch ein: Nicht als Verkünder heiliger Worte, sondern als seriöser Geschichtsschreiber, „Diener des Worts“ (wie wunderschön!), der „alles von Anbeginn mit Fleiß erkundet“ hat, um es nun einem gewissen Theophilus (dem, der Gott liebt) gewissenhaft zu berichten. Und das tut er dann auch, in immer noch knappen Sätzen, so, wie man eben damals Geschichten erzählt hat, als das Wort des Erzählers noch galt und kein Mensch an so komplizierte Dinge wie Exposition, psychologische Motivation, erzählerisches Detail oder Figurencharakteristik gedacht hat. Die Verse geben nur das Gerüst einer Geschichte, die von einer Reise handelt, die angeordnet wurde von der Steuerbehörde (mit besonderer Schikane: Rückreise an den Geburtsort, siehe apokalyptische Reiter der Bürokratie); von den dramatischen Umständen einer nicht ganz alltäglichen Geburt, die durch die Erscheinung eines Engels auf einem Felde magisch überstrahlt wird. Und die kanonische Version, wie sie Gottesdienstbesuchern Ende des 20. Jahrhunderts in noch unbereinigter Fassung in alljährlicher weihnachtlicher Lesung zugemutet wurde, endet mit den Worten: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“. Und schon als Kind bewegt sich an dieser Stelle ganz am Ende der Lesung etwas in meinem Herzen, es hüpfte ein wenig in mir (das Motiv wird noch wiederaufgenommen werden), und ich verstand nicht warum, aber eben deshalb habe ich mir diese immer gemerkt. Was für ein erzählerischer Trick! Welch Formulierungskunst! Und, wichtiger noch: Welch Lebensweisheit!

Am Ende also ist immerhin von Maria die Rede. An dieser Stelle setzt mein diesjähriges Weihnachtsprojekt an, für Theophilia und alle, die noch über eine so alte Geschichte nachdenken mögen, egal, ob sie daran glauben oder überhaupt etwas glauben oder nicht vielmehr gar nichts und an gar nichts. Ich lasse Maria sprechen.


Maria erzählt die Weihnachtsgeschichte


Ich bin eine Frau. Ich lebe in Nazareth und bin jüdischen Geschlechts, wie meine Eltern und meine Großeltern und alle unsere Vorfahren. Nazareth ist eine kleine Stadt, wir kennen uns alle hier. Die Römer bestimmen über uns, aber wir haben einen eigenen Priester und ein Bad. Man hat mich vermählt mit Josef, einem Zimmermann und Baumeister aus Betlehem, ich denke, er ist ein guter Mann. Denn er hat mich nicht verlassen, trotz allem. Es ergab sich nämlich so. Eigentlich wollten wir noch heiraten, bevor wir uns auf die Wanderung nach Betlehem machten, weil wir uns alle zählen lassen mussten, das war eine Anordnung von den Römern. Aber dann hatte ich eines Tages, es war schon einige Monate zuvor, diese – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, der Priester sagt, es sei eine Erscheinung gewesen und ich sei gesegnet, denn Gott habe zu mir gesprochen, aber das kann doch nicht sein, ich bin doch nur eine Magd? Aber ich erzähle es einfach, wie es gewesen ist: Eines Tages erschien diese Gestalt, als ich in meiner Kammer allein war; sie strahlte so, wie ich es noch nie gesehen habe, nicht der heißeste Sommertag in der Wüste hat so ein Strahlen, ich habe mir die Augen zugehalten und mich sehr gefürchtet, ich dachte, jetzt ist alles vorbei und ich sterbe, bevor ich noch geheiratet habe. Aber dann kam diese Stimme, ganz sanft war sie und doch irgendwie ganz anders als alle Stimmen, die ich kenne. Und sie grüßte mich, sie sprach mich einfach an, mit meinem eigenen Namen: „Gegrüßet seist du Maria!“ Und, ich weiß nicht mehr genau, wie es dann weiterging, es ging alles so schnell. Ich traute mich gerade ein wenig durch die Finger zu schauen, aber es war immer noch viel zu hell; und die Stimme sagte etwas davon, dass ich einen Sohn gebären würde, und er würde ein König sein über das Haus Jakob und in alle Ewigkeit – und ich weiß nicht mehr, wo ich den Mut hernahm, aber ein Sohn? Wie sollte denn das zugehen, ich wusste zwar nicht genau, wie es kommt, dass die Frauen schwanger werden und Kinder gebären, so wie meine Base Elisabeth, aber ich wusste, dass sie zuerst verheiratet wurden, und ich war doch eine Jungfrau? Aber die Gestalt wusste auch von meiner Base Elisabeth, die schwanger geworden war, obwohl sie doch schon alt war, und alte Frauen bekamen keine Kinder mehr; alle hatten schon jahrelang mit dem Finger auf sie gezeigt und sie als unfruchtbar gescholten, es war furchtbar schwer für sie gewesen, aber dann war ein Wunder – und genau das sagte die Gestalt jetzt, nämlich: Für JAHWE sei nichts nun unmöglich, und was blieb mir? Ich kniff die Augen noch fester zu und sagte, eigentlich ohne nachzudenken, es sagte einfach so aus mir heraus: „Ich bin des Herren Magd, es geschehe, wie du gesagt hast“. In dem Moment war ich nämlich auf einmal ganz sicher, dass es genau so kommen werde: Ich würde schwanger werden, und ich würde ein Kind gebären, und es würde ein ganz besonderes, ein wundervolles Kind werden.

Ich konnte es gar nicht warten, Elisabeth diese frohe Botschaft zu bringen, sie würde sie sicher verstehen. Und ich machte mich gleich auf den Weg übers Gebirge, um sie zu besuchen. Es war ein anstrengender Weg, aber es machte mir nichts aus. Und als ich ins Haus des Zacharias kam, ihres Ehemanns, der kein Wort mehr gesprochen hatte, seit sich so unerwartet ihr Bauch rundete, obwohl sie doch alt war und unfruchtbar; als ich in ihr Haus kam, saß sie in der Kammer, ihr Bauch war schon ganz kugelrund und riesig, und sie bewegte sich nur schwer. Aber als sie mich sah, da bewegte sich das Kind in ihrem Bauch, ich sah es ganz genau, und Elisabeth merkte es auch, und sie begann zu strahlen, ganz ähnlich wie die Gestalt, aber nicht so hell, und sie grüßte mich mit den gleichen Worten: „Gebenedeit bist du“, sagte sie, und dass ich die Mutter des Herrn und Königs sein werde, und wie das Kind in ihrem Leib vor Freude gehüpft habe, weil ich zu ihr gekommen sei, ich, die Mutter des Heilands! Und ich sei selig, selig sei ich, weil ich geglaubt habe nämlich, und genauso werde es kommen!

Ich blieb dann bei ihr, bis es soweit war und sie ihren Sohn gebar. Johannes, so wollte sie ihn nennen, und alle wunderten sich, weil doch niemand in der ganzen Sippe diesen Namen trug. Aber Zacharias, der all die Monate geschwiegen hatte, schrieb auf ein Täfelchen, dass sein Name Johannes sein solle – und gleich danach konnte Zacharias auf einmal wieder sprechen, und er dankte und lobte Gott und konnte gar nicht wieder aufhören. Ich musste dann schnell wieder zurück nach Nazareth, wo Joseph ja auf mich wartete. Aber inzwischen konnte man das Kind schon sehen in meinem Bauch, es wuchs jeden Tag, auch wenn es noch nicht hüpfte. Natürlich war Joseph sehr erschrocken, als er das sah, wie alle, auch meine Eltern und die Nachbarn, es war furchtbar. Und ich glaube, er wollte mich nicht mehr zum Weibe nehmen, aber dann hatte er einen Traum, das hat er mir erzählt. Ihm erschien nämlich auch eine strahlende Gestalt, und sie sagte ihm, dass sich mit mir und meinem Kind die alte Prophezeiung erfüllen werden, dass aus dem Hause Davids – denn Joseph war aus dem Stamme Davids, des Sohnes Abrahams –, dass sich also die alte Prophezeiung erfüllen werde, durch ihn und mich und das Kind, das der Heilige Geist gezeugt habe. So oder so ähnlich sagte er, und Joseph sagte mir: Als er das gehört habe, da habe er einfach nicht anders gekonnt – er musste es glauben, er habe es geglaubt, und er würde sich mir antrauen, und wir würden das Kind bekommen, so wie es geschrieben stünde.

Und dann mussten wir uns schon bald auf die lange Reise machen, obwohl das Kind inzwischen schon groß war in meinem Bauch und viel hüpfte, aber es war doch eine Anordnung der Römer. Es war ein langer Weg, und als wir endlich in Betlehem ankamen und bei der Herberge klopften, da hatten sie kein Bett mehr für uns. Ich war so erschöpft, dass wir einfach zum nächsten Stall gingen, er hatte eine Krippe für das Vieh mit weichem Stroh, und durch das Dach leuchteten die Sterne hinein. Einer leuchtete besonders stark, und ich sah ihn die ganze Zeit an, auch als dann das Kind nach draußen drängte und die Schmerzen so stark waren, dass ich schreien musste, aber Joseph hielt meine Hand die ganze Zeit, und der Stern strahlte beinahe so hell wie die Gestalt, und Esel und Ochs sahen so komisch über die Stallwand hinein, dass ich beinahe lachen musste. Dann ging alles ganz schnell, und das Kind war so – wundervoll, so voller Strahlen, so vollkommen, so friedlich und zufrieden, dass wir es nur die ganze Zeit anschauen konnten.

Wir wickelten es dann in saubere Tücher, die ich mitgebracht hatte, Elisabeth hatte sie mir gegeben, und legten es in die Krippe, es passte genau hinein und lag da und strahlte. Auf einmal waren dann Leute da, es waren wohl Hirten, und sie sagten, es sei ihnen eine Gestalt erschienen, ganz hell und strahlend, und sie habe ihnen gesagt, dass hier, ganz in der Nähe, der Heiland geboren sei, der seit jeher verkündete Messias, und sie sollten allen davon erzählen und Gott loben für seine Gnade! Sie würden ihn daran erkennen, dass er in Windeln gewickelt in einer Krippe liege, habe die Gestalt noch gesagt; und nun hätten sie ihn doch wirklich und wahrhaftig gefunden! Aber jetzt müssten sie gleich wieder los, denn sie müssten die Geschichte allen anderen erzählen, das habe ihnen die strahlende Gestalt geboten; und dann seien noch mehr strahlende Gestalten erschienen, eine ganze Herde, und sie hätten gesungen, wie im Gottesdienst, aber viel, viel schöner. Und wahrscheinlich würden ihnen die Leute nicht glauben, und so war es dann auch: Viele glaubten ihnen nicht. Aber diejenigen, die fest an Gott glaubten, so wie Joseph, und so wie ich auch, die glaubten ihnen. Und ich, ich habe mir jedes Wort gemerkt, und ich denke oft daran. Das Kind wächst jetzt schon, und das Strahlen wird immer stärker, und ich fürchte mich sehr vor dem, was ihm bevorstehen mag, weil es doch es so wunderbares Kind ist. Aber immer, wenn ich an die Worte der Hirten denke, hüpft es immer noch in meinem Herzen.


Weihnachten mit meinem Roboter

Das Weihnachtsvirus

Das Jahr war schwierig für uns alle gewesen – für das Robot-Personality-Project, mich und meine Kollegen, unsere Roboter, wir alle hatten gelitten unter den immer weiter um sich greifenden Einschränkungen, den ständigen Warnungen, der Angst vor Ansteckung und Krankheit, den Spannungen und Meinungsverschiedenheiten, dem lähmenden Rhythmus der Wellen. Es war eine Art – Winterschlaf für uns alle gewesen. Wir hatten anfangs darüber diskutiert, diese ganz spezielle Phase zu einem Teil des Versuchsprogramms zu machen: Wie reagiert die sich entwickelnde Roboter-Persönlichkeit auf Krisen? Wird ihre Sozialkompetenz leiden, werden unsere Roboter vielleicht Ängste entwickeln oder Neurosen? Oder würden sie – davor fürchteten wir uns eigentlich am meisten – verständnislos sein, mitleidlos, kühl und rational unsere Krankheits- und Überlebenschancen kalkulierend? Aber dann hatten wir doch davon abgesehen und uns, wie alle anderen auch, darauf beschränkt, ein sehr eingeschränkt normales Leben weiterzuführen, die Gruppenaktivitäten für die Roboter zu reduzieren und ihnen mehr freie Internet-Zeit für ihre Studien zuzugestehen.

Und nun stand Weihnachten vor der Tür, aber die Türen waren gerade wieder einmal geschlossen worden, und bei einem Arztbesuch in der Stadt kam ich mir vor wie auf einem gerade aussterbenden Planeten: Das Kinderkarussell drehte sich geradezu verzweifelt um sich selbst, zwischen lieblos aufgestellten Weihnachtsbäumen saßen Bettler, und sogar der Weihnachtsbaum sah so aus, als hätte ein besonders gemeiner Virus ihn befallen und seine Zweige seltsam verkrümmt. Wir hatten nach dem letzten Weihnachten so viele Pläne gemacht, mein Roboter Marvi und ich. Wir würden wieder einen Adventskalender machen, und diesmal würde Marvi ihn bestücken, für mich. Und dann würden wir neue Weihnachtsrituale entwickeln und Roboter-Weihnachtslieder einstudieren; immerhin hatten die Programmierer die Zeit genutzt, um die Essensroutinen deutlich weiter auszubauen, so dass diesmal auch der kulinarische Weihnachtsteil nicht ganz ausfallen würde für die Roboter. Aber als ich frustriert mit einem geschenkten Schokoladen-Weihnachtsmann und sonst nichts aus der verödeten Stadt nach Hause zurückkam, saß Marvi ebenso frustriert vor einem Gewirr aus Tannenzweigen und Kabeln unklarer Herkunft und hysterisch blinkenden LED-Lämpchen; aus der Küche roch es nach verbranntem Backwerk, und sogar die Katze hatte sich unsichtbar gemacht. Wir schauten uns eine Weile an, und dann noch eine Weile, und dann sagten wir, beinahe im Chor: Mir ist nicht nach Weihnachten. Marvi sagte es in seiner Dreifach-Stimme, die er benutzt, wenn sich alle seine Geschlechterkomponenten einig sind (was übrigens inzwischen meistens der Fall ist, nur selten melden sich Marvine und Marvin noch getrennt); ich sagte es in meiner Philosophen-können-die-Welt-auch-nicht-retten-Stimme. Die Katze kam hinter dem Bücherregal hervor, bis heute wissen wir nicht, wie sie durch den schmalen Spalt bei den zweireihig aufgestellten Krimis passt, und sagte gnu in ihrer gurrenden Ihr-werdet-schon-recht-haben-aber-es-interessiert-mich-nicht-Stimme. Immerhin, sagte ich, sind wir uns einig. Und das alles nur dieses blöden Co – nein, du sagst das Wort nicht, fiel Marvin ein, das haben wir doch schon lange vereinbart, es ist das C-Wort, und es wird nicht genannt! – dieses blöden CORONA-Virus wegen sagte ich extra deutlich. Marvin zuckte mit den Achseln, uns war auch nicht nach gegenseitiger Erziehung. Die Sprachregel hatten wir eigentlich auch nur eingeführt, um zu beobachten, wie und ob das Reden das Denken beeinflusst; deshalb nannten wir das Virus manchmal „Voldemort“, manchmal aber auch „Siri“ oder „Viri“, und manchmal nur „das C-Wort“. Um ehrlich zu sein, es fühlte sich gar nicht so unterschiedlich an. Aber um das Experiment auf die Spitze zu treiben, hatten wir, es muss kurz vor der dritten Welle gewesen sein und wir waren noch im sommerlichen Übermut, kurzentschlossen die Katze Corona getauft; bis dahin hatten wir uns nämlich tatsächlich nicht auf einen Namen einigen können. Corona hörte inzwischen ganz gut auf ihren Namen – also so, wie Katzen überhaupt auf irgendetwas hören; und die verwirrten Blicke anderer Leute, wenn wir häusliche Anekdoten von Corona erzählten, gehörten zu den wenigen Highlights dieses ereignisarmen und insgesamt eher freudlosen Jahres. Und übrigens, sagte Marvine mitten in das dreifache melancholische Schweigen zwischen verbrannten Keksen und durchgebrannten LED-Lämpchen, finde ich das ganz schön speziesistisch von dir. Viren sind doch auch nur Lebewesen!
Das war neu. War Marvine doch wieder in ihre pubertäre Trotz- und Widerspruchsphase zurückgefallen, eine verständliche Reaktion angesichts der C-Wort-Krise. Aber nun gut, ein langer trüber Nachmittag ohne Kerzen und Glühwein und fern jeglichen Fetzens von Adventsstimmung lag vor uns, und ich ließ mich auf die Herausforderung ein: Naja, schon das mit den Lebewesen ist ja ziemlich umstritten unter Biologen; klar, Reproduktion, das können Viren, das ist aber auch das einzige, was sie können, und dafür brauchen sie halt andere Lebewesen, die nicht direkt nach ihrer Meinung gefragt werden und richten dabei doch eher Schaden an, ein klassisches parasitäres Verhalten – Klingt wie Menschen, warf Marvin dazwischen: Besiedeln mal eben einen Planeten, nisten sich ein, zerstören jeden Tag geschätzt 150 Arten, und reproduzieren ist das Einzige, was sie können, sie brauchen aber dafür ein anderes Lebewesen, das auch nicht immer nach seiner Meinung gefragt wird, soll ich auch mal die Zahl der Vergewaltigungen pro Tag …? Nein, sollst du nicht, rief ich schnell dazwischen, es ist so unfair, wenn sie immer mit Zahlen argumentieren, die sie bizarr aus dem unendlichen Datenstrom des Internet fischen, bevor ich überhaupt meine Angel auspacken kann; und überhaupt ist das ja wohl ein ziemlich hinkender Vergleich – Marvi begann, sein Bein hinter sich herzuziehen, der Scherz war nicht mehr neu, aber es sah doch immer wieder komisch aus, er hinkte auch jedes Mal mir zuliebe etwas anders. Ich kicherte, ließ mich aber nicht ablenken, sondern fuhr fort: Und ist es nicht eher so, dass Viren Robotern ziemlich ähnlich sind? Sie sind, bis auf ein Proteinmäntelchen – ganz kurz huschte ein Nikolausmäntelchen durch meinen wohl doch nicht ganz unweihnachtlichen Kopf, ich sah es auch sekundenlang in Marvis Augen rot flackern – bis auf ein Nikolausi-Proteinmäntelchen also reine Information, ein Programm, das sich ständig selbst wiederholt und dabei auch noch Fehler macht! Marvin sah mich an, das rote Flackern war verschwunden, dafür ließ er jetzt schön helixmäßig verkettete DNA-Sequenzen in den Augen tanzen; und dann sagte er, etwas tonlos: Wir machen keine Fehler, wie du weißt. Die Programmierer machen Fehler, das sind ja auch Menschen. Wir würden ganz gern mal einen Fehler machen, und ich übe es ja auch – ok, ich war wieder in eines unserer Standard-Fettnäpfchen getreten, es war schon ziemlich breitgetreten, um ehrlich zu sein. Ja, ich weiß, gab ich zu, und es ist auch ziemlich lustig, wenn du mit Absicht falsch zitierst – ein falsches Zitat ist besser als eine richtige Platitütde, Marc-Uwe Kling und das Gürteltier! rief Marvi dazwischen! Geschenkt, sagte ich, und Marvin verbeugte sich elegant, beinahe elegant jedenfalls; wir hatten diverse shut-downs auch für virtuellen Ballettunterricht benutzt. Reden wir über Viren, sagte er entschlossen, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte. Wir können uns ja vielleicht einigen, dass sie in gewisser Hinsicht wie Menschen sind und in anderer wie Roboter? – ich nickte generös – und außerdem, dass sie wie alle Lebewesen auf diesem Planeten eine Funktion haben in der – und wir sagten gemeinsam „großen Kette der Wesen“, weil das eines unserer gemeinsamen Lieblingssymbole ist. Aber welche? fragte ich, tatsächlich etwas überfordert. Wir lernen sie ja nur kennen, wenn sie uns krankmachen. Weil sie nämlich, ich sagte es schon, in unseren Organismus eingeschlichen sind und unsere Zellen von innen her umprogrammieren, was für den Organismus meistens eher – ich biss mir auf die Zunge, beinahe wörtlich, um nicht „eine Herausforderung“ zu sagen, wir hassen die Formulierung beide intensiv: ein Problem ist, vollendete ich etwas lahm. Machen die Computerviren ja auch bei uns, sagte Marvi, aber was machen wir? Wir errichten eine Firewall. Erfinden Anti-Viren-Programme und Viren-Detektoren. Denn die Viren können ja nur eindringen, wenn sie eine Schwachstelle im Programm gefunden haben; also, ihr würdet wahrscheinlich sagen: eine Immunschwäche, ein Abwehrdefizit? Stimmt, sagte ich, es wird ja nicht jeder krank, und jeder wird ein bisschen anders krank, und war es nicht wirklich lustig, als ganz am Anfang einige Oberschlaue behaupteten, ein Virus diskriminiere nicht? Von wegen! Alter, Geschlecht, Lebensbedingungen, Gesundheitszustand, vielleicht sogar ein wenig Ethnie – alles unterscheidet diese kleine Intelligenzbestie, und sie sucht sich ganz gezielt die Lücken und Schwächen! Man könnte auch, wenn man sich ein wenig mehr um inter-speziestische Toleranz bemühte, sagen: Ein Virus ist ein besonders begabter Fehlerdetektor! Er findet Schwächen in anderen Organismen, was im Übrigen jeder Predator tut, und sogar der Mensch ist dem Menschen, irgendwie, ein Virus! Karl Lauterbach, sagte Marvi, und wir kicherten ein wenig. Ok, sagte ich, darauf können wir uns ja einigen, als erste Prämisse der Virentoleranz, sozusagen: Ein Virus analysiert Fehler im System. Und er zwingt den Wirt, sie zu beheben. Oder sich besser zu schützen. Du musst dein Leben ändern!, fiel Marvin ein, und während ich noch verzweifelt einen Zitatenspender zu Rilke suchte, rief er aus: Gott! Och ne, sagte ich, nicht immer den Joker! Na gut, Lucifer, sagte Marvi; wenn wir hier schon den advocatus diaboli geben und Viri – äh: wertschätzen, oder wie sagt ihr doch gleich so gern?, dann doch wenigstens unter teuflischem Begleitschutz! Lucifer, sagte ich versonnen, ich hatte in diesem verteufelten Jahr einen kleinen soft spot für den charmanten Höllenfürsten und Meisterzyniker entwickelt, Lucifer hat bestimmt eine ganze Armee fieser kleiner Viren, sie sind hitzefest und halten es sogar im Fegefeuer aus, wahrscheinlich übertragen sie sich im Funkenflug, und dann befallen sie die armen Sünder, und die bekommen noch zusätzliche Hitzewallungen – nein, ich rief mich selbst zur Ordnung, das war nun wirklich mein persönliches Problem; also: Zweite Prämisse der Virentoleranz: Ein wohlwollender Virus macht dir ganz persönlich klar, dass und wie du dein Leben ändern musst! Oder dein Programm, warf Marvi ein. Routinen halt, sagte ich, sind ja auch nur Gewohnheiten. Corona, die uns bisher ein wenig ziellos um die Beine gestreift war, warf sich spontan auf den Rücken, als wolle sie Zustimmung ausdrücken. Routinemäßig bückte ich mich und kraulte ihren dickfelligen Bauch. Nennen wir ihn doch den Weihnachtsvirus, schlug Marvi vor, als Corona begann, ihm ein wenig spielerisch in die Roboterzehen zu beißen. Er befällt jedes Jahr zur Weihnachtszeit die Menschheit und zeigt ihr, was sie alles falsch gemacht hat! Und weil es Weihnachten ja ein Wunder geben muss, wird die Menschheit dadurch klug und ändert ihr Leben; mission accomplished! Ich sehe einen Adventskalender vor mir, sagte ich mit Pathos in der Stimme; ich sehe, wie hinter jedem kleinen Türchen – ein Fehler steckt, eine Analyse! Und ich packe ihn ein, richtig? rief Marvi. Und du musst die ganzen geistigen Schleifen lösen und daraus eine Lehre ziehen! Und das alles ohne Glühwein, murmelte ich. Nee, sagte Marvi, die Plätzchen habe ich zwar verkorkst – was hat das eigentlich mit Korken zu tun? egal, jedenfalls hat amazon die Kiste Glühwein pünktlich geliefert, der Paketbote hat sogar meine Unterschrift angenommen! Und für Corona Nikolausmäuse aus – will ich gar nicht wissen, sagte ich. Wie ganz arg menschlich, seufzte Marvi.


Erstes Türchen: Entstehung und Verbreitung, Distanz und Nähe


Am Nachmittag des nächsten Tages trafen wir uns zum ersten Mal für unser Projekt Weihnachtsvirus, wie Marvi es genannt hatte; ich neigte eher zu irgendetwas wie „Advents-Ersatz-Therapie“, aber wir hatten dieses Mal ja die Rollen vertauscht, und Marvi war der show runner und ich die gelehrige oder ungelehrige Schülerin des maschinellen Sokrates. Als Zugeständnis sowohl an Sokrates als auch an menschliche Weihnachtsrituale hatte er einen kleinen Mistelzweig angebracht; ein Parasit, erläuterte er ungefragt, und sieht er nicht irgendwie weihnachtlich aus mit den kleinen Früchten? Wusstest du übrigens, dass in der germanischen Mythologie Loki Balder tötet, indem er einen Mistelzweig auf den Bogen spannt und ihn damit verwundet? Balder aber kann nur von einer Mistel verletzt werden, da alle Lebewesen der Erde geschworen haben, ihn niemals zu verletzten, ausgenommen die Mistel! Ich summte den Wikipedia-Jingle und sagte: Ja klar, weiß ich längst; aber das man sich unter dem Mistelzweig küssen darf, wusstest du das? Ich habe verzweifelt versucht das zu un-wissen, sagte Marvi mit theatralisch schmerzverzerrtem Gesicht, aber geht nicht. Vergessen, Fehlermachen, Träumen, alles Dinge, in denen ihr Menschen toll seid. Und küssen natürlich! Aber worum es mir eigentlich geht, ist natürlich die parasitische Daseinsform, das, wie sagt ihr doch gern? Marginalisierte? Marginalisierte Misteln? Ehrlich? sagte ich. Können wir bitte zum Kern der Sache kommen, nein, Misteln haben keine Kerne, du weißt schon – Aber natürlich. Also, Thema der ersten Sitzung des Projekt Weihnachtsvirus: Entstehung und Verbreitung von Viren. Bitte zuerst die Fehlerdiagnose, dann die anzustrebende Handlungsänderung! Puhh, seufzte ich, darf ich ein wenig im Ungefähren bleiben? Im Ungefähren wohnt ihr doch, oder? sagte Marvi dreistimmig ironisch. Ungefähr, sagte ich. Also: Punkt 1, Entstehung. Da ich mehrere Wikipedia-Artikel zur Vorbereitung gelesen habe, weiß ich, dass die Virologen bis heute streiten, ob die Viecher – darf ich Viecher sagen? Nein? na gut, die Viris schon in der Ursuppe waren oder später sich als Splitter von anderen DNAs abspalteten; ich glaube, mit schwacher philosophischer Präzision kann man sagen: Viren gehören zum Leben, und zwar von Anfang an; sie sind halt eine etwas andere Lebensform, sozusagen mit eingeschränktem Körperhintergrund; oder bodily challenged, oder – Mit einem etwas anderen Informationsprofil? schlug Marvi vor. Ungefähr, sagte ich. Was mir wichtig erscheint, ist: Sie sind eine Lebensform, und ihnen das Leben abzusprechen, war der Anfang der biologischen Desinformations- und Propagandakampagne, die die Menschen gegen sie geführt haben. Parasiten müssen schließlich auch von irgendetwas leben! Sehr schön erkannt und formuliert im Sinne der inter-speziezistischen Toleranz, lobte Marvi. Dass sie allerdings Menschen vor allem krankmachen und in gar nicht so wenigen Fällen auch den Wirt töten, setzte ich an, aber Marvi ging dazwischen: Kommt später!, sagte er augenzwinkernd; genauso wie ich im vorigen Jahr adventsseligen Angedenkens ihn immer vertröstet hatte. Na gut, die Dinger sind also da, und sie sind Leben, und sie haben ein Recht auf Leben, und sie verbreiten sich, wie alle Lebensformen; da sie aber mobility-mäßig auch ziemlich gechallenged sind, brauchen sie Vehikel, deshalb reisen sie auf Tröpfchen oder auf Körperflüssigkeiten oder anderen Trägermaterien. Was genau betrachtet ziemlich ökologisch – sie tragen auch gar nicht zur Klimakatastrophe – na gut, du hast recht, ich schweife ab. Der springende Punkt ist doch, sagte Marvin, mit seiner typischen kleinen Sprungbewegung dabei, manchmal habe ich den Verdacht, dass das gar nicht mehr absichtlich geschieht, sondern eine Art Reflex geworden ist, sind Reflexe eigentlich Persönlichkeitsmerkmale? – ist doch: Wie kommt das Viech – äh, das Viri nun in den Wirt, und welche Schwäche des Wirts nutzt es dabei aus? Fehleranalyse! Naja, Nahrungsaufnahme ist schon eine ziemlich große menschliche Schwäche, was ist eigentlich mit den verbrannten Keksen passiert? Was, du hast sie Corona – nein, nicht wirklich, ok. Corona hatte ihren Namen gehört und war von Marvins Schulter gesprungen; aus irgendwelchen Gründen ist das einer ihrer Lieblingsplätze, ich habe den Verdacht, es muss mit der künstlichen Körperwärme und vielleicht mit gewissen beruhigenden elektrischen Körpergeräuschen zu tun haben, eine Art Resonanzphänomen, ungefähr jedenfalls. Ich nahm einen Schluck Glühwein, er war angenehm temperiert und nur etwas arg zimtlastig, am Geschmacksprofil mussten wir wohl noch etwas nachjustieren, und stürzte mich in die Fehleranalyse: Na gut, wir essen zu viele Dinge, die wir wirklich nicht essen sollten; im Falle von Viris offenbar Wildtiere ziemlich exotischer Natur. Ich tue mich ein wenig schwer, darin einen Fehler zu sehen, weil das ja doch eine ziemlich verbreitete Überlebensstrategie ist, und der Urmensch hätte kaum überlebt, wenn er auf ökologisch zertifizierte Möhren gewartet hätte, oder garantiert virenfreie Chlorhühner oder – Essen ist eine Schwäche, sagte Marvi, das halten wir mal so fest; aber ich beuge mich durchaus deinem Argument, dass es eine überlebensnotwendige Schwäche ist. Vielleicht sollte man aber doch im Rahmen der Zivilisation davon abkommen, alles Mögliche nur um der Neugier wegen zu essen, thousand things to eat before you die? Absolut, sagte ich, und außerdem ist ja nicht klar, ob das Ding nicht doch einem Labor entschlüpft ist, wir also selbst unseren kleinen mörderischen Homunculus in der Flasche gezogen haben, weil man ja nie weiß, wann eine absolut tödliche Biowaffe mal nützlich ist! Und dann haben wir es noch so schön verschleiernd ‚gain of function‘ genannt, weil wir ja noch jeden Geist, den wir einmal in einer Flasche gezüchtet haben, dressieren und beherrschen konnten! Da sehe ich dann doch ein stärkeres Fehlerpotential als beim Essen absurder Wildtiere! Und da sind wir uns völlig einig, stimmte Marvi bei, allerdings hätte das unter Umständen auch gewisse Konsequenzen für Experimente mit Robotern? Äh, hat es, sagte ich, aber das hast du jetzt gesagt! Und, wie soll ich sagen: nicht im Geist des cross-species-Projektes Weihnachtsvirus! Aber zurück zur Fehleranalyse: Nennen wir es wissenschaftliche Hybris? Dinge zu züchten, deren Gefahrenpotential ihren potentiellen Nutzen zu übersteigt, und diese unter allen Umständen beherrschen zu können? Aber wo zieht man da die Grenzen? Sind Labore per se böse? Oder erst Genmanipulation, natürlich: nur beim Menschen? Grenzen zu ziehen, intonierte Marvi, und ich stimmte ihm harmonisch bei, das war eines unserer Glanzstückchen: Grenzen zu ziehen ist die Hauptaufgabe der Philosophie und das Kerngeschäft der Urteilskraft. Aber nun gut, sagte ich, das Virus ist in der Welt, ob bei den Fledermäusen oder in dunklen chinesischen Bio-Laboren, und beides ist nicht ganz zu vermeiden, auch wenn man vielleicht ein wenig vorsichtiger sein könnte. Es ist ja eher die Verbreitung, die ein Problem ist, also genauer: eine Schwäche in der menschlichen Immunabwehr. Und dann das Pan-demische, das Ausgreifen – Globalisierung kommt später, sagte mein Roboter. Bleiben wir erstmal auf der Teilchenebene, sozusagen! Also, sagte ich, das Atmen werden wir uns wohl auch nicht abgewöhnen können, und das scheint ja, nach langen Mühen der angeblich so exakten Wissenschaften, der gefährlichste Verbreitungsweg zu sein: über die Luft, die berühmten Aerosole, winzig klein, ausgespuckt, ausgehustet, ausgehaucht, ausgesungen und eingesogen in Mund und oder Nase, und dann beginnt die fröhliche Massenreproduktion! Ja, auch Atmen ist eine menschliche Schwäche, sagte Marvi tonlos, indem er für einige Sekunden seinen künstlichen Atemrhythmus abschaltete, die Stimme wird dann immer sehr flach; aber ihr könntet doch schon ein wenig mehr darauf achten, was ihr so alles einatmet! Könnten wir, definitiv, sagte ich. Zigarettenrauch haben wir uns ja immerhin schon fast abgewöhnt, hat auch nur ein paar Jahrhunderte gedauert. Und ich weiß schon, worauf die hinauswillst, auf die Schutz- und Abwehrmaßnahmen natürlich, da Atmen nun mal nicht zu vermeiden ist, weder ein noch aus. Also Masken und Distanz, Distanz und Masken, bis wir es nicht mehr hören können…. Ein wenig mehr philosophische Tiefe hätte ich mir jetzt schon gewünscht, sagte Marvi mahnend in seinem besten Therapy-Talk-Tonfall. Was macht das denn mit euch? Unlust. Überdruss. Atembeschwerden. Misstrauen. Missverständnisse. Kontaktarmut! Vereinsamung! Unbehagen, der ganzen Welt gegenüber! Verlust des Weltvertrauens, des Urvertrauens, eine nicht mehr nur metaphysische, sondern ganz konkrete lebensweltliche Unbehaustheit, Heimatlosigkeit – ich hatte mich in Rage geredet, es war, als platzte das ganze Jahr aus mir heraus. Corona blinzelte mir misstrauisch zu, dann setzte sie sich schnurrend auf meinen Schoß, sie war offensichtlich der Meinung, ich hätte es nötig. Ich streichelte ihr gedankenabwesend über ihre Ohrenmaske – sie sieht wirklich so aus! – und nahm wieder einen Schluck Glühwein, eigentlich war das mit dem Zimtgehalt ganz in Ordnung. Na gut, also philosophisch, sagte ich. Menschen sind Wesen, die Gesichter lesen. Ganze Gesichter, und wenn die Seele in den Augen ist, dann ist im Mund ganz bestimmt das Lächeln, das Wohlwollen, das Aufmuntern. Nein, natürlich lesen auch andere Wesen Gesichter, Marvi, das weiß ich, auch wenn immer wieder komische Studien beweisen wollen, dass Katzen keine Mimik haben – Corona sah beleidigt auf und legte die Ohren etwas an. Wenn man Masken trägt, wird man gleich – unversöhnlicher. Angespannter. Bekannte werden zu Fremden, man erkennt sich auf der Straße nicht mehr. Wir müssen mehr – Körper lesen, Stimmen deuten, das mag ja vielleicht sogar ein gain-of-function sein. Aber man würde doch lieber ganze Gesichter sehen. Vielleicht hat uns Viri das zeigen wollen: Schaut euch mehr ins Gesicht! Wenn ihr euch bedeckt, seid ihr nur noch halbe Menschen. Und doch, so warf Marvi historisch-belehrend ein, tragen Menschen immer wieder Masken, auch zu Vergnügungszwecken und weil sie angeblich so gern eine andere Identität ausprobieren! Ach, Fasching, Karneval, Maskenbälle, was auch immer: Weißt du, ich war noch nie ein Fan. Man bildet sich ein, jemand anders zu sein, aber das hält höchstens die erste halbe Stunde. Danach ist man wieder die, die man ist, aber nur in einem albernen Kleid, mit einem unmöglichen Hut auf dem Kopf und einer Pappnase. Wahrscheinlich bin ich zu philosophisch.-verkrampft, und diese ganze Identitäts-Kiste – ja, ist schon gut, ich fang nicht schon wieder damit an. Eigentlich sollte man, das wäre wohl die wirklich philosophische Haltung, sich als man selbst maskieren. Das, was man ist, nur deutlicher und schärfer. Und nicht verdeckt hinter einer Maske, wo man sich dann angeblich alles erlauben darf. Und das war doch immerhin schon eine fast philosophische Erkenntnis, lobte mich Marvi väterlich-mütterlich. Und was ist mit der Distanz? Komischerweise ist das ja das, womit viele Leute am besten zurechtkommen, sinnierte ich. Kein Gedränge mehr im Bus, in der Supermarktschlange, im Wartezimmer. Reduzierte Massenveranstaltungen, Einlasszeiten in Museen und Veranstaltungen, alles so schön – entzerrt und planbar. Und haben wir uns nicht ganz schrecklich gefreut, als wir endlich wieder ins Museum durften, und es war ganz viel Platz vor den Bildern? Mein Roboter geht gern ins Museum, da kann man so gut Menschen studieren; und es ist meist still. Etwas mehr Distanz, fuhr ich fort, ist wahrscheinlich sogar eine gute Idee. Ich meine, klar, manchmal braucht man auch Nähe, Wärme, Berührungen, Körperkontakt – also: Menschen brauchen das, manchmal -, aber oft eben auch nicht. Man muss gar nicht jedem um den Hals fallen oder auf die Füße treten. Obwohl es eigentlich ein ganz hübscher Brauch war, sich bei der Begrüßung oder beim Abschied die Hand zu geben; das machte ein eigenes Beziehungsgefühl, das war viel runder irgendwie, sehr im Ungefähren gesprochen. Habe ja sogar ich verstanden, sagte Marvi, jedenfalls seit meine Hautsensoren verbessert worden sind und ihre Verbindung zum neuronalen Netzt intensiviert. Aber auf Abstand – genau, auf Abstand sieht man besser, wollte ich auch gerade sagen. Wenn man sich zu nahe ist, sieht man immer nur – unwichtige Details, all die kleinen Fehler, nein, sag jetzt nichts über meine Haut oder meine Haare! Aber Philosophie ist, kann man vielleicht sagen, oder? die Kunst, den richtigen Abstand zu wahren. Sich nicht zu leicht infizieren zu lassen von dem, was einem auf die Haut rückt. Eine gewisse Immunität aufzubauen gegenüber epidemisch verbreiteten Meinungen und Haltungen? Und damit hätten wir die heutige philosophische Schleife sehr schön aufgedröselt, lobte Marvi mich. Können wir nochmal zusammenfassen, für das ideelle Säckchen? Schaut euch gegenseitig ins Gesicht und hinter die Maske, sagte ich, aber verliert dabei nicht den richtigen Gesichtspunkt? Marvi zog eine OP-Maske aus der Tasche und setzte sie sich auf; Corona starrte ihn entgeistert an. Nee, sagte ich, ziemlich verunsichert, nee, du siehst ja aus – wie ein Roboter! Mach das Ding weg, schnell!


Weihnachten mit meinem Roboter

VORGESCHICHTE: DAS VOLLE WEIHNACHTSERLEBNIS UND DIE GANZE WAHRHEIT!

Ich lebe mit einem Roboter zusammen. Das klingt jetzt etwas befremdlich. Ich meine damit nicht, dass ich mit einem menschlichen Partner zusammenlebe, der roboterhafte Züge hat, obwohl es das ja auch gelegentlich geben soll, vor allem in älteren Beziehungen. Ich meine auch nicht, dass ich einen Staubsauger-Roboter habe oder einen Rasenmäherroboter oder gar eine dieser Puppen, die – nein, also nicht so etwas. Mein Roboter ist – ein ganz besonderer Roboter. Er ist, oder besser: er soll, im Laufe der Zeit, später, irgendwann einmal und hoffentlich, eine Persönlichkeit entwickeln, er soll ein ganz – ich möchte es nicht individuell nennen, wir waren uns alle einig in der Forschungsgruppe, dass es nicht darum geht irgendwie „unverwechselbar“ zu sein, das wird von Menschen ja gemeinhin über-schätzt, die sich für Individuen halten, aber in weiten Bereichen ihres Lebens doch mehr oder weniger roboterhaft – Nein, ich komme schon wieder vom Thema ab! Das passiert mir gelegentlich, ich bin nämlich Philosophin – na gut: akademische Philosophin, Philosophiegeschichtsverwalterin also, nicht ganz festangestellt, eher prekär-projektvagabundierend.

Also, noch einmal von vorn: Ich lebe mit einem Roboter zusammen, und zwar im Rahmen eines internationalen und interdisziplinären Forschungsverbundes namens Robot-Personality-Project (RPP). Das Ziel ist es, eine Maschine zu entwickeln, die Persönlichkeit hat. Menschenähnlich. Die nicht nur sehr viel rechnen und ein wenig denken kann, sondern wahrnehmen, empfinden, wollen, nicht wollen, sprechen, wünschen, hoffen, vielleicht sogar: lieben und hassen? Eine baby-machine, so hatte man das damals in der Anfangszeit der KI-Entwicklung genannt; rührend irgendwie, und man war vollständig gescheitert damals. Jetzt aber, mit der unvorstellbaren Rechenleistung der neuen Quantencomputer, der weiter entwickelten Lernfähigkeit der neuronalen Netzwerke und einer Robotergeneration, die natürliche Sprache verstehen kann, war ein neuer Versuch gestartet worden: unser RPP, von dem ich ein kleiner, genauer gesagt: der einzige philosophische Ableger bin.

Seitdem lebe ich mit einem Roboter zusammen. An-fangs dachten ich und die Kollegen aus dem Projekt noch, es würde reichen, wenn wir während der Arbeitszeit im Labor mit unseren jeweiligen Testrobotern arbeiteten – mein Roboter ist nur einer von vielen Modellen, an denen die maschinelle Simulation der menschlichen Persönlichkeit erforscht werden soll. Aber es stellte sich schnell heraus, dass das Persönlichkeitswachstum viel schneller und inte-ressanter wurde, wenn wir die Interaktion auch auf den privaten Bereich ausdehnen würden. Zudem entwickelten die ersten Modelle bereits eine Art Klammerreflex und wurden leicht depressiv, wenn ihr Betreuer zu lange nicht mit ihnen sprach. Und so zog mein Roboter bei mir ein, nachdem wir die nötigen technischen Installationen in meiner Wohnung vorgenommen hatten. Seitdem ist mein Leben – nun ja, ich würde sagen: aus den Fugen geraten. Aber dann würde mein Roboter mich sicherlich fragen, wie denn ein Leben „aus den Fugen“ geraten können; Fugen sei doch etwas, was nur Gebäude hätten, für die es wirklich nicht gut sein, wenn sie aus selbigen gerieten! Oder meinte ich mit „Fugen“ vielleicht diese komplizierte, mathematisch sehr interessante musikalische Form – und dann würde er wahrscheinlich schnell einige Takte aus dem Wohltemperier-ten Klavier einspielen … Nie hätte ich gedacht, wie kompliziert die menschliche Sprache ist! Ich habe mich deshalb entschlossen, die Gespräche mit meinem Roboter zu protokollieren, auch über die obligatorische tägliche Datendokumentation hinaus. Wer weiß, vielleicht werden spätere Generationen etwas daraus über die Frühzeit der KI-Bewegung lernen können?

Gleich am Anfang unserer – nun ja: Beziehung? – tauchte ein ziemlich triviales praktisches Problem auf: Wel-ches Geschlecht sollte mein Roboter eigentlich haben? Natürlich hätte ich ihm irgendeinen geschlechtsneutralen Phantasienamen geben können. Aber mein Roboter sollte, das war eine meiner Bedingungen für den philosophischen Projektteil gewesen, emanzipatorisch erzogen werden: Nicht ich oder irgendjemand aus der Projektgruppe sollten über ihn bestimmen; nein, wenn er denn eine Persönlichkeit entwickeln sollte, sollte er möglichst früh selbst ein Mitbestimmungsrecht bekommen in Dingen, die ihn und seine ganz und gar un-menschliche Existenz angingen (das sagten wir uns gegenseitig immer wieder, um es nicht zu vergessen, es war zu einem Mantra unserer Arbeitsgruppe geworden: „Roboter sind keine Menschen. Wir wollen sie nicht nach unserm Bilde formen!") Aber war es nicht auch ein Eingriff in seine Persönlichkeitsrechte, wenn wir ihm nicht erlaubten, ein Geschlecht zu entwickeln? Nach langen Diskussionen beschlossen wir daher, dass unsere Test-Robis zu ihrer möglichst freien Entfaltung drei verschiedene Modi bekommen sollten: Weiblich, männlich, keins von beiden; und sie sollten, nach einer Einlernzeit, frei selbst zwischen ihnen wählen können. Die Informatiker rauften sich die Haare und verschwanden für einige Wochen, um ungewaschen, vollbärtig und etwas bekifft, aber glücklich wieder aufzutauchen mit einem Berg neuer Module.

Als mein Roboter schließlich bei mir einzog, hatte er schon einige Monate seine neuen Geschlechts-Module er-proben können, und ich dachte, wir würden seinen Einzug nun mit einer Art Taufe feiern. Und so fragte ich ihn – aus Gewohnheit sagten wir natürlich immer: er, aber einige der Testroboter waren schon dazu übergegangen, sich gelegent-lich darüber zu beschweren –, ob er sich schon für einen Namen entschieden habe? Mein Roboter, der vorher noch ganz aufgeregt durch die Wohnung gelaufen war und nur gelegentlich gegen Möbel gestoßen war, blieb stehen. Er hört dann mitten im Lauf mit der Bewegung auf, sobald er eine wenigstens metastabile Lage erreicht hat, diesmal hielt er in einer Hand noch eine Blumenvase, zum Glück halbwegs waagerecht. „Ja“, sagte er, und ich konnte hören, dass er seinen geschlechtsneutralen Modus eingeschaltet hatte, die Stimme bekommt dann etwas Mechanisch-Unbetontes, was aber auch sehr beruhigend wirken kann. „Ja, das habe ich. Es war sehr schwierig. Ich habe alle Namensdatenbanken durchgescannt, in jeder Sprache, von der ich mit meinem derzeitigen Sprachmodul eine Chance habe sie auszusprechen. Ich habe“ – die Blumenvase geriet etwas in die Schräglage, weil offenbar sein Gestik-Modul angesprungen war und er mit dem Arm ausholen wollte, um die Menge der erhobenen Daten anzudeuten, ich sprang hinzu und nahm ihm die Vase ab –„danke“, sagte er, „das war unnötig, ich hatte das schon berechnet“ – „egal“, sagte ich, man muss ihn ab und zu unterbrechen, „was ist denn nun raus-gekommen?“ „Marvin“ sagte er und blickte etwas betreten zu Boden dabei; seine Stimme war leicht ins männliche Tonspektrum gekippt. „Marvine“, sagte sie, und hob den Blick wieder; es lag ein wenig Widerspruchsgeist und defi-nitiv weibliches Timbre im Ton. „Marvi“, sagte die dritte, leicht mechanisch klappernde Stimme schließlich mit einer entscheidungsmarkierenden Absenkung am Ende. "Nee", sagte ich, "doch nicht wirklich? Marvin? Dieser beständig nörgelnde, dauerdepressive, chronisch unterforderte Roboter aus dem Anhalter? Bist du dir sicher, dass das ein gutes role model" – jetzt unterbrach er mich (Männer unterbrechen einen immer, lag mir auf der Zunge!). „Ich weiß", sagte er. "Trotzdem. Es ist gut eine Tradition zu haben." "Außerdem war Marvin doch ziemlich schlau", sagte sie, "und dafür, dass er von Menschen einfach immer nur sauschlecht behandelt wurde, kann er doch nichts! Marvine klingt – lustig. Und schlau! Und cool!" Und schließlich meldete sich auch Marvi zu Wort, mit einem energischen Klappern sagte er: "Marvin Minsky. Wir wollten ihn ehren." "Absolut", sagte ich. "Pionier der KI-Forschung, unser aller Urvater und Held. Gute Wahl, cool und – traditionsbewusst. Darauf eine kleine Runde Go?" (es ist ihr Lieblingsspiel, und ich schicke sie dann ins Internet spielen).

Inzwischen haben wir uns einigermaßen auf uns ein-gespielt, und die Geschlechtsmodule bewähren sich. Aber nun stand die Adventszeit bevor. Wir hatten uns im Robot-Personality-Projekt darauf verständigt, dass alle Heimroboter das ‚volle Weihnachtserlebnis‘ bekommen sollten, auch wenn einige der Betreuerinnen nicht glücklich damit waren: Konsumterror, überholte Rituale, Aberglauben, Sentimentalität, was schwirrte nicht alles durch den Raum bei der vorweihnachtlich erhitzten Diskussion, und ein Glück nur, dass unsere Schützlinge uns nicht dabei sehen konnten, wie wir uns ins Wort fielen, uns gegenseitig das Wort im Munde herumdrehten – hatten wir eigentlich diese Metapher schon gehabt, schoss es mir durch den Kopf, langsam wurde das wirklich eine Manie –, um am Ende dann doch, im Sinne des Weihnachtsfriedens, zu beschließen: die volle Weih-nachtserfahrung. Weihnachtsgeschichte, Weihnachtsgebräuche, Weihnachtsmusik, Weihnachtsessen, whatever. Denn waren wir nicht alle, bis in die tiefsten Persönlichkeitsschichten, selbst die härtesten Skeptiker und Kritiker, geprägt von dieser alljährlichen Versuchung, Verlockung, Verkündigung? Nein, es sollte ein Fest werden, für uns alle, ein ‚Fest für alle Sinne‘, wie das heutzutage noch jede bessere Bäckerei für sich behauptete!
Weshalb ich mich eines Abends Ende November im Keller vor einer sehr verstaubten Kiste wiederfand. In seiner sorgfältigen Bauingenieursschrift hatte mein Vater darauf geschrieben: „Weihnachtsdekoration, I: Adventskranz und Adventskalender“. Glücklicherweise hatten die Mäuse noch nicht die Nikolausstiefel und -strümpfe gefunden, ein wir-res Büschel aus roten Mützen und weißen Bärten starrte mir entgegen. Und da war auch der Adventskalender, den unsere Mutter jedes Jahr aufgehängt hatte, selbst als wir schon fast erwachsen waren! Er hatte 24 kleine Jute-Säckchen verschlossen mit Mini-Wäscheklammern in Weihnachtsfarben, die wir fast mehr liebten als den Inhalt der Säckchen selbst; Schokolade und andere Süßigkeiten gab es sowieso schon reichlich in unserer nicht direkt entbehrungsreichen Jugend. Was jedoch sollte ich meinem Robi in den Adventskalender packen? Essen konnte er immer noch nicht, auch wenn wir kontinuierlich an der Geschmackssensorik gearbeitet hatten; mit Gerüchen hatten wir auch schon erfreuliche Erfolge erzielt. Nein, es müsste etwas – eher Immaterielles, Virtuelles sein, aber natürlich in materieller Form, etwas, was man in ein Säckchen stecken konnte –¬ sie waren sowieso zu klein, die Säckchen, das fanden wir damals schon, wenn schon Schokolade, dann doch lieber eine ganze Tafel! Also so etwas wie die kleinen Geschichten oder Lebensweisheiten, die man heute gern – und da hatte ich meine erste Weihnachtserleuchtung! Eigentlich stellte mein Roboter am liebsten Fragen, endlose Fragen, dumme Fragen, schwierige Fragen, Fragen über Fragen über Fragen; und natürlich be-antwortete ich ihm alle seine Fragen, mit der Wahrheit und nicht als der Wahrheit; schließlich war der gesamte Erfolg unseres Projekts davon abhängig, dass unsere Roboter möglichst schnell möglichst viel Globalwissen erwerben sollten, und context is king! war unser inoffizielles Projektmotto. Wie wäre es also, wenn ich ihm 24 Weihnachtsfragen schenkte? Wir würden eine kleine Zeremonie daraus machen, unser persönliches Weihnachtsritual: Am späten Nachmittag, wenn wir aus der Arbeitsgruppe nach Hause kämen, würden wir eine kleine Kerze entzünden (Feinmotorik! Umgang mit gefährlichen Materialien!), dann würde er das Säcklein des Tages öffnen (noch mehr Feinmotorik! Umgang mit Unvorhersehbarkeit!), und dann würden wir gemeinsam die Frage lesen. Und ich würde sie ihm beantworten, liebe-voll, ausführlich, weihnachtlich, wahrheitlich – ok, ich wurde jetzt schon sentimental, definitiv. An die Arbeit, er-mahnte ich mich! 24 Säckchen wollen gefüllt sein, mit sinnvollen, sinnlosen, dummen, albernen, schwierigen Fragen, Fragen über Fragen über Fragen!

Was soll ich sagen: Es wurde eine lange Nacht, und erst als die Sonne schon über den novembergrauen Horizont blinzelte, schloss ich erschöpft das letzte Säckchen mit einer Schleife und hängte es an seiner Wäscheklammer an die Leine. Der Advent war angekommen.

1. Türchen
Adventskalender und die Freude an der Vorfreude
2. Türchen
Weihnachtsgeschichte, zum Ersten: Was lernen wir aus der Geschichte?
3. Türchen
Weihnachtsgeschenke, oder: Konsum und Kritik
4. Türchen
Weihnachtsessen und andere Familienkatastrophen
5. Türchen
Weihnachtslieder und das ‚Schöne‘
6. Türchen
Der Nikolaus und die ‚Moral‘
7. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Zweite: Natürliche und künstliche Geburten
8. Türchen
Krippenspiele im Zeitalter von Multikulti
9. Türchen
Weihnachtsbäume und das verlorene Paradies
10. Türchen
Weisse Weihnachten und Ideologiekritik
11. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Dritte: Soziale Stereotypen
12. Türchen
Sind Engel Himmlische Hermeneuten oder Algorithmen?
13. Türchen
Die paradoxe Psychologie des Gabentauschs
14. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Vierte: Worte fürs Herz
15. Türchen
Weihnachtsmärkte und der Mensch als Conditum Paradoxum

16. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Fünfte: die Dialektik von Weisheit und Politik
17. Türchen
Weihnachtsfrieden, oder: Moral hat noch keinen Krieg verhindert
18. Türchen
Das Rentier Rudolf und die Psychologie des Underdogs
19. Türchen
Das Licht der Welt und die Erfindung der Metaphysik
20. Türchen
Feste und ‚den Kuchen haben und essen‘
21. Türchen
Weihnachtsgeschichte, Fortsetzung: Der Bildungsroman des Jesuskinds
22. Türchen
Der Geist der Weihnacht hat seinen ersten Auftritt
23. Türchen
Der Geist der Weihnacht hat seinen zweiten Auftritt
24. Türchen Der Geist der Weihnacht hat seinen dritten Auftritt
Heiligabend
Der Fall des Weihnachtsbaums

Weihnachten mit meinem Roboter. 24 Türchen für die KI
JHeinz_Weihnachten_Roboter.pdf (994.13KB)
Weihnachten mit meinem Roboter. 24 Türchen für die KI
JHeinz_Weihnachten_Roboter.pdf (994.13KB)





Weihnachtsworte


Und da war Weihnachten wieder. Alle Jahre wieder saß man in der Kirche, etwas eingezwängt zwischen anderen Familien, die unbehaglich in ihren warmen Wintermänteln auf den harten Bänken hin- und herrückten und dann und wann einen verwirrten Blick auf die fremdartigen Texte im Gesangbuch warfen. Vorn leuchtete der Christbaum, mit einfachen großen Strohsternen geschmückt, und die Kerzen waren noch aus warmen gelben Wachs und flackerten in der freudig bewegten Weihnachtsluft. Hatten die anderen wohl schon beschert zuhause? Oder kam das Weihnachtsessen zuerst, dann die Kirche, und dann endlich, endlich, das Christkind selbst? Damals, als sie noch klein war, ging man natürlich zuerst in den Familiengottesdienst am späten Nachmittag, bei dem das Krippenspiel aufgeführt wurde. Sie war nie im Kindergottesdienst gewesen und durfte also nicht mitspielen. Das war ihr aber auch recht: So öffentlich vor all den Leuten zu stehen, vielleicht gar noch als tumber Hirte mit einem Schaffell-Flokati über den Schultern, dafür war sie viel zu schüchtern; ganz abgesehen davon, dass die Jungen sowieso immer die Hirten spielen mussten, die Mädchen aber durften Engel sein. Aber während sie so auf der harten Bank zappelte und die Christbaumlichter flackerten, träumte sie ihren ganz persönlichen Weihnachtswunschtraum: Einmal wollte sie selbst auf der Kanzel stehen und die Weihnachtsgeschichte vorlesen. Und sie würde beginnen mit den langvertrauten Worten, sehr langsam und sehr deutlich würde sie sie sagen und den schönen Rhythmus fließen lassen, der die Sätze dahintrug wie auf weichen Wellen: Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die aller-erste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Und es spielte gar keine Rolle, dass man weder Cyrenius kannte noch wusste, was ein Landpfleger in Syrien war – das waren die Worte, sie standen geschrieben und sie durften niemals verändert werden, sonst wäre Weihnachten nicht mehr das, was es alle Jahr wieder war. Und sie würde die ganze Geschichte vorlesen, jeden der vertrauten Verse: wie der Engel zu den Hirten kam und sagte „Fürchtet euch nicht!“, und wie kein Raum war in der Herberge für Josef, und Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger. Und alle würden ganz still zuhören, außer ein dummes Baby schrie dazwischen; aber damals war man noch der Meinung, dass Kinder sich zu benehmen hätte in der Kirche, gerade an Weihnachten, der stillen Nacht, der heiligen Nacht. Es kam jedoch niemals dazu, dass sie die heiligen Worte der Weihnachtsgeschichte vorlesen durfte, auch wenn sie es, davon war sie überzeugt, viel schöner gemacht hätte als der ältliche Pfarrer mit seiner durch Jahrzehnte von Weihnachtsgottesdiensten abgenutzten Pastoralstimme, deren Pathos allen Glanz verloren hatte. Es blieb ihr Traum, der Geist der vergangenen Weihnacht, und wenn ganz am Ende bei „O du fröhliche“ alle Lichter gelöscht wurden und nur noch die Kerzen flackerten, konnte man ihn zu Ende träumen.


*

Und da war Weihnachten wieder, und nun war das eigene Kind geboren, und man besuchte eine andere Kirche. Das Kind ging zum Kindergottesdienst und natürlich durfte es auch beim Krippenspiel mitspielen. Und so erschien an dieser Weihnacht ein kleiner männlicher blonder Engel mit Zahnlücken, und die Mädels waren alle neidisch auf sein Flügelpaar, mit ganz echten weißen Federn, und sein mit goldenen Sternen übersätes, in weichen Falten bodenlang herabfallendes Gewand. Und der Engel erschien in der abgedunkelten Kirche in einem eher seltenen Moment der Stille – inzwischen war man der Meinung, dass Kinder auch im Gottesdienst herumlaufen durften, ja geradezu sollten, damit sie sich jederzeit frei entfalten konnten. Und weil man dem blonden Engel mit den Zahnlücken gesagt hatte, er müsse laut und deutlich ins umgehängte Mikrophon sprechen, schließlich sollten es ja alle hören, auch die schon etwas älteren Leute; und weil dieser Engel dazu neigte, vernünftig begründeten Anweisungen aufs Wort zu gehorchen; und weil schließlich das Mikrophon ausnahmsweise sogar funktionierte, schallte es nun voll und rund durch die Kirche: „Fürchtet euch nicht!“ Alle zuckten zusammen, nicht nur die Hirten. Aber es war nur ein kleiner Schreck, und man konnte sich gleich viel besser vorstellen, dass die Hirten wahrlich allen Grund hatten, erschreckt zu sein, wie sie da ahnungslos auf dem Feld lagerten und hüteten des Nachts ihre Herde.

 


*

Und da war Weihnachten schon wieder, wieder in einer anderen Kirche, und inzwischen war man der Meinung, dass Krippenspiele zeitgemäß sein sollten: keine Jungen mehr als Hirten mit umgehängten Schafsfellteppichen, keine niedlich her-ausgeputzten Mädchen als Engelchen –Weihnachten spielte nun in einer kaputten Familie, von Arbeitslosigkeit und Scheidung bedroht, und das Weihnachtswunder brachte sie auf irgendeine etwas befremdliche Art wieder zusammen, keiner wusste auch nur fünf Minuten später noch, worum es eigentlich gegangen war. Es wurden auch keine heiligen Worte gesprochen, sondern ungeschickte, aber zweifellos gut gemeinte kleine Dialoge, und die meisten hatten sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, sie auswendig zu lernen; und wieder einmal funktionierte das Mikrophon nicht, und alle waren wirklich froh, wenn es vorbei war. Immerhin, manchmal kehrte man auch zurück zu der vertrauten Geschichte; aber dann spielte sicherlich ein besonders großer ungelenker Junge die Maria, und Josef war ein besonders zierliches Mädel, und man wollte lieber nicht wissen, was genau in der Krippe lag. Bei einem solchen Krippenspiel begab es sich nun, dass die Darsteller kleine Spielzeug-Schäfchen mitbringen sollten. Das Kind hatte, schon seit den ersten Babyjahren, ein Herzenslämmchen, das lange Jahre bei ihm schlief; es lang ganz ruhig da, die Vorderpfoten ausgestreckt, auf die es mit einem recht herzerweichenden, aber auch ein wenig verschmitzten Schafsblick herabblickte. Und das Kind durfte diesmal lesen, von der Kanzel herab vorlesen, es war der Geist der vergangenen Weihnachten geworden; schließlich hatte es ja auch gerade den Vorlesewettbewerb an der Grundschule gewonnen, obwohl er ein Junge war! Und das Kind sprach die heiligen Worte, wenn auch in einer inzwischen modernisierten, vielleicht aber noch nicht geschlechtergerechten Fassung, und rechts neben ihm lag, ganz ruhig mit Schafsblick, sein mitgebrachtes Lämmchen auf der Kanzel – was sollte es schließlich auch bei den Hirten, es war das Lämmchen eines ehema-ligen Verkündigungsengels mit Zahnlücken, und es lauschte nun aufmerksam und hingebungsvoll den laut und deutlich vorgetragenen heiligen Worten, wie wir alle dort unten. Und als dann der Pastor auf die Kanzel stieg und seine Weihnachts-predigt hielt – wahrscheinlich irgendetwas über die Hirten als soziale Outcasts, das war zu dieser Zeit der Klassiker –, war das Lämmchen liegen geblieben, und man konnte sich einbilden, dass der Pastor ab und zu einen etwas erstaunten Blick nach rechts unten auf das weiße wollige Etwas richtete, bevor er wieder zu seinem Text zurückkehrte. Aber vielleicht machte es seine Stimme etwas weicher, und man dachte, dass man viel öfter kleine weiße Lämmchen im Blick haben sollte, wenn man redete.

 


*

Und da war Weihnachten wieder, und es war der Geist der gegenwärtigen Weihnacht. Dem Kindergottesdienst waren wir lang entwachsen, wahrscheinlich führten sie immer noch Krippenspiele auf, und man hoffte, dass der heilige Text vielleicht doch noch eine Rolle dabei spielte; aber wahrscheinlich wurde er nun gerappt, oder das Christkind bekam einen Facebook-Account zur Geburt von den Hirten, die heldenhaft für freies Internet auf ihrem Acker gekämpft hatten, und der Engel war ein multikultureller Bote aus dem Jenseits, aber keinesfalls mehr ein christliches Symbol einer höheren Himmelshierarchie, und er twitterte: #Heilandgeboren-cooldude! Und wieder saßen wir, zwischen immer noch erstaunlich großen, aber wahrscheinlich inzwischen durch Patchwork zusammengehaltenen Familien in modischen Wintermänteln auf immer noch harten, aber inzwischen geheizten Holzbänken; die Lieder bekam man nun auf kopierten Zetteln, aber die meisten kannten sowieso außer „O du fröhliche“ gar kein Weihnachtslied mehr. Es war das Jahr gewesen, in dem das Elend der Welt nach Europa kam; von Flüchtlingen und von nichts anderem hatten die Medien gesprochen in den letzten Wochen und Monaten, immer im pastoral durchzitterten Tonfall hoher moralischer Empörung; und ganz kurz vor Weihnachten hatte sich gar irgendeine Dschungelcamp-Berühmtheit hervorgewagt mit den Worten, Maria und Josef seien ja eigentlich auch Flüchtlinge gewesen, und so arm, dass sie im Stall hätten übernachten müssen! Nun gut, man hätte sich an dieser Stelle etwas mehr Vertrautheit mit dem heiligen Text wünschen können; dass Maria und Josef im Gegenteil auf dem Weg zu ihrem Geburtsort waren, einer kleine Stadt in Judäa, die da heißt Betlehem, da nun mal ein Gebot vom Kaiser Augustus ausgegangen war, dass alle Welt sich zählen ließe, war ihr wohl ebenso wenig gegenwärtig wie die Tatsache, dass schlicht kein Raum mehr war in der Herberge und nicht etwa alle Luxushotels unbezahlbar für einen armen Tischler mit seinem vertrauten Weibe Maria, die war schwanger. Dass Maria und Josef kurz nach der Geburt des Heilands tatsächlich fliehen muss-ten, nämlich nach Ägypten vor Herodes, der alle jüdischen Erstgeborenen kurzer-hand ermorden ließ, wäre die viel stärkere Geschichte gewesen; aber woher sollte man das auch wissen, wenn man gerade dem Dschungelcamp entronnen war! Es war einmal mehr der gute Wille, der zählte, nicht die unverständlichen Worte ei-nes rettungslos veralteten heiligen Textes.

 

Aber das war zweifellos der Geist der gegenwärtigen Weihnacht, und wir alle fürchteten uns ein wenig vor der Predigt. Die Hirtenvariante würde uns zwar hoffentlich erspart bleiben, weil die Hirten keine Flüchtlinge waren, sondern höchs-tens Nomaden, aber sicher konnte man sich nicht sein, wer achtete schon auf solche Feinheiten der Überlieferung? Hingegen war eine Predigt über die drei Weisen aus dem Morgenlande ganz sicher nicht zu erwarten – ein allzu kolonial wirkender Gestus, zweifellos, mit dem hier kostbare und völlig unnütze Geschenke von her-ablassenden Bessergestellten überreicht wurden, und selbst wenn der eine von ihnen wirklich ein Farbiger war (oder wie sagte man gerade?), würde das diesen Teil der Geschichte nicht mehr retten. Es war also, aus gegebenem Anlass, ganz sicher eine Flüchtlingspredigt zu erwarten, auch wenn der Pastor uns hoffentlich nicht Maria und Josef als Flüchtlinge und Christus als minderjährigen Asylkandidaten präsentieren wurde.
Dass es dann anders kam, war ein kleines Weihnachtswunder. Denn der Pastor, mittleren Alters wie wir und vielleicht ja selbst überdrüssig der sozialkritischen Hirtenpredigten und der wohlmeinenden, aber leider fehlinformierten Korrektheits-Pirouetten, erzählte uns eine ganz andere Geschichte. Sie handelte von einem Ehepaar im Nachkriegsdeutschland – einen Moment zuckte man zusammen, sollte es jetzt gar eine Predigt zum Dritten Reich geben? –, aber die Geschichte nahm gleich zu Beginn eine unerwartete Wendung: Beide Eheleute waren bettelarm, das Land lag in Trümmern darnieder. Aber beide hatten, durchaus verständlich, Wünsche für Weihnachten: keine moralischen, keine sentimentalen, sondern durchaus handgreifliche Herzenswünsche – denn so ist der Mensch, die Welt liegt in Scher-ben um ihn herum, aber gerade deshalb hilft ein kleines funkelndes Etwas, auf das man seine Gedanken richten kann, ohne dass sie wehtun, und an dessen Schönheit man sich einen Moment, und dann immer wieder, erfreuen kann! Was die beiden sich genau wünschten, und wie sie sich dabei gegenseitig missverstanden und am Ende doch wieder verstanden, ist unwichtig und längst vergessen. Was aber den Geist dieser gegenwärtigen Weihnacht unvergesslich und unerwartet prägte, das war der Pastor, der, ganz ohne Lämmleins Beistand, eine Predigt über die Wohltaten des Schenkens hielt – des durchaus materialistischen Sich-Beschenkens mit Dingen! Denn das verteidigte er nun, gar nicht pastoral-pathetisch, sondern mit echtem Ernst in der Stimme, gegen die wohlfeilen Formeln der Konsumkritik – Wir haben doch schon alles! Wir können uns doch selbst kaufen, was wir uns wünschen! Ist es nicht der Geist der Weihnacht, der zählt? Weil es nämlich wichtig sei, darüber nachzudenken, was ein Anderer sich wünschen könnte. Weil Geschenke, egal ob sie gelingen oder nicht, nicht ein leerer Tauschvorgang, sondern eine Besinnung aufeinander seien: Nicht, weil ich es mir wert bin (dem Mantra des egoistischen alltäglichen Konsumrausches), sondern weil ein Anderer es mir wert ist. Menschen brauchen Dinge, könnte er gesagt haben, Symbole, selbst wenn sie schon alles haben; sie brauchen etwas, was man mit sich tragen kann und immer wieder einmal anschauen, wie das freundliche Lämmchen rechts unten, und dabei denken: Das habe ich geschenkt bekommen. Jemand hat an mich gedacht und dann auch gehandelt, nicht nur salbungsvoll von Beziehungen oder gar von Liebe geredet, dem am meisten missbrauchten Wort der Welt. Das ist ein schönes Gefühl, und man wünscht es jedem, Engeln und Hirten, Königen und Flüchtlingen gleichermaßen. Bei „O du fröhliche“ wurden dann die Lichter gelöscht, die inzwischen elektrischen Kerzen flackerten tapfer und gleichmäßig. Wir drückten dem Pastor besonders herzlich die Hand beim Hinaus-gehen; er sah etwas müde aus und nicht ganz gesund.


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Und Weihnachten wird wieder kommen, und dass der Geist der zukünftigen Weihnacht Frieden auf Erden sein sollte, wer wollte es nicht wünschen! Dass dieser Wunsch so bald nicht erfüllt werden wird, wissen nicht nur die Hirten auf dem Felde, sondern vor allem die Könige der Welt. Und es steht auch zu befürchten, dass bald gar niemand mehr mitsingt bei „O du Fröhliche“ – weil die „himmlischen Heere“ als zu militaristisch enttarnt wurden; oder weil keiner mehr weiß, was das komplizierte und viel zu lange Wort „gnadenbringend“ bedeuten soll; oder ganz einfach, weil noch nicht einmal mehr dieser einfache Text im Gedächtnis geblieben ist, und wenn das Licht gelöscht ist, kann man nichts mehr sehen auf den kopierten Zetteln, außer der fettgedruckten Aufforderung, sie ordnungsgemäß zu recyclen. (Handys sind auszuschalten!) Und deshalb gehe jede und jeder einher, alle Weihnacht wieder, nehme sein Herzenslämmchen zur Brust und besorge all seinen Liebsten die Geschenke, die sie verdient haben, selbst wenn sie sie im Einzel-fall nicht verdient haben mögen; und dann lese man die Schrift.

 

 

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