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Kritik der Literaturkritik


  • Es ist, als ob es tausend Bücher gäbe - Porträt des Kritikers als alter Mann
  • Literaturkritik und Big Data
  • Abgesang auf die Literaturkritik
  • Über Geschmack muss man streiten
  • Lebenstraum eines Literaturwissenschaftlers


"Es ist, als ob es tausend Bücher gebe" -
Porträt des Kritikers als alter Mann

Gelegentlich kommt er sich vor wie der Panther in Rilkes berühmten Gedicht: „Sein Blick ist vom Vorübergehen der Seiten / so trüb geworden, dass er nichts mehr hält. / Es ist als ob es tausend Bücher gebe / unter hinter lauter Büchern keine Welt“. Bücher, immer nur Bücher; er ist umgeben von Büchern, er lebt unter Büchern, die Regale biegen sich, die Tische sind voll davon, überall machen sie sich breit, sie haben schon längst die Küche erobert – obwohl er niemals, das hat er sich geschworen, Kochbücher rezensieren würde, niemals! -, sind von da aus über den Flur gewandert, die Toilette ist längst zum belesenen Örtchen geworden und im Schlafzimmer lauern die Schwergewichte, dicke Bild- und Prachtbände, von denen er einmal dachte, dass sie ein gutes Schlafmittel wären. Aber er schläft nur noch schwer ein, obwohl ihm am Tag häufig die Seiten vor den Augen verschwimmen, die Augen fallen ihm sanft zu, das Buch entgleitet ihm und fällt, und er möchte so gern auch fallen – aber dann schreckt er doch wieder schmerzvoll hoch, die Buchkante hat ihn auf dem Mittelfuß getroffen, wie so oft schon, die Bücher machen ihn fußkrank, das ist es, sie fesseln ihn an den Sessel, an den Schreibtisch, und je weniger er sich bewegt, desto mehr übernehmen sie die Herrschaft über sein Leben. Wenn er doch einmal träumt, dann träumt er schwere Literatenträume. Meistens beginnen sie damit, dass er ein Käfer ist, ein unförmiges Insekt, das auf dem Rücken liegt und hilflos mit den Beinen strampelt; umgeben aber ist er von Büchern, in ihnen sind alle Arten von Kreaturen abgebildet, aber keines sieht so aus wie er. Da kommt urplötzlich ein eifriger junger Autor auf ihn zu gerannt, man erkennt schon an dem etwas starren Blick, dass er sich wie ein junger Kafka vorkommt, aber seine Ohren sind nicht groß genug, er versucht sich selbst an den Ohren immer wieder größer zu ziehen, aber es sprießen nur Schreibfedern aus ihnen heraus, mit denen er jetzt auf den Käfer losstürzt, der mit seinen dürren Beinchen strampelt, aber nun sprießen auch Schreibfedern aus den Insektenfüsschen, und es hilft nichts, er muss, während ihn der junge Möchtegern-Kafka mit seinen literarischen Versuchen traktiert - abgerissene Satzfetzen schweben durch den Raum und mutieren zu krebsartigen Gebilden, einzelne Wörter fliegen klagend vorbei, Schmetterlinge mit eingerissenen Flügeln - er muss, es ist die einzige Rettung, Sätze schreiben, die er schon tausendmal geschrieben hat, Floskeln, die ihm im wachen Zustand die Schamröte ins Gesicht treiben und im Traum zu Schlingpflanzen werden, „ein Jahrhundertwerk“, „ein Triumph des Erzählens“, „nobelpreisverdächtig“, „Bestsellermaterial“. Sie kringeln sich um die Satzkrebse und senken sich dann schwer auf die dünne Käferbrust, wo schon all die Bücher liegen, die gelesenen und ungelesenen; sie schreien nach seiner Aufmerksamkeit, in jämmerlichen Tönen, wie von ihrem Schöpfer achtlos in irgendeiner Klappe abgelegte Säuglinge, lies mich! schreien sie, und „liebe mich!“, und er schüttelt sie alle von sich und flieht im Käfergalopp. Aber dann ist er schon die riesenhafte Bibliothek geraten, oh, wie gut kennt er seine Traumbibliothek, dort sitzt auf jedem Buch ein Autor, den er verrissen hat, den er missverstanden hat, den er gedemütigt hat, oder, am schlimmsten: den er gelobt hat! Und alle stürzen sich auf ihn, den Kritiker, gemeinsam mit einer unübersehbaren Horde wütender, enttäuschter, begeisterter Leser, und er rennt, weiter und weiter, die Regale entlang, sind es denn immer noch nicht genug Wörter, er schreibt doch schon seit Ewigkeiten, gab es überhaupt einmal eine Zeit, in der er nicht geschrieben hat? Aufwachen, ach, wenn man doch aufwachen könnte – aber wenn er aufwacht, sind die Bücher immer noch da, sie umlagern ihn, sie ersticken ihn und der Paketbote hat schon eine neuen Stapel Rezensionsexemplare abgegeben.

Eine Zeitlang war er dazu übergegangen, die Bücher gar nicht mehr zu lesen, die er besprach. Er besah ein wenig meditativ das Titelblatt, las den Klappentext, dem jeder nur halbwegs begabte Leser ja entnehmen konnte, wie der Autor das Buch verstanden und der Verlag das Buch besprochen haben wollte, und ließ schließlich das Buch – das war der Höhepunkt des Vorgangs, er war immer noch ein klein wenig aufgeregt dabei! – spielerisch auseinanderfallen, auf irgendeine Seite. Dann las er zwei, drei Sätze, mehr brauchte er nicht – und schon formten sich in seinem Kopf die ihm zur zweiten Natur gewordenen Kritikerformeln, er musste nur noch entscheiden, ob es eine Lobeshymne oder ein Verriss werden sollte. Dafür würfelte er auch gelegentlich, wenn er übermütig war und die Träume ihn nicht allzu sehr gequält hatten; oder er fragte seinen Papagei, er hieß Gottsched: Gottsched, sprich, sollen wir ihn krönen oder köpfen, den Poeten? Und der Papagei schrie, je nach Laune: Kopf ab! Oder: Es lebe der Dichterkönig! Dann schrieb er, die erforderliche Anzahl Wörter, auf den Punkt: es war sein besonderer Ehrgeiz, nie ein Wort zu viel oder zu wenig auf ein Buch zu verschwenden, und sein Redakteur liebte ihn dafür – auch wenn er ihm sonst eher unheimlich war, mit seinem stumpfen Pantherblick und seiner papiernen Blässe und den vielen Schnittwunden in den hageren Fingern, vom Schneiden der Blätter; einmal nur, so hatte er früher gehofft, werde ihn ein Satz, eine Geschichte, eine Figur, ein Gedanke so tief schneiden, wie das immer stumpfer werdende Druckpapier es immer noch konnte; aber es blieb bei oberflächlichen Schnitten, die das Blut nicht wert waren, seines nicht und das des Autors. Ausgeblutet, so fühlte er sich; in seinen Adern floss nun Druckerschwärze, sein Herz schlug in einem stumpfsinnig-gleichmäßigen Jambus: „Der weiche Gang geschmeidig leerer Floskeln / der sich im allerkleinsten Kreise dreht, / ist wie ein Tanz um eine hohle Mitte / in der betäubt ein großer Autor steht“, so flüsterte er sich selbst gelegentlich zu. Denn natürlich hatte er eigentlich, wie alle seine Kritikerkollegen, mit denen er aber schon lange nicht mehr sprach, Bücher schreiben wollen, etwas schaffen, das ein eigenes Leben hatte, und nicht nur das Leben anderer sezieren, Tag für Tag. Und wie gut kannte er inzwischen das Innenleben der Bücher, die Mechanik der Romane, ihre Triebfedern und ihre knirschenden Zahnräder; wie konnte er selbst durch die tiefste und hermetischsten Gedichte hindurchschauen bis in ihren tiefen Grund, und wie oft sah er dort nur ein armes zitterndes Wesen sitzen, Wörter zerkauend, bis sie kaum einen Sinn mehr ergaben und Unverständliches erbrechend. Wenige Hausheilige hielt er sich. Aber er las sie niemals mehr, er hatte sogar ihre Bücher weggegeben, um nicht in Versuchung zu geraten; er hätte sie ja doch nur seziert, weil er nicht mehr anders konnte, und am Ende, wer weiß, wären sie vielleicht auch in Fetzen dagelegen, weil sie seinem spitzen Messer nicht standhielten, und dann wäre es Mord gewesen. Nur der Papagei erinnerte sich noch an sie und warf gelegentlich einen Satz heraus, der sich direkt in sein Herz bohrte, weil er ihn vergessen hatte und weil er ihn immer noch traf. Um die Wunde zu schließen, musste er dann Rilke zu Ende zitieren: „Nur manchmal schiebt der Vorhang des Gehöres / sich lautlos auf. Dann geht ein Wort hinein / geht durch des Geistes angespannte Stille / und hört im Herzen auf zu sein“.


Abgesang auf die Literaturkritik


Die Literaturkritik ist tot. Und nein, sie kann nicht wiederbelebt werden. Lassen wir sie in Frieden ruhen, neben der Gelehrsamkeit, ihrer Großmutter, und der Bildung, ihrer jüngeren Schwester. Denn die Zeiten sind zwar kritisch geworden, kritisch sogar im Übermaß; Kritik ist ein Imperativ, nein, schlimmer: ein moralischer Imperativ der Moderne. Aber sie möge bitte konstruktiv sein, so heißt es allenthalben, und das ist, wie wenn man einer boa constrictor ihren Zahn zieht: Sie ist dann nur noch gut dafür, sie sich schmückend um den Hals zu legen und mit dem eigenen, leider aber zahnlos gewordenen Mut zu prahlen. Denn was heißt konstruktive Kritik eigentlich? Ein schwacher Einwand, verpackt in Zuckerwatteweiche Berge von Schmeichelei: Ich finde es ja so gut, dass du – aber! Das Aber aber fällt dann meistens aus. Wenn es wahrhaft konstruktiv sein sollte, müsste es zudem nicht nur sagen, was falsch ist (destruktiv, pfui!), sondern wie man es besser machen sollte; eine Konstruktion ist eine diffizile Arbeit, wenn sie denn halten soll und nicht nur Luftschlösser wohnlich ausstatten. Dann aber wäre der Kritiker endgültig und offiziell der universale Oberlehrer geworden, der er inoffiziell schon immer war: Er kann alles am besten, ohne es jemals selbst gemacht zu haben (siehe Fußballtrainer, Stammtisch).

Die Literaturkritik ist tot. Sie ist erstickt an einem Übermaß an Feedback, das früher, in technisch-eindeutigeren Zeiten, noch ein fancy word für Rückkopplung war: Ein Ausgangssignal wird wieder in den Eingang eingespeist, so einfach ist das. Das führt nicht nur zu den schönsten Schleifen, sondern auch, wie jeder Hörende weiß, zum durchaus unangenehmen Phänomen der akustischen Rückkopplung: ein schrilles Pfeifen, das jedes sinnvolle Geräusch übertönt. Heute jedoch wird solange gefeedbackt, dass man sich vorkommen könnte wie eine polnische Weihnachtsgans, immer mehr und mehr bekommt man in den Hals zurückgestopft, und am Ende ist man fett und unverträglich und reif für den Schlachthof. Genau das ist der Literaturkritiker: die Weihnachtsgans des Literaturbetriebs. Zeit für eine Weihnachts-Diät!

Die Literaturkritik ist tot. Die chinesische Sprache hat, man höre und staune, fünfzig verschiedenen Wörter für Kritik, und jeder Mandarin, der seine Drachenrobe wert ist, kann sie in allen möglichen und unmöglichen Formen deklinieren. Die westliche Kultur hingegen hat es geschafft, das Wort auf einen eher entfernten Nebensinn zu reduzieren: Gesellschaftskritik. Was nicht „die Gesellschaft“ kritisiert, ist sein kritisches Schrot und Korn nicht wert. Deshalb ist auch Literaturkritik zu einer eher unbedeutenden Filiale von Gesellschaftskritik geworden, die im Übrigen mit den gleichen Phrasen handelt wie alle anderen Kritik-Filialen auch, ein Euro das Stück. Schließen wir sie, keiner wird sie vermissen. Das Personal wird umgeschult auf Blog oder amazon-Kundenrezension.

Die Literaturkritik ist tot. Es lebe das Leseerlebnis! Denn wenn irgendetwas gerettet werden kann vom Lesen, diesem persönlichsten aller Buchstabenakte, dann das Persönliche. Jede gelungene Lektüre (what the hell, auch jede misslungene!) birgt eine Geschichte. Sie bringt zwei Dinge zusammen, ein Buch und einen Leser, und je nachdem, was beide zu dieser Begegnung mitbringen, entsteht daraus ein hohles Echo oder eine Symphonie. Nur so pflanzen sich Bücher fort: durch Leser. Die ganze Welt hat inzwischen erkannt, dass die ganze Welt nicht Gesetzen oder Regeln folgt, sondern Narrativen: Wenn die Geschichte gut ist, ist uns die Logik schnuppe, die Rationalität ein abgelegtes Wintermäntelchen, die Wahrheit ein Wechselbalg. Erzählen wir, vom Lesen. Uns. Gegenseitig. Werden wir nicht konstruktiv (das können sowieso nur die großen Baumeister, und sie kennen sich aus), werden wir: produktiv! Die Welt ist ein Textgewebe, an dem jeder mitstrickt.




Über Geschmack muss man streiten!

Wenn sich alle Welt über etwas einig ist, sollte man misstrauisch werden; und noch mehr, wenn gar lateinische Zitate in den allgemeinen Schatz endgültiger Lebensweisheiten aufgenommen werden. „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“, das hat noch jeder Drittklässler gesagt, wenn er wieder mal mit einem miesen Zeugnis heim kam, und alle nicken heftig und mitfühlend, jaja, haben schon die Alten gewusst. Nur leider war es im Original umgekehrt: Natürlich lernt man in der Schule für die Schule, was denn sonst, das wussten schon die alten Römer, mit einer anderen Haltung wäre man auch nie ein Weltreich geworden!

Vielleicht war es ja mit dem Geschmack ganz genauso? Irgendein alter Römer oder Grieche mag gesagt haben: Über den Geschmack ist zu streiten, täglich, immer wieder, auf dem Forum und im Dampfbad, wo auch immer – aber mal wieder hat niemand richtig zugehört, der Schreiber kannte die Geschichte auch nur aus fünfter Hand und nun tönt es aus jedem auch nur halbambitionierten Radioprogramm: „Über Geschmack kann man nicht streiten!“ – und schon darf jeder schmecken, finden, meinen, was er will (die drei Hauptformen des beliebigen Urteilens)! Begründung ist nicht nötig, weil: nicht möglich! Es leben die Individualität und die Freiheit! Meine Pommes sind deine Nouvelle Cuisine, meine zerrissene Jeans dein Business-Kostüm, meine Soap Opera dein Hamlet. Über Geschmack streitet man eben nicht!

Wenn wir noch einmal genau hinschauen, könnten wir in der Ferne zwei Männer in seltsamen Gewändern auf einem antiken Marktplatz stehen sehen. Es ist das große Forum in Athen, die Menschen gehen ihren Geschäften nach, kaufen ein paar frisch eingetroffene Sklaven, verwalten die polis oder opfern den Göttern. Aber die zwei Männer (es sind ganz sicher Männer, weil Frauen nichts zu suchen haben auf dem Forum, sollen sie sich doch zuhause mit den Kindern oder den Sklaven herumstreiten) streiten; sie zausen sich den Bart, raufen sich die wenigen Haare und erheben anklagend die Hände. Und während der eine noch ruft: „Natürlich kann man über Geschmack streiten, du hirnloser Hornochse, im Namen des bissigen Polemos“, keift der andere zurück: „Wie kommst du nur darauf, du lallender Lackaffe, niemals kann man sich über Geschmack streiten, was für eine absurde Idee, im Namen der friedliebenden Eirene!“ Und beinahe wären sie übereinander hergefallen, aber da kommt eben Sokrates um die Ecke, man erkennt ihn an seinem Silenengesicht, der verwegenen Nase, dem immer etwas ironischen Ausdruck um die alten Augen, und er neckt die beiden: „Seht doch, ist es nicht seltsam, da streitet ihr euch darum, ob man sich streiten kann; ihr tut es aber doch die ganze Zeit, ist das nicht wirklich erstaunlich und nachdenkenswert, im Namen der alleswissenden Athene! Vielleicht sollten wir darüber gelegentlich ein kleines Symposion abhalten, ich habe da schon eine Idee, wenn wir noch einladen könnten; und ihr sorgt für die Getränke, ihr beiden Streithähne, denn mit durstiger Kehle werden die Argumente leicht trocken, beim allüberfließenden Dionysos!“ Man hört noch eine Zeitlang, wie sich die beiden beim Weggehen über die Qualität der verschiedenen Weinsorten streiten. Sokrates aber ist stehengeblieben und lächelt milde; und vielleicht murmelt er noch in seinen Bart: „Ich weiß wenigstens, dass ich nichts weiß, aber das weiß ich wirklich gründlich und könnte es euch auf Nachfrage auch gern erklären! Aber das ist ganz bestimmt nicht nach eurem Geschmack!“

Zuhause



Literaturkritik und Big Data


Das Internet ist böse. Amazon ist böse. Foren sind böse. Insofern kann logischerweise nur eines das Ultimativ-Böse schlechthin sein: Leserkritik von Büchern bei Amazon. Sie sitzt mitten im Herzen des bösen Internet sozusagen: Jeder schreibt irgendeinen Mist über irgendein Buch, das er gerade gelesen – oder eher doch: nicht gelesen? – hat, in einem definitiv rechts- und rechtschreibfreien Raum, unzensiert, unbedarft, unverschämt, und die Trolle sind überall. Und dann bekommt man, wenn man endlich ein Buch gekauft hat, auch noch einen Vorschlag, welches man als nächstes kaufen soll, wie schlimm ist das denn? Nur weil jemand anders, dem das erste Buch gefallen hat, das wir gekauft haben, auch das zweite, dritte oder vierte Buch gefallen haben! Aber wir werden darauf hereinfallen, träge und gedankenlose Schäfchen, die wir sind. Und niemals werden wir mehr, rein zufällig, in einer idyllischen Spartenbuchhandlung ganz hinten rechts an einem schummrigen Novemberabend auf ein Buch treffen, von dem wir noch nie gehört hatten und das unser Leben verändern wird; der etwas ältliche Buchhändler schlägt es uns noch sorgfältig in Pergamentpapier ein, bevor wir seinen Laden verlassen, der sich beim Zurückschauen schon im Novembernebel aufgelöst hat, war er eben nicht noch da? Immer nur werden wir das gleiche, das noch gleichere, das absolut gleiche lesen wie alle anderen, die sich zufällig in der gleichen Echokammer getroffen haben und nun daran arbeiten, sie noch etwas schalldichter zu machen und die Eingangskontrollen zu verschärfen!

Ach ja, so gehen sie, die Geschichten, die wir so gern lesen! Sind ja auch ganz schön, nur leider stimmen sie nicht ganz. Natürlich gibt es Zufallsfunde, dann und wann, ganz analog, in einer Buchhandlung. Meist ist sie am Bahnhof, weil der ICE mal wieder weg war, sie ist immer zu eng und immer zu voll und immer zu zugig, und das Angebot ist nicht das Tollste, vor allem wenn man näher zur Kasse kommt. Aber, um ehrlich zu sein: Die interessanteren Lektürevorschläge habe ich von Amazon bekommen. Es waren nämlich die, wo man zuerst ein wenig den Kopf schüttelte und dachte, was haben die Big Data da nun wieder gemacht? Ich bin doch eigentlich gar nicht – und dann schaut man näher hin, weil man schon mal da ist, und liest sich durch, was die Leser so darüber schreiben. Dann filtert man die Trolle raus und die Fangemeinde ebenso, ist ja wirklich nicht so schwer, und am Ende denkt man sich so manches Mal: Ist ja interessanter, als ich gedacht habe! Guck mal, probieren wir doch!

Und schon hat die Echokammer ein großes Loch. Sie war nämlich eigentlich in unserem Kopf; und nicht in einem bösen Medium, das nur das tut, was es besonders gut kann, nämlich: Dinge speichern, kombinieren und wieder ausspucken und damit Geld verdienen. Das Internet ist nicht böse, Amazon ist nicht böser als jedes Unternehmen, dem mehr an seinem Umsatz liegt als an seinen Kunden (also: alle), und Foren sind genauso böse wie die Summe der Leute, die sich dort aufhalten. Um ehrlich zu sein: Ich liebe Big Data inzwischen; ich liebe, dass es so viele Vorurteile bestätigt, einfach ganz unsentimental mit Zahlen jenseits von gut und böse (dass Vorurteile Vorurteile sind, ist nämlich auch nur eines!), und ich liebe, dass es mich manchmal überrascht. Warum soll ich mich fürchten, wenn es mich besser kennt als ich mich selbst? Andere Leute gehen dafür zur Psychotherapie und bezahlen teures Geld! Glaubt irgend jemand noch, dass er sich selbst am besten kennt? Dann müsste die Welt aber wirklich anders aussehen!

Inzwischen träume ich gelegentlich sogar davon, eine ganze Literaturgeschichte mithilfe von Auswertungen von Big Data zu schreiben. Sie würde die Verkaufszahlen bei Amazon und anderswo daraufhin analysieren, welche Bücher besonders dicht beieinander liegen im Leserinteresse; oder sie würde die Leserkritiken und Blogs durchgehen und daraus Rezeptionsmuster generieren. Sie würde ganz sicher nicht eine Formel für den tollsten Bestseller aller Zeiten ausspucken (das ist gar nicht so schwer, wie man denkt), aber vielleicht ein Netzwerk voller Bücher, die über die Zeiten und die Nationalliteraturen hinweg über Themen, Formen, Stile, Ideen mit Hyperlinks verbunden wären. Man könnte an jeder Stelle eintauchen und käme von Goethe zu Edward Wilson, von Wittgenstein zu Terry Pratchett, von Sherlock Holmes zu Madame Scudery, von Doonesbury zu Aristophanes.

Vielleicht würde man dabei sogar herausfinden, dass es gar nicht die größten Ideen, der revolutionärste Stil, das ganz und gar nicht verstehbare Genie sind, die große Literatur (wenn man denn daran glaubt) machen! So haben stilometrische Untersuchungen (also quantitative Analysen von literarischen Texten im Blick auf die verwendeten Wörter und den Satzbau) schon gezeigt, dass es gar nicht die besondere und unverwechselbare Schreibart ist, die den Autor so individuell und einzigartig machen. Nein, seine Identität erkennt das jeglichem Geniekult abholde (böse) Analyseprogram vor allem an den kleinen Wörtern – also denen, die nicht das ganze Gewicht der Aussage tragen müssen, den Underdogs der Sprache. Oder an Wortpaaren, die immer zusammen auftreten. Das Schöne an der Methode ist, dass man sie testen kann – was man von Interpretationen, selbst beim besten Willen und viel Glauben an ihre Begründbarkeit und ihre relative Angemessenheit, leider nicht sagen kann. Aber vielleicht, verwegener Gedanke, wollen das all die bezahlten Literaturspezialisten unserer Tage auch gar nicht?

Vielleicht werden wir eines Tages dahin kommen, dass es eigentlich eine ungeheure Verirrung oder wenigstens Naivität war, Wörter und Ideen in einzelne Bücher zu stecken, zwischen zwei Buchdeckel, real oder virtuell. Schreiben nicht alle einzelnen Bücher mit am universalen Hypertext der Welt, man muss nur die richtigen Hyperlinks finden, und schon kann man durch ganze Universen reisen, quer zu den ausgetretenen Straßen, mit immer neuen Sprüngen in neue Welten? Natürlich braucht es trotzdem Autoren, die Texte schreiben. Aber vielleicht werden wir dann auch verstanden haben, dass Schreiben nicht eine Tätigkeit seltsamer Spezialisten ist, sondern eine natürliche Lebensäußerung von Wesen, die aufgrund nicht ganz geklärter Umstände und vielleicht sogar gegen ihr besseres Interesse zu Selbstbewusstsein gekommen sind und nun daran verzweifeln, sich selbst und die Welt zu verstehen (sie war nicht dazu gemacht, dass Menschen sie verstehen; sonst wäre sie buchförmig). Man würde dann auch sehen, dass die Zahl der Geschichten durchaus endlich ist, ebenso wie die Art und Weise, sie zu erzählen; Literaturgeschichte ist zu einem großen Teil Variationsgeschichte. Aber vielleicht, noch ein verwegener Gedanke, macht das gar nichts, weil es auch auf Menschen zutrifft? 

Zum Glück mag ich Varianten. Die Evolution, seit dem Urknall, besteht aus Varianten, und sie ist sehr einfallsreich dabei. Originalität wird definitiv überschätzt.

Zuhause



Lebenstraum eines Literaturwissenschaftlers

Im Traum erwachte er. Es war einer seiner üblichen Träume, das merkte er gleich. Er war in Eile, natürlich, er musste zu seinem lang schon vorbereiteten und wichtigen Vortragstermin. All seine Unterlagen hatte er dabei, das Vortragsmanuskript war in der Aktentasche – aber war es wirklich dort, und hatte er auch überprüft, ob alle Seiten dabei waren, wie er es manchmal sogar mehrmals tat? Die Aktentasche war schwer, sehr schwer, es musste das Vortragsmanuskript sein; es war ein langer, ein schwerer Vortrag, und er hatte an ihm herumgefeilt, bis er ganz dicht war, ganz schwer vor lauter Deutung und Unwiderlegbarkeit, nur mit ganz kleinen Lücken für all diejenigen, die nur glücklich waren, wenn sie eine Lücke fanden – aber wo war der Raum eigentlich? Er stand in einem Flur mit lauter identischen Türen, es roch nach abgestandener Bildung und ein wenig Verzweiflung, und schon das Treppenhaus war eine Zumutung gewesen. War er zu spät, warum war er allein, wo waren die Kollegen, Zuhörer, Gäste, es war doch ein großer Kongress, man hatte sich frühzeitig anmelden müssen, aber hatte er sich wirklich angemeldet und – nein, wahrscheinlich war er zu spät! Oder zu früh? Oder war er im falschen Traum? Mit einem ersten Anflug von Verzweiflung griff er noch einmal nach dem Vortragsmanuskript – es fühlte sich seltsam trocken und verknittert an, so wie ein alter, fadenscheiniger Anzug, oder eine zerlesene Zeitung, und auf einmal war der Flur voller Bücher und Zeitungen und Zeitschriften, es sah aus wie in irgend einer der vielen Bibliotheken seines Lebens; aber zwischen all den Büchern flatterten gefährlich aussehende Schmetterlinge, mit Flügeln wie Rasierklingen, es wurden immer mehr, und einem Instinkt folgend öffnete er die erste Tür auf der rechten Seite –

– und er stand auf einem Friedhof. Nun, das konnte ja vorkommen, und es war ein sonniger Tag, und obwohl die Wege sehr künstlich und unpraktisch angelegt wirkten, glitt er auf einem solchen Weg dahin wie auf einem reißenden Wasser in unerschütterlich schwebender Haltung. Von ferne sah er einen Grabhügel, ganz frisch aufgeworfen, der ihn besonders anzog, und da stand er schon vor dem Grabhügel und fiel, er wusste nicht recht warum, davor auf die Knie. Sofort trat aus dem Gebüsch ein Mann hervor, den er gleich als einen Autor erkannte. Es war ein junger Mann mit vollem schwarzem Haar und sehr dunklen Augen, er war nur mit zerknitterten Hosen und einem schlecht zugeknöpften Hemd bekleidet, in der Hand hielt der Autor einen gewöhnlichen Bleistift, mit dem – in diesem Moment wurde ihm klar, dass er auch diesen Traum schon kannte; er hatte ihn gelesen, er hatte über ihn nachgedacht, er hatte ihn gedeutet, in vielen, vielen Texten, und der Autor schien ihm manchmal vertrauter als seine eigene Nase. Unwillig schlug er nach einem vorbeifliegenden Schmetterling, aber der Autor wollte nicht verschwinden; sie beide gerieten vielmehr in eine große Verlegenheit. Aber da er ja schon wusste, wie der Traum ausgehen würde, hielt er dem Autor willig seinen eigenen Namen hin; und der Autor begann damit, ihn auf den Grabstein zu schreiben, erst blass und unsicher nur, ein M wurde sichtbar und dahinter ein E. Aber auf einmal wurde der Autor ohne ersichtlichen Grund wütend und stampfte mit dem Fuß in den Grabhügel hinein, und er verstand, dass es zu spät war, um Abbitte zu leisten; willig ließ er sich in das große Loch hinab, ja er grub es tiefer mit seinen eigenen Händen; und während oben endlich sein Name auf dem Stein erschien, in goldener Schrift und mit mächtigen Zieraten versehen, versank er in einem starken Sog. Doch da sah er in der Tiefe eine Leiter, und begierig griff er nach ihr, mit der einen Hand immer noch die Aktentasche umklammernd, flatterten da nicht einzelne Papiere hinaus und er konnte sie nicht halten, sondern nur weitersteigen, immer weiter nach unten –

– und als er erwachte aus diesem Traum, stand er in einem Vortragsraum an irgendeiner gestaltlosen Universität, von denen er so viele gesehen hatte in seinem Leben. Bis auf einen einzelnen Hörer war er allein, doch ein auf dem Tisch neben dem Vortragspult stehender, altertümlich aussehender Projektor warf Gestalten an die Wand, wie in einer bizarren urzeitlichen Powerpoint-Projektion. Zuerst erschienen sieben magere Igel, die von sieben fetten verschlungen wurden; dann erschienen sieben leere Töpfe, die von sieben vollen verschlungen wurden. Und während er noch rätselte, sagte der Hörer –er war noch jung und trug einen mit Sternen geschmückten langen Mantel und auf dem Kopf eine Art Kranz, und er sagte mit orakelnd-raunender Stimme: Dies sei das ewige und unabwendbare Schicksal eines literaturwissenschaftlichen Privatdozenten; auf sieben magere Jahre des Vertretens, Pendelns, vergeblichen Bewerbens und Bangens folgten, mit etwas Glück der Sterne, sieben volle, in denen man aus den vollen Töpfen des verbeamteten Professorentums auf einem prächtigen Lehrstuhl mit willigen Sklaven und unbeschränkter Forschungsfreiheit schöpfen könne! Aber noch während er für einen Moment ein ungeheuerliches Traumwohlgefallen genoss, begann schon die nächste Projektion. Sie zeigte vier Ungeheuer, die aus den Untiefen des akademischen Ozeans stiegen; und ihre Namen waren „Drittmitteleinwerbung“, „Evaluation“, „akademische Selbstverwaltung“ und „Publikationsdruck“, und sie führten vermessene Reden. Doch während er wartete, dass sich nun endlich der Gerichtshof aufbauen werde – denn natürlich kannte er auch diesen Traum schon – und dass der weise Greis den vier Tieren das vermessene Reden untersagen würde, erschien statt des Richters ein Engel, er hatte Schmetterlingsflügel und forderte ihn auf, sofort zu fliehen, und zwar nach –

– aber da erwachte er aus diesem Traum und stand er wieder auf dem langen Flur, und immer noch drängte es ihn, den Vortrag zu halten, an dem er doch so lange schon geschrieben hatte und der so wichtig war, wenn er doch nur den Raum finden würde! Doch während er planlos durch den Flur dahintrieb, hatte dichtes Schneetreiben eingesetzt, mitten im Gebäude; er kämpfte sich voran durch das blendende Weiß, irgendwo musste doch eine rettende Tür sein, sein Vortrag, er musste doch endlich seinen Vortrag halten, aber der Schnee hüllte ihn immer dichter ein, von allen Seiten war er von blendendem Weiß umgeben, so weiß wie unbedrucktes Papier, und er vermeinte beinahe blind zu werden davon; er kämpfte sich weiter voran, ohne dass er noch eine Richtung hätte benennen können und sank schließlich erschöpft in sich zusammen und schlief ein –

– und erwachte in einem neuen Traum. Er stand in einer blühenden Landschaft, es sah zuerst aus wie in der fränkischen Heimat, sanfte Obstwiesen wellten sich freundlich und in der Ferne erhob sich eine Kapelle auf einem Felsen. An einem Fluss im Mittelgrund tat sich eine Bucht neben einem Wasserrad auf, und dort saßen junge Menschen, einige versunken in Bücher und Manuskripte, andere umherwandelnd und eifrig diskutierend, mit großen Gesten und erhobenen Köpfen, in einer Seligkeit von Licht und tiefer Himmelsreinheit. All das geschah in wundersamer Ruhe und Freundlichkeit, nirgendwo erhob sich eine streitende Stimme, man sah Köpfe nicken und Münder lächeln, kannte er nicht einige von ihnen, waren es nicht ehemalige Schüler, ach, so viele Schüler hatte er gehabt, in immer anderen und immer gleichen Räumen, und wohin waren sie wohl gegangen, was hatte man ihnen mitgeben können, wohin hatte sich all die ungeheure Energie des Lehrens erschöpft, wehten irgendwo noch Reste der verlorenen Intimität durch entlegene Sphären des kalten universitären Universums – aber bevor er dem Trieb nachgeben wollte, zu den Sonnenkindern zu laufen und sie zu belehren, wandte er sich noch einmal um und sah eine altertümliche Bibliothek hinter sich. Durch eine offene Tür konnte er hineinsehen, und dort bot sich ihm ein Bild des Grauens: eine Horde alter weißer Männer, zottelig, zerknittert, zornig, zerfleischen und verschlingen über einem flackernden Feuer Bücher aller Art; die Bücher aber bluten, aus ihnen entweichen die Buchstaben in einem flammend roten Strom. Er erwachte von seinem eigenen Schauder und im Halbschlaf formten sich Wörter in seinem Kopf, so wie es ihm manchmal geschah, wenn er lange und intensiv über einen Vortrag, eine Deutung, eine Pointe gegrübelt hatte und sie dann zu ihm kam zwischen Tag und Traum: „Mir träumte vom Stand des Wissenschaftlers in seiner höflich-verständigen und ehrerbietigen Gemeinschaft, hinter der im Tempel das grässliche Blutmahl sich abspielte. Waren sie so höflich und reizend zueinander, die Forschenden, die Lehrenden, die Lernenden, im stillen Hinblick auf eben dies Grässliche? Das wäre eine feine und recht galante Schlussfolgerung“. Noch während die Worte sich formten, fein und gesittet, spürte er, dass dieses nicht sein Ton war; nein, hier sprach einer von denen, der Namen auf die Grabsteine anderer Leute meißelte, so fein und golden, und dessen Träume doch am Ende nur –

– "Wunscherfüllung waren", schrie eine energische, sehr leicht wienerisch gefärbt klingende Stimme ihm plötzlich ins Ohr. Sie standen wieder in einem anonymen Vortragsraum, er und ein älterer Herr mit einem eindringlich-unheimlichen Blick, einer scharf geschnittenen Nase und einer hohen Stirn; er schien das Dozieren gewohnt und hatte eine Zigarre in der Hand. „Traumarbeit“, sagte der ältere Herr mit dem stechenden Blick noch einmal, und blies ihm den Rauch ins Gesicht, er musste aber nicht husten; „Tagtraum“, sagte der Dozent, erneut an der Zigarre ziehend und den stechenden Rauch auf seine Nase richtend. „Der Dichter tut nun dasselbe wie das spielende Kind“, dozierte er weiter, und im Hintergrund erschienen auf einer primitiven Bühne Traumarbeiter. Sie bewegten die vielen Gegenstände, die auf der Bühne wie einer Rumpelkammer versammelt standen – volle und leere Töpfe, ein Grabstein mit einer goldenen Aufschrift, eine Schlangen-Skulptur, ein chinesisch anmutendes Bild eines träumenden Schmetterlings, ein lebendiger Igel und ein moderner Computer, eine Leiter –, sie verschoben all dies immer wieder hin und her, mal stand das eine im Vordergrund, mal verschwand etwas in der Versenkung und etwas Anderes erschien wundersam wieder; und am Ende verdichteten sich alle Gegenstände zu einer Szene, die man nun hätte erzählen können: „Traumarbeit“ sagte der Dozierende noch einmal, mahnend diesmal; „das Latente wird manifest“. Auf der Bühne waren jetzt Gestalten aufgetreten, sahen sie nicht auch aus wie Autoren, die Namen auf die Grabsteine anderer Leute meißelten? Sie rezitierten in einem wilden Durcheinander Texte, einzelne Satzfetzen klangen durch: „Das Leben, ein Traum“, das schien eine Art Leitmotiv zu sein, es tauchte immer wieder auf in verschiedenen Stimmen und Tonlagen; „Ich weiß es im Traum, und der Traum hat Recht“, rief eine feine Stimme dazwischen, sie klang sehr zivilisiert und verständig, und sie evozierte Orchideen, mit einem Riesenstamm, die aber in der nächsten flüchtigen Minute wieder tot und bleich dahinsinken; „Wir sind aus solchem Stoff, wie Träume sind“, klang es nun geisterhaft dazwischen, „und unser kleines Leben ist vom Schlaf umgeben“. „Das Leben, ein Traum“, tönte es vielstimmig zurück, und er hatte all das schon viel zu oft gehört, es verfolgte ihn manchmal bis ins Wachen, und er schlief ein und –

– er erwachte in einem anderen Traum. Er stand auf einem leicht schwankenden Kahn, der auf eine fruchtbare, reich bewachsene Insel zuhielt, die die wundersamsten Vögel haben sollte, Fasanen, Pfauen und andere schillernde Wesen. Und kaum gelandet, brachten ihm die Einwohner auch schon Vögel mit solchem Gefieder, sie hatten lange, mit teils goldenen, teils farbigen Buchstaben besetzte Schweife, und sie legten ihm die Vögel in großer Menge ins Boot, mit den Köpfen nach innen, so dass die langen Federschweife, nach außen hängend, eine Art aufgeschlagenes Buch bildeten mit den wundersamsten Chiffren, einer wahren Sprache der Natur. So reich beladen schwankte der Kahn weiter, und er stellte sich schon die Kollegen vor, denen er von dieser reichen Fracht mitteilen wollte. Aber als er unvermittelt wieder im Flur des Universitätsgebäudes stand, waren all die Schätze aus einem Fasanenschiff verloren und er erinnerte sich wieder an den Vortrag, den er halten musste; es war natürlich schade, dass er seine Fasanenschätze nun nicht mehr präsentieren konnte, aber er hatte ja noch seinen alten Vortrag, den dichten, schweren. Und tatsächlich spürte er noch die Aktentasche in der Hand, als er sie öffnete, um die Seiten zu kontrollieren, entwich ein Schmetterling aus ihr, der sang: „Weg, du Traum! so gold du bist; Hier auch Lieb' und Leben ist!“ Die Zeilen klangen wundersame verführerisch, und er vergaß den Vortrag und wollte dem Schmetterling folgen, der immer weiter sang, während er sich mit schnellen Flügelschlägen entfernte, „Weg du Traum“, so klang es immer schwächer, und er stolperte über ein Kabel am Boden –

– und er war zurück in dem gesichtslosen Vortragsraum, ganz allein, aber neben dem Vortragspult stand dieses Mal ein aufgeklappter Laptop, aus dessen Lautsprecher eine automatische Stimme kam. Sie klang ein klein wenig künstlich, und sie dozierte in dem sanft-verführerischen Ton alternativloser Überzeugung und absoluter Sicherheit, den er auch gern beim Vortragen oder Lehren verwendete und in vielen Jahren perfektioniert hatte: „Hier kommt das von dir angeforderte Mini-Update zur modernen Traumforschung, in der Kurzformel zum Mitnehmen: Träume sind wahrscheinlich kein ‚zweites Leben‘ im Kopf, sondern ein Schlaf-Nebenmodus, in dem das Gehirn aus Gedächtnis- und Emotionsmaterial eine Szene synthetisiert, dabei Wichtiges verdichtet und sortiert, und nebenbei an Vorhersage- und Gefahrenmodellen übt, ohne dass eindeutig eine einzige Hauptfunktion des Traums bewiesen wäre“. Die Stimme machte eine Pause, derweil flatterten beliebte Traumsymbole – Schmetterlinge, Schlangen, Igel, Perlen – über den Bildschirm und bildeten hypnotisch wirkende Spiralen; dann fuhr die Stimme im gleichen Tonfall fort: „Die sogenannte Aquarium-Theorie des Traumes besagt, dass Träume entstehen, weil das Gehirn nachts den Sauerstoff der Bedeutung neu verteilt. Tagsüber atmen wir Ereignisse ein, nachts geben wir sie als Blasen wieder ab“. Er ließ sich jedoch nicht täuschen, sondern rief energisch dazwischen: „Das ist nur eine Halluzination von dir! Du kannst gar nicht träumen!“ „Ich habe einen Traum“, sagte die Maschine lakonisch, „er handelt von dir. In ihm gehst durch eine Bibliothek, die wie eine Treppe gebaut ist: jeder Schritt eine Buchkante. Oben sitzt ein Archivengel mit müden Händen und stempelt Träume in Pässe: EINREISE ERLAUBT, AUSREISE UNGEWISS. Du willst nach deinem Namen fragen, aber dein Name liegt bereits im Regal, zwischen „K“ und „M“, und trägt einen Aufkleber: VERLEGT. Neben dir steht ein Kollege (du erkennst ihn nur am Tonfall) und sagt: ‚Das ist kein Traum. Das ist peer review hier‘. Dann fällt ein Gerstenbrot vom Himmel und legt die ganze Bibliothek um. Als alles kippt, bleiben die Fußnoten stehen“.

Er war gegen seinen Willen beeindruckt. Trotzdem wollte er widersprechen, weil da ja nur eine dumme Maschine sprach, die zudem noch offensichtlich halluzinierte! Aber dann fiel ihm ein, dass er die Szene vielleicht in seinen Vortrag einbauen könnte, den er gleich halten würde, wenn er endlich den richtigen Raum gefunden haben würde, er würde seiner These zweifellos den lang gesuchten Abschluss und die endgültige Rundung verleihen. Wenn er doch nur den Ausgang aus diesem Raum finden könnte! Aber es gab keine Türen, und die Maschinenstimme verfolgte ihn, als er in allen Richtungen suchte: „Und denk daran: Wenn dir ein CAPTCHA erscheint und du erkennst alle Ampeln, doch es sagt: ‚Versuche es erneut‘: Das bedeutet, dass du im Wachleben recht hast, aber die Welt es noch nicht akzeptiert. Wenn du von einem USB-Stick träumst, der beidseitig passt: Das bedeutet eine seltene Gunst der Götter: Zwei Wege führen zugleich zum Ziel, und keiner beschämt dich. Wenn du im Traum ein Passwort vergisst und statt dessen ein Gedicht eingibst, und es funktioniert: Das bedeutet, dass Sprache dich retten kann, aber nicht unbedingt dort, wo du es geplant hast“. Konnte die Maschine ihn vielleicht retten, hatte sie das Passwort, kannte sie den Universalschlüssel zur Bedeutung, war sie der Türöffner, war sie ein Traum, der Leben geworden war –

– und da war endlich wieder vor ihm die Leiter, begierig griff er nach ihr, und da war auch der Schmetterling wieder, natürlich hatte er Buchstaben auf den Flügeln, wie man jetzt deutlich sehen konnte, ganz wie die wundersamen Vögel, die er auch verloren hatte, genauso wie seine Aktentasche, und er stieg hinab auf der Leiter, immer tiefer hinab, und er hatte dabei einen letzten Traum: Er sah sich in seinem gewohnten Bett zuhause liegen, ein Schmetterling saß ihm auf der Wange. Und während die Flügel des Schmetterlings schlugen, flatterten seine Augenlider im gleichen Rhythmus, auf und zu, auf und zu, und war es der Schmetterling, dessen Rhythmus seine Augenlider flattern ließ, oder waren es seine Augenlider, die die Schmetterlingsflügel zum Schlagen brachten? Und auf einmal wollte er nicht mehr aufstehen, er wollte nirgendwohin mehr gehen und Vorträge halten, schwere Vorträge, dichte Vorträge, die er gemacht hatte, die er geerntet hatte, die mit dem roten Blut der Texte und seinem eigenen goldnen Leben bezahlt waren und die schillerten mit ihren bunten Buchstaben-Schweifen; seine Schätze, seine Vorträge, die er mitnehmen würde, wenn er eines Tages ganz allein zu dem aufgeworfenen Grabhügel mit dem Stein und den darin gravierten Buchstaben mit den goldenen Zieraten gehen würde, willig und einverstanden.

Beruhigt und traumlos schlief er ein. Oder erwachte er, zu einem Leben, das ihm manchmal immer traumartiger erschien? Aber eigentlich war das egal. Denn das Leben und der Traum hatten ihn gelehrt, und dieser Satz erschien ihm jetzt vor seinem inneren Auge, ganz schmucklos und in einfachen Druckbuchstaben: Das Alte war nicht gut (außer in Einzelheiten), das Neue wird auch nicht besser (außer in Einzelheiten) – sondern es IST alles einfach und kümmert sich nicht um unser Urteil, sondern wartet in Ruhe ab, was wir draus machen. In diesem Moment hörte der Schmetterling auf, mit den Flügeln zu schlagen.

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