Manchmal denkt man, das Alphabet hat doch eine tiefere Bedeutung; nämlich immer, wenn Stichwörter aufeinander folgen, die sich geradezu nach einer inneren Logik zu ergeben scheinen, obwohl sie eigentlich wirklich nichts miteinander gemeinsam haben außer: im Alphabet aufeinander zu folgen (mehr oder weniger, wir lassen dazwischen ein paar kleine Wörtchen aus). Es begann mit wuchern; ein Wort, das man eigentlich fast nur noch im Zusammenhang mit Unkraut verwendet, da die Banken schon länger gar nicht mehr so wuchern mit ihren Zinsen; das hat rein gar nichts mit der Güte ihres Herzes oder der Reinheit ihrer Absichten zu tun, nein, Geldverleihen bleibt ein ziemlich schmutziges Geschäft; aber die globale Wirtschaft hat ihre eigenen Regeln erzeugt, und es regiert die Zentralbank, punktum. Währenddessen wuchert das Unkraut fröhlich weiter, ungerührt von den Zeiten; was es aber eigentlich ganz unschuldig tut, denn das wuchern kommt vom wachsen und gedeihen, rein sprachlich gesehen; es ist halt ein besonders ertragreiches, sozusagen überschießendes Wachsen. Das hat man nicht so gern, wenn es um Unkraut oder die Wucherklaue des Steuereintreibers geht; und schon der Meister beklagt sich einmal, dass Leute auch gern zu Werbezwecken mit guten Namen wuchern, die das aber auch weder verdient noch genehmigt hätten (Werbung, in jeder Form: eine wahrhafte Wucherklaue heutzutage!). An anderer Stelle spricht er poetisch vom „Wuchrer Tod“, und das klingt erst einmal spontan einleuchtend, weil es zwei extrem negativ beladene Begriffe zusammenbringt; aber, bei genauerer Beschauung: Womit wuchert der Tod eigentlich? Wofür treibt er die Zinsen ein? Für gelebtes Leben, verpasstes Leben, nicht ordentlich versteuertes Leben? Wahrscheinlich so: Man lebt so, als könnte man ewig auf Kredit leben, man verschwendet Leben (when I think of all the good times that I’ve wasted having good times!); aber am Ende muss man das geliehene Kapital zurückzahlen, es war uns nur verpfändet, und unsere Seele ist der Preis. Das Problem ist natürlich, dass man diesem Wucherer niemals entkommen kann, was etwas unfair anmutet; aber wer hat gesagt, dass Leben fair ist?
Aber Goethe kennt, um zum Positiven zurückzukehren, durchaus noch ein positives Wuchern: nämlich ein produktives und über-ertragreiches Wachsen aus gut angelegten Lebens-Kapitalien. Das können einmal erworbene und dann konsequent verfolgte Überzeugungen sein; und die Redaktorin sprang eine Passage an, die einmal mehr bis ins Einzelwort hinein ihr ins und aus dem Herzen geschrieben schien: Das Innere, Eigentliche einer Schrift zu erforschen, sei daher eines jeden Sache, und dabei vor allen Dingen zu erwägen, wie sie sich zu unserm eignen Innern verhalte ... Diese aus Glauben und Schauen entsprungene Überzeugung … liegt zum Grunde meinem sittlichen sowohl als literarischen Lebensbau, und ist als ein wohl angelegtes und reichlich wucherndes Capital anzusehn. Schon der Lebensbau – ach, was für eine schöne, hilfreiche, anschauliche Metapher (sie verdient einen eigenen Artikel, definitiv!). Errichtet auf Überzeugungen, die aus Glauben und Schauen – wenn auch wahrscheinlich in umgekehrter Reihenfolge – entsprungen sind: Denn eines geht nicht ohne das andere. Oder, an einer anderen Stelle: Dass Tagebucheinträge aus der Vergangenheit ein Kapitel sind, mit dem man später reichlich wuchern kann. Na gut, wahrscheinlich ist das tatsächlich das Einzige, was dem Wucherer Tod einigermaßen sinnvoll entzogen werden kann: Lebenskapitalien, früh bei Seite gelegt und später sinnvoll benutzt, bevor es zu spät ist (die Redaktorin hat gerade ihren Antrag für die Frührente gestellt, sie hofft, noch etwas wuchern zu können mit dem einen oder anderen zurückgelegten…).
Und damit springen wir ins Wühlen. Das kommt erst etwas ungeordnet daher, was wühlt nicht alles bei dem Manne! Die Wellen, die wogenden, die Menge, die wogende; dann auch die emsig arbeitenden Tiere unter der Erde, die man sogar zu hören meint. Wühlen, ist es einfach nur eine ungeordnete Bewegung, ein Hin- und Herschichten von etwas? Denn eigentlich kommt es wohl wirklich von einer Bewegung unter oder zumindest mit Erde, Wühlmäuse sind die wahren Wühler (kommen aber nicht vor beim Meister), und es ist das Dunkle, Verborgene, der Welt des Lichts und der Aufklärung Entzogene und deshalb: in mehrerlei Hinsicht auch Unterhöhlende und Untergrabende, was das Wühlen ausmacht. Aber so streng ist der Meister nicht; des Meeres Wellen durchwühlen zwar auch ein wenig den Boden bei der großen Flut im Faust, aber die wühlende Menge taucht auch einmal ganz oberirdisch nach den Geldstücken, die bei der Kaiserkrönung ins Volk geworfen werden; oder der Schmerz wühlt in den Eingeweiden (definitiv nachvollziehbar, nicht nur für uns Schmerzpatienten, sondern für jeden, der einmal ernsthaft Bauchweh gehabt hat); oder wenn man ganz hingerissen und durchdrungen vom schöpferischen Enthusiasmus ist, wühlt man mit dem Griffel auf dem Papier (ja, junger Goethe). Wühlen, es wühlt außer uns, es wühlt in uns, auch Ideen wühlen in uns, oder wir wühlen uns durch eine unangenehme Arbeit oder einen unlesbaren Text, und wenn man genug gewühlt hat, wenn es genug gewühlt hat, innerlich und äußerlich, ist man:
Wund; oder man hat eine Wunde. Das ist nun ein Alltagswort, das man kennt, obwohl man dann doch mal wieder nachdenken muss, was es eigentlich genau meint: nämlich eine offene, klaffende Verletzung, die noch nicht verheilt ist; und den damit verbundenen brennenden Schmerz, wenn sie sich entzündet. Und beim Meister gibt es, beides in hinreichender Anzahl, sowohl Kriegswunden als auch Unfallwunden oder Operationswunden; wund ist die Lippe (aber gern vom Küssen!), der Gaumen, das entzündete Ohr, das kuriert wird mit einem (wohl ganz wörtlich so empfundenen) Höllenstein. Aber wer genug Schicksalsschläge erlitten hat, ist auch seelisch wund (die Redaktorin nickt, leidgeprüft, leider fühlt es sich genauso an). Und, das ist nun wieder recht hübsch, einmal schreibt der Meister von einem „wunden Flecken“ auf der Landkarte; offensichtlich eine sprachspielerische Variation des „weißen Fleckens“, jedenfalls ein Ort, der besser zu meiden ist (aufgrund kriegerischer oder sonstiger politischer Verwicklungen; wir könnten gerade jede Menge wunder Flecken auf der Landkarte zeigen oder benennen!). Psychologisch aber besonders interessant ist, dass es Wunden gibt – die hält man gern, ungern, gern – ein wenig offen. Man will nicht, dass sie heilen: „Ein lebhafter Eindruck ist wie eine andere Wunde; man fühlt sie nicht, indem man sie empfängt. Erst später fängt sie an zu schmerzen und zu eitern“. Oder, über die Wahlverwandtschaften: „Niemand verkennt an diesem Roman eine tief leidenschaftliche Wunde, die im Heilen sich zu schließen scheut, ein Herz das zu genesen fürchtet“. Natürlich ist von der Liebe die Rede, die uns allen Wunden schlägt. Sie können sehr unterschiedlich tief empfunden werden, und Alter schützt vor Schmerzen nicht. Und ist es nicht wirklich so, dass eine solche Wunde, der mit ihr verbundene, erinnernde, liebevolle Schmerz – nicht besser ist, als das Vergessen des Wunders, das ihn erzeugt hat; des Wunders, das einem die Wunde geschlagen hat, aber in der Hingerissenheit des Augenblicks und der Weite der sich öffnenden Möglichkeiten stand man, wie Goethe ganz richtig beobachtet, unter Schock und erst nach und nach entzündet sich der Einschnitt ins lebende Herz? Man lese den Werther darauf hin (was die Redaktorin zufällig gerade getan hatte, und sie war verwundbar); man schaue auf seine eigenen Wunden, die offenen wie geschlossenen. Als Kind hat man sich den Schorf vom Knie gerissen, und man hat nie genau verstanden, warum man das eigentlich tat; es fühlte sich irgendwie richtig an. Es war eine Übung fürs Leben, das uns wund schlägt; das ins uns wühlt, in den Eingeweiden, in den Herzen, im so leicht zu verwirrenden Kopf und immer wieder alles untergräbt, was man sich zurechtgelegt hatte. Und man kann nur hoffen, zufällig unterwegs doch das eine oder andere angesammelt zu haben, im Glauben und Schauen, mit dem man gegen die Wundheit und das Unterwühltsein wuchern kann (und sei es gelegentlich: ins Unkraut!).
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Gewechselt wird wahrlich viel in so einem ganz normalen Leben (was immer das sein mag): die Wäsche und die Stellung, die Rollen und die Ringe, die Umstände und die Zustände, die Briefe und die Küsse, die Meinungen und die Neigungen, die Plätze und die Worte, die Rüstungen und die Trikots (ja, wirklich auch die Rüstungen, offensichtlich uralter kulturgeschichtlicher Brauch!); und manchmal wechselt sogar die Paradieseshelle mit tiefer schauervoller Nacht (Faust, natürlich, wie immer im Extremwechsel). Der Meister selbst ist ein Wechselmeister, was war er nicht alles in seinem wechselvollen, oder sollten wir besser sagen: wechselreichen (Neologismus der Redaktorin, nicht des Meisters!) Leben! Wo Leben ist, ist Wechsel, und das hat, so hat die Redaktorin gelernt bei dieser Strecke zwischen wechseln und wecken, die sicherlich eine der interessantesten ist überhaupt, zweierlei Konsequenzen: Leben, das ist die unberechenbare Wechselhaftigkeit des Schicksals, das uns durch den Kakao und durch die Suppe und gelegentlich durch Sümpfe des Seins zieht (am eigenen Zopf und Schopf, genau, genau). Aber dieser (scheinbar) zufällige, weil von äußerlichen Umständen (scheinbar) jenseits unserer Kontrolle bestimmte Glücks- und Stimmungswechsel, wie er sich am deutlichsten im wechselhaften Wetter demonstriert (gerade regnet es das erste Mal seit Wochen, die Redaktorin ertappt sich bei dem Ausruf: „Es regnet, ach, wie schön!“), er kann nur so (scheinbar) unberechenbar und zufällig und schicksalhaft sein, weil das menschliche Leben sich seiner Natur nach zwischen Extremen vollzieht: Es gibt nicht nur gutes und schlechtes Wetter (sehr relativ, wie wir gerade gesehen haben), Paradieseshelle und tiefe schauervolle Nacht (nicht in den Sonnwendnächten, die die Redaktorin gerade gesehen hat, die heute noch mehr als sonst dazwischenreden muss), undsoweiter, nein: Es gibt Leben und Tod, und das ist eine Urpolarität, punktum. Wer leben will, muss sterben.
aber heut zu Tage, wo durch eine freiwillig einstimmende Bewegung die Völker alle Hindernisse beseitigen und sich wechselsweise zu nähern suchen, heut zu Tage, wo die Nationen geneigt sind, eine durch die andere sich bestimmen zu lassen, eine Art Gemeinde von gleichen Interessen, gleichen Gewohnheiten, ja sogar gleichen Literaturen unter sich zu bilden: da müssen sie, anstatt ewige Spöttereien unter einander zu wechseln, sich einander aus einem höhern Gesichtspuncte ansehen.
Achja, der höhere Standpunkt. Wenn man jemals wüsste, wo er gerade ist! Er hat sich aber versteckt im Parteienstreit, im Kriegsgetöse, im ewigen Hickhack der Medien. Stattdessen schickt er seinen Stellvertreter vor, er heißt „werteorientiert“ (man ergänze ein beliebiges Substantiv von hohem Abstraktionswert, sagen wir: Außenpolitik. Erziehung. Nein, kein drittes Beispiel). Nein, der höhere Standpunkt ist nicht ein moralischer Leuchtturm, er ist: ein echtes Gemeinsames hinter den äußerlichen Gegensätzen, die man besser als Komplementäre zu denken hat. Das ist eine bleibende Denkaufgabe für Fortgeschrittene, jenseits der „einfachen Lösungen“, die das Schimpfwort des Tages sind (und selbst das beste Beispiel für die Attraktivität derselben: man sagt nur eben „einfache Lösungen!“, und schon hat man gewonnen!), aber am Ende: die einfachste von allen.
Aber, der Widerspruchsteufel in der Redaktorin verlangt entschieden nach Wechsel nach so viel höherer Moral und universalistischer Naturphilosophie, wo kommt denn der Wechsel nun eigentlich her? Er kommt, wie alle wichtigen Wörter, aus dem Konkreten, nämlich dem ewigen Tauschgeschäft: Eines will, soll oder muss an die Stelle eines Anderen. Und dessen Inkarnation ist bis heute der Wechsel im Finanzgeschäft: diejenige Schuldverschreibung, bei der ein Blatt Papier an die Stelle eines konkreten, werthaften Dinges tritt. Und das man dann, das erläutert schon unser Adelung, anstelle von Geld auch weiter verhandeln kann. Im Wechselhandel zeichnet sich das moderne, immer weiter ins Virtuelle entwichene Finanzmarktgeschäft ab: Wenn Schulden verkauft werden können, dann ist eine erste Stufe der finanziellen Perversion eingetreten, die schwer wieder rückgängig zu machen ist: Zu viele Wechsel sind schon in der Welt, sie haben mehrfach den Besitzer gewechselt, und dabei naturgemäß auch falsche Wechsel, ungedeckte Wechsel nämlich, und irgendwann fliegen sie auf, eine Menge bedrucktes Papier entflattert in den Himmel, wo es eigentlich schon vorher war, nämlich: jenseits einer Welt konkreter, hand-fester, wahrlich wert-voller Werte. Wechsel als Schuldverschreibungen sind, aber die Redaktorin weiß noch nicht, ob der Vergleich funktioniert: eine Art Wechselbalg des ursprünglichen Tauschgeschäftes. Der Wechselbalg nämlich ist ein untergeschobenes Kind, gezeugt eigentlich von oder mit dem Teufel oder wenigstens mit dämonischen Geistern, und dann unschuldigen Eltern untergeschoben; Goethes Beispiel dafür ist, und jetzt muss eine kleine Triggerwarnung für die christlich Gesinnten unter uns ausgesprochen werden, sogar die Redaktorin musste beim Lesen schlucken: Christus. Gezeugt von einem Geistwesen, und dann einem nichtsahnenden Paar untergeschoben, immerhin: mit Ankündigung. Im Unterschied zum „echten“ Wechselbalg, dem puren Teufelswerk also, ist Christus aber, soweit bekannt, nicht missgestaltet oder fehlgebildet gewesen (außer man rechnet seine frühkindliche Begabung oder seine etwas außerweltlichen Fähigkeiten wie das Erwecken von Toten zum Leben; siehe unten unter wecken); ein ordentlicher Wechselbalg aber, für den die Hexe dann auch ganz sicher verbrannt wird, bei der man ihn gefunden hat, hat irgendeine körperliche Fehlbildung. Daran erkennt man ihn ja! Muss vom Teufel sein, diese verkrüppelte Hand mit nur vier Fingern, die Hasenscharte (nein, kein drittes Beispiel, dieses ist eine Entziehungskur von der Trinität!). Ach ja, der Wechselbalg, keine Kulturgeschichte, kein Volk kommt ohne ihn aus. Es scheint eine Urangst der Menschheit zu sein, dass die Kinder nicht die eigenen sind (und das kann sogar die Redaktorin verstehen); dass man ihr etwas beigelegt hat, was fremd ist, vielleicht verwechselt nach der Geburt, man weiß ja aus den Medien, dass das immer wieder vorkommt? Dieses andere, seltsame Wesen kann doch nicht Ich sein, ein Teil von mir, von uns, von der schönen Wechselbeziehung unserer Gene? Ist es aber. Ab und zu sind Kinder einem fremd, vorzugsweise eigene. Das ist das Schöne an ihnen, und ihre Genialität.
Zwischendurch, als Pause von den anstrengenden Wechselbälgern und den schwierigen Wechselbeziehungen erfindet der Meister dann die Wechselarbeit: Nein, nicht Schichtarbeit (das kennt er aber auch), sondern eine Art misslungener Gruppenarbeit bei der Erstellung eines bestellten Gelegenheitsgedichtes; mit Schiller klappt das dann besser (dazu kommen wir gleich). Kunst überhaupt ist eine Form, die den Wechsel wertschätzt: Sie kennt das Wechselgedicht und den Wechselgesang ebenso wie die Wechselgeschichte, und in der zeilenmäßigen Wechselrede der Stichomythie inkorporiert sie sogar die Wechselrede und das Wechselgespräch in ihren argumentativ stärkeren und gelegentlich polemisch angehauchten Formen: Da gibt im knappen Wechsel ein Wort das andere, oder, besser gesagt: ruft es hervor! Den Wider-spruch, die Er-widerung, den scharfen Wortwechsel der Argumente. Kunst und Gespräch sind institutionalisierte Formen des Wechselhandels, nämlich: von Handlungen des Wechsels, der Gegenseitigkeit- und Beidseitigkeit, des Austauschs, man könnte auch sagen: des wechselseitigen Unterrichts, im besten Falle, im schlechteren Fall wechselt nur ein Papier den Besitzer. Den wechselseitigen Unterricht kennt der Meister übrigens sowohl als zeitgenössisches reformpädagogisches Modellprojekt (eines Herrn Lancaster aus England, der es in die Wanderjahre geschafft hat) als auch, und das ist fast lustiger und interessanter, aus der uralten Praxis des Rhetorik-Unterrichts, die Rede und Gegenrede schult. Die Moderne hoffte dann, den Wechsel von Geschossen (gerade hat die Redaktorin gelernt, dass es in diesem gelegentlich absurden Krieg eine Gruppe namens bomb techs without borders gibt, sie erstellen pdf-Manuals zu den verschiedenen Arten der Munition, mit der man Leute erschießen kann, das Manual ist so dick, dass man sie auch damit erschlagen könnte) durch denjenigen von Argumenten zu ersetzen. Hat aber nicht funktioniert. Der Waffen sind genug gewechselt – nein, es gibt immer noch zu viele Leute, die lieber scharf schießen, wenn sie das eigene Lebensmodell oder die eigene Werteskala bedroht sehen (auf beiden Seiten. Auf allen Seiten). Wechsel bedeutet aber auch, siehe oben: Mal ist man der Aggressor, und mal das Opfer. Wo ist ein höherer Standpunkt, wenn man mal einen braucht?
Das Ideal aber einer schönen, rundum gelingenden Wechselbeziehung, Wechselrede und Wechselwirkung, ja sogar der Wechselarbeit: Das ist zuerst die Beziehung des Meisters zu Schiller, und später zu Zelter. Lebens- und Arbeitsfreundschaften im besten Sinn: Wechselwirkungen at work, hin und her geht die Korrespondenz, gehen die Texte, gehen die Noten (im Falle Zelters); es gibt kein positives Zwangs-feedback, bei dem man sich ziemlich leicht überfüttert und wie eine Gans gestopft fühlt, sondern wirkliche gemeinsame schöpferische Tätigkeit. Wie bald sein Ernst, anschließend, wohlgefällig,|Zur Wechselrede heiter sich geneigt,|Bald raschgewandt, geistreich und sicherstellig|Der Lebensplane tiefen Sinn erzeugt,|Und fruchtbar sich in Rath und That ergossen;|Das haben wir erfahren und genossen, so heißt es zehn Jahr nach Schillers Tod über den Einzigen, der ihm das Wasser gereicht und es dabei nicht verschüttet hat, sondern zum Werk geballt: sicherstellig, was für ein wunderbares Wort! Aber wie hatte Schiller auch um ihn geworben, damals vor dem "glücklichen Ereigniß" in Jena; ganze ästhetische Theorien hatte er auf ihrer Freundschaft errichtet, auf der einzigartigen Wechselwirkung zwischen dem Naiven und dem Sentimentalen (beide Wörter meinen etwas sehr spezifisch Anderes in dieser ästhetischen Theorie, was mehrere eigene Artikel verdient) zu dem, was die Welt dann etwas langweilig als „Weimarer Klassik“ feiern sollte und was in dieser speziellen Wechselarbeit nicht nur Wort, sondern wirkliche Tat und Ereignis wurde! Es wäre sehr interessant gewesen zu beobachten, wie diese Beziehung altert, nachdem sie sicherlich kurz vor Schillers Tod ihren Höhepunkt schon überschritten hatte; ob die Wechselwirkung sich angepasst hätte, ihre Rhythmen und Routinen gewechselt, altersgemäß, stimmungsgemäß, lagegemäß?
Carl Friedrich Zelter dann ist der exemplarische Altersfreund: Gefunden haben sich zwei Charaktere, die das Leben geformt hat und die durch dessen Wechselfälle nicht abgestumpft und verwaschen an den Kanten geworden sind, sondern schärfer, genauer, alters-hellsichtiger: Und sie erkannten sich, die beiden – an dieser Stelle muss die Redaktorin einen Exkurs einschalten, denn sie selbst erkannte gerade, dass sie eigentlich nichts wusste von diesem Charakter, außer dem, was sie in Goethes Briefen an ihn über ihn abgeleitet hatte, und Wikipedia hat wie immer wundersamerweise die besten Geschichten aufzuweisen:
Also, Carl Friedrich Zelter, knapp zehn Jahre nach Goethe in Berlin geboren, wo er praktisch auch sein gesamtes Leben verbracht, war nicht nur der Sohn eines Maurermeisters, sondern war auch selbst Maurermeister geworden und baute als solcher beispielsweise das Haus von Friedrich Nicolai, Stein auf Stein (Handwerk! Künste! Welche fruchtsame Wechselwirkungsmöglichkeit!). Autodidaktisch aber war er musikalisch und wurde zunächst Mitglied, später Leiter der Sing-Akademie zu Berlin; und mit Hilfe seiner zweiten Frau, einer begabten Sängerin und Tochter eines Finanzrates, stieg er gar zum Professor in der Königlichen Akademie der Künste in Berlin auf! Vom Maurermeister zum Musikprofessor, das ist doch mal eine Karriere! 1802 lernte er bei einem Besuch in Weimar Goethe kennen; danach traf man sich gelegentlich noch einmal in Weimar, mal bei der Kur in Karlsbad; vergeblich versucht Zelter Goethe nach Berlin zu locken, aber er wird vertröstet und vertröstet; der Meister reist nicht mehr, die Welt hat gefälligst zu ihm zu kommen. Irgendwann, es ist 1812 und Zelter hat gerade den Selbstmord seines Stiefsohnes zu verkraften, wechseln die Briefe dann endlich vom förmlichen Freundes-Sie in ein herzliches Freundes-Du; es fällt Goethe anfangs wohl nicht leicht, ein Brief zeigt noch die Unentschiedenheit und schwankt zwischen beidem. In Zelter sieht er eine Art Renaissance-Urgestein: Es ist eine grundwackre und treffliche Natur, die unter Päpsten und Kardinälen, zu recht derber Zeit, hätte sollen gebohren werden. Wie jämmerlich ist es ihn, Auf diesem Sand, nach dem Elemente seines Ursprungs schnappen zu sehen. Und nach einem Besuch notiert er: Meine Freude diesen köstlichen Mann zu sehen und einige Tage zu besitzen ist sehr groß. Wenn die Tüchtigkeit sich aus der Welt verlöhre; so könnte man sie durch ihn wieder herstellen. Ein größeres Freundeslob ist für Goethe kaum vorstellbar. Aber wie bei Schiller kommt auch hier das gemeinsame Werk, das erst die Wechselwirkung praktisch werden lässt, hinzu: Zelter vertont nicht nur Goethes Texte oder schickt ihm andere Kompositionen aus der Sand-Stadt Berlin; er hilft Goethe auch dabei, sein Gedanken-Gebäude weiter auszubauen und zu festigen: Zelter ist gegenwärtig hier und wahrscheinlich komm ich durch seine Gegenwart weiter in meinem alten Wunsch, der Tonlehre auch von meiner Seite etwas abzugewinnen, um sie unmittelbar mit dem übrigen Physischen und auch mit der Farbenlehre zusammenzuknüpfen. Wenn ein paar große Formeln glücken, so muß das alles Eins werden, alles aus Einem entspringen und zu Einem zurückkehren. Denn das Gesetz der Komplementarität, es herrscht nicht nur in der Physik und (sichtbar) in der Farbenlehre, sondern eben konkret hörbar in der Musik, wo der Quintenzirkel Dur- wie Molltonleitern und Akkorde umfasst; er beruht übrigens auf der „enharmonischen Verwechslung“, und was das ist, wird die Redaktorin in einer anderen ruhigen Stunde nachlesen. Heute jedoch runden wir den Besuch bei Goethe und seinen Idealfreunden in einer Welt des gelingenden und nicht nur ästhetischen Spiels mit einem recht tüchtigen Epigramm ab: Kinder werfen den Ball an die Wand, und fangen ihn wieder;|Aber ich lobe das Spiel, wirft mir der Freund ihn zurück. ,Das Gedicht heiß übrigens „Wechselwirkung“.
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Der Übergang vom wechseln zum wecken war komischerweise wieder so sanft, dass man ihn kaum merkte beim Lesen. Denn ist der Wechsel zwischen Schlafen zum Wachen (und umgekehrt, natürlich) nicht genau eine dieser anthropologisch verankerten Grundpolaritäten und essentiellen Komplementaritäten, ohne die Leben gar nicht stattfinden könnte? Erwachen wir nicht immer zu einer veränderten, in gewissem Sinne: ausgewechselten Welt? Niemals wird man in den gleichen Traum zweimal steigen können, und niemals war ein Morgen schon einmal da. Zumal nicht jeder Morgen ist ein guter ist: Wenn uns der Morgen nicht zu neuen Freuden weckt, am Abend uns keine Lust zu hoffen übrig bleibt; ist’s wohl des An- und Ausziehens werth?, so sinniert Egmont und das ist eine berechtigte Frage, zumal wenn man alt wird und krank bleibt und das Aufstehen ein Kraftakt ist und das Schlafengehen eine schwache Erlösung, mit der ebenfalls schwachen Hoffnung auf: sanftes Einschlafen und Vergessen (aber das ist eine andere Wort- und Sach-Geschichte, und keine allzu schöne). Sobald man aber einmal geweckt ist und die alterssteifen Knochen sich zu einer wenigstens mittelalterlichen Beweglichkeit gestreckt haben, erwacht der Trieb zur Tätigkeit; und darin liegt schon der gefällige Übergang von der sehr konkreten zu der nur mäßig weit übertragenen Bedeutung. Denn welch Fähigkeiten und Erkenntnisse liegen im Menschen, schlafend, vielleicht nur: oberflächlich schlummernd, und warten nur darauf, erweckt zu werden! Gestern, es war auf dem nur wenig schlafenden Kreuzfahrtschiff, hat die Redaktorin Kalligraphieren gelernt, eine etwas verschlafene, aber sehr schöne Kunst; und morgen wird sie vielleicht –? Ach nein, einiges soll man lieber schlafen lassen, man muss nicht alles können und wollen. Erinnerungen natürlich, die weckt man ganz gern, zumal man sich größtenteils aussuchen kann, welche man weckt. Manchmal aber, gern nachts im Traum, kommen auch welche herbeigeschlichen, die man lieber gleich wieder einschlafen lassen möchte, am besten einen ewigen Traum in der dunkelsten Verdrängungsschublade. Erinnerungen, eigentlich ist es eine ganz schöne Vorstellung, dass sie irgendwo schlafen, gute und schlechte, fröhliche und melancholische, jede in einem ganz kleinen Bettchen, so wie bei den sieben Zwergen, und ab und dreht sich eine um und erwacht, ein Pantoffel war schuld (so Goethe einmal über seinen frechen Pflegesohn Fritz). Und manchmal muss die erwachte Erinnerung dann noch andere mit aufwecken, sie kommen an, ein ganzer Rattenschwanz, und sie wollen einen zurückziehen in die verführerische Tiefe der Zeit. Aber dann werden sie doch wieder blass, vor lauter Anstrengung des Wachseins, und immer blässer, und dann fallen sie wieder zurück in ihren tiefen Erinnerungsschlaf. Der ist eine Art von andauerndem Winterschlaf, denn kluge Tiere schlafen im Winter, wenn sogar die Sonne nur blass und spät aufsteht und niemand so richtig weckt. Und dann schlafen sie im Frühling, wenn die Bäume austreiben und alles so schrecklich neu und anstrengend ist, dass einen die Frühjahrsmüdigkeit befällt. Goethe kokettiert einmal damit in einem Briefe, dass seine im Winterschlaf befindlichen naturhistorischen Arbeiten durch den Besuch des unermüdlichen Alexander von Humboldt geweckt worden sein; er fürchte aber, sie würden bald wieder in einen Frühlingsschlaf zurückkehren. Nach mehreren Wochen völlig regenfreien und inzwischen sommerlich heißen Wetters fällt die Redaktorin eher in einen Sommerschlaf: Er lauert im Strandkorb, in der flirrenden Luft und dem panischen Mittag, zwischen den verdorrten Gräsern und den taumelnden Insekten, die jeden Wassertropfen suchen müssen. Wie wird wohl der Herbstschlaf sein, wenn die müden Blätter fallen und die Erde ganz dämmerlich wird? Was wären wir ohne den Wechsel der Jahreszeiten? Ewige Paradieseshelle, und niemals tiefe schauervolle Nacht?
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„Walle! walle| Manche Strecke,| Daß, zum Zwecke,|Wasser fließe, | Und mit reichem vollem Schwalle| Zu dem Bade sich ergieße!“ So der Zauberlehrling, der arme, und wie oft hat man das gehört, und wie wenig hat man hingehört: Wallen soll er nämlich, der Besen, und das ist schon etwas ungewöhnlich; was ist das eigentlich, das Wallen? Ein Wort, das man heute ja auch nicht mehr so leicht verwendet, „ich walle dann mal zum Supermarkt“ oder so; ein Wort, das schon Goethe vor allem zu den berühmten ‚gehobenen‘ Sprachzwecken einsetzte (es reimt sich auch hübsch auf „allen“ oder „fallen“ oder „Quallen“, letzteres kommt aber nicht vor). Gehoben aber wallt es reichlich: Es wallen nicht nur Ströme und Bäche, sondern auch Flammen, Nebelschwaden, ährenvolle Getreidefelder, hasserfüllte Menschenmengen (Zum Saal des Blutgerichtes stürzt das Volk ,| ..Unwürdige Begier, das Schreckliche | Zu sehn, bewegt die Menge, strömend wallt | Sie in sich selbst, neugierig Mitleid treibt | In Wogen sie um das Gefängniß her); es wallen der Wein und die Locken der schönen jungen Jünglinge und Mädchen (eine gewisse Obsession hat das gesamte 18. Jahrhundert mit der Lockenhaftigkeit) und, auch gern genommen, die Busen der schönen Frauen; es wallt, vor allem, das Blut, das lebendige, das durch den Körper strömt und ihm seinen Puls gibt, gemeinsam mit dem Atem, ein schönes immerwährendes Wallen und Wogen, außer – es stockt und holpert, das kennt die Redaktorin nun leider aus eigener Anschauung, und wie wenig das gut tut und wie unbequem das ist, weiß sie. Aber das ist eben das Schöne am Wallen, schon in seinem sprachlichen Ursprung: Es assoziiert ein wenig schon im Klang des „walan“ eine zweipolige Wellenbewegung, ein Auf und ein Ab, eine Wiege, eine Waage, ein schaukelndes Lustschiff (in den Wanderjahren, die überhaupt ein sehr wogendes Gemälde sind). Es birgt sich nämlich im wallenden Wogen eine Wahrheit, die sich – nein, lassen wir den Meister selbst sprechen: „Es ist recht und nöthig, daß das Wahre sich verberge; es ist schon genug, wenn es geistig umher schwebt und wirkt; wenn es wie Glockenton ernst-freundlich durch die Lüfte wallt“. Ach, Glocken, es naht sich im Advent die Weihnachtszeit, die dieses Jahr mal wieder etwas un-fröhliche, aber ins Wallen der Glocken findet sich das Gemüt – automatisch, auch wenn es dann nicht automatisch in strömenden Menschenmengen zur Kirche wallet. Das ist nämlich das zweite „wallen“, angeblich mit getrenntem etymologischen Ursprung vom wallenden Wandern, mit dem es dann auch oft vergemeinschaftet auftritt: Sind wir denn nicht alle nur Waller und Wanderer auf dieser Erden? Ja, rhetorische Frage, ja, Bibel, ja, sogar irgendwie richtig, aber bleiben wir mal beim Sprachlichen: Natürlich ist das wallende Wandern auch eine Bewegung, und im Falle religiöser Wallfahrten (Goethe hat auch die „Wallfahrterin“, die frühere Philologen – kein generisches, sondern faktisches Maskulinum – lieber als abgekürzte „Wallfahrterinnerung“ lesen wollten, auch wenn der Satz im Tagebuch dann wenig Sinn macht) stellt sich leicht die gleiche wallende Bewegung ein, die die Menschenmenge zum Blutgericht gewogt hat. Sie gerät aber leicht aus dem wogenden Gleichmaß, und dann schlägt der Hass – nein, bleiben wir lieber weihnachtlich! Natürlich wird bei Goethe noch religiös gepilgert und gewallfahrt, man denke nur an seine eigene Wallfahrt zum St. Rochus – ok, es war eher ein großes Volksfest mit Folklore und Besäufnis, aber Goethe gab immerhin hinterher ein religiöses Gemälde in Auftrag und schrieb einen ethnologisch nicht uninteressanten Text darüber. Und häufiger sind bei ihm natürlich die Kunst-Wallfahrten, zum Glück kann man ja nach Rom zu verschiedenen Zwecken wallfahren; die Ehrfurcht ist es, die Andacht im Angesicht des hohen Schönen und Vollendeten, darauf kommt es an, und das kann dann auch – eine frisch angeheiratete Zarentochter sein im entlegenen, kalten, winzigen Weimar: Mehrfach spricht Goethe in Briefen davon, dass sich eine Wallfahrt dorthin allein schon lohne, um Maria Pawlowna anzustaunen. Wallfahrten sind immer schon auch Bildungs- und Forschungsreisen, Expeditionen ins Fremde im Auftrag der Religion: Auf „Handels- und Wallfahrtskarawanen“ lernt der Orientale seine Welt kennen; heutzutage geht es umgekehrt und tropische Pflanzen treten eine Wallfahrt in kalte deutsche Treibhäuser an, wie Goethe einmal ironisch vermerkt. Derweil reitet er selbst durch das alphabetisch benachbarte Wallis, das Gebirge und den Talboden, wo die Nebel wallen und der Rhone-Strom wogt; das Pferd wiegt ihn dabei, und was alles in seinem Herzen wogte, wenn es wirklich zuhause und ganz bei sich war - niemals werden wir es genau wissen; denn er hat es in den Walpurgissack gesteckt. Dort wohnen nämlich nicht nur die derberen Scherze aus der Walpurgisnacht auf dem Bocksberg aus dem ersten Faust-Drama; nein, sein ganzer Groll gegen die Verkommenheit der Zeit und ihren schandhaften Umgang mit seinen Werken ist dort aufgespeichert! Und wenn er über all das einmal gründlich nachdenkt, halb öffentlich, im Gespräch nämlich, auf einen Moment vergessend – oder auch nicht? –, dass ab einem gewissen Zeitpunkt in seinem überdokumentierten Leben beinahe alle Gesprächspartner verräterische Protokollanten und Spitzel im Dienst der Nach- und Mitwelt sind: Dann wallt es nur so aus ihm heraus (und das muss in vollem Umfang zitiert werden, damit der Sack sich wenigstens ein wenig öffne und man sehe, dass hate speech auch ein produktives Genre sein kann): „Die gerechtere Nachwelt –« nahm ich [der Protokollant Falk] das Wort, aber Goethe, ohne abzuwarten, was ich eigentlich von der Nachwelt sagen wollte, entgegnete mir mit ungemeiner Hastigkeit: ‚Ich will nichts davon hören, weder von dem Publicum, noch von der Nachwelt, noch von der Gerechtigkeit, wie sie es nennen, die sie einst meinem Bestreben widerfahren lassen. Ich verwünsche den ›Tasso‹ blos deshalb, weil man sagt, daß er auf die Nachwelt kommen wird; ich verwünsche die ›Iphigenie‹, mit einem Worte, ich verwünsche alles, was diesem Publicum irgend an mir gefällt. Ich weiß, daß es dem Tag, und daß der Tag ihm angehört; aber ich will nun einmal nicht für den Tag leben. … Ja, wenn ich es nur je dahin noch bringen könnte, daß ich ein Werk verfaßte – aber ich bin zu alt dazu – daß die Deutschen mich so ein funfzig, oder hundert Jahre hintereinander recht gründlich verwünschten und aller Orten und Enden mir nichts als Übels nachsagten; das sollte mich außermaßen ergötzen. Es müßte ein prächtiges Product sein, was solche Effecte bei einem von Natur völlig gleichgültigen Publicum wie das unsere hervorbrächte. Es ist doch wenigstens Charakter im Haß, und wenn wir nur erst wieder anfingen und in irgend etwas, sei es, was es wolle, einen gründlichen Charakter bezeigten, so wären wir auch wieder halb auf dem Wege ein Volk zu werden. Im Grunde verstehen die meisten unter uns weder zu hassen, noch zu lieben. Sie mögen mich nicht! Das matte Wort! Ich mag sie auch nicht! Ich habe es ihnen nie recht zudanke gemacht! Vollends, wenn mein Walpurgissack nach meinem Tode sich einmal eröffnen und alle bis dahin verschlossenen stygischen Plagegeister, wie sie mich geplagt, so auch zur Plage für andere wieder loslassen sollte!“ Die stygischen Plagegeister, die Redaktorin schlug es lieber nach, sind aus dem Styx entstiegen, dem schwarz und furchterregend wallenden Strom der Unterwelt; und der Gesprächspartner ist klug genug (vielleicht stockte ihm auch das Notat, er wollte Zeit gewinnen?) nachzufragen, was denn nun mit dem ominösen „Walpurgissack“ eigentlich gemeint sei. „‘Der Walpurgissack‘ – gab mir Goethe mit dem angenommenen feierlichen Ernste eines Höllenrichters zur Antwort – ‚ist eine Art von infernalischem Schlauch, Behältniß, Sack, oder wie Ihr's sonst nennen wollt, ursprünglich zur Aufnahme einiger Gedichte bestimmt, die auf Hexenscenen im ›Faust‹, wo nicht auf dem Blocksberg selbst einen nähern Bezug hatten. Nach diesem, wie es zu gehen pflegt, erweiterte sich diese Bestimmung ungefähr so, wie die Hölle auch von Anfang herein nur Einen Aufenthalt hatte, späterhin aber die Limbusse und das Fegefeuer als Unterabtheilungen in sich aufnahm. Jedes Papier, daß in meinen Walpur gissack herunterfällt, fällt in die Hölle; und aus der Hölle, wie Ihr wißt, giebt's keine Erlösung. Ja, wenn es mir einmal einfällt, wozu ich eben heute nicht übel gelaunt bin, und ich nehme mich selbst beim Schopf und werfe mich in den Walpurgissack. Bei meinem Eid! was da unten steckt, das steckt unten und kommt nicht wieder an den Tag, und wenn ich es selbst wäre! So streng, sollt Ihr wissen, halte ich über meinen Walpurgissack und die höllische Constitution, die ich ihm gegeben habe. Es brennt da unten ein unverlöschliches Fegefeuer, was, wenn es um sich greift, weder Freund noch Feind verschont. Ich wenigstens will niemand rathen, ihm allzunahe zu kommen: ich fürchte mich selbst davor‘“. Das den Psychotherapeuten aller Zeiten zum ewigen Wohlgefallen; und jeder vernünftig Denkenden und Schreibenden zur Beherzigung: Jede sollte einen Walpurgissack haben. Und gut auf ihn aufpassen, wenn es mal wieder wallt.
Verbrecher. Es erging eine Anfrage an die Redaktorin, wie es denn wäre mit etwas zum Thema „Verbrechen wider die Natur“ bei Goethe? Nun ja, spontan wollte sich nicht so recht die Inspiration einstellen; natürlich wurde Goethe schon oft genug unterstellt, homosexuell gewesen zu sein (natürlich war er homosexuell, wie alle Menschen mit einem Schönheitssinn und ein wenig Experimentierfreude, aber nicht im Hauptberuf), und einige seiner Novellen haben eine merkwürdige Neigung zu innerfamiliären amourösen Verwicklungen (eine junge Frau liebt den Vater und den Sohn, das kommt verdächtig häufig vor, man denkt ein wenig an Ottilie, und vielleicht – vielleicht auch nicht. Egal). Aber dafür sind wir ja im Wortgeschäft. Und merkt schnell: Es gibt gar nicht so viele Verbrecher oder Verbrechen beim Meister. Natürlich, in den Dramen, vor allem in den übersetzten, wenn es mal wieder eine Intrige sein muss, ein Leckerle fürs Publikum, das halt Verbrechergeschichten braucht. Aber so richtige Verbrechen – Fehlanzeige. Während die Redaktorin noch grübelt, springt ihr ein kleiner Maximen-Fisch ins Auge, er geht so: Das Verbrechen klebe immer am Individuum; nur das Gute und Richtige sei allgemein. „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist es auf ihre Art und Weise“, sagen wir im Chor und nicken bedächtig, ja, Tolstoi und Goethe, auch mal ein Thema, die beiden Wale hätten sich etwas zu sagen gehabt, ganz sicher. Aber nun, der Gedanke bleibt erstmal kleben; er ist etwas ungewöhnlich für uns Neuere, die wir gern alles Mögliche für ein Verbrechen verantwortlich machen, aber am allerletzten den Schuldigen; ist ja ein armer Kerl, nicht wahr, wird halt eine schlimme Kindheit gehabt haben (und wer ist für die schlimme Kindheit verantwortlich? Am Ende landet man immer bei der Schlange). Nun ist Goethe gemeinhin bekannt für sein recht harsches Rechtsverständnis, er hat eine Kindermörderin mit zum Tode begutachtet und störende Elemente im neuen Idealstaat in „Amerika, du hast es besser“, werden „planmäßig beiseite gebracht“. Und zufällig kennt er sich ein wenig aus damit, abgebrochene Juristenkarriere oder so, es hätte auch Großes aus ihm werden können beim Reichskammergericht in Wetzlar, wenn man erst einmal den jahrzehntelangen Prozessstau im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation behoben hätte! Aber dann ist er wieder merkwürdig milde. Denn eigentlich, so sieht man beispielsweise an Orest, dem schlimmen Vatermörder und Mutterschänder, ist die schlimmste Strafe für einen Verbrecher das verkorkste Leben, das er hinterher führen muss; die Erinnyen und Furien bleiben einem auf den Fersen, dagegen ist eine lebenslange Haft in einem staatlichen Gefängnis, sogar in den USA (na gut, vielleicht dort nicht) ein Sommerurlaub auf dem Ponyhof (ja, Utopie, immer noch Corona). Die allerschlimmste Strafe aber ist, und damit kommen wir zu dem immer noch anklebenden Gedanken zurück: Ein Verbrecher handelt, notwendig, gegen seine bessere Natur. Verbrechen entstehen, könnte man etwas provozierend überspitzen, durch fehlgeleitete Individualität. Den wenn man einfach nur immer nach seiner gesunden, unverdorbenen, jedem Kategorischen Imperativ lachend ins Auge sehenden Menschennatur handeln würde – dann gäbe es kein Problem, kein Verbrechen, gar nichts! Das Verbrechen klebt am Individuum; wenn man sich von diesen klebrigen, immer nur IchIchIch sagenden Individuum lösen könnte und ein klein wenig allgemeinmenschlicher würde, verallgemeinerungsfähiger, aber auch: menschennatürlicher – würde es sich einfach ablösen! Das klingt jetzt vielleicht ein wenig übertrieben, also: Beispiele. Nehmen wir gleich die schwierigsten, nehmen wir: Reineke Fuchs und Faust (ist Reineke ein Mephisto? Ein wenig, ein wenig). Reineke Fuchs also, der fabelhaft schlaue Fuchs aus einem alten mittelalterlichen Volksbuch, einer „heidnischen Weltbibel“, wie unser Meister es nennt (er liest es zur Ablenkung in Kriegszeiten, es kann auch zu Corona empfohlen werden), ist ein Verbrecher durch und durch. Con Man, Verräter, Lügner, Betrüger, Mörder, Dieb und Vergewaltiger – es gibt kein Verbrechen, das Reineke Fuchs nicht begeht, und zwar: lustvoll. Vor dem königlichen Gericht allerdings redet er derart geschickt und vergnüglich seinen schmalen Kopf aus der sich zuziehenden Schlinge, dass man eine Anwaltsserie über mindestens zwölf Staffeln daraus machen könnte (zu lernen ist: Vor Gericht kann man alles Mögliche herausfinden, aber sicher nicht die Wahrheit; Zeugen sind unzuverlässig, Richter sind bestechlich, und sobald sich die Frauen einmischen, kann man es ganz aufgeben; all das wusste man schon seit unvordenklichen Zeiten, dafür gibt es nämlich Volksbücher und nicht Gesetzbücher, die von der Gattung her eher Fiktion sind, oder science fiction). Aber irgendwie, irgendwie – mag man Reineke Fuchs. Nicht so sehr den Wolf Isegrimm oder den Bären Braun, selbst wenn man Wölfe und Bären ganz hübsch findet. Jedenfalls ist der schlaue Fuchs interessanter als all das Kaninchengesocks und die jammernden Vögel, und das finden auch die Affen, vor allem die Affenfrauen. Jetzt kann man natürlich sagen, dass wir immer den „großen Verbrecher“ interessanter finden als gesetzestreue Kleintiere, aber das erklärt es nicht vollständig. Nein, eigentlich, bei genauerem Nachdenken, kommt man zu dem Schluss: Der Fuchs handelt ja nur seiner füchsischen Natur gemäss, und es wird ja sicherheitshalber nicht erwähnt, wovon sich die anderen Tiere ernähren im Hofstaat, bei dem es bei Festen nicht direkt vegetarisch zuzugehen scheint. Reineke Fuchs ist gerade kein Individuum; er ist der Fuchs schlechthin, das Füchsische in Reinkultur, und sein Verbrechen ist – nur eines in den Augen der Anderen, die sich ihre Füchse gern handzahm um den Hals legen. In einer tierischen Gesellschaft ist jeder Fuchs dem Fuchsen ein Wolf (nein, so geht das nicht!). Menschen kommen übrigens nicht vor, nochmal Glück gehabt! Aber so leicht kommt auch die Menschheit nicht davon, oh nein! Gehen wir also über zu Faust, dem ewig strebend sich bemühenden Mustermann (Ewig-Weibliches kommt später), der nacheinander: einen Pakt mit dem Faust eingeht (nicht direkt gesetzlich untersagt, aber schon ein sehr zweifelhaftes Geschäft), ein unerfahrenes Mädchen (wahrscheinlich nicht einmal volljährig) verführt unter Zuhilfenahme einer Kupplerin und illegal erstandenen Gutes, zwischendurch eben mal deren Bruder erschlägt, zur Vergiftung der Mutter Beihilfe leistet, einen Gefängnisausbruch befördert (erfolglos), und das war nur der erste Teil! Im zweiten Teil sind wir dann mehr auf der Ebene von betrügerischer Staatsfinanzierung, asymmetrischer Kriegsführung, Entwendung und Missbrauch mythologischen Geräts und derlei Kleinigkeiten, aber das eigentliche Verbrechen, das Verbrechen, das die Redaktorin schon immer atemlos gemacht hat, ist: ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es steht (fast) ganz am Schluss, Faust ist hundert Jahre alt (das war Goethe wichtig), und er hat noch immer nicht dazugelernt. Einen Sumpf will er trockenlegen, Landgewinnung großen Ausmaßes, freier Grund für freies Volk (ja, das kann man leicht missbräuchlich verwenden, durchaus), jede Menge Arbeitssklaven, aber das ist es noch nicht mal. Nein, das wahrhaft schockierend Verbrecherische ist die Beseitigung von Philemon und Baucis. Nette alte Leute, haben ihr Leben lang (wahrscheinlich sind sie auch hundert Jahre alt) in ihrer netten Hütte gelebt und fremde Wanderer herzlich aufgenommen, Risikogruppe hin oder her. Und jetzt wollen sie sich nicht umsiedeln lassen, nicht mit Geld und guten Worten. Das ist ein Problem, das Mephisto lösen kann; und Faust gibt ihm, wie noch jedem Auftragsmörder, freie Hand. Das wird sich doch lösen lassen, mein guter Mephisto! Natürlich lässt es sich. Mephisto muss noch nicht mal das automatische Gewehr auspacken, da fallen die lieben alten Leute schon vor Schreck tot um. Man begräbt sie würdig, man ist ja kein Unmensch. Faust allerdings, als er davon hört, erfasst ein wahrer Schwindel. Es war doch nur so, dass er das ewige Glockenläuten nicht mehr anhören mochte von ihrer Hütte, es nervte halt, ja, natürlich war das ein wenig dumm und kindisch (wir könnten auch sagen: klebrig individuell), aber das hatte er doch nicht gewollt! Wo gehobelt wird, fallen Späne, hätte Mephisto sagen können, es ist aber gar nicht mehr nötig. Faust wird blind, erlebt seinen dämlichen „höchsten Augenblick“ (was ziemlich leicht ist, wenn man all das Unheil nicht mehr sehen kann, was man angerichtet hat) und stirbt, hastdunichtgesehen; wie die Engelchen dann Mephisto verführen mit ihren nackten Rückseiten, ist nur noch die Posse als Sahnehäubchen auf der dampfenden Katastrophe, die gerade passiert ist. Faust ist, am Ende, ein Verbrecher, noch nicht mal ein besonders großer. Er wird trotzdem gerettet, dafür gibt es das Ewig-Weibliche. Aber gescheitert ist er an seiner individuellen Kleinlichkeit, in der es keinen Raum gab für ein anderes Leben der Nicht-So-Strebsamen. Das ist ein Verbrechen, und es klebte an seinem Individuum bis zum Schluss.
Vorerst aber Vertrauen, die erste. Erstaunlicherweise ist das Wort, was vielen Goethe-Kennern dabei zuerst einfällt, das Weltvertrauen nämlich, bei Goethe nicht belegt. Es gibt Komposita mit Welt, darunter so schöne wie das zutrauliche „Weltkind“ (Goethe, meistens) und das changierende „Weltwesen“ (Goethe, manchmal, aber meistens eher nicht; das Weltwesen ist entweder ein Wesen für die Welt, ein Weltmann oder eine Weltfrau, ob es das wohl gibt? Weltfrau, das wäre einer eigenen Schöpfung würdig; oder es ist das Wesen der Welt, das Wankelmütigste unter der Sonne, die so verlässlich-vertraulich ihre Bahnen zieht und nach der man sich richten kann). Weltvertrauen, vielleicht wäre das auch zu viel verlangt gewesen. Schließlich ist es noch gar nicht so lange her, auch für Goethe, dass das einzige (Nicht-Welt-)Wesen, dem man mit Gründen vertrauen haben konnte, Gott war. Gottvertrauen, das war nicht ein Luxus, das war Pflicht für den Christenmenschen, und warum auch nicht? Hätte man denn Gott kritisieren sollen, heute wieder nicht gnädig genug gewesen, und niemals begründet er seine Gottesentscheidungen ordentlich, und an der Kommunikation mit den Weltwesen, den wankelmütigen, muss auch noch gearbeitet werden, brennende Dornbüsche funktionierten auf Dauer einfach nicht gut genug, und Gesetzestafeln zerbrechen, wie man schon ganz am Anfang gesehen hat? Nein, Gottvertrauen hat man zu haben. Christenpflicht und so, nicht begründungspflichtig. Anderswo hingegen muss man sich Vertrauen verdienen; in Ämtern, in Berufen, als Bürger eben; Bürgertum könnte man geradezu als säkularisierten Verdienstadel definieren, nur noch Verdienstpflichten, aber keine Maskenbälle und Leibeigene mehr, dafür ein Lohnzettel. Und so langsam wechselt das Vertrauen seine Kleider und zieht Amtskittel an. Experten, das sind die neuen Götter, denen wir Vertrauen schenken sollen (Corona guckt um die Ecke und grinst, sie hat uns gerade einige Lehren über die Vertrauenswürdigkeit medizinischer Experten erteilt, sie waren nicht – vertrauen-erweckend). Ärzte, Politiker, Wirtschaftsweise (ein Euphemismus, wenn es je einen gab; wenn die Leitwährung der Wirtschaft Weisheit wäre, wären sie lange schon pleite; zum Glück aber ist es Expertentum). Ein Experte ist jemand, der vor allem darin Experte ist, Experte zu sein (von mir, nicht von Goethe). Goethe hingegen hat sehr daran gearbeitet, Experten- und Dilettantentum dazu zu bringen, sich wechselseitig zu vertrauen; ein schwieriger Job, selbst für ein doch in gewisser Weise ziemlich weltkundiges Weltkind wie Goethe! Aber immerhin, man kann sich Vertrauen verdienen; in der Wissenschaft, in der Politik, im Amt, und vielleicht ist es das einzige Verdienst, das wirklich den Aufwand lohnt (Geld ist nur eine angenehme Nebenwirkung. Na gut, eine ziemlich angenehme Nebenwirkung. Na gut, in gewisser Hinsicht unersetzlich. Wir werden zum Geld zurückkommen). Und Goethe freut sich, wenn er mal wieder Vertrauen verdient hat, er arbeitet wahrlich genug dafür. Er freut sich auch, wenn Vertrauen erwidert wird, wenn man sich darauf verlassen kann, wenn es eine Beziehung trägt auch in Zeiten von Schwere und Abwesenheit. Vertrauen ist eine Basis menschlicher Existenz, um es etwas pompös zu sagen; eine Existenzversicherung jenseits des modernen Anspruchsdenkens (Ich habe ein Grundrecht auf Vertrauen, würde es heute heißen; und dann würde man eine Initiative starten, es in die Menschenrechte aufzunehmen, damit man es auch einklagen kann, entgangene Vertrauensleistung, in Tagessätzen). Aber am allerbesten, am allerschönsten, sozusagen am göttlichsten ist es, wenn man Vertrauen geschenkt bekommt. Ganz jenseits von Verdienst und Einklagbarkeit, einfach so. In Goethes Romanen, die auch nur sehr weltkluge Verhaltensbücher sind, wird Menschen immer wieder spontan Vertrauen geschenkt; Vertrauen auf den ersten Blick, sozusagen, „ich weiß nicht, woher mir das Vertrauen kommt“, sagt eine Figur in den Wanderjahren, einem Buch, das Vertrauensverhältnisse durchbuchstabiert, in Eltern-Kind-Verhältnissen, Freundschaften, Liebschaften; zwischen Schülern und Lehrern und zwischen Wissenschaftlern; zwischen Handwerkern und Theoretikern; in Gemeinschaften und Gesellschaften. Vertrauen, wird Niklas Luhmann viel später sagen, ist ein grundlegender Mechanismus zur Reduktion von Komplexität. Ohne Vertrauen würde kein Mensch morgens einen Fuß aus dem Bett setzen, viel zu gefährlich, der Fußboden könnte einbrechen, ist alles schon dagewesen. Je stärker die Komplexität ansteigt, desto mehr Vertrauen wird benötigt; manchmal geradezu inflationär viel Vertrauen (ja, Corona ist schon wieder da und grinst hämisch)! Ich glaube trotzdem, dass Goethe und Luhmann sich gut verstanden hätten (wenn Goethe „Steigerung“ sagt, dann meint er im Wesentlichen: Verarbeitungskapazität für Komplexität, die auch nur ein anderes Wort für „Welt“ ist). Sie hätten sich viel zu sagen gehabt. Vielleicht sogar hätten sie sich, spontan und unbegründet und auf den ersten Blick, Vertrauen geschenkt. Vertrauen nämlich, und das gilt nicht nur für Gott und Geld (das ist, wie ich zu meinem Entzücken gelernt habe, ein Rechtsgrundsatz aus dem Zivilrecht: Geld hat man zu haben!) – Vertrauen hat man zu haben. Nicht nur, um morgens aufzustehen, oh nein, auch um sich abends schlafen zu legen (ein viel größerer Vertrauensakt, wer weiß denn, ob man wieder aufwacht?). Vertrauen kommt in Vorschüssen und wird, mit Glück, zurückerstattet mit Zinsen, zum Beispiel in der Liebe, wenn es sie denn gibt, als ultimativem Akt wechselseitigen Ur- und Weltvertrauens (grenzenloses Vertrauen, das schreibt Goethe immer wieder ausschließlich an Charlotte von Stein, die eine, die unerreichte Geliebte; grenzenloses Vertrauen überkomme ihn bei ihr und nur bei ihr, und vielleicht, vielleicht würde daraus sogar einmal: Vertraulichkeit werden (wenn ich dich liebe, was geht dich das an?). Aber selbst wenn es sich herausstellt, dass es ein fauler Kreditnehmer war: Vertrauen hat man zu haben, auch in Ermangelung von Beweisen für seine Existenz. Das (romantische, siehe gleich) Selbst aber, das in der Moderne das Vertrauen usurpiert hat wie so vieles andere auch – ihm kann man, und das muss man Goethe, der Selbstvertrauen nicht nötig hatte, weil er Weltvertrauen hatte, auch wenn er das nicht so gesagt hat; dem Selbstvertrauen also kann man am allerwenigsten vertrauen. Was man davon unabhängig aber auch mehr braucht, als man denkt, ist:
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Resignation, wörtlich genommen: die Entsiegelung. Ein Goethe‘sches Lieblingswort, enger Verwandter solch unzeitgemäßer Begriffe wie Entsagung, Ergebenheit, Verzicht, Selbstüberwindung, Gleichmut, Gelassenheit, Genügsamkeit, Selbstbescheidung, es schüttelt den modernen Menschen geradezu, wenn man das liest, sind wir denn Schafe und nicht schon von Geburt her die Krone der Schöpfung mit einem einklagbaren Vollkaskoanspruch auf Freiheit und Lebensglück (ja, beides. Ja, schwierig)? Und was hat das mit Siegeln zu tun hat? Nun, irgendwie, auf eine verquere Art, schon. Denn sind wir nicht vollständig versiegelt in unserem täglichen Leben? Besiegeln wir nicht tagtäglich all die Überzeugungen, Wünsche, Ziele, die uns so früh schon eingeprägt wurden (im Siegellack der Persönlichkeit, sozusagen), die uns ein Leben lang begleiten und uns so viele Enttäuschungen bereiten? (gelegentlich meint Goethe mit Resignation auch: Mutlosigkeit, Niedergeschlagenheit, Enttäuschung; aber eine ordentliche und richtige Resignation kommt mit Heiterkeit daher!). Jeder Mensch ist einzigartig. Jeder Mensch hat ein Anrecht auf Glück. Jeder Mensch muss geliebt werden, wenigstens von einem/einer, vorzugsweise von dem/der Einzigen und Richtigen. Jeder Mensch kann seine Berufung finden, seine Talente bestmöglich entwickeln, seine Ziele erreichen. Jeder Mensch kann gerettet werden (ja, immer noch Corona), der Tod ist ein Irrtum von Zeiten, die sich nicht mit medizinischer Technik auskannten. Ach was, Pustekuchen! Im Laufe eines langen Lebens kann man nur lernen, eines dieser Siegel nach dem anderen zu lösen und sich in das zu resignieren, was einem sowieso blüht: Die Einzigartigkeit des Individuums hält sich ebenso in Grenzen wie seine natürlichen Talente. Es gibt weder einen einklagbaren Anspruch auf Gesundheit noch auf Glück noch auf richtige Partnerwahl oder gelungene Trophy Kids. Es gibt nur: Resignation in das, was sowieso ist; Ent-sagung von dem, was man sich selbst oder andere einem eingeredet haben; Genügsamkeit mit dem und Dankbarkeit für das, was man trotzdem noch bekommt oder hinbekommt. Sich resignieren, reflexiv: Das ist ein aktiver Akt (ja, das ist eine Tautologie), ein Entschluss, eine Anerkennung, ganz für sich allein. Niemand kann einen anderen resignieren. Und am schlimmsten, am schwierigsten ist das – für Goethe jedenfalls – nicht etwa in der Liebe, ach was; er war ein Weltmeister in entsagender Liebe, wie er mit seiner jahrelangen platonischen Leidenschaft für Charlotte von Stein bewies, die er selbst, wörtlich, als „anhaltende Resignation“ beschrieb. Anhaltend! Das ist eine Leistung, und kein Versagen. Nein, natürlich ist es für ihn am schwierigsten in den Wissenschaften, seiner eigentlichen Liebe, der unendlichen Bemühung um das kategorisch Nicht-Wissbare der Natur, oder ersatzweise wenigstens der Jagd nach den Urphänomenen als letztem, heikelstem, höchstem Punkte der menschlichen Erkenntnismission. Am Ende gilt jedoch: Alle Beruhigung über gewisse Punkte des Nachforschens sei eine „träumende Resignation“; aber der Schlaf der Resignation gebiert keine Hypothesen-Monster, sondern einen schwer beschreibbaren, traumwandlerischen Zustand, in dem man sich auf das zurückzieht, was man als Mensch verantworten kann zu wissen (wenig, erschütternd wenig), aber getragen wird von der träumerischen Ahnung, dass es darüber hinaus, jenseits davon, rund um einen herum – mehr zu wissen gibt, als ein einzelner Mensch, ja vielleicht: die Menschheit als ganze je zu wissen verantworten könnte. It’s a project. Aber, so Goethe dann doch energisch aus der träumerischen Resignation erwachend, es sei schon ein Unterschied, ob man sich an den Grenzen der Menschen resigniere (beim immerhin gefundenen Urphänomen) oder „innerhalb einer hypothetischen Beschränktheit meines bornierten Individuums“! Meines, genau, das ist der Punkt. Jedes Individuum ist borniert, bevor es gelernt hat, sich zu resignieren, mehr noch: sich „entschieden zu resignieren“. Denn die Borniertheit schläft in uns allen, und sie erzeugt ganz gewiss Monster, nicht nur in den Wissenschaften. Gibt es denn keine –
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Rettung? Tatsächlich wird ziemlich viel gerettet bei Goethe, gerettet vor, gerettet von, gerettet in, gerettet für, auch gern absolut: gerettet! Meistens allerdings im literarischen Werk, was bei genauerem Überlegen auch nicht besonders verwunderlich ist; natürlich erfordern dramatische Zuspitzungen Rettungen, ebenso wie erzählerische Verwicklungen, ständig muss eine damsel in distress gerettet werden, oder die unsterbliche Seele von Gretchen, später dann die von Faust, und Iphigenie ist sowieso das klassische Opfer – beides im Wortsinn, literally, ‚klassisch‘ und ‚Opfer‘. Zum Glück haben wir Hölderlin noch im Ohr (ja, Corona): „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Man zweifelt, ob er selbst das glaubte, unrettbar wie er war, von Grund auf unrettbar. Aber schön wär’s. Denn der Übel sind viele, allzu viel, und tatsächlich nicht nur im Drama, sondern auch im alltäglichen Leben. Als da wären: physische Übel – zu wenig Unterhaltung, zu viel Unterhaltung, zu gutes Essen, zu schlechtes Essen; einmal, so beklagt Goethe gegenüber Christiane, habe er keine Rettung gesehen in Jena, als sich fünf Tage lang von Cervelatwurst, Brot und Wein zu ernähren! Na gut, es gibt auch ernsthafte physische Übel, jeder weiß das, es sind die apokalyptischen Reiter, und die verschwinden, wie wir gerade lernen, immer nur ganz kurz hinter den Kulissen, um dann umso schreckenerregender wieder hervorzubrechen. Psychische Übel, ja auch das: Familienmitglieder, Nachbarn, Kollegen, ach: Menschen überhaupt, ganz zu schweigen von der Langeweile und dem Überdruss (oder Verdruß? Kommt später). Na gut, auch dafür gibt es inzwischen apokalyptische Reiter, sie tragen alle englische Namen und haben irgendetwas mit dem großen weiten Internet zu tun, das uns, Goethe wäre der erste, der das anerkennt, mindestens im gleichen Maße verbindet wie trennt, verführt und versöhnt, rettet und ins Unglück stürzt. Am gefährlichsten sind jedoch des Meeres (und, gelegentlich, der Liebe) Wellen: Die Lebensstürme toben, wir werden vom Schicksal hin- und hergeworfen (vor allem, wenn wir uns noch nicht ordentlich resigniert haben), an den Ufern drohen Monster und Grenzbeamte, und unser Schifflein ist doch nur ein virtuelles! Jetzt, gerade jetzt bräuchten wir den Retter, den deus ex machina (nein, nicht die KI, oder vielleicht doch?), es darf auch gern eine Retterin sein (Jeanne d’Arc gönnt Goethe, immerhin, die weibliche Form) oder ein Genius, ein Schutzengel, jemand der auf uns aufpasst halt! Statt der tatkräftigen Rettung von oben bekommen wir jedoch nur die Sparversion von nebenan: die Phrase, die Unverbindlichkeit, das leere Geplapper, die Presseerklärung mit ihren penetranten moralischen Imperativen. Rettung, wo bleibt die wahre Rettung? Aber halt: Immerhin gibt es, schon bei Goethe, Rettungsapparate, Rettungslampen für den verunglückten Bergmann, Rettungstüren zur Flucht bei dräuender Gefahr – aber mitten in der schönsten Rettungsanstalt stellt man fest, dass der Gedanke des Wiederaufbaus eigentlich viel attraktiver ist als der der mühsamen Rettung, die Stadt wird ein Raub der Flammen, aber die Stadtplaner haben die Bleistifte (ja, Bild) schon gezückt, die Politiker schreiben schon volltönende Ankündigungen (keiner wird zu Schaden kommen! für alle gibt es Geld vom Staat!) und die Zeitungen berichten auch lieber vom Wiederaufbau. Goethe konnte sich vor vielem retten, der Langeweile ganz sicherlich, dem schlechten Essen in Jena zumindest temporär und wenn die Franzosen vor der Tür standen, rettete ihn halt seine persönliche Retterin, Jeanne-Christiane Vulpius d’Arc. Aber er resignierte (in diesem Fall vielleicht: nicht ganz so freudig): vor dem allgewaltigen Zeitgeist. Vor ihm gibt es keine Rettung, keinen deus ex machina, keine Rettungsanstalt, keine Rettungstür, nix. Der Zeitgeist weht, wie er will, basta; und er zauste sogar Goethe, der sich zunehmend out of sync mit seinen Zeitgenossen fand und darunter litt. Die Lebensstürme hingegen konnte er in Kauf nehmen; sie toben zeitweise gewaltig, aber das Leben ist auch nur eine „schöne freundliche Gewohnheit“ (wörtliches Zitat), die nicht auf Dauer bei uns wohnt. Wer das vergisst, ist rettungslos.
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Reue. Aber wenigstens im Glauben gibt es das, die ultimative Rettung! Denn wer nur bereut, ehrlich, tief, von Herzen bereut, dem ist die göttliche Gnade sicher. Vielleicht erklärt das auch, warum bei Goethe das Wort Reue samt seiner Anverwandten (die viel lustiger sind als der Stammvater, kommt später) beinahe nur im literarischen Werk vorkommt. Natürlich, wenn man ein großer Dramenheld ist, jeden Tag die Welt mehrmals rettet oder sich auch nur als Erlöser fühlt, dann ergibt sich ganz sicher die eine oder andere Situation, in der man dann doch der Reue anheimfällt (nein, Faust nicht. Wird trotzdem erlöst, ganz reuefrei, „wer immer strebend sich bemüht“, anderes Thema, anderes Wort). Ursprünglich übrigens war Reue auch nur ein anderer Ausdruck für Gram oder Kummer; das hätte man sich halt überlegen müssen bei der Vollsäkularisierung des Abendlandes, dass man sich mit dem freien Willen und anderen Kuriositäten auch die Verantwortung für sein Handeln einhandelt (ja, Absicht) und nicht einfach mehr eine Runde bereuen gehen kann, kaum 17 Ave Marias später ist man wieder reue-, schuld- und sorgenfrei! Goethe wies in einem sarkastischen Moment sogar darauf hin, dass man sich besser einen ordentlichen Sündenvorrat anlegen sollte, von dem man dann später im Kloster in Zeiten mangelnder Sündhaftigkeit zehren könne. Aber zum Glück hat die moderne Lebenshilfe (der eigentliche Religionsersatz unserer Zeit, falls man für politische Ideologien oder moralistische Schulterklopfereien aus dunklen Gründen resistent ist) es zur Maxime des modernen Menschen gemacht, nichts zu bereuen. „Ich bereue nichts!“ ist vorzutragen (deklamieren, nicht rezitieren, Unterschied: das eine ist mit Pathos, das andere nur mit Exaktheit) mit ausgestreckter Brust, erhobenem Kopf und vor allem: Entschiedenheit! Ach, wenn man nur ein wenig mehr zu bereuen hätte. Komischerweise sind wir ja genauso davon überzeugt, dass Irren menschlich sei und man zu seinen Fehlern zu stehen hätte, weil man nur aus ihnen lernen können; aber bereuen, nee, das geht jetzt echt zu weit, oder? Echte Reue jedoch, so Goethe, fällt einen an, nein: sie sticht einem direkt ins Herz, es gibt nämlich den „Reuestich“; aber wer weiß, vielleicht haben die Leute heute ja einfach gar kein Herz mehr, sondern eine Art eingebauten Gefühlssimulator, der sich von Phrasen und vorgelebten Gefühlen anderer Leute (gern: Promis, Filmstars, Influencern) füttern lässt und ganz sicher hieb- und stichfest ist; „ha, jetzt wollte mich schon wieder die Reue stechen, der habe ich es aber gezeigt“! Hingegen gab es in der bildenden Kunst, damals, als man noch Dinge gemalt hat, die man erkennen konnte, häufig auch mit Öl auf großen Tafeln; damals also, als die wirklich großen Maler malten, die sich nicht nur mit der Kunst auskannte, sondern auch mit dem Leben, damals gab es den „Reuezug“, Fachterminus für ital. pentimento: Ein Pinselstrich, der einen anderen, irgendwie falsch gesetzten Zug übermalte. Wenig wussten die großen Maler damals jedoch von der Grundausstattung moderner Labore, die mit Röntgenaugen auch noch das letzte Meisterwerk durchleuchten und sie finden, die von unten durchschimmernden, zwar übermalten, aber nie getilgten, nie tilgbaren ursprünglichen Züge. Und ist das nicht eine schöne, geradezu durchschimmernde Analogie? Im Leben macht man Reuezug um Reuezug, aber nie kann man es verhindern, dass der alte Adam, die alte Eva noch durchschimmern. Und eigentlich ist es ziemlich schön so, und sogar gut und richtig. Nicht nur ein Kunstwerk, ein Leben könnte dadurch Tiefe bekommen. Wir aber retuschieren lieber (auch ein eher hässliches re-Wort), wir restaurieren die Haut und resignieren uns nicht mit dem Alter und übertünchen unsere Reuezüge so lange, bis man gar nichts mehr sieht. A propos Kauf: Goethe kannte auch den „Reukauf“. Es war aber nur eine mit einer Entschädigungszahlung verbundene Rückabwicklung eines Kaufvertrags. Heute übernehmen wir allenfalls die Versandkosten, wenn uns ein Kauf reut. Aber eigentlich reut sowieso kein Kauf, weil: Wir bereuen nichts, aus Prinzip schon, und wenn die Schuhe nun mal wieder nicht zum Selbstbild oder der Fußgröße passen, weil man doch nicht die Prinzessin ist, für die man sich hält – hat man doch die Kauffreude gehabt! Einen ganz kleinen Stich gibt allenfalls die Kreditkartenrechnung.
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Schlag: Der Mensch ist aber nicht nur das Wesen, das kauft, sondern auch das Wesen, das schlägt (die Beliebigkeit dieser Definitionsmöglichkeit muss bei Gelegenheit überdacht werden, aber nicht jetzt). Wie gewalttätig Sprache allein sein kann, zeigen Schlagworte (die Verletzungsgefahr erhöht sich proportional zum Ideologiegehalt, es ist dabei auch völlig egal, ob es ein gutes, braves, richtiges und menschenfreundliches Schlagwort ist oder eine aus dem Arsenal des ewigen Advocatus Diaboli, der demnächst auch ein gutes Wort bekommen wird). Ein schlagender Beweis lässt den Gegner verstummen: eingeschlagen, abgeschlagen, Ende der Debatte! Sogar das Einschlägige, so nett und wissenschaftsfreundlich es dahergehüpft kommt, kann seine gewalttätige Seite nicht ganz verstecken und macht alle seine Nachbarn zu Fehlschlägen, überflüssig, unnötig, redundant, neben der Sache halt, die doch mit dem Einen, Einschlägigen endgültig zu erledigen (ja, doppelsinnig) ist. Die Redakteurin, um zum Anfang zurückzukehren, war jedenfalls total erledigt, als sie die Bedeutungsfülle der Einträge zu „Schlag“ überschaute; es traf sie fast der Schlag (14 Bedeutungsebenen? Wirklich?), schlagartig wurde ihr klar, dass der Mensch eben doch – nein, genug Definitionen zum Wesen des Menschen! Versuchen wir es besser mit einer Definition des Schlages: Woher also diese 14fache Bedeutungsfülle, was ist des Schlages Kern, warum trifft er sprachlich überall und immer wieder und den Nagel auf den Kopf? Das ist, so stellte sicher heraus, gar nicht so einfach zu sagen. Die Gewalttätigkeit ist sicherlich ein wichtiger Punkt; es sind keine nicht-gewaltsamen Schläge vorstellbar, wenn auch sicherlich sanftere, freundlichere, rhythmischere auch, und der Herzschlag hat nicht das Aggressionspotential des Blitz- oder des Trommel- oder des Hammerschlags. Sie erfolgen zudem entweder plötzlich, schnell oder zumindestens in einer gleichmäßigen zeitlichen Struktur: Der Schlag trifft uns aus heiterem Himmel, ob im Körper oder vom Himmel, der Schicksalsschlag ist derjenige, den wir nicht erwartet haben; aber im Taktschlag oder auch im Wellenschlag mindert sich das Überwältigende immerhin zu sanfteren Zeitfolgen. Auf jeden Fall jedoch – aber wir sind schon beim dritten Definitionsmerkmal, der Begriff beginnt schon wieder zu zerfasern, trotzdem: Schläge sind, einige entlaufene Abstrakta abgesehen, spürbar. Sie sind hörbar, sehbar, spürbar, einige sogar alles auf einmal, wie im Gewitter mit seinen vielfachen Schlag-Erlebnissen. Wir tragen sie im Körper mit uns herum, im Herzschlag, im Pulsschlag; wir spüren sie, wenn wir geschlagen werden (ja, soll immer noch vorkommen, sogar unter Liebenden). Natürlich, in der Erziehung ist das Schlagen inzwischen verpönt (siehe dort), sehr sogar; aber das sah Goethe bekanntlich anders, der heute auch nicht mehr sagen könnte, dass der nicht geschundene Mensch nicht erzogen wird, ohne jede Menge (rhetorische) (Tief-)Schläge abzubekommen. Aber man stelle sich das Gegenteil vor, das hilft gelegentlich ganz enorm bei Denken: Würde man niemals geschlagen, nicht in der Schlacht und nicht in der Debatte, nicht vom Schicksal und nicht vom Geliebten, nicht einmal ein Blitz zeigt sich gelegentlich am immer sonnigen Himmel, und immer nur säuseln süße Geigen, nicht einmal ein ordentlicher Blitzschlag, schlaglos ginge die Welt ihren einschläfernden Lauf – würden wir nicht verzweifeln? (schönes Ver-Wort, die Redakteurin ist schon ganz gespannt) Vielleicht wird im Paradies nicht geschlagen, wo niemandem die Stunde schlägt, sei es die erste oder sein letztes. Mit Leben allerdings hat das wenig zu tun. Leben hinterlässt immer Verletzungen (ver-letzt!).
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Spieße und Spießgesellen. Damit zurück zu einem Männerthema: Wir lesen von Kriegsspießen und Bratspießen. Man sieht die Ständegesellschaft am Werk: Spieße sind für Bauernkrieger, die sich kein ordentliches Schwert leisten können. Im Leben gibt es nämlich nur höchst selten die schweizerischen „gleichen Spiesse“ (ja, mit Doppel-s), von denen die NZZ so gern schreibt, und gleich sieht man die Rütli-Männer vor sich, auf der Wiese bei Sonnenaufgang, und kein Spieß erhebt sich über den anderen, oh nein! Das ist jetzt nicht so obszön gemeint, wie es sich anhört; obwohl es mir schwierig scheint, die Metapher auf Frauen zu übertragen, aber zum Glück können Spieße auch Stricknadeln sein. Goethe aber kennt zwar die Bratspieße und die Kampfspieße, nicht aber den Spießer – nein, einen Spießer kennt er doch, in der Jägersprache nämlich hießen so die jungen Hirsche mit ihren noch unverzweigten Geweihstangen, womit wir wieder bei den Männern wären und ihrem spießigen Wesen. In seiner Jugend hatte aber auch Goethe einige Spießgenossen, mit denen er durch die Kneipen zog; das Spießrutenlaufen, das der Redaktorin schon immer eine besonders infame Art der Körperstrafe erschien, blieb ihm jedoch erspart, will man nicht eine bestimmte Art von Literaturkritik mit ihren strafenden, geißelnden Ruten des Urteils – nein, will man nicht. Spießglanz hingegen ist ein Wort, das bei Goethe ganz oft vorkommt. Es ist das deutsche Wort für Antimonit, ein grau-schwarz schimmernder, länglich geformter Kristall aus der Klasse der Sulfide (Weisheit von Wikipedia, nicht von Goethe); aber die Namensgeschichte ist so schön, dass sie trotzdem erzählt werden muss, auch wenn sie bei Goethe nicht vorkommt, aber sie ist immerhin wörterbuch-korreliert. Samuel Johnson, eine der größten Plaudertaschen der Weltliteratur, verzeichnete nämlich in seinem Wörterbuch als Anekdote die Beobachtung eines Mönches, dass Schweine schneller fett wurden, wenn man ihnen Antimon gab. Als er das Experiment, durchaus im Goethe’schen Sinne, an seinen Ordensbrüdern fortsetzen wollte, starben sie leider – und fortan hieß das Kristall ‚Anti-mon‘, nämlich: anti-mönchisch (ob er das Experiment mit Nonnen oder Laien fortsetzte, ist nicht überliefert).
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Spindel: Frauen hingegen haben keine Spieße, sondern bedienen die Spindel als fleißige Spinnerinnen. Immerhin sind Spindeln Spießen gar nicht so unähnlich, zumal sie auch am Ende zugespitzt sind; aber ansonsten geht es hier nicht so sehr um das Massiv-Gewaltsame, sondern das Zart-Fein-Anmutige; Goethe hebt auch immer wieder hervor, wie vorteilhaft und anmutend die Stellung der zierlichen Spinnerin mit ihren spindeligen Spindeln ist, wenn sie das Spinnrad bedient (nein, daraus machen wir jetzt keine erotische Phantasie! möglich wäre es natürlich). Spindeln aber finden sich aber auch noch an einigen anderen Orten, unter anderem der spindelig sich drehenden Wendeltreppe, als Knöchelchen im menschlichen Ohr oder in Präzisionspendeluhren (Weisheit von Goethe, nicht von Wikipedia). Aber bei Männern steht Goethe dann doch nicht so auf das Spindelig-Gewundene der feinen Spinnerin, und wenn Mephisto über die „spindelartigen Gestalten“ der romantischen, eher kleinformatigen Superhelden im Vergleich zu den wackeren und tüchtigen (ja, immer noch Lieblingswort) Über-Helden der Antike lästert (Herkules tritt im Faust II als der ideale Mann auf, und er hat eine Keule dabei), sieht man Don Quijote ein wenig jämmerlich vorbeihinken. Nein, Goethe hatte seine Männer lieber handfest. Am toten Körper des Meisters bewunderte Eckermann, und das schien mir schon immer gleichermaßen pietätlos wie phantasievoll, die gewaltige Brust des verschiedenen Titanen. Wieland war ein wenig spindelig, im Vergleich.
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Spinnen hingegen, und die mäßig arachnophobe Redaktorin musste sich sehr zusammenreißen bei der Korrektur des Fremd-Lemmas, haben nicht nur acht Beine, sondern auch acht Augen, was Goethe wusste, Wikipedia bestätigt (wie liest man einen Wikipedia-Artikel, ohne auf die Abbildungen zu schauen???) und Spinnen nicht eben sympathischer macht. Goethe wirft sie gern in einen Topf, er heißt „eklige Insekten“, und auf ihm steht: „Wenn je ein Mittel gegen die Mücken und Spinnen erfunden werden sollte, machen Sie es doch ja gemeinnützig!“ Goethes Wort in der Pharma-Industrie Ohr! Aber natürlich ist die Spinne nicht ganz unnütz, nein, sie ist eine wunderbare Metaphernfabrikantin, und ihr Netz nicht nur ein technisches Wunderwerk, sondern auch ein Lebensbild, selbst für mäßige Arachnophobiker (das ist eine Wortzusammenstellung, die ich jetzt ganz oft sagen möchte!): „Es weiß sich kein Mensch weder in sich selbst noch in andere zu finden, und muss sich eben sein Spinnengewebe selbst machen aus dessen Mitte er wirkt“. Goethe war eine ziemlich begabte Spinne, muss man unter dieser Perspektive sagen, und wenn man all seine über-entwickelten Organe mitzählt, konnte er wahrscheinlich auch locker mit acht Augen mithalten, die er sicher gern für seine Farbenlehre gehabt hätte. Aus sich selbst heraus sein Netz spinnen, nun, das macht auch schon ein wenig mehr Sinn, als sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen oder was der Selbst-Produktions-Metaphern mehr sind (man könnte noch was mit Honig machen, es fällt mir aber gerade nicht ein). Und in der Mitte sitzt das Ich sowieso immer selbst, sogar bei Goethe, der zu einem erstaunlichen Maße selbst-los sein konnte. Aber wie weit das Netz dann ausgreift, wie schön oder stabil es gesponnen ist – das ist der Unterschied! Heutzutage wird spinnen hingegen gern mit spintisieren verwechselt; dünnfädrige Gedanken halt, die leicht im Wind dahinflattern oder sich sogar ganz loslösen können, dann schweben sie durch die Luft, kleine Gespinste, entbunden von der Erdenschwere ordentlicher Gedanken. Die Verwandtschaft sieht Goethe immerhin schon, wenn er über seinen Freund Moritz schreibt, er sinne und spinne so gern. Weisheit des Wortklangs! Geheime Verwandtschaft! Im Binnenreim steckt Wahrheit.
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Station: Der Mensch versucht auch gern der Starre und den Spinnen zu entkommen, indem er Ausflüge macht, Reisen unternimmt, Pilgerfahrten, Kreuzfahrten, Butterfahrten (nein, kein Goethe-Wort); aber egal zu welchem Zweck und mit welchem Mittel, der Reisende macht Station. Der Lebensweg ist gegliedert durch Etappensiege, bestenfalls, und manchmal sind die Pausen halt wichtiger als der Weg, und manchmal wird eine Zwischenstation zur Endstation, und manchmal – nein, genug gespielt. Was der Redaktorin jedoch ganz außerordentlich gefiel, war ein Vorschlag von Goethe zur Gestaltung eines (offensichtlich empfindsam angehauchten) Parkweges, der irgendwie in allegorische Stationen mit Beiwerk aufgeteilt werden sollte; er schreibt nämlich: „Wegen der Stationen tue ich folgende Vorschläge: 1. Besuch, 2. Bekanntschaft, 3. Gewohnheit, 4. Neigung, 5. Leidenschaft, 6. , 7. Freundschaft. NB: No 6 bleibt ein Ungenanntes und Unbekanntes das sich jeder selbst suchen oder schaffen muß“. Goethe ist der Erfinder der Leerstelle, das ist der Beweis. Natürlich hätte er auch die Stationen auch auf sechs verkürzen können, da es ihm offensichtlich nicht gelungen war, auf zehn zu kommen; und wo ist eigentlich, da es sich ja um eine Art Beziehungs-Erlebnispfad zu handeln scheint, die Liebe? Ha, Nr. 6,. da sind wir! Oder auch nicht. Wie kommt man von der Leidenschaft zur Freundschaft, das ist doch die eigentliche Frage – und vielleicht wäre die Liebe ja doch eher ein Ab-, ein Um-, ein Seitenweg, die falsche Station, an der man versehentlich ausgestiegen ist? Das jedoch muss sich jede selbst suchen oder schaffen. Man beachte die Kombination: Suchen oder Schaffen! Hat Goethe es geschafft mit Christiane von Stein, oder ist sie das große Loch, die Leerstelle, in die Goethe in Italien gefallen war und die nach der Rückkehr nicht zu überbrücken war? Das lassen wir jetzt – offen, denn dass was eigentlich alle suchen, ist sowieso nicht eine Station, sondern eine Stätte. Eine Heimstatt, eine Ruhestätte, eine Endstation. Notfalls auch einen „stattlichen, geisterhebenden Gedanken“, als Statthalter, anstatt der Stätte, sei sie nun stattlich oder statthaft.
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Spekulation: Das aber ist und bleibt Spekulation. War die finanzielle Spekulation vor der geistigen? Die Belege legen es nahe. Spekuliert wird mit allerhand, unter anderem mit Rheinwein, einem natürlich etwas geistigen Getränk. Aber auf welchen Gewinn zielt der Spekulant im Rein-Geistigen, im Reich der Ideen, auf dem Gipfelkamm der Geistesgymnastik? (schiefes Bild, bleibt). Natürlich fallen und steigen Ideen im Wert an der allgemeinen Ideenbörse, einem gelegentlich auch ziemlich hektischen Unternehmen. Zu Goethes Zeit war diverse theologische Kernbegriffe ebenso wie rationalistisches Ideenbesteck gerade deutlich im Absteigen, während das Kernvokabular der idealistischen Philosophie geradezu Höhenflüge verbuchen konnte; Kant hingegen war und blieb die sicherste Bank von allen, ungefähr so spekulationsfest wie ein Festgeldkonto. Symbolisches Kapital ist nämlich genauso krisenanfällig wie finanzielles, stellt sich heraus; gelegentlich kann man auch das eine für das andere vermünzen, in beide Richtungen übrigens. Goethe allerdings ging es mehr darum, dass man ihm die spekulativen Höhenflüge seiner Zeitgenösse gelegentlich ein wenig auf den Boden zurückholte, für „uns Menschenverständler“, wie er sehr hübsch formulierte. Denn das reine Denken füllt einem weder den Magen noch den Kopf; es erzeugt seltsame Luftblasen, in seiner Höhenluft wird der Atem knapp, er reicht nur noch für hochkonzentrierte, aber dabei seltsam inhaltsleere Begriffe (der Inhalt eerflüchtigte, verduftete, verdumpfte beim Aufstieg). Das Gegenteil zur Spekulation, der geistigen also, ist im Übrigen nicht etwa Praxis, denn eine ordentliche Theorie muss gar nicht spekulativ sein, im Gegenteil; nein, das dem denkerischen Höhenflug konkret entgegen-Gesetzte ist die Anschauung, die Erfahrung. Spekulation postuliert nicht etwa nur etwas, was man noch nicht bewiesen hat; nein, Spekulation in ihrem reinsten Sinn postuliert Dinge, die man niemals beweisen wird können, weil sie eben – nicht angeschaut, nicht erlebt, nicht erfahren werden können (man versuche den Weltgeist zu sehen, zu riechen, zu hören; am Ende aber riecht es nur nach angebranntem Hegel): „Theorie und Erfahrung. Phänomene stehen gegeneinander in beständigem Conflict. Alle Vereinigung in der Reflexion ist eine Täuschung, nur durch Handeln können sie vereinigt werden“. Sprach Alexander und durchschlug den Knoten der reinen Spekulation. Der Sinn des Kuchens liegt im Essen. Spekulanten hingegen sind ewige Späher (Wortsinn von speculare: spähen, nicht etwa sehen!): Sie sitzen auf ihren hohen Spekulationstürmen und überblicken verächtlich die Niederungen des Konkreten, eigentlich aber wollen sie hinauf ins Allerhöchste. Eine andere Theorie sagt allerdings, dass Spekulation doch eher von speculum kommt, für: Spiegel. Und endlos schauen die Spekulanten ins All, aber was sie dabei sehen, ist: nur eine Vervielfachung ihrer selbst ins Endlose, und immer kleiner und unwesentlicher werden die Gestalten. Das war nun gerade nicht das, was Goethe mit „wiederholten Spiegelungen“ meinte. Sondern eine Anreicherung von Vergangenheit, eine Steigerung von Gewesenem zu Künftigen, ein lebendiges Zusammenwirken von Licht und Finsternis durch ein trübes Mittel (den Menschen nämlich): „Bedenkt man nun, daß wiederholte sittliche Spiegelungen das Vergangene nicht allein lebendig erhalten, sondern sogar zu einem höheren Leben emporsteigern, so wird man der entoptischen Erscheinungen gedenken, welche gleichfalls von Spiegel zu Spiegel nicht etwa verbleichen, sondern sich erst recht entzünden, und man wird ein Symbol gewinnen dessen, was in der Geschichte der Künste und Wissenschaften, der Kirche, auch wohl der politischen Welt sich mehrmals wiederholt hat und noch täglich wiederholt“.
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Täuschung: Oder ist das alles nur Täuschung? Wie gerufen hängt sich die Täuschung an die Spekulation und entwickelt das gleiche Doppelgesicht: simpler Betrug oder schöner Schein? Natürlich lässt sich keiner gern täuschen, das widerspricht unserem Selbstbild (mich legt so schnell keiner rein!) wie dem öffentlichen Moralkodex (die Wahrheit, und nicht als die Wahrheit!). Der Getäuschte ist der Dumme schlechthin. Hätte man doch besser wissen, sehen, durchschauen können! Aber dann lassen wir uns doch wieder gern täuschen. Nicht nur in der Liebe, die ein ziemlich unsicheres Täuschungsgeschäft ist, sondern vor allem natürlich: in der Kunst, der einzigen Welt, wo der Schein als schön erklärt und damit rehabilitiert werden kann: Ist doch alles nur erfunden, und wäre es nicht viel zu langweilig, trostlos, einfallsarm einfach nur unverschienene Wirklichkeit abzubilden, so wie sie eben ist, da scheint meist rein gar nichts, sondern es herrschen Staub und Düsternis und Spinneweben. Nicht so aber in der Natur! Da ist sich Goethe ganz sicher. Alles, was die Natur hervorbringt, hat seinen eigenen Schein; man muss ihn nur finden, freilegen, letztlich: benennen – „Die Schätze der Natur sind verzauberte Schätze, welche kein Spaten, sondern das Wort bloß legt“. Dann aber, wenn ein geschickter Wortgräber ganz ohne Spaten die Schätze der Natur zum Glänzen bringt; dann und nur dann wird eine höhere Wahrheit unter der staubigen Wirklichkeit freigelegt. Denn die Natur täuscht niemals, ebenso wenig wie dasjenige Werkzeug, das sie dem Menschen gegeben hat, damit er ihre Schätze finden möge: das menschliche Auge nämlich, von dem nur Philosophen glauben, dass es unzuverlässig ist und den simpelsten Sinnestäuschungen anheimfalle: Die eigentliche Täuschung aber ist immer im Kopf, vor allem gern im spekulativen; das Auge allein „handelt gesetzlich und macht dadurch dasjenige zur Realität, was man zwar dem Worte aber nicht dem Wesen nach ein Gespenst zu nennen berechtigt ist“. Traut nur dem Augenschein! Das gleiche gilt übrigens, und das ist schon ein wenig überraschend, nach Goethe für die wesentlichen ethischen Vermögen im Menschen: Ein „Irrtum mag in Meinungen oder Neigungen bestehen. Dagegen lassen Vernunft und Gewissen sich ihre Rechte nicht nehmen. Man kann sie belügen aber nicht täuschen“. Vernunft und Gewissen sind, in a sense, die Augen des Geistes; und wer sie redlich benutzt und sich nicht blenden lässt von einer allzu scheinenden Meinung oder einer allzu verführerischen Neigung, der wird niemals getäuscht werden. Neigungen und Meinungen hingegen sind, um die Metapher noch ein wenig ins Spielerische zu steigern, die Brillen des Geistes: verzerrende, vergrößernde oder verkleinernde, das helle Licht trübende und die Weite des Blickes begrenzende Instrumente des –
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Tausendkünstler: Teufels, der bekanntlich ein Tausendkünstler ist; weshalb das Mephistophelische immer am Tausend klebt, ei der Daus! Bescheiden eigentlich vom Teufel. Heute würde er höher spekulieren, ich wäre mir ganz sicher. Auf jeden Fall aber
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Stinken: – stinkt er, der Teufel. Goethe mochte trotz aller seiner zweifellos mephistophelischen Neigungen das Wort offensichtlich nicht besonders, ganze zwanzigmal verwendet und eher lustlos; es spricht sich auch gar nicht schön, fast automatisch zieht sich die Nase dabei kräuselnd hoch. Andere Zeiten waren da wohl nicht so empfindlich (mehr geruchstolerant gestankesliberal, sozusagen). Denn der Gestank muss überall gewesen sein, vor allem auf den Gassen mit ihren Rinnen, in die des Morgens der Inhalt der Nachttöpfe gekippt wurde; durch die die Pferde trappelten mit ihren Äpfeln und anderes Getier zuhauf; nicht besonders wohlriechende Handwerke und Straßenverkäufe gesellten sich dazu, und vor den Stadtmauern baumelten die Frisch- oder Weniger-Frisch-Gehängten im Wind und brachten den schlimmsten aller Stänke: den der Verwesung nämlich („die Nebel stinken“, schreibt Goethe irgendwo, „in Vorahnung eines Exekutionsmorgens“). Ungewaschen war ein Großteil der Menschen, die sich drängten, auch bei Hofe, wo sie die Gestanksorgie durch eine Duftorgie niederzufluten versuchten (Goethe war aber, wohl vor allem in seinen frühen Jahren, ein Badefan, gern auch im Freien und nackt) Insofern ist es vielleicht gar nicht so verwunderlich, dass stinken zuerst, in seinen sinnlich-konkreten Anfängen, durchaus den Akt der sinnlichen Wahrnehmung selbst meinte, also das, was schon wenig später dann vom riechen usurpiert wurde: Ich rieche statt Ich stinke. Riechen legte dann auch den sprachzivilisatorischen Aufstieg hin, man könnte die Nase auch viel schöner kräuseln beim Aussprechen, riechen taten fortan Blumen; und stinken blieb die übel beleumdete Verwandte für Dinge, die mit Schmutz, Kot, Fäulnis und, im Grunde von all diesem Übelgeruch: mit dem Teufel verbunden waren. Dabei hatte stinken sogar auch einmal „gut riechen“ bedeutet, der Himmel, nein: der Teufel weiß, wie das arme stinken plötzlich verstoßen wurde aus dem Himmel der Wohlgerüche in die Unterwelten des Gestanks (Mobbing wahrscheinlich, also: Bedarf an sozialer Distinktion – nein, nicht verwandt mit stink-, oder etwa doch? – auf Kosten anderer, die Besserriechenden grenzten sich ab von den Schlechterstinkenden, wie immer). Und nachdem es erst einmal mit der konkreten Bedeutung bergab gegangen war, folgte, wie immer, der metaphorische Abstieg auf dem ungewaschenen Fuße (oder war es andersherum? War zuerst die Übertragung auf Tod und Teufel da, die dann, hinterrücks und niederträchtig, auch den stinkenden Wohlgeruch erledigte?) Goethe nun stinkt auch einiges, aber nicht sehr viel. Wohl beschwert er sich nach Art semi-empfindsamer Reisender über die stinkenden Lagunen in Venedig, aber schon da stehen wir mit einem halben Fuß im metaphorischen Brackwasser, ist nicht irgendwie diese ganze Meergeburt, bei all ihrer Traumhaftigkeit, nicht immer mit einem Zeh im Sumpf des Handels feststecken geblieben? Teufelsgerüche findet man nämlich leicht allenthalben, es reicht schon, wenn man versehentlich ein Haar vom Schwanz des Teufels erwischt, schon bleibt der Gestank haften, und wem ist das nicht schon einmal versehentlich passiert? Schlimmer jedoch ist es, wenn ein Mensch den teuflischen Sünden verfällt, als da sind, zum Beispiel: Hochmut (Eigenlob stinkt); Geiz oder Neid (materielle Stinkerei), Trägheit (ach, der Faule, gerade wenn er nichts tut, stinkt er noch vor Faulheit!). Am allerschlimmsten aber stinkt: die Lüge! Denn, merke: aus einem stinkenden Mund kann nur teuflisch-lügenhaftes Geschwätz kommen so süß er auch tut (die Chemo-Patientin hätte einige Einwände, aber das konnte Goethe ja nicht wissen): Denn letztlich, so legt eine ziemlich verzwackte Xenie nach, spricht aus solchen nur vermeintlich süß dahinsäuselnden Mündern immer das „Parterr“ (zwar wirkt es so, als entweiche der Gestank dem Kopfe, es sind aber eigentlich immer die Därme; das Teufelsgehirn). Das stinkt Goethe zwar noch nicht persönlich; aber unpersönlich breitet sich von da aus der Gestank aus ins Gerede, ins Gerücht, ins die übel riechende Nachrede: Stimmt es denn wirklich, was man da von einem Gretchen am Brunnen…? Es stinkt, so sagt man….? Am Anfang war der Teufel, und der Teufel war beim Gestank, und der Gestank beim Teufel (riecht Gott? Engel duften, Dämonen stinken, in leichter Abwandlung des Stichworts von den riechenden Ziegen und den stinkenden Böcken?). Doch dann wurde der Teufel von Moral und Aufklärung exorziert, aber er hinterließ einen nicht-exorzierbaren Gestank, der sich an die Generalexorzierer heftete und sie nie mehr verließ. So wittern sie nun überall teuflische Gestänke, bei ledigen Müttern, bei Häretikern, bei jeglichen Aufklärungsfeinden überhaupt; werden deshalb alle mit einem shitstorm überzogen, damit man den eigenen geistigen Verwesungeruch und das Haar vom Teufel, das noch im erhobenen Zeigefinger steckt, nicht so riecht. Vielleicht war Goethe deshalb auch so vorsichtig mit dem St-Wort, so sehr im einiges zwischendurch auch gestunken haben mag: Denn jedem, der eine Stinkbombe wirft, klebt der Geruch künftig am Stinke-Finger. Und zwar –
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Tüchtig. Adjektive sind die Stiefkinder der Grammatik. Eigentlich sind sie nicht im strengen Sinne nötig; und, wie einen diverse Stilratgeber seit jeher belehren, ist der Satz reiner, klarer, stringenter ohne sie: ohne Anhängsel, Beiwerk, Schmuck – eben Dinge, die gern von Unerfahrenen übertrieben werden. Kein eigener Wortstamm, Bastarde von tüchtigen Stammwörtern nur: Verben (die die Sprache vorantreiben), Substantiven (den alten Namen). Ein wenig beliebig in ihrem Charakter, reihen sie zur Selbstverstärkung in Reihenbildung (das Gute-Wahre-Schöne, dreieinig untergehakt). Nein, Adjektive wollen wohl gewogen und wohl gesetzt werden. Nur dann sind sie: wohl definiert (was schon fast ein Substitut für eigenwertig sein könnte).
Damit zurück zur Redaktorin. Lange, bevor sie Goethe auch nur ansatzweise verstanden hatte, bekam sie Pickel, wenn Goethe „bedeutend“ schrieb (die gleichen Pickel bekommt sie heute noch bei „relevant“). Goethe schien das Wort immer mit dem Hammer zu setzen, gern auch in Verbindung mit „Mann“ oder „Werk“. Bedeutend – war denn nicht alles auf der Welt be-deutend, ein Zeichen von etwas, der Deutung bedürftig, und nicht einfach nur ein Autoritätsmarker? War nicht jede Frau bedeutend wie jeder Mann, und ein jedes Werk – nun, immerhin ein Versuch, aus Nichts Etwas zu machen, und „wer immer strebend sich bemüht“? Natürlich schob sie aber, und das merkte sie erst viel später, den Bewertungsmaßstab selbst unter, nach der offensichtlich etwas kurzschlüssigen Logik: Wenn „bedeutende Männer“ etwas für bedeutend erklären, meinen sie immer ihresgleichen.
Goethe aber verwendet das Adjektiv, wie die allermeisten seiner (meist sparsam eingesetzten) Adjektive aber nur: wohldefiniert. Verstanden hat die Redaktorin das zum ersten Mal, als sie über „tüchtig“ stolperte, ein Eigenschaftswort, dass gern überlesen wird. Das Wort machte ihr jedoch keine Aggression, sondern eher ein Loch im Kopf, wo eigentlich eine wohldefinierte Bedeutung – oder wenigstens eine schwammige Assoziation? – sein sollte. Na gut, schwammige Assoziationen stellten sich immerhin bei etwas tieferem Graben in der Kiste des wenig-Benutzten, aussortierten Wortmaterials: Tüchtig war die Hausfrau oder der Handwerker; kleine Leute, keine Dichter oder Akademiker, die im Schweiße ihres Angesichts arbeiteten; tüchtig, das war eine veraltete Sekundärtugend aus Zeiten, die auch noch „fleißig“ oder „unermüdlich“ schätzten; alles mangelhaft modernisierbar. Eine „tüchtige Tracht Prügel“ tauchte kurz auf, um schnell wieder zurückgestopft zu werden; na gut, das war offenbar das Schicksal vieler einstmals tüchtiger und selbständiger Adjektive, dass sie irgendwann zu seelenlosen Bedeutungsaufpumpern wurden (wahnsinnig! geil! echt!). Aber das konnte Goethe doch irgendwie nicht gemeint haben? Wie immer half der Griff zum Grimm. „Tüchtig“, so kann man dort nämlich lernen, ist das Adjektiv zu „Tugend“ – Tugend dabei nicht im Sinne rührseliger Moralität verstanden, wie im 18. Jahrhundert in seinen empfindsamen Strömungen (die deshalb ja auch „tugendhaft“ erfunden hatten, was gleich deutlich macht, dass es eben nur eine -haftigkeit ist, nicht aber eine solide Eigenschaft). Nein, Tugend in einem durchaus antiken Sinne, nämlich: eine Exzellenz im Praktischen jeglicher Art. Nicht im Reden! Tüchtig ist ein Tun, insofern haben die Hausfrau und der Handwerker schon auf die richtige Spur geführt; tüchtig wird man durch Übung, Ausübung, Training, die dazu führen, dass das Tun am Ende richtig, vorbildhaft, angemessen ist. Seitdem wäre die Redaktorin gern tüchtig. Aber sie übt noch. Vielleicht kommt sie auch irgendwann zu –
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Rein. Ein Wort, dass es bei der Bedeutungsdifferenzierung immerhin auf 14 verschiedene semantische Abzweige bringt; es profitiert dabei, wie so viele Adjektive, dass es sich nett paaren lässt mit allem Möglichen. Vom Ursprung aber ist ein einfach, wie die meisten Wort, nein, nicht nur einfach: konkret. Denn je länger man über semantische Abzweigungen und Verzweigungen und Übertragungen und Rückübertragungen und Verblassungen und manchmal sogar gänzliche Kehrtwenden (Revolution, genau, gut aufgepasst) nachdenkt, desto mehr drängt sich die Erkenntnis auf, dass der Verlauf der Sprachentwicklung überhaupt einer der zunehmenden Entsinnlichung, Sublimierung, des Entschwebens geradezu ins Allgemeine ist. Jeder Begriff, der einmal handgreiflich angefangen hat, lässt sich irgendwie verbildlichen oder vergeistigen; wenn alle Erfahrung in den Sinnen beginnt, endet ihre sprachliche Verarbeitung leider unfehlbar im Unverbindlich-Vagen. Man könnte, die Redaktorin ist versucht, das zu tun, eine Regel aufstellen, die heißt: Wenn ein Wort gar keine sinnliche Substanz mehr hat, nicht ein winziges konkretes Äquivalent, wenn es reiner Geist geworden ist (das Bild ist eine Art Zwischenstufe, darüber muss gesondert geredet werden), reine Abstraktion, ist es auch – rein und völlig und ganz überflüssig, und man sollte es im Sprachmüll der Geschichte entladen (nicht aber in ihrem Museum, wo schöne und noch kaum aufgebrauchte Worte ganz frisch scheinen!). Das jedoch ist, vielleicht nicht ganz überflüssig zu sagen, nicht zu verwechseln mit der penetranten Sprachreinigung im Interesse einer fiktiven, im Endeffekt aber: faschistisch-totalitären (ich bin versucht zu sagen, aus rein mephistophelischem Widerspruchsgeist: rassistischen?) Korrektheit; auch dazu weiß Goethe nämlich schon etwas zu sagen: „Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern ist das Geschäft der besten Köpfe; Reinigung ohne Bereicherung erweis't sich öfters geistlos: denn es ist nichts bequemer, als von dem Inhalt absehen und auf den Ausdruck passen. Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe, der geistlose hat gut rein sprechen, da er nichts zu sagen hat“. Man möge das genau lesen. Reinigung ist nur zulässig, wenn es gleichzeitig eine Bereicherung ist, eine Vervielfältigung, eine Erweiterung, eine Anreicherung der Ausdrucksmöglichkeiten. Wer hingegen nur reinigt, hier ein Wort aufgesaugt, dort eines getilgt, ein drittes schnöde unters Sofa gekehrt, mag am Ende sauber dastehen; aber eine Sprache lässt sich nicht desinfizieren ohne ihre Bedeutungskeime vollständig zu töten. Fortpflanzung ist gelegentlich eine nicht ganz saubere Angelegenheit, aber Wort-Kondome verhüten sowieso keine unreinen Gedanken.
Rein aber, in seinem reinsten, unschuldigsten, bedeutungsfortpflanzendem Sinn, hat, mindestens, vierzehn Bedeutungszweige und das alles ohne aus einem Starken Verb abgeleitet zu sein! Ein Muster-Adjektiv, es kann auch attributiv (eine reine Seele, ein reines Tischtuch) und prädikativ (das ist jetzt aber rein überflüssig!), und man sieht es, egal in welcher der 14 Bedeutungszweige, immer noch ein wenig leuchten (es hilft auch, dass es kurz ist. Kurze Wörter verbreiten sich schneller und werden häufiger gebraucht, Satz der Energieerhaltung). Sie erstrecken sich von frisch, reinlich sauber über unbefleckt, unberührt unschuldig, geradlinig, unverstellt, unverdorben bis heilig (aber wie immer ist am Höhepunkt die Gefahr am größten, wieder ins Gegenteil zu kippen; das weiß aber nur die, die den Weg bis zu Ende gegangen ist). Am Anfang aber war rein nur: sauber halt, nicht-schmutzig, nicht-befleckt, fleckenlos – und schon sieht man, wie sich die erste Übertragung von der Seite reindrängelt, nein, wahrscheinlich eher aus dem sprachlichen Unterbewussten, wo die Bedeutungen assoziativ verknotet daliegen und immer dahinziehen, wo man eigentlich noch nicht – also, rein ist im Grund: sauber. Sauberkeit, nun, das ist nicht nur eine überschätzte Tugend von Clementine (reiner als rein!) oder jeden deutschen Hausfrau (die unter faschistischem Generalverdacht stehen), sondern eine ziemlich ernsthafte Angelegenheit. Sauber ist nicht einfach nur schöner oder ordentlicher (ja, alles mögliche Abzweigungen, aber Texte sind nun mal mühsam linear), sondern auch: gesünder. Im Schmutz wühlen die schlimmen Bakterien und die noch schlimmeren Viren (nein, nicht eigentlich, aber ein bisschen schon, selbst Corona soll von schmutzigen Märkten gekommen sein, aber eigentlich waren es wohl die Menschen – egal). Sauberkeit empfehlen nicht nur die Waschmittelhersteller, sondern auch die Religionen, die klügeren von ihnen kodifzieren gern Hygienevorschriften (auch wenn sie dazu die eigentlich ziemlich sauberen Schweine zu schmutzigen Tieren machen müssen) – und schon schwappt das Reine über, in die Religion nämlich, wo das Reine dann gleich noch das Unschuldige, Unverdorbene aufgeladen bekommt: Rein war die Menschheit vor dem Sündenfall, Adam und Eva blütenweiß im Paradies, und dann kam die Schlange, unreines Tier, schlängelt sich nämlich am staubigen Boden entlang und hat keine Finger, die man ordentlich waschen könnte (häuten allerdings ist eine ziemlich drastische Hygiene-Maßnahme). Und war es nicht schön, rein zu sein? Glänzend, hell, glatt, die Sonne spiegelt sich im Reinen, man ist mit sich selbst im Reinen – ja, genau, neuer Abzweig: Wer mit sich selbst im Reinen ist, hat nichts zu verstecken, funkelnd die Gewissensoberfläche, strahlend das Selbstgefühl. Das ist nicht so falsch, wie es sich anhören mag; aber eben auch nicht zu verwechseln mit Selbstbezogenheit not in a good way: „Oft bedaure ich sie, daß sie in eine verrückte Zeit gekommen, wo ein starr-zäher Egoismus auf halbem oder gar falschem Wege sich verstockt und die reine Selbstheit sich auszubilden hindert“, so sagt Goethe über die jungen Menschen, und das ist nicht so einfach zu verstehen, wie es sich anhört: Reine Selbstheit ist ok, wer das Reine in seinem Inneren findet, das ganz Unverfälschte, Originale, vor aller Verfälschung, Verfremdung, Überlagerung, Verdrängung, was der bösen Vers- noch sind; der ist wahrhaft rein. Wer aber stattdessen alles Äußere umstandslos auf das eigene schäbige Ich und dessen Wohlergehen bezieht, nun ja, der ist: ein verstockter Egoist, was im Wesentlichen eine Art Pervertierung des natürlichen Selbstbezugs ist, verbunden mit einer Verengung der Perspektive auf den eigenen Bauchnabel (der reine Selbstbezug kann aber auch die verkrümmten Nägel sehen und sich freuen). Die reine Selbstheit sieht sich selbst unmittelbar, naiv, wie Schiller sagen würde; am Anfang war Narziß durchaus unschuldig und rein wie das Wasser. Erst, wenn er sich nicht mehr lösen kann vom eigenen Abbild, wenn er immer und immer wieder schaut, wenn alle anderen nur verzerrte Spiegel seiner selbst geworden sind – ist er ein verstockter Egoist geworden.
Man kann sehen, wie schon in den ersten Übertragungen langsam der moralische Unterton mitzuklingen beginnt, der das Wort – wie immer ausgehend vom Religiösen – zu usurpieren versucht: die reine Unschuld, das reine Gewissen, die reine Seele, das reine Herz, ach, wäre es nicht schön, moralisch rein zu sein, unschuldig wie im Paradies, und nicht beklebt und behaftet mit all diesem Seelenschmutz, dieser ansteckenden Schuld, diesen korrumpierten Gefühlen, all diesem Schmutz-Schmutz-Schmutz, der uns umgibt, von innen und von außen, im Müll der Müllberge wie im Müll des Geistes, dem Müll der Geschichte, dem Müll, den die Medien heutzutage unaufhörlich in riesigen Mengen produzieren, von Reinheit keine Spur? Zudem hat rein auch ein etwas fatales Potential zum beliebigen Füll- und Steigerungswort: rein gar nichts ist dadurch gewonnen, alles reine Verschwendung, reiner Luxus, reiner Blödsinn, reiner Wahnsinn – nichts, was sich nicht durch Reinheit zu einem fatalen Absolutum machen ließe! So kommt ein Wort vor die Hunde, die eben nicht als die reinlichsten aller Tiere gelten, obwohl sie rein gar nichts dafür können und mit rein unschuldigen Augen auf ihr Herrchen blicken, der meint, mit einem mitgeführten Tütchen für Reinheit sorgen zu können, wenigstens auf den Wegen, wo alle gehen (und die deshalb niemals rein sein können, schon weil sie alle gehen). Was ich aber an Goethes rein eigentlich liebe, ist dass es eine bessere, konkretere, sinnlichere Variante von „gut“ ist. Gut ist ein ziemlich zweifelhaftes Wort und hat sich so weit entfernt von seiner konkreten Bedeutung (die Etymologen streiten ziemlich darüber, wahrscheinlich kommt es aus der Gegend von passend, tauglich, nützlich, was ja immerhin schon etwas handfest ist), dass es eigentlich nur noch moralisierend Nebel im Gehirn erzeugt (nein, ich fange jetzt nicht an mit ‚relevant‘. Aber am Ende werden wir dahinkommen, früher oder später...). Wenn schon „gut“, dann lieber „wohl“. Das beste aber ist „rein“. Rein ist nämlich, für Goethe auch und vor allem: ganz für sich selbst, allein in sich ruhend, schön geschlossen, sich selbst zum Zweck und keinem Anderen und niemand sonst. Rein ist alles, was sich der verderblichen Berührung durch fremde Interessen nicht aktiv widersetzt, sondern ihm natürlich widerstrebt. Die schöne Seele ist eine reine Seele, weil sie nicht nachdenken muss, was das Gute ist; sie tut es, rein, ohne die immer etwas schmutzige Nachhilfe der Reflexion (Spiegel sind nie richtig rein). Das reine Herz kennt keinen Zwiespalt, kein Kalkül, noch nicht einmal die winzigste Spur eines Zweifels: Es schlägt ganz allein für sich, und es schlägt richtig, unbeirrbar, denn es ist von Gott (oder der Natur. Whatever. Wer das bis hierhin nicht verstanden hat, wird Reinheit nie verstehen). Nur Uhren können falschgehen, oder der Verstand, von dem zwar Kant erst gezeigt hat, dass es ihn so wenig rein gibt wie die reine Vernunft, aber reine Herzen wussten das schon früher.
Reinheit ist, um kurz vor Schluss noch eine Wende in das genuin schmutzige Politische zu vollziehen, auch das Gegenteil von Parteilichkeit, die immer im schmutzigen Sumpf der Interessen feststeckt, und umso schlimmer, wenn es die eigenen oder die besten sind: Es sind keine reinen. Rein wäre nur die Wahrheit (nein, nicht die Sorte reine Wahrheit, die politische Untersuchungsausschüsse versprechen, dreimal nein!). Weil der Mensch das nicht erträgt, so hat er, das glaubt Goethe immerhin, die Schönheit; das ist geradezu ihr Lebenszweck. Natürlich ist die Schönheit nicht rein. Sie ist verschleiernd, sie macht eine reine Trübe (Begriff aus der Farbenlehre, wir arbeiten noch am Verstehen). Ob der Mensch jedoch nach dem Durchgang durch die vollendet korrumpierende Reflexion am Ende wieder zu einer gesteigerten Reinheit fähig wäre – wie das Schiller glaubte, und etliche Romantiker predigten, nicht ganz interesselos, um ehrlich zu sein) – ach, wer will das ausschließen? Goethe immerhin, der sehr idealisierte (Kritik macht auch nur dumm und schmutzig, hat wohl schon jemand je von „reiner Kritik“ gesprochen? Eben!) und von allen Schlacken der Überlieferung gereinigte Goethe der Redaktorin, schien sich eine seltsame Reinheit bis ins hohe Alter zu bewahren. Kälte haben sie einige genannt, Egozentrik, Unverbindlichkeit, weltfernes Olympiertum, Selbstüberhöhung; eine gewisse Gnadenlosigkeit meinen sie gesehen zu haben, eine Desinteressiertheit gegenüber – sagen wir: relevanten? – Ereignissen und Entwicklungen; einige, die ein wenig tiefer schauten, sahen auch eine Depression, eine Verzweiflung, eine gelegentliche melancholische und tief einschneidende Verbitterung. Man könnte aber überlegen, ob Goethe einfach nur – rein war. Ein Weltkind, wie er gelegentlich sagte, das sich auf magische Weise seine Kindschaft erhielt; das gern um Kinder und mit Kindern war und dessen Enkelkinder auf seinen Schultern herumturnen durften, während der Olympier gewichtige Gespräche führte. So sehr Goethe zwischendurch mit sich zerfallen konnte – gerade der junge Goethe, im Widerstreit der vielfältigsten Interessen, Talente und Ansprüche von innen wie von außen -, so sehr konnte er mit sich selbst im Reinen sein. Schon als junger Mensch schreibt er in sein Tagebuch, und das sollte man nicht mit fanatischem Veganismus oder verstockter Askese verwechseln: „Möge die Idee des Reinen die sich bis auf den Bissen erstreckt, den ich in Mund nehme, immer lichter in mir werden.“ Und schon sind wir wieder beim Licht, dem allerfreulichsten, das die Dinge und die Farbe erscheinen lässt, nicht im Geiste, sondern sehr real; wir sind bei einem Verdauungsvorgang, einem sehr realen, in dem Dinge, die aufgenommen werden, rein verarbeitet werden können, ohne verschönernde und verfärbende Soße. Denn Reines kommt von innen und von außen; wär nicht das Auge sonnenhaft! Dem Unreinen hingegen kann – bekanntlich sogar das Reinste unrein geraten.
Dem Reinen nämlich ist, um nun endlich auf eines der bekanntesten Reinheits-Zitate zu kommen, alles rein. Und das ist keine dumme Tautologie, oh nein, es ist eine schöne figura etymologica (leider kein Polyptoton, was sich zu schön sagt, es ginge aber nur, wenn es hieße: Der Reine reinigt alles. Oder so ähnlich. Was sogar auch irgendwie funktioniert). Das Schöne an der figura etymologica aber ist, dass sie ein ganz kleines Spiel der Sprache mit sich selbst ist. Ein Wort tritt auf, lasst es ein Verb sein, und dann mutiert es zum Substantiv, verfestigt sich also gewissermaßen; es kann aber auch ein Adjektiv werden, und damit kann es sogar in ein Verhältnis zu seinem Verb treten wie zu einem Substantiv! Das klingt wie öde Grammatik, aber dem Reinen ist alles rein: Grammatik also ist nicht eine schnöde, langweilige Regelkunst, erfunden von lateinischen Pedanten, nein, Grammatik ist das Bewegungsgesetz von Sprache, es ist ihr Spielfeld, und sie bewegt sich in ihm aufs Freieste und Reinste. „Dem Reinen ist alles rein“ – sieht man nicht, wie sich das Reine, als Zustand, als verfestigtes Substantiv, als Inbegriff, ein klein wenig bewegt, wenn es verbunden wird mit dem adjektivischen „rein“ sein? Sieht man nicht, spürt man nicht, wie sich im Sprachzentrum etwas bewegt, nur ein klein wenig, wie man auf einmal eine Verwandtschaft spürt und gleichzeitig eine winzige Veränderung, wie sich mit den Worten die Sachen verschieben, wie kleine Pfeile hin- und herflitzen, nicht verletzend, sondern verbindend? Die Redaktorin kann es schwer in Worte fassen, sie ist verlegen um Worte, geradezu, und vielleicht findet sie sie doch noch, später, verzögert, verschoben; im Moment aber schildert sie ein kleines Glücksgefühl, das sie immer überfällt, wenn die Sprache mit sich selbst ein unschuldiges Spiel spielt (ja, ihr Klugen, ein echtes Polyptoton, spürt ihr es?)
Das Gegenteil der Reinheit jedoch ist, und das führt zwar zu einem anderen Wort und Thema, aber es muss trotzdem gesagt sein: Das Gegenteil des reinen Sprechens also, um etwas konkreter zu werden, ist die Lüge. Die Lüge ist das Unreinste, was es gibt, und man kann sich den Mund mit Seife auswaschen von morgens bis in die tiefe Nacht und am nächsten Morgen wieder, nie wird er wieder sauber werden. In der ersten Lüge verliert das Kind seine Reinheit, und es merkt es sogar (die Redaktorin hat es gemerkt, ihr damals noch reines Selbst hat gezuckt). Wahrscheinlich ist der wahre Kern der Vertreibung aus der Paradies (eine Geschichte, die erstaunlich unendlicher Deutung fähig ist), dass sie die erste Lüge enthält, nicht den ersten Verstoß gegen ein väterliches Verbot. Die Schlange säuselte Eva ins Ohr: „Glaub ihm nicht, es stimmt gar nicht, was der große Gott da gesagt hat, er hat euch angelogen! Beiß zu, und du wirst wahrhaft frei sein!“ Und Eva biss zu, weil sie die Kritik der praktischen Vernunft noch nicht gelesen hatte; und sie war fortan wahrhaft unfrei, nämlich unterworfen den eigenen Begierden, dem Zwang zum vermeintlich freien Willen, der niemals zu begrenzenden und immer ein Reines verfälschenden Reflexion. Iphigenie, die so rührend reine, hätte ihr entgegenhalten können: „O weh der Lüge! Die Brust wird nicht wie von einem andern wahrgesprochenen Worte getrost und frei. Wer sie heimlich schmiedet, den ängstet sie, und wie ein versagender Pfeil kehrt sie, losgedruckt, verwundend auf den Schützen zurück“. Sie hätte auch sagen können: einem rein gesprochenen Wort.
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Weich: Schnell noch ein Adjektiv, außerhalb der Reihe! Nun also weich, was im ersten Anlauf eher weichlich anmutet, Weichmacher und Weicheier feuert das Assoziationsvermögen ab, aber ein kleiner Unterton flötet schon dazu, in weichen Tönen natürlich: Aber sind weich-nachgiebige Betten nicht etwas wirklich Feines? Ein weich-flauschiges Kuscheltier nimmt man gern in den Arm, und harte Lippen will man nicht küssen, und warum gibt es eigentlich keinen „Hartling“ zum „Weichling“? Geschlechteruntertöne sowieso zuhauf, und die Nähe des Weich-Weichlichen zum Weiblich-Weibischen will nicht recht zufällig erscheinen; weiche W’s paaren sich mit noch weicheren ch’s, und sogar das „ei“ macht noch eher einen weichen Mund als das harte „a“ des Harten. Die Sprache ist nicht gerecht, noch nicht mal geschlechtergercht, und schon gar nicht politisch korrekt, sondern klingt und schwingt mit, wie sie will, zumindest für die weich Mitfühlenden unter uns Sprachfreundinnen. Und die Sprache ist immer gerecht oder hat zumindest immer recht: Denn sie denkt nicht vom Sollen her, das sich der Härte des Begriffs unterworfen hat, sondern vom Sein, und das Sein ist Tätigkeit, und das Wort kommt vom Verb („Am Anfang war die Tat“, zu diesem Schluss kommt der Wortdrechsler Faust, und danach geht es hart zur Sache). Und „weich“ kommt von der Tätigkeit des „weichens“, ausweichen, weggehen, abhauen, und das mag zwar ebenfalls in unseren erneut kriegsbegeisterten Zeiten nicht in hohem Kurs stehen, aber hat so manchem das Leben, die Beziehung, den Verstand gerettet hat: Der Klügere gibt nämlich nach, so weich kann die Klugheit sein! „Hart“ hingegen kommt – aber da streiten die Etymologen mal wieder – vom Verb „kart“? für hauen, zerstechen, wofür man ein hartes Schwert braucht und keinen weichen Plüschwedel. Tatsächlich sind, so weiß auch unser aller Grimm, sind „weich“ und „hart“ sogar Grundworte, Urerfahrungen vor aller Sprache, genauso wie kalt und warm: Sie werden unmittelbar empfunden, und zwar vor allem durch den philosophisch weitgehend vernachlässigten (wohl zu weichen) und gleichzeitig dem organisch umfassendsten Sinn des Menschen, das Gefühl nämlich: Die Haut weiß, was sie will, und das ist meistens weich (siehe Betten, Lippen, Kuscheltiere). Aber während man sich so durch die Belege durcharbeitet und die Bedeutungsbreite sich immer mehr ausweitet (ausweicht), merkt man, dass Weiches auch mit den Augen wahrgenommen wird ¬– auch wenn es dabei schon ins ein wenig Übertragene ausweicht, wie es alle Worte schon kurz nach ihrer Geburt so gern tun. Weiche Linien sehen wir oder harte Umrisse; und Goethe spricht gern vom „weichen Pinsel“, der eben nicht nur ein bestimmtes Produkt der Bürstenbranche ist, sondern, nehmt pars nur pro toto, eine weichere Malweise impliziert, einen neuen Stil, eine andere Wirkung, weitab vom harten Kontur, bei dem sich die Dinge im Raum stoßen; nein, sie fließen weich ineinander über, das stiftet die Farbe, gern auch in weichen Farbtönen. Goethe kennt sich auch aus mit „weichen Holz“, was der Praktiker für bestimmte Dinge eben braucht, wenn er lieber weiche Bretter bohren will. Wir sehen und fühlen, ob ein Käse weich ist oder ein Bett, die Lippen oder die Weichtiere (trotzdem will natürlich niemand Mollusken knuddeln, weich und feucht ist nämlich gar nicht so kuschelig, außer bei Weichkäse natürlich). Und schließlich, damit die Sinne schön im Verein bleiben, der erst den common sense des Verstandes präludiert: Weiches kann sogar gehört werden! Schon lange gilt Moll in der Musiktheorie als die „weiche Tonart“ (hat zu tun mit Abständen zwischen den einzelnen Noten), aber jeder kann das hören, in den molligen Klassikern ebenso wie in den molligen Pop-Balladen, und Modulationen von der harten in die weiche Tonart und zurück rühren die Weichmütigeren (welch schönes Wort! und wiederum: es gibt keine Hartmütigen!) unter uns leicht zu Tränen, ohne ganz genau zu wissen warum. Irgendetwas kitzelt weich im Ohr, und die Tränen purzeln aus den Augen, und das Herz wird ganz weich in der Brust – genau, denn dahin wandert das Weiche, nachdem es die Klaviatur der Sinne durchgespielt hat, weich verfließend in Moll natürlich und mit weichen Übergängen und einem super-weichen Anschlag auf einer „Nonnenorgel“ (interessantes Wort, eine weiche Orgel ist nämlich eine Nonnenorgel, wahrscheinlich klingt sie nicht ganz so mächtig wie ihr großer Bruder?). Wenn genug weiche Bretter gebohrt und Steine erweicht sind (es gibt auch harte und weiche Steinarten, ehrlich, Marmor ist eher weich), wenn das weiche Klima mit weichem Regen übers Land gezogen ist und weiche Nebel hinterlassen hat; wenn der weiche Käse gegessen und das weiche Lager wehmütig verlassen, weil die weichen Lippen jetzt Labello brauchen – dann wandert das Weiche ins Gemüt und färbt dort Stimmungen und Gefühle ein; der weichste Mensch nämlich ist der beste Mensch, so ganz hat das Lessing nun nicht gesagt, aber das bringt uns zu der interessanten Frage: Fällt ein weiches Herz auch weichere Urteile? Ist eine weiche Natur die impressiblere, die den Eindrücken nachgiebigere und damit auch die aufnahmefähigere? Elisabeth im Götz, wo auch die Frauen nicht direkt vor harten Worten zurückschrecken: „Die Wohltätigkeit ist eine edle Tugend, aber sie ist nur das Vorrecht starker Seelen. Menschen, die aus Weichheit wohltun, immer wohltun, sind nicht besser als Leute, die ihren Urin nicht halten können“. Ein hartes Wort, aber wie wohltuend! Und immerhin gesprochen in einer Zeit, die gerade die „Empfindsamkeit“ als neue Tugend erfunden und moralisch aufgeladen hatte, Hochsensible auf einmal an jeder Straßenecke, und nicht nur die Frauen und die Jungen, deren Vorrecht von eh und je her ist, eben weiche Naturen zu sein – was man, bevor man nun wieder in eine stereotype Stereotypenkritik verfällt, mal schön wörtlich lesen sollte: Denn das Weiche ist, von seiner sinnlichen Abstammung her, nicht nur das Schlecht-Nachgiebige, Willenlose, sondern eben auch: das Formbare, das Zukunftsoffene, das Nicht-Totalitär-Erstarrte. Später verhärten wir dann alle, das Schicksal legt sich wie ein Panzer über uns (wir nennen das Ergebnis dann: „Persönlichkeit“ und versuchen verzweifelt, darauf stolz zu sein), das harte, kalte, blutarme Alter tut den Rest: Am Anfang waren wir weiche Knuddelwesen, und am Ende sind wir spröde Menschenstöcke. Da hilft aller weicher Regen nicht, nicht der Weichspüler in der Waschmaschine oder im gehirnerweichenden Radio-Endlos-Pop-Programm, nicht die „allzuweiche Regierung“ (egal, welche Koalition wir gerade haben, Goethe war immer schon da) und schon gar nicht die allzuweichen Sitten, aber damit fangen wir gar nicht erst an, sonst kommen wir leicht ins allzuharte Milieu des allgegenwärtigen Kulturkampfes. Man könnte jetzt mit dem Känguru sagen, das auch eher ein Freund harter Worte ist bei einem weichen anarchistischen Knuddelkern: „Weich, hart, das sind doch auch nur bürgerliche Kategorien!“, und wie recht es wieder hat! Oder die Dialektik des harten Umschlags des Allzuweichen vorführen; nennen wir es: die Katastrophe des allzuweichen Herzens, das mit allem mitfühlt und daher keinem mehr helfen kann, zu sehr ist es mit wollüstigen Zerfließen im Selbstgenuss beschäftigt (ja, ein wenig polemisch, aber die Redaktorin hat auch weiche Seiten! Weichkäse, zum Beispiel, mag sie ziemlich gern; oder weiche Betten; am liebsten aber mag sie weiche Überzeugungen, schön biegsam und anschmiegsam an die Dinge, die sich hart genug im Raume stoßen). Wir zitieren aber lieber ein viel zu wenig zitiertes Goethewort, es ist ein wenig enigmatisch, ziemlich oxymoronisch, man könnte auch sagen: widerspruchsmutig. Na gut, es spricht über die bildliche Darstellung biblischer Gestalten, nicht direkt ein Thema, das unserer Zeit auf den Nägeln brennt; aber es spricht andererseits auch über einen Idealmenschen, einen „Canon“ im antiken Sinne nämlich: die Vereinigung vieler Einzelschönheiten in einem perfekten Ganzen. Adam nämlich, der biblische also, vermählt mit der naschhaften Eva und Vater eines mörderischen Kinderpaares (Kain und Abel), sei darzustellen „nicht wie der Heldenmann, sondern wie der fruchtreiche weichstarke Vater der Menschen“. Lassen wir den Helden-Mann kurz beiseite, die Helden-Frau basteln wir uns später dazu; und bleiben wir bei der schönen Kopplung des „fruchtreichen“ (= Vater des ganzen Menschengeschlechtes, wenn auch zunächst nur von zwei mehr oder weniger missratenen Söhnen) mit dem „weichstarken“: Ist das nicht wahrhaft schön und klug gesagt? Denn das Weiche ist das Starke, und das Starke ist das Weiche, eines durch das Andere (das weiche Wasser höhlt den Stein, sagen die Chinesen, die sowieso viel besser mit Widersprüchen können als das schwarz-weiß-gestrickte Westen). Und Eva ist, das sagt die Redaktorin und nicht Goethe, die fruchttragende starkweiche Mutter der Menschen dazu. Im Übrigen hatte Albert Dürer das Bild dazu schon lange gemalt, und sogar die Tiere darauf changieren auf unnachahmliche Weise zwischen dem Weichen und dem Starken (das nicht das Harte ist, ja, die Analogie hinkt – aber es gibt schließlich auch keinen „Starkling“).
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Starr samt Verwandtschaft ist nun auch keine schöne Wortfamilie. Spricht sich auch nicht schön, starr, starrer, erstarren, Starrsinn. Das Starre ist nicht nur das Unbewegliche, das Verfestigte, es ist auch das Leblose, das, das sich nicht lebendig windet und den Umständen anpasst, und der starre Lorbeer, der sich um das Haupt des Herrschers biegt (man spürt direkt den stachligen Druck auf der Stirn!), wird zerrissen von „der Freiheit holder tausendblumigen Kranz“. Starr ist, das fühlt man auf einmal im drückenden Lorbeer, eine Depressionsvokabel: „Manchmal sieht unser Schicksal aus wie ein Fruchtbaum im Winter. Wer sollte bei dem traurigen Ansehn desselben wohl denken, daß diese starren Äste, diese zackigen Zweige im nächsten Frühjahr wieder grünen, blühen, sodann Früchte tragen können“? Ja, wer sollte. Oder Werther, der eben nicht nur liebeskrank, sondern krank zum Tode ist: „wenn da diese herrliche Natur so starr vor mir steht wie ein lackiertes Bildchen.. die Wonne keinen Tropfen Seligkeit aus meinem Herzen .. in das Gehirn pumpen kann“! Das ultimative – und dadurch ja auch wieder er-lösende? – Erstarren aber ist der Tod, und die Todesstarre bezeugt ihn (die sich aber wieder löst, wenn man genau darüber nachdenkt?) Medusa starrt ihre Opfer zu Tode; ein stierer, ein starrer Blick setzt uns nicht nur in Verlegenheit, sondern er macht uns irgendwie, reziprok, selbst erstarren. Oder starren, wie Goethe auch gern sagt. In der Weisheit des Wortklangs wohnt die Starrheit neben der Narrheit, aber ist der Narr wirklich der Erstarrte, oder führt uns der Binnenreim hier an der Nase herum? Ist der Narr nicht eher der Sprunghafte, der Nicht-Still-zu-Stellende? Gibt es auch ein Ent-Starren? Verharrt vielleicht nur der Narr im Starren, gebunden an der „Starrheit Eigensinn“: „Ein jedes Licht der Freiheit war verschwunden / Die Fesseln selbst, sie schienen mir Gewinn“. Manche Wörter entwickeln mehr Tiefendimensionen, als man eigentlich betreten wollte.
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Stirn. Unerwartete Einsichten über einen vernachlässigten Körperteil. Je älter man wird, desto weniger mag man seine Stirn: die Runzeln allzu deutlich, eingegrabene Spuren einer permanenten Bezweiflung, Bemäkelung, des immerwährenden Unzufriedenseins der Geistesarbeiterin, der allzu seltenen Entspannung, Entfaltung, Entlastung. Trotzdem hätte man natürlich lieber eine hohe Stirn als eine niedere (Physiognomik ist ein Urtrieb); wenn die Haare weg sind, lernt man seine Stirn aber sowieso erst richtig kennen, auch in ihren verdeckten Wölbungen. Auch etymologisch einige schöne Überraschungen. Im lat. frons sind schon alle Faltungen angelegt, die die Stirn dann auch im Deutschen nehmen wird; das frontale, die Konfrontation; aber auch die Infizierung mit dem Obersten, Vordersten, Höchsten und damit irgendwie auch Edelsten; die Nähe zur militärischen Front, aber auch zum poetischen Kranz; die Ausdrucksvielfalt, die die Wendungsvielfalt erzeugt. Aber Stirn, das ist ein beinahe rein deutsches Wort; erst zweisilbig, die Stirna, dann aber ein sehr kompaktes Eigenwort, das für so vieles steht am Menschen, nicht nur einen Knochen als ein architektonisch wichtiges Element am Menschenschädel. Verwandt, vielleicht, von fern und gemeinsam mit dem Höchsten, Vordersten, Obersten an das Gestirn; verwandt mit dem Wetter, den dunklen Wolken, Nebeln, Gewitterschlägen, die die Stirn trüben, oder dem ewigglänzenden Sonnenschein, der die Stirn heiter macht, wolkenlos, glänzend, ja, Goethe sagt sogar gern: blendend – die Stirn ist, in ihrer sanft gewölbten Flachheit, nämlich ein Spiegel für alles Mögliche, durchaus im optischen Sinne. Man kann aber auch Dinge in sie eingraben, Zeichen, Male (nicht nur Falten, aber auch); dann stehen sie fortan an der Stirn geschrieben, und jeder kann sie einem von der Stirn ablesen; nur man selbst sieht sie nicht, außer man schaut in den Spiegel und versucht in den Falten zu lesen, aber ach, es ist ein schwieriges Unternehmen, das Zeichendeuten am Eigenen. Man legt die Stirn noch mehr in Falten, man runzelt sie, sie ist nicht mehr schön und blendend, sondern gefurcht, sorgengefurcht, denkgefurcht; jeder Denker noch hat seine Stirn in die Hände gestützt, und dann, wenn endlich die Erleuchtung kommt, schlägt er sich vor die Stirn, aber am Ende bleiben nur das Kopfweh und die eingegrabenen Falten (die Erleuchtung schlägt sich höchstens innen nieder). Schön und immerhin ein wenig erleuchtend ist auch, wie Goethe immer wieder „Brust und Stirn“ kombiniert: So viel anschaulicher, so viel spürbarer als das kanonische „Herz und Kopf“, die alte Zweiheit, der unheilbare Riss; aber Brust und Stirn sind immerhin gar nicht so weit getrennt voneinander, und wenn die Brust schlägt, spürt das auch die Stirn, und wenn sich die Stirn in Falten legt, zieht sich auch die Brust zusammen. Ein Wesen nur, eine Natur. In der Bibel war die Stirn gern eisern, das bewährt sich bei Stammeskämpfen und Kopfnüssen; später wurde sie dann unverschämt und frech, das ist die böse Moderne, die allem starrsinnig die Stirn bietet, egal wie dick die Wand ist und wie schwer die Kollateralschäden. Aber ist es nicht wort-schön, wie die breite Stirn alle Universal-Attribute und Aggregatszustände des Menschlichen aufnehmen kann: kalt und heiß sein, hoch und niedrig, oben und unten, glatt und gerunzelt? Am liebsten wäre uns allen natürlich die freie Stirn, die heitere Stirn, die offene Stirn, um es ein wenig Rilkesch zu sagen: im unmittelbaren Kontakt mit den Sternen, dem Leben freudig geöffnet und nur gelegentlich ein Schleierwölkchen am Horizont. Da das aber ein schöner Traum bleiben wird, werden wir weiter dem Leben die Stirn bieten müssen; die Konfrontation suchen, wo sie unvermeidlich sind; und im letzten Moment die Stirn verhüllen, weil die Zeichen zu deutlich lesbar geworden sind, sogar für die habituelle Blindheit der Selbsterkenntnis im Spiegel.
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Vorbereitung: Ist das halbe Leben! (die andere Hälfte ist Rekapitulation, dazu kommen wir gleich unter Resultate). Und die eine Hälfte von Vorbereitung ist Organisation: Planung, Bereitstellung, „Anstalten“, wie es schön altmodisch noch manchmal heißt. Als Verwaltungsbeamter weiß Goethe das; er weiß es aber auch als Naturwissenschaftler und Versuchsdesigner, er weiß es als Künstler und Literat (für alle Verehrer des Genies, hier ein- für allemal: Goethe hielt es eher mit dem Schemata, den Konzepten, den Materialsammlungen; ein ordentliches Werk will noch ordentlicher vorbereitet sein, und ab einem gewissen Grad von Weltkenntnis und Weltmaterialien wird das ein Vollzeitjob, den Goethe aber gar nicht auslagert, wie beispielsweise das Diktieren und Redigieren, sondern tatsächlich meist selbst erledigt); er weiß es als Theatermensch (Proben, Proben, Proben, sogar Proben selbst müssen vorbereitet werden), und er weiß es als Bauherr, Gartenbesitzer, Reisender (dazu auch gleich). Und das ist nur das Äußerliche! Denn natürlich will auch das Innere vorbereitet sein, nicht nur zum Werk, sondern auch für die Arbeit generell, für die Freundschaft, für die Aufnahme eines Kunstwerks, für die wohlwollende Erwägung einer Idee – alles Dinge, die angebahnt, eingestimmt, eingeübt werden wollen! Der Mensch ist ein träges Wesen, innerlich wie äußerlich; und ohne Vorbereitung verbleibt er schön da, wo er ist, gedanklich und physisch. Man muss ihn stupsen, nudging nennt man das heutzutage: psychische Vorbereitung auf das Tun des (vor allem) Unangenehmen. Aber eigentlich muss er auch auf das Angenehme vorbereitet werden. Nichts Gutes geschieht unvorbereitet.
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Resultate hingegen sind eine Art von Nachbereitung. „Begriff ist Summe, Idee Resultat der Erfahrung“; für Ersteres brauche man Verstand, für letzteres Vernunft. Resultate kommen also am Ende, und sie ergeben sich nicht dadurch, dass man brav zusammen- und aufzählt, was man gelernt hat: Nein, die checksum ist zwar ein technisch unglaublich nützliches Verfahren, aber sie funktioniert nur sinnvoll bei genauer Replikation. Ein Resultat der Erfahrung jedoch, eine Idee, geboren aus der Anhäufung von Empirie und dann geformt und erzogen und geleitet durch ein geistiges Wesen wie die „Idee“ – das wird nicht ausgerechnet und verglichen, sondern mit einem gewissen Mut zum Risiko, zum Irrtum, zum Widerspruch zusammengefasst und energisch hingestellt. Andere mögen zu anderen Resultaten kommen, das ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern durch und durch, völlig, richtig und so, wie es sein soll. „Resultate meines Lebens“, so nennt Goethe auch seine literarischen Schriften, sie machen sich dünn aus auf Papier, so beklagt er; aber daraus kann man auch nur sehen, dass die Literatur das Leben niemals einholt und schon gar nicht eine Summenformel ist. Aber dafür sind ja die anderen da, die Leserinnen: „Wie möchten wir denn vergangene Zustände uns selbst wieder hervorrufen und der Welt getrost mitteilen, wenn wir nicht Glauben und Überzeugung hätten, es werden sich begabte Geister finden, die das alles aufnehmen, wie es gegeben ist, in welchen gleiche Gesinnungen auf- und absteigen, gleiche Erfahrungen zu denselben Resultaten führen“, schreibt Goethe in einem Brief 1830, da kann er auf einen ziemlichen Berg von Erfahrungen und Resultaten zurückblicken. Dass es jedoch „Glauben und Überzeugung“ braucht, um dieses Risiko überhaupt einzugehen – des allgegenwärtigen Missverständnisses, des allgegenwärtigen Kritikers in uns allen, des böswilligen Ressentiments gegenüber einem „Großen“; dass es sie auch braucht, um den mühevollen Prozess des Wieder-Hervorrufens auf sich zu nehmen, denn wer weiß, was da alles mit aufsteigt wie aus einer Hexenküche, und der Meister ist niemals sicher davor, nicht doch wieder zum Lehrling zu werden und die Geister, die er rief, nicht mehr loszuwerden – Glauben und Überzeugung, etwas früher hätte Goethe wahrscheinlich auch noch gesagt: Liebe, das muss den sich mitteilenden Autor leiten und trösten, wenn er die Resultate seines Lebens präsentiert, in dürren Schriften und nackten Buchstaben. Wohingegen der philosophische Autor sich wenigstens daran festhalten kann, dass auch falsche philosophische Resultate noch nützlich sein können: Wenn sie nämlich in einer individuellen Form überliefert werden, die an sich selbst interessant und lehrreich ist dafür, wie man zu falschen Resultaten kommen kann (das für Hegel. Ach, für den ganzen deutschen Idealismus, was soll die Sparsamkeit).
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Richtig: Resultate müssen aber nicht immer richtig sein; also, jedenfalls nicht in dem mehr oder weniger primitiv-technisch-mathematischen Sinn, wie Summen richtig oder falsch sind. Richtig ist nicht direkt eines der Goethe’schen Lieblingsadjektive, aber auch nicht ganz falsch; das verdankt es seinem Zusammenhang mit dem Rechten, dem Ausgerichteten, der Richtung in einem sozusagen Heidegger’schen Sinn als Ausrichtung auf etwas. Richtigkeit kommt bei Goethe eigentlich mehr Gefühlen als Überzeugungen zu; das Rechte deduziert man nämlich nicht, sondern man weiß es, innerlich, oder eben nicht. Und wäre es nicht schön, wenn unsere heutigen Richtigkeits- und Korrektheitsfanatiker 50 shades of ‚richtig´ unterscheiden könnten? Als da wären: das Wahre, das Gültige, das Korrekte, das Übereinstimmende, das Exakte, das Wirkliche, das Angemessene, das Rechtmäßige, das Aufrichtige – na gut, keine fünfzig, aber schon mehr als eine Analfixierung auf Korrektheit im Buchstabensinne. Man hätte gern ein richtig, das sei
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Vielseitig. Dass jedes Ding nicht nur zwei Seiten hat, sondern die meisten Dinge sogar viel mehr Seiten haben, ist gar nicht so selbstverständlich, wie man meinen sollte. Und theoretisch schätzen wir auch alle die vielseitige Persönlichkeit, wenn nicht gar gleich die „allseitige Bildung“ (ausgestorben seit Humboldts, und es hat schon zwei Brüder gebraucht, um das einigermaßen hinzubekommen) mehr als den einseitigen Fachidioten oder den auf seinen spitzen Blickwinkel beschränkten Pedanten. Wenn es doch nur in der Realität auch so wäre…. Denn eigentlich, so merkt die Redaktorin, während sie sich durch Goethes vielseitige Vielseitigkeiten durcharbeitet, meint Goethe damit – also wenn er das Wort positiv verwendet, was er meistens tut, sehr sogar; es gibt aber auch ein sich verzettelndes Vielseitiges –; er meint also, dass wahrhaft vielseitig nur ist, wer viele unterschiedliche Seiten hat, am besten sogar ziemlich konträre, und nicht nur schwach verwandte wie eine Leidenschaft für alle Künste. Und er meint in einem starken Sinn auch, dass wahre Vielseitigkeit die verbohrte Einseitigkeit systematisch ausschließt: Dadurch ist sie mit der Liberalität, der viel zu wenig geschätzten, verbunden. Viele Seiten zu haben, zu kennen, ausbilden zu können, anwenden zu können – aber dabei auch genau zu unterscheiden, wann man welche Seite jetzt besonders gut ausleuchtet und eine andere vielleicht kurzzeitig abblendet; zu differenzieren zwischen verschiedenen Ansprüchen, die verschiedene Sach- und Fach- und Lustgebiete an einen machen; erst das macht den wahren Wissenschaftler ebenso wie den wahren Künstler; und Wissenschaftler und Künstler sind, für Goethe, zum einen die am nahe verwandtesten und zum anderen die am weitesten entfernten Verfahren, Welt-Anschauungs-Weisen, Praktiken, die sich jedoch in einem Punkt – aber dazu besser ein Zitat, das gleichzeitig noch ein wunderbar neues Goethe-Wort einführt: „Die Phänomene zu erhaschen, sie zu Versuchen zu fixiren, die Erfahrungen zu ordnen und die Vorstellungsarten darüber kennen zu lernen, bey dem ersten so aufmercksam, bey dem zweyten so genau als möglich zu seyn, beym dritten vollständig zu werden und beym vierten vielseitig genug zu bleiben, dazu gehört eine Durcharbeitung seines armen Ichs, von deren Möglichkeit ich auch sonst nur keine Idee gehabt habe“. „Durcharbeiten“, das kennt man von Hefeteigen, die dabei auch ziemlich leiden müssen; oder vom Yoga, das den Körper durcharbeitet, den vielseitigen. Aber wer arbeitet schon sein armes Ich so durch, dass es vielseitig genug wird, aufmerksam zu erhaschen, genau zu fixieren, vollständig zu ordnen und dann noch bei der Zurückführung auf die damit verbundenen „Vorstellungsarten“ (also: diejenigen anderer Leute, die vor einem erhascht, fixiert, geordnet haben) vielseitig genug zu bleiben (also: die eigene Seite erstmal zurückzustellen)? Normalerweise braucht man dafür mindestens vier Personen (wahrscheinlich eher acht, weil die Hälfte sowieso nicht aufgepasst hat und lieber was anderes macht, irgendwas Einseitig-Vergnügliches vorzugsweise). Nein, Vielseitigkeit ist zwar ein wenig ein Talent und ein Geschenk, wie so vieles auf dieser ungerechten Welt; aber danach ist sie Arbeit, Arbeit, Arbeit, Arbeit. Am Ich, das ja überhaupt lieber gehätschelt als durchgearbeitet werden möchte. Und was hat man am Ende davon? „Laßt uns doch vielseitig sein! Märkische Rübchenschmecken gut, am besten gemischt mit Kastanien. Und diese beiden edlen Früchte wachsen weit auseinander“. Immerhin, ein erweitertes Geschmackserleben, und wer weiß, was daraus dann folgt! Man möchte geradezu sagen: „Der vielseitigste Mensch ist der beste Mensch!“ – und hätte dabei, ganz nebenbei, den Hauptgegensatz zwischen Goethe und der Aufklärung ziemlich genau auf den Punkt gebracht.
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Vielspältig. Wenn man vielseitig genug ist, muss man auch nicht gleich bei jedem Widerspruch, bei jeder Fremdheit, bei jeder Dissonanz vielspältig werden. Während vielseitig noch als Ideal, wenn auch kaum als Realität überlebt hat, ist vielspältig so ausgestorben, dass sogar die Redaktorin darüber nachdenken musste, ob es nicht eigentlich „vielspaltig“ heißen müsste und einen in mehreren Spalten gesetzten Text meint. Unser aller Grimm verweist jedoch auf den etymologischen „Spalt“, der dem Vielspältigen zugrundeliegt und immerhin im Zwiespältigen überlebt hat. Denn genauso wie man heute schon als vielseitig gilt, wenn man außer der eigenen vielleicht noch eine schwach abweichende zweite Seite sehen kann, so reichen zweie schon zum Spaltpilz. Es heißt ja auch: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!“, oder? Woraus man auch nur lernen kann, dass Faust viel beschränkter war als sein beinahe allseitig gebildeter Schöpfer; gerade mal zwei kleine Seelchen! Oder dass die Manie alter weißer Männer, die Welt immer genau in zwei Teile zu zerteilen, die dann leider nur zwiespältig sein können (und noch nicht einmal vielspältig!), genau das Gegenteil wahrer Vielseitigkeit und Liberalität bewirkt. Was im Übrigen nicht heißen muss, dass man damit sein armes, durchgearbeitetes, in viele Richtungen ausgebreitetes Ich heillos zerstreut (wir reden schließlich über Hefeteig und nicht über Streuseln!); nein, Goethe wählt vielmehr ein ganz wunderbares Bild, um die – nun ja: Polarität? – von Zentrum und Mitte, Einseitigkeit und Vielseitigkeit zu veranschaulichen: „Du siehst, es geht bey mir nach alter Weise. Zu den hundert Dingen die mich interessieren constituirt sich immer eins in die Mitte als Hauptplanet und das übrige Quodlibet meines Lebens treibt sich indessen in vielseitiger Mondgestalt umher, bis es einem und dem andern auch gelingt, gleichfalls in die Mitte zu rücken“. Vielseitigkeit, wenn sie denn gelingt, ist eine Konstellation, so weit wie der Sternenhimmel! Aber niemals –
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Vollständig. Das Wort hat, trotz seines Voll-Klangs, keine rechten Wurzeln im Deutschen; plenus, perfectus, completo, alles schön und gut und irgendwie auch ganz wohlklingend, aber von dort führt kein Weg zu vollständig. Schon dass Goethe das volltönende, aber doch auch irgendwie bürokratisch angehauchte Adjektiv eher im quantitativen als im qualitativen Sinne verwendet – es hat übrigens auch kein Verb, was soll denn bitte „vollstehen“, der Keller nach dem Jahrhunderthochwasser, oder die Autobahnen im Dauerstau?, außer man geht einen Schritt zurück und bleibt stehen, und das führt immerhin einige Schritte vorwärts, aber erst später -: also schon das eher Quantitative sollte eine misstrauisch machen: Vollständig ist eben nicht vollkommen, obwohl manchmal schon, dann ist es auch ganz schön und rund und ganz, aber dann – na gut, zwei Belegstellen in extenso, nicht in pleno: Am besten lernt man laut Goethe aus vollständiger Umgebung (in Pädagogischen Provinzen zum Beispiel); und Winckelmann wird als Mann geboren, stirbt aber als vollständiger Mann (ist das ein neues Männlichkeitsideal?). Dass Sammlungen vollständig zu sein haben, weiß jeder, der sich einmal von dieser Leidenschaft anfallen ließ (aber geht das überhaupt in dieser immer vielteilchenreicheren Welt?); oder Lehrbücher (man wird ja noch träumen dürfen); oder dass der Autor seine Werke gern vollständig um sich stehen hat (immerhin, wir nähern uns dem stehen!) – vor allem Goethe im Alter, der versucht, sein Haus zu bestellen, die Bücher zu schließen, und endlich, endlich – nicht nur Bruchstücke einer großen Confession vorzuzeigen können, sondern sein Leben und Schaffen in toto, in plenum, perfetto und – vollständig! Aber das sind immer noch irgendwie Dinge, die man zählen kann, die sich Vollzähligkeit nähern (und was ist mit Bruchzahlen?), die lückenlos werden können; sie sind dann erschöpfend aufgezählt (und erschöpfen dadurch auch den Betrachter, es gibt nichts Erschöpfenderes als pedantischen Vollständigkeitswahn), sozusagen von einfacher Vollständigkeit, ohne dabei zugleich Anspruch auf Ganzheit, Rundheit, Harmonie zu erheben. Das überlassen sie der nicht-abzählbaren qualitativen Vollständigkeit, die eine enge Verwandtschaft zur Vollkommenheit pflegt: Eins und Ganz ist der Organismus (wir sagten es wohl schon dann und wann), und niemals wird eine Sammlung ein Organismus werden, allerhöchstens: ein Aggregat. Aber was ist nun mit Winkelmann, am Anfang Mann, am Ende vollständiger Mann? Immerhin, ein Mensch, also prinzipiell organismusfähig, auch wenn durch Erziehung das meiste verkrüppelt wird. Und ein Mensch, der sich seinen Stand im Leben vollständig erarbeitet hat; ein self-made-man, vom Schusterssohn zum Papstbibliothekar, Begründer einer Wissenschaft und empfangen und beschenkt von den gekrönten Häuptern Europas. Denn Stehen, so zeigt sich, wenn wir endlich nun doch den Grimm aufschlagen, ist nicht nur ein Grundverb, sondern ein Universalverb schlechthin, und der feste Stand nicht weniger als ein Seinsideal: fest sein, unerschütterlich sein, stehen geblieben und nicht umgefallen; alle Dinge streben nach einem festen Stand in dieser Welt des Wankens, und, wenn es irgendwie geht: auch einem vollen (wie die Blütenblätter schön rund um die Krone angeordnet stehen, voll im Saft stehen). Wenn man durch vollständige Umgebung am besten lernt, dann tat Winckelmann das einzig Richtige: Er reiste, allen Gefahren zum Trotz, an den Ort seiner Berufung, nach Rom, wo die antike Kunst ins Exil gegangen war; er untersuchte sie, beschaute sie von allen Seiten, und immer vollständiger wurden damit auch seine eigene Person, seine eigenen Fähigkeiten, seine Intuition wie sein Wissen. Niemals wäre ihm das in einer Bibliothek gelungen. Wer eine Sprache lernen will, geht dorthin, wo sie gesprochen wird; wer die Natur kennen lernen will, geht hinaus und nicht ins Labor; wer das Leben lernen will, nimmt an ihm teil, so viel und so vielseitig wie es eben nur geht (so wie Goethe also). Das Gegenteil von vollständiger Umgebung und des vollständigen Mannes hingegen sind: die Blase, die Echokammer, das Meinungs-Ghetto; der Spezialist, der Pedant, das one-trick-pony. Oder auch: Wolkenkuckucksheim, wo man von Wolken umgeben ist, die einem schöne Frauen vorspiegeln, und dem Geschrei des nimmermüden Vogelchores: So wird man mit Garantie nie ein vollständiger Mann, wie der exemplarische Winckelmann, der noch im Tod riskant lebte: Sein vorbestrafter Zimmernachbar wollte ihn ausrauben; Winckelmann wehrte sich heftig, trotz mehrerer Messerstiche blieb er noch lange genug am Leben, um Angaben zu machen, die zur Ergreifung des Täters führten. Das hat zwar wenig von „edler Einfalt und stiller Größe“, aber mehr von – Vollständigkeit. Im Leben stehen ist im Kampf stehen (die vollständige Frau? auch die steht ihre Frau. Aber voll!).
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Vision: Was ist eine Vision? Etwas, das gern von Politikern erwartet wird, oder von Unternehmern, und natürlich und vor allem: von Künstler. Man denkt sich dazu gern einen weiten seherischen Blick in die Ferne (nicht ein engstirniges Bauchnabel-Geglotze), ausgreifende Gestik, Bedeutungstremolo in der Stimme und – nun ja, eine gelegentlich ja als erfreulich und befreiend empfundene Abwesenheit von Realitätssinn (reality check, sagt mein politisch kluger, aber eher visionsresistenter Sohn an dieser Stelle). Visionen, schließlich muss einer uns geistigen Fußgängern und Horizonbegrenzten mal sagen, wo der Weg aufs Weite gesehen mal hingeht. Big picture! Von Helmut Schmidt allerdings, durchaus einem Politiker nach Goethes Herz und Sinn, ist der knackige Satz überliefert, wer Visionen habe, solle doch besser zum Arzt gehen. Denn fröhlich schillert die Vision zwischen der verführerischen, aber doch häufig ein wenig überreizten Halluzination, der überschäumenden Einbildungskraft, all den leicht betüdelten Verwandten des menschlichen Wunschdenkens eben auf der einen Seite und einer schon fast soliden Projektion von Wünschbarem, aber auch irgendwie: Machbaren auf der anderen Seite. „Mystiker haben natürlich von Berufs wegen Visionen, es ist ihr Lebenselixier, ihre Lebenshaltung könnte man auch als habitualisierte und religiös zertifizierte Verweigerung von reality checks bezeichnen. Aus Visionen strickt man Gurus, Charismatiker und Schneeballsysteme. So weit, so ungoethisch; aber eine Figur gibt es, da geht Goethe der Vision so ans Eingemachte, wie man gerade noch kann, ohne sich völlig den Magen zu verderben. Es ist Makarie, die geheimnisvolle, weise, alte Frau (ist sie eine der Ausformungen des Ewig-Weiblichen?) aus den Wanderjahren, die immerhin bereits die Vision einer Auswanderungsgesellschaft kennen oder die Schreckensvision des Maschinenzeitalters. Makarie, ihr Name bedeutet: „die Glückselige“, und sie wird in einem ungewohnten Superlativ als ein „Gleichnis des Wünschenswertesten“ bezeichnet. Nun, ein Gleichnis, das ist etwas, worin Dichter brillieren, eine Art halb-handfester Sprachvision; aber ein Gleichnis ist bei Goethe dann doch noch ein wenig mehr: Es ist der Ausdruck einer grundlegenden Analogie, die alle Naturbereiche durchzieht und macht, dass sie dem gleichen grossen Logos gehorchen, nämlich: dem der Komplementarität. Makarie hat deshalb auch eine Komplementärgestalt, nämlich die namenlose Gesteinspürerin, aber dazu kommen wir später. Glückselig ist Makarie selbst zunächst deshalb, weil sie in ihrem eigenen Inneren kosmologische Grundstrukturen und Bewegungsgesetze nicht nur irgendwie diffus ahnt oder sie sich besonders gut veranschaulichen kann, weil sie eine starke Phantasie hat, nein: Sie bewegt sich vielmehr, so sagt uns eine durchaus vertrauenswürdige Bezugsperson in den Wanderjahren, der Mathematiker nämlich, tatsächlich innerhalb des Sternensystems auf einer eigenen Bahn, wie ein Stern. Und sie spürt nicht nur dessen Wirkungen, sondern sie ist selbst ein „intergrierender Teil“ des Sonnensystems, also: kann auch Wirkungen auslösen! Ein Sternenspürerin, könnte man analog zur Gesteinspürerin sagen; ein „Märchen“, wie im Roman, sagt der Mathematiker zu dem erstaunten Wilhelm, dafür könne man sie halten, ihre eigene Familie halte sie im Wesentlichen für krank; und er selbst habe natürlich als rechter Aufklärer das alles für angelerntes und wieder unbewusst nach außen gekehrtes Wissen gehalten, schließlich habe sie schon als hochbegabtes Kind die Sternenkunde studiert. Es sei auch keinem benommen, das zu glauben, weder Wilhelm (der jedoch ziemlich vertrauensvoll ist und gelegentlichen Visionen nicht abgeneigt, sogar noch in den ziemlich erwachsenen Wanderjahren) noch einem skeptisch-wissenschaftsgläubigem Leser oder einer mystisch disponierten und religiös begabten Leserin. Nein, das gehe eben durchaus alles über die normale menschliche Fassungskraft ¬ was aber noch lange nicht bedeute, dass es deshalb nicht real sei! Wirk-lich: in seinen Wirkungen nachweisbar. Denn er habe mit seiner eigenen Sprache der Natur, der von allen Wissenschaftlern gerade seit kurzer Zeit in ihrer Allgültigkeit akzeptierten Mathematik (die Goethe nur theoretisch hasste; er könnte es aber auch ironisch gemeint haben), zeigen können, dass Makaries Ahnungen, Erscheinungen, Visionen – eintreffen: Sie zeigten Wirkungen, die er in seinen Gleichungen sehe, die durch ein mathematisches Analogon zweifelsfrei bewiesen werden könnten. Makarie lebt geistig im Weltall, neben anderen Sternen zieht sie ihre schönen Bahnen; in ihrer Familie und auf der Erde ist sie sozusagen nur für einen kurzen Zwischenstopp, für einen Snack im Restaurant am Ende des Universums sozusagen. Makarie spürt den ganzen Kosmos in ihrem Inneren – genau so, wie der Dichter, so erläutert der Mathematiker Wilhelm, alle Gesetze der sittlichen Natur des Menschen in seinem Inneren trüge, als eine Art anthropologischen Kosmos sozusagen, der in seiner Dichtung nun nach außen träte – die deshalb natürlich nicht weniger gesetzlich sei wenn der Dichter nur das sage, was er in seinem Inneren – nicht visionär, sondern real sehe und vor allem: an seinen seelischen Wirkungen in sich selbst spüre. Dieser Dichter wäre das dichterische Analogon zum „Gleichnis des Wünschenswertesten“; genau so, wie die Gesteinspürerin die Knochen der Erde, ihre Anatomie real spürt und nicht etwa frivol visioniert. Das ist Kern-Goethe, sein dreifaches Credo, weshalb es nun doch ausnahmsweise einmal ganz zitiert werden muss: An und in dem Boden findet man für die höchsten irdischen Bedürfnisse das Material, eine Welt des Stoffes, den höchsten Fähigkeiten des Menschen zur Bearbeitung übergeben; aber auf jenem geistigen Wege werden immer Teilnahme, Liebe, geregelte freie Wirksamkeit gefunden. Diese beiden Welten gegeneinander zu bewegen, ihre beiderseitigen Eigenschaften in der vorübergehenden Lebenserscheinung zu manifestieren, das ist die höchste Gestalt, wozu sich der Mensch auszubilden hat. Wer jedoch Visionen hat ohne jede Realsubstanz, egal über den Kosmos oder die Erde oder sich selbst in all diesem – den würde Goethe auch zum Arzt schicken (er hat es gelegentlich sogar getan, er glaubte an gute Ärzte, solche, die Wirkungen zeigten. Na gut, Werther wurde noch durch den Tod kuriert. Ein unheilbarer Fall von jugendlich-erotisch-dichterisch-politisch-gesellschaftlichem Visionärstum).
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Walten. Ein Gegenwort nach so viel Abgehobenheit, nämlich ein gehobenes Wort. „Gehoben“ sind Wörter, die kein Alltagskleid haben, sondern nur gesetzt in der Schrift daherschreiten. Meist haben sie deshalb auch einen muffigen Amtsgeruch, oder man spricht sie sozusagen mit gerümpfter Nase. Wenn man sie überhaupt noch spricht, denn gewaltet wird beinahe nur noch im Schalten und Walten; das klingt irgendwie hübsch, man sieht gleich vielerlei Schalter fröhlich vor sich hin klackern, so wie in einer altmodischen Telefonvermittlung beispielsweise. Das Staubige hingegen lebt fort in der Ver-Waltung, die nun inzwischen beinahe wirklich jede Lebensäußerung überzogen hat mit einer Verordnungskruste, da wird ge-(ver-?)schaltet und verwaltet, dass der Amtsschimmel nur so wiehert! (gerade erst, Anekdote nebenbei, sollte in BW eine Steuer auf den privaten Kuchenverkauf zu Vereins- oder sonstigen förderungswürdigen Zwecken erhoben werden, aber da ruderte sogar das Verwaltungsmonster namens EU irgendwann zurück: man müsse ja nun wirklich nicht päpstlicher als der Papst sein! – das wir das noch erleben durften). Aber die Polemik, so sehr wir sie lieben und gelegentlich recht frei schalten und walten lassen in diesen Wortgeschichten, führt erst einmal auf den falschen Pfad. Deshalb, wie gewohnt, zuerst zurück zum Ursprung: Im walten lebt natürlich die Gewalt, die einmal eine Alleinherrscherin war und schaltete und waltete, wie sie Lust und Muskelkraft hatte. Und die Gewalt war bei Gott (nicht bei den Behörden) und Gott war die Gewalt – und als Gott abtrat, übernahmen sie seine Stellvertreter und Amtswalter, das Schicksal, das Glück, der Zufall und am Ende: die menschliche Willkür. Aber schon wieder sind wir vorausgeeilt, Goethe ist derweil noch bei Gott, oder den Göttern, oder dem, was er sehr schön und respektvoll das „waltende Wesen“ nennt und durchaus verehrt, im Großen und Ganzen jedenfalls: „Dies alles müssen wir also in die Hände der waltenden Götter legen, wenn wir nicht besser tun für uns selbst zu handeln, da jene ohnehin genug zu tun haben“. Na gut, die Götter sind beschäftigt, das Schicksal ist in proaktiven Zeiten auch in den Ruhestand versetzt, und das Glück, ach es lächelt in letzter Zeit nur noch sehr wenigen und eher verschleiert durch den Kriegsstaub und den Saharastaub und die allgegenwärtigen Masken! Zwischendurch nur, so kommt es einem manchmal vor, walteten einmal ganz vernünftige Instanzen: das Recht, die Ordnung, die Einsicht, die Klugheit – so wie in Goethes Epos Hermann und Dorothea, wo die bürgerliche Welt in allerbester Ordnung ist, und Dorothea, eine vernünftige und tätige Frau, sagen darf: „Alle Felder besorg' ich: der Vater waltet im Hause| Fleißig; die thätige Mutter belebt im Ganzen die Wirtschaft“! Steht tatsächlich so da, und nicht umgekehrt (wir sind hier nicht in Schillers Glocke, wo die Elemente und das traditionelle Geschlechterbild walten): Das Mädel macht die Feldarbeit, der Vater schafft im Hause, und die Mutter obwaltet über alle! Goethe auf dem Felde der Frauen-Emanzipation? Vielleicht hat ja nur das Kunstwerk da gewaltet und geschaltet, denn: „das beste Kunstwerk … nimmt uns unsre Willkür, wir können mit dem Vollkommenen nicht schalten und w. wie wir wollen!“ Da schimmert gar nicht wenig Gott durch, aber der Gedanke ist auch nicht neu. Die Redaktorin hätte übrigens gewettet, dass verwalten als Bastard des heruntergekommenen Waltens ein neues Wort ist, das Goethe vielleicht gar noch nicht kannte – aber so kann man sich täuschen! Unser aller Grimm sagt nämlich, dass verwalten ein geradezu uraltes Wort ist; natürlich mussten Reiche schon immer verwaltet werden, sie wurden auch verwest (andere Wortgeschichte), und die Redaktorin hat ihre blauäugige Wette verloren, Recht geschieht es ihr! Man kann ja nicht einfach mit Wörtern schalten und walten, wie man will. Auch wenn das ziemlich menschlich ist, geradezu eine Definition beim Meister: „Der Mensch begehrt alles an sich zu reißen, um nur nach Belieben damit schalten und walten zu können“! Geht aber gar nicht, selbst wenn Mensch sich noch zu sehr als Gott und Sachwalter seines eigenen Schicksals und Herr über die Sprache wähnt: „der Mensch scheint nur sich zu gehorchen, sein eigenes Wollen walten zu lassen, seinem Triebe zu fröhnen, und doch sind es Zufälligkeiten die sich unterschieben“. Niemand waltet allein für sich, niemand west für sich, niemand ist eine Insel. Die Natur allerdings, sie muss man walten lassen, da sie die größte anzunehmende Walterin überhaupt ist: „Im Reich der Natur waltet Bewegung und Tat“, immerdar. Denn überall wo Tätigkeit ist, da wird gewaltet; wird beherrscht, geherrscht, geordnet, gelenkt, gesteuert, ob mit Recht oder Unrecht, mit Gewalt oder Verwaltung oder Vergewaltigung, mit Recht oder Unrecht, mit Zufall oder Zielen – ist der Natur ziemlich egal. Deshalb, so Goethe der alte Fatalist, lasse man eben walten, da man es sowieso nicht ändern kann und verwaltet wird von der Geburt bis zum Tod („Gott walt’s“, sagte man früher, und meinte: Er wird es schon richten; heute würde man höchstens noch zu sagen wagen: das walte Google!). Walten und Walten lassen, das ist nämlich Goethes eigentliche Lebensmaxime: „So blieb das Resultat von allem meinem Sinnen und Trachten jener alte Vorsatz, die innere und äußere Natur zu erforschen, und in liebevoller Nachahmung sie eben selbst walten zu lassen“. Und das ist letztendlich das Schöne am walten: Es tritt praktisch niemals in Verbindung mit dem fatalen „Ich“ auf. Etwas anderes waltet, nicht wir selbst. Selbst heute, in den Zeiten der galoppierenden weltspannenden Heiligsprechung des freien und totalen Individuums sagt immer noch keiner: „Ich walte!“ Es waltet nämlich; und das Ich kann nur walten lassen (aber das ist, so paradox das klingt, eben auch: eine Tätigkeit).
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Was nicht alles! Na gut, je länger man an einem Wörterbuch arbeitet, desto penetranter wird die Lust am nicht immer sonderlich gelungenen Wortspiel. Aber was war das erste Massenwort, dass der Redaktorin auf den Tisch kam, und was fängt man nun mit so was an, so was Großem, Unbestimmten, etwas, das einem immer auf der Zunge liegt, irgendetwas, was auch immer, was soll es nun bedeuten? Man lässt es sich erst einmal sanft auf der Zunge zergehen: WAS, schönes Wort eigentlich, hell, kurz, kernhaft, mit all der Zärtlichkeit von flötendem W und singendem A, am Ende leicht ausgezischt, aber dadurch auch sehr anschlussfähig. Ein Bibelwort flattert kurz vorbei, „Was ist der Mensch?“, und es bleibt hängen. Was ist der Mensch? Oh ja, das haben schon sehr viele gefragt, und die Antworten sind so unterschiedlich lustig oder tiefgründig wie die Fragenden, bei Goethe läuft es immerhin auch fast biblisch aus: „Was ist der Mensch, warum kann er sein Leben/ Umsonst, und nicht für einen Bessern geben?“. Aus Geheimnis. Ein Fragment, der Kontext ist kompliziert und geheimnisvoll, deshalb lieber das zweite Beispiel aus dem Werther, einem eher allzu leicht verständlichen Roman, in dem Sätze wie dieser nur allzu gern überlesen werden: „O was ist der Mensch, daß er über sich klagen darf! Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir's, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bißchen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich's immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein“. Die Halbwertszeit dieser klugen Sätze für Werther persönlich erweist sich zwar als noch kürzer als ein durchschnittlicher Neujahrsvorsatz, aber man kann den Satz ja trotzdem mal versuchsweise ernstnehmen: „was ist der Mensch, daß er über sich klagen darf“ – nein, lieber doch nicht, die Antworten wären zu peinlich, man würde gleich verdrießlich und verlegen! Eine kurze Recherche der Redaktorin in den üblichen Textbergen, rein neugierhalber und nicht etwa zu schnöden Prokrastinationszwecken, bringt immerhin das lustigste Sammelsurium. Der Mensch nämlich ist, kleine Blütenlese, nicht „anders als ein Gewächs der Erden“ – ob Kartoffle oder Tulipan, wird nicht gesagt. Oder, noch stärker biblisch inspiriert, „ein geringer Ball, welcher von jedem spielenden Wind bald da-, bald dorthin geworfen und verworfen wird. Heute überfället uns eine traurige Post, morgen Gefahr, übermorgen Krankheit, und also bringet ein jeder Tag, nach den heiligen Worten, seine eigene Plage mit sich“. Corona grüßt lautstark, Post, Gefahr und Krankheit in einem und eine inzwischen beinahe biblische Plage. Andere Autoren verweigern erstmal kategorisch die Antwort – um sie dann, wie das Schriftsteller recht gern tun, gleich dreifach nachzuholen: „Was ist der Mensch? ich weiß es nicht. Wenn Sie es wissen, sagen Sie es mir. Vielleicht ein Hund, der seinen Herrn verloren. Das Leben ist ein Abc-Buch. Ein bißchen Goldschaum auf dem Einband ist all unser Glück, unsere Weisheit nichts als ba, be, bi, und sobald wir buchstabieren gelernt, müssen wir sterben, und die Unwissenheit fängt von neuem an“. Alles nicht Goethe, aber auch interessant. Trotzdem nur Vorspiel, jetzt kommen die wahren Hits, die Top Drei! Beginnen wir mit Heine, Heinrich, dem Meister der unerwarteten Pointe: „Was ist der Mensch, wenn – drei Kannen Schnaps ihn zu Boden werfen! Aber die Polen haben es doch im Trinken übermenschlich weit gebracht.“ Die Redaktorin ist weit entfernt von drei Kannen Schnaps, zwei Gläser Wein können heutzutage schon Verheerungen anrichten, aber die Reflexionstiefe spricht für sich. Top Zwei, Lichtenberg, der Meister-Aphoristiker aller Klassen: „Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden. Beweise erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr, ja was ist der Mensch anders als ein verworrnes Bündel Röhren?“ Na gut, gilt vielleicht nur für Männer, aber Frauen haben auch so ihre Röhren, und verworren sind wir sowieso alle. Platz 1 jedoch ist ein sehr vergessener Liebling der Redaktorin, Hippel war sein Name, und seine Texte lesen sich auch so: „Was ist der Mensch? Nackt kommen wir auf die Welt; seht, andere Tiere kommen eingekleidet und bedürfen des Schneiders nicht; wir Könige von Gottes Gnaden aber müssen die Tiere bestehlen, unsere Untertanen mit Abgaben bedrücken, um Notdürftigkeiten zu bestreiten, die schwer auf uns liegen. Vernunft, wozu braucht sie der Mensch? Dem Tiere das Fell über die Ohren zu ziehen und sich zu bedecken, sich selbst und andern das Leben abzugewinnen. Das Ziel der Vernunft ist, wenn sie einsieht, daß sie uns nicht glücklich mache, daß wir überall damit anstoßen, wie ein junger Mensch, der in die große Welt eintritt. Je vernünftiger der Mensch ist, desto mehr zweifelt er. Die Kinderjahre sind die schönsten, weil wir mit der Vernunft in ihren Schranken bleiben. Gott, was ist der Mensch?“ Damit wäre Goethe, so will die Redaktorin glauben und vertrauen, recht sehr einverstanden gewesen, der ebenso den Menschen manchmal nicht so arg schätzte: „er nennt’s Vernunft und brauchts allein: um tierischer als jedes Tier zu sein“, genau, Mephisto, ganz einig mit Hippel. Goethe hatte auch zumindest schon mal von Theodor Gottlieb von Hippel gehört (der übrigens auch ein Buch Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber geschrieben hat, das gleichermaßen für frauenfeindlich und feministisch avant la lettre gehalten wird, und welche das nicht für Hippel einnimmt, der ist nicht zu helfen); in einem der vielen Gespräche, die Besucher aufzeichneten, ward notiert: „Ein andermal hatte Goethe den Onkel um unsere Vaterstadt Königsberg befragt, die ihn um Kant's, Hamann's und Hippel's willen interessierte, und der Onkel konnte es nicht genug rühmen, wie vortrefflich Goethe durch seine wohlberechneten Fragen die Menschen bei demjenigen festzuhalten gewusst, was er von ihnen zu hören verlangt“. Womit wir dann auch in einer eleganten Kurve zum was zurückkommen, jenseits seiner existentiellen Seitenwege, sozusagen: zur quidditas des Was. Also, zum ersten: was als Relativpronomen, bis heute wohl die häufigste Verwendung: dasjenige, was. Näher am Herzen des Was jedoch wohnen die beiden anderen grammatikalischen Varianten: Zum zweiten nämlich das was als Interrogativpronomen, also als, wie die Deutschlehrerin sagt, sächliches Fragewort. Was? Genau so. Gern auch im Brustton der Entrüstung: „Was!“ Dazu kommt als Drittes, das unterscheidet das Was nämlich vom Das, das in ihm unbestimmt Schwebende des irgend-was. Was auch immer. Ein Platzhalter, dazu dienend, die genaue Aussage zu verweigern: Irgendwas Unbestimmtes halt, dings! Und ganz zum Schluss eine Goethe’sche Spezialität, weder der Grimm noch der Adelung führen sie explizit auf (obwohl der Grimm’sche Was-Artikel erschöpfend in einem Wortsinn ist, der nicht wörtlich genug genommen werden kann, beim dreifach gestaffelten fff gibt man einfach auf!). All-erschöpfend, sozusagen. Goethe aber diagnostiziert sehr auf den Punkt seine Zeitgenossen, vor allem die Jüngeren: „Kein Mensch will etwas werden,| Ein jeder will schon was sein“. Was genau, ist ja auch ziemlich egal.
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Wankelmut und Wankelsinn. Es ist nicht gut, dass die Dinge ins Wanken geraten. Wenn die Erde wankt, dann sollte man sich schnell in Sicherheit bringen, und hinterher wird man wankenden Fußes zurückkehren. Das Wanken ist verwandt mit dem Schwanken, es bringt einem aus dem schönen stabilen Gleichgewicht und man gerät ins Unsichere, Unfeste, Ungefähre. Deshalb hat auch der Wankelmütige keinen guten Ruf; wer mit seinen Ansichten und Überzeugungen wankt, auf den kann man sich nicht fest verlassen; mal wankt er hierhin, mal schwankt er dorthin, und der Wechselwähler ist seine moderne Inkarnation. Wieland hat man damals gern, zu Goethes Zeiten, Wankelmütigkeit vorgeworfen; zwar gab es noch keine Wahlen, aber Wieland war halt ziemlich meinungsfreudig, vor allem als Zeitschriftenherausgeber; und manchmal schrieb er ein wenig nach dem Motto „Was kümmert mich mein Geschwanke von gestern?“, wie das jeder vernünftige und nicht jeder Meinungskorrektur wie einem Erdbeben mittlerer Größe ausweichende Mensch tut: Man hat Meinungen, und die wanken, durchaus je nach Laune und Tagesform; und das zuzugeben, ist Reife des Verstandes und nicht windelweiche Wankelmütigkeit (die vom „Mut“ kommt, wozu wir noch kommen werden). Und Überzeugungen – nun ja, da wird es zugegebenermaßen etwas schwieriger mit der Verteidigung des Wankelns; aber, nun ja, nun ja, die Redaktorin zögert mit dem schwankenden Finger über der Tastatur, aber als überzeugte Skeptikerin – hat man halt auch wankende und schwankende Überzeugungen. Man wird nämlich ständig klüger. Oder vielleicht auch dümmer, worauf es ankommt, ist das: Man wird. Skeptiker sind Leute, die aus Prinzip nie mit ihren Überzeugungen fertig werden; denn hinter jeder Nacht des Zweifels lauert die Morgenröte einer möglichen besseren Überzeugung, und das soll man sich nicht durch beharrlichen Starrsinn verschließen. Außerdem ist das nicht Wankel-mut – der ist nämlich ein wankendes Wollen, ein Schwanken im Gemüte (und nicht im Geiste, dazu kommen wir erst am Ende), eine wahrscheinlich angeborene (so Goethe) Art von Gewebeschwäche; mal ist man eben mehr übermütig, mal mehr wankelmütig, und leider ist das schöne Wort des „Mutes“ im ursprünglichen Sinn auch nicht mehr wirklich im Gebrauch: Es war einmal, wie sich die Redaktorin vage aus ihrem Studium erinnert, ein Mütiges im menschlichen Herzen, eine Stärke des Gemütes und des Wollens, eine innere Kraft und Größe – die dann eben zur Tapferkeit verkam und nur noch ein wenig im Großmut weiterlebte. Und wenn dieses Mütige ins Wanken gerät – ist das vielleicht eine Art inneres Erdbeben, das einen erschüttert durch und durch, mit einer Art persönlicher Richterskala von leichtem mentalem Schwindel bis hin zur Erdplatten verschiebenden psychischem Katastrophe mit anschließendem Tsunami durch den ganzen Körper? Wankel-mut, dein Name ist Weib; damit in einem thematischen Totalschwenk zurück zum Text des Meisters und seinen Varianten: Wankelmut also schätzt er nicht als Charaktereigenschaft („Wankelmut und Unverstand sind böse Ingredienzien in einem Gehirn“, wie wahr, wie wahr) und nicht im Felde der Liebe; wankelmütige Neigungen und Verliebtheiten, das mag in der Jugend mit den rosigen Wangen (Nachbarlemma, vielleicht kommen wir noch dazu) verzeihlich sein, nicht aber im fortgeschrittenen bleichwangigen Lebens- und Liebesalter, und da hat er auch einen Punkt: Welch Unheil wurde nicht in der Welt angerichtet durch wankelmütige Neigungen, von all den schlechten Romanen gar nicht zu sprechen! Und natürlich neigt sich das Herz (nicht der Mut, wir sprechen jetzt vom Herzen!) mal hierhin und mal dorthin, wenn man sich wachen Auges umschaut und noch zum Wangenröten fähig ist, wie Goethe bekanntlich auch in hohem Alter: Dann findet man eben Liebenswertes (wenn auch vielleicht nicht immer Liebens-würdiges) auch außerhalb es eigenen eingehegten emotionalen Vorgartens, und sogar das ist eine Qualität, keine Untreue; und nicht umsonst nimmt sich Velten Andres, der Nicht-Held von Raabes Akten des Vogelsangs Goethes frühe (und mit dem eigenen Erleben bezahlten, wie es sich für einen Dichter gehört) Erkenntnis zu Herzen: „Ein leichtbewegtes Herz ist ein elend Gut/ auf der wankenden Erde“. Aber Velten geht daran zugrunde, er versucht mit rührender Verzweiflung, hartherzig und unempfindsam und emotional absolut autark zu werden, er verbrennt das „Herzensmuseum“ der Mutter, und härter kann man sich nicht abzuhärten versuchen – alles vergeblich. Goethe hingegen, der Immer-Bewegliche lernt dazu: Dann wankt man eben ein wenig, wenn einen die Neigung aus dem Gleichgewicht gebracht hat, man wankt sogar ziemlich - und dann fängt man sich wieder, bevor man in einem emotionalen Trümmerfeld steht, das auch die Hütten der Anderen zerstört hat. No big deal! Hingegen ist der topos der speziell weiblichen Wankelmütigkeit so stabil und tief verankert im kollektiven Unterbewusstsein, wie es nur wirklich gute Stereotypen sind; und man sollte sich gut überlegen, ob und wann man an diesen Ankern rüttelt. Das gleiche gilt für die Wendung vom wanken und weichen, vorzugsweise, nein: eigentlich ausschließlich anwendbar in der verneinten Form und in der Betonung männlichen Kampfesmutes- oder vielleicht auch nur Starrsinnes, wer weiß das schon, jedenfalls demonstriert die Wendung vor allem die allesbezwingende Allmacht der Alliteration als ready made in der Rhetorik.
Indessen wankt dieser nicht besonders gute Text (die Redaktorin hatte zu viel Ablenkung, draußen hüpften kleine Vögel durch den morgendlich frischen Rasen, völlig ungerührt von den Mühen sprachlicher Reflexion, und gingen ganz unbeschwert ihren frühlingshaften Neigungen nach) seinem Ende zu und seinem Höhepunkt, nämlich: der schönen, wenn auch wieder einmal singulären Erfindung der Wankelsinnigkeit: Wankelsinnig nämlich erwartet der alte Meister und Frischverliebte die Erscheinung der Geliebten, er schwankt zwischen „Paradies und Hölle“, wird sie kommen, wird sie nicht kommen, wird sie küssen, wird sie sich entziehen; werden die roten Wangen etwas stärker glühen oder nicht, ach, was denkt der Sinn sich nicht alles aus, wenn er wankt zwischen Hoffen und Bangen? Dann aber erscheint die Geliebte, und alles Wanken (ist es nicht vielleicht sogar eher ein „wankeln“?) hat ein Ende, kein Zweifel mehr, die Entscheidung ist gefallen (in welche Richtung ist übrigens egal, wichtig ist: es ist entschieden)! Denn Wankelsinn, das ist das Wankeln des Geistes, und nicht das Wanken des Gemüts. Ein leichtbewegter Geist, ist auch er ein gefährlich Gut auf dieser wankenden Erde? Ach ja, er ist es. Aber die Alternative ist: Hirntod.
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Ware: Alles ist käuflich. Schlimmer noch, das meiste ist verkäuflich. Handelswaren aller Art wabern in Warenströmen und werden in Warenlagern gestapelt; das kannte Goethe gut aus seiner Kindheit, die er zum Teil im wunderbaren Warenhaus seines Großvaters verbrachte, und der junge Wilhelm versucht sich ja erst als Handlungsreisender, bevor er – naja, kein Meister wird, sondern Wundarzt. Goethe war sich jedoch, das zeigen die Belege unseres ganz speziellen Wort-Warenlagers (Karteikärtchen, ordentlich gereiht in Holzregistern, sie füllen ganze Räume und riechen auf eine sehr spezielle Weise nach), durchaus und in vollem Sinne des Warencharakters auch der geistigen Welt bewusst. Von einer bestimmten Art Zeitschriften sagt er beispielsweise, sie würden mehr Ballast als Ware tragen (wenn man den Gedanken nun auf das Internet wendete, diese gigantische Warenwälzmaschine? Ach, man würde überrollt von all den Ballasten!); oder von einer bestimmten Art Denke, das sei mehr alte und verlegene (man siehe dort) Ware; oder von einer bestimmten Art Oper, es handele sich um ziemlich leichte Ware. Aber der Autor arbeitet für einen Markt, Goethe jedenfalls tat das, ziemlich professionell und gelegentlich sogar ausgefuchst; was der Käufer dann allerdings mit dem Produkt anstellt, fällt nicht mehr in die Verantwortung des Herstellers (auch wenn er sich erschießt – aber wahrscheinlich sind die Legenden sowieso übertrieben). Und Bücher kann man bei Nichtgefallen zum Glück nicht retournieren (ja, ist ein Wort, die Redaktorin hat LEO gefragt); obwohl die meisten einem zu klein oder zu groß sind und auch das Material gelegentlich nicht den Erwartungen entspricht. Vieles übersteht auch die Erstlektüre nicht und wandert dann ins Bücherregal hinten links. Nur die Klassiker überleben sogar ihren Verkauf.
Waten und nicht schwimmen; das sagt Goethe ganz gern und ziemlich oft dann, wenn es schlammig um ihn wird im Elemente. Man möchte ja lieber schwimmen, so wie man lieber fliegen möchte; aber im wirklichen Leben, in dem wir alle weben und wesen (aber das kommt weiter unten), wird gewatet und gegangen. Zu Fuß, Storchenschritt für Storchenschritt, auch keine Siebenmeilenstiefel (da würde der Schlamm nur spritzen). Meine Geschäffte gehn stille hin, Zerstreuung hab ich nicht, meine Erhohlungen selbst sind absichtlich und gebunden, zu dir allein kann meine Seele noch einen Flug nehmen, denn in irrdischen Dingen gilt waten, nicht schwimmen, so heißt das beim Meister, geschrieben wird natürlich an die Verehrteste von allen, zu der das Herz immer wieder – na gut, wohl eher fliegt denn schwimmt, denn Herzen waten nicht. Oder doch? Im Sumpf der Gefühle, verwandt dem Gewühle, ach, der Reimzwang knippt wieder heute. Also noch einmal, zum Mitschreiben: Gewatet wird dort, wo das eigentlich und hoffentlich Flüssige sich zum Schlammigen stockt und verstockt; Poesie hingegen ist Verflüssigung, nicht nur des Herzens, sondern des ganzen stockigen, watenden, in Geschäften und Zerstreuungen versumpfenden Ich, das auf einmal seine Schwere verliert und sich mit einem Sprung, kopfüber, herzüber, ins Element des Schaffens stürzt. Schwimmen, und nicht waten, jeder, der einmal ganz ehrlich und wirklich und haltlos im Meer geschwommen ist, weiß im Übrigen aus Erfahrung, was das ist. Vom Schwimmen in Seen und Flüssen hat auch der große Frei-Schwimmer Bertolt Brecht geschrieben, das ist zwar eher ein Lob der Faulheit und des Treibenlassens, des eher Schlammigen, aber trotzdem, schon damit Brecht und Goethe hier einmal in einem Satz genannt und gewürdigt werden: Beide wussten, dass man ab und zu ins Wasser springen muss und alles andere hinter sich lassen, auch die Kleider. Danach wird weiter gewatet.
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Dann kommt der Wavellit, der nur genannt wird, weil das Wort so schön ist, dass man es gleich nochmal sagen möchte: Wavellit, wie weich das klingt! Im Zitat kommen noch schöne Wörter hinzu, man findet den Wavellit, den schaligen, nämlich am grauwackigen Sandstein und in Klüften. Das könnte man sogar erotisierend lesen, aber das ist gar nicht gemeint. Als Kontrast jetzt die Erläuterung als Wikipedia, die immerhin auch so viele neue Wörter hat, dass man mehrere Pangrams (die neue Wortfindungs-Leidenschaft der Redaktorin) damit üppig bestücken könnte: „Es kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem … und entwickelt überwiegend halbkugelige bis kugelige, traubige und radialstrahlige Mineral-Aggregate bis zu vier Zentimetern Durchmesser, aber auch krustige Überzüge und selten auch prismatische, isometrische bis langgestreckte Kristalle.“ An dem Bild daneben kann man lernen, dass ein Bild mehr sagt als tausend Wörter, er ist tatsächlich auch recht hübsch anzuschauen, der Wavellit, wenn auch nicht so weich, wie er klingt, sondern eher zackig. Benannt wurde er, soviel Bildungsfernsehen muss sein, natürlich nach seinem Entdecker William Wavell, dann aber auch noch nach einem anderen Entdecker als „Fischerit“ und schließlich nach einem dritten als „Uhligit“. Aber nichts davon kann mit Wavellit konkurrieren, manche Leute haben halt einfach Namen, nach denen möchte man irgendwas benennen, es muss auch gar nicht bedeutend sein.
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Das Wort des Tages war aber eindeutig weben. Immerhin hat die Redaktorin dazu auch die eine oder andere bereichernde Kindheitserfahrung, es war nämlich eine Handarbeit, die ausnahmsweise ein wenig Spaß gemacht hat; wie man die bunte Wolle durch die aufgespannten Fäden schlängelte und daraus kleine Muster erwuchsen, das war recht beruhigend und nicht besonders technisch schwierig; die Deckchen und Taschen haben einen Platz im Herzen und sogar im Haushalt gefunden und behalten bisher weitgehend ihre Farben (auch wenn die Farbzusammenstellung die eine oder andere jugendliche Geschmacksverirrung konserviert). Weben hat was. Findet auch Goethe, der sich mit dem Thema gründlich-technisch für die Wanderjahre auseinandergesetzt hat; und mit der damit verbundenen Weberindustrie in den Schweizer Bergen, und mit Webstuhl und Webschiffchen und Webermeister samt Webermeisterstück sowie Weber und Weberin (was nicht das Gleiche ist, kommt aber erst später). Insofern: Ja, es geht durchaus auch um Weben im wörtlichen Sinne, und wie eigentlich meistens weiß der poetische Webmeister, wovon er spricht. Was die Redaktorin hingegen nicht wusste, ist, dass es dazu auch ein recht schönes Bibelwort gibt, dass sie verdachtshalber Martin Luther zuschreiben möchte, der einen Sinn hatte für rhetorisches Geschnackel („Hendiadyoin“ heißt das Kunststück, und niemals, niemals, niemals wird die Redaktorin die Vokale auf Anhieb vollständig und in der richtigen Reihenfolge platzieren, es gibt immer einen Knoten im Gewebe!). Was er mit Thomas Mann teilte, der so etwas wie „schön und hübsch“ sagen konnte, und es sogar meinen. Also, die Stelle ist die Apostelgeschichte, und es ist ein dreifaches Hendia-Dingsda, und es geht natürlich um den Herrgott, den lieben, in dem wir „leben, weben und sind“, mit der Ergänzung: „wie auch etliche Poeten bei euch gesagt haben“. Dem könnte man nachgehen (bei wem denn bitte?), wir bleiben aber bei dem Wortlaut und sinnen ihm ein wenig nach, wir könnten auch sagen: bewegen ihn in unserem Herzen. Leben, weben und sein – ach, wer das doch könnte in schöner geschlossener und in sich vielfältiger Dreieinigkeit! Wir aber, die sumpfzwieselig durchs Leben Watenden, stöhnen mit Goethe: In der Lage in der ich mich befinde, habe ich mir zugeschworen an nichts mehr Theil zu nehmen als an dem was ich so in meiner Gewalt habe..denn leider..lösen einem die Menschen gewöhnlich wieder auf was man mit großer Sorgfalt gewoben hat! Zwar halten die Täschlein und Decklein, die selbst-gewobenen, erstaunlich gut, aber so vieles andere zerfällt, löst sich auf, wird wieder zu irrenden Einzelfäden (ja, das Alter. Ja, die Krankheit. Ja, ja, ja…). Gott aber, oder, wie Goethe so viel lieber zu sagen pflegt: die Natur (es ist aber das Gleiche), lebt, webt und ist. Faust erkennt das angesichts des Mikrokosmos: Wie alles sich zum Ganzen webt,/Eins in dem andern wirkt und lebt!/Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen/Und sich die goldnen Eimer reichen! Na gut, die goldenen Eimer wirken ein wenig lächerlich, und die Kommentatoren streiten sich, ob sie das sollen (man kann sich auch hochsymbolisch und mystisch und poetologisch lesen und die Himmelsleiter dazu denken oder die Sonnengefäße oder was auch immer, und wie immer kann man am besten beides). Aber der Punkt ist klar: Die Natur ist dasjenige, in dem alles ineinander wirkt, und nicht so menschlich-watend nacheinander, im Gänse- oder Storchenschritt der starrsinnig-linearen Kausalität. Nein, immer zwei Bewegungen, hin und her, wie das Weberschiffchen, auf und nieder, wie die goldenen Eimer; und nicht ist eines besser und eines schlechter, wie die immer parteiischen Menschen meinen (Auf ist besser als Nieder; Links ist besser als Rechts; oder war es umgekehrt?): Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur; dieß ist die ewige Systole und Diastole..das Ein und Ausathmen der Welt, in der wir leben, weben und sind. Sogar wir, die armseligen Menschlein, haben Teil an diesem großen leben und weben, weben und wirken, regen und weben; aber nur, wenn wir uns auch regen und wenn wir wirken wollen und wenn wir dadurch erst im Vollsinn: LEBEN! (selbst das Lebenlassen erfordert ein Wirken und nicht nur ein Dulden; eins durch das andere).
Aber genug des Pathos, denn weben kann auch ziemlich lustig sein. Natürlich sieht das dann eher Mephisto, das dunkle Gegen-Seiten-Neben-Stück von Faust (sie sind aus dem gleichen Gewebe, das eine ist die Vorderseite, der andere die Rückseite, sozusagen), und das Zitat ist so schön, dass die Redaktorin es gleich in ihre Philosophie-Schelte-Sammlung aufnehmen möchte: Zwar ist’s mit der Gedanken-Fabrik/Wie mit einem Weber-Meisterstück.. Der Philosoph tritt herein/Und beweis’t euch, es müßt‘ so sein.. Das preisen die Schüler aller Orten,/Sind aber keine Webermeister geworden. Jaja, das Nachplappern hat noch nie einen ordentlichen Teppich gemacht, und schon gar kein Meisterstück; und Angestellte in der öffentlichen Gedanken-Fabrik, auch gelegentlich: Universität genannt, werden nicht für ihre Meisterschaft im Denken bezahlt, sondern – naja, eher für ihr wesen denn für ihr weben (natürlich das eine ohne das andere verstanden). Gedanken-Fabriken sind gar nicht so selten; der Meister hat noch ein zweites Beispiel, diesmal geht es um die französische Encyclopedie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et de métiers, das große Glanzstückchen der Aufklärung, das einer ganzen Sparte von industriellen und industriösen Meisterdenkern der Zeit seinen Namen gegeben hat, den Enzyklopädisten nämlich. Dem Meister hingegen, wenn er eine Seite es „ungeheuren Werks“ aufschlägt, ist es „zumute, als wenn man zwischen den unzähligen bewegten Spulen und Webstühlen einer großen Fabrik hingeht, und vor lauter Schnarren und Rasseln… in Betrachtung dessen, was alles dazu gehört, um ein Stück Tuch zu fertigen, sich den eigenen Rock selbst verleidet fühlt“. Das muss man sich auch ein wenig auf der Zunge und in den Ohren zergehen lassen, wie hier auf einen Schlag die Meisterdenker, ihr werkstattmäßiges Schaffen und, ganz unter der Hand, die Verfremdung des Menschen von seinen eigenen Gedanken und Wörter verwoben werden! Den eigenen Rock verleidet, ja, das kann einem gelegentlich passieren beim Selbstdenken, wenn man zu sehr ins Geläufige gerät. Denn der sausende Webstuhl der Zeit, mit dem der Geist der Gottheit lebendiges Kleid gewebt hat und webt und weiter weben wird – er saust uns um die Ohren, so wie dem armen Zauberlehrling sein Besen, der auch immer weiter hin und her wischt, hin und her und hinauf und hinab, und heute ist es die AI, die große Sprach-Maschine, auch genannt: ChatGPT (konnte denn kein Wavel kommen und ihr einen schöneren Namen geben?), die uns um die Ohren saust, sie weben, sie weben, sie weben, die Chatbots,/das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht, /Wir weben emsig Tag und Nacht - / Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch, /Wir weben hinein den dreifachen Fluch, Wir weben, wir weben! – nein, Entschuldigung, das war natürlich der eher mephistophelisch angehauchte Heine, aber die Redaktorin könnte ja wetten, dass dieser Meister durchaus die Worte unseres Meisters dabei im Ohre hatte? Wie auch immer, eines geht noch. Im Blick also auf den Codex Juris Zivilis, schreibt der noch sehr junge und sehr freche Goethe, kaum den Klauen des akademischen Rechtswesens entronnen: Nicht wegen des Ursprungs des römischen Gesetzbuchs; sondern, weil man nirgend so deutlich siehet, wie viele krumme Wege der menschliche Geist gehet, ehe er seine anererbte sinnliche Begriffe bis auf einen gewissen Grad verfeinert; und wie schwer es ihm ist, den rechten Grad der Verfeinerung zu treffen, wenn er einmal im Gang ist, zu raffiniren. Was der rohe und starke alte Römer zu einer Zeit, da jeder Zweck seiner Handlung sinnlich war, erfand und festsetzte; wie haben das nachher die Prudentes, die Prätoren, und Redner durch Fictionen und Erklärungen ausspinnen müssen, bis ein solche Gewebe zu stand kam, wie das Römische Gesetzbuch ist? Und was für eine mikrologischen Seele muß der Herr der halben Welt und seine Räthe gehabt haben; als sie sich zum Webstuhl setzten, und aus solchen Fäden ein Band verfertigen wollten, das so viele Nationen zusammen halten sollte? --- --- Verdiente dieser in die Augen fallender Gedanke keine Rücksicht? und wäre es nicht besser gewesen, ihm nachzuhängen, - hier unterbrechen wir den Jung-Meister, der sehr schön und korrekt referiert hat, was ihn sein Studium über die Entstehung des Codex gelehrt hat (was uns Nicht-Juristen dann, der Gedanken-Fabrik sei Dank, Wikipedia erläutert, aber das möge jede selbst nachlesen), denn wir wollen wenigstens kurz dem einen oder anderen Begriff nachsinnen, den er uns hingeschleudert hat wie man einen hungrigen Hund mit Fleischbrocken ködert (nee, der Redaktorin ist kein vegetarischer Vergleich beigefallen, sie muss außerdem gleich das Abendessen kochen): „Angeerbte sinnliche Begriffe“; "mikrologische Seele“, die Dreiheit von Prudentes, Prätores und Rednern (warum eigentlich nicht das klanglich doch näherliegende Rhetores?), da verblasst sogar der hinterher hinkende Webstuhl für einen Moment in seinem Wortwert. Aber er ist trotzdem auch eine schöne Metapher für die Fallstricke des Gesetzes, seine intrikaten Verflechtungen, seine bestrickende Genauigkeit und seine mechanische Gleichheit. Doch, doch, das passt schon. Lieber aber mögen wir das Gewebe der Natur.
Als letztes ein Ausflug in die Geschlechter-Topologie. Denn es gibt den Weber und die Weberin, und das ist gar nicht das Gleiche in Pink. Denn Weberinnen werden, ebenso wie die Spinnerinnen, gern für die Anmut ihrer Haltung und die Zierlichkeit ihrer Bewegungen gelobt, es gibt sogar Lieder darüber im volkstümlichen Liedgut; von „hübschen und zierlichen“ männlichen Webern hingegen ist niemals die Rede, und das Lied vom liebreizenden Webersmann hat auch noch keinen Grand Prix gewonnen. Nein, wenn Frauen hübsch aussehen beim Schaffen, sind wir sogar für weibliche Berufstätigkeit (na gut, Lehrerinnen vielleicht eher nicht. Trotzdem)! Der Webersmann hingegen wird recht gern als Meister gedacht. Aber das einschlägige Zitat dafür ist irgendwie trotzdem geschlechter-gerecht, auf einer höheren Ebene nämlich: So schauet mit bescheidnem Blick/Der ewigen Weberin Meisterstück,/Wie ein Tritt tausend Fäden regt,/Die Schifflein hinüber herüber schießen,/Die Fäden sich begegnend fließen/Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt!/Das hat sie nicht zusammen gebettelt,/Sie hat’s von Ewigkeit angezettelt;/Damit der ewige Meistermann/Getrost den Einschlag werfen kann. Da sind nicht nur eine Menge lustige Weber-Wörter versteckt, sondern auch ein paar originelle Reimpaare (schießen-fließen; betteln-zetteln) und einige rhetorische Meisterstückchen (der schlagende Schlag); ein wenig altertümliche Wortgeschichte obendrein (das betteln kommt vom bitten, und Goethe verwendet es gern auch für eine bestimmte Art künstlerische Nachahmung im nicht-wertschätzenden Sinne), und schließlich: jede Menge Geschlechterdynamik! Sieht man nicht geradezu den „ewigen Meistermann“, wie er zum Wurf ausholt? Die ewige Meisterin ist ihm aber schon zuvorgekommen. Wer war zuerst dazu, der Zettel oder der Einschlag?
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Irradation. Zuerst denkt man, es sei ein Schreibfehler. „Sie wissen, daß ich nie etwas als durch Irradiation lerne“ (Brief an Frau von Stein) – interessanter Satz, zumal wenn man gerade über ‚Aufklärung‘ nachdenkt, wahrscheinlich meint der Meister halt „Irritation“, und es ist ja tatsächlich so, dass frau erst einmal ins Stutzen kommen muss, bevor sie mit dem Nachdenken an… – äh, genau, da steht ja gar nicht „Irritation“, da steht „Irradiation“, ein Wort, das die Redaktorin definitiv noch nie gehört oder gelesen hat! Wird wohl irgendwas mit Strahlen zu tun haben, denkt frau immer noch ganz bauchmäßig, und die anschließende google-Suche gestaltet sich auch reichlich anstrengend, weil „irradiation“ das englische Wort für „Bestrahlung“ in medizinischen Zusammenhängen ist, und das will die Redaktorin nun wirklich nicht wissen (danke, das war vor zwei Jahren, wir waren dabei). Aber so nach und nach stößt sie auf gleich zwei fachliche Bedeutungen, und das ist nun wieder, zumal im Blick auf den Satz, verwirrend. Zum einen gibt es eine medizinisch-physiologische Bedeutung, sie hat (nee, schon wieder falsches Thema!) damit zu tun, dass ein Schmerz von einer Stelle ziemlich weit innen im Körper in äußere Körperregionen „ausstrahlt“; womit wir die Wortbedeutung hätten und eine schöne Körper-Metapher nebenbei auch noch. Die zweite Bedeutung ist komplizierter. Es geht um das Sehen, genauer um eine bekannte optische Täuschung (die einen wirklich zum Wahnsinn bringen kann, wenn man es ausprobiert): Wenn man ein kleines weißes Quadrat auf schwarzem Untergrund sieht, erscheint es größer, als wenn man das definitiv genau gleich große Quadrat in schwarz auf weißem Untergrund sieht. Das Phänomen ist, so Wikipedia, schon in der Antike beschrieben; von da an geistern die unterschiedlichsten Erklärungen durch die Geschichte, und einige von ihnen schreiben es eben einer höheren „Ausstrahlung“ des weißen Gebildes als des schwarzen zu. Die korrekte Ursache hat erst Helmholtz entdeckt, und das ist ganz eindeutig nach Goethe; Goethe selbst hat es natürlich auch in der eigenen Farbenlehre beschrieben, aber das ist ganz eindeutig nach dem Brief an Christiane von Stein.
Nun steht die Redaktorin da. Zwei schöne Phänomene, die Goethe sicherlich beide faszinieren, und die er wahrscheinlich sogar schon zum Zeitpunkt des Briefes kannte; und sie strahlen auf eine durchaus unterschiedliche Art eine übertragene Bedeutung aus, und beide sind nicht ganz einfach übertragbar. Beginnen wir mit dem ersten, das scheint einfacher. Wenn man nur durch Irradiation im physiologischen Sinne lernt, dann muss einen eine Wahrnehmung, eine Anschauung, ein Phänomen – erst einmal irgendwo im Inneren treffen, bevor man es dann genauer betrachtet und auf seine Ausstrahllungen, Wirkungen und weiteren Konsequenzen hin nach außen weiterverfolgt. Klingt irgendwie schön romantisch, zumal man dann Goethe unterschieben kann, dass die Geliebte ihn auf diese Weise irradiadiert? – nein, geht nicht, also: mitten ins Herz getroffen hat, und dass nun seine Liebe sich über seinen ganzen Körper ausgebreitet hat. Klingt aber etwas an den Haaren herbeigezogen, die ja ziemlich äußerlich sind (wenn sie mit dem Gehirn verbunden wären, wäre das was anderes); also gut, dann nehmen wir jetzt doch den Kontext dazu, die Redaktorin hat ihn bisher unterschlagen, um den Kernsatz allein ordentlich strahlen zu lassen. Der Nebensatz aber lautet, angeschlossen mit einem Komma, und insofern wohl als Erläuterung zu lesen: „daß nur die Natur und die größten Meister mir etwas begreiflich machen können, und daß im halben oder einzelnen etwas zu fassen mir ganz unmöglich ist“. Irradiation muss also auch dazu führen, dass eine Sache ganzheitlich erfasst wird; und das funktioniert für den Meister nur dann, wenn das auslösende Phänomen (wir könnten auch sagen: der „Gegenstand“, denn, dazu kommen wir demnächst, der Meister denkt ja bekanntlich „gegenständlich“) von extrem hoher anschaulicher Qualität wie hoher organischer Verknüpftheit ist – also ein bedeutendes Kunstwerk oder die Natur als die perfekte Schöpferin perfekter Gegenstände schlechthin. Vielleicht meint Irradiation also eher: Dass für Goethe ein wahres Begreifen nur vom inneren Kern des Gegenstandes aus möglich ist, nicht von seinen Rändern her, nicht von schlechten Beispielen, nicht von gesonderten einzelnen Aspekten? Das wäre nicht schön für unsere Schulen. Oder unsere Universitäten. Ach, es wäre überhaupt nicht schön auch für die meisten von uns, die im Alltag eher wenig qualitativ hochwertige Irradiation von bedeutungsvollen Gegenständen erfahren, sondern eher irritiert werden von allerlei Trivialitäten und Neben-Sächlichkeiten. Aber dafür sind wir auch nicht Goethe, gell?
Na gut, zweiter Versuch. Wie lässt sich – falls überhaupt – die Geschichte mit der optischen Täuschung auf das Begreifen von Gegenständen übertragen? Vielleicht sogar leichter. Denn die „Natur und die größten Meister“ sind natürlich leuchtende Beispiele; und ihre Wirkungen überstrahlt einen häufig sehr dunklen Untergrund. Andererseits bekommt man, bei allem Willen zur Goethe’schen Komplementarität, das Bild nicht so recht umgekehrt: Denn man kann ja nicht den gleichen Gegenstand – die Werke der Natur und der größten Meister – nun als dunkel vorstellen, wo doch das Leuchten zu ihrem Wesen gehört? Nein, je mehr die Redaktorin über diese Bildbedeutung nachdenkt, desto weniger ist sie davon überzeugt, dass der Meister – Farbenlehre hin oder her – hier an eine optische Kuriosität gedacht hat. Wahrscheinlich ist das Ausstrahlen doch eher ein physiologisches?
Zum Glück gibt der Brief, aus dem das Zitat stammt, noch ein Exempel mit, das bisher auch verschwiegen wurde. Es ist nämlich ein recht hübscher Reisebrief. Goethe ist zu Besuch auf Schloss Neunheiligen im Thüringischen, bei einer für ihren Charme und ihre Schönheit berühmten Gräfin und ihrem demgegenüber etwas barbarisch anmutenden Gatten, die beide dem Weimarer Hof verbunden sind. Und man muss sich das Schloss wohl etwas düster vorstellen, denn Goethe berichtet, wie er die Ratten beobachtet, die durch seine Gemächer flitzen (Mehrzahl, definitiv!), und auf welche aparte Art sie ihre Schwänze tragen. Und dann erzählt er der verehrten Frau (die auf den überlieferten Bildern ziemlich spitz daherschaut) ganz stolz davon, wie er sie tatsächlich seziert, um aus dem Inneren das Äußere, aus der Organisation die Erscheinung zu erkennen. „Ich erstaune, wie das Plumpste so fein, und das feinste so plump zusammenhängt“. Irradiation, langsam wird uns klarer: Man muss notfalls auch das Seziermesser benutzen, um ins Innerste des Phänomens vorzudringen; aber dann kann man sehen, wie Inneres und Äußeres wahrhaft zusammenhängen (ganz wörtlich: Sehnen, Fleisch, Muskeln, Nerven). Und dabei erfährt der sezierende Beobachter und Selbstaufklärer auch eine Wirkung auf sich selbst: „So still bin ich lang nicht gewesen, und wenn das Auge Licht ist, wird der ganze Körper licht sein et vice versa“. Damit sind wir auf einem Umweg nun doch wieder bei der Farbenlehre angekommen, sieh an, die Dinge hängen halt zusammen! „Wär nicht das Auge sonnenhaft“, genau so! Und das Betrachten selbst erstreckt sich dann vom Auge aus (das wir uns an dieser Stelle wohl mit dem Gehirn direkt verbunden vorstellen dürfen) aus über den ganzen Körper und macht ihn „licht“. Wenn das nicht „Irradiation“ ist!
Es gibt im Übrigen dann sogar noch ein zweites Exempel. Goethe beschreibt nämlich, nachdem er die Irradiations-Metapher eingeführt hat, wie die Gestalt der Gräfin und ihr Verhalten ihm Aufschluss über einige Begriffe gegeben habe, die für ihn bisher im durchaus Kantischen Sinne „leere Begriffe“– also Worthülsen ohne Anschauung – waren: nämlich diejenigen von „Welt“ und „großer Welt“ in Bezug auf das menschliche Sozialverhalten und damit einen Hauptteil in der „Kunst des Lebens“. Die Beschreibung ist nicht viel ausführlicher als die der Ratten, aber Goethe will der Briefpartnerin vor allem ankündigen, welch reichen Gesprächsstoff er für sie mitbringt – was eine wesentliche Beziehungsgrundlage ist und, richtig betrachtet, auch eine ausstrahlende Erkenntnis über dieses insgesamt gar nicht so komplizierte Verhältnis mit sich bringt. Die Kürze deshalb, weil Goethe zu diesem Zeitpunkt, sollte man es glauben, einen „natürlichen Widerwillen gegen das Schreiben“ hat (durchaus auch mechanisch zu verstehen; das Problem sollte bald durch den Sekretär gelöst werden); das heißt aber nicht, dass er eine poetische Verwendung ausschließt (die Gräfin schafft es nach allgemeiner Ansicht als Figur in die Lehrjahre, die Ratten schaffen es – zum Glück nicht): Er könne nämlich auf jeden Fall sagen, dass dieser neue Gegenstand ihm seine „dramatische und epische Vorratskammer um ein Gutes reicher“ mache (das Bild kommt wahrscheinlich, so funktioniert priming, direkt noch von den Ratten her). Und deshalb ist er sich zu guter Letzt gar sicher: „Ich kann nicht verderben, da ich auch aus Steinen und Erde Brot machen kann“. Wohl bekomm’s, ist man geneigt zu sagen; aber solch ein Goethe’sches Steine-und-Erde-Brot ist immer noch so viel besser als aufgeblasenes romantisches Weißbrot, dass man gern vorliebnimmt. Was es mit der „Irradiation“ dann für die Aufklärung auf sich hat, dazu siehe im Folgenden:
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Nun ist Aufklärung eines der am meisten missbrauchten Wörter der Geistesgeschichte (die Redaktorin übertreibt nur leicht). Was wurde nicht alles im Geist der Aufklärung gerechtfertigt (nein, keine Beispiele, die sind auch nur leicht-fertig)! Um den Buchstaben scherte man sich weniger. Goethe jedoch, der Meister des Wörtlich- und Buchstäblichnehmens (weil er die Sprache liebt, und nicht nur ihr Kleid), nimmt Aufklärung natürlich wörtlich, was denn sonst! Aufklärung ist, wenn sich der Himmel aufklärt, nach langen Tagen der Trübheit und des Trübsinns (wir werden auf diese Doppelung zurückkommen), wenn ein Sonnenstrahl hervortritt und alles auf einmal in einem neuen Licht erscheinen lässt. Das blendet die Augen natürlich, weshalb völlige Erhellung nicht nur den Augen selbst schädlich ist, sondern dem Verstand ebenso; sie führt zur Verblendung, nämlich derjenigen Überzeugung, vollständiges Wissen sei möglich, rückhaltlose Aufklärung, grenzenlose Transparenz, und am Ende: vollendete, wasserklare, gegen jede Kritik wie jeden Aberglauben abgedichtete, kristalline Wahrheit sei machbar! Ach ja. Die Redaktorin glaubt noch nicht einmal, dass das eine gute Idee wäre, selbst wenn sie nicht so absolut lebensfeindlich wäre. So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!, das sagt der wiedererwachte und klüger gewordene zweite Faust; und selten war ein Wort so wahr. Denn der Mensch selbst, er ist das Trübe, das niemals ganz sich selbst oder anderen durchsichtige Element in der Mitte; er ist der, durch den das Licht fällt (Gott, die Natur, es ist das gleiche und nur ein Wort); und er ist, mit der Farbenlehre gesprochen, der, durch den die Finsternis fällt (der Teufel, der absolute Geist, es ist das gleiche und nur ein Wort). Trüb, natürlich hat man das nicht so gern heutzutage; aber zwischen all den Schwarz-Weiß-Denkern der reinen Aufklärung kann man sich dort auch ganz wohlfühlen, heiter geradezu.
Denn das ist es, was die Aufklärung (die wörtliche, des Himmels oder auch das Gemüts; es ist nur ein Wort), eigentlich bewirken sollte: Heiterkeit, verstanden wörtlich und bildlich, äußerlich und innerlich; diejenige Heiterkeit, die allen den Geist frei macht und die Seele leicht und das Auge beweglich und auffassungsfreudig. Goethe zitiert sehr übereinstimmend Shaftesbury, der meinte, dass man dasjenige – und nur das! –, was man mit Heiterkeit ansehe, recht sehe. Das kann man gar nicht genau erklären, man kann es nur umschreiben mit heiteren Worten: mit der schon zitierten Freiheit – denn der Heitere hat sich befreit von der Erdenschwere ebenso wie der Last des Meinens und Rechthabenwollens; es kommt ihm nicht so darauf an; mit Klarheit, die auch in der Aufklärung lebt, etwas versteckt; denn der Heitere lebt im Hellen, aber eben nicht: in der Blendung. Eine solche Heiterkeit, innerlich und äußerlich, pflanzt sich fort; sie ist der aufgelockerte und fröhliche Boden, auf dem Kultur und Erziehung wachsen – der Meister schreibt über eine neue Bürgerschule in Wien, die Kinder, die in solch aufgehellten Sälen den Unterricht empfingen, seien „schon auf der Stelle aller düstern Dummheit entrückt“. Soll die Redaktorin noch einmal Wechselwirkung erklären? Wer heiter ist, heitert seine Umgebung auf; eine aufgeheiterte Umgebung erzeugt heitere Gemüter. Klarheit breitet sich aus, in beide Richtungen; Freiheit des Denkens wie des Fühlens. Deren Resultat – oder deren Voraussetzung? – ist die nicht genug wertzuschätzende Gleich-Gültigkeit, die Goethe für seine spezifische Form der Kritik in Anspruch nimmt: Sie sei von der gleichen Art, „wie das Tageslicht ausübt, indem es die Gegenstände aller Art mit einer heitern Gleichgültigkeit beleuchtet“. Aufklärung ist angewandte Farbenlehre; ist Gemütserheiterung und Unbefangenheit, ist Verbreitung von sanftem Licht in der allgemeinen Trübheit des menschlichen Daseins, von einer einzigen schwachen Stelle aus, nämlich: dem Selbst.
Und damit kommen wir zum zweiten Punkt, der für die Goethe’sche Aufklärung (die Redaktorin nennt sie gern: „gegenständlich“, im Gegensatz zu: abstrakt, theoretisch, abgezogen, begrifflich, rein-vernünftig) markant ist, nämlich: Jeder kann nur sich selbst aufklären; genauer gesagt heißt es: „denn am Ende kann doch nur ein jeder in seinem eigenen Sinne aufgeklärt werden“. Am Ende jedoch trifft sich Goethe hier mit dem „Alten von Königsberg“, in dem er bei aller Fremdheit und Andersheit einen verwandten Geist und eine vergleichbare Größe entdeckt hatte: Aufklärung ist Selbstdenken. Alle die, die so gern alle Welt aufklären wollen, am besten durch das Ersetzen von schädlichen Vorurteilen durch – naja, offiziell abgesegnete, korrekte, fortschrittliche Vorurteile – alle Aufklärungsprediger spielen falsch. Sie wollen bekehren, nicht emanzipieren; überzeugen, nicht erkennen lassen; Recht haben und nicht diskutieren. Ach, Lessing, der einzige, ewige Lessing, auch einer, den Goethe erkannt und anerkannt hat: Wenn Gott in seiner rechten Hand die ewige Wahrheit hätte, und in der linken allein den „Trieb nach Wahrheit“, verbunden mit einem ebenso ewigen Irrtumsrisiko – natürlich gibt es nur eine Wahl für den Selbstaufklärer, nämlich: die linke Hand Gottes!
Nun gut, das ist jetzt genug gepredigt, zurück zu Goethe, dem Erfinder und Praktikanten der „gegenständlichen“ Aufklärung. Der Mensch nämlich klärt sich auf, über sich und über die Welt, im ständigen, intensiven, aufmerksamen und – ja, genau: heiteren, unbefangenen, offenen Umgang mit den Gegenständen (er selbst, sein eigenes Inneres ist auch nur ein Gegenstand unter anderen; so viel Demut muss sein!). Dafür nun gibt es selbstverständlich keine ausgebaute Theorie – wie kläre ich mich selbst auf in zehn Schritten? – obwohl, das ginge sogar, denn bekanntlich spricht der Meister gern in Maximen (die man, wohlverstanden, nicht auswendig lernen, sondern in der persönlichen Anwendung erschließen muss!): Also, erstens: Beim Beobachten der Gegenständen so viel als möglich sich auf die Gegenstände konzentrieren, beim Denken über die Beobachtungen dann so viel als möglich sich seiner selbst – als denkendes Wesen und als spezifische Person – bewusst sein! So gehen Objektivität und Subjektivität, Anschauung und Reflexion, Praxis und Theorie (und ja, normalerweise gehen die Begriffspaare immer anders herum zusammen, das hier ist Absicht und heiteres Spiel mit Ernstem) schön zusammen, fließen ineinander, bestärken sich gegenseitig, erhellen sich, schrittweise, und am Ende: steigern sie sich. Oder, wie es Goethe als Morphologe auch sagt: „Jeder Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf“. Wörtlich nehmen! Der Mensch hat unendlich viele potentielle Organe – Werkzeuge des Anschauens und Erkennens, die keimhaft in ihm schlummern und durch bestimmte Wechselwirkungen mit der Außenwelt erweckt werden und dann hervorschießen, Blüten und Blätter treiben und insgesamt: den Gesamtorganismus befruchten.
Na gut, das war keine Maxime, sondern eher wieder eine Predigt; deshalb zurück zum Merksatz. Zweitens also: Besondere Vorsicht ist geboten bei dem Übergang von der Anschauung zur Reflexion, von der Praxis zur Theorie, siehe oben: Er ist zwar unbedingt nötig und sollte möglichst organisch sein, ist aber in der Realität ein Pass zwischen zwei Abgründen, „wo dem Menschen all seine inneren Feinde auflauern, Einbildungskraft, die ihn schon da mit ihren Fittigen in die Höhe hebt, wenn er nicht immer den Erdboden zu berühren glaubt, Ungeduld, Vorschnelligkeit, Selbstzufriedenheit, Steifheit, Gedankenform, vorgefaßte Meinung, Bequemlichkeit, Leichtsinn, Veränderlichkeit und wie die ganze Schar mit ihrem Gefolge heißen mag“. Das musste jetzt zur Gänze zitiert werden, weil es so wunderbar klug und immer noch wahr ist: Die ganze Schar lebt unter uns, sie ist sogar immer noch weiter gediehen mit der Beschleunigungsverdichtung der Moderne, mit ihrer Voreingenommenheit der eigenen Vorzüglichkeit gegenüber allen historischen Irrtümern, ihrem inneren und äußeren Philistertum und ihrer, durchaus: Steifheit im Denken (Bequemlichkeit sowieso, das ist zeitlos). Aufklärung scheitert oft gar nicht an der mangelnden Befähigung oder einer Schwachheit im Geiste oder genereller Denkfaulheit (daran scheitert sie natürlich auch); sie scheitert genauso oft und vielleicht noch häufiger an den Überheblichkeiten von Wissenschaft und Intellektuellentum, an der modernen Vorliebe für das Originelle, Outrierte, Ambitionierte, Noch-Nie-Da-Gewesene. Gedanken, die nicht organisch gewachsen sind, schießen in ein blasses Gestrüpp empor; bilden Luftwurzeln und Phantomblüten. Womit wir vom Maximenhaften wieder ins Bildliche geraten sind, aber das ist der Redaktorin so eigen; ob es wahrhaft organisch ist ----?
Zum Abschluss deshalb noch eine Abschweifung zu einer beinahe schon systematisch zu nennenden Überlegung, nicht in Bezug auf die Aufklärung, sondern auf die Wissenschaft; sie wird aber eingeführt unter dem allgemeinen Problemtitel „Verhältnis von Wissen und Reflexion“. Das Paradigma für ein einzig fruchtbares, organisches Verhältnis beider in der Wissenschaft, um uns modern-abstrakt auszudrücken, ist die Kunst: Sie nämlich organisiert Ganzheit, indem sie im individuellen Kunstwerk immer zugleich das Einzelne und das Allgemeine enthält (nachzulesen bei Schiller in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen, die genau deshalb eine solche Erziehung ist: Aufklärung nach dem Paradigma der – wohlverstandenen, nicht romantisch-modernen! – Kunst). Also, in jedem einzelnen wissenschaftlich behandelten Gegenstand müsste das Ganze der Wissenschaft zur Anschauung kommen. Und das geht nun, jetzt müssen wir wieder ein wenig ausgiebiger zitieren, so: „Um aber einer solchen Forderung sich zu nähern, so müßte man keine der menschlichen Kräfte bei wissenschaftlicher Thätigkeit ausschließen. Die Abgründe der Ahndung, ein sicheres Anschauen der Gegenwart, mathematische Tiefe, physische Genauigkeit, Höhe der Vernunft, Schärfe des Verstandes, bewegliche sehnsuchtsvolle Phantasie, liebevolle Freude am Sinnlichen, nichts kann entbehrt werden zum lebhaften fruchtbaren Ergreifen des Augenblicks, wodurch ganz allein ein Kunstwerk, von welchem Gehalt es auch sei, entstehen kann.“ Wer fühlt sich dem gewachsen, ganz, wer hat so viele wohlausgebildete und in so verschiedenen – sagen wir ruhig: Kompetenzen –, besser aber: ausdifferenzierte Organe? Die Abgründe der Ahnung, die Redaktorin kann das peer review schon förmlich riechen und seine indignierte Ablehnung (sie hat in letzter Zeit Erfahrungen damit sammeln können, das kommt davon, wenn man sich zu sehr vom Meister imprägnieren lässt). Und an einer anderen Stelle, wir lassen das ausführliche Zitat jetzt weg, spricht er sogar davon, dass das Theoretisieren, das auf das aufmerksame Anschauen der Welt notwendig folgt, „um uns eines gewagten Wortes zu bedienen, mit Ironie zu tun und vorzunehmen“ sei – Ironie!!! Wahrlich gewagt. Ein weites Wort. Umgeben wir es, um am Ende mit einem schönen organischen Kreis zu schließen, mit Heiterkeit. Gleich-gültigkeit. Aufklärung, Selbstaufklärung, ja, so weit wie möglich, so klar wie möglich, so fruchtbar und lebensweltlich wirksam wie möglich; aber immer im Bewusstsein der ontologischen und uneinholbaren Trübheit allen menschlichen Seins.
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Und mit einem Sprung hinzu Zügeln, Zäune und Zedern. Goethe war ja auch mal jung, und er blieb es sogar ziemlich lang. Da ist er auch geklettert, beispielsweise über Zäune; es hatte irgendeinen Sachgrund, er berichtet ihn Charlotte von Stein, man sieht richtig, wie sie die hohe streng-schöne Stirn runzelt beim Lesen und doch ein wenig schmunzelt; er ist also in „viel Fährlichkeit“ gekommen, musste über Tor und Zäune steigen, und kam dabei „so in Geschmack des Kletterns“, dass er beinahe noch einige „willkürliche Gefahren“ spaßeshalber eingegangen wäre; aber dann hat er an Charlotte gedacht und hat sich gezügelt. Man zügelt sich nämlich, und nicht nur Pferde (die auch); man hat, je älter man wird, immer mehr Übung darin, man weiß auch am besten, „wo im eigenen Stall die Zügel hängen“ (dies an die Herren Kritiker, die sogar meinen, das besser zu wissen!); und man hat gelernt, wann man sich so weit zügeln muss, dass der Zaun der Zähne geschlossen bleibt und nichts rauslässt, was hinterher nur noch schlecht im Zaum gehalten werden könnte. Am schlimmsten aber sind die alten Herren mit ihren „Onkelsmanieren“; sie können nämlich ihre Hände nicht im Zaum halten und verlangen „bei widerwärtigem Tätscheln sogar einen Kuß“! Manches ändert sich nie, so sehr sich die Zeiten auch ändern mögen; Onkelsmanieren bleiben. Es ist ja auch nicht so, dass man nun jeden Trieb zügeln muss, der sich einschleicht, und sei es der zum Zäuneklettern; nein, der Trick des nie genug zu preisenden Maßhaltens ist natürlich, sich widersprechende Triebe gegenseitig zügeln zu lassen, auf das das Eine das Andere im Zaum hält und beide vielleicht sogar irgendwann, freundlich vereinigt, im gleichen Geschirr gehen und nicht die Zügel schießen lassen.
Wir aber kommen zurück von den Zügeln zu den Zäunen, uns fehlte gerade ein eleganter Übergang, die Redaktorin hätte einen vom Zaun brechen können, sie beließ es aber bei dem lebendigen Zaun, der bunt gemischten Hecke nämlich, in der vielerlei neben- und durcheinander wächst, wenn man sie nicht mit der Heckenschere bricht (ja, machen wir auch; aber natürlich erst, wenn der Zaunkönig ausgezogen ist, der so heißt, das hat die Redaktorin gerade eine andere Quelle belehrt, weil er bei aller Kleinheit und dem winzigsten Federgewicht so gravitätisch auftritt wie ein König und so herrschermäßig daherschmettert; früher hieß er auch mal „Schneekönig“, aber seitdem es mit dem Schnee so eine Sache ist, freuen wir uns wie der Schneekönig nur dann, wenn ganz selten einmal Schnee ist, wie zufällig gerade eben in den letzten Tagen; Ende des Vogel-Exkurses im Geist des lebendigen Zaunes!). Der Meister bricht gern, wie er zugibt, Gelegenheiten vom Zaun, natürlich für Liebes-Angelegenheiten; gerade die junge Verliebtheit lebt ja davon, dass man jede Gelegenheit vom Zaun bricht, später dann baut man Bürgerzäune, um sein kleines Gut zu umzäunen, und weiß, wovon man spricht, wenn man sagt: Beizeiten auf die Zäune, so trocknen die Windeln! War mal eine Redewendung, ante Pampers sozusagen. Man versteht es aber auch so.
Im Libanon, um noch einmal einen Übergang vom Zaun zu brechen, trocknet man die Windeln vielleicht auf der seit der Bibel berühmten Libanonzeder, dem alles überragenden immergrünen Nadelbaum, der so gut die Dürre verträgt und die Sonne braucht und vielleicht künftig sogar in Deutschland heimisch werden wird! Alt wird er auch, und widerstandsfähig gegen Schädlinge ist er, dieser Idealbaum, diese Königin der Bäume. Und ein interessanter Bildspender, nicht nur im Alten Testament, nein; auch der junge Goethe schreibt in einem Gedicht die Verse: Glüh entgegen / Phöb Apollen: / Kalt wird sonst / sein Fürstenblick / über dich vorübergleiten, / Neidgetroffen / auf der Zeder Kraft verweilen, / die zu grünen sein nicht harrt. Das ist nicht ganz einfach zu verstehen, und die Redaktorin hat ein wenig denken und recherchieren müssen, aber zufällig ist das genau das, was sie am liebsten tut; und deshalb kann sie nun sagen, mit einigem Anspruch auf sachgemäße und intentionale Richtigkeit: Geraten wird hier dem Wanderer in der Sturmnacht (der natürlich ein wenig Goethe ist und ein wenig nicht, wie immer), er möge nach innerer Wärme, nach dichterischer Glut, nach himmlischem Enthusiasmus streben für sein Schaffen; denn wenn er nicht, selbst sonnenhaft, dem Dichtergott und olympischen Fürsten Apoll entgegenglüht, wird der, mit kaltem, nicht entzündeten Blick über den schwachen Dichter hinweggleiten; soweit noch ganz nachvollziehbar und im dichterischen Rahmen des allgemein schon häufiger Gedachten. Dann aber, dann kommt der eigentliche Gag, und es ist der göttliche Übermut des jungen Prometheus, der nun spricht: Denn es gibt Dinge sub lunaris, die brauchen keinen Gott um zu grünen, zu blühen, zu wachsen und zu gedeihen; sie tun das alles aus eigener Kraft, aus eigener natürlicher Schaffenskraft, und das – macht den olympischen Fürsten klein und neidisch. Die majestätische Zeder, die zu grünen sein nicht harrt – ist das nicht wahrhaft zügellos gedacht, geradewegs über alle Zäune geklettert, die Göttliches und Menschliches scheiden, aus Lust am fährlichen Zäunesteigen und den Zügelschweifenlassen? Anschließend wird übrigens Jupiter Pluvius angerufen, und er wird gebeten, er möge es nur ordentlich herabregnen lassen über den Wanderer in der Sturmnacht! Andererseits möchte dieser auch gern die Schutzhütte erreichen, damit nämlich endet das Gedicht etwas antiklimaktisch: Nur so viel Glut / Dort meine Hütte, / Dorthin zu waten! Da hat sich der Wanderer am Ende doch wieder – recht hübsch am Zügel gerissen.
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Die Formen des Wir. Wir alle. Wir beide. Wir hier in Deutschland oder anderswo. Das sagt sich so leicht, aber was wären wir ohne das Wir? Wir ist das erste Personalpronomen, das der Redaktorin vor ihre korrigierende Feder gekommen ist, und sie hat sich nicht viel davon erwartet. Aber interessant, so interessant! Tatsächlich kann man nämlich verschiedene Wir-Formen und Wir-Funktionen unterscheiden. Als da wären: Zum ersten das einfache „Gemeinschafts-Wir“: Es reicht von der Zweierbeziehung über die Kleinfamilie, die Großfamilie, die Gemeinde, den Landkreis … also immer weiter, über all das, was man heute „Identitäten“ nennt, bis hin, ganz am Ende, zum „Menschheits-Wir“: Wir Menschen, wir Sterblichen, wir alle – teilen etwas, irgendetwas, was uns zum „Wir“ macht; und man kann schön sehen, wie ein alberner Seifenblasen-Begriff wie „Identität“ auf einmal verpufft. Wir Menschen, früher hat man das eigentlich viel schöner conditio humana genannt: Wir teilen ein Schicksal, eine Existenz unter Randbedingungen, die wir nicht ändern können; wir sind „konditioniert“, vielfach, durch die menschliche Natur, das menschliche Leben auf diesem einen Planeten, auch: durch unsere Geschichte. Was ist das Wir im Wir? Eine Randbedingung, mal vorübergehend, mal weniger. Wir Kinder, Wir Frauen, Wir Weimaraner (Goethe, meine ich), Wir Nicht-Teufel. „Nun sind wir schon wieder an Grenze unsres Witzes, da wo euch Menschen der Sinn überschnappt“ – so lästert Mephistopheles über Faust, er meint aber: den Faust in uns allen, nicht in ihm jedoch, dem Teufel, dem Nicht-Wir! Der Teufel ist das Nicht-Wir! Das ist doch einmal ein Gedanke! Dazu noch ein Wir-Zitat vom Meister: „Wir alle sind so borniert, daß wir immer glauben, Recht zu haben; und so läßt sich ein außerordentlicher Geist denken, der nicht allein irrt, sondern sogar Lust am Irrtum hat“. Ein Schelm, wer hier an Mephisto denkt! Wir alle, wir alle sind borniert. Aber vielleicht ist das eine conditio humana, aus der man ausbrechen kann?
Es gibt übrigens noch andere Wirs. Es gibt nämlich, und das wusste die Redaktorin auch bis heute noch nicht in voller Ganzheit, neben dem Pluralis Majestatis auch seinen schönen Gegenpol, den Pluralis Modestiae nämlich. Während in Ersterem der absolute Monarch sein eigenes beschränktes Ich zum grenzenlosen Wir macht – er ist das Volk, er ist die Sonne, er ist der Sonnengott! –, nimmt sich in Letzterem ein Ich zurück und spricht von sich selbst als einem Teil der Gruppe, an der er sich wendet. Meist ist das der Fall im Pluralis Auctoris, in dem das Autor-Ich ein Wir mit dem Leser vorgibt; er macht sich gemein, sozusagen, aber das war nicht immer etwas Schlimmes, sondern ein Akt der Solidarität, oder, weniger politisch und mehr philosophisch gewendet: ein Zugeständnis an eine gemeinsame conditio humana. Eduard, so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter – das ist der erste Satz der Wahlverwandtschaften, und er spricht von jemanden, der Teil verschiedener Wirs werden wird, die sich kreuzen, schicksalhaft anziehen, und am Ende wieder zerfallen. Der Autor und sein Leser aber: Sie sind das kleinste gemeinsame Wir.
Das allergeheimnisvollste, unbeschreiblichste, widersprüchlichste und allerwichtigste Wir jedoch – lebt verborgen in jedem von uns, als Einzelne. So schreibt der Meister an entlegener Stelle über ein unwichtiges Thema die lebensschweren Sätze: „Hat man auch im Einzelnen die Freude, hie und da einen Geist aufgeklärt, ein Gemüt bestätigt zu haben (Geister kann man aufklären, Gemüter muss man bestätigen!) , so bleibt doch zuletzt immer höchst wünschenswert, jenes Innige, was in uns lebte, strebte, suchte, oft ohne Bewußtsein nach langem Tasten und Irren das Rechte fand; eben jenes unbegreifliche Wir endlich, in seinem Verlauf, von einem wohlwollendem Geiste, günstig abgespiegelt zu sehen.“ Jenes „unbegreifliche Wir“ – das Unergründlichste ist dem Menschen sein eigenes Inneres. Aber, immerhin: Wir können sagen, dass es ein Wir ist (und das weit vor Freuds Dreier-WG aus Es, Ich und Über-Ich!).
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Genauso unergründlich ist übrigens, dem Meister zufolge, das Vortreffliche. Die Etymologen wissen schon gar nicht so genau, wo es herkommt; sicher, die Verbindung zum „Trefflichen“ und dem schön-sicheren „Treffen“ drängt sich auf, aber andererseits sind fürtreffen und vortreffen beinahe schon gleichzeitig mit dem trefflichen eingetroffen. Wie auch immer dunkel der Ursprung, die Vortrefflichkeit nimmt in bildschöner Kurve ihren großen Aufschwung aus dem Nichts pünktlich um 1800, um danach im gleichen Schwung wieder fast auf Null auszulaufen; niemand lobt heute mehr den vortrefflichen Wein, das vortreffliche Gemüse, und schon gar nicht den vortrefflichen Mann (auch nicht die Frau, neinnein). Wir finden Dinge toll, super, klasse, spitze, und was der Trivial-Steigerungsformen so sind, eine Leer- und Ausschreiformel ausgelutschter als die andere. Vortrefflichkeit steht im Schrank und verstaubt neben der Vollkommenheit und der Vollendung; vielleicht holen wir ab und zu noch das Vorzügliche hervor und kommen uns gebildet vor. Außerdem beklagt schon Adelung, dass man genauso gut von vortrefflichen Säufern wie von vorbildlichen, moralisch hochwertigen und einfach ganz und gar vortrefflichen Charakteren sprechen könne; so ist das nun mal mit formalen Vollkommenheiten, sie scheren sich gar nicht darum, welchem Substrat man sie aufheftet und gedeihen auf schlechtem Wortboden und minderwertigem moralischen Moral ebenso fröhlich wie auf dem sittlichen Höhenkamm. Dabei geraten sie dann unvermeidlich in die Euphemismen-Tretmühle; nachdem der Meister zum siebzehntenmale diktiert hatte, er danke dem vortrefflichen Manne für das übersandte vortreffliche Werk, war er wahrscheinlich auch geistig etwas zu Boden getreten; deshalb wird das Adjektiv dann flugs mal Newton angeheftet, dem bekanntlich vortrefflichen Experimentator! Kant hingegen war wohl wirklich ein vortrefflicher Mann, keinerlei Abstriche, geradezu ein Inbegriff von Vortrefflichkeit, angeblich war er sogar ein vortrefflicher Gastgeber, der vortrefflichen Wein, Gemüse vorsetzte und vortrefflich konversierte.
Wenn man aber nun doch versucht, das Wort ernst zu nehmen und nicht ironisch, dann ist im Vor-Trefflichen wohl auch immer das Vor-bildliche, das Lobenswerte, das Brave, Tüchtige mitgemeint, so wie es der Meister einmal im Blick auf die Vergangenheit (die Zukunft ist eine andere Sache) ausführt: "Betrachtet man die einzelne frühere Ausbildung der Zeiten, Gegenden, Ortschaften, so kommen uns aus der dunklen Vergangenheit überall tüchtige und vortreffliche Menschen, tapfere, schöne, gute in herrlicher Gestalt entgegen.“ Was dabei genau ihre Vortrefflichkeit ausmacht, welche der genannten und ungenannten Vorzüge diesen Cocktail erzeugen; was Shakespeare zu einem solchen Muster an poetischer Vortrefflichkeit machte – ist unergründlich. Das Vortreffliche ist unergründlich. Man mag damit anfangen, was man will. Ein schöner Rätselspruch, geradezu vortrefflich zum Nachsinnen; man mang damit anfangen, was man will. Was man aber wissen und beherzigen sollte: Das Vortreffliche, die Tugend, das Ausnehmende macht die Ausnahme, nicht die Regel in der Welt.
To be continued!
Rezeptiv. Zwei Belege, einer irgendwas naturwissenschaftliches, der anderen zur Charakterisierung einer physiognomischen Zeichnung (eine wunderbar unexakte Wissenschaft des 18. Jahrhunderts). Zwei? Die Redakteurin war verwirrt (ja, schönes ver-Wort!). Hatte sie nicht in ihrem langen Wissenschaftlerinnenleben so einiges von Goethe gelesen und so vieles über Goethe geschrieben und bildete sich deshalb ein zu wissen, dass eines der ganz, ganz großen Goethe-Wörter, eines seiner Lebens- und Sterbenswörter, sei: Produktivität? Sich produktiv zu verhalten zu allem, was einem umgab, das war Goethes Definition von Leben schlechthin (alles andere ist vegetieren, höchstens; ach was, auch Pflanzen sind produktiver als der durchschnittliche menschliche Faulpelz). Wie oft hatte ihm die Produktivität nicht das Leben gerettet? Da war die Geschichte mit dieser jungen Frau, in die er sich mit der Kraft seines gewaltig jugendlich pochenden Herzens verguckt hat und die nun leider, leider wie geplant einen anderen heiratete; und wenn er sich dazu nicht produktiv verhalten und seinen Werther hätte sterben lassen, wäre es ihm selbst an den Kragen gegangen, das wusste er nur allzu gut. Und noch die späteste Liebe seines Lebens inspirierte den über 80jährigen zu einem seiner schönsten Liebesgedichte, der Marienbader Elegie, und danach konnte er sich ein wenig besser resignieren. Über alle Maßen aber produktiv ist die Natur, seine – sagten wir es schon? – eigentliche Liebe, nein, sein eigentlicher Gott; ein nie erreichbares Muster an Gestaltung und Umgestaltung, mit dem Zaubertrick der Metamorphose ausgestattet, dem ewigen Formenwandel, dem sich auch der Mensch zu unterwerfen hatte, wollte er denn, irgendwie, mit schwachen menschlichen Kräften, an der großen Umverwandlungsmagie teilnehmen. Aber die Voraussetzung aller Produktivität, alles Machens und Hervorbringens, war natürlich, und damit kommen wir endlich zurück zum mager vertretenen „rezeptiv“, dass man vorher etwas aufgenommen hatte, sich angeeignet, das den Stoff zur Verwandlung hergab; wer nicht sehend und fühlend durch die Welt lief, würde ja offensichtlich immer nur re-produzieren, nämlich: entweder Vorbilder oder sich selbst. Produktion braucht Rezeption, das lehrt die Polarität aller Dinge, wer ausatmet, muss vorher eingeatmet haben, wer Licht sieht, sieht auch Schatten, was leben will, muss sterben. Zweimal rezeptiv? Eher schwache Polarität, offensichtlich; machen ist halt doch cooler als auf- oder annehmen. Na gut, etwas später hatte die Redaktorin dann ihre Erleuchtung: Natürlich preist Goethe die Rezeptivität (beinahe) genauso wie die Produktivität; er nennt sie nur anders, nämlich Empfänglichkeit. Was auch wieder interessant ist, denn für Produktivität gibt es kein ganz passendes deutsches Wort (Schöpfungskraft, müsste man sagen, und schon schaut Gott streng um die Ecke, das will man ja vielleicht auch nicht jedes Mal, wenn man irgendwas dilettantisch daherproduziert hat); Empfänglichkeit hingegen ist ein so schönes deutsches Wort, dass man das langweilige lateinische Re-Wort gar nicht braucht! (und außerdem schaut dabei nur die Jungfrau Maria milde segnend von oben herab). Dass man heutzutage bei Empfänglichkeit eher an Ansteckungspotentiale denkt – schade, wieder ein schönes altes Wort ruiniert. Müssen wir halt ein neues produzieren. Bei beidem hilft übrigens:
Rhetorik. Goethe war nicht tadelsüchtig, kein großer Kritiker vor dem Herrn (und ganz gewiss kein Rezensent); nein, er war geradezu in der Wolle gefärbt liberal, was Meinungen anderer Leute anging, dass andere Leute anders denken (wenn sie es denn überhaupt tun, denken also), war ihm nie ein Problem (na gut, in der Farbenlehre schon, aber jeder braucht einen Lieblingsfeind, damit er dem Rest der Welt gegenüber dann entspannt liberal sein kann). Und dass die Leute mit seinen Werken machten, was sie wollten, und krittelten hier und dort – tat am Anfang bestimmt gar nicht wenig weh, das weiß jeder, der ein Produkt in die Welt schickt, Kind oder Kunstwerk. Aber als Goethe dann rausfand, dass man Rezensionen gar nicht lesen muss (merkt auch keiner); und dass es immerhin eine ganze Menge Leute außerhalb von Redaktionen gab, die irgendwie sinnvolle Dinge mit seinen Werken anstellten und Sachen dort lasen, die zwar gar nicht dastanden, aber irgendwie hilfreich waren für sie persönlich – da wurde er, je älter er wurde, eben immer liberaler. Natürlich konnte er immer noch provozieren, vor allem die idealistisch-sentimentalischen Schwärmer in seiner Bekanntschaft, die ihn mit seinen Paradoxen (para-doxa: die Gegenmeinung zum kontagiös öffentlich und mehrheitlich Gemeinten) für einen unverbesserlichen Realisten hielten (oder einen „umgekehrten Heuchler“, anderes Thema), aber er konnte auch ganz milde sein, vor allem gegenüber Frauen und Kindern, die er liebte (alle; na gut, die meisten. Viele jedenfalls). Und Rhetorik, um nun endlich zu dem zurückzukommen, über das wir eigentlich sprechen wollten, weil es im Korrekturstapel oben lag – Rhetorik war für ihn nicht böse Propaganda oder manipulatives Teufelszeug, wie es heute verirrte Geister (gern auch: idealistisch-sentimentalische Schwärmer) immer wieder mit erhobenem Zeigefinger (sie können ihn schon gar nicht mehr senken, ist irgendwie festgewachsen, schon ein kleiner Knick wäre eine Verletzung der Prinzipientreue; ja polemisch-rhetorisch) beklagen: „Das war jetzt aber polemisch, du!“ Nein, Rhetorik war eine sehr altehrwürdige Sprachtechnik zu Zeiten, als Technik noch etwas war, was auch mit Menschen oder Ideen funktionierte (also: in der Antike, der nicht ganz so ‚guten‘, aber ziemlich intelligenten alten Zeit). Um ordentlich mit Sprache umgehen zu können, dem allerwichtigsten Werkzeug des Menschen (zoon politikon, auch das war durchaus wörtlich zu nehmen: das politische, in der polis, der Stadtgemeinschaft lebende Tier), musste man eben lernen und üben; das kam nicht über Nacht, das wurde nicht durch ‚unveräußerliche Rechte‘ verbrieft (vor der Grammatik sind alle gleich, Himmel, schon wieder polemisch, es juckt einfach zu sehr in den vom vielen Tippen gekrümmten Fingern), und das wurde einem nicht zu Weihnachten geschenkt, damit man es schnell über Nacht kaputtspielen konnte. Sprachtechnik war: Grammatik – das Bauen richtiger Sätze aus soliden Wörtern (solchen mit einer Bedeutung, nicht einem moralischen Index, relevant, relevanter, am relevantesten); Dialektik – das Bauen von logisch einwandfreien, argumentativ nachvollziehbaren und also: wenigsten formal richtigen Gedanken aus grammatisch richtigen Sätzen; und Rhetorik, die dritte und letzte der drei Schwestern: das richtige, schöne, wirkungsvolle Umsetzen dieser Gedankenbauten in Sprache, für ein bestimmtes Publikum, einen bestimmten Zweck, in einem Kontext. So lernten es die Studenten lange Zeit, als die Schulen noch schola hießen und das in ihnen vermittelte Wissen scholastisch vermittelt wurde (also: schulförmig; nicht in Unterhaltungsformaten á la youtube); und jeder, der in einer Gesellschaft, einer immer größer werdenden polis, etwas werden wollte, musste auch die Rhetorik beherrschen, um vor ein immer größer werdendes Publikum treten zu können und es – zu unterrichten, zu belehren, wenn möglich (weil: wirkungssteigernd und sympathisch machend) sogar zu unterhalten (prodesse et delectare, das Urgesetz der Dichtung, das auch Goethe im Grunde nicht in Frage stellte, auch wenn er gern über Lehrdichtung lästerte; aber wozu all der Aufwand, wenn nicht irgendwo eine Menschen-Mikrobe sich ein wenig belehrt und erhoben fühlte?)
Grammatik und Rhetorik, das lernte auch Goethe als junger und ganz sicher hochbegabter Schüler, er war nicht wenig stolz, dass er in beiden sogar vor seinen unzähligen Privatlehrern brillieren konnte. Mit der Dialektik hatte er es nicht so, aber dafür machte er das trivium dann wieder vollzählig durch die Poesie: eine neue dritte Schwester, eine Art gesteigerter Rhetorik, nicht ganz so zweckhaft-zielgerichtet, eher ein wenig schweifend, dafür aber die Sprache nun auf wirklich künstlerischen Hochglanz polierend, etwas für Artisten, Genies (ach, Genies, wir sagten schon das eine oder andere Polemische über Genies?) – oder zumindest Meister, von denen Goethe viel hielt, Leute, die ein Handwerk sehr ordentlich gelernt hatten und es nun täglich praktizierten. Das aber machte nun die Rhetorik nicht etwa überflüssig, um Gottes willen, keiner hätte etwas davon, wenn Rhetorik in Poesie aufginge (was die Romantiker beispielsweise forderten, Zeigefinger durchgestreckt in die Höhe, die aber teilweise in der Praxis vor ziemlich massiver Rhetorik gar nicht zurückschreckten, sogar in der Poetik, aber wenn es gegen die Philister geht, ist alles gerechtfertigt)! Vielmehr konnte Goethe mit seinen ur-liberalen Respekt vor allen Geschäften, die gut, vielleicht sogar vollkommen praktiziert werden, schreiben: „Aber auch der vollkommene Geschäftsmann kommuniziert in Wochenblättern in den mannigfaltigsten Formen, die vielleicht sogar poetisch, gewiss aber im besten Sinne rhetorisch sind“. Würde man so etwas nicht gern einmal lesen, heutzutage? Oder, ersatzweise, wenigstens technisch ordentliche Rhetorik, sie muss es ja nicht unbedingt ‚im besten Sinne‘ sein? Aber nein, in Zeiten von Corona blüht der Besinnungsaufsatz auf der einen Seite (schwach poetisch angehübscht, dumm rhetorisch aufgemotzt) und die Staatsmann-Rezension auf der anderen („es muß doch möglich sein!“ – und dann kommen meistens zwei Forderungen, die sich gegenseitig ausschließen).
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Rhythmus: Was man aber wirklich bräuchte, wäre ein wenig mehr Rhythmus. Das erste Wort, bei dem die Redaktorin ziemlich sprachlos wurde, als sie versuchte, es zu definieren, paraphrasieren, synonymisieren, einzufangen in einem Kreis von Neben-Über-Unter-Ver-Bedeutungen. Rhythmus, klar, jeder meint zu wissen, was das sei, der mit den Füßen tippen und mit den Händen klatschen kann. Doch schon, wenn man Literaturwissenschaftsstudentinnen boshafterweise zwingt, Versmaße zu skandieren, „Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule, / im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab“ (Schiller, zur Abwechslung; und ziemlich komplexe Rhythmen im Übrigen, so ein Hexa- oder Pentameter, im Vergleich zu deutsch-schwerfüßig daherhinkenden Jamben), also: Wenn nun wahrhaftig und tätlich skandiert werden soll, blickt man in leere Augen, und kein Fuß zuckt mehr. Sprachliche Rhythmen sind nämlich gar nicht so einfach, wenn man sie nicht – fühlt? Denn das ist das Problem mit dem Rhythmus beziehungsweise sein größter Vorzug: Es gibt ihn. Er strukturiert unser Leben, unser biologisches Erleben, im Takt – des Herzens, des schlagenden Pulses, des Ein- und Ausatmens, des Anspannens und Entspannens jedes einzelnen Muskels, im Wimpernschlag wie im elektrischen Neuronenfeuer. Er ist da, und es ist am besten, wir bemerken ihn gar nicht. Rhythmus, das ist: Selbstverständlichkeit. Strukturierte Zeit, im Wechselschritt zwischen zwei Polen. Ein ewiges Auf und Ab, mal schneller, mal langsamer. Denn auch das ist der Rhythmus: kein ganz festes Schema (außer bei Jamben); das Herz schlägt, wie es will, und wenn es stolpert, wenn es aus dem Rhythmus kommt – oh, das fühlen wir, schneller als wir es denken können! Alles stockt in diesem auf einmal endlos scheinenden Moment, wenn der nächste Schlag doch kommen müsste, aber nicht kommt – und dann ist er auf einmal wieder da, und dann überschlägt er sich, drei- vier- fünfmal, und dann – ist er wieder weg! Wie so viele andere Dinge verträgt es auch der Körperrhythmus nicht gut, wenn man ihm reflexiv auf die Pelle rückt; das macht ihn unsicher, stoppt seinen schönen, gleichmäßigen, unbewussten Fluss (die griechische Wortbedeutung von rhythme: strömen, fließen). So muss es fließen auch in der Musik, schön getaktet, so strömt die Sprache dahin in wechselnden Versen, auf und nieder, auf und nieder, auf und nieder, und dazwischen hopst ein Daktylus leichtfüßig daher. Goethe spricht nicht viel über den Rhythmus, weil er ihn hat, egal ob er ein Memo oder eine Oper oder einen wissenschaftlichen Aufsatz schreibt. Eurhythmie, so nannte er das: Es sei „das Gefühl der Wasserwage und des Perpendikels, das uns eigentlich zu Menschen macht und der Grund aller Eurhythmie ist“. He’s got the rhythm.
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Scheinen: – das „erscheinende Dasein“. Fifty shades of shine. Vielleicht eines der schillerndsten Worte, die es gibt, ist mir heute begegnet. Was scheint nicht alles! Die Sonne scheint, und ohne Sonne ist alles nichts. Licht scheint, und wenn es fehlt, dann verfinstert sich nicht nur die Laune. Es gibt den schönen Schein und den falschen Schein, den Anschein und den Widerschein, und wer am meisten scheinen will, hat oft auch am meisten zu verbergen. Das menschliche Wesen, es ist ein scheinendes (oder doch eher ein schillerndes?). Und was der Trivialitäten mehr sind. Eigentlich wollte ich auch gar nicht über den Schein an sich reden, der ein schillerndes Wesen hat, sondern über ein Zitat aus den Lehrjahren, es wird über Mignon gesagt, ein ebenfalls außerordentlich schillerndes Wesen. Ich habe sie nie gemocht, schon weil alle ganz sentimental werden, im Roman ebenso wie bei der Deutung, ach, die süße kleine Mignon, so aufregend androgyn, eine geheimnisvolle Waise, die einen Eiertanz nach dem anderen tanzt, aus reiner Verzweiflung, und niemals geht ein Ei zu Bruch, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich verliebt, dann verliert sie nämlich ihre androgyne Unschuld (es muss dabei zu gar nichts Handgreiflichem gekommen sein, jeder, der sich zum ersten Mal verliebt, verliert seine Unschuld schon vor dem Vollzug, und wer das nicht versteht, nun ja – hatte sie schon vorher nicht mehr?) und schon fließen die Dotter übers Pflaster, traurige klebrige gelbe Tränen (ein Satz, der so absurd ist, dass er auch mal gesagt werden musste). Mignon also, die ich nicht mochte, weil sie so ähnlich wie Pippi Langstumpf das totale Anti-Klischee-Klischee war, zu dem leider auch Goethe fähig war – oder hatte ich ihn nur nicht richtig verstanden, benefit of the doubt? , Mignon mit ihrer dämlichen Italiensehnsucht und ihrer Verliebtheit in den noch dämlicheren Wilhelm, der allerdings sehr belehrungsbedürftig ist, Mignon sagt, nein: singt einen Satz, in dem geht es um den Schein. Er lautet: „So lasst mich scheinen, bis ich werde, Zieht mir das weiße Kleid nicht aus“. Sie spricht von ihrem bevorstehenden Tod, dem sie sehr willig entgegengeht; ein Naturwesen fürchtet den Tod nicht, warum sollte es, es weiß, dass es sterben muss und kann es auch wieder vergessen. Im Himmel jedoch trägt das Wesen keine Kleider und hat kein Geschlecht; und es ist ewig jung, weil es keine Zeit mehr gibt. Erst diese Bitte hat mir Mignon in wenig näher gerückt. Eine kleine Gestalt in einem weißen Kleid, nennt mich nur sentimental, die es nicht ausziehen will, weil sie noch eine Weile scheinen will, bevor sie endgültig wird. Der Himmel ist eine sehr ernsthafte Angelegenheit in diesem kleinen Lied, in ihm ist man nämlich geworden (nicht etwas geworden, einfach: geworden). Das ist nicht wenig paradox, denn man hat im Himmel, auch davon singt Mignon, kein Alter mehr, kein Geschlecht, nur ewige Jugend und einen verklärten Leib, den man sich traditionell gern als durchscheinend vorstellt, von engelhafter Substanzlosigkeit glänzend. Mignon aber ist bereits wahrhaft verklärt in ihrem weißen Kleid und ihrem alten Kummer; sie ist auf Erden schon durchscheinend geworden, und bevor die Zeit sie verlässt mit den Kleidern, will sie diesen Moment ein wenig verlängern. Es ist ihre letzte Bitte um Gnade im ewigen Eiertanz: „So lasst mich scheinen“. Nicht schillern, das ist nur ein Missverständnis von Leuten, die glamour mit Schein verwechseln. Werden kann man dann später immer noch, wenn man tot ist.
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Vorstellen und darstellen. Auf den ersten Blick sieht man gar nicht, dass es Verwandte sind. Nun gut, irgendwie stellen beide irgendwas, aber was kann man nicht alles stellen, vor- und zurück-, beiseite- und unter-, ab- und auf-, ruhig- und fertig- und damit genug! Aber immerhin bringt einen stellen gleich auf die richtige Spur und nicht auf ein Abstellgleis: Stellen tut man Dinge im Raum, wo sie sich dann hart stoßen; und daher kommt auch das vor-stellen in seiner schön-real-anschaulich-handgreiflichen Urform: Man stellt etwas nach vorn, im Raume. Ein Bein vor das andere zum Beispiel. Oder zum Schutz oder um etwas Anderes zu verdecken. Indem man jedoch das eine nach vorn stellt, rückt, das ist das Wesen von dreidimensionalen Räumen und einfachen menschlichen Gehirnen, alles andere in den Hintergrund. Unsere Aufmerksamkeit wird fokussiert, würden wir heute sagen, aber das ist auch nur ein fancy word für einen kognitiven Automatismus: Zuerst sieht man das, was vorn steht (evolutionär vorgestellt: aus Sicherheitsgründen wahrscheinlich). Weil es vorn steht, so schön weiter im Schnelldenk- und Kurzschlussverfahren, muss es wichtiger sein. Bedeutender. Ist schließlich auch größer! Um gleich mal mit einem wirklich bedeutenden Goethe-Zitat ins Haus zu fallen: Jeder möchte das Universum vorstellen und aus sich darstellen! Genauso. Wir stellen das damit fokussierte Verhältnis von vor- und darstellen jedoch erst einmal zurück und bleiben beim Vordergrund: Vorstellen ist Aufmerksamkeitsfokussierung und Bedeutungserhöhung. Funktioniert nicht nur bei Dingen im Raum, sondern auch bei Leuten, aber eher früher, als man noch nicht so sozial distanziert hat und sich manchmal sogar die Hand gab: Man stellt sich gegenseitig vor. Man stellt damit eine persönliche Beziehung her. Man stellt sich dafür kurz selbst in den Mittelpunkt, oder man wird geschoben: für ein Amt anvisiert, bei Hof präsentiert (immerhin gibt es noch den Wiener Opernball!), einem potentiellen Förderer zur Begutachtung vorgeführt; eine Ampelkoalition stellt dieser Tage ihr Kabinett vor (Ampeln, das waren zur Goethezeit: kleine leuchtende Laternen), und wer dabei im Foto vorn aufgestellt steht – nun, wird wohl wichtiger und bedeutender sein, und wir sollten sie/ihn/es im Auge behalten. Aber gleichzeitig stellt besagte Ampelkoalition auch ihren Koalitionsvertrag vor, und nun wird es schon deutlich unhandgreiflicher: Sie zeigt ja nicht das Word-Dokument (mit sorgfältig festgelegten Zeilenabständen und Seitenrändern und sicherlich gern auch als Powerpoint-Präsentation erhältlich), sondern sie spricht über Inhalte. Präsentation aber, so wissen wir heute, schlägt Inhalt jederzeit. Design ist wichtiger als content, ein hübsches Narrativ wirkt tiefer und nachhaltiger als die vermeintlich zwanglose Gewalt des besseren Arguments, und was wir uns vorstellen, hängt mehr davon ab, wie man es uns dargestellt hat, als davon, wo genau im Raume es denn steht, wo die Sachen sich hart stoßen und einander verdrängeln (schönes ver-Wort, hat die Redaktorin gerade erfunden aus einem Schreibfehler!) wollen. Womit wir endlich beim darstellen wären, die nämlich, so sagen die Zahlen (in einer gewissen statistischen Darstellung jedenfalls), irgendwann in der Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Vorstellen gleichzog. Dabei machte das Vorstellen (aber mehr als Substantiv, die Philosophie ist nicht so stark bei den Verben, sondern eher bei den Zuständen) in der Philosophie Karriere: Vorstellungen sind, lassen wir es erst einmal bei dieser Vagheit, Dinge, die in den Kopf gewandert sind, sich dort wohnlich eingerichtet haben und nun ein Eigenleben führen; manchmal nennt man sie auch Begriffe, oder Ideen, oder Konzepte, manchmal auch Einbildungen oder Phantasmen – alles eine große Vorstellungs-Familie, Dinge in Köpfen, die mal in der Realität waren und nun in Gehirnen eingestellt, abgestellt, untergestellt sind. Die Darstellung hingegen tauchte ein wenig aus dem Nichts auf (na gut, es gab sie schon in der Bibel, und die Darstellung von Jesus im Tempel hätte einen schon lange stutzig machen können) und reüssierte in der Ästhetik, die in dieser Zeit bekanntlich entsteht und noch nach einem eigenen Wortschatz sucht. Dabei wird sie immer mehr von einer Wissenschaft von den sinnlichen Wahrnehmungen (aesthesis) zu einer von den künstlerischen Darstellungen. Aber wo um Himmels- und Lutherswillen, kommt das dar her? Unser aller Grimm belehrt uns: natürlich aus dem Raum! Dar ist das, was man antwortete, wenn man gefragt wurde, wohin etwas gehe? Darhin natürlich. Wer etwas dar stellt, stellt es vor in einer Bewegung vor, die die Richtung weist. Auch das dar bringt seine etwas kleinere Komposita-Familie mit: Man kann Dinge und Sachverhalte darlegen, -bieten, -bringen, -reichen, -tun; Goethe kennt sogar noch darkommen, und wahrscheinlich kommt sogar das Dar-lehen noch aus dieser bewegten Familie. Und darstellen hat, dieses gemeinsamen konkreten räumlich-bewegten Ursprungs wegen, eine ganze Reihe von Parallelbedeutungen mit vorstellen: Es kann genauso wie vorstellen präsentieren, zeigen, erscheinen, darlegen meinen; ein Schauspieler stellt eine Rolle vor oder dar, wenn wir uns irgendwo vorstellen und präsentieren, als Person, dann sind wir alle Selbstdarsteller, und Goethe meint es durchaus positiv, wenn er seinen schon etwas gebildeten Wilhelm sagen lässt, er stelle sich selbst inzwischen ziemlich dar. Oder, siehe oben: In unserem eigenen Universum sind wir nicht nur alle Hauptdarsteller in der eigenen Vorstellung, sondern haben auch das unabweisbare Bedürfnis, diese Vorstellung öffentlich aufzuführen, nämlich: Wir wollen das innere Universum aus sich darstellen. Wohingegen die zeitgenössische philosophische Bedeutung von vorstellen als dem grundlegenden Akt für alles Denken überhaupt bei Goethe ziemlich schwach bleibt. Irgendwo schwebt sie zwischen Gewahrwerden, Auffassen, Begriff und Idee. Aber auch Goethe erkennt schon: Der Mensch erfreut sich nur einer Sache, in in so fern er sich dieselbe vorstellt; wenn er sie sich dann vorstellt, wenn sie in seine Vorstellungsart passt, und wenn er alle seine Kräfte anspannt, die der sinnlichen Anschauung, des gedanklichen Auffassens, aber auch der Imagination – dann werden ihm die daraus gewonnen inneren Vorstellungen Wirklichkeiten. Oder sind es doch fake news? Alles eine Darstellungsfrage! Denn, und das scheint der Redaktorin der tiefere Grund für den Aufstieg des darstellens gegenüber dem vorstellen zu sein: Darstellen kann jeder, wie er will, nicht nur der Künstler, der sowieso immer ein Profi-Selbstdarsteller ist. Darstellen ist notwendig subjektiv, es mag im Einzelfall durchaus auch didaktisch sinnvoll oder gar vernünftig sein. Heute würden wir wahrscheinlich auch das vorstellen für subjektiv erklären; aber so weit war das 18. Jahrhundert, vor allem in seinen eher verkopften Philosophen, denn doch noch nicht ganz. Bis auf Goethe natürlich, der sich alles Mögliche vorstellen kann; sogar, dass Adam und Eva nicht durch einen Erzengel mit einem flammenden Schwert aus dem Paradies vertrieben wurden, sondern dass dies durch große Schnaken des Tigris und Euphrat geschehen sei (und das sagt er zu einem Pfarrer! Man stelle sich vor!). Und das meiste davon hat er sogar dargestellt.
Aber noch einmal zurück zum vorstellen und einem Nachklapp. Denn in einem anderen Zusammenhang kam die wahrhaft grundlegende Frage auf, was denken denn nun eigentlich sei? Und sobald man anfängt darüber nachzudenken, gerät man in einen unendlichen Kuddelmuddel aus geistigen Leistungen, die so genau dann gar nicht voneinander abzugrenzen sind; was ist vermeintlich so unterschiedlichen Leistungsträgern wie dem Verstand, der Einbildungskraft, dem Gefühl zuzuschreiben? Ist Denken nur das, was nach den Gesetzen der Logik in Begriffen geschieht, oder sind alle geistigen Akte jenseits eines gewissen Abstraktionsgrades und ohne konkreten Realitätsbezug schon Denken? Definitionsfragen, gewiss (und eigentlich ist Denken eine Angelegenheit von Gehirnströmen, mal ein wenig dilettantisch dahingesagt, gemeint ist: es hat ein neurologisches Substrat). Aber wir müssen es uns ja irgendwie – vorstellen; und damit sind wir dann auch wieder in einem Kreis dahin zurückgekommen, wo wir gestartet haben: Wir müssen uns das Vorstellen vorstellen, es geht kein Weg daran vorbei; genauso wie wir uns das Denken vorstellen müssen. Alles müssen wir uns vorstellen, und vielleicht könnte man versuchsweise definieren: Denken ist Operieren mit mentalen Vorstellungen; geschultes/richtiges/ philosophisches Denken ist methodisches und nachvollziehbares Verknüpfen von Vorstellungen. Damit kann aber in die Vorstellungen all das Gemuddel eingehen, was einem so durch den Kopf schießt, ohne dass wir es gleich denken nennen würden: Ideen, Gefühle, Phantasien, egal; um es auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und dadurch eine Operationsbasis herzustellen, wird alles zu einer Vorstellung verarbeitet. Einer mentalen Repräsentation. Insofern ist alles vorstellen, und der Verdacht hatte mich schon vorher beschlichen, vor allem bei den vorstellen-Floskeln (stell dir nur vor! Unvorstellbar, oder?), eine Art Gedanken-Experiment; man versucht diese mentale Repräsentation, sie ist noch ganz bildlich konkret und frisch aus der Anschauung geschöpft; aber es reicht noch nicht zu einem Gedanken, also drehen wir das Ganze ein wenig, kombinieren es mit Erlebtem, mischen es nach erprobten Rezepten, ein wenig Logik hier, einen Schuss Intuition zum Würzen, und ganz am Ende ein schöner neuer Begriff als Sahnehäubchen? Das Denken wird gleich attraktiver, wenn man es sich als Vorstellungs-Menü vorstellt; oder als Ideenbuffet samt schön versilbertem Methodenbesteck. Die eigentliche Herausforderung liegt dann wie immer in der Darstellung; denn über seine Vorstellungen herrscht jeder wie Gott, aber die Schöpfungen machen sich selbständig und gehen hinaus in die Welt, wie der arme Wilhelm Meister, der sich das auch alles anders vorgestellt hatte mit der Schauspielerkarriere und der Beziehung. Leben ist: Wenn es anders kommt, als man es sich vorgestellt hat. Was es jedoch mit Sicherheit nicht ist, ist:
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Vollkommen. Die Wortstatistik hat wohl recht: Das Wort ist seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ziemlich aus dem Gebrauch geraten. Man könnte auch sagen: mit der etwas sorglosen Verabschiedung des Glaubens an Gott, das Absolute, die Vernunft, den Weltgeist und wie die guten alten Stellvertreter des Meta-Physischen alle heißen. Denn wie soll man Vollkommenheit denken ohne, sagen wir fortan der Kürze halber und denken den Rest mit: Gott? Dem einzigen Wesen, das alles für immer ist und schon immer war, ganz und unteilbar und unendlich und perfekt und in sich selbst geschlossen und alles umfassend, allgütig, allweise, allwissend, vollständig und vollzählig, das Alles und das Nichts? Für die Redaktorin ergibt sich dadurch leider das Problem, das das Wort gewissermaßen das Absolute der Sache geerbt hat: Wie soll man Vollkommenheit zerlegen in Unterbedeutungen, semantische Teilchen, schön sauber hierarchisch gegliedert? Die alten Tricks helfen wenig: Das inhaltliche Perfekte, Optimale, Absolute ist nicht vollkommen ohne das quantitativ Vollständige; wenn man Vollkommenheit teilt, bekommt man nur Vollkommenheiten, Einzeltugenden, natürlich verwandt, aber eben doch: einzeln im Plural (das kennen wir schon von den Verlegenheiten, was so gesehen ziemlich lustig ist: Gott aber kommt weder in Verlegenheit noch in Verlegenheiten). Na gut, Goethe denkt bekanntlich nicht gern metaphysisch-absolut, und wenn er es doch tut – tut er es eben mit Spinoza, und so kann er aus eben diesem notieren: „Der Begriff vom Dasein und der Vollkommenheit ist ein und eben derselbe; wenn wir diesen Begriff so weit verfolgen als es uns möglich ist so sagen wir, daß wir uns das Unendliche denken“. Dasein ist vollkommen? Fühlt sich gerade nicht so an. Na gut, vielleicht eine Vollkommenheit, zugestanden. Und natürlich können wir es doch nicht zu Ende denken, wir können den Begriff eben nur so weit denken, als es uns möglich ist, mit unserem humpelnden Menschenverstand so weit jenseits der Vollkommenheit selbst noch in seinen höchsten Vertretern (sagen wir: Spinoza. Nicht Hegel). Aber das war ja auch noch gar nicht der ganze Trick. Denn im zweiten Schritt denkt Goethe natürlich das Vollkommene dann als Natur – das schlechthin Vorhandene ebenso wie das Nicht-Verbesserungsfähige, denn es ist – von Natur aus vollkommen: physio-logisch, nicht philo-sophisch, und auch nicht unbedingt onto-logisch. Und dazu muss es gar nicht besonders toll sein. Natürlich gibt es vollkommenere Tiere (Säugetiere, Affen, Menschen, die Verwandtschaft sieht Goethe durchaus), aber sie müssen nun nicht in jedem einzelnen Vertreter zum Vollen kommen. Das ist übrigens der Ursprung, wie immer liegt er in der Bewegung, und man sieht auch gleich, dass es wahrscheinlich eine gute Idee ist, Vollkommenheit als einen Prozess zu denken. Mit Luhmann könnte man auch sagen: einen Prozess, in dem Komplexität nicht reduziert, sondern gesteigert und angereichert wird: „Je unvollkommener das Geschöpf ist, desto mehr sind diese Theile einander gleich oder ähnlich, und gleichen sie dem Ganzen. Je vollkommner das Geschöpf wird, desto unähnlicher werden die Theile einander“. Komplexität ist maximale Ausdifferenzierung ohne Verlust der Ganzheit; oder: versöhnbare Verschiedenheit. Spannweitenkompetenz, nicht die immer mehr um sich greifende Engbrüstigkeit des Denkens, das nur noch Gleiches hören will, das ist leere Vollkommenheit, sozusagen, absolute Sterilität. Aber schauen wir von hier noch einmal zurück auf Gott, er ist gar nicht tot, sondern hat sich nur zur Ruhe gesetzt, um sich ein wenig von seinem Vollkommenheitspflichten auszuruhen. Er kann ihn aber nicht entkommen, denn im Gegensatz zur organischen Perfektibilität ist seine All-Vollkommenheit vollendet statisch. „Alles Vollkommene in seiner Art muß über seine Art hinausgehen, es muß etwas anderes Unvergleichbares werden“. Was aber soll Gott werden, um über seine Art hinauszugehen? Nein, Gott ist eine metaphysische Sackgasse. Und der Mensch – nun gut, mit Nietzsche könnte man sagen: hat einen kleinen inneren Übermenschen, der vielleicht über seine Art hinausgehen könnte, in welche Richtung auch immer, und sei es im neuesten Transhumanismus? Den Gedanken könnte man auch schon im zweiten Faust finden, ganz sicher. Und er ist, komischerweise, gar nicht so elitär, wie das öffentliche und politische Missverstehen-Wollen der Rede vom Übermenschen nahelegt. Denn der junge Goethe schrieb, in der für ihn typischen Mischung aus Demut und Hochmut, auch: „Übrigens habe ich glückliche Menschen kennen lernen, die es nur sind weil sie ganz sind, auch der Geringste wenn er ganz ist kann glücklich und in seiner Art vollkommen, das will und muß ich nun auch erlangen“. In seiner Art vollkommen, wie das vollkommene Tier und die vollkommene Pflanze auf den unendlich vielen Komplexitätsstufen der unendlich ausdifferenzierten scala naturae. Hat Goethe diesen frühen Vorsatz verwirklicht, ist er seiner artgemäßen Vollkommenheit nahegekommen? Nun, was man mit Gewissheit sagen kann: Er hat sich strebend bemüht. Er ist ziemlich weit auf vielen Leitern und Treppen geklettert, und er hat die Mühe nicht geschaut und nicht die Arbeit und nicht das Risiko und noch nicht einmal das Alter (Goethe mit Rollator, die Blöße hätte er sich nicht gegeben). Ein vollkommenes Streben, wenigstens das, auch wenn es ein Widerspruch in sich selbst ist? Dazu ein letztes Zitat, es ist das liebste der Redaktorin, und es zeigt Goethe in einem fast sokratischen Licht: „Derjenige der sich mit Einsicht für beschränkt erklärt, ist der Vollkommenheit am nächsten“. Am nächsten! Denn Gott fehlt eine einzige Eigenschaft, die ihn wahrhaft vollkommen machen würde: die Einsicht in die eigene Unvollkommenheit (von Goethe zu Gödel ist es nur ein kleiner Schritt).
Wir nähern uns dem Ende, dem des Alphabets und der der persönlichen Wortarbeit der Redaktorin. Und eigentlich passt es gut, dass am Ende noch einmal eine Kompositum-Familie steht: Von zerarbeiten bis zerreissen beißt sich die Redakteurin durch alle nur denkbaren Formen der Zerstörung; denn man kann zer- beißen, beulen, brechen, bröckeln, dreschen, drücken, fallen, feilen, fetzen, flattern, fleischen, fließen, flittern, fressen, gehen, hacken, hauen, kauen, klopfen, klüften, knicken, knieschen, knillen, knittern, knüllen, krachen, krallen, kratzen, lästern, und so weiter und so weiter (das wird aber das Geschäft eines anderen sein). Zer-Komposita neigen gerade des zerstörerischen Charakters wegen zum Handfesten; denn sie benötigen Materialien und Gegenstände, um ihr desaströses Wortwirken zu entfalten: Tiere zerfleischen Menschen, Menschen zerlegen Tiere; Federn werden zerarbeitet und Schleifen zerdrückt; Papiere zerknüllt und Steine zerklopft, und am Ende kommt der Zahn der Zeit und zerfrisst alles zu Staub, was vorher noch nicht genug zerhauen, zerkratzt, zerklüftet oder zerkracht wurde (es wird sogar zerküsst, aber nur einmal). Die üblichen Übertragungen ins geistige Milieu sind zwar bei fast jeder Zer-Bildung nachweisbar, bleiben aber meist vornehm im Hintergrund; wenn überhaupt, siegen sie im Zustandspassiv, in zerarbeiteten, zerfahrenen, zerknirschten, zerdisputierten Zuständen des Geistes und der Seele.
Immerhin kann man eine kleine Seelengeschichte daraus basteln. Sie beginnt in der Jugend, wo der Meister noch „zusehr durch die Anhänglichkeit an die Welt“ zerflattert ist; oder wo er mal ein wenig länger im Bett bleibt, „um die Empfindung häuslicher Innigkeit wieder in mir zu beleben, die das gottlose Geschwarme der Tage her ganz zerflittert hatte“. Ach, die Zerstreuungen der Welt! Um ihnen zu entkommen, müsste man wohl eine Garde von Zu-sammen- oder Kon-Komposita herbeirufen! Denn das unendliche Geschwätz der Welt als dem zerstreuten Zusammenhang aller Dinge hört nicht auf. Und so kommt es anstelle von konstruktiven, zusammenschießenden und sich frei metamorphisierenden Ge-sprächen nur zu Kommunikationstrümmern: „wenn man mich mit den Forderungen der Alltagsverstandes peinigte und mir sehr entschieden vortrug, was ich hätte tun und lassen sollen, dann zerriß der Geduldsfaden, und das Gespräch zerbrach oder zerbröckelte sich“. Ein zerbröckelndes Gespräch, ist das nicht schön? (im Wort, nicht in der Sache) Man sieht die kleinen Gesprächsbrocken förmlich herauspurzeln, sie zerbröseln (das hatte der Meister noch nicht!) förmlich im Munde, während man sie ausspricht. Oder: Goethe beschwert sich nach Veröffentlichung seines lang erwarteten Roman-Zweitlings Wilhelm Meisters Lehrjahre, der die Rezeptionslandschaft ziemlich zerspaltete: „So ist wieder des zerbröckelten Urteils nach der Vollendung meines Romans kein Maß noch Ziel. Manchmal glaubt man, man hört den Sand am Meere reden“. Interessanter Gedanke, das. Schwarmgeplauder, feinkörnig und milliardenfach; welches Gehör könnte das wohl vernehmen? Nicht, das ist sicher, das zerbrechliche menschliche; denn der Mensch, er ist insgesamt ein zerbrechliches Wesen. Nicht nur zerbricht er leicht alle möglichen Knochen; häufig auch auf oder durch zerbrechende Wägen und andere Transportunfälle. Nein, er ist überhaupt allen Unarten des Schicksals ausgesetzt, dem blinden Rollen des Rades des Schicksals nämlich, und: „wir müssen das Rad dahinrollen lassen und abwarten, wie es uns streift und quetscht, wenn es uns nur nicht gar zerdrückt“. Oder zerkniescht; der „gute Kraus“ beispielsweise, Zeichenlehrer und Maler bei Hofe, wurde von einem der größeren Schicksalsräder, der napoleonischen Invasion von Weimar nämlich, „zerkniescht“ – was eine recht hübsche Lautmalerei für einen eher grusligen Sachverhalt ist, der gute Mann erlag nämlich seinen erlittenen Verletzungen. Und andere schließlich, zum Beispiel eine unter dem Namen Tian soeben erst bekannt gewordene schreibende Frau, zerbrechen gar ihre eigene Form; und das ist im Falle von Karoline von Günderode tatsächlich eine sehr angemessene Formulierung und nicht nur ein eher abwegiger Euphemismus (sie war sehr unglücklich mit ihrer natürlichen Form, die sie als terminal einengend empfand).
Ach, die unendliche Zerbrechlichkeit des Seins! Nicht nur zerbrechen einem ständig „liebe Tassen“ und machen einem dadurch Verdruss; nicht nur ist man zerbrochen, wenn man den ganzen Tag gelernt und geübt und wiederholt hat; es ist vielmehr die conditio humana schlechthin: „Fleisch dorrt wie Heu und Bein zerbricht wie Glas,/ Und alle Schönheit ist ein wahrer Mottenfraß“! Denn nur so kann der große Kreislauf des Ganzen, der ewige Wechsel von Zerfall und modifiziertem Wiederaufbau, aufrecht-erhalten werden: „Denn Alles muß in Nichts zerfallen, / Wenn es im Sein beharren will“. Das wäre nun ein gutes Schlusswort, aber so metaphysisch ist die Redaktorin nicht gesinnt; immerhin ist es draußen gerade Sommer geworden, und die Zerstörungen der letzten Überschwemmungen halten sich Grenzen. Und zudem macht das Zitieren zu viel Freude. Denn auch im Zer-Bereich bleibt Goethe der denkbar schärfste Beobachter menschlicher Zerfallsprozesse im Alltag, oder auch: der Zivilisation als Zerfließen des Naturzustandes durch das Aufblähen künstlicher Bedürfnisse: „Der Mensch durch alle Zustände befestigt sich gegen die Natur, ihre tausendfachen Übel zu vermeiden, bis es ihm endlich gelingt, die Zirkulation aller seiner wahren und gemachten Bedürfnisse in einen Palast einschließen, … wo er denn immer weicher und weicher wird, den Freuden des Körpers Freuden der Seele substituiert, und seine Kräfte, von keiner Widerwärtigkeit zum Naturgebrauche aufgespannt, in Tugend, Wohltätigkeit, Empfindsamkeit zerfließen“. Ist das nicht genau der Palast, in dem wir alle wohnen? Die einen prächtiger, die anderen bescheidener, aber egal: Bedürfnisse, wohin man schaut; aber keine Kräfte. Bequemlichkeiten anstelle von Widerwärtigkeiten. Freuden der Seele anstelle solcher des Körpers – na gut, das kann nicht ganz flächendeckend so sagen; aber wenn es Freuden der Seele ist, dann sind es ganz genau die des eher weichlichen Selbstgenusses, wenn man mal wieder the right thing getan (oder auch nur gedacht) hat. Zwar zerfließen wir nicht mehr ganz so öffentlich und ostentativ in Tränen; aber Herzen werden immer noch mehr zerbrochen, als dass sich Köpfe wirklich zerbrechen.
Das Überwiegend-Konkrete der Zer-Welt des Meisters zeigt sich übrigens auch sehr schön in der analytischen Abteilung: Wenn es um Zergliedern oder Zerlegen oder Zerteilen geht – geht es meist entweder um Fleisch oder um Anatomie. Seine Begeisterung für die vergleichende Anatomie erscheint uns leicht fremdartig, ist aber gar nicht morbide (Zerlegen von Leichen! Das Beschaffungsproblem allein! Skizzieren anhand toter Modelle!), sondern tatsächlich epistemologisch begründet: Denn gerade das vergleichende Zergliedern (meint: von Menschen und Tieren, und natürlich wird die Verwandtschaft von Menschen und Affen bereits als selbstverständlich angenommen) gibt ihm die Überzeugung; „daß nur auf solchem Wege Einsicht in die lebende, ja in alle Natur, wie sie auch erscheinen möchte, zu erwerben sey“. Natürlich handelt man sich dann das bekannte und in der Morphologie geradezu zum System erhobene Problem ein, dass tote Organismen – eben nicht mehr in ihrem Zusammenspiel zu beobachten sind, dass das Zerlegen eine Aktion ist, die nicht mehr umzukehren oder rückgängig zu machen ist: Zerlegt ist zerlegt, und die einzelnen Glieder sind nur noch Teile, kein Organismus mehr. Aber es ist die eine für die ganze Erkenntnis nötige Bewegung, der dann notwendig die andere, die synthetische Aktion, der Rückweg im Geist zu folgen hat: Erst Zergliederung (Analyse) und Synthese zusammen machen die wahre Philosophie wie die wahre Wissenschaft.
Aber das ist schwer verständlich zu machen, selbst wenn man Kant heißt; denn am Ende muss ja auch noch gesagt werden, was herausgekommen ist in dieser fundamentalen Wechselwirkung, dem schönen Wechselspiel von Sondern und Wiedervereinigen. Und der Meister versichert, mit ungewohnter Bescheidenheit: „Ich weiß recht gut zu unterscheiden, was sich sehe, denke und sage: das Sehen ist ein Zusammenfassen unendlicher Mannigfaltigkeit, das Denken ein Versuch des Zerlegens; inwiefern das Sagen aber mit Sehen und Denken zusammentrifft, das hängt vom Glück ab“. Reden ist Glückssache! Das von einem Meister des Wortes. Die Menschheit hingegen, im Großen und Ganzen genommen, verlangt mehr nach Pfeffernüssen als nach Kopfnüssen; und auch diese Prophezeiung hat sich bereits eindrucksvoll bewahrheitet: „Die Menschheit, merke ich, mag noch zu sehr zu ihrem höchsten Ziele zuschreiten, die Conditoren rücken immer nach; indem sich das Cerebralsystem immerfort reinigt, wird, wie ich fürchte, der Magen immer weiter seiner Verderbnis entgegengeführt“. Darauf gönnt sich die Redaktorin einen Schoko-Keks!
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Und damit zum allerletzten Kapitel, zum Zerreissen. Das Wort war ein wenig qualvoll; und ja, die Redaktorin kann jetzt mehrere der üblichen Wort-Spielereien anbringen: Es hat sie zerrissen, ihren Kopf vor allem, aber noch mehr ihr Cerebral-Systeme; seine Behandlung war wie üblich eine zerrissene (mit zu viel Pausen, Ablenkungen, Zerstreuungen dazwischen, zerrissene Zeit kommt noch), und der Faden der Gedanken ist dabei immer wieder zerrissen, nicht jedoch der Knoten, den einige grammatische Feindifferenzierungen in ihrem Kopf angerichtet hatten. Zum Beispiel transitive, intransitive, reflexive Verben: Der Nebel der Bedeutungsverwirrung zerreißt (oder nicht, jedenfalls: intransitiv, kein Objekt); die Redaktorin zerreißt darob die Karteikarten (transitiv, Subjekt und Objekt); oder sie zerreißt sich gleich selbst, vor lauter Wut und Ärger über ihre eigene Dummheit und grammatische Ungelenkigkeit (reflexiv). Dazu die üblichen Unschärferelationen zwischen den konkreten Bedeutungen und den übertragenen! Recht schön konkret zerreißen Wolken, Dämme und Wege; Naturgewalten durchfurchen die Elemente, und das macht ziemlich viel kaputt (das „zerrissene Mühltal“ nach einem Unwetter geistert recht lange durch die Briefe und Tagebücher des Meisters, es muss recht eindrucksvoll gewesen sein). Dinge reißen, reißen ein, werden zerrissen: Die großen Alleszerreißer sind Kinder, die gern ihre Spielsachen mit voller Absicht demolieren; und der Krieg natürlich. Anschließend liegt die Welt zerrissen, und das ist wahrlich nicht symbolisch, sondern durchaus wörtlich zu verstehen: Sie liegt durchfurcht, aufgerissen, zerfetzt, verwüstet und in jeglicher nur vorstellbaren Hinsicht zerstört da.
Doch schon, wenn Papier zerreißt (oder: zerrissen wird; es zerreißt sich aber immerhin gar nicht von selbst), wird es meist sehr symbolisch: Wer Briefe zerreißt, will Erinnerungen, Bindungen, eine Beziehung damit beenden; wer Entwürfe von Kunstwerken zerreißt (Jugendwerke zum Beispiel), will mit einem Teil seiner eigenen Vergangenheit abschließen; wer Todesurteile zerreißt – nun ja, da wird es zwar wieder sehr handgreiflich-konkret, aber natürlich bleibt es dabei auch symbolisch. Kleider reißen im Übrigen auch recht gern, oder sie werden zerrissen (transitiv und in-transitiv; nein, nicht reflexiv). Das hängt damit zusammen, dass sie aus leicht zerstörbaren Materialien gefertigt sind, Textilien nämlich; wie auch Schleier und Vorhänge, zum Beispiel. Und wenn Schleier und Vorhänge zerrissen werden (meist: intransitiv, gelegentlich auch unabsichtlich) – dann fällt meist, zudem in wörtlich eher unverhüllten Zeiten, eine Täuschung in sich zusammen, jemand erlebt eine böse Überraschung und sieht auf einmal die Dinge: unverhüllt (im übertragenen Sinn), so wie sie sind.
Das kann einem schon einmal das Herz zerreißen, und diese eigentlich recht spürbar-anschauliche Wendung ist eine relativ konventionelle Redeweise geworden. Aber es ist etwas dran. Rein zahlenmäßig zerreißen Herzen beim Meister vor allem im Frühwerk (natürlich, dem armen Werther, dem es gleich das ganze Leben zerreißt; nein, er zerreißt sein Leben – oder gar beides?); der Liebe wegen (die das Herz gefangen hält, in Banden umstrickt, dazu kommen wir noch); und gar nicht so wenig im Drama. Für heutige Ohren klingt das natürlich ein wenig pathetisch und ist in der Wirkung, sagen wir: abgeblasst; wenn einem das Herz zum wiederholten Male zerrissen wurde, dann spürt man wahrscheinlich nur noch ein schwaches Ziehen, ungefähr so, als habe man sich den Magen etwas weiter oben verdorben. Aber das Herz kann zerreißen, es kann jederzeit noch einmal schmerzhaft zerreißen; und dann spürt man es, und das ist das Schöne und das Schreckliche daran: in der Brust, tatsächlich. Es ist – ein Reißen.
Aber für Goethe, den immer Sinnlichen und Fühlbaren, kann noch viel mehr am Körper zerreißen, dem von der Seele und dem dummen Kopf wahrhaft geplagten. Immer wieder zerreißt es ihm das Ohr; vor allem Hundegebell, aber auch ein mangelhaft gestimmtes Orchesterensemble, und der Redaktorin geht eine Zeile von Rilke durch den Kopf, wo ihm auch etwas das Gehör zerreißt, es war wohl in Ägypten; große Geister empfinden eben doch ähnlich und formulieren es sogar so. Wenn es einem die Eingeweide zerreißt, kann das ziemlich bauchfeste organische Ursachen haben; aber es kann auch ein derart massives Unbehagen, eine so starke Dissonanz mit sich selbst sein, dass es eben den gesamten Bauchraum erfasst, wo ja auch nicht wenig gedacht und gefühlt wird. Denn immer, wenn etwas zerreißt in der Körper- und Selbstwahrnehmung: Gerät man in einen Riss, einen Widerspruch, eine Uneinigkeit mit sich selbst; eine kognitive oder emotionale Dissonanz, die manchmal geheilt, manchmal überbrückt werden kann – und manchmal eben nicht. Nicht alles kann man so leicht flicken wie zerfetzte Kleider oder Vorhänge (nein, nicht ideologische!).
Beinahe genauso schlimm ist es aber für den Meister, wenn Zusammenhänge aller Art zerreißen: Natürliche, organische eben-so wie soziale, kognitive, kommunikative. Das Zerreißen ist insofern ein Verwandter des Zerteilens und Zerstückens – also der großen Gegenspieler im Organismus- und Ganzheitsdenken Goethes. Dazu ein etwas entlegenes Zitat, das aber recht anschaulich auch hier, im durchaus gesteigerten Abstrakten, die körperliche Empfindung des Auseinander-Gerissen-Werdens noch erhält. So schreibt Goethe nämlich beim Anblick der bizarren Statuen des Prinzen Pallagonia und dessen Park: „Das Widersinnige einer solchen geschmacklosen Denkart zeigt sich aber im höchsten Grade darin, daß die Gesimse der kleinen Häuser durchaus schief nach einer oder der andern Seite hinhängen, so daß das Gefühl der Wasserwage und des Perpendikels, das uns eigentlich zu Menschen macht und der Grund aller Eurhythmie ist, in uns zerrissen und gequält wird“. Wir haben eine innere Waage, die unser Gleichgewicht sicherstellt; und wir haben ein Perpendikel dazu, ein Pendel, das für die Bewegung zwischen den Polaritäten sorgt, die uns – auseinanderreißen, aber auch: zu bewegten und beweglichen Maschinen machen, nämlich: Menschen, und nicht zu toten Systemen. Wenn dieses alles miteinander im Einklang steht, so wie ein gut gestimmtes Orchester, dann: herrscht Eurhythmie. Wenn nicht: herrscht Zerrissenheit, Ungleichgewicht, Schiefheit.
Aber das ist natürlich nicht einfach. Und der Mensch ist ja auch keine Insel, sondern hängt zusammen mit anderen: mal freiwillig, mal notwendig. Zwischen Menschen gibt es Bande, die zu Bündnissen führen; und sie halten entweder zusammen, oder sie zerreißen. Der Übergang zu Ketten ist dabei durchaus fließend: Denn Bande können Ketten werden, jederzeit, ob gefühlt oder real; und dass Goethe gern von den „Zauberfesseln“ der Liebe spricht, die so schwer zerrissen werden können, auch und gerade wenn man das möchte – ist nicht nur empfindsame Blumenmetaphorik, sondern empfundene und erfahrbare emotionale Abhängigkeit. „Denn die Bande ist zerrissen, das Vertrauen ist verletzt“, so singen die Auswanderer, die sich von allen Banden lösen müssen und/oder wollen, familiären ebenso wie sozialen, heimatliche, beruflichen; und mit ihnen dahin ist das „Vertrauen“, das den Halt dieser Bande gewährleistet hatte, auch wenn sie keine Ketten waren.
Recht schön und hilfreich ist auch die Vorstellung vom „Faden des Denkens“. Denn lange bevor der alternde Faust sagen kann, ihm ekle vor allem Wissen, da der Faden des Denkens zerrissen sei – hat er sich eben an diesem Faden des Denkens entlanggehangelt. Wenn Fäden reißen – sei es reale Fäden, Geduldsfäden oder Gesprächsfäden -, purzeln die Perlen hinab, die Worte hinaus – oder das Gespräch bricht gar ab. Fäden halten das Denken zusammen wie das Miteinanderreden; sie geben Orientierung, und ohne den Ariadnefaden des Denkens wären wir alle verloren in den Labyrinthen unseres Gehirns, das ja in sich selbst – durch Fäden verbunden ist (und durch Knoten).
Das Schlimmste aber ist, wenn wieder das Telefon klingelt, ein Meeting das andere jagt und dazwischen noch Arzttermine, Physiotherapie, Reha-Sport (es spricht die auch ziemlich gealterte Redaktorin); dann nämlich zerreißt die Zeit. „Es sind auch mehrere [Quartiere in Karlsbad] nach Wunsch zu haben, niemand aber will sich seinen Monat zerreißen, welches den Leuten nicht zu verdenken ist“. Und damit auf zum nächsten Termin!
„Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“. Steht in der Bibel, im Johannes-Evangelium, am Anfang natürlich. Ein ziemlich seltsamer Satz irgendwie, der etwas unscharf, verlegen geradezu, um eine Tautologie in der Mitte herumtanzt: Gott und Wort sind eigentlich dasselbe, aber wie kann dann das Wort „bei“ Gott sein, also so ähnlich wie ein Pudel bei Fuß bei seinem Herrchen, wenn Gott doch eigentlich „das Wort“ selbst ist? Und müsste Gott nicht eigentlich alles sein, Wort wie Nicht-Wort? Und steht er nicht per se über solchen menschlichen Kategorien wie Zeit (am Anfang!)? Als Gott am Anfang Himmel und Erde schuf, schuf er dabei auch die Zeit? Aber im Schöpfungsbericht kommt das Wort „Zeit“ nicht vor; nicht bis zum siebten Tage jedenfalls, wo Gott so erschöpft von der Schöpfung des Menschen war, dass er erst einmal ruhen musste. Beim Ruhen kann einem so einiges in den Kopf kommen, das man in der Hitze der eher handwerklichen Schöpfung übersehen hatte. Vielleicht war Gott ja doch nicht ganz überzeugt davon, dass es „gut“ war? Vielleicht kamen ihm, in seiner göttlichen Ruhe, in einer Art von Traum die Wörter in den Kopf – diese unheimlichen Geschöpfe, die sich, einmal in die Welt gesetzt, noch mehr vermehrten als all das Kroppzeug im Himmel und im Wasser und auf Erden! Oder gar der Mensch, der erst durch den Hinauswurf aus dem Paradies in die etwas peinliche Notwendigkeit geriet, fruchtbar zu sein und sich zu mehren (und zum Glück waren es ja nur die Frauen, die unter Schmerzen gebä-ren mussten, von nun an und für immerdar)! Wörter aber werden einfach so geboren, ohne Schmerzen, sie entspringen dem Kopf ihres Schöpfers sozusagen in voller Rüstung, und dann gehen sie los und verkaufen ihre Bedeutung an den Meistbietenden.
Wohin das alles führt?
„Am Anfang war das Wort“. Das steht auch ziemlich am Anfang von Goethes Faust I, wo der große Gelehrte zur Beruhigung ein wenig die Bibel in sein „geliebtes Deutsch“ übersetzen will. „Geschrieben steht: ‚Im Anfang war das Wort!‘“, sinnt Faust vor sich hin, aber etwas Unerwartetes passiert: „Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen“. Ins Zweifeln geraten, erwägt Faust, nur marginal belästigt vom Heulen eines seltsamen Pudels, eine Reihe weiterer Übersetzungsmöglichkeiten: Es könnte auch der „Sinn“ sein – aber der Sinn, war es denn wirklich der Sinn (was immer gemeint ist mit diesem vieldeutigsten Wort, wir werden darauf zurückkommen), der „alles wirkt und schafft“? Ist der Sinn nicht etwas Nach-trägliches, Auf-Gesetztes, von zweifelhaftem handgreiflich-tüchtigem Wert? War es nicht vielmehr die „Kraft“, ein rechtes Männerwort, das sich zudem so verführerisch-zungengleitend auf „schafft“ reimt? Man könnte schon glauben, Faust habe mit der „Kraft“ des Pudels Kern getroffen (kommt aber erst später in der Szene), aber irgendetwas stellt sich, nicht näher definiert, erneut in den Weg: „Schon warnt mich was“ – also eine Art Bauchgefühl warnt den Hyper-Gelehrten Faust davor, bei der Kraft stehenzu-bleiben? Aber zum Glück eilt ihm nun schnell der „Geist“ (was immer gemeint ist mit diesem mindestens genauso vieldeutigen Wort wie „Sinn“) zur Hilfe, und er schreibt, „getrost“ (ist es nicht schön, dass Worte trösten können?): „Im Anfang war die Tat!“ Energisches Ausrufezeichen, Schelte an den Pudel, der offensichtlich nicht mit dem Schlusspunkt zufrieden ist, etwas in ihm jault wohl auf, vermutlich ein Pudel-Bauchgefühl.
Die Tat, natürlich, die Tat hat „was“. Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns nun endlich Taten sehen!, wird es später heißen im Faust, da ist der Titelheld schon ganz vom Wortdrechsler zum Tatenmensch mutiert. Man hätte natürlich auch noch etwas weiter experimentieren können mit der Übersetzung, wie wäre es zum Beispiel mit: das Ei? (wahlweise auch die Henne?) der Samen? Die Ursuppe? Na gut, kam erst viel später, aber es hätte Goethe ja vielleicht gar nicht so fern gelegen, ganz einfach: die Natur? zu sagen. Aber Faust, der noch im Wortgewimmel den Sinn sucht, die Kraft schmerzlich vermisst und dessen Taten sich im Wesentlichen auf das Verscheuchen von Pudeln beschränken zu diesem Zeitpunkt, war einfach noch nicht so weit, dass er auf diese allereinfachste Antwort hätte kommen können. Zum Glück hat das Drama noch ziemlich viele Worte übrig, darunter ganz wunderbare und phantastische wie – nein, kommt später.
Das führt zu:
„Am Anfang war das Wort“. Ich wüsste wirklich gern, was mein erstes Wort war. Also, mein gesprochenes erstes Wort, noch interessanter wäre natürlich das erste gedachte Wort, aber da sind wir doch in sehr grauen Bereichen. Aber natürlich weiß ich es nicht. Ich weiß noch nicht einmal mehr, was das erste Wort meines Sohnes war; um ehrlich zu sein, habe ich den Verdacht, dass die meisten Geschichten über „erste Worte“ genauso ausgedacht sind wie die über letzte („mehr Licht!“ „Soll ich wirklich die Vorhänge aufziehen, Großväterchen, wo du doch immer so empfindliche Augen….“ – und was der Legenden mehr sind). Wann aus einem mehr oder weniger undeutlichen Gebrabbel ein mehr oder weniger deutliches Wort wird – wer kann das schon sagen! Außerdem hat „Mama“ schon ziemlich viel gute Argumente auf ihrer Seite („die Mütter, die Mütter! s’klingt so wunderlich“, schon wieder Faust, aber sehr viel später und schon etwas klüger geworden): „Mama“ ist leicht auszusprechen, wird ständig gebraucht und klingt sogar schön. Origineller klingen natürlich solche Geschichten wie die, die einer meiner Dozenten (Soziologe, kein Faust-Typ, eher schwach mephistophelisch) in einem Seminar seinen etwas erstaunten und wahrscheinlich nicht direkt responsiven Hörern und Hörerinnen eines Morgens erzählte: Sein Sohn habe nämlich gerade das erste Wort gesprochen (Kunstpause), es sei: „Bevaube“ ge-wesen. Äh? Na gut, die meisten haben es wohl begriffen, ich nicht. BVB, der Fußballverein, Borussia Dortmund für uns Nicht-Eingeweihte. Ach, was war er stolz, der Papa! Ich fand es peinlich, in so ziemlich jeder Hinsicht. Aber immerhin, eine Geschichte, am Anfang war der Fußball, und der Ball war rund, und das Runde war beim Ball.
Immerhin kann ich sagen, wann ich das erste Wort erfunden habe, und das sollte ja auch schon etwas gelten. Wir fuhren mit unserem etwas furchteinflößend gebildeten älteren Schwager durch die lieblichen und leicht langweiligen fränkischen Flusslandschaften, und ich machte (ich mag vielleicht 13 oder 14 gewesen sein?) die mir nicht besonders originell vorkommende Bemerkung, der Fluss mäandriere so schön. Ehrlich, ich habe mir überhaupt nichts dabei gedacht, ich gehöre zu den Leuten, die zwar ziemlich viel denken, aber trotzdem – oder gerade deshalb? – wenig nachdenken, bevor sie Sätze – oder in diesem Fall: neue Worte – in die Welt plappern. Mein gebildeter Schwager aber war beeindruckt und ein wenig pikiert, das Wort gebe es doch gar nicht! Ich habe daraufhin wahrscheinlich nicht „na und?“ gesagt, was die einzig richtige Antwort ist; denn jedes Wort gab es einmal nicht, bis es es dann auf einmal gab. Und außerdem war „mäandrieren“ noch so ein schön passendes und klingendes! (Zudem hat Goethe es schon vor mir erfunden, im Faust, dem großen Wortprojekt, wo auch sonst, wenn auch nur als schwaches Adjektiv und nicht als starkes Verb: „Wir, bewegtern Sinnes, eilen mit den Bächen weiter; / Denn es reizen jener Ferne reichgeschmückte Hügelzüge, Immer abwärts, immer tiefer, wässern wir, mäandrisch wallend“).
Die zweite persönliche Wortschöpfung, an die ich mich erinnere, ist übrigens „Verschwörungstheorie“, und ich schwöre, verschwöre notfalls auch, dass es Jahrzehnte vor der großen Wortkonjunktur der Verschwörungstheorie war, die selbst schon wieder etwas Verschwörungstheoretisches hat (am Anfang war die Verschwörungstheorie, und sie war bei den Verschwörern, und die Verschwörer waren die Verschwörungstheorie). Da war ich schon ziemlich stolz, als es mir so rausrutschte, aber es war ein Wort, dessen Notwendigkeit ich sofort erkannte. Wahrscheinlich war es auch schon vorher in der Welt, ich gebe es ja zu, aber es war mir nicht vorgestellt worden, und darauf kommt es schließlich an!
Seitdem jage ich Wörtern nach, gelegentlich erfinde ich immer noch neue (gestern gerade, „belehrungstolerant“, na gut, es sitzt noch nicht ganz richtig ...), aber viel häufiger finde ich welche und nehme sie auf und probiere sie solange, bis sie gut sitzen. Am schönsten ist es, Worte zu übertragen, in neue Bedeutungsbereiche, sie bekommen dann neue Nuancen und glänzen an anderen Stellen ganz frisch. Nie habe ich verstanden, was gegen Fremdworte oder neue Worte überhaupt spricht; jedes neue Wort ist ein Geschenk an die Menschheit, und dass Geschenke grundsätzlich – missbrauchstolerant? sind, ist kein Grund, keine mehr zu machen. Wer aufhört neue Worte zu lernen, hat aufgehört zu denken (also: selbst zu denken, nicht Gebrauchtdenken, dafür braucht man nie ein neues Wort, es reicht, einen Papagei nachzumachen).
Goethe aber, um zum Anfang zurückzukommen, hatte wahrscheinlich die meisten Wörter ever. 90.000 hat das Goethe-Wörterbuch gezählt, dagegen ist Shakespeare ein Waisenknabe (na gut, das Englische ist nicht so komposittolerant). Und dass ich auf meine alten Tage zum Goethe-Wörterbuch kam und eine Redaktorin wurde – ist die Geschichte, die auf diesen späten Anfang folgt.